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Autor: K. Horstemann
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Titel: Hanne
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18–20, S. 305–308, 322–324, 339–341
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[305]
Hanne.
Zur Beherzigung für Viele.


Am Himmel ballten sich Gewitterwolken, und auf den Wipfeln der Linde waren sämmtliche Spatzen aus den benachbarten Gärten zu jenem eifrigen überlauten Concert versammelt, welches sie nur zu geben pflegen, wenn ein Regenschauer droht. Ihre hellen Stimmen begleiteten andere, die drinnen im Zimmer hinter den weißen Vorhängen hörbar wurden.

Am Fenster stand ein junges Mädchen und sah unverwandt hinaus, als fessele etwas ganz besonders Interessantes ihre braunen Augen, in denen es äußerst trotzig funkelte. Die Arme waren verschränkt und die Haltung der kleinen, etwa achtzehnjährigen Dame mindestens sehr selbstbewußt.

Jetzt sprach sie auch. „Das ist Thorheit, Georg,“ sagten die frischen Lippen. „Du bist eigensinnig.“

Vom Sopha im Hintergrunde des Zimmers erhob sich ein junger Mann und nahm seinen Platz neben der erzürnten Schönen, aber er hütete sich, ihr in’s Gesicht zu sehen, wahrscheinlich aus schlimmer Erfahrung von den Resultaten solches Unterfangens, vielmehr wählte er für seine Blicke eine der ihrigen entgegegesetzte Richtung des Gartens und studirte nun emsig, wie es schien, die Architectur eines Taubenschlages, der in geringer Entfernung den gefiederten Bewohnern zum Asyl diente.

Die junge Daune ließ ihn ruhig gewähren.

„Du bist eigensinnig, Georg,“ wiederholte sie mit sehr entschiedener Betonung.

„Aber Du, Mathilde – Du bist immer nachgiebig, immer freundlich und sanft, nicht wahr? – Besonders heute ist Deine Stimmung unvergleichlich.“

Die hübschen Schultern zogen sich ein wenig empor, und der Mund nahm ganz matronenhafte Falten an.

„Wie man in’s Holz ruft, Georg, so schallt es zurück.“

Er wandte sich schnell herum und ein Streifblick traf die verschlungenen Arme, höher hinauf wagte er sich offenbar nicht. „Machen wir es kurz, Mathilde! Du willst mir also den Gefallen nicht thun? – Du liebst in der That Dein neues Kleid mehr, als Deinen Verlobten?“

Die Spatzen auf der Linde hüpften vor Schreck hoch empor, als diese Gewissensfrage und diese eilige Bewegung so unerwartet zusammentrafen. Ihr Zwitschern verdoppelte sich.

„Georg,“ versetzte das junge Mädchen, „Du bist – ja, ja,“ unterbrach sie sich dann, „es ist so, wie Du sagst. Ich liebe mein Kleid mehr. Das schwarze Seidencostüm will ich anziehen oder wir bleiben zu Hause; mein neues blaues soll nicht im Regen verdorben werden.“

„Aber ich mag Dich nicht wie eine Matrone gekleidet sehen; ich kann schwarze Anzüge nicht leiden. Mir zu Liebe mußt Du das blaue nehmen.“

„Nimmermehr!“

„Mathilde, wenn ich Dich bitte – –“ sagte er zärtlich, fast weich. „Es ist mir jetzt schon nicht mehr des Kleides wegen, aber daß Du so entsetzlich widerspruchsvoll bist, so – –“

Ein leises Lachen trennte die Rosenlippen. „So unausstehlich!“ ergänzte die junge Dame den Satz. „Warum Du wohl eine so hausbackene, ganz prosaische Braut gewählt hast, die nicht einmal ein Kleid, das nur zwölf Thaler kostet, aus purer Verliebtheit im Regen anziehen will? – Warum doch eigentlich, Georg?“

„Ja,“ seufzte er, „warum? Vielleicht solltest Du derartige Worte nicht sprechen, Mathilde. Aber laß uns zu Ende kommen, – gehen wir, oder gehen wir nicht?“

„Im schwarzen Kleide, recht gern.“

„Adieu!“ antwortete er verstimmt. „Ich komme heute nicht wieder, Mathilde.“

„Adieu, Georg!“

„Und Du willst mich nicht einmal ansehen, mir keinen Kuß geben?“

„Zur Belohnung für alle Deine Galanterien vielleicht? – Es beginnt zu regnen; ich will den Teppich vom Balcon nehmen und die Rosenstöcke in Sicherheit bringen – hörst Du wohl? Auch diese sollen nicht zu Grunde gehen, ebenso wenig wie das blaue Kleid.“

Und mit diesen Worten ergriff die junge Dame den offenstehenden Fensterflügel, um ihn zu schließen. Die Spatzen schwirrten in eiliger Flucht davon.

Als sie sich umwandte, war Georg verschwunden.

Der trotzige Zug des hübschen Gesichtchens verstärkte sich womöglich noch, obgleich ein dunkler Purpur die Wangen überflog. Mathilde mochte geglaubt haben, daß Georg nicht den Muth finden würde, wirklich ohne einen Abschiedskuß fortzugehen.

„Einerlei,“ dachte sie jetzt, „Unrecht hatte er, und – und – nachgeben ist gar nicht meine Art.“

Dann aber, als sie in das Nebenzimmer trat, schien ein plötzliches Erschrecken ihre hübschen Züge zu überfliegen. „O, Tante,“ sagte sie verwirrt, „Du hier?“

Eine alte Dame mit schneeweißem Haare und magerem, blassem Gesichte streckte ihr, im Lehnstuhle sitzend, beide Hände entgegen. Als Mathilde näher trat, sah sie, daß in den Augen der Greisin klare Thränen perlten.

„Großtante,“ rief sie bestürzt, „bist Du krank?“

Die Alte zog das hübsche trotzige Kind an ihre Seite, und streichelte ihm die glühenden Wangen. Eine Pause folgte dieser Bewegung, dann erst antwortete sie:

„Vergieb mir, Kind, daß ich – zum ersten Male im Leben horchte. Ich that es aus Liebe für Dich.“

Das junge Mädchen küßte zärtlich die weiße, durchsichtig magere Hand der Achtzigjährigen.

„Großtante, wie Du nur sprichst!“ flüsterte sie beschämt. „Georg war so eigensinnig heute. Ich konnte doch unmöglich das neue Kleid im Regenwetter anziehen.“

Die Greisin lächelte freundlich. „Wäre das wirklich so schlimm gewesen, mein Herz? – Ein paar Fältchen oder ein [306] Fleck, im schlimmsten Falle eine Droschke, jetzt aber ein Zank – ist denn das nicht weit ärger?“

„Tante, Großtante, auch Du nimmst Partei gegen mich?“ rief bestürzt das erschreckte Kind. „Papa hat es nur mit der größten Mühe, mit Selbstverleugnung und Anstrengungen aller Art, überhaupt möglich machen können, mich zu Dir reisen zu lassen, weil Georg hier wohnt. Ich weiß, welche Opfer es ihm kostet, deshalb –“

Die Alte unterbrach das erregte Mädchen. „Ich sprach nur von der Art und Weise, in der Du gegen Deinen Verlobten auftratest, mein Herz. Das Kleid ist eine Kinderei, eine Thorheit, die er über den ersten zärtlichen Blick vergessen hätte, aber Deine Worte waren ganz geeignet, ihn tiefer zu verstimmen.“

Mathilde sah auf ihre Hände herab, und antwortete im ersten Augenblicke nicht.

„Tante,“ fragte sie nach längerer Pause, „sag’ mir, muß ein Mädchen, das überall nur das Gute und Vernünftige will, außerdem auch noch nachzugeben und einzulenken verstehen, wo ihr geradezu Thorheiten entgegentreten?“

Die Achtzigjährige nickte freundlich.

„Sie muß es, mein Herzenskind. Ein Mädchen muß sich immerfort die Liebe, welche ihr zu eigen gegeben, ängstlich zu erhalten suchen, als könne solches Gut verloren gehen. Das ist das große, schwererlernte Geheimniß des Frauenglückes. Die Liebe will genährt und gepflegt sein, behütet in jeder Minute. Die Jugend glaubt zwar, daß Liebe nicht sterben könne, während Eigensinn und starrer Trotz nirgends im Leben häufiger gefunden werden, als gerade bei Liebenden.“

Mathilde sah, lächelnd durch Thränen, empor.

„Großtante,“ sagte sie leise, „es jubelt Alles in mir vor lauter Glückseligkeit, wenn ich sehe, daß Georg nachgiebt. Es ist so überaus angenehm, ein Herz ganz zu beherrschen. Und glaub’ mir’s, ich liebe ihn nie mehr, als wenn ich trotzige Worte sage. Gott weiß, woher jedesmal ein böser Wind weht, sobald von Ordnung oder Arbeiten oder Sparen die Rede ist! Ich habe oft gedacht, daß für Georg eine ganz leichtlebige Frau weit passender sein würde, als ich es bin.“

„O, Kind – Kind, wie thöricht!“ sagte die Alte. „Du mußt Dich in ihn hineinleben, und was er nicht liebt, ihm verbergen, was er nicht gern hört, verschweigen, das ist der Weg zum äußeren und zum inneren Frieden.“

Das junge Mädchen war ernst geworden durch den Ernst der Alten.

„Großtante,“ fragte sie leise, „woher weißt Du das Alles? Kanntest Du ein Mädchen, das nicht verstand, sich die Liebe des Verlobten zu erhalten, und das – diese Liebe verlor?“

Ueber das bleiche Gesicht der Achtzigjährigen flog ein leichter Rosenschimmer, schnell verschwindend, wie der scheidende Sonnenblick die grauen Mauern einer Ruine secundenlang mit Glanz und Jugendschein umhüllt.

