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Autor: unbekannt
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Titel: Alexander Dumas
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 703–704
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[703] Alexander Dumas. Unter seinen vielen geselligen Tugenden besitzt Alexander Dumas Vater auch die, ein ganz vortrefflicher Koch zu sein. Er versteht wirklich die edle Kochkunst aus dem Grunde, und nichts ist spaßhafter, als ihn kochen zu sehen. Mit vorgebundener Küchenschürze, in der ein langes Küchenmesser steckt, steht er hochaufgerichtet da, überwacht die Kasserole und die Tiegel, wirft hier ein wenig Pfeffer in eine Speise, schöpft dort die Bouillon in einem Topfe ab, schwingt den Rührlöffel, macht Witze, erzählt Anekdoten, stellt culinarische Thesen auf – es ist eine wahre Komödie, bei der man aus dem Lachen nicht herauskommt. Früher machte er auch alle seine Einkäufe selbst und begab sich wöchentlich mehrmals nach den Hallen, um die nothwendigen Küchenbedürfnisse herbeizuschaffen. Die „Damen der Halle“ (vulgo: Fischweiber, [704] Obst- und Gemüseverkäuferinnen etc.) kannten ihn alle sehr wohl, und sein Erscheinen war ihnen ein Fest. Sie eilten ihm entgegen, umringten ihn, schmeichelten ihm, und er nahm die Huldigungen dieser Grazien sehr gnädig an und erzählte ihnen zum Dank rührende Geschichten oder lustige Anekdoten, die sodann wahre Ströme von Thränen oder endloses homerisches Gelächter unter den reizenden Zuhörerinnen hervorriefen. Eines Tagen aber wäre ihm von diesen Damen beinahe ein schlimmer Handel bereitet worden; bei seiner Ankunft in den Hallen empfing ihn nicht die gewohnte lärmende Begeisterung, sondern ein wahrer Hagel von Vorwürfen und sogar Drohungen. Er hatte nämlich gerade seine „Musketiere“ vollendet und Porthos von einem Felsblock erdrückt sterben lassen. Diese Todesart für den braven, den guten, den edeln Porthos hatte die weichen Gemüther und die empfindsamen Seelen der Damen der Halle dermaßen empört und verletzt, daß sie den Urheber diesen entsetzlichen Verbrechens dafür züchtigen wollten. Nur durch die schleunigste Flucht konnte sich der hart bedrängte Schriftsteller der Rache der wüthend auf ihn einstürmenden Amazonen entziehen.

Alexander Dumas ist ein unverwüstlicher und unermüdlicher Arbeiter; die Arbeit ist ihm Freude und Bedürfniß, seine schöpferische Kraft ruht nie. Er steht regelmäßig sehr zeitig auf und arbeitet Jahr aus Jahr ein täglich zwölf bis vierzehn Stunden. Es ist höchst interessant, ihn in seinem Arbeitscabinet zu beobachten. Möglichst leicht bekleidet – in Hemdärmeln, leinenem Beinkleid, Pantoffeln – sitzt er an seinem Schreibtisch, die Feder fliegt über das Papier, er schreibt schön und deutlich, streicht nie aus; macht sich ja einmal eine Correctur nöthig, so nimmt er sofort einen frischen Bogen, da er in seinen Manuskripten durchaus keine Striche dulden will. Seit dreißig Jahren bedient er sich derselben Papiersorte in blauer Farbe, zur Schonung der Augen, wie er sagt. Da seine Thür den ganzen Tag hindurch ohne Unterlaß von Freunden, Bekannten und wohl auch von Zudringlichen belagert ist, so wird er sehr oft gestört, und ich habe häufig bewundert, mit wie liebenswürdiger Geduld er sich derartige Unterbrechungen gefallen läßt. In der Regel schreibt er ganz ruhig weiter und blickt gar nicht vom Papiere auf, hört, was man ihm sagt, giebt Antwort darauf, aber schreibt dabei immer fort. Wenn die Unterbrechungen zu häufig werden und die Schaar der Besucher sich in bedenklicher Weise vermehrt, so bittet und fleht er endlich, daß man ihn allein lassen solle; hilft indeß das Flehen nichts, so wird er endlich heftig, faßt verzweiflungsvoll seinen Kopf mit beiden Händen und erklärt, daß sein Zimmer geräumt werden müsse. Diese Zornesausbrüche sind aber bei ihn, höchst selten, und sogar in seiner Verzweiflung ist er noch liebenswürdig und spaßhaft.

