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Textdaten
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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Guntershausen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6-9, S. 81–84, 97–100, 113–116, 129–136
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[81]
Guntershausen.
Von Claire von Glümer.



Ich weiß nicht und ich frag’ nicht,
Ob man Dich schuldig heißt;
Weiß nur, daß ich Dich liebe,
Wer Du auch immer sei’st.

(Thomas Moore)
I.

Im Schloßhofe zu Guntershausen waren eben die Diener und Kammerjungfern beschäftigt, einen Reisewagen zu bepacken, als Graf Lothar, der Schloßherr, von einer kleinen Geschäftsreise zurückkehrte. Verwundert sah er auf das geschäftige Treiben, sprang vom Pferde und ging dem alten Castellan entgegen, der das Sammtkäppchen abziehend mit betrübter Miene auf ihn zukam.

„Nun, Joseph, was hat das zu bedeuten?“ fragte der Graf, indem er auf den Wagen zeigte.

„Frau Generalin haben befohlen, Alles zur Abreise in Bereitschaft zu setzen,“ erwiderte der Alte in einem Tone, als ob er die größte Trauerbotschaft zu verkündigen hätte. „Die gnädige Frau wollen noch heute nach Eichberg zurückkehren und haben nur auf den Herrn Grafen gewartet.“

Lothar runzelte die Stirn.

„Was ist denn vorgefallen?“ fiel er dem Diener in’s Wort, aber ehe dieser antworten konnte, fügte er mit abwehrender Handbewegung hinzu: „Laß es gut sein, ich werde mit der gnädigen Tante sprechen.“ Mit diesen Worten eilte er die Freitreppe hinauf und verschwand im Innern des Schlosses, während Joseph seufzend und kopfschüttelnd zur Beaufsichtigung des Reisewagens zurückging, wobei er vor sich hinmurmelte: „Nun ist’s wieder die alte Geschichte – nun ist’s wieder aus und vorbei mit unsrer guten Zeit.“

Aehnlich waren Lothar’s Gedanken, während er die Treppe hinaufstieg und sich den Zimmern der Tante näherte. „Ich lasse sie nicht fort; sie muß meinen Bitten nachgeben,“ sagte er zu sich selbst, aber als er ihre Thür erreichte und sie mit der Kammerjungfer sprechen hörte, schien er plötzlich seinen Entschluß zu ändern. Er ging schnell vorüber, dem Ende des Ganges zu, wo er die Thür der Bibliothek geöffnet sah.

Geräuschlos trat er ein und blieb einen Augenblick tief athmend stehen, als er Eva, die Tochter der Generalin, in der Fensternische am Ende des Saales erblickte. Sie stand von ihm abgewendet und hatte die Stirn an die Scheiben gedrückt. Ihre hohe, anmuthige Gestalt, ihr zierlicher Kopf mit den reichen, braunen Flechten waren vom Purpur der Abendsonne übergossen, während die Tiefe des Saales schon im Dunkel lag.

Endlich hörte sie seinen Schritt, richtete sich auf und wandte den Kopf. Ihre Augen standen voll Thränen, ihr sanftes Gesicht war ungewöhnlich blaß und wurde noch blasser, als sie Lothar’s verstörte Miene bemerkte.

„Was ist Dir?“ fragte sie, indem sie hastig auf ihn zutrat.

„Ihr wollt fort!“ rief er und faßte ihre beiden Hände. „Eva, ist das möglich?“

„Wir müssen,“ flüsterte sie.

„Warum?“ fiel er ihr hastig in’s Wort. „Was wollt Ihr zwischen den Schutthaufen und geschwärzten Mauern? Habt Ihr nicht versprochen, hier zu bleiben, bis Eichberg vollständig restaurirt ist? Haben wir nicht für den ganzen Winter unsere Pläne gemacht, unsere Einrichtungen getroffen?“

„So höre doch nur,“ fuhr sie bittend fort, als er sie wieder zum Sprechen kommen ließ. „Unser Inspector, der Einzige, auf den wir uns verlassen konnten, hat das Bein gebrochen; nun muß Mama die Arbeiten selbst überwachen – wir müssen uns in Eichberg einrichten, so gut es geht.“

„Und ich?“ fragte Lothar in bitterm Tone, ließ Eva’s Hände los, trat an das Fenster und sah in den Park hinunter. Der Wind peitschte den Teich vor dem Schlosse in kurzen Wellen gegen die Ufer und jagte dichte Massen rothgelber Blätter über Wege und Rasenflächen. Lenau’s Herbstklage fiel ihm ein: „Treulich bringt ein jedes Jahr welkes Laub und welkes Hoffen;“ und er sagte sich selbst, daß es kindisch wäre, gegen dies Gesetz des Lebens zu murren. Der böse, finstre Zug, den Eva seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, zuckte wieder um seinen Mund; die schwarzen Augenbrauen zogen sich zusammen und die Augen starrten halb trotzig, halb verzweiflungsvoll darunter hervor. – Er war wieder der „schwermüthige Guntershausen“, der alle Menschen vermeidend, von Allen gemieden, jahrelang in tiefster Einsamkeit gelebt hatte.

Dieser Anblick that Eva weh. Sie trat an seine Seite, legte die Hand auf seinen Arm und sagte: „Mach Dir und uns den Abschied nicht so schwer. So oft Du uns sehen willst, kannst Du ja in zwei Stunden drüben in Eichberg sein.“ Aber als er vorwurfsvoll fragte, ob sie glaube, daß er dadurch für das verlorene Zusammenleben entschädigt werden könnte, war sie fast nicht mehr im Stande ihre Bewegung zu beherrschen. In ihrer Verwirrung [82] wollte sie zu einem scherzhaften Tone Zuflucht nehmen und sagte mit erzwungenem Lächeln: „Wir sollen doch nicht glauben, daß wir Dir unentbehrlich sind? Erinnere Dich, wie lange Du in unserer Nähe gelebt hast, ohne Dich im Geringsten um uns zu kümmern.“

„Aber was war das für ein Leben!“ fiel ihr Lothar in’s Wort. „Immer allein; von den düstersten Gedanken gefoltert; von traurigen, widerwärtigen, entsetzlichen Erinnerungen umgeben!“

Er schauderte und sah vor sich nieder. Als er den Kopf erhob, war sein Gesicht von jener tödtlichen Blässe bedeckt, die Eva in der ersten Zeit ihres Zusammenseins so oft erschreckt hatte, und seine Augen glühten in unheimlichem Feuer.

„Sieh, Eva,“ fuhr er fort, indem er ihre Hand zwischen seinen kalten Händen preßte, „so lange Guntershausen mein Eigenthum ist – und das sind nun bald neun Jahre – habe ich nicht eine glückliche Stunde gehabt, nicht eine, bis Du herkamst. Du hast meinem Herzen Frieden, meinem düstern Hause Sonnenschein gegeben, und Tu wolltest mich verlassen? Nein, Eva, das kannst Du nicht!“ fuhr er in ganz verändertem Tone fort, indem er sie an sich preßte. „Du mußt bei mir bleiben, Du mußt! Mein Weib, mein Trost, mein Glück, willst Du das sein, willst Du?“

Sie zitterte so sehr, daß er sie mit beiden Armen stützen mußte, aber als sie nach einer Weile den Kopf erhob, leuchtete so viel Liebe und Glück aus ihren thränenvollen Augen, daß er nicht zweifeln konnte, wie gern sie wollte. Und doch sah er nicht glücklich aus, als er sie wieder an sich drückte und lange stumm in seinen Armen hielt. Plötzlich ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. „Es darf ja doch nicht sein,“ sagte er hastig und leise. „Es wäre ein unverzeihliches Unrecht, und Du würdest elend, wie ich es bin.“ Mit diesen Worten wollte er hinaus eilen, aber Eva vertrat ihm den Weg.

„Unrecht ist’s, wenn Du Dich immer wieder dem Trübsinne hingibst,“ sagte sie und sah ihm mit dem festen, klaren Blick in die Augen, der ihn immer zur Besinnung brachte. „Meinst Du,“ fuhr sie scherzend fort, obwohl ihre Stimme in verhaltnem Weinen bebte, „meinst Du denn, Du könntest mich so nach Belieben fassen und lassen? Oder denkst Du, meine Liebe wäre nur von heute, und ich könnte sie ohne Todespein aus meinem Herzen reißen?“

Aber diesmal wichen die bösen Geister nicht wie sonst. Lothar sah mit traurigem Kopfschütteln zu ihr nieder.

„Du kannst mich nicht lieben,“ sagte er. „Ich bin’s nicht werth!“ Dabei wandte er sich, als ob er hinausstürzen wollte, blieb aber wieder stehen, schrie laut auf: „Eva, ich kann nicht ohne Dich leben!“ warf sich auf die Steinbank in der Fensternische und schlug mit Verzweiflungsvoller Gebehrde die Hände vor’s Gesicht.

Eva setzte sich neben ihn und strich sanft über sein dunkles, lockiges Haar, in das sich hier und da schon ein Silberstreifen mischte.

„Wie Du Dich unnütz selber quälst!“ begann sie nach einer Pause mit mühsam erkämpfter Ruhe. „Ich bin Dir zum Leben unentbehrlich, Du bist es mir – so müssen wir mit einander gute und böse Stunden tragen, wie es eben kommt. Aber willst Du rechnen und wägen, wer dem Andern verschuldet ist – lieber, lieber Freund, erinnere Dich, daß ich ohne Deine muthige Hülfe nicht mehr am Leben wäre.“

Lothar fühlte, wie sie bei diesen Worten zusammenschauderte. „Sprich nicht davon; denke nicht daran,“ bat er, indem er sie umfaßte. Aber sie fühlte, daß jetzt nicht Zeit war, der eignen Schwäche nachzugeben.

„Laß mich immer davon sprechen,“ erwiderte sie, indem sie sich an ihn lehnte. „Ich bin ja in Sicherheit, da ist’s eine Art grausigen Entzückens, sich an die überstandene Gefahr zu erinnern. Sonderbar ist’s aber,“ fuhr sie nach einer Pause fort, „wie Alles in der Erinnerung wieder lebendig werden kann. Indem ich jetzt lebhaft daran denke, fühle ich wieder das haarsträubende Entsetzen, womit mich der Feuerruf erfüllte. Ich hatte gerade im ersten Schlafe gelegen und war so verstört, daß ich gar nicht wußte, was ich that. Das Erste, worauf ich mich besinnen kann, ist, daß ich, die Mutter nach mir ziehend, in’s Freie stürzte. Die Flammen schlugen schon aus den Fenstern des Erdgeschosses und der ersten Etage und züngelten am Weinspalier hinauf, das sie prasselnd verzehrten. Plötzlich schrie die Mutter laut auf: „meine Cassette! wer holt mir die Cassette?“ Die Diener standen mit blassen, verstörten Mienen und keiner regte sich. Es wußte auch Niemand als Mama und ich, wo die kostbare Schatulle verwahrt war, die außer einer Menge Wertpapiere meines Vaters Testament enthielt und den Brautschmuck der Mutter, Kleinodien, an denen ihr ganzes Herz hängt. Das Alles schoß mir mit Blitzesschnelle durch den Kopf. War’s möglich den Schatz zu retten, so war ich die Einzige, die es konnte. Ohne zu bedenken, was ich wagte, lief ich in’s Haus zurück. In der allgemeinen Verwirrung schien Niemand auf mein Beginnen zu achten. Ich fand meinen Weg trotz Feuer und Rauch, erreichte das Cabinet der Mutter, riß den Secretair auf, nahm das Kofferchen aus seinem Versteck und eilte damit zurück. Aber als ich die Treppe erreichte, stand sie in vollen Flammen, und als ich mich durch den großen Saal in den Seitenflügel flüchten wollte, stürzte ein Theil seiner Decke fast unmittelbar vor meinen Füßen nieder. Minutenlang war’s als ob ich in Gluth und Qualm ersticken sollte – endlich raffte ich mich auf. Wäre ich nur an eins der vordern Fenster getreten, daß man mich von unten gesehen hätte, mir zu Hülfe gekommen wäre – aber Angst und Schrecken hatten mir den Kopf verwirrt. Ich stürzte die Treppe hinauf in’s obere Geschoß – auch hier brach die Flamme schon an verschiedenen Stellen hervor, und dicke Rauchwolken füllten Gänge und Zimmer. Ich eilte ein Fenster zu erreichen, riß es auf und lehnte mich hinaus, so weit ich konnte – aber Niemand achtete auf mich; Alles war in der größten Verwirrung; die Leute schrieen, das Vieh brüllte und blökte; ein paar Pferde, die sich losgerissen hatten, sprengten mit flatternden Mähnen hin und her. Dazu das Prasseln, Zischen und Heulen der Flammen, das Krachen stürzender Balken, das Rasseln der Spritzen – aber aus allem Getöse hörte ich jetzt die Stimme meiner Mutter, die in Todesangst meinen Namen rief. „Hier, hier!“ schrie ich hinunter. Jetzt sah Alles empor, und ein Wehgeschrei antwortete auf meinen Ruf, Gleich darauf sah ich die Mutter ohnmächtig forttragen. Die Männer liefen rathlos umher, die Frauen fielen auf die Kniee und verhüllten das Gesicht – ich gab mich verloren! Aber in demselben Augenblicke kam ein Reiter in den Hof gesprengt. Ich hatte ihn seit vielen Jahren nicht gesehen, und er war seitdem ein ganz Andrer geworden, aber ich erkannte ihn gleich und wußte, daß er mich retten würde, wenn überhaupt noch Rettung möglich war.“

„Es war ein entsetzlicher Augenblick,“ fiel ihr Lothar in’s Wort, „Dich da oben zu sehen, von Flammen umlodert, zu wissen, daß das Gebäude in den nächsten Minuten zusammenstürzen mußte. – Und dann strecktest Du die Arme aus und riefst meinen Namen, so gellend, so herzzerreißend – mein Haar sträubt sich noch bei dem bloßen Gedanken daran.“

„Und nun sah ich, wie Du Alles anordnetest,“ fuhr Eva fort. „Leitern wurden in großer Eile herbeigeschleppt, zusammengebunden, aufgerichtet – nun fanden sich auch Mehrere, die mir zu Hülfe kommen wollten, aber Du stießest Alle zurück und kamst selbst herauf – wie ist’s nur möglich, solche Angst zu ertragen? Von allen Seiten züngelten die Flammen zu Dir herauf, jetzt faßten sie Deine Kleider – Du wolltest rascher empor eilen, die Leiter schwankte – Herr des Himmels, wenn sie brach, wenn Du stürbest! – Mir vergingen die Sinne. – Als ich wieder zu mir selber kam, lag ich auf feuchtem Rasen – mir gegenüber dampften die Trümmer meines Vaterhauses. Ich hörte, daß das Dach eingestürzt war, nachdem Du mich kaum in Sicherheit gebracht hattest. Die Mutter kniete, das Verlorene beweinend, neben mir – aber so lieb mir die Heimath gewesen war, ich konnte nicht um ihre Zerstörung trauern. Durch sie war ja erkauft, was ich so lange vergebens ersehnt hatte und worauf ich kaum noch zu hoffen wagte: Du warst wieder bei uns – es war wieder der alte, liebe, trauliche Ton. Und dann hieß es, wir würden mit Dir gehen. Wie habe ich damals Gott gedankt, und wie glücklich war ich, als ich mehr und mehr erkannte, daß ich Dir lieb war! Aber Du zweifelst! –“ Ihre Stimme versagte, sie wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, Lothar beugte sich über sie.

„Versteh’ ich Dich recht?“ fragte er in athemloser Erwartung. „Ist’s nicht Mitleid, nicht Dankbarkeit allein, was Dich in meine Arme führt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Jahrelange Sehnsucht!“ flüsterte, sie, indem sie das Gesicht an seiner Brust verbarg.

Er hielt sie lange an sich gedrückt. Endlich hob er ihren Kopf in die Höhe und küßte ihr die Thränen von den Augen. Aus seinen Zügen war jede Spur von Trübsinn gewichen und seine Stimme war fest und klar, wie in alter, guter Zeit, als er sagte: „Wohlan, Eva, so wollen wir’s wagen, in Gottes Namen!“

„In Gottes Namen!“ wiederholte sie.

[83] In diesem Augenblicke wurde die Thür geöffnet.

„Gnädiges Fräulein, sind Sie hier?“ fragte das Kammermädchen. „Die gnädige Frau wünscht Sie zu sprechen.“

„Ich komme,“ antwortete Eva, nahm Lothars Arm und ging mit ihm zur Mutter hinüber.




II.

Die Generalin von Hersenbrook war eine kleine, zierliche, blonde Frau, die mit sanften blauen Augen in’s Leben sah, im sanftesten Tone sprach und sich immer so auszudrücken pflegte, als wiederholte sie nur die Urtheile Anderer oder wäre doch jeden Augenblick bereit, sich selbst und ihre Meinungen besserer Einsicht unterzuordnen. Aber unter dieser weichen, schmiegsamen Außenseite verbarg sich viel Eigensinn, viel Herrschsucht und eine große Widerstandskraft. Während Frau von Hersenbrook dem Anschein nach jedem äußern Einflusse nachgab, verlor sie das, was sie erreichen wollte, keinen Moment aus den Augen, und während sie auf tausend Umwegen ihrem Ziele zusteuerte, wußte sie mit bewundernswürdiger Feinheit jeden Zusammenstoß mit fremden Interessen zu vermeiden. „Ich will nicht,“ sagte sie niemals, und wenn sie – was sehr häufig vorkam – die Wünsche und Erwartungen Anderer nicht erfüllte, war sie selbst so unglücklich über das „Nichtkönnen,“ daß der Zurückgewiesene sich noch Vorwürfe darüber machen mußte, der guten Hersenbrook diesen Schmerz bereitet zu haben.

Mit ihrer Tochter sympathisirte die Generalin nicht. Eva hatte des Vaters geraden Sinn, seine Wahrhaftigkeit und Güte geerbt, war aber viel scharfsichtiger als er und wenigstens eben so fest wie die Mutter. Wer zum ersten Male in ihr stilles Gesicht, in ihre klaren, hellbraunen Augen sah, hielt sie vielleicht für kalt oder gar für hochmüthig, aber sie war nur stolz und etwas scheu, bis sie Wärme und Verständniß gefunden hatte. Wo sie es fand, schloß sie sich innig und enthusiastisch an. Sie war überhaupt so entschieden in ihren Neigungen und Abneigungen, so unbeugsam in dem, was sie für Recht erkannte, und trotz aller Feinheit der Form so unfähig, sich zu verstellen, daß die Generalin ihren Intimsten seufzend vertraute: „Ich fürchte, sie hat etwas Unweibliches in ihrem Charakter.“

Diese Besorgniß wuchs, als Eva nicht allein für jede Schwärmerei unempfindlich blieb, die sie erweckte, sondern auch Partien ausschlug, nach denen Hunderte von Müttern für ihre Töchter seufzten. Ehrerbietig, wie immer, hatte sie bei solchen Gelegenheiten die Klagen und Vorstellungen der Generalin angehört, aber nichts war im Stande gewesen, sie umzustimmen. In ihrer ruhigen, festen Weise hatte sie immer und immer wieder erklärt, sie wäre zufrieden in ihren Verhältnissen und könnte sich zu einer Ehe ohne Liebe nicht entschließen.

Nun war freilich die Liebe gekommen, aber nicht zur Freude der Generalin. Die Guntershausen waren ein stolzes, trotziges, wildes Geschlecht, das fast immer mit seinen Standesgenossen in Feindschaft lebte und sich sogar bei mehr als einer Gelegenheit gegen den Landesherrn aufgelehnt hatte. Darum standen sie ganz isolirt, hatten gar keinen Einfluß bei Hofe und hatten seit Menschengedenken in einer Art freiwilliger Verbannung auf ihren Gütern gelebt. Lothar, der letzte Repräsentant des alten Namens, hatte die einsiedlerischen Neigungen seiner Vorfahren im höchsten Maße geerbt. Die Menschenscheu war bei ihm fast zur Krankheit geworden, und so mußte Eva durch eine Verbindung mit ihm für die Gesellschaft ganz verloren gehen – das größte Unglück, das sich Frau von Hersenbrook denken konnte.

Darum dachte sie, seit sie den Herzenszustand der Tochter erkannt hatte, unablässig darüber nach, wie sie Lothar und Eva trennen könnte, ohne ihre Absicht zu verrathen. Daß sie im offenen Kampfe unterliegen würde, sah sie voraus, aber wenn sie vorsichtig zu Werke ging, war’s vielleicht möglich, das unheilvolle Band zu lösen. In dieser Hoffnung hatte sie schnell den Vorwand ergriffen, den ihr der Unfall des Inspectors bot, um die Rückkehr nach Eichberg zu beschleunigen. Dort hatte das tägliche Zusammensein mit Lothar ein Ende; Eva wurde durch neue Arbeiten und Interessen in Anspruch genommen; alte Gewohnheiten behaupteten ihre Rechte; der alte Kreis versammelte sich wieder um die Generalin, und gewiß hielt sich Guntershauseb von diesem Leben und Treiben fern, das ihm eben so unbehaglich als thöricht erscheinen mußte.

