Heroinen der deutschen Bühne

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Titel: Heroinen der deutschen Bühne
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 632–635
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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Heroinen der deutschen Bühne.

Nachdruck verboten. Alle Rechte vorbehalten.

Die Gartenlaube (1892) b 632.jpg

Es scheint, als ob eine wehmüthige Beleuchtung auf die Gruppe der Heldinnen fiele, welche in Deutschland noch das Banner der Tragödie hochhalten. Denn wie steht es mit dem deutschen Trauerspiel selbst? Nagt nicht schon der Holzwurm all seinem stolzen Baue? Erschallt nicht unkentönig sein Grablied? Brechen nicht alle seine Stützen zusammen unter dem Sturme und Drange hereindringender litterarischer Neuerung? Und, in der That, wenn man die neuen Lehren hört, so geht es jetzt zu Ende mit dem Trauerspiel, dessen Helden und Heldinnen auf dem Kothurn schreiten und sich groß abheben vom Hintergrund der Geschichte; so ist die Zeit gekommen, wo nur innere Seelenkämpfe alle auf dem Boden unserer gesellschaftlichen Verhältnisse berechtigt sein sollen, sich auf der Bühne abzuspiegeln und höchstens eine eingeteufelte Intrigantin oder eine leidenschaftliche Salondame, die das unterste zu oberst kehrt, noch von einem Abglanz des weiblichen Heldenthums aus früherer Zeit verklärt wird. Dann sähe es freilich schlimm aus mit den Heroinen unserer Bühne, und sie hätten nichts Besseres zu thun, als in den Charonsnachen zu steigen, den jene Kritik für sie bereit hält, und in der Schattenwelt zu verschwinden.

Doch die Ansichten sind nicht so trübe, wie es scheinen man noch ist ja unser Bühnenschiff fest verankert im Hafen unserer klassischen Dichter, noch wehen von seinen Masten die stolzen Flaggen eines Shakespeare, Schiller und Goethe, und es ist nicht zu befürchten, daß es so bald von diesen Ankern losgerissen werde, um ziellos auf den Wellen der neuen Sturm- und Drangzeit dahinzutreiben. Und immer wieder tauchen dichterische Talente auf, die nach den gleichen Lorbeeren streben wie jene unsterblichen Dichter. Sie werden sich wieder all Gestalten wagen wie diese, und wenn die hochgehende Brandung der Gegenwart sie zunächst in ihrem schaumspritzenden Wogenschlag begräbt, sie werden wieder auftauchen, und ihr Banner wird sich demjenigen der großen Dichter der Vergangenheit gesellen.

Damit soll indeß nicht gesagt sein, daß es der aus dem Leben der Gegenwart schöpfenden Dichtung, wenn sie von hervorragend Begabten gepflegt wird, versagt sei, Charaktere zu schaffen, deren Verköperung eine Aufgabe ist für großangelegte dramatische Künstler. Es ist nur schwieriger, solche Gestalten von monumentaler Größe aus dem allzureichen Material unseres bürgerlichen Lebens herauszuarbeiten und es ist bisher nur in den seltensten Fällen gelungen.