„Ja, mein Liebling, ich kannte ein solches Mädchen, und – ich will Dir seine Geschichte erzählen.“

Mathilde sah unverwandt in das ehrwürdige, von silbernem Haare umrahmte Gesicht der Alten.

„Großtante,“ rief sie, „nein, ich täusche mich nicht, es ist Deine eigene Jugend, von der Du sprechen willst. Du, die Du so gut, so lieb bist, die Hülfe und der Trost aller Bedrängten, Du wärest betrogen worden? – O, ich kann es nicht glauben, nicht denken.“

„Still, mein Liebling!“ lächelte die Greisin, „still! Ich bin nicht betrogen worden – das ist ein hartes, schlimmes Wort – ich verstand es nur nicht, meinen Schatz zu hüten, daher blieben mir die traurigen Folgen später nicht aus. Komm, Du kannst, wie in einen Spiegel, in Dein eigenes Schicksal hineinsehen, wenn ich Dir von dem meinigen erzähle.“

Mathilde schmiegte sich gerührt an die Brust der greisen Freundin, und diese küßte sie zärtlich, bevor sie ihre Geschichte begann. Das junge Mädchen lauschte regungslos der seltsamen Verkündigung des Glühendsten, Gewaltigsten, was das Menschenleben birgt, aus dem Munde der Achtzigjährigen.

„Ich wurde sehr jung verlobt,“ begann die Großtante, „und noch dazu mit einem Manne, der nicht älter war, als ich selbst. Das ist immer ein Unglück, zumal wo nicht Reichthum die Wege ebnet und Alles gleich macht, bei mir aber kam noch hinzu, daß ich nicht hübsch war und auch kein gefälliges liebenswürdiges Wesen besaß. Mir hatte es eben der Himmel in anderer Weise geschenkt: ich verstand zu sparen, hauszuhalten und mit Wenigem auszureichen, das, meinte ich denn, sei genug, und ich gab mir keine Mühe, auch eine angenehme Außenseite zu erwerben.

Mein Bräutigam und ich waren immer bei einander geblieben von den Schuljahren her, wenigstens in einer Stadt. Er mußte sich seinen Weg als Commis in fremder Leute Dienst sehr mühevoll bahnen, während ich die Haushaltung meiner alten Mutter führte und zusammen mit ihr durch Unterricht in einer von uns gegründeten Schule für Kinder das tägliche Brod verdiente. Nur an Sonntagen sahen wir einander, und dann wurden Pläne für die Zukunft entworfen, dann sprachen wir von unseren Hoffnungen, unseren Wünschen, und waren glücklich trotz Armuth und Mangel.

So ging es, bis ich achtundzwanzig Jahre zählte, da endlich schien das Schicksal uns in den Hafen führen zu wollen. Mein Bräutigam hatte, obwohl ich immer so heftig dagegen protestirte, heimlich in der Lotterie gespielt und etwa sechstausend Thaler gewonnen – jetzt konnten wir heirathen.

Schon seit elf Jahren wußten die Nachbarn, daß ich Braut sei. Wie oft schon hatte mir das Wort heimliche Thränen erpreßt; wie oft hatte ich alle Hoffnung aufgegeben, und nun kam das Glück so plötzlich.

Ich sollte ‚Frau‘ genannt werden, ‚Frau Herbold‘ – o dies Entzücken! Mein Verlobter miethete einen Laden in der besten Geschäftsgegend und schaffte Waaren in’s Haus, während ich meine Aussteuer nähte. Er kannte alle Bewohner der Stadt; man versprach ihm überall seine Kundschaft und die Sache schien im besten Zuge, sogar der Hochzeitstag war schon festgestellt. Nur Eines erregte sehr häufig zwischen uns Beiden einen Zwist, und das war meine Sparsamkeit.

‚Nimm diesen Stoff für die Handtücher!‘ sagte er einmal, ‚das Stück ist billig gekauft.‘

Ich protestirte heftig. ‚Das thut für uns nicht nöthig, Hermann; wir können mit Geringerem auskommen. Hast Du billig gekauft, so verdienst Du desto mehr daran.‘

‚Ja, beste Hanne,‘ rief er, ‚aber man soll doch auch dem Dienstmädchen gegenüber ein Bischen auf das Aeußere halten – man wird beklatscht.‘

‚Wir werden nie ein Dienstmädchen haben, Hermann,‘ rief ich entrüstet aus.

‚O doch, Liebe, das geht nicht anders. Wolltest Du etwa früh um sechs Uhr die Treppensteine und den Laden eigenhändig scheuern? Wollten Du Wasser tragen und Holz spalten?‘

Ich sah ihn erstaunt an. ‚Thue ich das nicht etwa jetzt auch persönlich, Hermann?‘

‚Freilich, Hanne, aber das ist eine andere Sache,‘ lächelte er. ‚Als meine Frau mußt Du ein Mädchen halten, sonst werden Rückschlüsse gezogen, die meinen Credit benachtheiligen müßten.‘

Jetzt weinte ich bereits. ‚Hermann, Hermann, Du denkst, daß die sechstausend Thaler ein Vermögen sind, welches niemals erschöpft werden kann. Gieb Acht, wenn Du so fortfährst, so steht der Concurs vor der Thür.‘

‚Gott im Himmel!‘ rief er. ‚Aber Du verstehst es, Jemand von Allem die schlimme Seite zu zeigen! Das ist leider wahr, Hanne.‘

Wenn derartige Kleinigkeiten dann gründlich besprochen und meistens ein Vergleich zu Stande gekommen war, so wurden sie für den Augenblick vergessen, aber Jedes von uns hütete sich, irgend einen Plan, einen Wunsch zu äußern, weil ja leider so selten eine Uebereinstimmung der Ansichten zu erlangen war. Als wir noch ganz arm waren, bauten wir einträchtig an unseren Luftschlössern, jetzt aber, auf der Basis jener sechstausend Thaler, ließ sich kein Zusammenwirken mehr denken.

Um diese Zeit starb der Bruder meiner Mutter und hinterließ eine siebenzehnjährige unversorgte Tochter, die er auf dem Todtenbette unserer Sorgfalt empfahl. Das paßte gerade, weil meine alte Mutter doch für Schule und Haus einer Stütze dringend bedurfte, und so holten wir denn die Cousine eines Sonntags aus der Hauptstadt zu uns, damit sie sich in den Kreis meiner täglichen Verpflichtungen hineinleben könne, bevor ich heirathete.

[307] Das sollte aber nicht so leicht werden, als wir hofften. Malwine kam gleich einem Sonnenstrahl, einer farbenprangenden Blume in unser stilles ehrbares Haus hinein; überall machte sich zwischen ihr und uns eine so weitgehende Verschiedenheit geltend, daß sich das Zusammenleben mit ihr für beide Theile zur Qual gestaltete.

Als ich sie zum ersten Male den Schulkindern vorstellte, da wollte mir fast die Geduld vergehen. Sie hielt es eine Stunde lang ziemlich ruhig aus, den kleinen Geschöpfen auf der Schiefertafel ein A und ein B. vorzumalen; die Kinder selbst schienen auch von der neuen ‚Tante‘ ganz entzückt, aber schon sehr bald hörte ich in der Gegend ihres Platzes ein unbefugtes Flüstern und Kichern, und als ich dann mit schlimmen Ahnungen nach dem Rechten sah, da zeigte mir die Cousine eine ganze Reihe von Zeichnungen, welche ihre gewandten Finger geschaffen. Das hübsche, von braunen Locken umwallte Gesicht blickte in lachender Fröhlichkeit zu mir empor, als ich so voll Entsetzen auf diese Thorheit herabschaute. Springende Mäuschen, ein Storch, dem der Frosch davonhüpfte, und eine Unzahl von anderen Thieren und Gestalten – aber kein A und kein B. Ich wußte im ersten Augenblicke vor Verdruß nicht, was ich sagen sollte.

Visionen von dem Erscheinen erzürnter Mütter und dem Ausbleiben des Quartalgeldes drängten sich schwarz und drohend zwischen mich und die lachende Cousine. Ich hörte kaum, daß sie leise, wie entschuldigend, sagte: ‚Es war so langweilig, Du und die Kinder müssen doch auch zeichnen lernen. Sieh nur, wie gerne sie mich leiden mögen!‘

Ich war ganz fassungslos. ‚Geh fort, Malwine. Das – das muß überlegt werden,‘ versetzte ich.

Sie entfernte sich sogleich, aber am Abend kam die Sache wieder zur Sprache, und zwar in Hermann’s Gegenwart. ‚Tante,‘ rief das hübsche Kind, ‚Du bist auch so erschrecklich ernsthaft und griesgrämig wie eine wahre Großmama. Ich glaube, Du rechnest immer.‘

Mein Bräutigam lachte laut. ‚Das thut sie auch, Winchen,‘ rief er, ‚und Du würdest Dich um mich sehr verdient machen, wenn Du sie ein wenig heiterer stimmen könntest. Also Du Schelmin hast es gewagt, allerlei Allotria auf die ehrwürdige Schiefertafel Deiner Cousine zu malen? Was denn zum Beispiel?‘

Malwine stand auf und ahmte unter den possirlichsten Bewegungen die Sprünge eines Kätzchens nach, das auf der Mäusejagd seine ersten Studien macht. ‚Das war das Beste, Vetter,‘ rief sie, ‚die Kinder hätten so gern laut gelacht, aber –‘

Ein komisch schmollender Blick zu mir hinüber vollendete den Satz,

‚Aber der Drache Griesgram versperrte den Eingang der Höhle,‘ lachte Hermann, ‚und die armen Elfen waren gefangen, konnten nicht hinaus in den grünen Wald und ihre Märchenreigen beginnen. Du mußt schon künftig für mich Deine Neckereien malen, kleiner Kobold; ich werde Dir’s nicht verkümmern, weil Du doch immerhin selbst fast noch ein Kind bist.‘

Das Letztere sagte er sehr ernsthaft, aber mit unverkennbarer Absichtlichkeit, mir gegenüber. Ich stand gerade am Plättbrett und kehrte ihm daher den Rücken; er sah nicht, daß Thränen auf die Wäsche fielen.

