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Titel: Gäste auf offenem Meere
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 123–125
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Gäste auf offenem Meere.

Die alten Postkutschen, in denen man oft während einer Reise von zwanzig Meilen interessantere Bekanntschaften machte, als jetzt auf einer Eisenbahntour von fünfhundert Meilen, die alten Postkutschen und Passagiere sind bald ganz und gar in Vergessenheit gerathen. Das ist in vieler Beziehung jammerschade. Der Dampf als Locomotivkraft hat unendlich viel Gutes, aber er vermag nichts Preiswürdiges für die verloren gegangene Gemüthlichkeit und Geselligkeit der Postkutsche und des Segelschiffes zu bieten. Der Dampf saust gleichgültige Massen durch die Wunder und Schönheiten der Natur und der Geselligkeit. Man fährt erster, zweiter, dritter Classe abgeschlossen, hochnäsig und ist an Ort und Stelle ehe man Gelegenheit gefunden, einer interessanten Dame etwas Angenehmes und einem vernünftig aussehenden Mitreisenden etwas Gescheidtes zu sagen. An Ort und Stelle stieben die fremden [124] Menschen wie geblasene Atome auseinander und andere drängen sich gleichgültig ein und treten uns auf die Hühneraugen, ohne sich zu entschuldigen, um vielleicht schon auf der nächsten Station einem neuen noch muckischer aussehenden Atome Platz zu machen.

Wie anders war’s in der Postkutsche! Und von den Freuden einer monatelangen Seereise in einem erfahren, praktisch und weise mit den grimmigen Elementen kämpfenden Segelschiffe haben nur Wenige eine Ahnung. Auf dem Dampfschiffe logirt man wie in einem sehr beschränkten Gasthofe und denkt kaum an die Menschen und die Natur um uns. Das Segelschiff ist ein lebendiges Wesen, ein poetischer Delphin. Es lebt und kämpft stets mit der unmittelbaren Natur und muß den Mantel nach dem Winde hängen und sich Zeit nehmen, alle Vortheile und Nachtheile genau studiren, um sie zu benutzen, Tag und Nacht Mathematik, Astronomie, Mineralogie und unzählige andere Wissenschaften prakticiren. Dabei kommen für Matrosen und Passagiere Zeiten, während welcher man aus Langeweile oder Neigung Beobachtungen macht, die sonst Niemandem auf der Erde zugänglich sind. Welch’ ein Leben und Phosphoresciren im Meere! Wie interessante meteorologische Phänomene, die man zwischen Himmel und Wasser in der Regel schöner, schärfer und deutlicher sieht, als irgendwo auf der Erde!

Wie interessant und willkommen die Gäste, die den Segelschiffern auf ihren langen Reisen Besuche machen! Es sind in der Regel Luftschiffer, die weite Reisen machen und unterwegs in der Luft keine Polizeistationen und Gasthöfe finden, so daß sie oft hungrig und müde jedes erreichbare Schiff zu Ruheplatz und Restauration machen. Es ist eine Art alte Ehrensache und Rechtsgewohnheit, daß Segelschiffer diesen Luftschiffern Quartier und Beköstigung liefern, ohne ihnen eine Rechnung zu machen.

Diese Gäste auf Schiffen sind in der Regel Zugvögel auf ihren Wegen von oder zu den Winter- oder Sommerquartieren, daher am häufigsten auf dem mittelländischen Meere, jenseits dessen die Winterquartiere fast aller unserer Zugvögel zu finden sind, Geier und Falken gehören zwar nicht zu den officiellen Zugvögeln, doch ist es bekannt, daß viele über die größte Breite des mittelländischen Meeres reisen, um bald in Afrika, bald in Europa ihre Geschäfte abzumachen.

