Franz Wallner (Die Gartenlaube 1866/21)

Textdaten
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Autor: Franz Wallner
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Titel: Franz Wallner
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 336
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Franz Wallner auf Besuch in Rom
Blätter und Blüthen
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[336] Franz Wallner, der aus Gesundheitsrücksichten auf einige Monate nach Italien gereist ist, schildert in einem Privatbriefe an den Redacteur der Gartenlaube seinen Aufenthalt in Rom folgendermaßen:

In Italien sieht es sehr kriegerisch aus, überall auf allen Wegen und Eisenbahnen massenhafte Zuzüge von Soldaten aller Waffengattungen, und ich fürchte, Italien ist zu arm, um blos zum Schein zu rüsten, es wird zuschlagen müssen. Was soll ich Ihnen von den Merkwürdigkeiten dieses Wunderlandes, besonders denen Roms, erzählen, was Sie nicht schon tausend Mal gelesen hätten? Und doch reicht keine Phantasie, keine auch noch so gewandte Phantasie an die Wirklichkeit hinan. Wie sich eine Reise nach London uns bezahlt hat, wenn man nichts gesehen, als den Krystallpalast, so reicht es vollkommen aus, die Peterskirche und den Vatican gesehen zu haben, um Mühe und Kosten einer Reise nach Rom mit Wucherzinsen herein zu bringen. Man muß diese zwei Gebäude gesehen haben, welche mehr Werth und Schätze enthalten, als alle Kaiser-, Königs- und Fürstenpaläste von Europa zusammen, um den Weltruf Roms zu begreifen.

Eine Schilderung des Vaticans, die ein klares Bild desselben geben soll, ist eben so unmöglich, als die der Peterskirche. Eine solche Sammlung von Kunstwerken in Marmor und Farben existirt in der Welt nicht wieder. Alle die elenden Abgüsse in Gyps, die wir in den verschiedenen deutschen Museen anstaunen, sind hier in den unsterblichen marmornen Originalen ausgestellt, z. B. Apoll von Belvedere, die Gladiatoren, die verschiedensten „Venüsser“, die wunderbarste aller Gruppen, die des Laokoon, und Hundert und Hundert von anderen großartigen Meisterwerken. So kalt mich in der Regel alte Bilder lassen – selbst die hochgerühmten Loggien Raphael’s konnten mich nicht so entzücken, daß ich mir nicht einbilde, jetzige große Meister, z. B. Kaulbach, würden es ebenso, ja vielleicht besser machen – so sehr begeistert mich ein geniales Bildnerwerk. Und in welcher Umgebung, in welchen Prunkhallen, mit welch’ sinnig geläutertem Geschmack sind diese Schätze aufgestellt! Die prachtvollsten Marmorarbeiten, riesige Säulengänge, verschwenderische Vergoldung, unnachahmliche Mosaiken, meisterhafte Malereien, wohin das trunkene Auge blickt! Tritt hinaus auf den Altan des Palastes, und Du hast ein Bild vor Dir, wie es schöner kein Gedanke, keine Phantasie ersinnen kann. Die reichste Landschaft breitet sich im südlichsten Schmuck der üppigsten Vegetation vor Dir aus, eingeschlossen von der siebenhügligen unabsehbaren Weltstadt Roma mit ihren tausend Kuppeln, Thürmen und Palästen! Endlos, bewältigend! Zu Deinen Füßen der Petersplatz mit seinen kolossalen Fontainen, Figuren, Treppen, Säulengängen, ein Tempel, den zu bewohnen Gott selbst sich nicht zu schämen brauchte. Wie soll ich Ihnen den Dom selbst, dieses Wunder der Welt, schildern? Ich kann es nicht! Niemand kann es. Es ist, als ob alle Künstler der civilisirten Erde ihre besten Apostel ausgesandt hätten, um, sich erschöpfend, zur Ehre des Höchsten hier zusammen zu wirken. In der Regel läßt mich der katholische Kirchenprunk kalt, aber hier muß jeder Mensch, habe er eine Religion, welche er wolle, anbetend und anstaunend in die Kniee sinken. Was daran mehr zu bewundern ist, die unnennbar schönen Marmordenkmale der Päpste, die Glasmalereien, die Bilder, die Gold-und Silberschätze, die Bronzen, die Mosaikarbeiten, oder der überaus herrliche, säulengetragene, unnennbar schöne und großartige Kuppelbau, ich weiß es nicht! Eines nur weiß ich, daß es auf Erden nichts Schöneres giebt, nichts geben kann!

Und neben all dieser Pracht und Herrlichkeit das tiefste Elend, der grauenvollste Schmutz, die brutalste Bettelei. Die Bettler sind in Italien für den Fremden eine Plage, wie jedes andere Ungeziefer. Was nicht in der Carosse fährt, bettelt. Das Betteln ist in Italien nicht eine Nothwehr gegen den Hunger, die Dürftigkeit, gegen den Mangel, das Betteln ist hier ein Handwerk, und zwar das am meisten ausgebildete in Italien. Alle Kirchen, alle Kunstsammlungen, alle Zugänge zu den Merkwürdigkeiten den Wunderlandes sind mit zahllosen Schwärmen frecher und zudringlicher Bettler, vom Kindes- bis zum Greisenalter, umlagert. Du willst in Dein Zimmer flüchten, da kommt ein Priester im vollen Ornat und bettelt; Du verstehst seine Sprache nicht, er zieht ein Papier aus der Toga, worin Dir in gutem Deutsch mitgetheilt wird, daß die fromme Bruderschaft, zu welcher Dein Besuch gehört, nur von den Spenden guter Christen lebt. Warum? Können die Tagediebe nicht arbeiten? Das Alles wiederholt sich täglich, stündlich! Neben den monumentalen Prachtplätzen liegen Seitengäßchen, die in Inowraclaw wegen ihrer Unsauberkeit gemieden würden, wo die gewaschene, aber deshalb nicht saubere Wasche aus den niedrigen Fenstern den Vorübergehenden in’s Maul hängt; gleich nebenan fliegt der stolze Prachtwagen eines Kirchenfürsten durch die Straßen, welche Tausende von faullenzenden Mönchen aller Waffengattungen beleben.