Um ein Uhr frühstückt er und um sechs Uhr speist er zu Mittag. Da sein Haus für seine zahlreichen Freunde und Bekannten stets gastfrei geöffnet ist, so finden sich zu den Mahlzeiten immer sehr viele Gäste ein, und je zahlreicher der Tisch besetzt ist, desto heiterer und vergnügter wird Dumas. Er entfaltet seine ganze Liebenswürdigkeit, seinen unauslöschlichen Humor und ist der angenehmste und geistreichste Wirth. Er selbst ist überaus mäßig, ißt sehr wenig und trinkt noch weniger, aber freut sich wie ein Kind, wenn seine Gäste seiner Küche und seinem Keller Ehre machen. Nach beendeten Mahlzeiten zieht er sich sogleich wieder in sein Arbeitszimmer zurück und schreibt oft bis spät in die Nacht. Während des Tages geht er nur selten aus; er besucht die große Welt gar nicht, weist fast alle Einladunqen zurück, besucht die Theater nur höchst selten und vermeidet alle officiellen Feste. Dagegen hält er, wie ich bereits gesagt habe, offenes Haus und freut sich, wenn die Gäste recht zahlreich bei ihm einsprechen. Wie sein Haus, so steht auch seine Börse seinen Freunden immer großmüthig offen, und man muß ihm fast den Vorwurf machen, daß er in dieser Beziehung allzu freigebig ist; er gehört zu denen, die nicht „nein“ sagen können, und so wird er oft das Opfer seines guten Herzens. Dumas ist kein Financier; das weiß übrigens die ganze Welt. Indessen verzeiht man dem liebenswürdigen Manne gern diese Schwäche, die durch tausend andere seiner vortrefflichen Eigenschaften wieder aufgewogen wird. Seine Werke werden ihm übrigens, wie sich von selbst versteht, ganz vortrefflich bezahlt, ja mit Gold aufgewogen; man honorirt ihn nach den Buchstaben und zwar so, daß jeder Buchstabe, den er schreibt, mit einem Centime berechnet wird. Die Schriften von George Sand sind die einzigen, die nach demselben Modus honorirt werden. Trotz dieser brillanten Bezahlung und trotz seines wirklich riesenhaften Fleißes befindet sich doch seine Casse selten in glänzenden Umständen, und namentlich in früheren Zeiten sah er sich zuweilen genöthigt Paris zeitweilig zu verlassen, um einem gezwungenen Aufenthalte in Clichy (dem Schuldgefängnisse) zu entgehen. Es existiren zahlreiche Anekdoten über die geistreiche Art, auf welche der große Romancier sich stets aus solchen momentanen Klemmen zu helfen wußte, und namentlich auch über die Mittel, die er anwandte, um sich die Gerichtsboten, die ihn unbarmherzig verfolgten, vom Halse zu schaffen. Eines Tages erzählt man ihm, daß ein solcher Gerichtsbote, der ihm gerade viel zu schaffen gemacht hatte, im tiefsten Elend gestorben sei und man nicht wisse, wovon man ihn begraben lassen solle.

„Wie viel kostet das Begräbniß?“ fragt Dumas.

„Vierzig Francs!“ ist die Antwort.