Das Alles sagte sich Frau von Hersenbrook, während sie, auf die Rückkehr des Grafen wartend, im Zimmer auf- und abging. Dazwischen umgaukelten sie die Bilder langentbehrter Freuden und sie athmete erleichtert auf bei dem Gedanken, daß sie bald diesem düstern Hause, dieser einförmigen Lebensweise und den unerträglich ernsthaften, melancholischen Unterhaltungen ihres Wirthes entronnen sein würde, um in die heiteren Regionen der Diners, Soupers und Whistpartien zurückzukehren. Plötzlich wurde die Thüre aufgerissen und der Graf trat ein.

„Endlich, lieber Lothar!“ rief ihm die Generalin entgegen. „Ich stehe wie auf Kohlen.“ – Aber nun hörte sie das Rauschen eines seidenen Kleides, Eva trat mit dem Verlobten in den Kreis des Lichtes, und ihr glühendes Gesicht, ihre strahlenden Augen verriethen der Mutter, was geschehen war, noch ehe Lothar seine Bitten und Wünsche ausgesprochen hatte. So war denn Alles zu spät! Die Generalin war im höchsten Grade bestürzt und kaum im Stande, ihre Fassung zu behaupten. Als sie die Tochter mit den Worten: „der Himmel möge Alles zum Besten wenden!“ in die Arme schloß, lag mehr Sorge, als Hoffnung in ihrem Blicke, und trotz aller Bitten des Grafen bestand sie darauf, nach Eichberg zu fahren. Sie wollte Zeit gewinnen, ehe sie ein Versprechen gab; vielleicht fand sich noch ein Ausweg.

„Daß wir länger hier blieben, würde sich nun gar nicht schicken,“ sagte sie in ihrer ängstlichen Weise. „In Eichberg werden wir erwartet, der Wagen ist angespannt, es wäre also nur eine kurze Verzögerung des Abschiedes. Laßt unn fahren, Kinder; es ist für uns Alle gut, wenn wir in Ruhe über das Geschehene nachdenken. Also mach’ Dich fertig, Eva, und komm.“

Damit hatte sie auch Lothars Begleitung zurückgewiesen. Während Eva in’s Vorzimmer ging, um ihren Mantel zu holen, sagte der Graf: „Du bist unzufrieden, Tante; Du hast etwas gegen mich.“

Sie schlug die sanften, blauen Augen zu ihm auf. „Wie mißtrauisch Du nun wieder bist!“ klagte sie; „was soll ich gegen Dich haben, bester Lothar?“

„Hast Du unsere Verlobung etwa mit Freuden begrüßt?“ fiel er ihr in’s Wort. „Hast Du nun die erbetene Einwilligung gegeben?“

„Kann ich’s denn?“ fuhr sie in demselben klagenden Tone fort. „Du weißt doch, daß wir in allen Dingen Tante Ernestine um Rath fragen müssen. Oder hast Du etwa schon mit ihr gesprochen?“ fügte sie hinzu, indem sie ihn forschend ansah. „Ist sie mit Deiner Wahl zufrieden?“

Lothar schüttelte den Kopf. Er wurde sehr bleich, und die Generalin erschrak vor dem Ausdrucke seiner Mienen, als er ihre Frage verneinte.

„Mit meiner Wahl,“ fügte er nach einer Pause hinzu, „ist sie jedenfalls zufrieden, aber ich weiß nicht …“ Er verstummte und wendete sich ab.

In diesem Augenblicke kam Eva wieder. Ihr liebevoller Blick schien Lothar zu beruhigen, seine Hoffnungen zu beleben.

„Wann darf ich kcmmen?“ fragte er, indem er die Hand seiner Braut an die Lippen drückte.

„Morgen,“ erwiderte sie. „Nicht wahr, Mama, morgen Abend? Dann sind wir gewiß schon ganz in Ordnung.“

Aber die Generalin hörte die Frage nicht oder wollte sie nicht hören.

„Laßt uns gehen!“ sagte sie, zog den Shawl zusammen, nahm des Grafen Arm und ließ sich an den Wagen hinunter führen. Da standen die Diener mit Lichtern, der alte Joseph kam, um seinen unterthänigsten Abschiedsgruß zu sagen, die Mägde liefen geschäftig hin und her. Lothar fand kaum Zeit, seiner Eva ein flehendes „Bleib’ fest!“ zuzuflüstern, und sie konnte ihm nur die Hand drücken und ihm in die Augen sehen, die schon wieder so starr und düster blickten – dann zogen die Pferde an, und der Wagen rollte zum Schloßthore hinaus, weiter und weiter in den grauen Abendnebel hinein.

Eine Weile saßen Mutter und Tochter schweigend neben einander. Aber Eva war das Herz zum Ueberströmen voll, sie mußte sich aussprechen, rückte der Generalin näher, suchte ihre Hand zu fassen und fragte:

„Was denkst Du, Mütterchen? Du bist so still.“

Frau von Hersenbrook seufzte tief.

„Ich bin bekümmert,“ antwortete sie, „und mache mir Vorwürfe.“

[84] „Vorwürfe!“ wiederholte Eva, „ich verstehe Dich nicht. Liebe, beste Mutter, freue Dich doch, daß ich so glücklich bin.“ Mit diesen, Worten brach sie in Thränen aus.

„Aber, Eva, ich kenne Dich gar nicht mehr!“ klagte die Generalin. „Sei doch ruhig, Kind. Wie kann ich glauben, daß Du glücklich bist, wenn Du so alles Gleichgewicht verlierst? – Ueberhaupt, liebe Eva, kann ich in Deiner Verbindung mit Lothar kein Glück erkennen,“ fuhr sie nach einer Pause fort, während Eva die Augen trocknete und sich Mühe gab, ihre Bewegung zu beherrschen.

„Es ist freilich, was man eine glänzende Partie zu nennen pflegt, und ich höre schon, wie man mir von mehr als einer Seite den Vorwurf machen wird, daß ich das Glück meines Kindes für Rang und Reichthum verkauft habe.“

„Liebe Mutter, was liegt an solchem Gerede?“ fragte Eva in vorwurfsvollem Tone. „Du weißt doch, daß ich nur meinem Herzen gefolgt bin.“

„Das Herz täuscht sich,“ fiel die Generalin ein, „und besonders unter diesen Verhältnissen. Das ist kein Vorwurf für Dich! Ich kann mich ganz in Deine Lage denken und finde es so natürlich, daß Du Dich – vielleicht Dir selber unbewußt – zum Opfer bringst. Lothar hat Dich aus den Flammen gerettet; er hat uns, bis wir Eichberg wieder bewohnen können, sein Haus zum Aufenthalt angeboten; wir sind täglich, stündlich mit ihm zusammen; Du hast tausend Gelegenheiten, seinen Geist und Charakter schätzen zu lernen, während Du zugleich immer deutlicher siehst, wie furchtbar er durch seine Schwermuth leidet. Mitleid und Dankbarkeit nehmen Dich mehr und mehr gefangen, und so ist die Selbsttäuschung fertig geworden, denn lieben, Eva, lieben kannst Du diesen düstern, leidenschaftlichen Menschen nicht. Dir, liebes Kind, will ich, wie schon gesagt, durchaus keinen Vorwurf machen, aber ich mußte das Gefährliche Eures Zusammenlebens bedenken; daß ich’s nicht gethan habe, werde ich mir nie verzeihen!“

„O, darum mache Dir keine Sorge,“ bat Eva, und nach einer Pause fügte sie leise hinzu: „Weißt Du wirklich nicht – hast Du nie geahnt, daß ich Lothar schon lange, lange liebe?“

„Eva!“ rief die Generalin in einem Tone, der verrieth, daß auch sie in Gefahr kommen konnte, das Gleichgewicht zu verlieren.

„Eva, wie ist das möglich? Du hast ihn so selten gesehen!“

„Aber desto mehr an ihn gedacht und von ihm geträumt,“ antwortete Eva und drückte einen Kuß auf die Hand der Mutter. „Erinnerst Du Dich nicht,“ fuhr sie fort, „daß schon vor vielen Jahren – Lothars Eltern waren eben gestorben, und er war mit seinen Geschwistern nach Guntershausen zum Onkel Hans gekommen – erinnerst Du Dich nicht, daß schon damals die Rede davon war, Lothar und ich sollten ein Paar werden?“

„Scherze, wie man sie mit Kindern zu machen pflegt!“ warf die Generalin ein. Eva schüttelte den Kopf.

„Tante Ernestine scherzte nie,“ gab sie zur Antwort, „und Tante Ernestine war’s, die zuerst davon sprach. Ich werde den Augenblick nie vergessen. Wir saßen bei Tische, Onkel Hans erzählte in seiner traurigen Weise von der Seuche, die seinen Bruder und seine Schwägerin an einem Tage hingerafft hatte, und sprach dann von der Zukunft der verwaisten Kinder. Werner wäre Erbherr von Guntershausen, hieß es, und Lothar müßte in den Staatsdienst treten. Und nun sah die Tante zu uns herüber; ich fühlte den Blick der grauen Augen, und noch heute tönt es mir in die Ohren, wie sie mit ihrer scharfen Stimme sagte: „der Werner mag dann Isidore heirathen, und Eure Eva ist eine passende Partie für Lothar.“ Sieh Mütterchen, das ist ein Orakel gewesen.“

Frau von Hersenbrook seufzte tief. „Wie ist’s denn möglich, daß sich meine verständige Eva in solche Phantastereien verirrt?“ klagte sie. „Bedenke doch, Kind, daß nachher Alles ganz anders gekommen ist. Ich bin überzeugt, daß in den siebenzehn oder achtzehn Jahren, die seitdem verflossen sind, Lothar so wenig wie Du an dies sogenannte Orakel gedacht hat.“

„Ob er es gethan hat, weiß ich freilich nicht,“ erwiderte Eva, „aber ich um so mehr.“

„Rede Dir nur das nicht ein,“ fiel ihr die Generalin mit mühsam unterdrückter Ungeduld ins Wort. „Wir sind damals kaum acht Wochen in Guntershausen gewesen, dann wurde Dein Vater an die Grenze commandirt, Du hast Lothar in zehn, zwölf Jahren nicht mehr gesehen, und als ihr dann länger zusammen waret, ist’s ein ganz kühles Verhältniß geblieben.“

„Bitte, liebe Mutter,“ rief Eva eifrig; „kaum sechs Jahr später war’s, als wir uns wiedersahen. Onkel Hans war plötzlich gestorben; der Vater ging nach Guntershausen, um Tante Ernestine behilflich zu sein, und nahm mich mit. Es war im tiefsten Winter. Lothars Schwestern waren gleich nach dem Tode des Onkels in eine Pension gebracht, er und Werner waren längst auf dem Gymnasium; Papa und Tante waren den ganzen Tag in Geschäfte verlieft, an Spazierengehen konnte ich bei den anhaltenden Schneestürmen nicht denken, so saß ich Tage lang allein in der Bibliothek und durchstöberte die verstaubten Regale.“

[97] „Eines Tages,“ fuhr Eva fort, „als ich wieder damit beschäftigt war, wurde die Thür heftig aufgerissen. Tante Ernestine trat ein, an ihrer Seite ein junger Mann mit glühendem Gesicht und auffallend stolzer Haltung. Es war Lothar, ich erkannte ihn auf den ersten Blick und war einen Moment vor Ueberraschung so gelähmt, daß ich nicht im Stande war, mich bemerklich zu machen. „Ich versichere Dich, Tante, daß ich nicht studire!“ rief Lothar im Hereintreten; „ich muß und will Soldat sein!“ Dabei blitzten seine Augen, wie ich’s nie bei einem andern Menschen gesehen habe. „Das wird sich finden, mein Junge,“ sagte die Tante in ihrem strengsten Tone und hätte vielleicht noch mehr gesagt, wäre ich nicht in diesem Augenblicke hinter den Bücherschränken hervorgetreten. Erst sah mich die Tante mit bösen Augen an, aber dann wurde ihre Miene freundlicher. „Gut, daß Du da bist, kleine Eva,“ sagte sie. „Ich übergebe Dir diesen Trotzkopf, sieh zu, daß Du ihn zur Raison bringst, ich habe jetzt nicht Zeit dazu.“ Mit diesen Worten wandte sie uns den Rücken und rauschte zur Thür hinaus.

„Auch Lothar hatte mir den Rücken gekehrt. Er stampfte mit dem Fuße, recht wie ein trotziges Kind, schüttelte die geballte Hand über seinem Kopfe und murmelte vor sich hin: „Und wenn sie mich einer Legion von Teufeln übergäbe, den Willen thu’ ich ihr doch nicht!“ – „Oho, seh’ ich denn aus wie der Teufel?“ rief ich empört. Lothar drehte sich um, starrte mich einen Augenblick an, brach dann in ein helles Lachen aus und erwiderte, indem er meine beiden Hände faßte: „Nein, kleine Eva, wahrhaftig nicht. – Aber Du solltest wissen, wie sie mich peinigt,“ fuhr er ernsthaft fort, und nun erzählte er mir ausführlich von seinen Kümmernissen. Statt ihn zur Raison zu bringen, wie Tante Ernestine befohlen hatte, schloß ich ein Schutz- und Trutzbündniß mit ihm, d. h. ich versprach zu thun, was ich könnte, um den Papa, der ja auch mit Leib und Seele Soldat war, für Lothars Pläne zu gewinnen – und so waren wir von Stund an die besten Freunde. Ich war damals fünfzehn Jahr alt, Lothar achtzehn. Du erinnerst Dich gewiß noch an die Zeit – erst gab’s heftige Kämpfe mit der Tante, aber Lothar blieb fest, Papa stand ihm bei, und so kam er bald darauf als Fähndrich in Vaters Regiment. Nicht wahr, Du erinnerst Dich jetzt?“

„O, nur zu deutlich,“ erwiderte Frau von Hersenbrook. „Ich wollte, liebe Eva, daß Deine Erinnerungen so klar wären, wie die meinigen; vielleicht stürztest Du Dich dann nicht so in Dein Unglück hinein. Je länger ich über Alles nachdenke,“ fuhr sie nach einer Pause fort, „je unbegreiflicher ist’s mir, wie Du zu diesem Mann Vertrauen haben kannst. Was ihm versagt ist, will er besitzen; hat er’s erreicht, so wirft er’s weg. Erst will er Soldat sein – es ist sein Beruf, er will eher das Leben verlieren, als ihm entsagen; die ganze Familie kommt in Aufruhr, zum ersten Male im Leben gibt Tante Ernestine nach – und wenige Jahre später nimmt Lothar den Abschied. Als Du ihm bestimmt warst – ich nehme an, daß Tante Ernestine im Ernste gesprochen hätte – kümmerte er sich nicht um Dich. Seines Bruders Braut ist die Erwählte. Das Geschick ist ihm günstig. Die schöne Isidore wird sein Weib – und nun ist er der kälteste, gleichgültigste Ehemann. Wochen lang sollen die Beiden kein Wort mit einander gesprochen haben. Lothar ist am Spieltische oder auf der Jagd, während Isidore Gesellschaften und Bälle besucht. Aber nun stirbt Isidore, und plötzlich ist die alte Leidenschaft wieder da. Lothar lebt nur in der Erinnerung an sie; er kann die Räume, in denen sie gelebt hat, nicht mehr verlassen. Alle geselligen Beziehungen werden abgebrochen; einst der leidenschaftlichste Jäger, nimmt er jetzt kein Gewehr in die Hand. Nach dem Tode Deines Vaters ziehen wir wieder in seine Nähe, aber Graf Guntershausen, der in frühern Jahren täglich bei uns aus- und einging, kommt nicht über unsere Schwelle. Endlich führt uns der Zufall mit ihm zusammen – und weil ich Unselige so unvorsichtig bin, ihm zu sagen, daß ich seine Lebensweise ebenso unbehaglich als thöricht finde, faßt ihn das Verlangen, mein einziges Kind in diese düstere Umgebung hinein zu ziehen. Du wirst zugeben müssen, liebe Eva, daß ich berechtigt bin, Deiner Zukunft an der Seite dieses Mannes mit Entsetzen entgegen zu sehen.“

Frau von Hersenbrook hatte mit steigender Bitterkeit gesprochen. Die Erkenntniß, daß sie bis zu dieser Stunde dem Seelenleben ihres Kindes fremd geblieben war, that ihr weh – aber sie wollte noch immer nicht daran glauben, wollte sich einreden, daß Eva in einem Wahn befangen wäre, der ihr Vergangenheit wie Gegenwart in falschem Lichte zeigte, und daß es noch Mittel und Wege geben müßte, die Bethörte zum Bewußtsein zu bringen. Darum wollte sie jetzt keine Einwendungen hören, und als Eva den Versuch machen wollte, sie zu beruhigen, fiel sie ihr hastig in die Rede.

„Laß es gut sein!“ sagte sie. „Wir wollen heute nicht weiter davon sprechen, wir sind Beide zu aufgeregt und verwirrt, um Alles gehörig zu erwägen.“ Mit diesen Worten hüllte sie sich fester in ihren Shawl und lehnte sich seufzend in die Kissen.

[98] Auch Eva seufzte. Es war ihr bang und schwer zu Muthe. Wenn sie sich auch sagen durfte, daß die Mutter in ihrer Sorge übertrieben hatte, so mußte sie doch auch zugeben, daß viel Wahres in ihrer Schilderung der Verhältnisse lag. Die Schmerzen und Zweifel vieler Jahre, die in den letzten Wochen vor Lothars unverkennbaren Liebesbeweisen gewichen waren, kehrten wieder und erschütterten die Zuversicht, die Eva noch vor Kurzem erfüllte. Aber sie wollte dieser Schwäche nicht nachgeben. Sie hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß sie Lothar wieder so unentbehrlich war, wie in alter lieber Zeit, vielleicht noch unentbehrlicher – wie durfte sie da zögern und zagen? Ob sie ihrer Aufgabe gewachsen war, – ob sie daran zu Grunde ging, das lag in Gottes Hand.

Wieder ermuthigt, richtete sie sich auf und lehnte sich aus dem Wagenfenster, um die brennende Stirn in der Nachtluft zu kühlen.

Der Mond war aufgegangen und hatte die Nebel besiegt. Wiesen und Felder schimmerten in seinem sanften Lichte, und in der Ferne, über dem Walde, zeichneten sich die Umrisse des alten Guntershausen gegen den blaugrauen Nachthimmel ab.

Wie viel hatte Eva in jenen Mauern erlebt – Heiteres und Trübes, Alles mit Lothar, oder doch um seinetwillen! Gleich beim ersten Zusammentreffen mit den verwaisten Kindern hatte er ihr am Besten gefallen. Werner, der Aelteste, war schon damals, als fünfzehnjähriger Knabe, still und ernst, saß den ganzen Tag über seinen Büchern und kam Eva, trotz seiner immer gleichen Freundlichkeit und Gefälligkeit, viel unnahbarer vor, als der um drei Jahr jüngere Lothar, obwohl dieser Eva so gut wie seine Schwestern bald mit äußerster Geringschätzung behandelte, bald mit Spott und Neckerei verfolgte. Wie oft hatte sich die sanfte Margaretha über seine Tyrannei beklagt! wie oft hatte die wilde Anna, die ihm sehr ähnlich war, mit blitzenden Augen erklärt: sie ließe sich den Uebermuth nicht länger gefallen! Die kleine Hedwig sogar, die noch auf dem Arme getragen wurde, hatte manche Thräne um den neckischen Bruder vergossen – nur Eva hatte sich immer geduldig mit einer Art von Märtyrerlust seinen Launen gefügt.

„Sein Gesicht gefällt mir so gut!“ hatte sie in kindischer Naivetät geantwortet, als Anna sie fragte, warum sie sich so viel von Lothar gefallen ließe, – und jeden Märchenprinzen, jeden Helden, von Siegfried bis Roland und von Karl dem Großen bis zum alten Blücher, die heiligen Erzväter sogar und die Weisen Griechenlands konnte sie sich nicht mehr anders denken, als mit Lothars schönen Zügen, seinen glänzenden Augen, seinem freimüthigen stolzen Wesen.

Das Verhältniß war ein ganz anderes geworden, als er sie sechs Jahre später zur Bundesgenossin gegen Tante Ernestine erkor. Das fünfzehnjährige Mädchen stand dem achtzehnjährigen Jüngling gleich – in geselliger Gewandtheit war sie ihm sogar überlegen. Er fühlte sich wie beschützt und gehalten, wenn er an ihrer Seite Gesellschaftszimmer oder Ballsaal betrat. Und wie theilte sie seine Interessen, wie wußte sie ihn zu trösten, als er die ersten Verweise im Dienst erhielt, über einen offenen Knopf, der geschlossen sein sollie, über einen nachlässigen Gruß oder ein unziemliches Wort dem Lieutenant gegenüber; und wie verstand sie es, ihn zu ermuthigen, als er schon nach den ersten Dienstjahren verzweifeln wollte, daß es „gar nichts Gescheidtes zu thun gab“! So lebten sie sich mehr und mehr in einander ein. Tante Ernestinens Worte schienen wirklich ein Orakel gewesen zu sein.