Eines Tages kommt ein Goldfalke auf ein Schiff zwischen Marmorite und Griechenland. Er setzte sich oben auf einen Mast und guckte scharf und neugierig herunter. Ein Matrose macht ihm im Namen seiner Cameraden die Honneurs, klettert hinauf zu ihm und ladet ihn ein, gefälligst näher zu treten. Goldfalke horcht, zögert aber. Matrose streckt leise die Hand nach ihm aus, greift ihn und klettert mit ihm herunter. Unten wird er hingesetzt und bleibt sitzen, nur daß er sich sehr eifrig mit seinen sprüchwörtlich scharfen, runden Augen umsieht. Da man Gästen anständiger Weise etwas vorsetzt, beeilte man sich auch hier, ihm Fleisch anzubieten. Dies verschlingt er denn auch mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers, der etwas verschwinden läßt. Man vermuthete jetzt auf dem Schiffe, daß man die Ehre seiner Gesellschaft nur rasendem Appetite auf Fleisch verdanke. Da er nun stets von jedem Matrosen gern tractirt, aus der Hand gefüttert, sogar gestreichelt und überhaupt stets sehr gütig behandelt ward, schien er auch bleiben zu wollen. Manchmal machte er Ausflüge bis in’s Unsichtbare, schoß aber immer bald wieder herab, wie ein Pfeil. So blieb er acht Tage. Am neunten kam das Schiff in Sicht des Aetna, der 10,000 Fuß hoch aus dem Meere in’s blaue Firmament zu steigen und stets eine Mütze von Schneewolken zu tragen schien. Der Goldfalke studirte ihn sehr eifrig mit seinen scharfen, runden Augen, dann sah er sich wieder auf dem Schiffe um und lauter Freundesgesichter, so daß er offenbar zu bleiben beschloß. Aber der Aetna wurde immer größer und das blühende, glühende Sicilien immer lockender. Jedenfalls roch es sicher nach frischem Fleisch. Da hielt es ihn nicht länger. Nach zwei oder drei Umschwenkungen des Schiffes, als wollte er zärtlich Abschied nehmen, schoß er verschwindend in den Himmelsraum hinein.

Alte holländische Segel-Capitaine treiben gern ein Bischen Küchengärtnerei auf ihren Schiffen. Sie ziehen in großen, langen, tiefen Kasten Kresse, Salat u. s. w. Wenn Luftschiffer dies aus ihren Höhen bemerken, grüne Saaten auf dem unermeßlichen Meere, steigen sie in der Regel herab, weiden ihre Augen und zupfen oft mit großer Kühnheit etwas aus.

Unglücklicher Weise haben die meisten Köhler des Meeres den Aberglauben, daß solche Besuche Sturm bedeuten. Allerdings wittern die Reisenden der Luft Stürme eher, als Barometer, und suchen sich dann oft auf Schiffe zu retten, so daß nicht blos Möven als solche Wetterpropheten gelten können; aber häufiger kehren sie aus denselben Gründen ein, von welchen arme reisende Handwerksburschen in Bauerhöfe oder Schenken getrieben werden.

Wären die Matrosen mehr Naturforscher oder Naturforscher häufiger auf Segelschiffen, würden wir bereits mehr von dem geheimnißvollen Zuge der Zugvögel wissen. Bekannt ist nur, daß viele Arten derselben im Herbste aus Nord-Europa verschwinden und nach einiger Zeit in Südspanien oder Nordafrika ihre Winterquartiere beziehen. Auf letzterem Wege werden kleinere Species manchmal von Hunger oder Stürmen gepackt, gegen welche sie auf Schiffen des mittelländischen Meeres Schutz suchen. So der Rothschwanz, die Schwalbe u. s. w. auf dem Wege nach der Sierra Nevada oder nach den schönen Abhängen des Atlasgebirges.

Für die kurzflügeligen Zugvögel bietet der Felsen von Gibraltar ein Rastquartier, auch einen Versammlungsort von Vögeln aus verschiedenen Gegenden Europa’s, so daß sie fast die ganze Reise zu Lande machen können. Die kleine Meerenge von Gibraltar ist ihnen blos ein Katzensprung. Andere Arten, auch manchmal Schwalben, treten eines Nachts den Weg über das mittelländische Meer an. Von heftigen Stürmen gepackt, werden sie manchmal gegen Schiffe oder Leuchtthürme geschleudert, auf welche sie sich zu retten suchen.

