Textdaten
Autor: Friedrich Schiller
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Kraniche des Ibycus
Untertitel: Ballade.
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1798, S. 267 – 277
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1797 (Balladenjahr)
Erscheinungsdatum: 1798
Verlag: J. G. Cotta
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck.
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[267]
Die Kraniche des Ibycus.

Ballade.


     Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Corinthus Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibycus, der Götterfreund.

5
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,

Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert er, an leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.

     Schon winkt auf hohem Bergesrücken

10
Acrocorinth des Wandrers Blicken,

Und in Poseidons Fichtenhayn
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,

15
Die fernhin nach des Südens Wärme

In graulichtem Geschwader ziehn.

[268]

     Seid mir gegrüßt, befreundte Schaaren!
Die mir zur See Begleiter waren.
Zum guten Zeichen nehm ich euch,

20
Mein Loos, es ist dem euren gleich.

Von fernher kommen wir gezogen,
Und flehen um ein wirthlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!

25
     Und munter fördert er die Schritte,

Und sieht sich in des Waldes Mitte,
Da sperren, auf gedrangem Steg,
Zwey Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,

30
Doch bald ermattet sinkt die Hand,

Sie hat der Leyer zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

     Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter,

[269]
35
Wie weit er auch die Stimme schickt,

Nichts lebendes wird hier erblickt.
„So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,

40
Wo auch kein Rächer mir erscheint!“


     Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder,
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.

45
„Von euch, ihr Kraniche dort oben!

Wenn keine andre Stimme spricht,
Sey meines Mordes Klag’ erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.

     Der nakte Leichnam wird gefunden,

50
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,

Erkennt der Gastfreund in Corinth
Die Züge, die ihm theuer sind.

[270]

„Und muß ich so dich wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz

55
Des Sängers Schläfe zu umwinden,

Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“

     Und jammernd hörens alle Gäste,
Versammelt bey Neptunus Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,

60
Verloren hat ihn jedes Herz,

Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fodert seine Wut
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.

65
     Doch wo die Spur, die aus der Menge,

Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Thäter kenntlich macht?
Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?

70
Thats neidisch ein verborgner Feind?
[271]

Nur Helios vermags zu sagen,
Der alles Irrdische bescheint!

     Er geht vielleicht, mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,

75
Und während ihn die Rache sucht,

Genießt er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,

80
Die dort sich zum Theater drängt.


     Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeygeströmt von Fern und Nah,
Der Griechen Völker wartend da,

85
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen,

Von Menschen wimmelnd wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

[272]

     Wer zählt die Völker, nennt die Nahmen,

90
Die gastlich hier zusammen kamen?

Von Theseus Stadt, von Aulis Strand,
Von Phocis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie,

95
Und horchen von dem Schaugerüste

Des Chores grauser Melodie –

     Der streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemeßnem Schritte,
Hervortritt aus dem Hintergrund,

100
Umwandelnd des Theaters Rund.

So schreiten keine irrdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.

105
     Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,

Sie schwingen in entfleischten Händen

[273]

Der Fackel düsterrothe Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut.
Und wo die Haare lieblich flattern,

110
Um Menschenstirnen freundlich wehn,

Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

     Und schauerlich gedreht im Kreise,
Beginnen sie des Hymnus Weise,

115
Der durch das Herz zerreissend dringt,

Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungraubend, Herzbethörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,

120
Und duldet nicht der Leier Klang.


     Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.

[274]
125
Doch wehe wehe, wer verstohlen

Des Mordes schwere That vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

     Und glaubt er fliehend zu entspringen,

130
Geflügelt sind wir da, die Schlingen

Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
Daß er zu Boden fallen muß.
So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu,

135
Ihn fort und fort bis zu den Schatten,

Und geben ihn auch dort nicht frei.“

     So singend tanzen sie den Reigen,
Und Stille wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer,

140
Als ob die Gottheit nahe wär’.

Und feierlich, nach alter Sitte
Umwandelnd des Theaters Rund,

[275]

Mit langsam abgemeßnem Schritte,
Verschwinden sie im Hintergrund.

145
     Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet

Noch zweifelnd jede Brust und bebet,
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet

150
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,

Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

     Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:

155
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,

Die Kraniche des Ibycus!“ –
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin,

[276]

Sieht man, in schwärzlichtem Gewimmel,

160
Ein Kranichheer vorüberziehn.


     „Des Ibycus!“ Der theure Nahme
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und, wie im Meere Well auf Well,
So läufts von Mund zu Munde schnell.

165
„Des Ibycus, den wir beweinen,

Den eine Mörderhand erschlug!
Was ists mit dem? Was kann er meinen?
Was ists mit diesem Kranichzug?“ –

     Und lauter immer wird die Frage,

170
Und ahnend fliegts, mit Blitzesschlage,

Durch alle Herzen „Gebet acht!
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar.

175
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,

Und ihn, an den’s gerichtet war.“

[277]

     Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht’ ers im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund

180
Macht schnell die Schuldbewußten kund.

Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Scene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.

SCHILLER.


Download der Sprachversion dieses Artikels Dieser Quellentext existiert auch als Audiodatei, gesprochen von Popokatepetel. (Mehr Informationen zum Projekt Gesprochene Wikisource)

Datei speichern | Lizenz | 7:38 min (4,2 MB)