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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Gewöhnung zum Gesundsein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 158-160
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[158]
Herzliche Kinderstuben-Predigten.
Nr. 1. Gewöhnung zum Gesundsein.

„Jung gewohnt, alt gethan“, oder auch: „Jung gethan, alt gewohnt“; – „der alte Mann schmeckt nach dem jungen“; – „wie die Allen sungen, so zwitschern die Jungen“; – „der Apfel fällt nicht weit vom Stamme“; – „was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten“, oder: „was zum Dorn werden will, spizt sich bei Zeiten“; – „jung gebogen, alt erzogen“, – „es ist besser, das Kind weine, als die Mutter“ und „es ist besser, die Kinder bitten Dich, denn Du sie.“

Das sind zwar sehr alte, aber durchaus nicht veraltete Sprüchwörter, die leider viel zu wenig beberzigt werden, obschon sie, bei gehöriger Beachtung von Seiten der Eltern und Erzieher, zur Bildung ganz anderer, natürlich weit besserer und gesünderer Menschen beitragen würden, als die meisten jetzigen Menschen sind. Denn alle jene Sprüchwörter kommen darin überein, daß sie eine richtige Erziehung in der Jugend, und zwar hauptsächlich durch Gewöhnung und gutes Beispiel, als die Grundlage bezeichnen, aus welcher das Kind zum richtigen Menschen heranwächst. Leider existirt nun aber eine solche richtige Erziehung und darum auch eine richtige Menschheit in körperlicher und geistiger Hinsicht zur Zeit noch nicht. Die Ursache davon liegt hauptsächlich im unrichtigen und zwar im zu späten Anfange der Erziehung und im zu zeitigen Beginnrn der Verziehung. – „Wenn der Verstand kommt“ und „in der Schule“, behaupten einfältige Eltern, „werden sich schon die kleinen Ungezogenbeiten unseres sonst gescheidten Kindes (zu denen gar nicht seilen auch schon schlaue Mausereien und Lügen mit gerechnet werden) wieder verlieren.“ „Ja, mein Carl, der wird einmal den Lehrern tüchtig zu schaffen machen,“ sagte eine Mutter mit ganz freudiger Miene, weil ihre vierjährige Range niemals folgte und Alles zu ertrotzen wußte. Mit einem gefühlvollen Herzen oder weichen Gemüthe und „wenn Anna erst verständiger ist, wird sie schon das Weinen lassen,“ entschuldigte eine Mutter das bei fast jeder Gelegenheit, nur nicht beim Zanken der Mama, hervorbrechende Grinsen ihres kleinen Töchterchens. Anna ist jetzt zwölf Jahre alt und heult zur Verzweiflung ihrer Eltern immer noch.

Eltern! Erzieher! Laßt’s Euch doch gesagt sein und nehmt endlich einmal Lehre an: „der sogenannte Verstand fährt wahrlich nicht zu einer bestimmten Zeit in den Menschen hinein oder ist etwa gar angeboren und wacht dann zu einer bestimmten Zeit auf.“ – Gleich von der ersten Zeit des Gebens an, wo der Mensch noch ohne alles Bewußtsein ist, wird der Verstand mit dem Bewußtsein durch Eindrücke, welche die Außenwelt mittels der Sinne auf das Gehirn des Kindes macht, ganz allmählich hervorgebildet. Alles verständige Denken und Handeln ist ebenso wie das unvernünftige [159] und schlechte angewöhnt (anerzogen), und aus einem neugebornen Menschen kann, ebenso wie aus einer weichen Modellirmasse, je nachdem diese in die Hände eines Geschickten oder eines Stümpers geräth, ebensowohl etwas Gutes wie Schlechtes hervorgehen; er kann zu den allerverschiedenartigsten Glauben, Unglauben und Aberglauben gewöhnt werden. Kinder, die in ihren ersten vier bis sechs Lebensjahren – während welcher Zeit die meisten Eltern ihre Sprößlinge leider nur als ein liebes, herzigen Spielzeug betrachten und behandeln, – jetzt schon zum Schlechten gewöhnt wurden, können weder in der Schule, noch in einem bessernden Rettungshause wieder gehörig zum Guten umerzogen werden. Verbrecher werden ebensowenig wie edle Menschen geboren, immer nur erzogen. Durch frühzeitige Gewöhnung kann ein Mensch, wenn er sonst nur mit gesunden Oganen (Gehirn und Sinnesorganen) geboren wurde, in körperlicher, geistiger und moralischer Beziehung einen sehr hohen Grad von Vollkommenheit erreichen.