Meine Mama mochte ahnen, was in mir vorging. Sie stand auf und küßte mich zärtlich.

‚Du hast Recht, Hermann,‘ antwortete sie. ‚Malwine ist noch ein Kind, und muß daher erzogen werden, wie alle Kinder. Ich wüßte nicht, wer dazu passender wäre, als eben Hanne, die seit ihrem zehnten Lebensjahr verstanden hat, wie eine Erwachsene zu denken und zu arbeiten. Ohne sie wäre die Schule nie das geworden, was sie factisch ist, eine Quelle des ehrenhaften Lebensunterhaltes für meine Tochter und mich – Hanne muß daher in ihrer eignen Angelegenheit durchaus selbst disponiren können.‘

Diesen Worten folgte ein längeres Schweigen. Gerade ich war am meisten verstimmt. Mama hatte mich vertheidigt; das that mir im Herzen weh – ich wußte nicht eigentlich, warum. In die Schule kam Malwine seitdem nicht mehr, aber auch bei anderen Arbeiten, welche man ihr übertrug, machte sie es nicht besser, als dort mit der Schiefertafel. Es mußte ihr eben Alles zum Vergnügen dienen und, was das Aergste war, sie gewann spielend überall die Herzen.

Einmal, als ich aus Hermann’s Laden die nöthigen Gardinenstoffe geholt, um zuzuschneiden und zu nähen, da verschwand Malwine aus dem Wohnzimmer, und als ich, ihrer Thorheiten wegen in steter Unruhe, fortging, um sie zu suchen, da traf ich sie vor dem Spiegel der kleinen Schlafkammer, auf einem Stuhle stehend, völlig als Orientalin costümirt. Sie hatte mit ihrer wunderbaren Geschicklichkeit den rothen französischen Kattun und den weißen Tüll derartig drapirt, daß ihr Schelmengesichtchen, wie aus Wolken heraus, in den Spiegel blickte. Bei meinem Anblick sprang sie erschreckt vom Stuhl und flüchtete zur Thür,

‚O Tante, nimm es nicht übel!‘ schmeichelte sie. ‚Mache kein so böses Gesicht! Sieh doch, steht mir nicht Dein Kattun zum Entzücken?‘

Mama öffnete neugierig die Thür, und so kam es, daß Hermann die ganze Geschichte mit ansah. Er lachte und fragte, ob die reizende Odaliske geneigt sei, mit ihm eine Cigarre zu rauchen. Malwine sprang eiligst zu ihm, und ich glaube wohl, daß sie den Scherz noch weiter ausgedehnt haben würde, wenn nicht Mama höchst ärgerlich dazwischen getreten wäre.

‚Du solltest Dich schämen, Malwine,‘ hörte ich sie sagen, ‚noch ist Dein Vater kaum seit zwei Monaten begraben, und Du hast ihn bereits völlig vergessen. Nimm den rothen Stoff fort! Er ist eine Beleidigung für Deine Trauerkleider.‘

‚In der That, Cousine,‘ fügte ich hinzu, sehr unangenehm berührt von dem Anblick der vielen Falten, welche meine Gardinen aufzeigten, ‚Du bist unglaublich kindisch für Dein Alter. Geh’ und nimm Dein Strickzeug! Heute hast Du noch keine zehn Maschen gemacht.‘

Malwine schälte sich hastig aus der Umhüllung der Orientalin heraus. Sie schluchzte leise, aber ohne zu antworten. Ich fand, daß sie nie hübscher gewesen war, als in dieser Verwirrung ihres ganzen Wesens. Hermann hatte bis jetzt geschwiegen, aber ich bemerkte mit Herzklopfen auf seiner Stirn jene Falten, welche die Augenbrauen herabzogen – das war ein Zeichen von Unmuth; ich kannte es genau.

‚Geh’ fort!‘ wiederholte ich leise.

Da aber räusperte sich mein Bräutigam. ‚Winchen,‘ sagte er, ‚und auch Du, Hanne – wie wäre es, wenn wir einen Spaziergang machten? Der Abend verbringt sich angenehmer im Freien, als hier drinnen in den engen Zimmern.‘

Ich erröthete vor Zorn. ‚Entschuldige, Hermann!‘ rief ich, vielleicht etwas rasch. ‚Ich habe zu thun.‘

‚Noch jetzt, nach dem Abendessen, Hanne?‘

‚Noch jetzt, Hermann!‘ versetzte ich trocken.

‚Ach – das thut mir leid. So komm’ denn, Winchen! Dein Strickzeug wird nicht einrosten bis morgen.‘

Das arme Kind stand verlegen mitten im Zimmer, ohne zu wissen, was es thun sollte. Die Thränen hingen noch an den Wimpern, während der Mund bereits wieder lächelte.

‚Tante – darf ich?‘ fragte sie mich schüchtern.

Wieder mischte sich Mama in scharfem Tone ein.

‚Kind, ich begreife nicht, weshalb Du Deine Cousine so beharrlich „Tante“ titulirst?‘ fragte sie. ‚Ich bin es, die Du so nennen solltest.‘

Malwine wurde purpurroth.

‚O bitte,‘ flüsterte sie verlegen, ‚ich will es nicht wieder thun. Es kam wohl, weil die Cousine so viel älter ist, als ich.‘

Hermann stand abgewandt und sah zum Fenster hinaus. Ich freute mich unsäglich, daß ihm mein Erschrecken in dieser Weise entging. War es doch, als habe die Bemerkung des ahnungslosen Kindes plötzlich einen Feuerbrand in meine Seele geworfen. Ja, ja, ich war viel, viel älter.

‚Setze Deinen Hut auf, Winchen!‘ warf Hermann in die verlegene Pause hinein. ‚Dort kommen Bekannte von mir, denen ich Dich vorstellen will; mach’ fort! Du darfst es.‘

Sie schlüpfte hinaus, wahrscheinlich weil sie der Versuchung, einen Spaziergang in größerer Gesellschaft zu machen, nicht widerstehen konnte. Als sich die Thür hinter ihr geschlossen, trat Hermann zu mir und wollte meine Hand erfassen, die ich ihm jedoch schnell entzog.

‚Hanne,‘ sagte er, ‚findest Du nicht, daß Ihr Beide, Mama und Du, dem armen Kinde gegenüber viel zu strenge seid? Mir däucht, Ihr laßt es Winchen bitter fühlen, daß sie eine unwillkommene Bürde ist.‘

[308] Ich sah ihn nicht an. ‚Mama,‘ sagte ich laut, ‚Hermann spricht mit Dir.‘

‚Nein, Hanne,‘ rief er nachdrücklich, ‚mit Dir selbst, und ich denke, daß mir auf alle Fälle eine Antwort zu Theil werden wird. Am besten wäre es, Du gingest mit uns; ich bitte Dich wirklich darum, mein –‘

Ich unterbrach ihn, spöttisch lachend. ‚Willst Du nicht vielleicht gar, daß ich die Cousine um Verzeihung bitte, Hermann?‘ rief ich, so gereizt wie nie zuvor.

Er sah mich trüben Blickes an. ‚Aus Deinen Worten spricht das Bewußtsein der Härte,‘ hörte ich ihn sagen.

Dann kam Malwine zurück, und unser Gespräch war beendet. Sie trug an diesem Abende einen schwarzen Barège-Anzug und einen Strohhut mit schwarzen Federn, dazu eine lange goldene Kette, das einzige Andenken an ihren verstorbenen Vater. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, schwebt mir‘s vor, wie reizend sie aussah.

Es traf sich, daß wir Beide vor dem Spiegel standen, als sie treuherzig die Hand ausstreckte, um mir Adieu zu sagen. Hermanns Blicke ruhten auf uns – ich zog die Rechte zurück, wie von einer Schlange gestochen, und verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer.“

[322] „Von meinem Erkerstübchen aus sah ich Hermann und Malwine über die Straße gehen,“ fuhr die Großtante in ihrer Erzählung fort. „Sie gesellten sich zu den übrigen Promenirenden, und ich bemerkte, daß mein Bräutigam die Cousine vorstellte, ebenso, daß er die Achseln zuckte, als ihn Jemand aus der Gesellschaft anredete. Dabei drehte er sich um und sah zu unserm Hause zurück.

Mich überlief es heiß. Jetzt antwortete er wohl auf die Frage nach mir: ‚Ja, die arbeitet noch; die ist nicht herauszulocken – sie hat fortwährend zu thun.‘

Und immer böser, immer trotziger wurde es in mir. Als die plaudernde Gruppe nicht mehr zu sehen war, trat ich vor den Spiegel und studirte das eigene Aeußere. Das geschah zum ersten Male in meinem Leben. Sonst sah ich wohl flüchtig in das handgroße Glas, wenn ich ausgehen wollte, oder mich frisirte, aber nie hatte ich Zeit oder Neigung gehabt, vor demselben zu träumen. Heute that ich’s.

Ja, ja, die achtundzwanzig Jahre standen in lesbaren Zügen auf meiner Stirn verzeichnet. Die Frisur war einfach und der Anzug sauber, aber – was sagte das Alles im Vergleiche zu den braunen Sammetaugen meiner Cousine, zu ihrem weißen Teint und den seidenen Locken!