Unter den Heldinnen unserer Bühne nimmt Charlotte Wolter vom Wiener Hofburgtheater einen hervorragenden Rang ein. Wir haben in der "Gartenlaube" (Jahrg. 1876, Nr. 6) bereits ihr Bild gebracht, und zwar in einer ihrer Glanzrollen als Messalina in Wilbrandts Trauerspiel „Arria und Messalina“ sie ist also unseren Lesern keine Fremde mehr. Ein Kind der schönen Rheinlands in Köln geboren hat sie dort voll der pike auf gedient. Sie begann ihre Laufbahn als Choristin des Kölner Stadttheaters, dann erschien sie an der blauen Donau, ohne Ahnung davon, daß dort einmal ihre Lorbeeren wachsen sollten denn am Karltheater in Wien war kein Boden für tragische Begabungen, und es war ein weiter Weg von der Leopoldstadt zum Burgtheater auf dem Michaelerplatz, ein Weg, den sie damals unmöglich zurücklegen konnte. Ihr Name wurde zuerst in weiteren Kreisen genannt, als Dingelstedt am Berliner Viktoriatheater seine Bearbeitung von Shakespeares „Wintermärchen" in Scene setzte. Mit so glänzend dem Geschick auch diese Bearbeitung das so wenig einheitliche Stück mit seinen oft kindlichen Motivierungen theatralisch wirksam gemacht hatte, ohne das plötzlich auftauchende Talent der Charlotte Wolter würde der Erfolg doch kein so nachhaltiger gewesen sein. Das Schauspiel hat eine große Scene, die Gerichtsscene, und in dieser erhebt es sich zu dramatischer Bedeutung, wenn die Rolle der Hermione voll einer berufenen Tragödin gespielt wird. Und als solche offenbarte sich Charlotte Wolter an diesen Abenden; an Shakespeare entzündete sich zuerst ihr Feuer und Dingelstedt war ihr erster dramatischer Mentor. Heinrich Laube hatte schon länger ein Auge aus sie geworfen er hatte seine dramaturgischen „Detektives", welche sich all die Fersen der jungen Talente hefteten, und Lewinsky, den er nach Berlin geschickt hatte, berichtete voll dort, daß die junge Künstlerin sich vielversprechend entwickle. Maurice hatte sie für das Hamburger Stadttheater engagiert, Laube wollte sie für die „Burg" gewinnen, und es gelang ihm mit schweren Opfern. Hier endlich fand ihre große Begabung die Kunststätte, wo sie sich frei und bedeutsam entfalten konnte. Die ganze Eigenart derselben zeigte sich in leidenschaftlichen Rollen der Affekt, die Leidenschaft wirkten bei ihr wie eine Naturkraft mit hinreißender, zündender Gewalt. Der unnachahmliche „Wolterschrei", dieser stärkste packende Ausdruck der aufs höchste gesteigerte Gemüthsbewegung, ist für ihre ganze Darstellungsweise bezeichnend.

Charlotte Wolter ist niemals durch eine strenge Schule gegangen, so groß auch Laubes Einfluß auf sie gewesen sein mag das Regelrechte, Schulmäßige, am Spalier Gezogene ist ihr stets so fremd geblieben, daß es ihrem Spiele nicht all einzelnen überwuchernden Ranken fehlte. Die harmonische schwungvolle Dichtersprache Schillers und Goethes mochte in ihrer ganzen Klarheit und Reinheit bei geringeren Talenten mehr zur Geltung kommen, wenigstens wo es sich um den ruhigen Vortragston handelte, und die Glanzrollen der Schillerschen Dramen waren nicht die ihrigen aber Grillparzers Sappho, besonders in den späteren Scenen voll seelischer Erregtheit, seine Medea mit ihrer wilden Leidenschaftlichkeit, die Lady Macbeth, die Gräfin Orfinn die Deborah, die Phäbra, die Krimhild und Maria Magdalena in Hebbels Dramen, die Messalina, das waren Gestalten, in denen sie mit ihrem ganzen Naturell aufging, Gestalten voll Lebensblut und, wo es darauf ankam, voll berauschender Liebesgluth, und keine neuere Darstellerin vermochte so wie Charlotte Wolter die Stürme der Leidenschaft zu entfesseln. Schöne ausdrucksvolle Züge, eine Gestalt von Ebenmaß und Fülle zugleich unterstützten ihre künstlerischen Triumphe, und was die gesellschaftliche Stellung betrifft, so konnte die frühere Kölner Choristin als Gräfin O’Sullivan in den Salons der Gattin des obersten Theaterleiters, des Prinzen Hohenlohe, einen bevorzugten Rang behaupten, denselben Rang, den sie in der Glanzepoche des Wiener Hofburgtheaters

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Die Gartenlaube (1892) b 633.jpg

Eleonore Wahlmann als Sappho.     Gertrud Giers als Phadra.     Anna Haverland als Jungfrau von Orleans.
Klara Ziegler als Brunhild.     Paulina Ulrich als Katharina Howard.     Charlotte Wolter als Lady Macbeth.
Rosa Poppe als Medea.     Maria Pospischil als Porcia.
Heroinen der deutschen Bühne.
Mit Randzeichnungen von R. E. Kepler.

[634] einnahm und in der Geschichte desselben für immer einnehmen wird.