So bekommen die Schiffer auf verschiedene Weise geflügelten Besuch. Nur Nachtigallen, die ebenfalls in Europa und Afrika (oder Kleinasien) zugleich wohnen, hat man noch nie auf dem Meere bewirthet. Die Naturforscher glauben deshalb, daß sie stets Landreisen machen, sich auf dem Gibraltarfelsen versammeln, und nur die kurze Seereise der Meerenge zu überwinden haben.

Im indischen Ocean stellen sich oft die prachtvollsten Vögel ein. Sie amüsiren sich in der Takelage und verschwinden dann wieder zwischen Himmel und Wasser. Zwei Arten von Kuckuks wandern zwischen Australien und Neu-Seeland, 1000 englische Meilen von einander, die sie, ohne zu rasten, in fünf bis sechs Stunden zurücklegen. Ein Capitain des stillen Oceans bekam einmal, 1000 englische Meilen von der nächsten Insel, Besuch von einem schwalbengroßen, aber überaus prachtvollen Vogel mit tiefblauer Brust, grünem Schwanz, scharlachrothen Flügeln, hochgefiedertem goldenem Kamme und rothem Gefieder um die Augen. Man entdeckte ihn oben im Tauwerke. Der Capitain hielt ihm Reis auf einem Teller hin. Sofort flog er herunter auf seinen Arm und verzehrte seine Reisspeise mit dem wunderbarsten Appetite. Er war gleich zahm und that sofort wie ganz zu Hause. Wenn in der Cajüte gegessen ward, hüpfte er ganz zutraulich von Teller zu Teller und kostete von Allem, wobei er sich manchmal den Schnabel an den harten Fingern eines Seemanns wetzte. Einmal beobachtete man ihn allein in der Cajüte vor dem Spiegel, seinem Ebenbilde die rührendsten Klagen zuglucksend. So wie er bemerkte, daß er beobachtet ward, flog er, wie beschämt, an das entgegengesetzte Ende. Endlich landete das Schiff an einer kleinen Gesellschaftsinsel, von der mehrere Häuptlinge an Bord kamen. So wie sie den Vogel sahen, stürzten sie auf ihre Kniee, beugten ihre Häupter und beteten. Es ergab sich daß der Vogel der Gott der Insel war, der auf einer Spazierfahrt den Weg verloren und sich auf das Schiff gerettet hatte. Die Häuptlinge boten eine große Summe für die Auslösung ihres Gottes. Aber Schiffer sind nach alter Sitte gastfrei gegen alle solche Gäste, so daß der bunte, geflügelte kleine Gott umsonst ausgeliefert ward. Manche Vögelchen sind ja auch viel schöner, als die mächtigsten steinernen oder goldenen Götter und Götzen der Heiden und frommen Christen.

Näher am Lande sehen die Schiffe manchmal wie ordentliche Vogelbauer in der Takelage aus. In der Bucht von Biscaya, mehrere hundert Seemeilen vom Gestade, bekam ein Segelschiff Besuch von einem Gold- und einem Buchfinken. Zu ihnen gesellten sich bald Schnepfen und eine weiße Eule. Später erlebte man das Wunder, daß ein Habicht in Gesellschaft von (Haus- und Mauer-) Schwalben ankam. Weder Eule noch Habicht vergriffen sich an den Kleinen, die hier auch gar keine Befürchtung der Art verriethen. Man hat ähnliche Beobachtungen gemacht und daraus geschlossen, daß die Wanderzeit oder die gemeinsame Noth die Grausamkeit der Raubvögel tödten oder die feindlichen Theile unter diesen Umständen förmlichen Waffenstillstand abschließen. Poetischer Weise [125] kann man annehmen, daß die Vögel als Gäste des Schiffes zu honorig sind, das Gastrecht zu verletzen. Die erwähnte Gesellschaft lebte mehrere Tage in größter Eintracht auf dem Schiffe. Durch ein Loch über einer Kanone kam noch eine Rothschwänzin hinzu, die sich alle Tage treuherzig von den Matrosen füttern ließ. Letztere sind gewöhnlich roh, aber seit uralten Zeiten unverbrüchlich human und menschenfreundlich gegen solche beschwingte Gäste, unter denen sich deshalb der Glaube an die Noblesse der Schiffer traditionell wie ein Dogma fortgepflanzt haben mag. Wer weiß, ob nicht die Vögel auch ihre eigene Sagen- und Volkspoesie haben!