Um meinen Brief mit einem heitern Bilde zu schließen, will ich Ihnen ein Volkstheater zu schildern suchen, dessen Bekanntschaft ich gestern machte. Als ich den deutschen Malern, unter welchen ich bummle, sagte, daß ich das Buonaventuratheater besuchen wolle, lachten sie mich aus und meinten, das sei eines der schlechtesten Theater Roms und nur von den untersten Volksclassen besucht. Das aber war es ja, was ich suchte, und so ging ich denn auf den Zwiebelmarkt, wo dieser Kunsttempel liegt, durchduftet von Millionen Exemplaren dieser nützlichen, aber nicht sehr wohlriechenden Frucht, die vor dem Hause in ungeheuren Haufen aufgestapelt liegt. Der Begehr nach einem Logenplatz zum Preise von acht Silbergroschen erregte ein solches Aufsehen, daß der Cassirer sich tief verbeugte und dem Billeteur zurief, den „Principe“ auf den Platz zu führen. Billets zu diesen zwei Logen des Hauses existiren nicht, natürlich, wann kommt wieder ein „Principe“, der einen Frank an diesen Kunstgenuß wendet! Das erste Parquet kostet einen, der erste Rang anderthalben Silbergroschen, und auf die Galerie bekommt man, wie ich vermuthe, noch ein paar Zwiebeln zu. Das Haus ist zwar winzig klein, aber mit Kunstschätzen nicht überladen. Statt auf Säulen, steht die Galerie auf einigen abgehobelten Holzstämmen, in primitivster Einfachheit von der Hand irgend eines Anstreicherlehrlings colorirt, der auch die Vordergardine gemalt zu haben scheint, die ein antikes Wettrennen vorstellt. Anfangs glaubte ich, die sich sträubenden Mähnen der Pferde wären Hörner von Ziegenböcken, bis ich entdeckte, daß es Schildereien edler Rosse vorstellen solle, welche unseren hölzernen Groschenpferdchen für Kinder täuschend ähnlich sahen. Eines der Pferde war gestürzt, sein Lenker ebenfalls, der Schimmel schlug verzweiflungsvoll die Vorderfüße über den Kopf zusammen; auch für den gefallenen Römerjüngling hatte der geniale Künstler eine unmögliche Stellung und Farbe erfunden. Die gemalten Römer, Kinder und Greise, hockten in Attitüden im Zuschauerraum, die einen ganz anderen Zweck verriethen, als die Absicht, das Schauspiel zu bewundern. Die volle Beleuchtung des Hauses bestand, wohlgezählt, im Zuschauerraum aus sechs, auf der Bühne aus vier Gasflammen. Das Orchester bildete ein Bombardon, eine Posaune, zwei Trompeten und zwei Clarinetten, welche abwechselnd, je nach Laune und Gefallen, pausirten und ein höllisches Concert vollführten.

Und dies Publicum! Es war, als ob alle Bettler von Europa ihre ausrangirten Kleider ein Jahr lang im Straßenkoth hätten liegen lassen, um sie dann an ihre Collegen in Rom zu verschenken. Ein Kerl, der sich mit ganz besonderem Gekreisch hervorthat, erregte mein maßloses Erstaunen, wie er es anfange, daß die Lumpen an seinem Leibe überhaupt zusammenhielten. Es war die zerfetzteste Gesellschaft, die ich seit meinem Uebergang über die Alpen gesehen, und der Italiener leistet in der Beziehung etwas. Ich übertriebe enorm, wenn ich behauptete, daß ein Lumpenhändler für alle Anzüge in dem überfüllten Hause sammt den Costümen der Künstler hundert Francs bieten würde. Und dieses Gejohle, dieses Geschrei, Gebrüll, dieses Kopfgekratze! Man fühlte ordentlich, wie die Bewohner dieser Köpfe termitenartig die Garnison wechselten. Ein Schauspieler, wie ich später sah, der erste Komiker, öffnete vor Beginn der Vorstellung die Seite der Gardine und streckte, mit einer grünlichen Fratze, dem verehrten Publicum die Zunge endlos lang entgegen. Hurrah! Wie brüllend wurde dieser köstliche Witz belacht! Helmerding, Reusche und Kalisch haben nie eine solche Wirkung hervorgebracht! Nun ging der Vorhang in die Höhe! Ich sah ein Zimmer, welches ein Stück Meer als Rückwand an der Thür lehnen hatte, ich sah ein altes. zahnloses Weib als jugendliche Liebhaberin, einen schmierigen Bengel als Liebhaber mit handschuhlosen, zwei Schuh breiten Branken, einen schmutzigen Pierrot als Komiker agiren, ich sah, wie der Souffleur zu seiner Bequemlichkeit den Kasten bei Seite stellte, sich auf’s Loch des Souffleurkastens setzte, den Künstlern das Stück ganz laut vorlas, die es wieder nachbrüllten, – da hatte ich genug. Ich ging nach Hause und mein Tagewerk war vollendet!