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Titel: Heimathstätte für Heimathlose
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 99
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[99] Heimathstätte für Heimathlose. (Mit Illustration S. 100.) Wir gehen über die Heide von Sylt – die Insel ist so still und man muß sagen öde wie mir immer möglich hie und da weiden Schafe auf den mageren Triften, Schwalben und Lerchen fliegen auf und Möven schweben mit dem Klagegeschrei eines kleinen Kindes sturmverkündend über dem Rothen Kliff unten, am Fuß desselben donnert die Brandung, die Nordsee verschlingt brüllend den großartigen Strand mitsammt den kleinen Festungen, welche die Badegäste aus dem weißen Sande auszuführen pflegen – Strandgüter aller Art, die Hummerkisten der englischen Fischer, zerbrochene Planken und Ruder, Rammpfähle und Rettungsbojen, Tonnen und Flaschenposten aus dem Atlantischen Meere, buntbemalte Gallionbilder, todte Tümmler werden von der Fluth ans Land geworfen, wieder verschlungen und wieder ausgeworfen. Da seht! Auch der Leichnam eines Menschen kommt angeschwommen – der Mann hat lange mit den Wellen gekämpft, man erkennt es an den krampfhaft geballten Fäusten, an den angstvoll zusammengezogenen Lippen; endlich ist er dem übermächtigen Element erlegen – die gewaltige Fluth hat ihn geknickt wie einen Strohhalm – jetzt ist er gelandet, aber todt.

Wie heißt er? Woher ist er? Wohin fuhr er? niemand weiß es. Er wird aufgelesen und auf dem kleinen Friedhof von Westerland, der den obigen Namen trägt, begraben, heimathlos, namenlos.

Nichts steht auf dem hölzernen Kreuzlein als eine Nummer, und der Tag und der Ort, an dem ein Mensch ertrunken gesunden ward:

I.
Den 3. Oktober 1855.
W. St.

Oder:

XIV.
Den 26. November 1863.
R. St. –

Es erinnert das an die Katakomben der Jesuiten, deren Persönlichkeit und Name in ihrem Orden gleichfalls untergeht und die im Gedächtniß der Nachwelt nur als Pater I und Pater II fortleben.

W. St. ist Westerland Strand; R. St. ist Rantum Strand – der westerländer Friedhof dient nur für die in Westerland und Rantum angetriebenen Leichen, während List, am Nordende der Insel, seit dreiundzwanzig Jahren seinen, eigenen Friedhof für Schiffbrüchige hat und in Keitum für dieselben eine besondere Abtheilung auf dem allgemeinen Friedhofe besteht. Jede Sylter Gemeinde hält in einem Häuschen beständig einen Sarg in Bereitschaft, in welchem die Verunglückten gebettet und auf eine jener drei Heimathstätten übergeführt werden.

Bis vor drei Jahrzehnten verfuhr man auf Sylt anders. Es war Sitte, die angetriebenen Leichen in den Dünen zu verscharren, nicht bloß ohne Sarg, sondern auch ohne Sang, wie die Leute dort sagen, das heißt: ohne Predigt und religiöse Ceremonie. – Erst in dem oben angegebenen Jahre 1855 ummauerten die Westerländer das Plätzchen hinter den Dünen mit aufgeworfener Erde und bestimmten es zu einer Heimathstätte für Heimathlose. Neununddreißig Heimathlose, also mehr als einer auf das Jahr, hatten bis zum vergangenen Sommer hier eine Heimathstätte gefunden, die auf den beiden andern, jüngeren Friedhöfen Beerdigten nicht gerechnet - sanft ruhen sie, vom Rauschen des Meeres eingewiegt, alle ihre Kreuzchen sind bekränzt, und Schiffchen, aus Binsen geflochten, schwanken als harmlose Angedenken auf den Gräbern.

Zwei Jahre nach Ummauerung des Friedhofes, im Jahre 1857, wurde, auf Anregung eines Altonaer Arztes, das Seebad von Westerland eröffnet; und seitdem ist die Insel Sylt ein Lieblingsruheplatz, eine Heimstätte des Friedens auch für die Lebendigen. Tausend kranke, überreizte Menschenkinder zieht es im Sommer nach diesem äußersten Fleckchen deutscher Erde; Badegäste aller Stände und jeden Alters legen den langen Weg durch Schleswig-Holstein oder den geraden Weg von Hamburg über Helgoland und Föhr zurück, um ein paar Wochen in dieser [100] weltfernen Einsamkeit zu ruhen, des Morgens mit den Wellen zu kämpfen und dann in dem weichen Dünensande gleich müden Schiffern ausgestreckt zu schlummern oder den würzigen Duft der rothen Heide und den feuchten köstlichen Hauch, den die weite See aus jeder Woge über die Insel entsendet, zu athmen.

Der Sommer 1888 führte auch Rumäniens Königin nach dem Seebad von Westerland, die begnadete Dichterin Carmen Sylva, auf deren edles Gemüth der eigenartige Friedhof der Heimathlosen einen tiefen Eindruck übte. Fast täglich führte ihr Weg sie zu der stillen Heimstätte der namenlosen Opfer des Meeres und mit den schönsten Blumen schmückte sie die Gräber. Aber nicht allein bei den Todten weilten ihre Gedanken; die stillen Schläfer hatten für immer Frieden gefunden, ihnen war wohl; wo aber weilten und weinten die Eltern, die Frauen, die Kinder der im Kampfe mit den Stürmen und Wogen des Meeres Unterlegenen? Das dichterische Gemüth der Königin malte ergreifende Bilder, und sie folgte einer schönen edlen Regung, als sie beschloß, ihrer Theilnahme für die Angehörigen der Todten durch ein sichtbares Zeichen Ausdruck zu geben. Sie wählte hierfür einen einfachen Gedenkstein, einen mächtigen, unbehauenen, grauen Granitblock, der bald nach ihrer Abreise eingeweiht wurde. Einfach ist die Zueignung der Königin: „In Gedanken an die fernen Witwen und Waisen gewidmet von Carmen Sylva. Westerland, den 17. August 1888“, und in schlichter Weise wurde dieselbe in das Fundament des Steines eingemauert. Kein äußeres Schriftzeichen verräth die hohe Stifter!n, zieht von der Theilnahme für die Todten ab, an welche die ernste vom Hofprediger Dr. Kögel verfaßte Inschrift gemahnt:

„Wir sind ein Volk, vom Strom der
Zeit
Gespült zum Erdeneiland
Voll Unfall und voll Herzeleid,
Bis heim uns holt der Heiland.
Das Vaterhaus ist immer nah,
Wie wechselnd auch die Loose
Es ist das Kreuz von Golgatha
Heimath für Heimathlose.“

Die Liebe hört nicht auf! Auch der Denkstein auf dem einsamen Friedhofe von Sylt giebt Zeugniß davon.