Aber, nochmals sei’s gesagt, schon von Geburt an und vor den Schuljahren muß die Grundlage zum spätern Gut-, Verständig- und Gesundsein gelegt werden. Die Hauptregel dabei ist: man halte Alles vom Kinde ab, an was es sich nicht gewöhnen soll; dagegen wiederhole man beharrlich immer und immer Das, was ihm zur andern Natur werden soll. Auch gewöhne man das Kind so zeitig als möglich daran, statt auf Hülfe anderswoher oder gar auf Glück und Zufall zu bauen, vielmehr selbst überall Hand anzulegen und auf sich selbst vertrauen zu lernen. Eltern, die nicht die Fähigkeit, Kenntniß und Zeit zur richtigen Pflege und Erziehung ihrer Kinder haben, sollten dieselben so zeitig als nur möglich guten Erziehern vom Fache übergeben, [1]um tüchtige und gesunde Menschen aus ihnen erziehen zu lassen. Denn darin besteht wahrlich nicht die wahre Liebe der Eltern zu den Kindern, daß sie dieselben mit Güte überschütten, ihnen Alles an den Augen absehen, sie hätscheln und liebkosen, sondern darin, daß sie ihre Kinder, und sogar mit Strenge, wenn’s nöthig ist, zu brauchbaren und achtungswerthen Mitgliedern der Menschheit entweder selbst auferziehen oder von Andern ausbilden lassen.

Auch für das Gesundbleiben des Menschen in seinen spätern Lebensjahren läßt sich schon beim Kinde der erste Grund legen, indem man dasselbe seine Gesundheit gehörig zu wahren gewöhnt. Freilich müssen dann die Erzieher selbst nicht blos wissen, was dem menschlichen Körper nützt und was ihm schadet, sondern sie müssen dem Kinde auch in gesundheitlichen Dingen mit einem guten Beispiele vorangehen. Eltern, die in ihre Gesundheit hinein wüsten, werden auch in ihren Kindern Nachahmer finden. Und dann heißt es: Das (nämlich diese oder jene Unart, die aber nicht als solche, sondern als Eigenheit bezeichnet wird) hat die oder der Kleine von seinem Vater oder seiner Frau Mutter. Man meint damit, es ist diese und jene schlechte Manier angeerbt und angeboren, und dafür können weder der Unartige, noch seine Erzeuger etwas. Wenn freilich solche Ansichten bei der Erziehung des Menschen noch ferner fortwalten, dann, verlaß dich darauf, Leser, dann wird aus der Menschheit trotz aller Arten von Vereinen doch nichts Ordentliches. Aber es wird hoffentlich schon besser werden, wenn nur erst die Eltern als Erzieher ihre Pflichten besser kennen lernen und erfüllen wollen.