Aber sie wurden getrennt. Die Aerzte schickten den General nach Nizza, Frau und Tochter begleiteten ihn. Der Aufenthalt verlängerte sich von Monat zu Monat, endlich von Jahr zu Jahr. Zu Ende des dritten Sommers wurde Hersenbrook in fremder Erde bestattet; Eva kehrte mit der Mutter in die Heimath zurück und fand – was sie natürlich schon aus Briefen wußte – Lothar als Isidorens Gatten.

Als Eva die Nachricht bekommen hatte, lag ihr Vater auf dem Todtenbette. Der eine Schmerz half ihr den andern tragen und verbergen. Die Generalin ahnte nichts von dem Kampfe im Herzen der Tochter, und als sie in die Heimath zurückkamen, war Eva so weit gefaßt, daß sie dem Verlorenen, aber noch immer Geliebten äußerlich ruhig entgegen treten konnte. Aber sie sah ihn selten und niemals allein. Er schien ihr auszuweichen, und sie that nichts, seine Scheu zu besiegen, denn sie war zu stolz ihm zu zeigen, wie sie litt, und nicht stolz genug, um ihrer Kraft unter allen Verhältnissen sicher zu sein.

Sie war sehr arm und sehr einsam geworden, aber sie verzweifelte nicht und ging nicht an ihrem Schmerz zu Grunde. War auch die beste Lebensfreude dahin, so gab es doch für sie, wie für Jeden, der den rechten Willen hat, mancherlei zu thun, was ihre Tage ausfüllte und nach und nach ihr auch wieder eine Art von Befriedigung brachte. Glücklich war sie nicht, aber es war still und klar in ihr – sie glaubte auf immer überwunden zu haben.

Aber Isidorens Tod machte dem Frieden ihrer Seele ein Ende. Alle Hoffnungen, alle Wünsche, die sie auf ewig versunken glaubte, tauchten wieder auf, und mit ihnen die Qual der Erwartung. Sie hörte von Lothars Verzweiflung – wer konnte ihn besser trösten, als sie? Daß sie mehr für ihn zu sein begehrte, als Schwester oder Freundin, gestand sie sich selber nicht. Erst als mit der Erwartung die Sehnsucht wuchs, kam ihr zum Bewußtsein, daß es die alte, unsterbliche Jugendliebe war, die ihr Herz durchglühte.

Jahr auf Jahr verging, Lothar kam nicht. Er verkehrte überhaupt mit Niemand, als mit seinen Gutsangehörigen, die ihn lieb hatten, trotz seines finstern Wesens, denn er war in aller Noth ihr Berather und Helfer.

Eva’s Leben ging inzwischen im gewohnten Gleise fort. Jeden Winter verlebte sie in der Hauptstadt und jeden Sommer kam sie – zur Verzweiflung der Mutter – als Fräulein von Hersenbrook nach Eichberg zurück. Sie hatte resignirt, d. h. sie wünschte noch immer, aber sie hoffte nicht mehr – und nun war’s so plötzlich erfüllt, wonach sie sich so lange gesehnt hatte. Aber war es zum Heil – ob für sie selbst, danach fragte sie nicht – war es zum Heil für Lothar? War sie noch frisch und freudig genug, um, wie er es ausdrückte, seinem düstern Hause Sonnenschein zu geben? Und war’s Unglück oder Wankelmuth, was ihn bisher, wie die Generalin richtig geschildert hatte, von einem Extrem zum andern trieb? – Würde er sich je in irgend einem Verhältnisse bescheiden lernen, an irgend einem Wesen in treuer Liebe halten?

Diese Fragen drängten sich ihr immer und immer wieder auf, und sie war zu keiner Lösung gekommen, als der Wagen vor dem Verwalterhause von Eichberg hielt, das vorläufig zu ihrem Aufenthalte eingerichtet war.




III.

Während Eva nach durchwachter Nacht im Morgenschlummer von ihren Sorgen ausruhte, ging ein Bote im Auftrage der Generalin nach dem zwei Stunden entfernten adeligen Fräulein-Stifte Fischbach, um Ihro Hochwürden Gnaden, der Frau Aebtissin Ernestine von Guntershausen einen Brief zu bringen, und es war noch nicht Mittag, als die fetten Mecklenburger der hochwürdigen Frau bereits die Auffahrt von Eichberg hinan keuchten.

Eva trat eben an’s Fenster; es war ja möglich, daß Lothar schon am Vormittag kam! aber statt des Ersehnten erblickte sie die alte blaue Stiftskutsche und erkannte die blau-weiße Livree der Tanle Ernestine. Eva ahnte, daß es nicht Zufall war, der die Aebtissin herführte, und obwohl sie sich der Hoffnung hingab, eine Bundesgenossin an ihr zu finden, scheute sie sich, in diesem Augenblicke, in dieser sehnsüchtig weichen Stimmung mit ihr zusammenzutreffen. Sie nahm ihren Hut und flüchtete durch Hof und Garten in’s Feld hinaus. Der Weg, den sie einschlug, zieht sich anfangs zwischen Wiesen im Thale hin, steigt dann jäh an der Bergwand empor, führt in den Wald hinein und endlich zu einer Rasenbank, die, von Buchen beschattet, von niedrigem Buschwerk umschlossen, nur nach einer Seite Aussicht gewährt, eine Aussicht über Baumwipfel und bewaldete Kuppen, zwischen denen sich in der Ferne eine schlanke Thurmspitze erhebt – die Spitze des Schloßthurmes von Guntershausen.

Wie oft hatte Eva auf diesem Plätzchen gesessen, in schwermüthige, hoffnungslose Träume versunken! Sie träumte auch heute, als sie so da saß, den Kopf an den Stamm der Buche gelehnt, die Hände im Schooß gefaltet, den Blick nach Guntershausen gewendet, aber sie hatte trotz aller Sorge um Lothar mehr süße, als bittere Gedanken, mehr lichte als trübe Phantasien, und ein innig glückliches Lächeln verklärte ihre sanften Züge. Plötzlich schreckte sie auf. Ks rauschte etwas durch die Büsche. Jetzt wurden die Zweige ihr zur Seite auseinander gerissen, ein glühendes Gesicht sah daraus hervor, eine bekannte Stimme rief ihren Namen und im nächsten Augenblicke warf sich ein junges Mädchen mit Ungestüm an ihre Brust.

„Hedwig!“ rief Eva überrascht, „liebe Hedwig, wie bist Du [99] hergekommen?“ Mit diesen Worten zog sie die Athemlose an ihre Seite und strich ihr die langen verwirrten Locken aus der Stirn.

„Mit Tante Ernestine bin ich gekommen,“ antwortete das junge Mädchen. „Seit vorgestern bin ich bei ihr. Heute Nachmittag wollte ich Euch in Guntershausen besuchen, da kam der Brief von Deiner Mutter, und ich erfahre, daß Du … daß Lothar …“

„Daß wir verlobt sind,“ ergänzte Eva.

Hedwig fiel ihr mit einem Ausdrucke des Schreckens in’s Wort: „Sag’ das nicht, um Gotteswillen nicht!“ rief sie mit aufgehobenen Händen.

„Auch Du willst gegen uns sein?“ fragte Eva halb erstaunt, halb unwillig. Hedwig ließ sie wieder nicht ausreden.

„Ich gegen Euch?“ rief sie in Thränen ausbrechend. „O, Eva, wie kannst Du das sagen! Ich will nur nicht – es ist nur nicht möglich! …“ und wieder umschlang sie Eva’s Hals und preßte laut schluchzend den Kopf an ihre Brust.

Eva hielt sie eine Weile an sich gedrückt, hob dann den Kopf der Weinenden in die Höhe und fragte: „Hat Dich Tante Ernestine zu mir geschickt?“

„Gewiß nicht,“ betheuerte das junge Mädchen. „Tante Ernestine scheint mit Allem zufrieden zu sein.“

„Zufrieden!“ rief Eva erfreut.

„Mir schien es so,“ fuhr Hedwig fort. „Als sie den Brief Deiner Mutter las, hat sie freilich oft den Kopf geschüttelt, aber als sie ihn auf den Tisch legte und mir mittheilte, was geschehen war, blickte sie so herausfordernd umher, wie sie zu thun pflegt, wenn sie sagen will: „nun soll mir Einer kommen, der dagegen ist.“ Und dann ließ sie anspannen: sie müßte Deine Mutter zur Raison bringen, sagte sie – und ich bin mitgefahren und da ich Dich im Hause nicht fand, bin ich Dir nachgelaufen, um Dir zu sagen … um Dich zu bitten .. O, Eva, liebe Eva, wenn Du mir nur glauben wolltest.“

„Was soll ich denn glauben?“ fragte Eva, und nach einer Pause fügte sie lächelnd hinzu: „Ich bin Dir wohl nicht jung und schön genug für Deinen Bruder?“

Hedwig schüttelte den Kopf. „Laß die Scherze,“ bat sie trübe. „Mir ist’s nicht zum Lachen. Daß Du mir die Liebste und Schönste bist, weißt Du ja, und so bist Du’s natürlich auch für Lothar. Aber je lieber er Dich hat, um so weniger darf er Dich so unglücklich machen.“

Eva’s Geduld war zu Ende. „Erkläre Dich deutlicher,“ sagte sie streng, „oder peinige mich nicht länger.“

Hedwig rang die Hände. „Erklären!“ rief sie, „erklären! O, Gott das kann ich nicht.“ Dann sah sie eine Weile vor sich nieder, fuhr plötzlich empor und faßte Eva’s Hände, ganz in derselben Weise, wie es Lothar zu thun pflegte, wenn er sehr erregt war. „Eva,“ begann sie dann mit stockendem Athem, „hast Du denn nie gehört, daß ein Fluch auf Guntershausen liegt? Von zwei Eheleuten, die diesen Namen führen und dies Haus besitzen, wird immer der eine gewaltsam um’s Leben kommen.“

„Aber Hedwig, wie kannst Du Dich und mich um ein Märchen quälen!“ rief Eva vorwurfsvoll.

„Es ist kein Märchen,“ betheuerte Hedwig. „Der Großvater ist durch einen Sturz vom Pferde um’s Leben gekommen. – Seine Mutter, sie soll ganz so gewesen sein, wie Tante Ernestine, hat ein Knecht erschlagen, der durch ihre Härte zur Verzweiflung getrieben war. Von einem Guntershauseu weiß man, daß er im Zweikampfe gegen den eigenen Bruder gefallen ist; von einem Andern, daß er auf Befehl des Königs vergiftet wurde – und die Gräfin Hildegunde, die noch heutigen Tagö im Schlosse spuken soll, hat, um sich für die Untreue ihres Gatten zu rächen, erst die eigenen Kinder und dann sich selber getödtet. So geht es fort, von Geschlecht zu Geschlecht, bis in die fernsten Zeiten.“

„Zeiten voll Sagen und Aberglauben,“ warf Eva ein. „Ich glaube nicht an solchen Fluch.“

„Aber er ist noch immer wirksam; Du kannst ihn nicht leugnen,“ fuhr Hedwig fort. „Onkel Hans soll am Schlagflusse gestorben sein – der alte Joseph, der Alles weiß, hat mir gestanden, daß er sich in einem Anfalle von Schwermuth ertränkt hat – und frag’ ihn mal auf’s Gewissen, wie Isidore gestorben ist, er weiß es so gut wie ich.“

„Isidore? – Lothar’s Frau?“ wiederholte Eva, die sich eines leisen Schauders nicht erwehren konnte. „Isidore, Kind, ist am Nervenfieber gestorben.“

Hedwig lachte. Es war ein häßliches, unheimliches Lachen, das die schönen Züge des jungen Mädchens verzerrte. „So sagt man,“ erwiderte sie; „und so glauben’s die Leute, aber ich kann es Dir besser sagen. Sie ist erschossen – dort drüben in Guntershausen, in ihren eignen Zimmern. – Sieh mich nicht so zweifelnd an,“ fuhr sie nach einer Pause fort. „Ich bin bei vollem Verstande und sage Dir nur was ich gesehen habe. Ja, Eva, diese Hand hat auf der Wunde der armen, jungen Frau gelegen, und ich habe Alles mit eigenen Augen gesehen.“

Eva war tief erschüttert. „Weißt Du auch,“ fragte sie nach einer Pause, „weißt Du auch, wer der Mörder war?“

„Lothar!“ erwiderte Hedwig kaum hörbar, mit bebenden Lippen.

„Lothar!“ wiederholte Eva, indem sie die Sprechende voll Entsetzen anstarrte. „Lothar!“ sagte sie noch einmal und nach langer Pause fügte sie schaudernd hinzu: „Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben!“ Aber dann kam die Erinnerung an Lothars Schwermuth, an manches räthselhafte Wort, das sie in seinen bösen Stunden von ihm gehört und nicht verstanden hatte, an tausend scheinbar geringfügige Dinge, die jetzt, in diesem Lichte gesehen, eine schreckliche Bedeutung gewannen. „Kannst Du mir erzählen, was Du gesehen hast?“ fragte sie endlich.

„Ich will’s versuchen,“ antwortete Hedwig. „Sieh, Eva,“ fuhr sie nach kurzem Besinnen fort; „ich habe nie mit einem Menschen davon gesprochen, habe gethan, was ich konnte, um es zu vergessen, es hat auch Zeiten gegeben, wo ich nicht daran dachte, aber so oft ich Guntershausen wiedersehe, steht mir der schreckliche Moment mit aller Lebendigkeit wieder vor den Augen, und zu denken, daß Du auf immer dort leben sollst –! Aber ich wollte Dir erzählen, was damals geschah,“ unterbrach sie sich selbst, gleichsam als Antwort auf Eva’s ungeduldige Gebehrde.

„Du weißt,“ fuhr sie fort, „daß Tante Ernestine, sobald Onkel Hans gestorben war, oder vielmehr, sobald sie Ordnung in die Geschäfte gebracht hatte, von Guntershauseu nach Fischbach übersiedelte, wo sie bald darauf zur Aebtissin gewählt wurde. Meine Schwestern und mich ließ sie in der Pension, aber bald mußte die Eine, bald die Andere von uns monatelang bei ihr in Fischbach sein. Meine Schwestern fürchteten sich sehr vor diesen sogenannten Erholungsreisen, aber ich wurde ziemlich gut mit der Tante fertig, d. h. ich war ein ungezogenes Ding, das sich aus Befehlen und Verweisen wenig machte und immer nur that, was ihm gefiel.

„Nun muß ich Dir noch sagen, daß im Sommer vor fünf Jahren in Fischbach und der Umgegend das Nervenfieber grassirte, sodaß alle Damen flüchteten und auch wir nicht dort bleiben konnten – ich war nämlich zu jener Zeit bei der Tante. So kam’s, daß wir auf einige Wochen nach Guntershausen gingen. Aber wir wohnten nicht im Schlosse. Der alte Joseph behauptete, Onkel Hans wäre der Tante erschienen und deshalb möchte sie nicht dort sein – vielleicht war’s aber auch nur der Grund, den sie selber angab, nämlich daß sie weder genirt sein, noch geniren wollte, der sie dazu brachte, in das neue Gartenhaus unten im Park zu ziehen. Jedenfalls war’s da bequemer, sonniger, freundlicher, als im Schlosse – nur für meinen Flügel fand sich kein Platz, und so wurde ich täglich in’s Schloß hinaufgeschickt, um mich zu üben. Mir war das ganz recht und ich blieb oft stundenlang aus, aber nicht um langweilige Etüden zu spielen – ich saß statt dessen in der Bibliothek und verschlang allerhand verbotene Lectüre.

„Eines Nachmittags saß ich wieder einmal auf meiner Bücherleiter – herunterzusteigen nahm ich mir gar nicht die Mühe – und las den Siegwart. Tante Ernestine hatte gerade dies Buch auf’s Strengste verboten und so war’s natürlich, daß ich es mit Wonne genoß.

„Plötzlich höre ich Schritte auf dem Gange – so viel ich wußte, war doch nur Joseph zu Haus, denn Isidore sowohl, wie alle Domestiken waren zum Erntefest nach Berndorf hinunter gegangen, und Lothar war schon seit Wochen abwesend. Aber die Schritte nähern sich, und kaum habe ich Zeit gehabt, mich in eins der obern leeren Regale zu verstecken und die Vorhänge zusammen zu ziehen, als zu meiner großen Ueberraschung Isidore hereintritt. Sie sah erhitzt und ärgerlich aus, warf Hut und Sonnenschirm auf den nächsten Stuhl, trat an den großen Tisch, der in der Mitte des Saales steht, schloß auf, zog mit großer Anstrengung den schweren Schubkasten heraus, öffnete ein geheimes Fach, das dahinter angebracht war, und nahm ein Etui heraus, das wie ein Schmuckkästchen aussah. Dann brachte sie Alles in großer Hast wieder in Ordnung; wahrscheinlich hatte sie so gut wie ich gehört, daß sich abermals Jemand dem Saale näherte. Gleich darauf erschien der alte Joseph in der Thür. Auch er sah verstört und verlegen aus. [100] „Gnädige Gräfin –“ fing er an. „Schon gut!“ fiel sie ihm in’s Wort; „führe ihn nebenan in’s blaue Zimmer und sorge, daß wir nicht gestört werden.“ Dann blieb sie einen Augenblick stehen – es sah aus, als ob sie sich besinnen müßte oder Muth fassen wollte – und ging endlich langsam, wie mit Widerstreben, in’s blaue Zimmer hinüber.

„Sie hatte die Saalthüre offen gelassen, und so hörte ich bald, daß sehr laut und heftig gesprochen wurde. Ich konnte unterscheiden, daß es die Stimme eines Mannes war, die ihr antwortete, aber verstehen konnte ich nichts. Ich fing an mich zu fürchten und dachte darüber nach, ob ich’s wagen könnte, an der blauen Stube vorbei zu schlüpfen – da höre ich, daß Isidore laut, wie im Zorne aufschreit, gleich darauf wird heftig die Klingel gezogen, in demselben Momente fällt aber auch ein Schuß … und nun halt’ ich mich nicht länger; ich will hinunterspringen, gleite aus, falle mit dem Kopfe an eine scharfe Kante; es braust mir vor den Ohren, meine Sinne vergehen – und so habe ich, wer weiß wie lange, in tiefer Ohnmacht gelegen.

„Als ich wieder zu mir selber kam, lag ich noch an derselben Stelle. Ich raffte mich auf und suchte es mir klar zu machen, wie viel in den Erinnerungen, die jetzt auf mich einstürmten, Wahrheit wäre, oder Traum. Eben war ich im Begriff über die Schwelle zu treten, da sah ich, daß Joseph den Gang herauf kam. Zu gleicher Zeit wurde die Thür der blauen Stube geöffnet, mein Bruder trat heraus. Trotz der Dämmerung, die im Gange herrschte, sah ich deutlich, wie blaß und verzerrt sein Antlitz war, und mit einem Tone, den ich nie, nie vergesse, rief er dem Alten zu: „Es ist keine Hoffnung, sie ist todt.“

„Darauf gingen sie beide in’s Zimmer zurück, und ich wankte hinaus. Wie ich das Schloß verlassen habe, wie ich durch den Garten gekommen bin – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich vergebens darüber nachsann, wie ich mein Ausbleiben und meinen Zustand erklären sollte. Ich ängstigte mich vergebens; noch ehe ich heimkam, war Joseph gekommen und hatte Tante Ernestine geholt. Sie kam erst am nächsten Morgen wieder. Isidore, hieß es, hätte das Nervenfieber und außer dem Arzte dürfe Niemand zu ihr, als Tante Ernestine, Lothar und Joseph. Am Abend des zweiten Tages sollte sie gestorben sein – auch jetzt sollte der Ansteckung wegen Niemand sie sehen, und die Beerdigung sollte aus demselben Grunde schon am nächsten Tage stattfinden.

„Aber ich mußte sie sehen! Als die Dienerschaft beim Essen war, schlich ich hinauf – ich begreife nicht, wie ich den Muth dazu hatte. Aber es war ein unüberwindliches Verlangen in mir, die Wahrheit zu wissen. Mein Unternehmen gelang. Es war Niemand bei der Leiche. Die Läden waren geschlossen, die dunkeln Vorhänge zugezogen. Ein Ruhebett stand mitten im Zimmer, und darauf lag Isidore, von brennenden Kerzen umgeben. Wie schön sah sie aus! Die schweren, blonden Flechten lagen wie ein Kranz über der weißen Stirn; die Augen waren geschlossen, wie zum Schlummer. Die feinen Züge sahen in dieser ernsten Ruhe viel edler aus, als sonst, und doch war das bezaubernde Lächeln geblieben, das ihrem Munde einen so eigenthümlichen Reiz gab.

„Aber ich war nicht gekommen, um sie zu bewundern. Ihre Hände lagen gekreuzt über der Brust, ich hob sie auf. Die eisige Kälte durchschauerte mich bis in’s Innerste des Herzens. Ich ließ mich nicht irren; ich hob auch das Gewand … unter der Brust an der linken Seite war die Haut zerrissen; das Fleisch quoll blutig roth aus der Wunde hervor … Mein Gott, mein Gott, wie hat mich das Bild verfolgt!“

Hedwig hatte schon eine Weile zu sprechen aufgehört, und noch immer saß Eva in sich zusammengesunken da. Endlich erhob sie den Kopf.

