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Textdaten
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Autor: Adolf und Karl Müller
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Titel: Originalgestalten in der heimischen Vogelwelt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 817–819
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1888) b 817.jpg

Originalgestalten der heimischen Vogelwelt.
Thiercharakterzeichnungen von Adolf und Karl Müller.
1. Herrscher: Stein- und Goldadler.

Wohl ebenso gut hätten wir überschriftlich sagen können: Stein- oder Goldadler, denn es sind trotz langem Hin- und Herstreiten, peinlichem Aufsuchen und Beschreiben von Abänderungen im Kleinen und Unbedeutenden bis jetzt mit schlagendem, überzeugendem Erfolge noch keine durchgreifenden, endgültigen Merkmale der Unterscheidung dieser Adler in zwei Arten aufgefunden worden.

Die Gesammtlänge des Adlers geht bis zu 90 cm, und die Flugspannung umfaßt beinahe das Zweieinhalbfache dieser Länge. Diese Maße zeigen schon, daß wir es mit einem Riesen der Vogelwelt zu thun haben, der mit seiner außerordentlich ausgestatteten Wehrhaftigkeit, seiner Kühnheit in Raub- und Mordsinn die Kolosse der Vogelwelt an Kraft und Bedeutung weit überragt. Wie der Löwe der König der Thiere überhaupt genannt wird, so ist der Adler der König der Vögel, ein Herrscher der Lüfte.

Wir wollen hier in allgemeinen Umrissen seine Charakterisirung nach unseren früheren Werken geben: „Schon in der Ruhe bekundet die aufrechte Haltung und vor allem sein großes, prächtiges Auge, der wahre Spiegel der Seele, das ungewöhnliche Thier. Das hellleuchtende Feuer in des Adlers Blick kündet Kühnheit und Majestät, während die Federn, die sich über den obere vorragenden Augenbeinrand die glänzende hochrothe Iris hold bedeckend, in wagerechter Linie ziehen, dem Auge den Ausdruck der Verschlagenheit, Wildheit und Raublust verleihen. Dieses große Auge voll herrlichen Glanzes ist der edelste Sinn dieser Könige der gefiederten Welt. Auf diesen Sinn sind sie, wie alle Raubvögel, wesentlich beim Auffinden ihrer Nahrung hingewiesen, weshalb er auch bedeutend entwickelt ist.“

Es interessirt gewiß höchlich, dies ausgezeichnete Gebilde hier in den Grundzügen seiner Einrichtung zur allgemeinen Verständnis gebracht zu sehen, weshalb es gestattet sei, jene in kurzen Umrissen zu zeigen, um so mehr, als in den meisten Werken davon ganz allgemein die Rede zu sein pflegt. – Obgleich der Augapfel selbst wenig oder gar nicht bewegungsfähig ist, so hebt diesen Mißstand die große Wendbarkeit des Halses auf. Die Form des Augapfels ist eine kegel- oder birnförmige, [818] nach hinten sich bedeutend verbreiternde, ein Vortheil, welcher Raum- und Gewichtsersparniß zur Folge hat. Der Kopf des Steinadlers ist ja verhältnißmäßig klein, und in ihm gestaltet sich dennoch ein wahres Master optischer Fähigkeit. Durch die plötzliche Erweiterung des Augenraumes nach hinten wird die Sehachse, das ist die Linie von der Mitte der äußeren Haut des Augapfels, der „Hornhaut“ (cornea), bis auf den Grund des Auges gedacht, möglichst lang und die bildempfangende Fläche im Augengrunde eine bedeutend breite. In der unter der Hornhaut befindlichen „weißen“ oder „Lederhaut“ (sclerotica) theilen sich zwei platte Aeste, die knochige, ziegelförmig in einander geschobene Ablagerungen aufnehmen in Gestalt eines Ringes, so daß hierin der Augapfel wie von einer oben und unten offenen Kapsel eingefaßt ist, die dem Auge Halt und Stütze verleiht. Eine flache Wölbung zeigt die Hornhaut. An ihrer inneren Fläche sitzen feine Muskelfasern, die durch ihr Anziehen die äußere Wölbung der Hornhaut noch mehr abflachen können, wodurch eine Kürzung der Sehachse entsteht. Ebenso erhält die Regenbogenhaut (Iris) durch ausgebildete Muskeleinrichtungen das Vermögen, sich zusammenzuziehen und auszudehnen. Hierdurch kann der von ihr eingeschlossene Sehraum der Pupille (des „Fensters“) – wie manche Forscher behaupten – jeden Augenblick nach Bedürfniß des Fern- oder Nahesehens erweitert oder verengert werden. Hinter der Hornhaut entwickelt sich noch ein anderes Hautsystem, die „Traubenhaut“, in welcher sich die „Aderhaut“ (chorioidea), nach innen mit einem dunklen Farbstoffe angefüllt, eine natürliche camera obscura) bildend, und der mit der Aderhaut verbundene Strahlenkörper (corpus ciliare), sowie endlich die schon erwähnte Iris absondert. Der Strahlenkörper umfaßt die Kapsel oder Hülle der Linie mit einem Kranze strahliger Muskelfasern, der Ciliarmuskeln, die – mit Hosch zu reden – wie ein Kautschukring das ganze Auge umgeben. Diese Muskelfasern mit ihren sich verzweigenden Fortsetzungen sind sogenannte quergestreifte Muskeln, die im thierischen Organismus die Rolle der dem freien Willen unterworfenen Bewegungen der Sinneswerkzeuge übernehmen.