Ich hatte gearbeitet und gerechnet, so lange schon, – sie war ein lachendes, fröhliches Kind. Warum that mir der Unterschied so weh, warum träufelte er ein gährendes Gift in das sonst so ruhige Herz? Ich biß mich so lange auf die Lippen, bis das Zucken derselben vorüber war. Heute Abend wollte ich ja nicht weinen – um keinen Preis, und hätte mich der Zorn erstickt.

Als ich in’s Wohnzimmer hinab kam, versuchte Mama mich zu trösten und gegen Hermann Partei zu nehmen, aber ich schnitt ihr sogleich in unfreundlichster Weise das Wort ab. Nachher hat mir es oft leid gethan, wie hart ich die alte Frau behandelt, aber an diesem Abende konnte ich von Hermann nicht sprechen hören, konnte nicht zugeben, daß ich beleidigt worden sei – jeder Blutstropfen kochte in mir.

Als später die Beiden lachend und plaudernd nach Hause kamen, von mehreren Anderen begleitet und in der heitersten Stimmung, da ließ ich mich nicht mehr sehen. Mama sagte mit sehr trockenem Tone, daß ich bereits zu Bette gegangen sei.

Das war zum ersten Male ein offener Zank zwischen meinem Verlobten und mir; ich breitete unwillkürlich die Arme aus, als er die Treppe hinab ging – wie konnte ich ihn auch ohne ‚Gute Nacht‘, ohne Versöhnung fortgehen lassen!

‚Hermann‘, flüsterte ich leise, ‚Hermann!‘

Da stand er still unten bei der Hausthür, als habe er noch etwas vergessen. ‚Hanne,‘ hörte ich ihn halblaut rufen, ‚Hanne, schläfst Du schon?‘

Ich biß die Zähne zusammen, um nicht vor Schmerz zu schreien. Und wäre er fortgegangen für immer – ich konnte dem Eigensinne nicht gebieten. Er wartete noch einige Augenblicke, dann sprang er in schnellem Tempo die Treppe hinauf und legte den Mund an das Schlüsselloch. ‚Hanne, Du schläfst nicht, ich weiß es – sag’ mir ein gutes Wort!‘

Aber ich blieb stumm, ganz stumm. Alle sanften Regungen waren wie durch einen Zauberschlag in mir erstorben, sobald seine Stimme erklang. Wieder verging eine qualvolle Pause. Ich hörte ihn seufzen und leise husten, wie immer, wenn er in Aufregung gerieth. Seine Brust war nicht die stärkste. ‚Gute Nacht, Hanne,‘ flüsterte er mit traurigem Tone. ‚Ich will Dir doch einen ruhigen Schlaf wünschen, wenn Du selbst für mich keinen freundlichen Gedanken hast. Aber – möchtest Du nie mit Reue an diese Stunde zurückdenken müssen, Hanne!‘

Mich trafen die Worte wie glühende Tropfen, einzeln auf das Herz fallend, aber dennoch fühlte ich ein unaussprechliches Entzücken bei dem Gedanken, daß Hermann sehr wohl wisse, ich wolle nicht antworten. Er sollte sich grämen, das wünschte ich – eben weil ich ihn so sehr, so innig liebte. Mag das Jeder widersinnig nennen, der es nicht selbst erfahren hat; ich weiß doch, daß es Wahrheit ist.

Nachdem Hermann gegangen, und die Hausthür von Mama geschlossen worden war – der Ton schnitt mir durch’s Herz – beeilte ich mich, wirklich zu Bett zu gehen. Winchen sollte wenigstens meine entsetzliche Aufregung nicht bemerken. Ich drehte das Gesicht gegen die Wand und schloß die Augen, als ihr leichter Schritt die Treppe herauf kam. Mochte sie glauben, daß ich schlafe.

Malwine schlich leise an mein Bett heran und küßte mich. ‚Tan– Cousine,‘ flüsterte sie, bittend wie ein gescholtenes Kind, ‚sei mir nicht mehr böse! Sieh, wir haben Dir ein Bouquet gepflückt, die Anderen und ich – ach, es war himmlisch draußen vor der Stadt. Das nächste Mal mußt Du unter jeder Bedingung mit uns gehen, Hanne. Sieh einmal, das ist Waldmeister, und hier ein blaues Vergißmeinnicht – das hat Hermann für Dich gepflückt.‘

Ich drehte mich hastig herum. Warum nannte das Kind seinen Namen?

‚Malwine,‘ antwortete ich in strengem Tone, ‚man weckt nicht die Leute, um sie mit kindischem Geplapper zu unterhalten. Jetzt schweig’!‘

Und dann warf ich das Bouquet achtlos bei Seite und strich einige herabgefallene Blüthen – es war das Vergißmeinnicht – von der Decke herab, wie man etwas Unsauberes, Lästiges sorgfältig entfernt. Nur einer der kleinen blauen Sterne war in eine Falte gerollt, ganz nahe zu mir heran. Winchen konnte ihn nicht sehen – den ließ ich an seinem Platze und schloß die Augen, wie gelangweilt, erzürnt im höchsten Grade.

Als Malwine, bitterlich weinend, zu Bette gegangen war, lag ich die ganze Nacht, ruhelos und mit den qualvollsten Gedanken beschäftigt, ohne zu schlafen. Die kleine Blüthe hielt ich zwischen den Fingern – am Morgen war sie schwarzer Staub geworden.

Seit diesem Tage schien zwischen meinen Verlobten und mich ein Schatten getreten zu sein, der sich nicht wieder lichtete. So oft er bat, daß ich an Sonntagen oder am Abende mit ihm ausgehen möge, verweigerte ich meine Zustimmung, und eben so häufig folgte darauf ein stummes unerquickliches Beisammensein, bis endlich zuweilen Tage vergingen, in denen Hermann gar nicht zu uns kam. Ich wünschte mit brennender Sehnsucht den Zeitpunkt meiner Heirath herbei, um nur diesem unhaltbaren Zustande ein Ende zu machen. Früher, ehe Malwine in das stille ehrbare Haus eine so plötzliche Veränderung hineingebracht – ach, früher war Alles anders gewesen.

Und Hermann schien jetzt bitter zu werden, so oft er mit der Cousine von mir sprach. Hatte er noch kürzlich gelacht, als von meiner Pedanterie die Rede war, so klang sein Ton jetzt spöttisch. Einmal sprachen wir von Namen, und da meinte Malwine. daß doch ‚Hanne‘ ein ausgesucht häßliches Wort sei. ‚So gewöhnlich,‘ sagte sie in ihrer lachenden, muthwilligen Weise, ‚ich hätte mir eine ‚Hanne‘ nur als eine Magd mit großen dummen Augen und röthlichem Haare denken können, als einen weiblichen Hans.‘

Die Anderen lachten, nur ich nicht. Was ging das Kind mein Name an? Mochte doch das Wort Hanne so häßlich sein, wie es mochte, ich selbst war ja häßlich.

‚Wenn ich Johanna hieße,‘ plauderte das Kind weiter, ‚so dürfte mein Name nicht derartig zerhackt werden. Man müßte mich wenigstens Jone nennen.‘

Hermann lächelte. ‚Wie Du Alles in’s hellste Licht zu setzen verstehst, Winchen!‘ antwortete er. ‚Ach, das ist ein wahres Gottesgeschenk.‘

Mama zuckte die Achseln. ‚Pflegt gewöhnlich mit schlimmem Unkraute auf Einem Acker zu wachsen,‘ antwortete sie. ‚Leichter Sinn und – Leichtsinn, das ist nichts so sehr Verschiedenes.‘

Winchen erröthete stark. Ich sah das überhaupt in der letzten Zeit sehr häufig an ihr.

‚O,‘ sagte sie verwirrt, ‚Tante, das meinst Du gar nicht so. Ich finde, wir könnten die Cousine füglich umtaufen und aus [323] der Hanne eine Jone machen, schon wegen der Heirathsanzeige. Wie müßte es wohl aussehen: ‚Hanne Herbold!‘ – nein, nein, das geht nicht. Vetter, was sagst Du?‘

Seine Antwort blieb aus, und das machte mich stutzig. Ich blickte zu ihm hinüber. Sein Gesicht zeugte eher von allem Anderen, als von einer harmlosen Spielerei. Er sah fast böse aus.

‚Frage sie selbst, ob es geht!‘ versetzte er, ‚ich – weiß es nicht.‘

Meine Mama saß so bolzengerade am Tische und hielt die Lippen so fest aufeinander gepreßt, daß ich förmlich erschrak. Erst lange nachher wurde es mir klar, warum sie in dieser ganzen Zeit so wortkarg und verschlossen gewesen. Ihr Blick hatte tiefer auf den Grund gesehen, als der meine.

Winchen strickte emsig, während Purpur ihre Wangen überflog. Das arme Kind fühlte, daß es wieder etwas Ungehöriges gesagt, ohne doch eine schlimme Absicht gehabt zu haben. Hermann entfernte sich auffallend früh.