„Und Lothar?“ fragte sie, „hast Du niemals Aufklärung von ihm verlangt?“

Hedwig schüttelte den Kopf.

„So will ich ihn fragen,“ sagte Eva. „Und sieh, wer da kommt,“ fuhr sie fort, auf den gegenüberliegenden Bergabhang deutend, wo eben eine hohe Männergestalt zwischen den Bäumen sichtbar wurde. „Da ist er! – er hat uns gesehen, er kommt hierher.“

Hedwig sprang auf. „Laß mich, laß mich,“ sagte sie ängstlich bittend. „Ich kann nicht mit Lothar darüber sprechen, ich kann es nicht.“ Aber Eva legte die Hand auf ihren Arm.

„Du bleibst,“ sagte sie streng. „Es ist genug, daß Du ihn jahrelang schweigend beschuldigt hast; jetzt sollst Du die Wahrheit hören … Es ist ja nicht möglich, daß er ihr Mörder ist!“

Zitternd setzte sich Hedwig wieder und lehnte den Kopf an Eva’s Schulter, während diese traurig, aber vertrauensvoll dem Kommenden entgegensah.

[113]
IV.

Frau von Hersenbrook hatte gerade im Hauptgebäude die Arbeiten der Bauleute in Augenschein genommen, als der Wagen der Aebtissin am Verwalterhause vorgefahren war. Auf die Meldung des Dieners war die Generalin hinübergeeilt, ihren Gast zu empfangen, und war auf halbem Wege mit Hedwig zusammengetroffen, die nach flüchtiger Begrüßung weiter ging, um sich, wie sie sagte, nach Eva umzusehen. Die Generalin war selbst so erregt, daß sie die Unruhe des jungen Mädchens übersehen hatte. Auch war es ihr im höchsten Grade erwünscht, mit der Aebtissin allein zu sein, und mit einer ihr sonst fremden Hast trat sie wenige Augenblicke später in das Gemach, das sie nothdürftig zum Empfangszimmer eingerichtet hatte. Ernestine von Guntershausen hatte sich in einen Sessel am Fenster niedergelassen. Beim Eintritt der Generalin stand sie auf. Es war eine mittelgroße, etwas hagere Gestalt, die sich trotz sechszig Jahre vollkommen aufrecht hielt und in ihrer schwarzen Ordenstracht mit der feingefalteten Haube, der breiten Halskrause und dem goldenen Kreuz an der linken Schulter beinahe aussah, als wäre sie aus einem der alten Rahmen im Ahnensaale zu Guntershausen niedergestiegen. Auch das scharfgeschnittene, wachsbleiche Gesicht der Dame hatte etwas von der Starrheit eines Bildes. Der strenge, eigensinnige Zug um die schmalen, blassen Lippen, die tiefe Falte zwischen den Augenbrauen, selbst die hochmüthige Haltung des Kopfes blieben sich immer gleich. Nur in den großen, runden, hellgrauen Augen mit den schwarzen Wimpern und Brauen war Leben und wechselnder Ausdruck. Aber mochten sie Haß oder Liebe, Gleichgültigkeit oder Zorn, Spott oder Beifall verrathen, unheimlich waren sie immer und übten fast auf Jeden, der von ihrem scharfen Blick getroffen wurde, eine beängstigende oder doch erkältende Wirkung.

Auch die Generalin empfand diesen Einfluß, besonders wenn sie, wie heute, nach langer Abwesenheit oder zur Besprechung wichtiger Fragen mit der Aebtissin zusammenkam. Der sonst so gewandten Frau stand jetzt kaum ein Wort zu Gebote, um den Dank für die schnelle Erfüllung ihrer Bitten auszusprechen. Ernestine schnitt ihre Rede durch eine abwehrende Handbewegung ab.

„Lassen wir das, Frau Schwägerin,“ sagte sie in ihrem harten Tone, indem sie sich wieder setzte und die Generalin bedeutete, ihr gegenüber Platz zu nehmen. „Sie haben mir nicht zu danken und werden sich nicht mehr freuen, wenn Sie hören, warum ich hier bin. – Umschweife und Redensarten,“ fuhr sie fort, ohne den höflichen Einwendungen der Generalin die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, „Umschweife und Redensarten sind einmal nicht meine Sache. Um allen Mißverständnissen vorzubeugen, will ich Ihnen darum gleich von vorn herein erklären, daß ich mit Ihrer Ansicht der Verhältnisse nicht harmonire. Ich bin mit Lothars Wahl zufrieden und werde dem jungen Paare mit tausend Freuden meinen Segen geben.“

„Sie sind gütig!“ erwiderte die Generalin mit dem ihr eigenen feinen, vielsagenden Lächeln. „Ich muß aber gestehen, daß ich weniger um Lothars Glück in Sorge war, als um das meines Kindes.“

„Glück!“ wiederholte die Aebtissin, deren Augen spöttisch aufleuchteten. „Ich weiß nicht, Liebste, was Sie darunter verstehen. Was man gewöhnlich so nennt, gehört für mich unter die Popanze der Kinderstube. Ich weiß freilich, meine liebe Hersenbrook, daß es Leute in Menge gibt, die nur danach streben, ihr Leben mit Amüsements und Thorheiten aller Art zu füllen, aber ich habe dazu niemals Zeit gehabt und danke Gott dafür.“

„Ich weiß, Sie haben sich immer für Andere geopfert,“ schaltete die Generalin sarkastisch ein.

„Da sind Sie wieder im Irrthum, Frau Schwägerin!“ rief die alte Dame. „Geopfert habe ich mich nie; Sentimentalität und was dahin gehört, ist mir in den Tod zuwider. Ich habe einfach meine Augen aufgemacht, habe gefragt: was thut Noth – was kann ich ausrichten? – und wenn ich das einmal wußte, bin ich auf mein Ziel losgegangen, ohne erst zu fragen, ob der Weg auch hübsch bequem für Atlasschuhe und Florkleider eingerichtet wäre. Das, meine Liebe, verlange ich auch von Andern – das verlange ich z. B. jetzt von Ihrer Eva.“

Die Generalin hatte wieder ihre kindliche Miene angenommen. „Sie schildern das so schön, es klingt so leicht, so einfach!“ seufzte sie. „Und doch können wir niemals wissen, ob wir auch wirklich auf rechtem Wege sind, dem rechten Ziele nachstreben. Schon vor Jahren sollte meiner Tochter dieselbe Aufgabe beschieden sein, die Sie ihr jetzt wieder zuweisen – plötzlich wurde eine Andere an ihrer Statt berufen – wer sollte da den alten Glauben, die alte Ueberzeugung festhalten? Wenn Eva nun nicht mehr frei wäre?“

„Ich verstehe, Sie wollen mir den Vorwurf der Inconsequenz machen,“ fiel die Aebtissin ein. Ihr Ton blieb unverändert – kalt wie ihre Miene, aber das Sprühen der weit geöffneten grauen Augen verrieth, daß sie zornig erregt war. „Sie irren sich,“ fuhr sie fort, „ich will heute noch, was ich vor zehn Jahren wollte – es ist dasselbe, was ich seit vierzig Jahren unter allen Verhältnissen [114] erstrebte. Daß ich zuweilen in der Wahl der Mittel fehl gegriffen habe, will ich nicht leugnen.“

„Aber beste Schwägerin, davon ist ja gar nicht die Rede,“ fiel die Generalin ein, die mit Schrecken bemerkte, daß sie sich immer weiter von ihrem Ziele entfernte. „Im Gegentheil, das Vertrauen auf Sie ist’s ja gerade, was mich zu Ihnen führt. Ich lege Ihnen meine Sorgen und Wünsche an’s Herz, weil ich weiß, daß mir Niemand besser rathen und helfen kann, als Sie. Ihre Hand ist die einzige, die dies unheilvolle Band wieder lösen kann. Lothar wird gegen Ihren Willen keine Verbindung schließen, das weiß ich. Ich halte es überhaupt für Wahnsinn, für Unrecht, daß er heirathet – und nun gar diese Wahl! Wenn es noch ein junges, lustiges frisches Wesen wäre, das ihn aus seinem Trübsinn aufrütteln könnte – aber meine stille Eva! Glauben Sie mir, Eva ist keine Frau für Lothar!“

„Sagen Sie lieber, daß Sie keine Schwiegermutter für ihn sind,“ fiel die Aebtissin spöttisch ein. „Uebrigens ersparen Sie sich die Mühe, mich umstimmen zu wollen,“ fuhr sie ernsthaft fort. „Ich habe mir, wie ich schon sagte, mein Urtheil über die Partie gebildet. Die jungen Leute lieben sich; der Himmel hat sie gleichsam durch Zeichen und Wunder zusammengeführt – ich werde sicher nichts thun, um sie zu trennen. Außerdem, liebe Hersenbrook, habe ich gelobt, in solchen Dingen nie mehr weder Hand noch Fuß zu rühren. Hätte ich das nicht mit heiligen Eiden geschworen, so wären Lothar und Eva längst durch meine Vermittelung zusammengekommen, und was Sie heute beklagen, wäre vielleicht schon vor Jahr und Tag geschehen.“

Die Generalin starrte die Sprechende an, als ob sie ihren Sinnen nicht traute. „Sie wollen nicht eingreifen?“ stammelte sie endlich, „Sie wollen sich jede Einmischung untersagen? Aber ohne Ihre Zustimmung wird ja in der ganzen Familie nie auch nur das Geringste beschlossen oder ausgeführt! Wahrhaftig, liebe Schwägerin, ich verstehe Sie nicht mehr!“

„Als ob Sie mich je verstanden hätten,“ erwiderte die Aebtissin bitter. „Ihr Alle,“ fuhr sie nach einer Pause grollend fort, „Ihr Alle haltet mich doch nur für ein herrschsüchtiges Geschöpf, das überall seinen Willen durchsetzen, seine Launen befriedigen will. Das ist Eure Meinung! Aber fragt einmal, was ohne mich, ohne mein, wenn Ihr wollt, despotisches Eingreifen aus Guntershausen geworden wäre!“

Die Aebtissin stand auf und ging mit über der Brust gekreuzten Armen in gemessenem Schritt auf und nieder. Das schwarze Seidenkleid rauschte in schweren Falten um ihre Gestalt, die in diesem engen, niedern Raume viel größer erschien als sonst. Dazu hatte ihr Gesicht seinen strengsten, stolzesten Ausdruck, und die großen Augen starrten glanzlos in unbestimmte Fernen. Der Generalin wurde immer unbehaglicher zu Muth, die gewöhnliche Sicherheit ihres Benehmens war erschüttert; sie wußte nicht, ob sie schweigen oder sprechen sollte. Endlich fing die Aebtissin wieder zu reden an. „Heut zu Tage kommt freilich nichts mehr darauf an, ob alte Geschlechter zu Grunde gehen,“ sagte sie, „ob Familien zerrissen und zerstreut werden, und ob das Haus, wo wir geboren wurden, in fremde Hände übergeht. Ihr wollt nur leicht, behaglich, lustig leben. Das gotteslästerliche: „après moi le déluge“ ist Euch Allen in Fleisch und Blut übergegangen.“

Die Generalin zuckte die Achseln. „Ihr alter, ungerechter Vorwurf!“ sagte sie. „Was können wir gegen das Geschick? Was zerfallen soll, zerfällt, was vergehen soll, vergeht, wir mögen uns noch so sehr dagegen stemmen.“

„Feige Ausreden, nichts als feige Ausreden!“ rief die Aebtissin. „Ich habe an mir selbst erfahren, was Entschlossenheit, Beharrlichkeit und feste Hand vermögen. Hätte ich damals, als der Vater verunglückte und seine Angelegenheiten in der größten Verwirrung hinterließ, auch gedacht: „was zerfallen soll, zerfällt“, Guntershausen wäre längst in fremde Hände übergegangen, und der Sohn meines Bruders hätte keine Heimath mehr.“

„Sein Leben hätte sich darum vielleicht nicht unglücklicher gestaltet,“ fiel die Generalin ein.

Die Aebtissin blieb stehen und sah sie mit zornig funkelnden Augen an. „Unglücklicher vielleicht nicht,“ sagte sie; „aber unwürdiger jedenfalls. Haben Sie denn wirklich kein Gefühl für die Heiligkeit des Vaterhauses? Sie sind freilich nie in Gefahr gewesen, daraus vertrieben zu werden,“ fuhr sie milder fort, indem sie den Platz am Fenster wieder einnahm. „Man muß es erlebt haben, wie ich, als nach des Vaters Tode ganze Schaaren jüdischer und christlicher Wucherer über uns herfielen, mit gierigen Blicken unsere Habe taxirten, die begehrlichen Hände nach allen Seiten ausstreckten. So oft ich unter unserm Wappen am Portale den Wahlspruch: „Wahr dich, wehr Dich“ erblickte, gab es mir einen Stich in’s Herz, und ich schrie zu Gott mir Kraft zu geben, um zu wahren und zu wehren. Die Brüder waren noch halbe Kinder, neunzehn, siebzehn und fünfzehn Jahre alt, die Mutter war eine schwache Frau, die ganz in ihrer Wittwentrauer unterging; ich selber war ein unerfahrenes Geschöpf von kaum einundzwanzig Jahren – aber die Noth machte mich selbstständig. Nach kurzer Zeit hatte ich eine vollständige Uebersicht der Verhältnisse gewonnen. Sie waren trostlos. Eine Menge Processe, zum Theil um Nichtigkeiten, fraßen unsere Einkünfte, die Lehen waren auf Jahre verpfändet, die Forsten verwüstet; die Oekonomie war schlecht verwaltet. Das war schon zur Zeit des Großvatern so gewesen. Der Vater hatte aus Bequemlichkeit Alles im alten Gleise gelassen. Jetzt nahm ich die Zügel der Wirthschaft in die Hand. Ich erzwang, daß Einschränkungen gemacht, unredliche Diener entlassen, günstigere Pachtverträge abgeschlossen, Processe beigelegt wurden. Und weil ich mit Muth und Vertrauen an’s Werk ging, gelang es mir. Als Bruder Hans fünf Jahr später Guntershausen übernahm, konnten wir ohne zu schwere Sorgen in die Zukunft blicken. Am Wollen, Frau Schwägerin, da liegt’s.“

„Es liegt auch, am Können,“ erwiderte die Generalin. „Sie hatten gerade die Aufgabe gefunden, die Ihnen angemessen war. Hersenbrook hat mir zu hundert Malen voll Bewunderung erzählt, mit welcher Umsicht und Energie Sie damals zu Werke gegangen sind.“

„Hat er das?“ fragte die Aebtissin und für einen Moment flog eine leichte Röthe über ihr Gesicht. „So hat er Ihnen auch wohl erzählt, daß er sich damals um mich bewarb, daß ich ihm von Herzen gut war, ihn aber zurückwies, weil ich erkannte, wie viel leichter ich in seinem neu zu gründenden Hause ersetzt werden könnte, als in dem verfallenden meiner Väter. Hans war wie der Vater eine stille, weiche, träumerische Natur, wenig zur Verwaltung großer Güter geeignet. Er hatte das auch selbst erkannt, und ich hatte ihm versprechen müssen, ihn nie zu verlassen. Ich erwähne das jetzt nur, liebe Hersenbrook, um Ihnen zu beweisen, daß ich vor keiner Consequenz zurückgewichen bin, die mit der Aufgabe verbunden war, Guntershausen für seine angestammten Herren zu erhalten und unsrer Familie so viel als möglich vom alten Glanz und Wohlstand wiederzugeben.

„Dies sind denn auch die Zielpunkte gewesen, die ich im Auge behalten habe, als es sich später um die Berufswahl und Verheirathung meiner Neffen handelte. Ich weiß nicht, ob Sie erfahren haben, daß Hans, etwa fünf Jahre vor der Verheirathung mit Hersenbrooks Schwester, schon einmal verlobt war. Seine Braut war eine der schönsten Geschöpfe, die mir jemals vorgekommen sind. Sie haben ja die arme Isidore gekannt – gerade so war Friederike von Waldburg. Dasselbe blonde Haar, dieselben tiefblauen Augen, die rosige Färbung, die weichen Formen, das halb anschmiegende, halb spöttisch neckische Wesen. Hans nannte sie scherzend seine Sirene – es war ein ganz bezeichnender Ausdruck. Wie sie sich zu meinem einfachen, stillen Hans gefunden hatte, begriff ich nicht, vielleicht hatte sie auch nur den Vorstellungen ihrer Mutter nachgegeben. Aber sie schien glücklich, Hans war es in der That – es war einmal wieder Sonnenschein nach langer, schwerer Zeit. Die Hochzeit war schon bestimmt, als mein jüngster Bruder Max von langen Reisen zurückkam. Er war ein schöner, gewandter Mann, sehr jung, sehr feurig – Friederike und er entbrannten in einer wahnsinnigen Leidenschaft für einander. Sobald Hans das erkannte, trat er zurück. Seine Großmuth setzte das Paar in den Stand sich zu verheirathen, und gleich nach der Hochzeit ging Max als Gesandtschafts-Attaché mit seiner jungen Frau nach Paris. Es hat kein Segen auf dieser Ehe geruht. Max war eifersüchtig, Friederike soll kokett gewesen sein – so haben sich Beide, im vollen Sinne des Wortes, zu Tode gepeinigt. Nach zehnjähriger Ehe ist Friederike gestorben; Max ist ihr ein Jahr später gefolgt, und von ihren fünf Kindern hat nur das jüngste, Isidore, die Eltern überlebt. Das Kind wurde mir übergeben, aber ich mußte seine Erziehung fremden Händen überlassen, denn es war seiner Mutter so ähnlich, daß sein Anblick auf Hans den traurigsten Eindruck machte. Gleich nach Friederikens Treubruch [115] hatte ich an ihm die ersten Spuren jener Gemüthskrankheit bemerkt, die nachher in so trauriger Weise überhand nahm. Anfangs war es eigentlich nur ein Versinken in selbstquälerische Gedanken. Sonderbarer Weise kam dabei die Erinnerung an Friederike nicht in’s Spiel. Er griff um einige Jahr zurück und redete sich ein, daß er am Tode unserer Mutter schuld wäre. Konnte dieser Vorwurf einem Menscben gemacht werden, so hätte er nur Friedrich, meinen zweiten Bruder, treffen können.

„Friedrich war ein leidenschaftlicher, leichtsinniger Bursche, der echte Großsohn des einst so berüchtigten „wilden Guntershausen“. Zum Unglück stand er bei der Garde, einem Corps, das sich immer durch wüstes Leben hervorgethan hat. Oft hat der Junge in einer Nacht mehr verspielt, als sein ganzes Jahreseinkommen betrug. Wenn er dann in Verzweiflung schrieb oder selber kam, war die Mutter immer bereit dem Liebling zu helfen; auch der schwache, gutmüthige Hans ließ sich wieder und wieder zu Opfern hinreißen, die weit über seine Kräfte gingen.

„Ich war die Einzige, die Widerstand leistete, aber ich wurde überstimmt. Mit Schrecken sah ich die Frucht jahrelanger Mühen verloren gehen – die alten Verwirrungen drohten über uns hereinzubrechen. Das durfte ich nicht dulden; Guntershausen durfte nicht um eines leichtsinnigen Knaben willen ruinirt werden. Zum ersten und einzigen Male im Leben kam es zu einem heftigen Auftritt zwischen Hans und mir, aber ich trug den Sieg davon. Hans gab mir sein Ehrenwort, nichts mehr für den Unverbesserlichen zu thun. Nun schritt ich ein, gab den Rest meines kleinen Vermögens hin, um Friedrichs Schulden zu bezahlen, erzwang aber, daß er sich zu einem andern Regimente versetzen ließ. Er kam in eine kleine Garnison, deren Commandant die Sitten der jüngeren Officiere mit unerbittlicher Strenge überwachte.