1. Das Erste und Nöthigste, was dem neugebornen Menschen zur Erhaltung seiner Existenz zukommen muß, ist neben athembarer Luft die richtige Nahrung, also Milch. Schon bei dieser Ernährung kann dem Säugling für die Zukunft Ordnung im Nahrungsgenusse angewöhnt werden, wodurch der Verdauugsapparat und überhaupt der Ernährungsprocess in gutem, also heilsamem Zustande erhalten wird. Zu diesem Zwecke gebe man dem Säugling, und zwar schon wenige Wochen nach seiner Geburt, nur zu ganz bestimmten Zeiten zu trinken, etwa viermal täglich (Morgens in der Frühe, um Mittag, gegen Abend und bei Anbruch der Nacht); des Nachts aber, wo sich die Ernährerin durch Schlaf stärken soll, gar nicht. Man lasse sich jetzt durch das Schreien des Kindes ja nicht in dieser Ordnung stören, forsche aber nach der Ursache dieses Schreiens, da diese eine andere als Hunger und zu entfernen sein könnte (z. B. Kälte, Nässe, Blähungeb, Verstopfung, unbequeme Lage, Stiche von Nadeln etc.). Niemals vergesse man, daß beim Kinde, wenn es durch Schreien seine Bedürfnisse sogleich befriedigt fühlt, das Schreien zur Erreichung seines Willens sehr bald zur Gewohnheit wird und nun schwer wieder abzugewöhnen ist. Zur bestimmten Zeit mag dann aber das Kind, in Absätzen, soviel trinken, als es nur immer kann und will, jedoch gewöhne man dasselbe ja nicht daran, beim Trinken zwischendurch ein Weilchen zu schlafen.

Ist nun schon beim Säugling die Gewöhnung an eine bestimmte Trinkzeit für die Verdauung von großem Vortheile, so ist auf eine regelmäßige Essenszeit noch weit mehr beim Kinde nach dem Säuglingsalter zu halten. Ein Kind, das zu essen bekommt, wenn es will, gewöhnt sich sehr leicht das Naschen an und seine Verdauung geräth dadurch sehr leicht in Unordnung. Pflanzt sich dann diese schlechte Angewohnheit in die spätern Lebensjahre fort, so erzeugt hier das unregelmäßige Essen und Trinken sehr beschwerliche und verstimmende Unterleibsbeschwerden. – Sitzt das Kind beim Essen mit am Familientische, so erlaube man demselben ja nicht etwa, von allen Speisen zu naschen; es soll nicht von Allem haben, was die Erwachsenen genießen, sondern hat sich streng an die kindliche Nahrung zu halten!

2. So wie beim Kinde das „Wann und Was genossen werden soll“ nicht nur Einfluß auf die Gesundheit des kindlichen Körpers, sondern auch auf die Essgewohnheit des Erwachsenen haben, so ist nun auch das „Wie genossen wird“ wohl zu beachten. Erlaubt man dem Kinde hastig zu essen, die festen Nahrungsmittel nicht gehörig zu zerkauen, sondern noch in größeren Stücken zu verschlucken, machen’s die Erwachsenen ebenso, so wird diese für den Verdauungsapparat, vorzugsweise für den Magen unheilvolle Speisemethode sicherlich vom Kinde auch in die spätere Lebenszeit mit hinübergenommen. Und daher stammen denn auch zum größten Theile die so sehr häufigen, schmerzhaften und gefährlichen Magenleiden der Erwachsenen. Die meisten Menschen so ganz naturwidrig essen zu sehen und dann auch noch über ihren schlechten Magen jämmerlich klagen zu hören, das kann den Gesundheitslehrer in Verzweiflung bringen.