Wären die Schiffer nur bessere Beobachter, wir wüßten gewiß schon manches interessante Geheimniß von den Sitten und Gebräuchen der Zugvögel auf Reisen. Schon Homer singt von den Zügen der Kraniche. Und so ziehen sie noch. Nachdem sie sich auf den Sümpfen des weißen Nil oder an den Ufern des Euphrat und Tigris des warmen Winters erlabt, ziehen sie in regelmäßiger Ordnung über Kleinasien oder über das mittelländische Meer nach ihren europäischen Sommerquartieren. Die Schiffer sahen oft ganze Phalanxen in Keilform mit wechselnden Führern vorn hoch in dem Aether bald hin-, bald herwärts ziehen mit dem eigenthümlichen Singsang, der in seiner Schauerlichkeit aus den Kranichen des Ibykus von Schiller herausklingt. Die Kraniche sind starkgefittigt und nehmen kein Gastrecht auf Schiffen in Anspruch. Ebenso die Pelikane, obgleich schwer von Gewicht. Sie formiren sich in der Luft zu einer mathematisch genauen Keilform mit scharfer Spitze und durchschneiden so die Luft, wie ein Pfeil. Von den Sümpfen des Nil aufsteigend und sich Morgens sammelnd, bieten sie in ihrer schneeweißen Farbe mit den rothen Pünktchen oben, von der Sonne beschienen, einen seltsam schönen Anblick.

Kleinere, schwächere Zugvögel, wie Motacilla Hispanica, eine Art Bachstelze, Lerchen u. s. w. kommen in Masse auf Schiffe. Ein schwedischer Capitain sah einmal eine ganze Wolke Bachstelzen gegen einen Gewittersturm kämpfen, um sein Schiff zu erreichen. Es wurde Nacht und das Gewitter furchtbar mit seinem Orkane. Am folgenden Morgen sah er das Meer mit Bachstelzen und Lerchen besäet. Blos eine Lerche und eine Motacille hatten das Schiff erreicht und fraßen sofort aus der Hand.

Der Sperling macht oft aus bloßer Neugier Besuche auf Schiffen. Auch liebt er menschliche Gesellschaft, die er in Afrika oft nicht findet. So kommt er oft von der Nordküste herüber, hüpft und flattert auf dem Deck herum, schnappt und stiehlt, was er kriegen kann, und macht sich beiläufig wieder fort, ohne nur Adieu zu sagen. Sicilien ist reich an Sperlingen und alten griechischen Tempelruinen. Reisende, welche Letztere besehen, werden oft von Sperlingen auf Schritt und Tritt verfolgt, als wollten sie auch Antiquitäten studiren oder horchen, was die Fremden dazu sagen.

Drosseln machen oft beinahe die ganze Seereise auf Schiffen, die zwischen den Cykladen und Griechenland laufen. Der Fettammer benutzt oft die Küstenschifffahrt Englands, um wohlfeil zu reisen. Manchmal bleiben kleine Heerden über 24 Stunden an Bord.

Das interessanteste Feld für das Studium der Zugvögel sind die Liparischen Inseln, ein Hauptabsteigequartier der Frühlings- und Herbstreisenden, darunter ganz seltene Zugvögel. Die vulcanischen Kegel und Spitzen dieser Inseln sind oft dicht belebt von mehreren Gesellschaften dieser beschwingten Karawanen. Auf diese können sie sich verlassen, da sie fest stehen und nicht, wie die Schiffe, blos den Glücklichen im Unglück Herberge bieten.

Dies ist ein flüchtiger Blick in eine interessante, noch wenig beachtete Sphäre der Natur und ihrer Lebensphänomene, der sich noch viel abgewinnen ließe. „Ueberall, wo man das Leben packt, ist’s interessant,“ und hier gewiß mehr, als in vielen andern Ausflüssen.