„Friedrich war in Verzweiflung – die engen Verhältnisse erdrückten ihn. Zugleich kam er mehr und mehr zur Erkenntniß seines Unrechtes. Uebermäßig wie sein Leichtsinn gewesen war, war nun auch seine Reue – er wurde lebensmüde, menschenscheu. Die Mutter war nahe daran, Hans und mich zu verfluchen. Ich selbst habe eine Weile das Aergste gefürchtet, und wer weiß, wozu es gekommen wäre, hätte Friedrich nicht in der Liebe Erlösung gefunden. Die Tochter seines Obersten war die gute Fee, die ihn vollständig zur Besinnung brachte. Sie heiratheten sich, und Friedrich ist bis zu seinem Tode ein musterhafter Gatte und Vater gewesen. Sein Sehn, Lothar, ist ihm in vielen Dingen ähnlich, auch er, davon bin ich überzeugt, wird sich an der Seite einer Frau, die für ihn paßt, vollständig zurecht finden.“

„Aber Eva paßt nicht für ihn,“ schaltete die Generalin in ihrer eigensinnigen, beharrlichen Weise ein. Die Aebtissin beachtete diese Unterbrechung nicht. „Während sich Friedrichs Leben so günstig umgestaltete,“ fuhr sie fort, „wurde die gute Mutter krank und starb. Möglich, daß die Sorge um den Lieblingssohn ihr Ende beschleunigt hatte – aber Hans trug sicher keine Schuld. Kurze Zeit schien auch von seiner Seele die Trübung wieder zu weichen – damals, als Hersenbrooks Schwester auf meine Einladung nach Guntershausen kam, und seine Neigung gewann. Sie erfüllte unsere Wünsche, wurde sein Weib und so verlebten wir ein paar ruhige, glückliche Jahre, obwohl ihrer Ehe der Kindersegen versagt blieb. Dann starb sie – des Bruders Schwermuth kam im verstärkten Maße wieder, Friedrich’s Tod gab ihr neue Nahrung – so ging das fort, bis der Tod seiner langen Qual ein Ende machte.“

Es war etwas Erschütterndes in der Ruhe, womit die alte Frau auf alle diese Trübsal zurück blickte. Selbst die Generalin fühlte sich so davon ergriffen, daß sie keines Wortes mächtig war und schweigend zu der Aebtissin aufsah, bis diese nach einem schweren Seufzer zu sprechen fortfuhr:

„Da war ich nun in dem verödeten Guntershausen,“ sagte sie. „Das Haus stand fest gegründet, aber die berufen schienen, es mit mir zu bewohnen, hatten mich verlassen. Meine beiden Neffen, Friedrich’s Söhne, waren die letzten Repräsentanten unseres alten Geschlechts, in ihrer Hand mußte sich Alles vereinigen, was unser Haus an Ruhm, Macht und Reichthum besaß. Aus diesem Grunde wollte ich Isidore, die Erbin von Rothach – dem Gute, das Hans in seiner Großmuth an Max gegeben hatte – mit Werner verheirathen. Daß ich Eva für Lothar bestimmte, geschah theils aus alter Zuneigung für Hersenbrook, theils aber auch, weil sie für einen jüngern Sohn eine wünschenswerthe Partie war.

„Wieder legte der Tod sein Veto ein – Werner starb – und so war’s nicht meine Laune, sondern die unvermeidliche Consequenz meines ganzen Strebens, daß ich Isidorens Hand nun für Lothar bestimmte. Wie ich dabei gefehlt und wie ich dafür gelitten habe, das, Frau Schwägerin, gehört nicht hierher. Genug, daß ich seit der Zeit nicht mehr Schicksal spiele – wir sind ja nie zu alt, um zu lernen! Aber ich gestehe, daß ich seit Jahren wünsche, Lothar zu Eva zurückkehren zu sehen, und ich danke Gott, daß meine Wünsche erhört sind.

„Aber nun lassen Sie uns nicht weiter von alledem sprechen,“ fuhr sie in ihrem gewöhnlichen, harten Tone fort, indem sie aufstand und die Hand auf den Arm der Generalin legte. „Lassen Sie uns einmal hinübergehen, ich möchte den Neubau in Augenschein nehmen – und glauben Sie mir, liebe Hersenbrook, lassen Sie die Kinder gewähren. Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden!“




V.

Während sich Tante Ernestine so energisch für die Verlobten erklärte, war für diese eine schwere Stunde gekommen.

Beim ersten Blick in Lothar’s düstre Miene bereute Eva, daß sie Hedwig zum Bleiben gezwungen hatte. Sie wollte das junge Mädchen bedeuten, die traurigen Erklärungen auf eine bessere Stunde zu versparen, aber es war zu spät. Das leidenschaftliche Geschöpf sprang auf, sobald sich der Bruder näherte, stürzte ihm entgegen, warf sich weinend an seine Brust und überschüttete ihn mit Vorwürfen und Klagen.

Nun wir kein Rückhalt mehr möglich. Eva trat zu ihm, faßte seine Hand und bat ihn, der Ungestümen zu verzeihen.

„Laß uns jetzt nicht mehr davon sprechen,“ bat sie, indem sie sorgenvoll in sein blasses, verstörtes Antlitz sah. „Ich bin ruhig – Du brauchst mir nicht erst die Versicherung zu geben, daß dem Allem ein Mißverständniß zum Grunde liegt.“

Lothar küßte ihre Stirn, setzte sich auf die Rasenbank, zog Eva an seine Seite und sagte mit trübem Lächeln, indem er ein Päckchen aus der Tasche nahm: „Da ist meine Antwort, meine Beichte, wenn Du willst; die traurige Geschichte meiner ersten Ehe. Die ganze Nacht habe ich geschrieben, ganz früh sollte der Brief in Deinen Händen sein. Ich wollte Dich nicht wiedersehen, bis Du Zeit gehabt hättest, Dich zu prüfen. – Dann konnte ich mich wieder nicht entschließen, die Blätter einem Fremden anzuvertrauen – ich wollte sie Dir selber bringen, trage sie nun schon seit vielen Stunden mit mir herum, und wer weiß, wie lange ich das noch gethan hätte, wären wir hier nicht zusammengetroffen.“ Er gab Eva den Brief. „Und nun,“ fuhr er fort, „nimm auch das Versprechen zurück, das Du mir gestern gegeben hast. Ich wußte nicht, was ich that. Der Schmerz, Dich zu verlieren, hatte mich der Besinnung beraubt. Verzeih’, Eva! Du bist frei, ganz frei – Du sollst Dich erst entscheiden, wenn Du Alles weißt.“

„Ich habe nichts mehr zu entscheiden, es ist Alles, Alles fest und klar!“ erwiderte Eva und schickte sich an, den Brief in ihre Kleidertasche zu versenken. Aber Lothar kam ihr zuvor, nahm ihr den Brief aus der Hand, erbrach das Couvert, entfaltete die engbeschriebenen Blätter und reichte sie der Schwester, die unruhig und verwirrt an seiner linken Seite saß.

„Lies, Hedwig,“ sagte er. „Auch Dir bin ich Aufklärung schuldig. Und mich laßt hier, ich bin müde, todtmüde!“ Mit diesen Worten schlug er die Arme über der Brust zusammen, lehnte den Kopf an den Stamm der Buche und schloß die Augen; aber nur einen Augenblick, dann wandte er sich zu Hedwig. „Fang an,“ sagte er ungeduldig. „Die erste Seite magst Du überschlagen. Fang an bei den Worten: Ich war einundzwanzig Jahre alt.“

Hedwig nahm alle ihre Kraft zusammen, trocknete die Augen und begann mit unsicherer Stimme die Aufzeichnungen des Bruders vorzulesen, während Lothar sich wieder an den Baumstamm lehnte und Eva, in athemloser Spannung lauschend, bald einen bekümmerten Blick auf den Geliebten warf, bald die traurigen Augen der Lesenden zuwandte. Lothar hatte geschrieben:

„Ich war einundzwanzig Jahre alt, als die Verlobung meines Bruders mit Isidore Guntershausen declarirt wurde. Isidore hatte den Sommer und Herbst bei Tante Ernestine in Fischbach zugebracht, war dort mit Werner zusammengekommen, der eben seine Güter übernommen hatte, und seine Berichte über sie waren so [116] überschwänglich, sein Jubel über ihren Besitz so gross, daß ich voll Ungeduld dem Augenblicke entgegensah, der mich mit ihr bekannt machen sollte. Zu meiner Freude kam Tante Ernestine auf den Gedanken, daß wir Geschwister das Weihnachtsfest wieder einmal zusammen verleben sollten. Natürlich war Guntershausen zum Sammelplatz erkoren. Tante Ernestine wollte mit Isidore auf ein paar Wochen herüberkommen; auch Heinrich von Hardorf, der Bräutigam meiner Schwester Margarethe, hatte Werner’s Einladung angenommen – das alte Nest der Familie, das ich so still und düster in der Erinnerung trug, war ganz voll Licht und Leben, als ich wenige Tage vor dem Feste mit meinem Schlitten vorfuhr.

„Obwohl meine Erwartung in Betreff Isidorens aufs Höchste gespannt war, machte sie mir doch beim ersten Anblick einen blendenden, verwirrenden Eindruck, und je länger ich sie beobachtete, um so mehr nahm mich der Zauber ihres Wesens gefangen. Es war etwas Sylphenhaftes in dieser anmuthigen Gestalt, diesem feinen weißen Gesicht, diesen blonden Locken, und etwas so Flatterndes in ihrem ganzen Sein, daß man eigentlich nicht zu einem bestimmten Bilde ihrer Persönlichkeit gelangte. Wenn sie – was freilich selten geschah – sinnend dasaß, mit großen, träumerischen Augen, wäre sie für den bildenden Künstler das edelste Modell einer Psyche gewesen, aber schon im nächsten Moment war sie wieder der neckische Kobold, der lachend durch alle Winkel strich, oder ein verzogenes Kind, das der Tante Ernestine zu tausend Ermahnungen Anlaß gab. Dabei war es rührend, zu sehen, mit welchem bewundernden Entzücken Werner’s Augen an ihr hingen. „Ist sie nicht bezaubernd, hast Du je etwas Lieblicheres gesehen?“ flüsterte er mir zu, so oft er in meine Nähe kam. Ich hatte meinem ernsten, ruhigen Bruder solche Schwärmerei gar nicht zugetraut.

„Als wir uns vorgestellt wurden, hatte mich Isidore freundlich und einfach begrüßt, dann aber nicht weiter beachtet. In größern Kreisen, besonders Damen gegenüber, war ich immer ein schüchterner Junge, und hier war’s nicht Isidore allein, die mich befangen machte, auch den Schwestern war ich fremd geworden, und Tante Ernestine’s scharfe Blicke flößten mir immer das beängstigende Gefühl ein, als überwache sie nicht nur, wie mein guter Hauptmann, jeden Knopf meiner Uniform, sondern auch jeden Gedanken und jede Empfindung meiner Seele. Darum zog ich mich, sobald die Begrüßungen vorüber waren, auf ein schattiges Plätzchen zurück und begnügte mich, zu antworten, wenn direct eine Frage an mich gerichtet wurde.

„Noch mehr trat ich in den Hintergrund, als wenige Stunden nach meiner Ankunft ein zweiter Schlitten vorfuhr und gleich darauf Heinrich von Hardorf in’s Zimmer trat.

„Ich habe noch einen Gast mitgebracht!“ rief er in seiner lauten, lustigen Weise. „Einen alten Bekannten; Isidore soll rathen, wer es ist.“ Aber ehe diese antworten konnte, wurde die Thür, deren Griff Hardorf noch in der Hand hielt, aufgerissen und ein großer, schwarzhaariger Mann trat in’s Zimmer.

„Machen Sie nicht so viel Umstände um einen ungebetenen Gast, lieber Hardorf!“ sagte er, sich vor den Damen verbeugend.

„Ach, Victor!“ rief Isidore, seinen Gruß mit einem kurzen Neigen des Kopfes erwidernd, während Hardorf den Fremden als Freiherrn von Rieth vorstellte.

„Nie im Leben hat mir eine Persönlichkeit beim ersten Anblick einen so widerwärtigen Eindruck gemacht, wie dieser Herr von Rieth, und doch war er nicht häßlich zu nennen. Seine Gestalt war von vollkommenem Ebenmaße, seine Haltung bequem und nicht ohne Eleganz, sein bartloses, rothes Gesicht hatte regelmäßige Züge, seine Stirn war bedeutend, sein Mund fein, aber um seine Lippen zuckte ein höhnisches Lächeln, seine graugrünen Augen hatten einen bösen, lauernden Blick, sein ganzes Wesen verrieth ein maßloses Selbstgefühl und sein Organ erinnerte mich an Shakespeare’s Worte: „wenn er spricht, so klingt’s wie geborstne Glocken.“

„Was mich aber am meisten gegen ihn einnahm, war sein Benehmen gegen Isidore. (Er war weitläufig mit ihr verwandt und hatte sie, als sie in der Pension war, zuweilen gesehen.) Während Hardorf ausführlicher von seiner Stadtfahrt berichtete – die Damen hatten ihn mit Weihnachtsaufträgen hingeschickt – und von dem „glücklichen Zufall“ erzählte, der ihn mit Rieth zusammengeführt hatte, setzte sich dieser zu Isidore und begann ein eifriges Gespräch. Was er ihr sagte, verstand ich nicht, weil ich die Beziehungen seiner Worte nicht kannte, aber ich sah deutlich, daß er dem Kinde weh that. Es war etwas unbeschreiblich Bitteres in seinem Tone, etwas Gereiztes, Verbissenes, Spöttisches in seinem ganzen Wesen. Isidore wurde verlegen, sie erröthete ein Mal über das andere, und schien vergebens nach Antwort zu suchen. Endlich schlug sie den Blick halb ängstlich, halb flehend zu ihm auf, und nun sah ich, daß ihre Augen voll Thränen standen. Ich hätte den Unberufenen am liebsten zur Thür hinaus geworfen – aber nun lenkte er ein, nahm einen andern Ton an und wandte sich bald darauf dem allgemeinen Gespräche zu. Nun war auch sofort jede Spur von schmerzlicher oder zorniger Erregung aus Isidorens Zügen verschwunden; sie lachte und scherzte wieder mit Allen, selbst mit dem widerwärtigen Rieth und versuchte endlich auch mich aus meiner Schweigsamkeit aufzurütteln – aber es war nicht mehr die kindlich-unbefangene Heiterkeit, die mich anfangs so entzückte, es war eine erzwungene Lustigkeit, ein Lachen, das mir in Ohr und Herzen weh that.

„Das blieb so in den nächsten Tagen. War Isidore allein mit uns, so war sie das lieblichste Geschöpf, das man sich denken kann. Kam der Herr von Rieth dazu, so war ein Mißklang da. Werner, dem ich meine Bemerkung mittheilte, wollte mir freilich nicht glauben.

„Du siehst Gespenster, lieber Junge!“ sagte er. „Herr von Rieth ist ein ganz liebenswürdiger Mensch. Etwas eingebildet – die Frauen haben ihn verzogen; etwas malitiös – die gefährliche Gabe des Witzes verführt leicht dazu; aber Isidore hat ihn gern, das weiß ich. Und verstimmt, wie Du meinst, ist sie ganz und gar nicht – sieh doch nur in ihre strahlenden Augen.“ Und mit innig glücklichem Gesicht fügte er hinzu: „Sie hat mir auch eben wieder die Versicherung gegeben, sie wäre das glückseligste Geschöpf auf der ganzen Welt.“

„So kam der heilige Abend. Tante Ernestine war beschäftigt, nach altem Brauch die Weihnachtsbescheerung für Alles, was zum Hause gehörte, im großen Saale aufzustellen. Werner durchsuchte die Gewächshäuser nach blühenden Blumen für seine Isidore; Margarethe und Anna schmückten den Christbaum, Hardorf mußte helfen. Die kleine Hedwig lief Trepp auf Trepp ab, um womöglich eins der wichtigen Weihnachtsgeheimnisse zu erspähen. Ich Ungeschickter war überall überflüssig, hatte mich in das blaue Zimmer zurückgezogen, saß im Lehnstuhl am Ofen, hörte dem Knistern der Flamme zu und dachte an vergangene Weihnachtsabende – an den letzten besonders, den ich beim Onkel Hersenbrook mit meiner lieben Eva verlebt hatte.

„Plötzlich knarrte die Thür; im unsichern Feuerschein sah ich, daß Rieth hereintrat. Ich wollte nicht mit ihm sprechen, hoffte, daß er wieder gehen würde, lehnte mich in den tiefen Sessel zurück und verhielt mich still.

„Isidore!“ rief er mit halblauter Stimme, ging an’s Fenster und hob den Vorhang, als ob er sie dahinter suchte. In demselben Augenblicke näherte sich ein leichter Schritt; die Thür wurde abermals geöffnet und eine helle Gestalt erschien auf der Schwelle. Es war Isidore, sie trug einen brennenden Wachsstock in der einen, ein Körbchen in der andern Hand.

„Victor!“ rief sie erschreckt, als ihr Rieth aus dem Dunkel entgegentrat. „Lassen Sie mich!“ fuhr sie halb ängstlich, halb unwillig fort, als er ihre Hand fassen wollte: „ich muß zur Tante.“

„So eilig?“ sagte er in dem spöttischen Tone, der mir so verhaßt war. „Sie hatten doch sonst mehr Zeit für mich, mein Kind! Wir haben uns ja hier noch gar nicht in Ruhe gesprochen – ich habe Ihnen noch nicht einmal so recht aus Herzensgrunde Glück wünschen können, Gräfin von und zu Guntershausen.“

„Isidore hatte Licht und Körbchen auf den nächsten Tisch gestellt. Ich sah, wie sie zitterte, und war im Begriff hervorzutreten, um sie von dem Lästigen zu befreien. Aber in demselben Augenblicke sagte sie mit zorniger Stimme: „Es ist schlecht von Dir, daß Du mich so quälst. Warum bist Du überhaupt hierher gekommen?“

„Das Blut gerann mir zu Eis bei diesem Du. In welchem Verhältnisse stand sie denn zu dem Menschen? Das mußte ich wissen, um Werner’s willen. Ich blieb in meinem Versteck.“

[129] Nach einer Pause fuhr Hedwig in der Weiterlesung von Lothars Bericht fort: „Herr von Rieth bemächtigte sich lachend der einen Hand des jungen Mädchens. – „Warum ich gekommen bin?“ antwortete er. „Natürlich aus Sehnsucht nach Dir, mein Engel, und um mich an Deinem Glücke zu freuen, Deine Talente zu bewundern. Du spielst ganz herrlich Komödie, kleiner Schatz. Aber laß Dir gestehen, daß ich über Deine Wahl erstaunt bin. Dieser trockene Werner, was ist er eigentlich? Mehr Landjunker oder mehr Gelehrter? Ich fürchte, ein schönes Gemisch von Beidem. Du wirst eine langweilige Ehe haben, arme Kleine. Warum hast Du Dir nicht lieber den Lothar gefangen, wenn es einmal ein Guntershausen sein muß? Der ist doch wenigstens ein hübscher, frischer Junge.“

„Sie hatte den Kopf gesenkt; jetzt erhob sie ihn wieder – ihr sonst so liebliches Gesicht war finster, beinahe bös.

„Mach ein Ende!“ sagte sie. „Und kein Wort gegen Werner! Werner ist gut.“ Mit diesen Worten machte sie sich los, nahm Licht und Körbchen wieder auf und eilte zur gegenüber liegenden Thür hinaus.

„Rieth lachte hinter ihr her. „Vortrefflich!“ rief er; „vortrefflich, kleine Komödiantin!“

„Jetzt hielt ich mich nicht mehr. Er sollte wissen, daß ich ihn belauscht hatte, sollte mir Rechenschaft geben. „Herr von Rieth!“ rief ich aufspringend, aber ich bekam keine Antwort, meine Hand griff in’s Leere; er war bereits zur Thür hinaus, und als ich den Gang hinunter eilte, ihm zu folgen, wurden eben die Saalthüren aufgestoßen. Das Weihnachtsglöckchen läutete, die kleine Hedwig stürzte jauchzend an mir vorüber, die Dienerschaft, die plötzlich aus allen Thüren und Winkeln hervorkam, drängte nach – ehe ich mich besinnen konnte, stand auch ich in dem lichtstrahlenden, blumengeschmückten, von würzigem Tannenduft erfüllten Raume und mein Blick fiel auf Isidore, die, auf Werners Arm gelehnt, von den goldglänzenden Locken wie von einer Glorie umwallt, unter dem großen Weihnachtsbaume stand und mit der heitersten, unbefangensten Miene in das fröhliche Treiben sah.

„Alles bewunderte, dankte, fragte wirr durch einander. Tante Ernestine ging mit dem Anstande einer Königin umher, die Huldigungen der Untergebenen in Empfang zu nehmen. Hardorfs Lachen, Hedwigs lustige Stimme ließen sich bald aus dieser, bald aus jener Gruppe hören. Mich überfiel eine Art von Heimweh nach der stillen Weihnachtsfeier beim Onkel Hersenbrook, und so oft ich seitdem in Guntershausen den Weihnachtsbaum brennen sah, hat mich dasselbe sckmerzliche Gefühl beschlichen.

„Mit wunderbarer Geschicklichkeit wußte mir Rieth an diesem Abende auszuweichen, so daß wir uns, trotz meiner Bemühungen, keinen Augenblick allein zusammen fanden. In den nächsten Tagen war sein Benehmen gegen mich aber wieder ganz das alte freundlich herablassende, und mehr als einmal kam ich auf den Gedanken, daß ich die Scene im blauen Zimmer geträumt haben müßte. Oder konnte Isidorens übermüthige Fröhlichkeit erkünstelt sein? – [130] Selbst der Zwang, der sie sonst in Gegenwart ihres Vetters bedrückte, war verschwunden – und war es möglich, daß sich beängstigende, beschämende Erinnerungen wohl gar unter diesem Lachen und Necken verbargen? War es möglich, daß ein so junges Wesen – sie war ja noch ein halbes Kind – mit solcher Vollendung Komödie spielte? Bald sprach ich sie frei von allem Verdacht und machte mir bittere Vorwürfe, bald wurde mein Mißtrauen durch ein Wort, einen Blick des verhaßten Rieth auf’s Neue geweckt. Es war ein Zauberkreis, aus dem ich mich vergebens loszureißen suchte – ich sah nichts mehr, dachte nichts mehr als Isidore.

