Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Heurich
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 355, 356
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[355] Heurich. Mit Bezug auf den bei der Elbarmee im Feldzuge 1866 üblichen Begrüßungsruf: „Lehm up!“ (vergl. S. 100 dieses Jahrganges) erlaube ich mir die Mittheilung, daß ein solcher Zuruf nicht zum ersten Male im Jahre 1866 bei einem Theile der preußischen Armee üblich war.

Schon während der Befreiungskriege hatte sich ein ähnlicher Ruf bei dem Yorkschen Armeekorps, aus ebenso unbedeutender Ursache wie 1866 bei den Bonner Husaren, zu einem Erkennungs- und Begrüßungsruf herausgebildet, der allmählich in der ganzen preußischen Armee üblich wurde; es war dieses der Ruf „Heurich!“ Derselbe Ruf wurde so eigentümlich accentuirt, daß man auf der Stelle hörte, ob ein echter „Heurich“, das heißt ein Preuße, oder ein Russe respektive Oesterreicher grüßte.

Förster erwähnt diesen Ruf in seiner „Geschichte der Befreiungskriege“ zuerst in dem Gefecht bei Wartenburg, am 3. Oktober 1813, wo nach errungenem Siege überall der kameradschaftliche Gruß „Heurich! Heurich!“ ertönte, da, wo Husaren und Füsiliere etc. zusammentrafen.

Es ist originell, daß auch hier, wie 1866 bei der Elbarmee, die „innerlich verwandten Waffen“ zuerst als diejenigen genannt werden, welche den Feldgruß, wenn ich ihn so nennen darf, ausriefen. Also damals schon: „Couleur!“

Förster giebt über die Entstehung des „Heurich“ folgende Auskunft: der Kompagniechirurg Eyrich – dieses ist sein durch den Taufschein und die Dienstlisten beglaubigter Familienname – machte 1812 den Feldzug in Rußland beim Yorkschen Korps mit und wurde zum Bataillonschirurg des Füsilierbataillons des 2. Ostpreußischen Infanterieregiments befördert. Die Fama sagt nun, Eyrich habe bei den Bauern Speck requirirt unter dem Vorwande, diesen zum Wundverbande zu brauchen; thatsächlich habe er den Speck aber zu seinen Mahlzeiten verwandt. In einem scherzhaften Heldengedicht aus den Kriegsjahren wurden des berühmten und berüchtigten Eyrichs, vulgo Heurich, Leben und Thaten besungen, darin heißt es:

„Es ist fürwahr eine Seltenheit,
Daß ein Feldscheer in jener Zeit
So hoch berühmt sich hat gemacht,
Daß sein Name zum Feldgeschrei ward in der Schlacht,
Wie dies zuging, ich sag’s euch unverhohlen:
Der Eyrich hatte eine Wurst gestohlen.“

[356] Es wird dann ausführlich erzählt, wie auf Yorks Befehl der Chirurg die Wurst wieder herausgeben mußte und wie dann der Soldatenwitz ein Scherzfragespiel daraus gemacht:

„Wer hat die Wurst gestohlen? Eyrich!“ Der Witz bestand darin, während des Marsches neue Fragen zu erfinden, wobei dann gewöhnlich gereimt wurde.

Bald hatten auch die Kosaken den Zuruf aufgeschnappt, sprachen jedoch den Namen nicht „Eyrich“, sondern „Heurich“ aus, was endlich allgemein wurde. Als nun erst York bei Möckern den Ostpreußen zurief: „Heurichs! Dort die Franzosen schenk ich Euch!“ woraus jene mit „Heu-rich“ und „Hurrah!“ in das feindliche Karree einbrachen und herbeifliegende Brandenburger Husaren, von Sohr geführt, mit demselben Zuruf begrüßten, ward „Heurich!“ das Feldgeschrei, an dem sich die Kameraden des Yorkschen Korps den ganzen Krieg hindurch erkannten.

Schließlich mag noch erwähnt werden, daß noch zur Zeit, als der Verfasser dieser Zeilen in den sechziger und Anfangs der siebziger Jahre dem 43. Ostpreußischen Infanterieregiment angehörte, bei manchen ostpreußischen Regimentern witzige Frage- und Antwortspiele bei den Mannschaften auf Märschen beliebt waren, ganz wie seinerzeit unter York.

Es wäre in der That interessant zu erfahren, ob im letzten Feldzuge bei irgend einem Truppentheile ein ähnlicher Erkennungsruf wie „Lehm up!“ und „Heurich!“ üblich gewesen ist.