Handeln die Thiere nur mit Instinct, oder auch mit Ueberlegung? (Die Gartenlaube 1867/24)

Textdaten
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Autor: A. K.
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Titel: „Handeln die Thiere nur mit Instinct, oder auch mit Ueberlegung?“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 384
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Intelligentes Verhalten einer Finkmeise
Blätter und Blüthen
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[384] „Handeln die Thiere nur mit Instinct, oder auch mit Ueberlegung?“ Ein langjähriger Freund unserer Familie, Dr. M..…, theilte bei seinem letzten Besuche einen neuen Beweis für die oft eminente Intelligenz der Singvögel mit.

„Als ich,“ so berichtete er, „vor Kurzem den zur Zeit unbewohnten, einer mir befreundeten Familie gehörigen Landsitz auf einem Spaziergange berührte, stattete ich dem daselbst angestellten, mir ebenfalls bekannten Gärtner einen Besuch ab. Derselbe ist ein großer Vogelliebhaber und besitzt zwei Kanarienvögel, einen Hänfling und eine Finkmeise. Diese Vögel sind sehr zahm und fliegen am Tage oft frei in der Stube umher. Der Gärtner wußte von der Finkmeise manche Schelmenstreiche gegen die übrigen Vögel zu erzählen und lieferte mir dazu einen Beweis.

Er streute nämlich in einige Käfige frisches Futter. Sogleich flogen die Vögel mit Ausnahme der Finkmeise herbei und gingen in den ihnen zunächststehenden Käfig, wo sie sich das ausgestreute Futter sehr gut schmecken ließen. Kaum hatte jedoch die Finkmeise bemerkt, daß die übrigen Vögel sich in dem einen Käfig befanden, so flog sie wie ein Pfeil herbei und schlug die Thür dieses Käfigs zu, worauf sie sich in einen andern Käfig begab und ungestört fraß. Nachdem der Gärtner die eingeschlossenen Vögel befreit hatte, streute er plötzlich Futter in den Käfig der Finkmeise, diese jedoch flog mit großer Geschwindigkeit hinein, schlug die Thür zu und ließ den übrigen Vögeln das Nachsehen, indem sie sich das Futter trefflich schmecken ließ. Nach einem jeden dieser Schelmenstreiche erhebt sie ein betäubendes Triumphgeschrei. Noch verdient Erwähnung, auf welche Art das kluge Vögelchen das Auf- und Zuschlagen der Käfigthüren bewerkstelligt. Diese Thüren sind wie die gewöhnlichen Stubenthüren gebaut, und die Meise flattert auf den obern Rand der Thür und wirft sie durch Schaukeln zu, indem sie durch Abspringen den geeigneten Stoß giebt. Auch macht sie die Thüren durch Andrücken der Brust wieder auf, wenn sie sich gesättigt hat.“

Dresden.
A. K.