Neben dieser leidenschaftlichen „Naturalistin“, wenn man Diesen Ausdruck gebrauchen darf, neben dieser Darstellerin, bei der alles Eingebung des Genies war, ist Klara Ziegler als die stilvollste Heroine unseres deutschen Theaters zu betrachten. Alles, was sie schafft, ist in großen Linien ausgeführt, ihre mächtige Erscheinung, der Vollklang ihres Organs, ein gewisser majestätischer Faltenwurf ihres Spiels erinnern uns stets an das Bild der Melpomene selbst; es ist, als ob die Göttin der Tragödie in lebensvoller Gestalt vor uns hinträte. Klara Ziegler hat die großen Rollen in getragenem dichterischen Stile stets vor den Aufgaben, welchen etwas Zersetzendes, Auflösendes, geistig Zerklüftetes oder eigenartig ungewöhnliches beigemischt ist, bevorzugt. So spielt sie bei ihren Gastspielen lieber die Brunhild Geibels als diejenige Hebbels, welche allerdings nicht das ganze Drama beherrscht wie Geibels Heldin; aber davon abgesehen hatte Hebbels absonderliche isländische Norne mit ihren geheimnißvollen Visionen wenig Anziehendes für eine Darstellerin, welche sich lieber der klargezeichneten Brunhild des Lübecker Dichters zuwandte. Nicht als ob Hebbels Muse ihr fremd geblieben wäre: die Judith war eine ihrer Glanzrollen, aber das Heldenmädchen von Bethulia ist in der Bühneneinrichtung des Dramas vorzugsweise eine thatkräftige Heldin welche den Feind ihres Volkes dem Tode weiht, während in der Buchausgabe die Beleuchtung der großen Scene in sonderbaren Lichtern spielt und allerlei Halberklärtes, Räthselhaftes seine Schatten mit hereinwirft. Uebrigens hat, besonders bei ihrem Engagement in Leipzig 1868, Klara Ziegler auch die Brunhild Hebbels gespielt, und unser Blatt brachte damals ein Bild der Darstellerin in dieser Rolle (Jahrg. 1868, Nr. 32). Auch spielte Klara Ziegler in Kleists wild genialem Drama „Penthesilea“ am Münchener Hoftheater mit vielem Erfolg die Titelrolle. Bei Gelegenheit ihres fünftundzwanzigjährigen Jubiläums haben wir über den Lebensgang der Darstellerin eingehend berichtet (Jahrg.1887, Halbh. 4). Neue Bahnen hat sie seitdem nicht eingeschlagen und konnte sie nicht einschlagen, denn durch ihre Naturaltlage, ihre Erscheinung, ihren früheren Entwicklungsgang ist ihr der Weg ein für allemal fest vorgezeichnet, und wenn neuere Dichtung die modernen Seelengemälde mit roherem oder feinerem Farbenauftrag bevorzugt, so wird sie ihr dorthin nicht folgen wollen und nicht folgen können.

Die vielseitigste der Heldinnen unserer Bühne ist jedenfalls Pauline Ulrich, die ebensogut unter die ersten Liebhaberinnen, ja unter die Lustspieldarstellerinnen eingereiht werden könnte, die aber auch all einem hervorragenden deutschen Theater, dem Dresdener Hoftheater, seit Jahrzehnten die Rollen spielt, welche ins Fach der Herfen schlagen. Auch diese Künstlerin ist den Lesern unseres Blattes nicht mehr fremd, bereits im Jahrgang 1875 (Nr. 3) brachten wir das anziehende Bild derselben. Pauline Ulrich, eine geborene Berlinerin, trat, nachdem sie als Schülerin der Krelinger in Berlin die fleißigsten Vorstudien gemacht hatte, 1859 in Dresden in den Rollenkreis, welchen Frau Bayer-Bürck damals verlassen hatte, aber sie erweiterte diesen bald nach allen Seiten hin. Ihre hohe Gestalt ist nicht in das feierliche Gewand der Tragödie gleichsam hineingewachsen. sie ist schlank, biegsam, anmuthig, sich auch dem leichten Spiele des Konversationsstückes anschmiegend. Pauline Ulrich spielt Goethes Iphigenie mit dichterischem Adel, aber sie ist auch eine vortreffliche Heldin der Schribe’schen geschichtlichen Lustspiele, und wenn sie überall am Platze ist, wo sie eine große Dame darzustellen hat, so weiß sie auch die Salonrollen des leichten Lustspiels mit seinem Humor geben sie vereinigt markige dramatische Kraft mit einer geistvollen Beweglichkeit und bringt als Shakespeares Beatrice jeden launigen Einfall des großen Dichters zu wirksamer Geltung. Durch zahlreiche Gastspiele hat sie sich in ganz Deutschland und weiter hinaus einen Namen gemacht, doch blieb sie stets fest mit dem Dresdener Theater verwachsen.

