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Textdaten
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Autor: R. G.
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Titel: Goethe’s „Erlkönig“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 708
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[708] Goethe’s „Erlkönig.“ Auf einer meiner größeren Excursionen traf ich jüngst, von dem reizenden Dornburg kommend, nicht fern dem Dorfe Kunitz einen Greis, der, wie ich, nach Jena wollte. Als wir zusammen auf der Straße dahin schritten, lenkte ich das Gespräch auf die großen Geister, welche vor länger als einem Jahrhunderte an der Universität gelehrt und gewirkt hatten. Zu meiner Verwunderung gedachte der Alte mit Begeisterung jener Zeit; eine ganz besondere Pietät bezeigte er aber gegen den edlen Schiller. In Erinnerungen an jene Tage versunken, gelangten wir an den Gasthof „zur Tanne,“ und als die Blicke meines Begleiters auf denselben fielen, deutete er auf das eine Eckzimmer und sagte:

„Sehen Sie, dort in jener Stube hat Goethe seinen „Erlkönig“ gedichtet.“

Auf mein Befragen, ob ihm etwas Näheres darüber bekannt sei, antwortete mir der Greis, im Jahre 1781 habe sein Vater in der „Tanne“ gedient und ihm später oft das Fenster gezeigt, an dem Goethe gesessen.

„Es war im April des eben genannten Jahres“ berichtete mein Begleiter, „als ein wohlhabender Landwirth, dessen einziges Kind von einer bösartigen Krankheit ergriffen worden war, so daß keiner der herbeigerufenen Aerzte ihm helfen konnte, dasselbe, auf das Sorgfältigste eingehüllt, mit sich auf sein Pferd nahm und nach Jena ritt, um dort einen durch seine Curen berühmten Professor der Medicin um Rath zu fragen. Wirklich kam er glücklich in der Universitätsstadt an; aber auch der dortige Arzt erklärte es für ein Ding der Unmöglichkeit, den Knaben zu retten. Trostlos bestieg der Vater mit dem Kinde wieder sein Reitpferd und eilte, an der „Tanne“ vorbeijagend, seinem heimathlichen Dorfe zu; indeß ehe er dasselbe erreichte, war der Liebling in seinen Armen verschieden. – Einige Tage nach dieser Begebenheit kam Goethe nach Saal-Athen, wo ihm der traurige Ritt des Bauern erzählt wurde. Die Mittheilung ergriff ihn so gewaltig und der Stoff, der ihm durch Herder’s Uebersetzung des dänischen Volksliedes: „Erlkönigs Tochter“ vielleicht schon länger vorgeschwebt haben mochte, begeisterte ihn dermaßen, daß er sich sofort in die einsam gelegene „Tanne“ zurückzog und die herrliche Ballade dichtete. Ein Beweis mehr dafür, daß Goethe’s Poesien nicht, wie man sagt, gemacht, sondern immer das Ergebniß seiner Erlebnisse und Stimmungen waren.“

R. G.