Am andern Tage traf es sich zufällig, daß ich mit der Mama über die Tapeten für das künftige Wohnzimmer sprach und daß dabei eine Meinungsverschiedenheit sich herausstellte. ‚Nun,‘ sagte ich, ‚lassen wir es ruhen, bis er da ist!‘

Bei diesen Worten hüpfte Malwine ganz vergnügt zu uns heran und rief unbefangen: ‚Hermann kommt heute Abend nicht!‘

Wir Beide sahen sie überrascht an. ‚Woher weißt Du das, Winchen?‘

‚Nun,‘ versetzte sie, ‚er hat mir’s gesagt. Ist das solches Wunder?‘

Mama winkte mir verstohlen. ‚Kind,‘ sagte sie, ‚wie kam er dazu? Was kann es Dich interessiren, ob er seine Braut besucht oder nicht?‘

Winchen sah sehr verblüfft aus. ‚Er weiß, daß ich mich immer über sein Kommen freue, Tante. Der Vetter ist doch – lustig und – und gütig mit mir. Ihr Beide seid so still – ganz anders als ich.‘

Mama antwortete nichts, aber am Abende nahm sie mich bei Seite und erklärte rund heraus, die Cousine müsse bis nach meiner Hochzeit bei einer andern Tante bleiben. ‚Ich will noch heute schreiben,‘ setzte sie hinzu, ‚und Du wirst es mit Hermann ausmachen, daß er mir dem Kinde keine Widerreden in den Kopf setzt. Fort soll sie.‘

Ich sah Mama voll Verwunderung an. ‚Weshalb das?‘ fragte ich. ‚Und was könnte es meinen Bräutigam kümmern, wohin Malwine geht.‘

Mama schüttelte den Kopf. ‚Du willst nicht sehen Hanne,‘ sagte sie endlich.

Alles Blut trat mir in’s Gesicht. Ich wußte kaum, was ich sprach.

‚Mama, Du beleidigst ihn furchtbar. Du hältst den besten, ehrenhaftesten Mann eines Bubenstückes fähig,‘ rief ich, wie außer mir. ‚Sprich, hast Du Beweise?‘

Mama lächelte seltsam. ‚So schlimm ist die Sache noch nicht, Hanne, aber – eben darum will ich Malwine bei Zeiten fortschicken.‘

Jetzt lachte ich – vor Glück, vor Aufregung? – ich wußte es selbst kaum. Mama hatte also Nichts gesehen, sondern nur etwas vermuthet; das war genug, um mich zu beruhigen. Wenn man so grenzenlos liebt, wenn man durch lange Jahre nur einen einzigen Wunsch, einen Gedanken gehabt hat, dann umhüllt ja geistige Blindheit die Sinne. Es ist dem reinen Herzen gleichsam unmöglich, einen Verdacht gegen sein Theuerstes überhaupt aufkommen zu lassen. Dennoch aber vergaß ich die Sache nicht wieder, und als späterhin Mama in Hermann’s Gegenwart von Malwinens bevorstehender Reise sprach, da beobachtete ich unter peinlicher Angst sein Gesicht; aber ich entdeckte nichts. Er wurde etwas blasser, schien mir, und auch das kurze Husten hörte ich, sonst blieb er gleichgültig wie zuvor.

‚Weiß Winchen schon davon?‘ fragte er nach einer Pause.

‚Nein,‘ versetzte Mama. ‚Ich hoffe übrigens, daß Du sie mir nicht rebellisch machen werdest, mein lieber Sohn.‘

Da sah er jäh und erstaunt empor.

‚Ich, Mama? Wie käme ich dazu? Laß’ sie in Gottes Namen reisen! Mir ist es recht. Uebrigens war ich bekanntlich von jeher derjenige, welcher behauptete, daß Winchen zu Euch durchaus nicht paßt. Bei Tante Elisabeth ist sie viel besser aufgehoben.‘

Meine Blicke suchten Mamas Gesicht. ‚Siehst Du!‘ sagten sie, ‚siehst Du! Ich wußte es ja.‘

Hermann war aufgestanden und zündete seine Cigarre an.

‚Wenn ich nicht in letzterer Zeit immer mit allen meinen Vorschlägen bei Euch eine ungünstige Aufnahme gefunden hätte,‘ fuhr er fort, ‚so würde ich längst ausgesprochen haben, daß Winchen von hier fort muß. Morgen fahre ich, einiger Einkäufe wegen, in die Residenz. Ist’s Euch recht, so bringe ich das Kind zur Tante.‘

Mama wandte sich ab. ‚Ich denke,‘ versetzte sie trocken, ‚so schnell geht es nicht.‘

‚Nun, wie Ihr wollt.‘

Es wurde jetzt nicht mehr über die Sache gesprochen, aber obgleich ich fast beruhigt war, schien mir doch die ausdrückliche und mehr als ruhige Zustimmung meines Verlobten wieder etwas auffallend. Er hatte nicht gesprochen, als sei ihm die Sache gleichgültig, sondern vielmehr sehr erwünscht. Eine heimliche Unruhe fieberte in mir fort. Ich konnte jetzt den Augenblick, wo Malwine abgereist sein würde, kaum mehr erwarten.

Sie selbst nahm die Veränderung der Dinge nur mit Ueberraschung, aber ohne Verdruß, entgegen.

‚Tante Elisabeth hat mehrere Töchter,‘ hörte ich sie sagen, ‚und ich weiß auch, daß dort im Hause viel Leben ist, viel Besuch; dahin gehe ich gern, nur –‘

Ich fixirte sie scharf. ‚Nur, Winchen?‘

‚Nur, daß ich Hermann nicht mehr sehen werde, bis Ihr verheirathet seid, Cousine! Und dann bleibt er natürlich immer zu Hause. Er hatte mich gern, glaube ich.‘

In diesen Worten lag eine stille, uneingestandene Klage. Wir Beide, die Mutter und ich, ernste und arbeitende Frauen, denen das Leben mit harter Hand von jeher alle Blüthen abgestreift, wir hatten freilich das verzogene einzige Kind des Oheims nie so recht gern gehabt, das ließ sich nicht leugnen. Er war ein Künstler, ein lustiger, thörichter Künstler, der es nie verstanden, mit dem Seinigen Haus zu halten, und der seine Tochter gleich einer wilden Rose emporblühen ließ, ohne Anderes auszubilden, als das reine, zärtliche Kindesherz. Malwine hatte nichts gelernt, um auf eigenen Füßen stehen zu können, ja, sie verstand es nicht, die Strümpfe für ihr zierliches Füßchen selbst anzufertigen. Daher schickte sie der Sterbende zu seiner Schwester, im richtigen Gefühl dessen, was der hübschen Waise Noth that.

Aber das ging nicht so schnell. Zwischen hüben und drüben lag ein Meer von Verschiedenheit, und so fand das Kind des todten Malers im Hause seiner Tante Alles, was nützlich und nothwendig war, nur das Eine nicht, wonach es sich so schmerzlich sehnte – die Liebe.

Mama war nicht im Zimmer; das freute mich herzlich. Was mir Malwine sagte, trug den Stempel unschuldigster Offenheit, aber dennoch konnte es falsch verstanden werden. Gut sein und – gut sein, das ist häufig ein himmelweiter Unterschied.

Ich sprach während der drei Tage, an denen Malwine noch bei uns weilte, mehr und freundlicher mit ihr, als jemals zuvor. Ich überzeugte mich vollständig, daß mir das ahnungslose Kind nichts zu verheimlichen habe. Milder und weicher wurde es in meiner Seele; ich beschloß, auch mit Hermann ein besseres, innigeres Verhältniß wieder herzustellen, bevor ich den Schwur am Altar leistete. Es sollte nichts Halbes, Getrübtes sein, das ich ihm entgegenbrachte.

Er kam während dieser Zeit äußerst selten, und als er am letzten Abend vor Winchen’s Abreise in meiner Gegenwart von dieser Abschied nahm, geschah das mit fast kalter Gleichgültigkeit. Sie bot ihm mit Thränen in den Augen die frischen Lippen zum Kuß – o gewiß, Winchen war unschuldig und rein wie die Sonne am Himmel – ich wartete athemlos auf das, was er thun würde. Hermann schien es nicht zu bemerken.

‚Adieu, Kind,‘ sagte er, ‚bis auf Wiedersehen! Die vier Wochen sind leicht herum und – zur Hochzeit darfst Du ja nicht fehlen.‘

‚Ach!‘ rief sie sehr erfreut, ‚das ist gut. Dann kann ich schon ein weißes Kleid anziehen und tanzen, nicht wahr, Tante?‘

Er nickte, und seine Lippen verzogen sich sonderbar. Man konnte dieses Zucken nicht ein Lächeln nennen.

[324] ‚Verlaß’ Dich darauf – zur Hochzeit sollst Du wieder hier sein, Winchen.‘

Dann reichte er mir die Hand und ging fort, ohne die Cousine wieder anzusehen. Leichten Herzens begann ich die Garderobe Malwinens zu packen und Einiges, das noch der ausbessernden Hand bedurfte, nachzusehen. Das Kind selbst bekümmerte sich um solche Dinge nicht freiwillig; am letzten Abend des Beisammenseins aber wollte ich allen Streit vermeiden und that das Nöthige mit eigener Hand. Mama war ausgegangen, und Winchen bei einer Nachbarin, der sie Adieu sagte.

Es mochte etwa zehn Uhr Abends sein, und der Garten hinter unserem kleinen Hause, welcher gleich denen der angrenzenden Grundstücke, auf eine Wiese hinausführte, war fast ganz dunkel. Die Nachtigallen sangen in den hohen Bäumen, und der Wind trug Wogen von Blumenduft hinein in die geöffneten Fenster, aber ich dachte nicht weiter an die Schönheit des Abends, sondern begann es seltsam zu finden, daß Winchen so lange ausblieb. Sie konnte freilich von einem Garten zum anderen gehen, war ganz in der Nähe, aber dennoch begriff ich nicht, was sie bei der alten Nachbarin festhielt.

Meine Hände glätteten das letzte Wäschestück; jetzt lag Alles sauber und zierlich im Koffer. Ich wollte ihn schließen und dann die Kleinigkeiten in die Ledertasche packen. Da wehte wieder der Abendwind die Blumendüfte in’s Fenster, und es fiel mir ein, daß ich noch etwas Reseda zwischen die Taschentücher schieben könne. Vielleicht gab es ja dabei eine Gelegenheit, Malwine zu rufen; sie sollte um fünf Uhr Morgens aufstehen, und ich kannte ihre Neigung, lange zu schlafen; es war also die höchste Zeit.