„Dabei hatte ich das unbestimmte Gefühl, daß in unserem Kreise nach und nach eine Verstimmung eintrat. Tante Ernestine sah noch strenger aus, als gewöhnlich; die gute, sanfte Margarethe traf ich mehr als einmal mit rothgeweinten Augen, ohne daß sie mir sagen wollte, was sie betrübte; Anna ging umher wie eine zürnende Göttin; selbst Hardorf war nicht mehr der Alte. Nur, wenn ihn Isidorens Heiterkeit ansteckte – sie schien sich ein Vergnügen daraus zu machen, bald den Einen, bald den Andern von uns mit sich fortzureißen – hörte man ihn lachen, wie sonst. Werner war der Einzige, der sich gleichblieb. Leider war er den größten Theil des Tages durch die Rechnungen zum Jahresabschluß in Anspruch genommen, aber sobald er sich zu uns gesellte, war Alles gut. Er wurde zum Mittelpunkt des verstörten Kreises, die gereizten Gemüther kamen zur Ruhe, und die flatterhafte kleine Fee, die uns Alle verwirrte, schien nur noch für ihn Auge und Ohr zu haben. Herr von Rieth sogar wurde dann vollständig übersehen.

„Aber was in der Tiefe grollte, kam endlich doch zum Ausbruch. Es war am Sylvestertage. Das Wetter war schön, wir wollten eine Schlittenfahrt machen. Als wir uns zur Abfahrt versammelten, fehlte Margarethe. Tante Ernestine trug mir auf, sie zu rufen, und ich fand sie auf ihrem Zimmer in Thränen aufgelöst auf dem Sopha liegend.

„Laß mich,“ schluchzte sie, als ich meinen Auftrag ausrichtete. „Sag, daß man nicht auf mich warten soll, ich kann nicht mitfahren.“

„Was wird Tante Ernestine sagen?“ warf ich ein, „und Hardorf?“

„Margarethe richtete sich auf. „Hardorf!“ wiederholte sie mit einer Heftigkeit, die mir ganz fremd an ihr war. „Hardorf kann desto ungestörter an die bezaubernde Isidore denken.“

„In diesem Augenblicke trat Anna in’s Zimmer. „Margarethe!“ rief sie vorwurfsvoll, „wie kannst Du Dich so vergessen! Sieh doch nur, wen Du vor Dir hast. Diese Männer sind ja alle in das kokette Ding vernarrt – Lothar womöglich noch mehr, als die Andern. Aber ich habe die Geschichte satt und werde einmal ordentlich mit Tante Ernestine sprechen.“ Und ohne mir zur Antwort Zeit zu lassen, rauschte sie hinaus und zog Margarethe mit sich fort.

„Also eifersüchtig war die arme Schwester! Mir fiel es wie Schuppen von den Augen; ich erkannte, daß ihr sowohl Hardorfs wie Isidorens Benehmen Veranlassung dazu gegeben hatte. Aber wie war das möglich, daß auch ich im Verdacht stand, von der Zauberin bethört zu sein? Es fuhr mir siedend heiß durch die Adern bei diesem Gedanken, und ein Gefühl von Erbitterung gegen das schöne Mädchen regte sich in mir, während ich langsam hinunter ging.

„Auf der Treppe kam mir Joseph entgegen. „Es wird nicht ausgefahren,“ sagte er. „Frau Aebtissin Gnaden und der Herr Graf haben Besuch bekommen“ – und nun nannte er mehrere Familien aus der Nachbarschaft.

„Ich war nicht in der Stimmung, mit Fremden zusammen zu sein, beschloß einen Spaziergang zu machen und wollte, um nicht gesehen zu werden, durch den kleinen Thurm in’s Freie gehen. Als ich die Treppe erreichte, hörte ich unter mir im Flur die Stimme des Herrn von Rieth. – „Warum willst Du mir den Wunsch nicht erfüllen?“ sagte er im durchdringenden Flüstertöne. „Die, Schlitten sind noch angespannt.“

„Ich bog mich über das Geländer und sah hinunter. Es war Isidore, die vor dem Sprechenden stand. Was sie erwiderte, hörte ich nicht, aber während ich rasch die letzten Stufen hinunter eilte, fing Rieth wieder an: „Und wenn es wirklich nur eine tolle Laune wäre,“ sagte er, „was geht es Dich an! Wenn ich will,“ – er betonte das Wort in eigenthümlich drohender Weise – „so hast Du zu gehorchen, mein Kind, das weißt Du doch.“ „In diesem Augenblicke stand ich neben ihm. Die Teppiche auf Gang und Treppe hatten meinen Schritt unhörbar gemacht. Ich legte die Hand auf seinen Arm und sagte bebend vor Zorn: „Sie haben hier nichts zu wollen, mein Herr! Ich bitte, daß Sie meine Schwägerin mit Impertinenzen verschonen.“

„Isidore schrie auf und verschwand in der nächsten Thür. Rieth starrte mich im ersten Moment halb erschreckt, halb verlegen an, aber gleich darauf war er wieder Herr seiner selbst. Er tritt einen Schritt zurück, maß mich vom Kopf bis zu den Füßen mit seinem häßlichen, spöttischen Blick und sagte im hochmüthigen Tone: „Nun, Knabe, was hat das zu bedeuten?“

„Das werden Sie wohl verstehen,“ rief ich, kaum im Stande, mich zu mäßigen; „besonders wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihre Unterredung am Weihnachtsabende gehört habe.“

„Ei, wir spioniren!“ rief er hämisch.

„Aus Rücksicht für Isidore habe ich geschwiegen,“ fuhr ich fort, „aber nun ist’s aus. Ich verlange Erklärung, Entschuldigung oder Satisfaction. Sie haben meinen Bruder, meine Schwägerin und mich beleidigt.“

„Herr von Rieth lachte. „Satisfaction, mein junger Alexander,“ sagte er, „die sollen Sie haben, sobald Ihnen der Himmel den ersten Flaum um’s Kinn bescheert!“ dabei sah er mich wieder von oben herunter an, in einer Weise, daß ich mir ganz knabenhaft neben ihm vorkam. Aber ich ließ es mir nicht merken. – „Herr!“ schrie ich wüthend, „ich trage des Königs Rock!“

„Und er steht Ihnen gut,“ erwiderte Rieth mit spöttischer Ruhe. Dabei faßte er meine Hände und hielt sie fest, wie in einen Schraubstock geklemmt. „Hören Sie mich an, junger Mensch,“ fuhr er in ernstem, sehr herablassendem Tone fort. „Ich sehe Sie auf dem besten Wege, sich eine große Dummheit, wenn nicht mehr, zu Schulden kommen zu lassen. Daß Sie in die Stricke der kleinen Hexe gefallen sind, mache ich Ihnen nicht zum Vorwurfe – ist es doch mir altem Knaben vor kurzer Zeit nicht viel besser gegangen. Aber hüten Sie sich, mein junger Freund, die traurige Geschichte von der schönen Friederike und den „feindlichen Brüdern“ zu wiederholen, und hüten Sie sich ferner, Ihr gutes Schwert zu mißbrauchen, um einer so durchtriebenen Kokette willen. Sie ist’s nicht werth, glauben Sie mir und beherzigen Sie meinen Rath. Wollen Sie nicht darauf hören, so werden Sie mich bereit finden, wozu Sie immer wollen.“ Mit diesen Worten ließ er mich los, machte mir eine kurze Verbeugung und ging.

„Einen Augenblick war ich wie betäubt vor Schmerz und Wuth. Dann stürzte ich in den Park hinaus und irrte stundenlang in den verschneiten Wegen umher. Als ich endlich wieder heimkam, war mein Entschluß gefaßt. Rieth sollte sich mit mir schlagen, und wenn ich ihn durch eine öffentliche Beschimpfung dazu zwingen mußte. Es war zu spät. Herr von Rieth sollte Briefe bekommen haben, die ihn sofort nach der Hauptstadt riefen, und war bereits seit einer Stunde unterwegs. Mein erster Gedanke war, ihm nachzueilen, aber wie sollte ich das vor Werner motiviren? Ihm die Wahrheit sagen? Welche Gewißheit konnte ich ihm geben, welche Thatsache anführen? Vielleicht lief Alles auf eine kindische Koketterie hinaus – und darum sollte ich des Bruders glückliche Zuversicht stören?

„Während ich noch darüber nachsann, ließ mich Tante Ernestine rufen. Es waren ein paar Freunde des Hauses da, denen ich mich präsentiren mußte. „Bis morgen will ich warten,“ sagte ich zu mir selbst, nahm mich zusammen, so gut ich konnte, versenkte mich in endlose Gespräche mit den Nachbarn, stieß auf alle üblichen Sylvestertoaste an, auch auf den zweifelhaften Wunsch, daß ich bald eben so glücklich sein möge, wie mein Bruder.

„Von ganzem Herzen, guter Junge!“ rief Werner, der mir sein Glas zustreckte. Ich sah zu Isidoren hinüber; sie wurde roth, aber meinen Blick hielt sie aus; es lag etwas wie Vorwurf und Bitte zugleich in den tiefen blauen Augen. „Es ist nicht möglich, sie kann nicht schuldig sein!“ rief es in mir. Aber in demselben Momente tönte mir auch Anna’s Vorwurf und die hämische Warnung des Herrn von Rieth in den Ohren. War ich meiner selbst noch sicher – war mein Urtheil noch ein ungetrübtes, oder konnte mich wirklich das schöne Mädchen verlocken, wohin es ihr gefiel? Das Beste war, mich zu retten aus dieser Atmosphäre voll Leidenschaft, Mißtrauen und Lüge. Ich dachte an Eva, bei ihr mußte ich Erlösung finden.

„Die Umstände sollten meinem Verlangen nur zu gut entgegenkommen. Schon am nächsten Morgen erhielt ich einen Brief, [131] der mich zum sofortigen Aufbruch zwang. Onkel Hersenbrook war gefährlich erkrankt und verlangte so dringend mich zu sehen, daß der Arzt befohlen hatte, mich davon in Kenntniß zu setzen. Kaum eine Stunde nach Empfang des Briefes stand ich reisefertig der Tante Ernestine gegenüber. Sie war mit meinem raschen Entschlusse zufrieden, und als ich ihr zum Abschied die Hand geküßt hatte, hielt sie die meinige fest und sah mir eine Weile forschend in die Augen.

„Dein nächster Besuch in Guntershausen wird zu Werners Hochzeitsfeier sein,“ sagte sie. „Diese Hochzeit wird gefeiert, verlaß Dich darauf! Was mir Anna geklagt hat und was Du gesehen hast – Isidore hat es mir selbst mit tausend Thränen erzählt – sind lauter Kindereien, die nicht mehr vorkommen sollen. Uebrigens wünsche ich nicht, daß Werner etwas davon erfährt,“ fuhr sie fort. „Er hat genug Sorge und Mühe um Guntershausen, laßt ihm sein Herzensglück ungetrübt.“

„Ich verbeugte mich zustimmend und wurde in Gnaden entlassen. Nun noch ein flüchtiger Abschied von den Schwestern, von Hardorf und Isidore, dann führte mich Werner an den Wagen hinunter – noch einmal schüttelten wir uns die Hand. Wer hätte mir damals gesagt, daß es zum letzten Male war! Dann fuhr ich mit sehnsüchtiger Ungeduld der Heimath meines Herzens zu – und als ich zwei Tage später wieder bei Dir war, meine Eva, Deine kleine warme Hand in der meinigen hielt und Dir in die treuen, jetzt so wehmüthigen Augen sah, war jeder Zweifel am eignen Herzen verschwunden, jeder böse Zauber besiegt.

„Von den schweren Zeiten, die wir damals am Krankenbette Deines Vaters verlebten, brauche ich Dir nichts zu sagen. Alle die angstvollen Tage und Nächte werden Dir so gegenwärtig sein wie mir – und dann die lange Reeonvaleseenz, die mit den ersten Wochen der Frühlingslüfte begann und sich bis tief in den Sommer hineinzog, und dann die traurige Ueberzeugung, daß auf vollständige Genesung noch lange nicht, vielleicht nie mehr zu hoffen wäre. Im Juli war’s, als der Arzt die Bäder von Nizza empfahl, im August mußten wir uns trennen. Wie schwer es mir wurde, hast Du wohl nicht geahnt – aber vielleicht hast Du Aehnliches empfunden. Hätten wir uns damals nicht so gut zu beherrschen gewußt, es wäre wohl Manches anders geworden.

„Ende September sollte Werners Hochzeit sein. Zu Anfang des Monats ging er in die Hauptstadt, um einige Geschäfte zu ordnen, und acht Tage später erhielt ich die Nachricht seines Todes. Er war im Duell gefallen – sein Mörder war Rieth!

„Ich eilte in die Hauptstadt; von Schmerz und Rachedurst getrieben. Rieth war entflohen. Niemand wußte wohin. Ueberhaupt war er seinen frühern „Freunden“ seit längerer Zeit aus den Augen verschwunden, und als ich mich – immer in der Hoffnung seine Zufluchtsstätte zu ermitteln – näher nach ihm erkundigte, erfuhr ich, daß er sich gleich nach seinem Besuch in Guntershausen vor dem Ungestüm seiner Gläubiger in irgend welche Verborgenheit zurückgezogen hatte. Seine Existenzmittel schienen von jeher sehr problematischer Natur gewesen zu sein. Das Spiel, sagten Einige – Andere flüsterten den Namen einer alten, reichen, sehr koketten Präsidentin – der ehemalige Hauswirth des Freiherrn erlaubte sich sogar von Schwindeleien zu sprechen. Und diesen verlornen Menschen hatte der wackere Hardorf ohne Beden ken in unser Haus, in unsern Familienkreis eingeführt. Wochenlang hatten meine Schwestern mit ihm unter einem Dache gelebt – Werner, der edle, ehrenhafte Werner hatte geglaubt, die Beleidigungen dieses Elenden mit dem eigenen Blute abwaschen zu müssen; ich selber hätte sicherlich dasselbe gethan, wenn es mir damals gelungen wäre ihn aufzufinden – und das Alles nur, weil der Mensch zufällig einen Namen von gutem Klange führte, und weil wir in unserer geselligen Trägheit solchen Namen als Gewähr der Sitte und Gesinnung seines Trägers hinzunehmen pflegen.

„Die Ursache des Duells sollte ein Zwist um politische Meinungsverschiedenheiten gewesen sein; ich konnte nicht daran glauben. Unter Werners Papieren war nichts, was mir Aufklärung gegeben hätte. Auf seinem Schreibtisch hatte sich nur ein Billet an mich gefunden, das die wenigen mit Bleistift geschriebenen Worte enthielt:

„Für den Fall meines Todes laß Dir Isidore und Guntershausen empfohlen sein. Ich hätte gern für Beide gelebt, aber ich verlasse sie in der Zuversicht, daß Du in treuer Sorge über sie wachen wirst.“

„Ein Häufchen Asche im Ofen verrieth, daß Werner noch zuletzt einige Papiere verbrannt hatte. In geschäftlicher Beziehung hatte er Alles bis in’s Kleinste geordnet; so blieb mir, als ich – für den Augenblick wenigstens – der Hoffnung, ihn zu rächen, entsagen mußte, nur die traurige Pflicht, seine sterblichen Ueberreste nach Guntershausen zu begleiten. „Dein nächster Besuch wird zu Werners Hochzeit sein,“ hatte Tante Ernestine gesagt; statt dessen fuhr ich jetzt hinter seinem Sarge in den Schloßhof ein. Auf dem Thurme wehte die Trauerflagge, Gänge und Treppen waren schwarz verhängt, und von Meilen in der Runde waren Vornehme und Geringe zusammen gekommen, dem allgemein Geliebten und Beklagten das letzte Geleit zu geben.

„Auch Tante Ernestine war gekommen. Ich erschrak, als sie mir an der Thür des Saales in ihrer tiefen Trauerkleidung entgegentrat. Sie sah noch strenger und starrer aus, als sonst, und schien in den Monaten unserer Trennung um eben so viele Jahre älter geworden zu sein. Sie reichte mir stumm die Hand und drückte die meinige fest und lange, dann führte sie mich nach dem Hintergründe des Zimmers, wo sich eine zweite, schwarzgekleidete Gestalt vom Sopha erhob. Es war Isidore. Auch sie war sehr verändert, sehr bleich, sehr ernst, aber vollkommen ruhig. Ruhig schlug der Puls der kleinen, kalten Hand, ruhig hoben sich die blauen Augen zu mir auf, als sie ein paar Worte über den schweren, schmerzlichen Verlust sagte, der uns Beide betroffen – und als sie später, beim Anblick des Sarges, in Thränen ausbrach, war’s nicht das bittere Weinen, das uns körperlich und seelisch erschüttert. Die Thränen rannen über ein Gesicht, das nichts von dem schönen Einklang seiner Züge verlor. Mir wurde unheimlich in Isidorens Nähe; ich athmete auf, als endlich mit dem letzten Wagen der Trauergäste auch der Wagen der Tante vorfuhr und ich mit meinem Kummer in dem Hause allein war, das ich fortan besitzen und regieren sollte.

„Es war eine Aufgabe, die über meine Kräfte ging, und ich weiß nicht, wie ich ohne Tante Ernestinens Hülfe im Stande gewesen wäre, sie zu lösen. Aber sie stand mir zur Seite mit einer Bereitwilligkeit und Selbstverleugnung, die ich ihr nie vergessen werde. Sie führte mich in die ziemlich verwickelten Verwaltungsgeschäfte ein, gab mir Aufschlüsse über Charakter und Brauchbarkeit meiner Untergebenen, wußte mich bald anzuspornen, bald zurückzuhalten – kurz sie war die Seele meiner Thätigkeit, und so konnte ich, trotz meines innern Widerstrebenn, nicht vermeiden, beinahe täglich, wie mit der Tante, so auch mit Isidore zusammen zu kommen. Aber näher traten wir uns dadurch nicht; im Gegentheil, unser Verhältniß wurde immer gezwungener – ich konnte fast sagen, daß es ein unfreundliches war. Mehrere Monate waren so hingegangen, als mich eines Tages Tante Ernestine durch ihren Besuch überraschte. Sie kam allein, und nachdem wir die vorliegenden Geschäfte beseitigt hatten, fragte sie mich ohne jeden Uebergang und ohne Umschweife, was ich gegen Isidore hätte.

„Ebenso unumwunden war meine Antwort. „Sie hat kein Herz,“ sagte ich; „sie hat meinen Bruder nie geliebt, diesen besten, warmherzigsten aller Männer. Sie liebt überhaupt nichts, als sich selbst.“

„Du thust ihr Unrecht,“ erwiderte Tante Ernestine. „Sie hat Werner tief betrauert.“

„Das heißt, sie hat genau so viel Krepp zu ihrem Anzuge verwendet, als für eine trauernde Braut schicklich ist,“ fiel ich ein. „Sie hat sogar die Flatterlocken zusammengeflochten, und wird sich vor Ablauf des Trauerjahrs wohl nicht erlauben, laut zu lachen.“

„Du bist sehr bitter,“ sagte Tante Ernestine vorwurfsvoll, „Du bist sogar grausam. Eine leidenschaftliche Natur ist Isidore freilich nicht, aber doch eine wärmere als Du glaubst. Und daß sie Niemand lieben soll, als sich selbst – Thor der Du bist! Was kann das arme Herz dafür, wenn es nicht im Stande war, Werners glühende Zuneigung ebenso glühend zu erwidern? Muß es darum todt und kalt sein? Glaube mir, das Kind hat einen schweren Kampf gekämpft und kämpft noch immer.“

„Um Rieth, diesen Elenden!“ schrie ich auf. Tante Ernestine legte die Hand auf meinen Arm und warf mir einen der bezwingenden Blicke zu, die ihr zu Gebote stehen, wie Niemand sonst.

„Den Namen wirst Du nie mehr nennen,“ sagte sie streng. „Ich gebe Dir mein Wort, daß das Verhältniß zu ihm eine Kinderei gewesen ist, das tändelnde Spiel einer kleinen Pensionärin, die sich langweilt. Willst Du aber wissen, welch Gefühl ich meine,“ fügte sie nach einer Pause hinzu, „so merk’ auf, mein Junge, wen [132] ihre Augen suchen, wenn sie sich unbeachtet glaubt. Und dann vergiß nicht, daß Alles, was an Stolz in ihr ist, sich gegen diese Neigung empört, die sie als eine hoffnungslose erkennt und erkennen muß.“ Mehr sagte Tante Ernestine nicht, aber wenn es ihre Absicht war mich aufzurütteln und zu beunruhigen, hatte sie ihren Zweck vollkommen erreicht. Die widerstrebendsten Gedanken und Empfindungen flutheten mir durch Herz und Kopf. Es zog mich nach Fischbach hinüber, wie nie zuvor – natürlich nur aus Neugier, wie ich mir einredete, und um Beweise gegen Tante Ernestines Behauptung zu sammeln.