Wo aber Pauline Ulrich auftrat, war sie ein gern gesehener Gast. die Harmonie ihres Wesens, das geistvolle Leben das ihrer Darstellungsweise eigen war, die Vielseitigkeit ihres Talentes übten eine bestechende Wirkung aus, und sie fesselte bei wiederholten Gastspielen das Publikum stets voll neuem.

Es war unter der Direktion Friedrich Hauses in Leipzig, als eine junge stattliche blonde Dame zuerst versuchte, die tragischen Lorbeeren zu erringen. Es war eine Märkerin, eine echte Norddeutsche, und sie schien uns allen aus dem Holze zu sein, aus dem man Tragödinnen schnitzt. Leider strafte der erste Theaterabend die günstigen Vorhersagungen Lügen, die junge Kunstnovize trat als Gräfin Julia Imperiali im „Fiesko“ auf, allerdings eine der gefährlichsten Rollen und das Publikum lehnte diese Kunstleistung ab, die Kritik des Foyers äußerte sich nur kopfschüttelnd über die junge Darstellerin. Plumps, Anna Martha - da lag der Topf mit allen schönen Zukunftshoffnungen! Und in der That, Gräfin Julia Imperiali schien den Schleier genommen zu haben, denn sie war gänzlich von der Bühne verschwunden. Nach geraumer Zeit las man eines Tages den Namen der Debütantin wieder auf den Zetteln, sie hatte einen Prolog zu sprechen und sie sprach ihn mit einem so volltönenden Organ, mit solchem Verständniß und so nachdrucksvoll, daß ihr dafür rauschender Beifall zutheil wurde. So war sie wieder aus dem Dunkel hervorgetaucht, sie hatte die Pleißestadt nicht verlassen und in aller Stille Studien gemacht. Nicht lange darauf trat sie als Adelheid im „Götz“ auf und hatte einen durchschlagenden Erfolg, die große Scene mit dem Sendboten der heiligen Feme hatte sie mit hinreißender Kraft gespielt. An diesem Abend hatte die deutsche Bühne eine neue Heroine gewonnen. Anna Haverland wurde zunächst in Leipzig die Trägerin großer Rollen, dann vom Dresdener Hoftheater engagiert, später eine Zierde der Meininger Truppe. Alle Zwischenstationen ihrer künstlerischen Laufbahn, alle Gastspielreisen zu erwähnen, ist hier nicht der Ort vergangenen Winter gastierte die Künstlerin in New=York, dem großen Wallfahrtsort der deutschen Berühmtheiten, und gegenwärtig ist sie am Berliner Theater Ludwig Barnays thätig. Sie hat ein schönes, klangvolles Organ, und melodisch stießen die Goetheschen Verse von ihren Lippen, wenn sie die Priesterin an Tauris' Strand darstellt. Für solche getragene hoheitsvolle Aufgaben ist sie in erster Linie berufen, das unvergänglich schöne Dichterwort findet in ihr eine begabte Vermittlerin, die durch ihren Vortrag alle seine Schönheiten unverblaßt zur Geltung bringt. Wo es die Darstellung erregter Leidenschaft gilt, hat sie Kraft und Nachdruck, wenn auch das Verweilen in dämonischen Tiefen ihrem Talent ferner liegt, im ganzen sind ihre Gestalten mehr in ein helles Licht gerückt. Ihr Repertoire ist jetzt dasjenige der gefeierten Heroinen, während sie früher häufiger in den Rollen der ersten tragischen Liebhaberinnen antrat.

