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Frauen auf akademischem Lehrstuhle der Mathematik

Textdaten
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Autor: Julius Loewenberg
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Titel: Frauen auf akademischem Lehrstuhle der Mathematik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 532
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Frauen als Professorinnen (14.–19. Jahrhundert)
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[532] Frauen auf akademischem Lehrstuhle der Mathematik. Vor einiger Zeit ging die Nachricht durch die Tagesblätter: Frau Dr. Sophie Kowalewski, Privatdocentin der Mathematik an der Universität Stockholm, sei seit Kurzem „die erste Frau auf akademischem Lehrstuhle“ – und daß nach den Behauptungen der Phrenologen „den Frauen in der Regel das Organ für dieses positive, trockene und schwierige Fach fast gänzlich abgehe“. – Das ist ein Irrthum, der von dem Stockholmer Blatte „Dagens Nyhuter“ ausging. Ohne dem Ruhme der gelehrten Dame im Geringsten nahe treten zu wollen, sei hier nur an eine mäßige, immerhin aber genügende Zahl von Frauen erinnert, die auf akademischem Lehrstuhle saßen, und solche, die ein ganz ausgezeichnetes Organ für das trockene Fach der Mathematik hatten und somit den oben bezeichneten Irrthum berichtigen.

Nach dem Wiederaufblühen der Wissenschaften in Italien finden wir Maria Agnesi, die sich in der Mathematik und Philosophie in hohem Grade ausgezeichnet hat. In ihrem fünfzehnten Jahre verstand sie Französisch, Spanisch, Deutsch, Griechisch, Hebräisch; in ihrem zwanzigsten Jahre vertheidigte sie an zweihundert philosophische Thesen zu allgemeiner Verwunderung und schrieb bald darauf ein mathematisches Werk, welches so viel Aufsehen erregte, daß Papst Benedikt XIV. ihr den Lehrstuhl der Mathematik an der Universität zu Bologna zuwies, wo sie geraume Zeit mit großem Beifall lehrte.

Fast noch berühmter ist ihre Landsmännin und Zeitgenossin Laura Bassi. Sie erhielt 1732 zu Bologna in aller Form die Würde eines Doktors der Philosophie, ward von demselben Papst Benedikt XIV. zum Professor der Physik ernannt und hielt Vorlesungen, die zahlreich besucht wurden. Ihre wissenschaftlichen Studien wurden dadurch nicht beeinträchtigt, daß sie als Gattin des Arztes Verrati einem großen Hauswesen vorstand; sie war die glückliche Mutter von zwölf Söhnen, deren Erziehung sie keinem Miethlinge anvertrauen mochte. – In Padua lehrte Helene Piscopia Philosophie und verfaßte mehrere mathematische und astronomische Werke. – Ebendaselbst las Novella d’Andrea über Kirchenrecht mit großem Beifalle. Nur ein Umstand mochte die Zuhörer weniger befriedigen. Da nämlich die Frau Professorin ebenso schön wie gelehrt war, so war ihr Lehrstuhl mit einem Vorhange versehen, damit die Zuhörer durch den Anblick ihrer Schönheit nicht zerstreut werden möchten.

Von Französinnen nennen wir zunächst die Marquise du Châtelet, Voltaire’s Freundin, die mit dem deutschen Philosophen Wolff in lebhaftem Briefwechsel stand. Sie machte zuerst Newton’s System in Frankreich bekannt, und ihre Abhandlung „Ueber die Natur des Feuers“ erhielt von der Akademie der Wissenschaften den Preis. Mademoiselle Sophie Germain korrespondirte Jahre lang unter dem Namen Leblanc mit dem größten deutschen Astronomen Gauß über mathematische Gegenstände, ohne daß diesem die geringste Ahnung beikam, daß sein gelehrter vermeintlicher Freund eine Dame sei. Mademoiselle Germain erhielt auch am 8. Januar 1816 den Preis, den die französische Akademie 1809 für die beste mathematische Theorie der Chladni’schen Flächenschwingungen ausgesetzt hatte, nachdem die Aufgabe zweimal wegen ungenügender Lösung von anderen Gelehrten erneuert worden war. Der Name der schönen Blume, die im Anfange unseres Jahrhunderts aus Japan und China bei uns eingeführt wurde, erinnert an die Astronomin Hortense Lepaut, deren wissen[s]chaftliche Verdienste französische Artigkeit dadurch ehrte, daß sie ihren Vornamen auf jene Blume übertrug. Sie war die treue Gehilfin der berühmten Astronomen Clairaut und Lalande bei den schwierigsten Rechnungen derselben.

Auch deutschen Frauen ist das Studium der Astronomie nicht fremd geblieben. Wie Frau Hevelke in Danzig ihren Gatten, so unterstützte Frau Eimmart in Nürnberg ihren Vater bei seinen astronomischen Arbeiten. Am berühmtesten ist indeß die Hannoveranerin Karoline Herschel. Sie war 31 Jahre alt, als sie 1781 ihrem Bruder Wilhelm, dem großen Astronomen, nach England folgte, um seine Mitarbeiterin zu werden, was sie 40 Jahre lang gewesen ist. Ihre Schriften sind Zeugnisse, mit welchem Eifer und Erfolg sie gearbeitet. Sie erwarb sich eine so genaue Kenntniß des Sternenhimmels, daß sie Flammstädt’s Atlas des gestirnten Himmels und den Sternkatalog nach eigenen Beobachtungen wesentlich vervollständigte. Sie entdeckte selbständig neue Kometen, unter ihnen auch den, welcher nach seinem Berechner der Enke’sche Komet heißt. Nach dem Tode des Bruders kehrte sie 1822 nach Hannover zurück. Hier war es, wo Alexander von Humboldt im Jahre 1846, als er selbst schon im 77. Altersjahre stand, die 96jährige Dame besuchte, die noch bei voller Lebenslust, nur darüber klagte, daß man aufgehört habe, sie astronomische Berechnungen machen zu lassen, da sie ohne Arbeit ungern ihre Pension beziehe. Erst zwei Jahre später, im Januar 1848, verschied sie im 98. Lebensjahre.

In neuerer Zeit, im Jahre 1847, haben zwei Frauen, Frau Rümcker in Hamburg und Mrs. Mary Mitchel in Nordamerika, gleichzeitig den 182. Kometen des Olbers’schen Verzeichnisses entdeckt. Aus unseren Tagen sei noch Signora Katharina Scarpellini erwähnt. Sie war Mitglied zahlreicher gelehrter Gesellschaften und Vorsteherin des Observatoriums der Sternwarte auf dem Kapitol in Rom.
J. Loewenberg.