„Aber diese Beweise fand ich nicht. Im Gegentheil, mehr als einmal im Laufe dieses Nachmittags begegnete mein Blick den auf mich gerichteten Augen Isidorens. Ja, sie waren auf mich gerichtet, diese schönen, blauen Augen, mit jenem zauberhaft verlockenden Schimmern und Funkeln, das an das Hüpfen sonnenbeglänzter Wellen erinnert, Euch nie gestattet in die Tiefe zu sehen und Euch vielleicht gerade deshalb mit doppelter Macht anzieht und festhält. Es drang mir heiß zum Herzen und fluthete durch meine Adern, sobald ich diesen Augen begegnete. Endlich trieb mich ein unaussprechlich peinliches Gefühl – ich nannte es Widerwillen, gekränkte Bruderliebe – aus der Nähe der Sirene fort.

„Aber ich mußte wieder und wieder kommen, der Zauber wurde immer mächtiger, und die Eitelkeit, der wir Männer immer unterliegen, kam ihm zu Hülfe. Gewann ich doch immer mehr die Ueberzeugung, daß ich geliebt war, daß dies stolze Mädchenherz um meinetwillen litt und kämpfte, und daß es nur eines Wortes von mir bedurfte, um dies junge, schöne Wesen an mein Herz fliegen zu sehen. Werners Abschiedsworte: „Für den Fall meines Todes laß Dir Isidore empfohlen sein – ich sterbe in der Zuversicht, daß Du in treuer Sorge über sie wachen wirst,“ klangen mir jetzt wie eine unabweisliche Mahnung, und obgleich ich mir gestand – wenn ich nicht bei Isidore war und zur Einkehr in mich selber kam – daß ich sie nicht liebe, so nahm mich doch, sobald ich ihr wieder gegenüber stand, der Zauber ihres Wesens so gefangen, daß ich dem Wunsche, sie an mein Herz zu ziehen, kaum zu widerstehen vermochte.

„In stillen Stunden, meine Eva, trat freilich noch immer Dein sanftes, klares Bild vor meine Seele – aber liebtest Du mich denn, wie ichs begehrte, gabst Du mir mehr als die ruhige, treue Zuneigung einer Freundin? Und ach! Du warst fern, Isidore sah ich täglich – der Zauber behielt den Sieg.

„Endlich ging das Trauerjahr zu Ende. In klar ausgesprochenen Verhältnissen hoffte ich die Ruhe wiederzufinden, die mir jetzt mehr und mehr verloren ging. Aber eines Tages, als ich von der Erlösungsstunde träumte, wurde ich durch ein Billet der Tante benachrichtigt, daß sie in dringenden Stiftsangelegenheiten auf unbestimmte Zeit in die Hauptstadt reisen müßte. Isidore würde sie natürlich begleiten und hätte ihr den herzlichsten Gruß für mich aufgetragen. Ich flog nach Fischbach hinüber – die Damen waren in den ersten Morgenstunden abgereist, und jetzt war die Sonne dem Untergange nahe. Ich mußte mich gedulden, Guntershausen zu verlassen war mir nicht möglich, ich mußte Einsamkeit und Sehnsucht zu ertragen suchen – und als sich die Rückkehr der Tante von Woche zu Woche verzögerte, mußte ich endlich dem Papier meine Wünsche und Bitten anvertrauen. Die Antwort kam – sie brachte mir Isidorens Jawort, und nun flogen die Briefe hin und her. Aber es war nicht die rechte Freudigkeit, nicht das rechte warme Leben darin. War es die Erinnerung an Werner, die zwischen uns stand, oder der wehmüthige Nachhall meiner Jugendliebe? Die Sehnsucht nach Isidore, das Verlangen sie zu besitzen und ihr zu danken für ihre Liebe war jetzt doch so mächtig, daß jede andere Regung verstummte. Meine Briefe wurden immer glühender, warum blieben die ihrigen so kalt und leer? Ich tröstete mich mit der Hoffnung, daß Alles besser würde, wenn wir uns sähen, aber ich mußte lange warten. Erst vierzehn Tage vor dem zur Hochzeit bestimmten Termine kam Tante Ernestine nach Fischbach zurück.

„Meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Statt des innigen Entgegenkommens, wonach ich mich sehnte, fand ich ein kaltes, abweisendes, hochmüthiges Benehmen. Nur wenn ich mich gekränkt zurückzog, wurde Isidore freundlicher, und dann war der alte Zauber wieder da. So ging das fort bis zum Hochzeitstage. Für andere ein Freudenfest wurde er für mich zum schrecklichsten Tage meines Lebens. Gleich nach der Trauung kam es zu einer Erklärung zwischen Isidore und mir. Isidore liebte mich nicht. Tante Ernestine hatte sich anfänglich durch ihr Benehmen täuschen lassen, und als sie die Herzenskälte des Mädchens erkannte, die sich verrieth, sobald Isidore das Ziel ihrer Koketterie erreicht hatte, das heißt, sobald sie mich besiegt und gefesselt sah, hatte Tante Ernestine, anstatt mir die Wahrheit zu sagen, Isidore durch einen Machtsprnch vermocht, ihr Jawort zu geben. Sie konnte sich nicht entschließen, der Hoffnung ihres Lebens zu entsagen. Sie wollte Guntershausen in alter Größe sehen und tröstete sich mit der Hoffnung, daß uns die Ehe zur Liebe führen würde. Hatte vielleicht auch Isidore darauf gehofft, als sie einwilligte, mein Weib zu werden? Gethan hat sie nichts, um diesen Traum zur Erfüllung zu bringen.

„Hätten wir uns nur gleich nach jenen schrecklichen Stunden entschlossen, unbekümmert um einander unsern Weg zu verfolgen – aber Isidorens Eitelkeit litt das nicht. So oft sie mich kalt oder nur ruhig sah, wußte sie mich mit unwiderstehlicher Koketterie zu reizen und anzuziehen – aber sobald ich der Lockung vertrauend wärmer wurde, zog sie sich in ihre spöttisch kalte Unnahbarkeit zurück, und dies grausame Spiel hat vom ersten bis zum letzten Tage unserer Ehe gewährt.

„Es war im December, als wir heiratheten – der Januar war kaum halb zu Ende, als wir das Zusammenleben in dem einsamen Guntershausen schon nicht mehr ertrugen. Wir gingen in die Hauptstadt, und nun verdoppelte sich meine Qual, denn wie mit mir, so kokettirte Isidore mit jedem Manne, der ihr nur irgend beachtenswerth schien. Ich war eifersüchtig und hatte nicht immer Selbstbeherrschung genug, es zu verbergen. Das gab Isidoren eine neue Waffe gegen mich in die Hände, und sie hat dieselbe nur zu sehr benutzt. Aber ich will sie nicht anklagen! Das arme junge Weib war vielleicht eben so unglücklich wie ich. Während mich der Wunsch zu vergessen nächtelang am Spieltische festhielt oder tagelang, mit dem Gewehr im Arm, durch Felder und Wälder trieb, versammelte sie – vielleicht in demselben Verlangen – die Bewunderer ihrer Schönheit um sich und betäubte sich in dem Weihrauch, den sie ihr spendeten. Ob sie darin Befriedigung fand, ob das lächelnde Gesicht ein sehnsuchtsvolles, liebedurstiges Herz verbarg, oder ob sie wirklich, wie ich früher zu Tante Ernestine gesagt hatte, nichts zu lieben begehrte, als sich selbst – darüber bin ich niemals zur Klarheit gekommen. Ein ernstes Verhältniß – davon bin ich jetzt überzeugt – hat sie nie gehabt. Im Grunde war sie, trotz aller Koketterie, eine stolze Guntershausen, der ihre Ehre heilig ist, und nie habe ich erfahren, daß sie einem ihrer Verehrer gestattet hätte, die Grenze des Schicklichen auch nur um ein Haar breit zu überschreiten.

„Nur einen Vorfall habe ich mir nicht zu erklären vermocht, und ich kann auch heute noch nicht daran denken, ohne daß mir das Blut siedend zu Kopf und Herzen strömt. Es war im dritten Winter unserer Ehe. Wir waren seit mehreren Wochen in die Hauptstadt zurückgekehrt und gingen ein Jeder auf eigenem Wege unseren geselligen Freuden nach. Einmal komme ich ungewöhnlich früh nach Hause – es konnte ein Uhr Morgens sein. Im Begriff, die Klingel zu ziehen, sehe ich, daß die Hausthür nur angelehnt ist, und wie ich, um dem Portier einen Verweis über diese Nachlässigkeit zu geben, der Gesindestube zugehe, kommt ein Mann aus dem matt erleuchteten Gange so rasch und geräuschlos hervor, daß wir zusammenstoßen. Der Hut fällt ihm vom Kopfe, und ich stehe Auge im Auge dem Mörder meines Bruders gegenüber. Einen Augenblick, einen einzigen, bin ich wie gelähmt, aber es war lange genug, dem Feigling zur Zeit Flucht zu geben. Als ich ihm nachstürze, ist er bereits im Gewirr der angrenzenden Gäßchen verschwunden.

„Halb wahnsinnig vor Zorn und Schmerz komme ich endlich von meiner fruchtlosen Verfolgung zurück. Dieser Mensch unter meinem Dache! – Vielleicht – ich mochte diesen Gedanken nicht weiter verfolgen – vielleicht mit Isidorens Bewilligung! Das Kammermädchen, das auf mein Klingeln zitternd herbeikam, versicherte freilich, meine Frau wäre noch nicht vom Balle zurück – ihr Wagen fuhr in der That erst eine halbe Stünde später vor. Aufklärung bekam ich nicht. Der Portier versicherte hoch und theuer, daß er die Thür wie immer verschlossen hätte, und von allen Dienern, die ich befragt, wollte Niemand den Fremden gesehen haben. Daß ich wußte, wer er war, sagte ich natürlich den Leuten nicht.

„Erst am folgenden Morgen, als ich mit Isidore am Frühstückstische zusammentraf, kam der verhaßte Name über meine Lippen, und ohne recht zu wissen, was ich sagte, verlangte ich von ihr eine Erklärung über diesen nächtlichen Besuch. Ich werde den Ausdruck [133] von Zorn und Verachtung, womit sie mich bei diesen Worten anstarrte, nie vergessen.

„Ich hätte nicht geglaubt,“ sagte sie, „daß mich irgend Jemand im Verdacht haben könnte, mit dem Mörder des einzigen Mannes, den ich geachtet und geliebt habe, in Verbindung zu stehen.“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, zur Thür hinaus.

„Nach der eben geschilderten Scene wurde unser Verhältniß von Tag zu Tage unerträglicher. Mein Haus wurde mir mehr und mehr verhaßt, das ganze Leben war mir verleidet. Dazu kam, daß ich alle Ursache hatte, mit mir selber unzufrieden zu sein. In dem Verlangen nach Zerstreuung hatte ich meine Aufgabe, die Verwaltung der Güter, auf’s Schmählichste vernachlässigt. Kam ich mit Tante Ernestine zusammen – was freilich nicht oft geschah, da wir uns seit meiner Heirath soviel als möglich vermieden – aber kam ich mit ihr zusammen, so las ich einen Vorwurf in jedem ihrer Blicke; sah ich Guntershausen nach längerer Abwesenheit wieder, so fand ich tausend Unordnungen, die mich peinigten, zu deren Abstellung mir aber die nöthige Energie mehr und mehr verloren ging. Wäre Krieg gewesen, so wäre ich wieder Soldat geworden – ich hatte den Abschied genommen, als ich in Besitz der Güter kam – aber dem Auslande dienen? So weit war ich noch nicht herunter gekommen.

„Der Sommer kam, wir gingen nach Guntershausen. In Lindenbad wurde damals eine Spielbank eröffnet, ich ritt häufig hinüber und kam oft wochenlang nicht nach Hause. Bekanntschaften machte ich wenige, denn die Gesellschaft gefiel mir nicht, und so wurde ich wenig beachtet. Eines Tages, als ich einsam wie gewöhnlich unter den Bäumen am Cursaal meine Cigarre rauchte, hörte ich von ein paar Herren am nächsten Tische einen Namen nennen, der mich gewaltsam aus meiner trübseligen Träumerei aufrüttelte.

„Wo bleibt denn Rieth?“ sagte Einer, ein verdächtig aussehendes Subject, das schmutzige Wäsche trug und mit Schmuck überladen war. „Die Spielsäle werden geöffnet, er pflegt doch sonst keine Viertelstunde zu versäumen – und als er gestern ankam, war auch seine erste Frage nach der Bank.“

„Vergiß doch nicht, daß er hier Mr. Jackson heißt,“ erwiderte der Andere, ein schwarzbärtiger Mann mit militairischem Anstande. „Heute wird er übrigens nicht kommen; er macht einen Besuch in der Nachbarschaft. Guntershofen oder Guntershausen heißt das Nest.“

„Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Ich eilte in mein Hotel, ließ satteln, steckte meine Pistolen zu mir und jagte Guntershausen zu. Am äußeren Thore trat mir der alte Joseph zitternd entgegen. „Ist meine Frau zu Hause?“ schrie ich ihn an, indem ich vom Pferde sprang.

„Gräfliche Gnaden sind eben von Berndorf zurückgekommen,“ stammelte er.

„In Berndorf war Erntefest, das Jauchzen und Schießen war deutlich zu hören. „Wer ist sonst noch da?“ fuhr ich fort, und als er erbleichend zurücktrat, faßte ich den armen alten Menschen bei der Schulter. „Gesteh’, oder –“ stieß ich hervor.

[133] „Er nannte den Namen, den ich zu hören erwartete. In großen Sätzen sprang ich die Treppe hinauf und eilte Isidorens Zimmer zu. Ich war wie berauscht vor Zorn und Rachedurst. Die stolzen Worte, womit Isidore vor einigen Monaten meinen Verdacht zum Schweigen gebracht hatte, tönten mir in den Ohren – wie verächtlich war mir dies Weib dies Weib, das meinen Namen trug! Endlich stand ich an der Thür und stieß sie auf. Alles war still; die Läden waren geschlossen, aber trotz der tiefen Dämmerung sehe ich eine große Gestalt aus der gegenüberliegenden Thür treten – es ist Rieth! Bei meinem Anblick weicht er zurück.

„Steh’, Niederträchtiger, oder ich schieße!“ rufe ich, meiner selbst nicht mehr mächtig. Er hört nicht – ich erhebe das Pistol – in demselben Augenblicke stürzt laut schreiend eine weiße Gestalt aus Isidorens Zimmer, umschließt den Bedrohten mit beiden Armen und sinkt von meiner Kugel getroffen in sich zusammen.

„Mit einem Schrei der Wuth faßt Rieth sie in die Arme, trägt sie in ihr Zimmer zurück und wirft die Thür hinter sich in’s Schloß.

Als es mir gelingt, sie zu öffnen, ist er verschwunden – aber die weiße Gestalt liegt mitten im Zimmer am Boden, still und starr. Ich hatte mein Weib erschossen!

„Erlaß mir, weitläufig von den entsetzlichen Stunden zu erzählen, die nun folgten. Ich war wie vernichtet. Joseph und Tante Ernestine traten handelnd, helfend ein, um das Einzige zu retten, was noch zu retten war, die Ehre des Namens, während ich, dem Wahnsinn nahe, in dem kleinen Raume, wo das Gräßliche geschehen war, hin und her rannte, oder am Lager der Gemordeten stand und die kleine, kalte Hand, die jetzt zum ersten Male ohne Widerstand in der meinigen lag, mit Küssen bedeckte. Ais ich einigermaßen zur Besinnung kam, gab mir Tante Ernestine ein Billet, das sie in Isidorens Kleidern gefunden hatte. Es war von Rieth am Tage des Unglücks geschrieben und wahrscheinlich erst in Berndorf an Isidore gelangt. Rieth schrieb darin, er wäre erbötig, „seiner theuren Isidore“ gegen Auszahlung einer Summe, die er umgehend brauche, ihre Briefe zurückzugeben. Wolle sie nicht auf seinen Vorschlag eingehen, so sähe er sich genöthigt, diese interessanten Blätter einigen ihrer Verehrer zu überlassen, die darin mit Freuden den Beweis finden würden, daß Gräfin Isidore nicht immer so kalt gewesen wäre, wie es jetzt den Anschein hätte. Auch die Briefe waren da. In einem Päckchen zusammengebunden hatten sie auf dem Tische im blauen Zimmer gelegen. Als ich mich endlich entschleß, einen Blick hineinzuwerfen, fand ich bestätigt, was mir Tante Ernestine über das Verhältniß zu Rieth gesagt hatte. Es war ein tändelndes Spiel, ein kindisches Verlöbniß, das Rieth selbst wohl nie als bindend angesehen hatte, das er aber trefflich zu nutzen verstand, um die Unerfahrene zu ängstigen und zu quälen, und so war das arme Weib demselben zum Opfer gefallen. Oder war sie nicht vielmehr das Opfer meiner Heftigkeit, meines Mißtrauens? Nicht Rieth – ich war ihr Mörder. Diese Last auf der Seele, dies Bewußtsein – und dann leben sollen wie zuvor! Wie oft war ich im Begriff, mich der weltlichen Gerechtigkeit zu überliefern, um der Qual ein Ende zu machen. Aber Tante Ernestine erinnerte mich an meine Schwestern, der Arzt, ein alter Freund der Familie, der uns bei dem Trauerfall hülfreich zur Seite gestanden hatte, that dasselbe – der alte Joseph lag weinend vor mir auf den Knieen und beschwor mich, diesen Mahnungen zu folgen; und so nahm ich die Last auf mich und schwieg.

„Die Todesart Isidorens blieb ein Geheimniß. Die Wenigen, die die Wahrheit kannten, waren treu wie Gold. Es war freilich möglich, daß noch ein Wesen darum wußte – Isidorens Kammermädchen. Joseph hatte sie noch wenige Minuten vor meiner Ankunft im Hause gesehen. Dann aber hatte sie die allgemeine Verwirrung [134] benutzt, um sich mit den Diamanten der Todten, die erst später vermißt wurden, zu entfernen. Daß ich sie nicht gerichtlich verfolgen würde, hatte sie natürlich vorausgesehen, alle Nachforschungen, die ich unter der Hand anstellte, blieben erfolglos, und so darf ich wohl annehmen, daß auch von dieser Seite nichts mehr zu fürchten ist.

„Wie mein Lehen seither gewesen ist, wißt Ihr Alle – was ich gelitten habe, weiß nur Gott. Erst seit der Stunde, wo es mir vergönnt war, Dich, meine Eva, aus dem Feuer zu retten, wage ich wieder zu hoffen, daß auch für mich Versöhnung, Vergebung zu finden ist! Ich füge nichts weiter hinzu; Dein Herz, Eva, mag entscheiden.“

Hedwig schwieg und faltete die Blätter zusammen, während Eva Lothars Hand erfaßte und an die brennenden Lippen drückte.

„Es ist entschieden!“ sagte sie dann, schlang die Arme um seinen Hals, legte den Kopf an seine Brust, und er hielt sie fest, als ob er sie nie mehr lassen könnte. Als sie sich endlich aufrichtete, reichte sie Hedwig die Hand und fragte: „Begreifst Du nun, daß ich nicht anders kann?“

Hedwig sah traurig zu ihr auf. „Du hast Recht, Du bist gut,“ erwiderte sie, „aber freuen kann ich mich nicht, denn glaube mir,“ fuhr sie flüsternd fort, „wenn Dir auch Hildegunde nicht erscheint, an den Fluch der Guntershausen wirst Du doch glauben müssen. Isidorens blutende Gestalt wirst Du immer, immer vor Augen haben, und sie wird Euch Beide zu keiner Freude kommen lassen.“




VI.

Von Tante Ernestine unterstützt, hatten die Liebenden den Widerstand der Generalin endlich besiegt. Nach kurzem Verlöbniß wurden sie in der Stille getraut, und unter der Leitung der eben so umsichtigen als gütigen Herrin begann für Guntershausen ein neues Leben.

Aber leider nicht für den armen Lothar! Als die erste Aufregung des Glückes vorüber war, kam die alte Schwermuth mehr und mehr zurück, und als das dritte Jahr seiner zweiten Ehe herankam, war er, obwohl sich äußerlich Alles nach seinen Wünschen gestaltete und obwohl sich Eva’s treue Liebe immer gleich blieb, fast noch düstrer und menschenscheuer, als vor der Verbindung mit ihr. Es war fast als sollte Hedwigs Prophezeihung in Erfüllung gehen. Eva litt ebenso viel wie er, aber sie verrieth es nie, sie gestand es sich selber kaum. Ihr einziges Sinnen und Streben war Lothar zu stützen und zu erheitern. Von diesem Wunsche getrieben, eilte sie am Abende eines schönen Octobertages nach allen Seiten ängstlich umherspähend durch den Park von Guntershausen. Sie war sehr mager geworden, die sanften, braunen Augen sahen in dem schmalen, weißen Gesichte viel größer aus als sonst, und trotz der Hast, mit der sie vorwärts eilte, war eine gewisse Ermüdung in ihrem ganzen Wesen nicht zu verkennen. Plötzlich blieb sie stehen, athmete auf, und für einen Moment flog ein Rosenschimmer über ihre blassen Wangen. Am Ende der Allee, in die sie jetzt einbog, hatte sie die gebeugte Gestalt ihres schwermüthigen Gatten erkannt, den sie nie, auch nur auf wenige Minuten, ohne die tödtlichste Angst aus den Augen verlor. Mit langsamen Schritten ging sie ihm entgegen. Als sie in seine Nähe kam, war ein heiteres Lächeln in ihren Augen und auf ihren Lippen.