Die Heldin des Stuttgarter Hoftheater Eleonore Wahlmann, hat, im Gegensatz zu Anna Haverlah nicht allzu häufig die Stätte ihres künstlerischen Wirkens verlassen, obschon sie an der Wiener „Hofburg“, in München und mehrmals auch an norddeutschen Bühnen gastiert und überall Anerkennung ihrer hervorragenden Begabung gefunden hat. Zu Klagenfurt in Kärnten geboren, ein echtes Theaterkind, da sie schon in Kinderrollen auftrat, einmal als Genius aus den Wolken flog, ein anderes Mal zu ihrer Freude als naturwüchsiger „Bub“ glänzen konnte, hatte sie sich schon mit der Welt der Prosceniumslampen vertraut gemacht, als sie von ihren Eltern in eine Wiener Erziehungsanstalt gebracht wurde, da diese selbst bei ihren wechselnden Engagements an verschiedenen Provinzbühnen ihr keinen regelmäßigen Unterricht zuheil werden lassen konnten. Aus der Anstalt entlassen, trat sie bei kleinen Bühnen auf, bis eine Heirath sie drei Jahre lang der dramatischen Kunst entfremdete. Doch sie kehrte wieder zur Bühne zurück, als Emil Devrient bei einem Gastspiel in Amsterdam sie bewogen hatte, die Rolle der erkrankten Liebhaberin zu übernehmen. Seitdem ist sie der Kunst treu geblieben kurze Zeit nach ihrem Wiederauftreten löste der Tod ihre Ehe. Sie war dann zwei Jahre lang in Graz engagiert, seit dem Jahre 1866 ist sie Mitglied des Stuttgarter Hoftheaters, und obwohl sie es im allgemeinen nicht liebte, durch große Gastspielreisen in die Ferne zu wirken, ist ihr Ruhm doch in die weitesten Kreise gedrungen. Sie ist eine Meisterin edeln und gediegenen Vortrags, das hat sie nicht nur als Iphigenie in den Goethe-Aufführungen des Hoftheaters, sondern auch als Vorleserin der Sophokleischen „Antigone“ in Stuttgart und Tübingen bewiesen Auch Schillers große Rollen, eine Maria Stuart. eine Jungfrau von Orleans, führt sie mit meisterlicher Beherrschung des dichterischen Wortes durch, doch erst in schärfer gezeichneten Charakteren bewährt sie ihre ganze Gestaltungsgabe.^ eine Lady Milford, eine Gräfin Orsina, eine [635] verfnchte, ^ !ärkerm, eits^.

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Medea stattet sie mit dämonischett Zügen aus, die eine ergreifende . Wirkung ausüben. Eine Glattzleiftung war ihre Margarethe in dem von Dittelstedt eiugerichtetett '..lüttigsdrama Shakefpeares ^ „Heinrich ^'l.“. Am Müucheuer Hoftheater fpielte sie diese Furie ^ der englischett Bürgerkriege, für welche ihr jedes Vorbild fehlte, felbftschöpferisch mit hinreißender ..^raft, so daß die Kritik ihr . warme Atterkennung zollte. Auch ihre Sappho, ihre Phädra, . ihre Thusuelda und Ifabella fiud hervorragende Leiftungett. Die Künstlerin hat ausdrucksvolle Züge, dttttkle Augen eine edle Gestalt und plaftische Vewegungett.

Wenden wir uns jetzt jenen Schanfpielerittttett zu, welche im Laufe des letztett Jahrzehnts sich einett Namen gemacht habett! Eine geborene Költterin wie Eharlotte Wolter, ist Gertrnd Giers in die Fttßtapfett der Wietter Meifteriu getreten. Vott der eigenen Mutter ausgebildet, in der Plastik von dem italietti- schen Meister Perini nnterrichtet, fpielte Gertrud Giers schott im Alter von fechzehtt Jahreu ihre Heroinen detttt sie war ein hoch- s gewachfettes deutsches Heldettmädchen. Sie glättzte an den großen Stadttheatern in Hambnrg und Frattkfnrt, feserte in St. Peters- bnrg und New-^ork Trinmphe und ist gegenwärtig am Hoftheater in Hannover engagiert. Ihre änßeren Vorzüge, insbefottdere ein sehr modulationsfähiges, glockenhelles .i^rgan von großer Kraft, gehett Hattd in Hand mit den inneren. eittem feurigett Detttperameut und . eiuem warm etttpstndenden Herzen. Ihr Mienenspiel ist höchst be- weglich, ihre beredtett Augen geben seder Empstttdung seelenvollst t Ansdrnck n sse arbeitet ihre Nollen mit feinem Verständnis durch. Wir lafett eittmal in den Blättern, welch hohe Meiuung Eruft ^ von Wildenbrnch von dieser Darstelleritt hat,^ - er erklärte sie für das größte Dalent unter den deutschen Bühnenkünstlerinnen. Iedenfalls liegt ihr alles Kühle und Eingelernte serttn sie fpielt ebett mit dem Herzen und giebt dadnrch ihren Geftaltett den Ansdrnck voller Lebenswahrheia Als eine vorzügliche Leistnug wird ihre Jungfrau von Orleaus bewundert n in den beidett großen Mottologen und in der Kerkerfeene wirkt sie hinreißend n sie bringt in dem Anftritt mit Burguud den Zauber des echt Weiblichen zu gewinnendem Ansdrnck und läßt die schlichte Hirtett- jungfrau Iohatttta nicht hinter der begeisterte Prophetiu und Kriegeriu verschwinde. Ihre Phädra, ihre Meffalitta, ihre Medea, ihre Iphigenie werden in gleicher Weise