Als ich in den Garten kam, sah ich in den Fenstern der Nachbarin kein Licht mehr; das war höchst auffallend. Wo konnte das Kind sein? Ein wunderliches Etwas schnürte mir die Brust zusammen. Ich wollte es heftig abwehren, aber es kam immer wieder, halb wie eine Frage, halb wie leise Furcht; es brannte mir heiß im Gehirn.

Nur schnell einige Blüthen vom Resedabeet – und dann mußte ich Malwine finden um jeden Preis. Nochmals blickte ich zurück, im Nachbarhause waren die Läden verschlossen, und Alles war dunkel. Flüchtigen Fußes durcheilte ich den Garten. Das Beet lag weit entfernt, und ich hatte ja Eile. Meine Hand raffte hastig die duftigen Blumenhäupter von den Stielen.

Um mich herum glühte der Sommer in höchster Schöne; das geheimnißvolle Weben der Nacht sang und klang in leisen Stimmen, hier raschelnd, dort fliegend – und dann wieder ein leiser Laut aus Vogelbrust, ein Locken und Flüstern von den nächsten Zweigen. So schön rings die ganze Natur, so wonnig und süß in berauschender Sommernacht, und dennoch – was klang durch die Stille, dort von drüben her, vom Flußufer, wo die alten Pappeln mit glänzendem Weiß ein Dach bildeten – ein dunkles einsames Versteck unter Blumen und Nachtigallen – Was? – Was? – Ich hörte es so deutlich – ein Schluchzen.

Die Resedablüthen fielen in das Gras. Meine Augen versuchten, das Dunkel zu durchdringen – ich horchte angestrengt – athemlos. Und dann kam es wieder – noch stärker, anhaltender als das erste Mal. Woher der Eisfrost in der Julinacht? – Wie der Tod lief mir’s durch alle Glieder. Die dort weinte, war Malwine, und was sie sprach, war ein theurer wohlbekannter Name.

‚Hermann, Hermann, das ist Sünde. Sag’s nicht wieder, das schlimme Wort!‘

Ich griff in die Stachelbeerhecke, unbekümmert um ihre Dornen; ich brauchte eine Stütze für den kurzen Weg bis zur Wiese, an deren Rand der Fluß dahinlief. Schwankend ging ich weiter.

‚Sei stille, Winchen!‘ hörte ich Hermann’s Stimme sagen, ‚es muß sein, ob’s auch Sünde ist. Kann man das ganze Lebensglück dahingeben, nur um ein Versprechen zu halten, das uns in Fesseln schlägt? – Hanne ist eine starke, willenskräftige Natur. Sie wird es ertragen; sie weiß es, glaube ich, schon.’

‚O Hermann,‘ flüsterte Winchen, ‚wie sollte sie? – Wußte ich doch selbst nichts.‘

‚Du süßes Kind,‘ sagte er zärtlich, so weich und lieb, wie er zu mir seit langer Zeit nicht mehr gesprochen, ‚Du kleines gefangenes Singvögelchen, fühlst Du es nicht, daß wir uns frei machen müssen, alle Beide? Ich habe gegen Dich geschwiegen, weil es mir unredlich schien, zu sprechen, so lange Du bei der Tante im Hause warst; ich fand nicht den Muth, sie unter ihrem eigenen Dache zu betrügen, aber jetzt will ich ihr Alles ehrlich gestehen.‘

Malwine seufzte tief. ‚Gute Nacht!‘ flüsterte sie, ‚ich muß fort, Hermann. O, was Du sagst, ist ein wilder, schrecklicher Traum.‘

Ein Geräusch in den Zweigen entstand. Er mochte sie fest an seine Brust pressen.

‚Gute Nacht, Winchen, gute Nacht, mein herziges Mädchen! Aber sag’ mir’s, bist Du dem Vetter, der so viel älter ist, als Du selbst, nicht ein klein wenig gut?’

Da tönte wieder jenes leise Schluchzen durch die Sommernacht. ‚Hermann, wie Du fragst! Warst Du nicht der Einzige, von dem ich freundlich aufgenommen wurde, der Einzige, welcher mich nicht stündlich fühlen ließ, daß man mir jedes Stück Brod schenkte – und ungern schenkte?‘

‚Ja,‘ sagte er tief erschüttert, ‚ja, Kind, Du armes Herz, das sich zu dem anderen verarmten naturgemäß fand. Es mußte dahin kommen, und Hanne allein trägt die Schuld. Jetzt geh’, damit nicht noch so kurz vor dem Scheiden eine Scene entsteht. Gieb mir den Kuß, den ich vorhin ausschlug, mein Liebling!’

‚Hermann – ach, wie soll ich Deiner Braut wieder in’s Auge sehen?’ schluchzte Winchen.

‚Meiner Braut?‘ wiederholte er traurig. ‚Hanne ist es längst nicht mehr.‘

Das war das Letzte, was ich hörte. Ich muß wohl ohnmächtig geworden sein, denn als ich wieder völlig zur Besinnung kam, befand sich Niemand in meiner Nähe. Eisiger Frost durchschauerte mich; der Kopf war schwer wie Blei, und die Hände bluteten von der Berührung der Dornen.

Wie vernichtet im Innersten, ging ich nach Hause. Hermann hatte Recht: Wozu eine Scene?“

[339] „Ich legte mich in der Schulstube auf einige Bettstücke, vorgebend, daß ich unwohl sei und allein zu bleiben wünsche,“ erzählte die Großtante weiter. „Mein Aussehen bestätigte nur zu deutlich das Gesagte. Ohne daß ich den Wunsch aussprach, hielt die Mutter Winchen von mir fern – ich sah die Cousine nicht wieder, und am folgenden Morgen reiste sie ab.

Erst jetzt sagte ich meiner Mutter Alles. Das ließ sich ja nicht vermeiden und war bei mir in der langen ruhelosen Nacht zum festen Entschlusse geworden. Ob der Schlag mich noch so furchtbar traf, ob ich sehnlich wünschen mußte, von hier fort zu gehn, auf Nimmerwiederkehr, ich durfte es nicht. Aufgerichtet und mit gefalteten Händen saß ich die ganze lange Nacht hindurch und sah starr in’s Leere. In mir war Alles todt, als sei nur das Räderwerk zurückgeblieben und die Seele entflohen, verscheucht durch das schreckliche Wort: ‚Meine Braut ist Hanne längst nicht mehr.‘ –

Ja, ja, ich hätte fliehen mögen, weithin an das Ende der Welt, und niemals – niemals wiederkehren.

Es war eine helle Julinacht, und Mondlicht und Sonnenaufgang rangen mit einander, als noch Alles im festen Schlafe lag. Ich sah die alte Schulstube an, und die Wände und Bänke gaben mir den Blick zurück – wir verstanden einander. In diesen engen Mauern war ich geboren; hier hatte ich gearbeitet und mit dem Leben gerungen, seit der Vater gestorben, vor fast zwanzig langen Jahren schon. Ich mußte bleiben, mußte ferner die alte Mutter ernähren und geduldig ertragen, was Gott gesandt; wir durften nicht scheiden, die alte Schulstube und ich.

Ich lehnte den Kopf gegen den großen braunen Tisch, und eine weiche Ruhe kam über meine brennenden Gedanken. Ich wußte es, nur noch mein sterbliches Theil wirkte und schaffte fort – ich selbst war todt. –

Und am Morgen, nachdem Winchen abgereist, sprach ich mit der Mutter. Sie weinte leise und wollte mich an ihre Brust ziehen, mich trösten, aber ich schüttelte den Kopf und sah ihr fest in’s Auge. ‚Nun kein Wort mehr, Mutter, kein einziges! Wir müssen es tragen, und Gott wird Kraft geben, weil uns das Unglück schuldlos traf. Geh’ Du zu Hermann! Bring’ ihm den Ring und seine Briefe! Wozu fremde Leute einweihen?‘

Die alte Frau schluchzte laut. ‚Um des Himmels willen, Hanne, sprich nicht so unnatürlich ruhig, weine, weine, laß den Schmerz austoben! Du stirbst daran, wenn es so innerlich fortgährt. Zieh’ den Ring nicht ab, vielleicht –‘

Aber ich unterbrach sie. ‚Nein, Mutter, das wäre zu spät,‘ versetzte ich, ‚er muß jetzt die Cousine heirathen, wenn er will, daß ich ihn noch achte. Bitte, sprich nicht mehr davon!‘

Ich zog den Ring ab und überwand den heftigen Wunsch, laut heraus schreien zu dürfen, wie ich überhaupt im Leben immer gelernt hatte, das Nothwendige zu thun und nicht nach rechts noch links vom Wege mich verlocken zu lassen. Dann schrieb ich an Hermann, gab ihm sein Versprechen zurück und sagte, daß Alles verziehen sei. Als ich aber, am Fenster stehend, die Mutter fortgehen sah, meinen Ring und das ewig trennende Wort mit sich nehmend, da brach die mühsam behauptete Kraft. Eine zweite Ohnmacht folgte der ersten und ging über in ein Nervenfieber, das mich wochenlang an’s Krankenbett fesselte.

Meine Seele war stark geblieben, aber der Leib wäre fast erlegen. Ueber Eines half mir die Krankheit mit linder Hand hinweg, über das tödtlich schreckliche Mitleid der Bekannten. Als man mich wiedersah, da war die Sache nicht mehr neu, und ich sah auch zu hinfällig aus, als daß es Jemand gewagt hätte, mir noch Schmerz zu bereiten.