Aus der Naturlehre weiß man, daß in der konvex-konvex gestalteten Linse, welche im vorderen Raume des Glaskörpers vom Auge sich befindet, die durch die Pupille gehenden Strahlen eines Gegenstandes gebrochen werden und durch den mit krystallheller Flüssigkeit angefüllten Glaskörper bis auf die im Augengrunde, im Brennpunkte der Linse befindliche Membran, die „Netzhaut“, gehen. Hier empfängt das Bild der Sehnerv, der sich, die erwähnte weiße und die Hornhaut durchbrechend, rechts und links bis an den Strahlenkörper verzweigt und das Bild dem Gehirne, das ist dem Bewußtsein, mittheilt. Ueber so manche Einrichtungen des Adlerauges sind die Forscher noch theils im Unklaren, theils getheilter Meinung. Die Annahme von Helmholtz ziehen wir so mancher anderen vor. Nach ihm erschlafft das Band, worin die Augenlinse hängt, wenn sich der Strahlenkörper um die Linse zusammenzieht. Hierdurch erhält dieselbe eine konvexere Form; geht der Strahlenkörperring wieder in den gewöhnlichen Zustand über, so spannt sich das Aufhängeband der Linse und diese wird an ihren Wölbungen flacher. Diese Muskelthätigkeit verleiht dem Auge die Fähigkeit der Accommodation oder der dem deutlicheren Erkennen von näheren und entfernteren Gegenständen sich anbequemenden Stellung des Auges. Diese Hauptvorrichtung hat noch eine zweite im Gefolge. Sobald sich die Muskelfasern des Strahlenkörpers zusammenziehen, schieben sie mit ihren Verzweigungen die Aderhaut und mit ihr die Netzhaut nach vorn, wodurch ein Druck auf die Flüssigkeit im Glaskörper nach vorn entsteht, dem auch die Linse folgt. Hierdurch flacht sich die letztere ab, eine Form, welcher sie oft in der großen Flughöhe des Adlers zum Fernsehen bedarf.

Ja, dieses optische Spiel ist die Folge der sich so schnell und vielfach verändernden Verhältnisse des Auges zu den Gesichtsobjekten im Fluge des Vogels. Was wäre der in den höchsten Flugregionen so oft sich bewegende Adler mit all seiner Wehrhaftigkeit ohne dieses natürliche Fernglas? Erst dies macht ihn zum Beherrscher der Lüfte, verleiht seinem Raubwesen den großartigen Stil, die ausgedehnte Gewalt, vermöge welcher er aus dem Aether und von den höchsten Bergesgipfeln die kleinste Beute bemerkt.

Die Gartenlaube (1888) b 818.jpg

Das Adlerauge.
N Seite der Augenwölbung nach der Nase hin. S Seite der Augenwölbung nach den Schläfen hin. a Hornhaut. b Lederhaut. c Knochenring. f Ciliarmuskel. l Glaskörper. q Aderhaut. r Netzhaut. u Regenbogenhaut. v Linse. w Kamm oder Fächer. x Sehnerv. z Pupille („Fenster“).