„So weit ist’s schon gekommen,“ scherzte sie, „daß ich Dir nachlaufen muß, wenn ich mich Deiner Gesellschaft erfreuen will.“ Mit diesen Worten hing sie sich an seinen Arm und ging an seine Seite geschmiegt mit ihm den Gang hinunter.

„Eine traurige Freude!“ erwiderte er, ohne den gesenkten Kopf zu erheben. „Weißt Du, daß ich heute ein Erinnerungsfest feiere?“ fügte er nach einer Pause hinzu, „hast Du vergessen, daß es heute vor drei Jahren war, als Du mir dort oben am Fenster das Versprechen gabst, mich nicht zu verlassen?“

„Und habe ich das so schlecht gehalten?“ fragte sie in dem heitern Tone, der ihr, obwohl erkünstelt, fast zur zweiten Natur geworden war.

„Gutes, treues Herz, ich weiß, daß Du mich nicht verlassen wirst,“ antwortete der Graf. „Darum eben sehe ich kein Heil für Dich und keine Hoffnung!“

„Lothar!“ fiel Eva in beinahe strengem Tone ein; „Lothar, versündige Dich nicht! Wie viel Glück hat uns der Himmel schon gegeben! Oder zählst Du es für nichts, daß wir uns nach so langer Trennung wieder zusammen fanden, daß wir so ganz für einander, mit einander leben? Und kannst Du leugnen, daß ein ganz besonderer Segen auf allen Deinen Arbeiten und Unternehmungen ruht? Und unser Kind! Denke doch an unsern lieben, prächtigen Jungen!“

„Aber trotz Alledem liegts wie ein Schatten auf Guntershausen,“ erwiderte Lothar. „Es ist etwas Lastendes, Kältendes, Drückendes, das die rechte Lebensfreude nicht aufkommen läßt. Isidorens blutige Gestalt geht überall an meiner Seite. Sie steht zwischen Dir und mir – sie beugt sich über das Bett des Kindes …“

Eva war tief erschüttert, aber sie sagte sich selbst, daß sie ihren Empfindungen nicht nachgeben dürfe, und sagte mit erzwungener Mühe: „Du mußt Dich von diesen Phantasiebildern abwenden. Es ist damit wie mit dem Anblick des Wassers. Je länger Du in die rinnenden, hüpfenden Wellen siehst, je mächtiger lockt und zieht es Dich in die Tiefe. Aber nur ein Blick in die Höhe, und der Zauber ist gebrochen.“

„Meinst Du?“ fragte Lothar mit trübem Blick. „Wohin soll ich die Augen wenden? Auf Dein blasses, bekümmertes Gesicht, das mir deutlicher noch, als die Klagen Deiner Mutter, erzählt, wie viel Du schon in Deiner kurzen Ehe gelitten hast? Oder auf mein armes Kind, das doch auch nur geboren ist, um den Fluch der Guntershausen auf sich zu nehmen? Ober wohin sonst? Nein, nein, Eva, für Dich und mich gibt es keine Erlösung, bis sie mich dort unten zur Ruhe legen,“ fuhr er fort, indem er auf die Grabcapelle deutete, deren Mauern zwischen dem Buschwerk sichtbar wurden.

Eva antwortete nicht. Nach einer Pause suchte sie dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, aber Lothar ging nicht darauf ein. Hörte er überhaupt, was sie sagte? Sein Blick war so starr, seine Miene so düster – ließ sich denn nichts, gar nichts finden, was sein Interesse erregte? Unwillkürlich sah Eva umher und bemerkte, daß aus einem der Seitenwege eine unbekannte Frau in einfacher Trauerkleidung auf sie zukam. Das Zusammensein mit Fremden war Lothar in seinen schwermüthigen Stunden im höchsten Grade peinlich, und Eva war im Begriff die Frau durch einen Wink zurückzuweisen, als ihr die tiefe Bewegung in dem bleichen, sorgenvollen Gesicht der Nahenden auffiel. Nun konnte sie es nicht mehr über sich gewinnen, die Fremde ungehört fortzuschicken, blieb stehen und sah ihr freundlich entgegen.

Die Frau mußte früher schön gewesen sein; die großen, dunkeln Augen, das schwarze Haar, die regelmäßigen Züge waren es noch, aber die Gestalt war von Kummer oder Krankheit gebeugt, das Gesicht früh gealtert und jetzt wie verzerrt von Angst und Schmerz. „Ich wünschte den Herrn Grafen zu sprechen,“ sagte sie kaum hörbar und verbeugte sich in einer Weise, die eine gewisse Bildung verrieth; und als Lothar in seiner halb schwermüthigen, halb zerstreuten Weise fragte, womit er ihr dienen könne, trat sie dicht an ihn heran.

„Kennen mich der Herr Graf nicht mehr?“ fragte sie, und in Thränen ausbrechend fügte sie hinzu: „Ich bin ja die Sophie, die Kammerjungfer der seligen Gräfin Isidore.“

Lothar fuhr auf und starrte sie an, als ob er ein Gespenst vor sich sähe.

„Sie erkennen mich nicht,“ fing die Frau wieder an; „ich bin freilich furchtbar verändert, um zwanzig Jahr älter geworden in der kurzen Zeit, aber ich trage mein Kennzeichen an mir. Ich meine die Narbe vom Schuß des Herrn Grafen. Die Kugel ist mir hier oben durch den Arm gegangen.“

Lothar drückte die Hand an die Stirn. Seine Gedanken verwirrten sich. „Der Schuß!“ wiederholt er. Aber schnell besonnen fiel ihm Eva in’s Wort. „Kommen Sie, gute Frau,“ sagte sie. „Setzen Sie sich dort auf die Bank und erzählen Sie uns Alles. Wir haben nie erfahren können, was damals aus Ihnen geworden ist. Auch können Sie uns vielleicht noch einige Aufklärungen über das schreckliche Ereigniß geben.“ Und kaum im Stande, sich selber aufrecht zu halten, führte sie die Zitternde nach der nächsten Bank und blieb auf Lothars Arm gestützt vor ihr stehen.

Eine Weile schien die Frau nach Fassung zu ringen, endlich sagte sie mit niedergeschlagenen Augen und leiser Stimme: „Es liegt mir vor Allem daran, mich vor dem Herrn Grafen wegen der Diamanten zu rechtfertigen, die damals zugleich mit mir verschwunden sind. In allem Unglück, das mich in letzter Zeit betroffen hat, war es mir ein Trost, daß ich nun wieder in diese Gegend kommen könnte, um mich von dem Verdacht zu reinigen, der doch wahrscheinlich auf mir ruht.“ Sie trocknete sich die Stirn und fuhr nach einer Pause, durch Eva’s Blick ermuthigt, in festerem Tone fort. „Ich kann Ihnen ganz genau erzählen, wie das Unglück geschah. Vor Allem aber muß ich Ihnen sagen, daß ich mit Herrn von Rieth schon lange bekannt war. Wir waren Nachbarskinder, hatten jahrelang täglich zusammen gespielt, und so war’s natürlich, daß wir uns freuten, als wir in der Hauptstadt zusammentrafen. Damals fing er auch an, der Comtesse Isidore den Hof zu machen – es war noch vor der ersten Verlobung der gnädigen Gräfin – und wie er mir sagte, that er das nur, um Gelegenheit zu [135] finden, mich zu sehen. Später habe ich freilich meine eignen Gedanken darüber gehabt. – Aber ich bitte um Verzeihung, wenn ich etwas Unziemliches sage,“ fügte sie verlegen hinzu, „es ist möglich, daß ich das Alles nicht recht verstanden habe.“

„Erzählen Sie weiter!“ fiel Eva ermuthigend ein, indem sie einen flehenden Blick auf den vor Ungeduld bebenden Gatten warf, und die Frau fuhr fort:

„Herr von Rieth kam nach Guntershausen und diesmal wirklich meinetwegen. Er brauchte Gold, ich hatte ihm von meinem kleinen elterlichen Erbtheile und meinen Ersparnissen gesagt – und da ich ihn liebte, war’s leicht mich zu bethören. Das unglückliche Duell mit dem Grafen Werner zwang Rieth, für einige Zeit in’s Ausland zu gehen, aber er schrieb mir und endlich fand er auch Mittel und Wege, mich zuweilen heimlich zu sehen, d. h. im Winter, wenn wir in der Hauptstadt waren. Wovon er eigentlich lebte, erfuhr ich nicht, aber es schien ihm schlecht zu gehen. Er war oft mürrisch und unzufrieden, und mein kleines Vermögen floß nach und nach fast ganz in seine Hände.

„Eines Tages schrieb mir Rieth, er hätte die Absicht, mich in Guntershausen zu besuchen, und bat mich ihm mitzutheilen, wann der Herr Graf wieder einmal verreiste. Vergebens versuchte ich, ihn von diesem Plane abzubringen – er bestand auf seinem Willen, und als ich hörte, wie Ew. Gnaden eines Tages der Frau Gräfin sagten, daß Sie auf acht Tage nach Lindenbad gehen würden, benachrichtigte ich Rieth und schrieb ihm, er möchte an dem Tage kommen, wo die gnädige Gräfin und die Dienstboten, wie ich wußte, nach Berndorf zum Erntefeste gingen. Und in der That schien es, als hätten wir keinen günstigeren Zeitpunkt zu unserem Wiedersehen wählen können. Nur der alte Joseph war zu Haus, bewachte den Haupteingang und hatte keine Ahnung, daß die nach dem Garten führende Thurmpforte für Rieth geöffnet war. Dennoch wartete ich in großer Angst auf Rieth’s Kommen. Unzählige Male schlich ich den Gang hinunter, an die Thurmtreppe und wieder zurück in meine Stube, die neben dem Schlafzimmer der gnädigen Gräfin, hart an der Haupttreppe lag.

„Aber wie soll ich mein Erschrecken beschreiben, als ich plötzlich unten im Flur die Stimme des Erwarteten höre! „Freilich bin ich’s, alter Joseph,“ sagte er in seiner spöttischen Manier. „Gräfin Isidore erwartet mich; wenn sie kommt, könnt Ihr sagen, daß ich da bin – bei der Sophie werdet Ihr mich finden!“ Damit kam er in großen Sätzen die Treppe herauf, schloß mir lachend den Mund, als ich ihn mit Vorwürfen überhäufte, zog mich in’s Zimmer und sah so wild und aufgeregt aus, daß ich mich vor ihm fürchtete und nicht auf eine Erklärung zu dringen wagte. Es blieb mir auch nicht lange Zeit dazu, denn nach wenigen Minuten kam der alte Joseph mit leichenblassem Gesicht und an allen Gliedern zitternd. Die Frau Gräfin wäre da, sagte er, und würde Herrn von Rieth im blauen Zimmer erwarten. Ich hatte mir eingeredet, daß sich Rieth einen Scherz mit Joseph gemacht hätte, aber nun sah ich mit Schrecken, daß es Ernst war. Rieth gab mir den Befehl, in meinem Zimmer zu bleiben und womöglich jede Störung fern zu halten, dann ging er in die blaue Stube hinüber. Aber in mir war das Mißtraum rege geworden. Ich wollte wissen, was Rieth mit der Gräfin in dieser geheimnißvollen Weise zu besprechen hatte, ging in das Schlafzimmer und öffnete leise die Thür.“ Die Frau schwieg und warf einen schüchternen Blick auf Lothar.

„Weiter!“ sagte er. Sie nahm sich zusammen und fuhr fort:

„Was Rieth und die Frau Gräfin sprachen, konnte ich erst nicht so recht zusammen reimen. Sie sagte: er wäre ihr eben so verhaßt, als verächtlich. Schon um ihn für immer aus ihrer Nähe zu entfernen, würde sie gern ein Opfer bringen. Aber sie könnte über nichts verfügen, als über den Schmuck, den solle er haben. Dabei reichte sie ihm das Kästchen, das ihre Diamanten enthielt. Aber Rieth verlangte Gold. Er wisse, daß der Herr Graf vor Kurzem große Summen eingenommen hätte, sagte er. Wenn die Gräfin ihm nichts geben wolle, möge sie ihm nur den Ort zeigen, wo das Geld verwahrt wäre, dann wolle er schon in Besitz desselben gelangen.

„Mein Haar sträubte sich vor Entsetzen, als ich diese ruchlosen Worte hörte, und Gräfin Isidore wurde so zornig, wie ich sie nie gesehen hatte. „Fort, Elender!“ rief sie, nach der Thür zeigend, „oder ich lasse Sie vom Bedienten hinauswerfen!“ Aber er schlug die Arme übereinander, trat dicht vor sie hin, sah ihr spöttisch in’s Gesicht und sagte, sie hätte kein Recht ihn zu bedrohen, denn sie wäre daran schuld, daß er ein Mörder und nicht viel besser als ein Vagabund geworden wäre. Dann flüsterte er ihr etwas zu, was ich nicht verstand, und dabei wollte er den Arm um sie schlingen. Aber nun schrie sie laut auf – in meinem Leben habe ich solchen Schrei nicht wieder gehört – stürzte in ihr Schlafzimmer und riß an der Klingel. Daß ich da war, schien sie gar nicht zu bemerken. Rieth war ihr gefolgt. Roth vor Wuth, mit rollenden Augen stand er auf der Schwelle.

„Du willst mich verrathen!“ zischte er in einem Tone, der mir das Blut gerinnen machte. Wie er das sagte, griff er in die Brusttasche und zog ein Pistol hervor. Gräfin Isidore hatte sich nach ihm umgewendet, in demselben Augenblicke fiel ich ihm in den Arm aber es war zu spät! Der Schuß ging los und ohne einen Laut sank die Gräfin zu Boden. Als ich mich neben ihr niederwarf, war sie schon todt – mir selber war, als ob ich einen Todesstreich empfangen hätte. – Auch Rieth stand wie versteinert da, und eben wollte ich ihn, zwischen Mitleid und Abscheu schwankend, zur Flucht antreiben, als ich draußen im Gange Schritte hörte und gleich darauf die Stimme des Herrn Grafen.

„Jetzt fuhr Rieth empor und eilte in’s blaue Zimmer zurück, das Ew. Gnaden zu gleicher Zeit von der andern Seite betraten. Ich hörte die drohenden Worte: „Steh’, Niederträchtiger, oder ich schieße Dich nieder!“ Wie ich Rieth in Gefahr sehe, ist alles Andere vergessen – ich stürze hinaus und werfe mich sinnlos vor Angst an die Brust des Bedrohten. Wieder fällt ein Schuß, und diesmal bin ich getroffen. Mit einem Schrei der Wuth faßt mich Rieth in die Arme, wirft die Thür des Schlafzimmers hinter sich in’s Schloß, das krachend zuspringt, und eilt mit mir durch meine Kammer, den Gang entlang, die Haupttreppe hinunter und durch den Park in’s Freie, wo Rieth’s Wagen wartete. Er hob mich schnell hinein, die Pferde zogen an – das ist Alles, was ich davon zu sagen weiß.“

Die Frau schwieg; Lothar drückte Eva’s Hand, daß sie kaum einen Schmerzensschrei unterdrücken konnte. Er athmete tief, es war, als ob die Brust, von ihrer Last befreit, sich ausdehnte, als ob die Gestalt sich aufrichtete, als ob urplötzlich ein frisches, warmes Leben durch alle seine Adern fluthete. Eva sah zu ihm auf. Sein Gesicht war traurig – wie konnte das anders sein, wo solche Erinnerungen an ihn herantraten, aber die Starrheit, die sie so oft mit tödtlicher Angst erfüllt hatte, war verschwunden – und er, der sich sonst ganz in seinen Trübsinn verlor, war jetzt am schnellsten gefaßt.

„Und wie haben Sie seitdem gelebt?“ fragte er in so weichem Tone, daß die Frau überrascht empor blickte. „Und was ist aus Rieth geworden?“

„Wo er jetzt sein mag, weiß ich nicht,“ erwiderte die Unglückliche mit thränenvollen Augen. Erst gingen wir nach England. Rieth hatte mich mitgenommen, ob aus Liebe, wie er mir sagte, oder um die einzige Zeugin seines Verbrechens unschädlich zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Im ersten Augenblicke hatten mich Verwirrung, Schrecken und Körperschwäche aller Besinnung beraubt und zu jedem Widerstande unfähig gemacht, und nachher fesselte mich die Erinnerung an das Entsetzliche, das wir mit einander erlebt hatten. Wir wurden getraut, aber Rieth hatte nirgends Ruhe. Es war, als ob ihn das Gespenst der Ermordeten verfolgte. Anfangs zogen wir in England von einem Orte zum andern, dann, als wir von keiner Verfolgung hörten, kehrten wir nach Deutschland zurück, natürlich unter falschem Namen.

„Eine Weile lebten wir in ganz anständigen Verhältnissen – ich habe zu spät erfahren, daß der Schmuck der Gräfin Isidore die Mittel dazu hergab. Aber diese Quelle erschöpfte sich, und nun ging’s in rasender Eile tiefer und tiefer in’s Elend hinein. Rieth suchte sich zu betäuben, er trank. Zuletzt habe ich ihn kaum noch nüchtern gesehen. Er kam überhaupt nur nach Hause, wenn er Geld brauchte. Endlich, als ich zu schwach und krank war, um durch meiner Hände Arbeit so viel zu verdienen, als bisher, hat er mich verlassen, und ich habe nichts wieder von ihm gehört. Ueber ein halbes Jahr habe ich vergebens nach ihm geforscht; jetzt habe ich mir nun so viel erspart, daß ich in meine Heimath zurückkehren kann – und ich habe den Umweg über Guntershausen gemacht, um den Herrn Grafen zu bitten, mich wegen des Schmuckes nicht länger im Verdacht zu haben – die Last, die ich auf der Seele trage, ist ohnedies so groß!“ Sie brach wieder in Thränen aus und verhüllte das Gesicht. Eva legte die Hand auf ihren Arm.

„Beruhigen Sie sich, gute Frau!“ sagte sie herzlich. „Sein Sie überzeugt, daß wir Ihren Worten vollen Glauben schenken. Und nun kommen Sie in’s Haus; Sie müssen ausruhen, und dann wollen wir von Ihrer Zukunft sprechen.“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Ich danke Ihnen, gnädige Gräfin,“ erwiderte sie, „aber das kann ich nicht. Hier erdrückt mich Alles, und der Boden brennt mir unter den Füßen. Ich muß mich auch beeilen, [136] daß ich nach Berndorf komme, ehe der Postwagen abfährt.“ Mit diesen Worten stand sie auf. Lothar reichte ihr die Hand.

„Ich danke Ihnen, Sophie, daß Sie gekommen sind,“ sagte er, „und ich hoffe, daß Sie sich an Niemand anders wenden, als an mich, wenn Sie in irgend einer Art Rath oder Hülfe brauchen. Wollen Sie mir das versprechen?“

„Das will ich,“ flüsterte sie in tiefer Bewegung, grüßte wieder und wandte sich dem Ausgange zu, während Lothar und Eva langsam nach dem Schlosse gingen. Beide fanden keine Worte, sich auszusprechen; Beiden war noch zu Muthe, als könnten sie aus einem schönen Traume zu der alten Qual erwachen. Erst als sie in das Zimmer traten, wo Tante Ernestine am Bett des schlafenden Kindes saß, löste sich die Spannung. Während Eva weinend an der Wiege niedersank und den Kopf in die Kissen verbarg, ergriff Lothar die Hände der Aebtissin und erzählte in flüchtigen Worten, mit stockendem Athem und bebenden Lippen, wie er erlöst war. Erst starrte sie ihn an, als ob sie’s nicht fassen, nicht glauben könnte, dann zog sie seinen Kopf zu sich nieder und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. „Gott segne Dich, mein Sohn!“ sagte sie mit einer Bewegung, die ihr strenges Gesicht wunderbar verklärte, stand auf und trat an’s Fenster.

Unterdessen war der Kleine erwacht. Eva hatte ihn aus der Wiege genommen und reichte ihn dem Vater zu. „Glaubst Du noch, daß er zum Unglück geboren ist?“ flüsterte sie durch Thränen lächelnd.

Lothar schüttelte den Kopf. „Zu Glück und Segen,“ erwiderte er, indem er die beiden theuern Wesen an die Brust zog.

Tante Ernestine aber stand am Fenster, unfähig sich zu fassen. Es stieg ihr warm vom Herzen in’s Auge, und sie flüsterte vor sich hin: „Mein Gott, wie dank ich Dir! Nun kann ich in Frieden sterben!“