Winchen hatte nicht nach mir gefragt, Hermann dagegen jeden Tag; der Mutter war auch eine Geldsendung von unbekannter Hand zugegangen – natürlich von ihm. ‚Was sollte ich machen, mein Herzenskind?‘ fragte sie mit zitternder Stimme. ‚Du hättest keine Medicin bekommen, ohne dieses Geld.‘ Ich wendete mich ab. Das war bitter wie der Tod, aber – ich kannte es ja, was Leiden und Dulden ist. Ich war so grau, so alt geworden unter stetem Entsagen.

Und dann kam noch ein schrecklicher Tag, bevor wieder Alles im alten Geleise fortlief, der Tag, an welchem er und sie getraut wurden. Die Kirchenglocken klangen zu mir herüber, und ich saß mit gefalteten Händen am Fenster, regungslos, wie erstorben. Draußen spielte der Herbstwind mit welken Blättern, und so, ganz so sah es auch aus in meiner Seele. Die weißglänzenden Pappelblätter waren längst dahin; die Resede war verblüht und das Grün verweht – Alles, Alles todt.

Jetzt schwiegen die Glocken – nun sprach der Geistliche; nun wurde jener Eid geschworen, der mir das Herz brach. Ich drückte krampfhaft beide Hände auf die Brust – was konnte mir noch Schmerz bereiten, nun ich diese Stunde überlebt?

Und auch das ging vorüber, auch das trat zurück im ewigen Wechsel der Dinge. Ich unterrichtete wieder nach wie vor die kleinen Kinder im ABC; ich hielt ruhig die Tafel in der Hand, auf welche Winchen damals ihre Spielereien gezeichnet, und arbeitete fort wie immer. Nur sprach ich noch weniger, als sonst, und über meinem Haare lag es wie ein weißer leichter Reif.

So gingen Jahre hin, eintönig, ohne Unterbrechung wie ein Traum, den nur bisweilen eine Nachricht von draußen her unterbrach. Ich hatte weder ihn, noch sie wiedergesehen, aber fremde Leute sagten mir, daß es mit denn Geschäfte rückwärts gehe und mit Hermann’s Gesundheit noch mehr. Winchen war keine Hausfrau; sie hielt Dienstboten, gab Gesellschaften und putzte sich mehr, als es in ihren Verhältnissen angebracht war. Nachdem die äußeren Angelegenheiten schlechter und schlechter geworden, hatte Hermann sie freundlich gebeten, daß sie einlenken möge, so lange es noch Zeit sei, aber darauf folgten nur Thränen, Versprechungen und Schmollen ohne wirkliche Besserung. Was nicht ausbleiben konnte, das kam: die Gläubiger trieben ihn zum Concurs, und jetzt zerstörte der Gram den letzten Rest von Hermann’s Gesundheit. Er legte sich, um nicht wieder aufzustehen.

Das Alles erzählten mir geschäftig die Leute und glaubten vielfach sogar, etwas sehr Wohlthuendes, Tröstliches zu sagen, aber dennoch hielt ich die Sache für weniger arg, als es das Gerücht schilderte, bis eines Tages von Winchen ein Brief kam, in dem sie mich bat, für Hermann zu sorgen; es fehle ihm auf seinem Todtenbette am Nöthigsten. ‚Schaffe ihn in das Krankenhaus, Cousine!‘ schrieb sie, ‚bezahle noch Einen Monat – dann ist Alles vorüber. Mich wirst Du nicht sehen – dessen sei sicher!‘

Mir flimmerte es vor den Augen. Ich schluchzte laut, seit Jahren zum ersten Male. Wie mit einem Zauberschlage war die ganze Vergangenheit wachgerufen – Alles, was in mir geschlafen hatte, regte sich zu neuem Leben. Die Mutter sah mich fragend an; sie begriff nicht, was es sein konnte, das so heftige Wirkung hervorbrachte. Ich warf mich schluchzend in ihre Arme. ‚Lies, Mutter, lies! – Was sollen wir jetzt thun?‘

Da sah sie zu mir empor, nachdem ihr Blick den kurzen Brief überflogen. Ihre Stimme klang unsicher, und die Hand bebte, daß das Papier zu Boden fiel.

‚Hanne, Dein Stübchen liegt nach Süden – was meinst Du? – Wir holen ihn.‘

Ich antwortete nicht, aber meine Arme umschlangen sie fester, und unsere Thränen vermischten sich. Wie viel hatten wir Beide mit einander ertragen! Wie fest und treu ist der [340] Boden des Rechten, Ehrenhaften, und wie selig das Bewußtsein erfüllter Pflicht!

‚Aber wirst Du es ertragen, Hanne,‘ fragte sie leise, ‚daß Winchen mit ihm hierherkommt? – Sie ist seine Frau und – es geht auch nicht anders, der Leute wegen.‘

Ich lächelte unwillkürlich. ‚O Mutter – das ist todt,‘ antwortete ich. ‚Das gehört zu den Heiligthümern, die man, einmal entweiht, nicht wieder anbeten kann. Nein, nein, Winchens Anblick, oder der einer andern Frau, das ist gleichviel, aber – Hermann soll nicht hülflos sterben.‘

Ich schrieb an die Cousine, daß ihre Gegenwart für alle Verhältnisse unerläßlich sei, und bat sie, mir zu bestimmen, wann ihre und ihres Mannes Uebersiedelung in unser Haus stattfinden könne. Für die ersten dringendsten Bedürfnisse legte ich auch stillschweigend etwas Geld bei, und erwartete nun mit fast angstvoller Spannung ihren Brief. Als er eintraf, zeigte sich’s, daß Winchen noch dieselbe war, wie vor drei Jahren, liebenswürdig und kindlich gehorsam, aber ganz unselbstständig.

‚Da Du es befiehlst, Consine, so werde ich kommen,‘ schrieb sie. ‚Aber – wenn Du mir helfen wolltest, Hermann zu Euch zu bringen, das wäre so gut von Dir. Ich verstehe mich darauf nicht, und er ist so eigen geworden, man kann ihm nichts recht machen. Ach, Cousine, wie traurig ist das Alles!‘

Ich fühlte, wie mir das Blut heiß zum Herzen strömte, und daß es ein schweres Opfer sei, welches die Cousine von mir heischte. Alle Bewohner des Städtchens kannten meine Jugendgeschichte. Alle wußten, wie tief er mich damals gekränkt, und jetzt, jetzt sollte ich sein Haus betreten, der öffentlichen Meinung so ganz und gar trotzen, die Blicke der Menschen in Erstaunen und Mißfallen auf mich lenken?

Fast glaubte ich, daß es unmöglich sei, aber dann siegte doch die feste, ruhige Ueberlegung, welche mich in keiner Lage des Lebens verließ. Hermann war sterbend – das änderte Alles.

Wieder pflückte ich Resede von demselben alten Beete, wie vor drei Jahren, und einen Zweig von der Silberpappel dazu. Mein kleines Zimmer wurde frisch gescheuert; die Vorhänge wurden weißgewaschen und Blumen auf den Tisch gestellt – er sollte sich angeheimelt fühlen von dem ersten Eindrucke. Und wunderbar genug – ich war glücklich an diesem Tage. Ein Etwas von dem bräutlichen Gefühle der Jugend kam noch einmal zu mir zurück, aber reiner, verklärter durch die Wunschlosigkeit und den Abschluß aller irdischen Hoffnungen, angesichts des offenen Grabes. Er würde sterben unter meiner Pflege, dachte ich, die Schatten zwischen Seele und Seele würden sich lichten, bevor er von mir ging, und dann war ich versöhnt mit Dem, der meines ganzen Denkens Mittelpunkt gewesen von jeher.

Wieder wehte der Sommerwind den Blumenduft in’s Fenster hinein; wieder war’s im Juli, und, das Herz voll stillen Friedens, ging ich durch die Stadt, um Hermann zurückzuholen in unser Haus, anders, ach so ganz anders, als ich vor drei Jahren hoffte, aber doch nicht trostlos, nicht verzweifelt. Ich hatte mich hindurchgerungen und das bessere Selbst mir erhalten. Jetzt erst fühlte ich den Segen des Kampfes, der damals meine Seele zerriß. Aber dennoch kostete es mir Ueberwindung, das Haus zu betreten, in welchem Hermann wohnte. Ich ging durch den leeren Laden, dessen Inhalt in öffentlicher Auction verkauft worden war, und durch das Wohnzimmer, aber nirgends fand sich ein Einrichtungsstück, Alles war öde und leer.

Meine Thränen flossen unaufhaltsam, als ich jetzt an eine dritte Thür klopfte. Ich wollte keinen Augenblick verlieren, den Unglücklichen aus dieser trostlosen Umgebung fortzubringen, hin in mein sauberes sonnenhelles Zimmerchen, wo die Blumen blühten und die Nachtigallen sangen. Kein Zaudern – ich durfte an mich nicht denken. Beim leisen Geräusche meiner Hand regte sich drinnen im Zimmer ein Frauenkleid, und die Thür wurde zögernd geöffnet. Winchen stand auf der Schwelle, noch so schüchtern, so kindlich bittend wie damals. In ihren großen braunen Augen glänzten Thränen. ‚Cousine – Du bist so gut,‘ flüsterte sie.

Ich sah an ihr vorüber; ich weiß nicht, was ich dachte und fühlte, aber das Herzklopfen raubte mir beinahe den Athem. ‚Schnell, Winchen!‘ sagte ich, mit äußerster Anstrengung sprechend, ‚der Wagen wartet. Wo ist Hermann?‘

‚Hanne!‘ rief leise, hinter der Thür, die noch offen stand, eine schwache, kaum vernehmbare Stimme, ‚Hanne, Du kommst selbst?‘

Und nun hatte ich mich wiedergefunden; nun wußte ich, daß mein Gesicht keine Aufregung zeigen durfte. So ruhig, als sei nichts geschehen, ging ich Hermann entgegen.