von der

Kritik gerühmt. Fränlein Giers hat für diese Heldittttett des Alterthums den hohen Schwung, die plafasche Gebärde, aber sie hat nichts Versteuertes, sie giebt auch diefeu Gestalte ein reiches inneres Leben.

Die erfte Heldin des Berliner Hofschaufpiels, Nofa Poppe, ist eine Uugariun ihre Eltertt warett wohlhabeude Weiubauertt und sie hattett zugleich eine Gastwirthschaft, in welcher sie einett Theil ihres Weins ausscheukteun es giebt noch viele, denen die jetzige Berliner Tragbditt ein Glas echten Adlersberger kredettzt hat. Sie wurde datnals von ihrer Mntter zu einer tüchtigen Hans- frau erzogett, wie diese es war und noch ist. Vom Theater hatte man in den Kreife des ungarischen Weittbaueru keine Ahttungn auch die Tochter des Haufes hatte uie ein Theater gefehett, las aber in der Stille mit Heißhunger die Trauerspiele ihres ge- liebte Schiller. Durch elemeutare Ereiguiffe, Hagel und Ueber- schwemmungett, durch ein vierjähriges Krattkettlager des Vaters, der auch schließlich ein Opfer seiner Krankheit wurde, verlor die Familie ihr Vermögen, und Nosa Poppe mußte eutweder die Hattd eines ungeliebtett Mannes nehmen oder sich felbft ihr Brot ver-

diettett. Sie entschied sich für das letztere und wurde gegen den

Willen aller ihrer Be.rwattdten Schaufpielerar. Sie machte das gattze Elend der kleine Bühne durch, hatte mit Roth und Sorgen zu kämpfen, bis ihr künstlerischer Lebenslauf allmählich in geregettere Bahueu eiulettkte. Wir studeu sie am Wietter Karltheater, am Augsburger Stadttheatern doch erst feit ihrem Auftrete an der Berliuer Hofbühne zog sie die allgemeine Aufmerkst mkeit auf sich. Anfangs schien ihr Spiel noch tttt- ausgeglicheu und entbehrte des rechte künstlerische Maßes n sie that hier und dort zu vieln auch die Gebärde war nicht immer attgemeffen. Doch gerade an der Hofbühtte machte sie glättzende Fortschritte, und ihre Medea in der Grillparzersche Trilogie bezeichuete einen Hbheputtkt ihrer Entwicklung, der von der Kritik mit Begeifterung atterkattnt wurde. Ma,r Grube, der zuerst Grillparzers „ Goldeues Vließe als Gefammtdichtung auf die Berlitter Bühtte gebracht hat, gab dadnrch auch der Dar-

stellerw Gelegenheit, den ganzen Entwicklungsgang der Helditt uns vorzuführen währeud in der Regel den Heroine der anderen Vühtten ttttr die Aufgabe zttfällt, die Medea der dritten Ab- theilung zu spielen. Diese Entwicklung aber mit aller Gewalt der ^iebe und des Haffes brachte Rofa Poppe in ergreifender Weise und mit hinreißender Steigerung zur Attschanung. Ihre Darftellungsweife strebt nach Naturwahrheit, sie vermeidet den getragenen deklamatorischen Don, doch nimmt sie nicht immer geung Rückficht auf die dichterische Schönheit der Verse. Iedett- falls ist sie durchaus eigeuartig und in dieser Eigettart bedeutend. Rofa Poppe hat eine hohe, schlattke Gestalt, attgettehme Gesichts- züge, ein gutes, in großen Affekte machtvolles Orgatt. Vott klaffischett Rollen hat sie am Verlitter Hoftheater außer der Medea die Adelheid im „Götz“, die Durattdvt, die Eboli, die Elisabeth, dauu noch die Marguife von Potttpadonr gefpielt. Ant ersrett lichstett ist der Fortschritt eittes starken leidenschaftlichen Talents i zu immer wachfeuder küttstlerischer Vedentung.