3. Zum ordentlichen Zerkauen der Speisen gehören nun aber gute Zähne, nicht aber solche häßliche, abgebrochene und zerfressene, grüne und schwarze, häufig schmerzende und übelriechende Zahnsturzel und Zahnwurzelreste, wie sie in dem Munde so vieler Erwachsener stehen. Und was trägt denn die Schuld an dieser das Küssen verleidenden Zahnwüstenei? Sie stammt in der Regel schon aus der Jugend und ist die Folge einer vernachlässigten oder falschen Zahnpflege, nicht aber die Folge vom Zerbeißen von Zucker oder Knacken von Nüssen. Wenn beim Kinde die Milchzähne kaum aus dem Zahnfleische herausgebrochen sind, muß dasselbe schon zur Reinigung derselben mittelst einer Zahnbürste und Zahnpulvers angehalten werden, trotzdem daß diese Zähne später ausfallen und durch neue (bleibende) ersetzt werden. Bei diesen letzteren Zähnen reicht aber zum Gesundbleiben das bloße Bürsten mit Wasser oder Zahnnpulver nicht aus, es muß durchaus noch ein spirituöses Zahnputzmittel (kölnisches Wasser, Alkohol mit Aether) angewendet und von Zeit zu Zeit eine Reinigung der Zähne durch sanftes Abschaben des besonders in der Nähe des Zahnfleisches und auf den Kauflächen der Zahnkronen ansitzenden grünen oder schwärzlichen Zahnsteines vorgenommen werden. Beginnt eine solche Behandlnug der Zähne schon in der Jugend, so würde man bei sehr vielen Erwachsenen den Mund mit weit mehr echten und nicht mit soviel falschen Zahnperlen garnirt sehen; auch würde vielen das sogenannte Zahnreißen – was aber gar kein Reissen, sondern nur ein vom Nerv eines hohlen Zahnes auf die Nerven der gesunden Zähne übergestrahlter Schmerz ist – nicht so häufig das Leben vergällen. Wie viele Mütter kränken sich nicht im Stillen über den auf dem Balle kaum zu lächeln wagenden Mund ihrer sonst hübschen Töchterchen, weil beim Oeffnen der rosigen Lippen ein garstiges Zahnwerk dem Tänzer entgegenstarrt. Daß sich die Frau Mamas selbst durch Unachtsamkeit auf die kindlichen Zähne diesen Zahnkummer bereitet haben, werden sie natürlich niemals zugeben. Und doch ist es so.

4. Zum unheilbringenden Trunke, nicht aber zum heilsamen Trinken, wird gar nicht selten der Grund schon beim Kinde gelegt. Denn wenn wir auch vom Branntweingenuss absehen wollen, so gewöhnen doch gar nicht wenig Eltern ihre Kinder viel zu [160] an Lagerbier und Wein. Milch und Wasser sei das kindliche Getränk, und da unser Körper zum allergrößten Theile aus Wasser besteht und zu seinem Gesundbleiben eine ziemlich große Menge Wassers einnehmen muß, so lasse man dem Kinde schon das Wassertrinken (besonders beim Mittag- und Abendessen) lieb gewinnen, damit dem Erwachsenen dann nicht aus Scheu vor’m Wasser ein dickflüssiges, träge fließendes Blut in den Adern rinnt, was gar zu gern Stockungen macht. – Bei dieser Gelegenbeit wollen wir auch den Eltern, die es, da sie zu Hause Wärterinnen haben, gar nicht nöthig hätten, ihre Kinder überall mit sich herumzuschleppen, und dieselben doch mit zu Biere in Locale voller Tabaksrauch nehmen, nicht bergen, daß dies in doppelter Hinsicht ein höchst tadelnswerthes Gebahren ist. Denn zuvörderst kann den Kindern der zumal längere Aufenthalt in solchen rauchigen Bierlocalen ebenso für die Gegenwart wie für die Zukunft sehr nachtheilig werden; sodann sind aber auch solche kindliche Kneipgenies ihrer Unarten wegen stets allen Biergästen ein Gräuel, zumal wenn sich die Eltern neben dem Biertöpfchen noch mit lauten Erziehungsstudien befassen.

Bis jetzt ist gezeigt worden, welchen Einfluß gewisse aus der Jugend stammende Gewohnheiten beim Essen und Trinken auf den Gesundheitszustand des Erwachsenen ausüben können. Ebenso muß nun aber auch auf die Luft, das Licht und die Wärme schon in der Jugend Rücksicht genommen werden, wenn nicht Verstöße gegen diese Mittel zum Leben später ein ungesundes Leben nach sich ziehen sollen. Und davon im nächsten Aufsatz.

Bock.



  1. Bei dieser Gelegenheit will ich mehrere an mich gestellte Fragen nach empfehlenswerthen Erziehungsanstalten für größere, sowie auch für kleine Kinder dahin beantworten, daß von mir die Anstalt des Herrn Director Freygang in Dresden gekannt und wegen ihrer naturgemäßen Einrichtungen geschätzt wird.