Er saß in einem Lehnstuhl, dem einzigen, der vorhanden war – und bot mir wortlos die Hand. Hätte ich noch Zweifel gehegt, so müßte sein Anblick dieselben vernichtet haben; er glich in keiner Weise mehr dem Bilde früherer Tage, sondern trug den Stempel des nahen Todes unverkennbar auf allen Zügen. Nur die Augen erkannte ich – Hermann’s blaue gute Augen – sonst war Alles trostlos verändert. Winchen wandte sich ab, als er mir stumm, wie bittend, die Hand reichte. Ihre frischen Wangen waren aschbleich geworden unter dem Eindruck dieses Wiedersehens.

‚Wie geht Dir’s, Hermann?’ fragte ich endlich, unter der inhaltlosen Phrase die Qual des Augenblickes vergessend. ‚Du mußt Dich aufraffen, alles Schlimme vergessen, und frischen Muth schöpfen. Komm’, wir wollen von hier fort. Die Mutter erwartet uns; es wird noch Alles gut werden.‘

Er klammerte sich fest an meine Hand und schüttelte dann leise den Kopf. ‚Sag’ das nicht, Hanne! Du selbst glaubst es nicht, und mir wäre es eine trübe Botschaft. Aber – Gott segne Dich, Hanne! Hanne, Gott segne Dich!‘

Und nun konnte ich es nicht verhindern, trotz aller Mühe, daß doch die verrätherischen Thränen wieder über meine Wangen herabrollten. Aber ich schüttelte sie fort – ich wollte stark sein um jeden Preis.

‚Komm’, Winchen,‘ wiederholte ich, ‚wo ist Hermann’s Winterrock? Wir müssen eilen, weil der Kutscher wartet. Packe Alles zusammen, was mitgenommen werden soll!‘

Hermann und sie sahen einander an. Endlich antwortete er mir. ‚Wir haben gar nichts behalten, Hanne, selbst das Wenige, was Du hier siehst, gehört fremden barmherzigen Menschen. Was man uns gelassen, das mußte aus Noth verkauft werden.‘

Ich erschrak nicht, obwohl sich Hermann’s todtblasses Gesicht momentan mit Purpur überzog, als er die demüthigenden Einzelheiten berichtete. ‚Nun wohl,‘ rief ich hastig, ‚so geht die Sache desto leichter! Nimm mein Tuch, Hermann! Es ist schwarz und thut Dir Noth, weil Du lange nicht hinausgekommen bist. So, wir legen es viereckig, dann wundert sich Niemand.‘

Seine Hand glitt leise an dem fadenscheinigen Gewebe herab. ‚Dein Tuch,‘ flüsterte er, kaum hörbar, ‚Dein Tuch! Du hattest es schon als Kind, Hanne.‘

Und dann verhüllte er die Augen, erschüttert bis in’s tiefste Herz hinein. Ein krampfhafter Hustenanfall ergriff ihn, so daß er sich an meinem Arm festhalten mußte, um eine Stütze zu finden. Das Ende mußte sehr nahe sein, da alle Kräfte erschöpft schienen.

Winchen sah zum Fenster hinaus; ich legte meine Hand auf Hermann’s Stirn, um ihm Erleichterung zu gewähren. Erst lange nachher fiel mir ein, daß ich, ohne selbst daran zu denken und wie unwillkürlich, ihren Platz mir angemaßt, als müsse das so sein.

Nachdem sich der Anfall gelegt, brachten wir mit Hülfe des Kutschers den Kranken hinunter in den harrenden Wagen, und kaum eine halbe Stunde später lag er, gut gebettet, in meinem sauberen, blumendurchdufteten Zimmer. Winchen hätte jetzt einen Theil der Pflege oder doch einen Theil meiner täglichen Verpflichtungen übernehmen müssen, weil die Sorgen für mich so bedeutend vergrößert worden waren, aber daran dachte sie nicht, und als ich’s ihr zögernd sagte, da zeigte sich, daß sie in den drei Jahren des Kummers nichts gelernt und nichts vergessen hatte. Winchen war unfähig, mir meine Pflichten zu erleichtern, und so kam es, daß sehr bald die alte Mutter am Krankenbett saß, während ich unterrichtete, und daß die Cousine dann las oder müßig im Garten umherschlenderte, zuweilen sogar mit einem großen, besonders gelehrigen Pudel der Nachbarin ganz vergnügt spielte.

Hermann vermißte sie nicht, und wir Beide zeigten dem sterbenden Manne niemals eine verdrießliche Miene; er erfuhr [341] nicht, daß ich fast jede Nacht bis zwei Uhr arbeiten mußte, um nur Alles zu bewältigen, was sich anhäufte. Nur als eines Tages die Cousine fortgegangen war, und als später, anstatt ihrer, ein Brief kam, der uns ein kurzes Lebewohl sagte, da konnten wir ihm dies letztere Ereigniß nicht verschweigen, aber es machte, ganz gegen meine Befürchtungen, auf ihn keinen betrübenden Eindruck.

‚Das arme Kind!‘ sagte er mit abgewandtem Gesicht; ‚ich habe ihr keine Zeit gelassen, über das eigene Empfinden sich Rechenschaft zu geben. Malwine war mir dankbar und hielt vielleicht etwas von mir, aber – geliebt hat sie mich nie.‘

Diese Worte machten mich einen Augenblick lang fast muthlos. Also vergeblich, ganz vergeblich das ungeheure Opfer! Das Schicksal hatte Alle zugleich betrogen.

‚Was schreibt sie?‘ fragte Hermann.

Ich raffte mich gewaltsam auf und reichte ihm den Brief. Der arme Sterbende sah nicht, was in mir vorging. Für ihn hatte ich immer ein ruhiges Antlitz.

Malwine schrieb, daß sie es nicht ertragen könne, so thatlos anderer Leute Brod zu essen, daß sie Hermann geborgen wisse und selbst in der Residenz ihr Schicksal zu befestigen suchen werde. ‚Ihr seid mich gern los,‘ schloß sie den Brief: ‚und ich gehe lieber – wollte Gott, wir wären einander nie begegnet!‘

Das war Alles: kein liebevolles Wort, keine Bitte, kein Gruß fand sich mehr. Hermann ließ das Blatt aus der Hand fallen und lag stundenlang regungslos, als sei das Leben schon entflohen. So hatte ihn diejenige, um deren willen er die Ruhe seines Gewissens für immer verscherzt, jetzt auf dem Sterbebette kaltblütig verlassen, ohne auch nur ein flüchtiges Bedauern zu empfinden. Auch mit mir sprach er nicht weiter darüber, nur die wenigen Worte voll schwerwiegender Bedeutung hörte ich von ihm: ‚Hanne, Du bist gerächt.‘ –

Sein Ende nahte mit schnellen Schritten heran. Er wußte es und war damit innig zufrieden. Wir behielten Zeit genug, uns gegeneinander auszusprechen, bevor der Tod mit leiser Hand die müden Augen schloß; ich durfte ihm noch, bereuend aus voller, geläuterter Seele, eingestehen, daß ich die schroffe eigensinnige Härte von damals längst erkannt, daß ich seitdem demüthig und sanft geworden.

Und als dann der letzte Kampf herannahte, im September an einem Sonntagmorgen, während die Kirchenglocken leise verhallten, da bettete ich zum ersten Male wieder Hermann’s theures, geliebtes Haupt an meine Brust, da schlang ich die Arme um den Mann meiner Jugend und flüsterte ihm von einer Liebe, die über Grab und Tod hinaus von Seele zu Seele unvergängliche Bande webt, Zeit und Ewigkeit leise vereinend.

Er ist lächelnd gestorben, versöhnt mit sich und Eins mit mir, während der Wind das gelb gewordene Sommerlaub spielend emportrug, und die Kirchenglocken verklangen, jetzt, wo unsere Seelen vermählt waren für die Ewigkeit, im schöneren, heiligen Sinne des Wortes.

Mir war es, wie wenn mein Hochzeitstag gekommen, doch und doch nach langem, schwerem Traume. Ich habe Hermann in den Sarg gelegt, ohne zu weinen.“


So erzählte die Großtante.

Der Regen hatte aufgehört, und die Sonne schien goldig herab auf den Maienglanz der verjüngten Schöpfung. In der Linde vor dem Fenster sangen die Spatzen mit leisem Zwitschern ein Liebeslied.

Mathilde sah es nicht, daß in der offenstehenden Thür des Nebenzimmers ein junger Mann lehnte und sie voll Zärtlichkeit anblickte, längst schon, ehe noch die Greisin geendet. In ihren Augen schimmerten helle Thränen, und ihre frischen Lippen drückten sich auf die welke Hand der Alten.

„Großtante,“ sagte sie leise, mit bebender Stimme, „ich danke Dir für das Opfer, welches Du mir gebracht. Ich will den Eigensinn zu bekämpfen suchen, und –“

Die Achtzigjährige erhob sich, das schluchzende Mädchen in ihren Armen emporziehend, und winkte lächelnd dem halbversteckten Lauscher.

„Sag’ es dem da, mein Liebling! Er wartet schon lange auf ein freundliches Wort.“

Ueberrascht blickte Mathilde zur Thür und in die Augen Georg’s, der es doch nicht über sich vermocht hatte, „heute nicht wiederzukommen“. Jetzt breitete er stumm die Arme aus.

Die Vogelstimmen jubilirten im Chor, und an den Glücklichen vorüber verließ die Greisin unbemerkt das Zimmer. Sie wollte jetzt nicht lauschen, nicht wissen, was drinnen geflüstert wurde, zwischen Kuß und Kuß.
K. Horstemann.