Wie Vognmil Dawison der polnischen Bühtte angehörte, ehe er deutscher Schauspieler wurde, so war Marie Pospischil, die jetzt als jüttgere Heroitte am Wietter Hosburgtheater thätig ist, tschechische Schauspieleriu , ehe sie sich dem deutsche Theater zuwattdte. Itt Prag geborett, kam sie schott mit fechzehtt Jahrett an das tschechische Nationaltheater, wo sie füttf Jahre blieb. Datttt widmete sie ein Jahr Gastspielen in Rußland und Volett. t Hierauf wagte sie den Uebergattg zur deutsche Bühtte und spielte ^ die Jungsratt von .^rleatts am Deutschen Lattdestheater in Prag mit großem Erfolg. Die Tscheche verloren ungertt ein so bedentendes Talent, das sich nach eittettt größeren Wirkungs- kreis sehnte, als ihn die böhmische Ratiottalbühne gewähren konnte, und es sehlte nicht an heftigen Angristett auf die ab- trütttage Künstlerin. Vott Prag aus wurde sie an das Deutsche Theater in Verlitt eugagiert, wo sich ihre Umwattdlung in eine deutsche Schauspieleriu vollendete. Vor allem gab sie sich Mühe, die tschechische Dialektanklänge aus ihrer Ausfprache zu ver- battueu, obschott noch immer jetter Rest angeborener Eigettart übrig blieb, der auch bei Dawison stets, wetttt auch noch so . leise, an den Attslättder gemahnte. Dann brach sie mit der s mehr deklamatorischen Vortragsweise des tschechische Theaters ^ und strebte nach Natttrwahrheit des Ausdrucks, ohne den idealett ^ Zug zu verkümmertt. Für gläuzende Farbeugebung war sie ge- ^ schaffe^ das breit Verschwommeue , allztt Ueppige der Dar. stellungsweife mußte sie zu vermeide fuchett, und es gelang ihr, bei der strengen Zucht des deutscheu Theaters, alle Ausmachst, . die theils ihrer Nationalität, theils ihrem Natnrell entstammten ^ immer mehr zu beschueideu. Ihre Eigettart schildert ein ttamhaster ^ Kritiker mit folgeudeu Worte. Marie Pofpischil ist eine Heroine ^ mit der Erscheiuung einer Salottliebhaberitt und der Stimme ^ einer Sentimentalen, und diese Mischung wird zu.ammengeschweißl ^ durch die Leidenschaft der Empstttdung.“

Marie Pofpischil tritt jedenfalls in die Fttßtapfett von Ehar- ^ lotte Wolter n sie hat nicht die marmorne Hoheit der Klara Ziegler und ihrer Nachfolgerittnett. Ihre tragische Kraft liegt in ihrettt

^. leidenschaftlichen Naturell n auch der „Wolterschrea' ist ihr nicht

verfagt, wie ihre Adelheid im „Götz“ in der Ermorduttgs- ! seette beweist Zu ihren Glanzrolle gehören diejenigett, in dettett . eine glühende Sinnlichkeit sich ausprägt wie die Meffalitta und

i die Udaschkitt in Freytags „ Graf Waldemar“ n aber auch die .^ady ^ Maebeth, die Orfata, Sappho und Poreia stellt sie in interessanter ^ Weise dar , wentt sie auch nicht überall jette widerstrebenden

Züge ihres Wefens zu harmonischem Einklang zu stimmen ver- ! mag. Das gelang ihr vorzüglich als Hjördis in Ibfens „Ror- s bischer Heerfahrt“, einer Rolle, die ebenfo den Höhepnttkt ihrer

Entwicklung bezeichnete wie die Medea denjenigett von Rofa

Poppe. An das Wiener Hofburgtheater berufe, hatte sie mit ihre Proberolle der orfata und Maria Stuart einett großen Erfolg - und so gehört sie jetzt dem gefeierten Künftlerftabe dieser Bühne an.

Noch ist eine. Reihe jüngerer Kräste vorhanden, die in ernstem Vorwärtsstrebe den hohen Aufgabe der Tragödie gerecht zu werden trachte. Eitter fpätereu Zeit wird es vorbehalte sein, über sie das endgültige Urtheil zu fälle. Dauu wird vielleicht auch die „Garteulaube“ ihren Lesern einen ueue stolze Kranz von Meisterinnen der tragische Mttfe vorführe können wie die heute geschilderten ihn bilden.