Dem vorzüglichen Sehvermögen stehen zwei gleich ausgebildete Gliedmaßen zu Diensten: die mächtigen Schwingen und die großen, scharfbewehrten Füße, die „Fänge“. Mit jenen hebt er sich, seinem gewaltigen Drange zufolge, über die Sehweite des menschlichen Blickes hoch in die Lüfte, mit diesen packt er überwältigend und würgend die Beute. „Des Adlers Flug“ – sagen wir in unseren „Thieren der Heimath“ – „ist hochstrebend, majestätisch, dem ganzen Wesen des edlen Vogels angemessen; hehr und bewegungslos ist sein Schweben, rauschend und unwiderstehlich sein Herabstoßen.“

Doch beschäftigen wir uns mit seiner Lebensweise, um ein Gesammtbild von ihm zu bekommen. Der Steinadler wählt Gegenden und Orte, die ihm Sicherheit und Nahrung bieten, felsige Gebirgszüge, umfassende, große Wälder. Riesenthal giebt als ständige Brutorte die Gegenden von Breslau über Oels, Trebnitz, Ohlau nach Polen hin an, woselbst sich die reichen Jagdgebiete von Trachenberg, Polnisch-Wartenberg, Medzibor etc. öffnen, ferner die Wälder Oberschlesiens, Ost- und Westpreußens. Derselbe Kenner der einheimischen Raubvögel vergleicht drastisch unseren Vogel mit den Großen der Erde, welcher, wie diese zum befestigten Grundbesitz gehörend, seinem Standreviere und auch dem Stammschlosse, seinem Horste, treu bleibt. Während des Winters verbessert und vergrößert er ihn, so daß er im Frühjahr oft wohl um 20 bis 30 cm höher aufgebaut erscheint. Dies ist die auf Felseneinschnitten und Nischen erbaute mächtige, umfangreiche Brutstätte aus Holzknüppeln und Reisern, auf welcher sich nach Brehm ein Mensch bequem lagern kann.

Gewöhnlich weilt nur ein junger Adler im Horste, dem anfangs der hintere, flachmuldige Raum am Felsgestein, begrenzt nach der Tiefe von der bis 2 Meter hohen Holzschicht, angewiesen ist.

Zur Zeit der Paarung, von Mitte März bis Mitte April, fallen wüthende Kämpfe zwischen männlichen Adlern vor, denn kein Paar duldet ein anderes in seinem Brutbereiche. Die Kämpfe werden in der Luft ausgeführt und enden oft blutig, so daß die Streitenden sich ineinander verfangen und wirbelnd zur Tiefe fallen. Wir lassen Riesenthal weiter sprechen:

„Die außerordentliche Flugkraft des Adlers, seine Schnelligkeit und Gewandtheit, die furchtbare Gewalt im Stoß mit Flügeln und Krallen, kurz, die ungebändigte wilde Kraft, welche aus den blitzenden, im Zorn sich blutroth färbenden Augen sprüht, machen den Steinadler zum furchtbarsten Feinde der Thierwelt vom Reh bis zum Kaninchen und Murmelthier, vom Schwan und der Trappe [819] bis zu. Lerche hinab. Er frißt das geschlagene Thier oft schon an, ehe er sich die Mühe gegeben hat, es vollends zu tödten; wie berauscht von dem dampfenden Blut des Schlachtopfers steht er mit gesträubtem Gefieder auf ihm und kröpft sich oft so voll, daß er nur schwer auffliegen kann. Seine Stimme ist der des Bussards ähnlich, aber natürlich viel durchdringender und schärfer, und mit Entsetzen sucht das Wild schleunigst seine Schlupfwinkel auf, wenn er sie auf seinen Streifzügen ertönen läßt. Aengstlich schüchtern rennt das Rudel durcheinander, da! noch ein gellender Pfiff, und mit angelegten Flügeln herabbrausend, stößt er unter die verwirrte Schar und schleppt das Opfer in den Klauen mit Gedankenschnelle fort. Wenngleich der Steinadler nicht vermag, einen schnell fliegenden Vogel zu schlagen, so versucht er doch häufig mit Glück, ihn zu ermüden, bis er sich drückt und ihm verfällt. Dagegen entgeht ihm kein noch so schnell laufendes Thier. – Enten stößt er mit großer Vorliebe, indem er sie von der Wasserfläche aufhebt, wenn sie nicht schnell genug untertauchen. Vögeln rupft er vor dem Kröpfen die Federn aus. Auch Füchse schlägt er. Nicht allein mit den furchtbaren Krallen würgt er seine Opfer ab, sondern auch seine gewaltigen Flügelschläge betäuben und tödten dieselben.“

Der Mensch, als Beherrscher der Erde, hat schon seit langer Zeit gegen diesen Schrecken der Vögelschar und der kleinen und mittelgroßen Säugetiere den Vernichtungskrieg gerichtet, und der Herrscher der Lüfte muß allmählich in diesem Kriege erliegen.