„Hier haben Sie achtzig Francs,“ sagte Dumas, „dafür können Sie gleich zwei solcher verdammter Kerle begraben lassen!“

Zur Vervollständigung dieser kurzen Skizze will ich die nachstehende Zusammenstellung mittheilen, die Alexander Dumas bereits vor sechszehn Jahren selbst aufstellte und die ich seinen Memoiren entlehne:

„Ich habe zwanzig Jahre hindurch täglich zehn Stunden gearbeitet; das ergiebt 73,000 Arbeitsstunden. Während dieser zwanzig Jahre habe ich 400 Bände Romane und 35 Schauspiele geschrieben. Die Romane haben eine Summe von 11,853,000 Francs eingetragen, die also zu vertheilen sind:

Den Setzern 261,000 Francs.
00 Druckern 528,000 Fr
00 Papierhändlern 633,000 Fr
00 Bücherheftern 120,000 Fr
00 Buchhändlern 2,400,000 Fr
00 Unterhändlern 1,600,000 Fr
00 Commissionären   1,600,000 Fr
00 Messagerieen 100,000 Fr
00 Leih-Bibliotheken 4,580,000 Fr
00 Zeichnern 28,000 Fr
Sa.: 11,853,000 Francs.

Meine Schauspiele haben die Summe von 6,360,000 Francs eingetragen, die sich also vertheilt:

Den Directoren 1,400,000 Francs.
00 Schauspielern 1,225,000 Fr
00 Decorateuren 210,000 Fr
00 Costumiers 140,000 Fr
00 Theaterbesitzern   700,000 Fr
00 Comparsen 350,000 Fr
00 Feuerwächtern 70,000 Fr
00 Holzhändlern 70,000 Fr
00 Schneidern 50,000 Fr
00 Oelhändlern 525,000 Fr
00 Pappenhändlern 60,000 Fr
00 Musikern 257,000 Fr
00 Armen 630,000 Fr
00 Zettelträgern 80,000 Fr
00 Kehrweibern 20,000 Fr
00 Versicherungs-Gesellschaften 60,000 Fr
00 Controleuren   140,000 Fr
00 Maschinisten 180,000 Fr
00 Friseuren 93,000 Fr
Sa.: 6,260,000 Francs.


Wenn ich einen täglichen Arbeitslohn zu 3 Francs anschlage und das Jahr mit 300 Arbeitstagen berechne, so haben meine Bücher während zwanzig Jahren 692 Personen ernährt. Meine Schauspiele haben während zehn Jahren in Paris 347 Personen, in der Provinz 1111 Personen, zusammen 1458 Personen ernährt. Somit haben meine Bücher und meine Schauspiele im Durchschnitt 2160 Personen ernährt.“

Diese Zahlen sprechen! sie zeugen für ein reiches, thätiges Leben. Wie man auch über Alexander Dumas denken, wie man sein Talent und seine Muse beurtheilen möge, so wird man doch seinem Fleiße, seiner unermüdlichen Thätigkeit und schöpferischen Kraft alle Anerkennung zollen müssen; ganz ebenso, wie alle Jene, die das Glück haben, ihn persönlich zu kennen, sich dem Zauber seiner unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit nicht zu entziehen vermögen. Zum Schluß noch folgender charakteristische Zug, der den Verehrern des geistreichen Schriftstellers die beruhigende Gewißheit verschaffen wird, daß er sich sehr wohl befindet und ein hohes Alter zu erreichen hofft.

Dumas hatte den Wunsch nach einem Landaufenthalte ausgesprochen, und einige seiner Freunde hatten in der Nähe von Paris ein derartiges Absteigequartier für ihn aufgefunden. Er macht sich sogleich auf, um das neue Eldorado in Augenschein zu nehmen. Unterwegs aber bemerkt er ein Landhaus, das ihm sehr gut gefällt und das zu verkaufen steht; er besichtigt es und nach kurzer Unterhandlung kauft er das Haus für 80,000 Francs.

„Das ist aber entsetzlich theuer!“ bemerkt ihm einer seiner Freunde.

„Theuer?!“ entgeguet Dumas, „im Gegentheil, es ist halb verschenkt! Sie müssen freilich wissen, daß ich mir zwanzig Jahre Zahlungsfrist ausbedinge!“

Man darf nicht vergessen, daß Dumas 1802 geboren ist, demnach jetzt in seinem 62. Jahre steht!!