Fragmente aus Italien

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Autor: Moritz Hartmann
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Titel: Fragmente aus Italien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48-49, S. 704–707, 723-724
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[704]
Fragmente aus Italien.
Von Moritz Hartmann.
I. Aus Turin.
Der Patriotismus in Sardinien. – Ein König im Schlapphute. – Gespräch zwischen Victor Emanuel und Napoleon III. – Graf Cavour. – Italienische Größen. – Allgemeines Behagen. – Der Ueberfluß an Monumenten. – Demonstration gegen Oesterreich.

Es ist erstaunlich, wie sehr sich der politische Gedanke, die Freiheit, so weit sie der jetzigen Welt zu genügen scheint, in diesen letzten zehn Jahren auf sardinischem Boden eingebürgert. Ich würde sie unerschütterlich glauben, wenn ich nicht ein republikanisches Mißtrauen für geboten hielte, allen Institutionen gegenüber, die nicht so viele Wurzeln haben, als es in einem Lande Herzen gibt, ja, die nicht, wie der Baum unter der Gartenmauer hindurch, ihre Wurzeln auf nachbarliches Gebiet erstrecken. Es ist nicht zu leugnen, daß die ungeheure Majorität der Nation mit dem jetzigen Zustande der Dinge höchst zufrieden, ja beglückt ist. Anfangs hat sich ein Theil des Adels dem modernen und liberalen Stande der Dinge widersetzlich gezeigt; da es aber zum großen Theil Hofadel ist, der vom Absolutismus gehörig entwürdigt worden, streckte er die Waffen, sobald er sah, daß sein Herr und König mit Ernst [705] und aufrichtig auf die Sache einging. Der Klerus allein ist noch unzufrieden, wühlt, schürt und intriguirt und wird weder durch die nationale Idee, noch durch das Aufblühen des engeren Vaterlandes von seiner Feindseligkeit bekehrt; ihm allein gehören die Organe, die gegen die Regierung und Volksvertretung eine ernstliche Opposition machen; — aber König, Deputirte, Senatoren, Minister und Beamte sind excommunicirt und die Staatsmaschine fungirt vortrefflich. Vor diesem Decennium hätte man das für eine baare Unmöglichkeit gehalten; für eine baare Unmöglichkeit, daß ein Carignan, der in seiner Familie einen Papst und etwelche Heilige zählt, sich überhaupt excommuniciren lassen, und für eine noch größere Unmöglichkeit, daß die piemontesische Nation dieses Unglück so kaltblütig ertragen könne. Ach, unsere deutschen Kaiser, die armen Heinriche und Friedriche, hatten es nicht so gut; aber die Zeiten ändern sich. Selbst im Klerus gab es Mitglieder, die die neue Epoche mit patriotischer Freude begrüßten und sich den liberalen Ideen aufrichtig anschlossen; daß dies heute weniger der Fall ist, als vor einigen Jahren, daran trägt die Regierung, die in diesen Dingen noch wenig Erfahrung hatte, selber die Schuld. Diese liberalen Geistlichen wurden von ihren Collegen und Bischöfen geplagt und angefeindet, und die Regierung hat sie im Stiche gelassen, anstatt sich ihrer anzunehmen und andere zur Nachfolge aufzumuntern. Dennoch gibt es noch solche, die im Geheimen das Vaterland der Kirche vorziehen, und es darf nur einige Zeit über die Ungeschicklichkeit der Regierung hingehen, und der Liberalismus wird sich vorzugsweise in der niedern Geistlichkeit manifestiren. Habe ich doch selbst schon solche kennen gelernt, die trotz der Besetzung der Legationen mit denen, die sie besetzten, und mit der Regierung des excommunicirten Königs sympathisiren. Gioberti's Bücher haben Früchte getragen, wenn auch nicht ganz solche, wie er selbst zu cultiviren glaubte.

Der König ist populär, sehr populär, wie er es seinem ganzen Wesen nach sein muß. Seine kühle Phantasie hat ihn dem Klerus gegenüber vor jenen Schwankungen bewahrt, welche seinen phantasievolleren Vater, der sich im eigentlichen Sinne des Wortes die Hölle heiß machen ließ, in die Gewalt von Gauklern, Betrügern und Mystikern lieferten und ihn so unglücklich machten. Mit weniger Romantismus im Hirne wurde er, was Karl Albert nur sein wollte, la spada d'ltalia, das Schwert Italiens. Man ist ihm dankbar für diese seine Kühle dem Schrecken der Religion gegenüber und für die Tapferkeit, mit der er leiblicheren Feinden entgegengeht. Dazu kommt sein großes Verdienst, sich in Regierungsgeschäfte so wenig als möglich zu mischen, d. i. ein guter konstitutioneller König zu sein, und das Vertrauen, das man allgemein in seinen Willen setzt, es immer zu bleiben. Er liebt die Jagd, die Pferde und die Weiber. Mit der Büchse auf der Schulter das Land durchstreifend, ein Stück Brod, eine Zwiebel, eine Flasche Wein in der Tasche und eine Cigarre im Munde, ist er am glücklichsten. Auf diesen Jagdstreifereien kehrt er in Bauernhütten ein, setzt sich, gekannt oder ungekannt, an den Tisch und ißt mit und wirft sich, wenn er müde ist, auf den harten Boden und schläft vortrefflich. Er hat nicht nur keine Scheu vor der Berührung mit dem Volke, er sucht es auf und fühlt sich wohl dabei. Man sagt, daß er mit einer seiner Geliebten, einer tüchtigen Tambourmajorstochter, heimlich vermählt sei. Als echter Turinese liebt er den Spaziergang unter den Arcaden der Piazza di Castello und der Via del Po. Da sieht man ihn oft mit einem Schlapphute auf dem Kopfe, der ihn der österreichischen Polizei verdächtig machen würde, mit dem Mantel auf einer Schulter, in nichts weniger als eleganter bürgerlicher Tracht, die Cigarre unausgesetzt im Munde, unter dem großen, gewaltigen Schnurrbart, dessen natürliche Grenzen er ausgedehnt, indem er noch ein Stück des Backenbartes dazu nahm. Wer ihn da sieht, der muß sich sagen: da geht, was die Franzosen un gros bonhomme und die Engländer a good fellow nennen. Aber blos gut und was man gewöhnlich mit diesem Lobe zu verbinden pflegt, ist er nicht. Die ihn näher kennen, sagen ihm ein gut Theil gesunden Menschenverstandes nach und nebenbei einen gewissen instinctiven Scharfsinn, der ihn die Stimmungen der Zeit, sowie die Charaktere, die ihn umgeben, rasch erkennen läßt. Auch jene Unthätigkeit hört auf, wo in der Politik seine Person und seine liebsten Ueberzeugungen in's Spiel kommen. Doch am besten wird ihn eine historische Anekdote zeichnen, wie er sie einem Freunde selbst erzählte.

Nach dem Frieden zu Villafranca kam der Kaiser der Franzosen zu ihm und sagte: „Ich habe Frieden geschlossen."

„Frieden geschlossen? Nicht Sie haben Frieden zu schließen, sondern ich, dem der Krieg erklärt worden. Ich habe nicht Frieden geschlossen, ich setze den Krieg fort."

Der Kaiser gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er es dann mit zwei mächtigen Feinden zu thun hätte.

„Ich war schon genugsam außer mir; nun stieg mir das Blut zu Kopfe; ich war wie verrückt und — setzte er lachend hinzu — sagte: „Der Kaiser von Oesterreich ist jung; ich schicke ihm eine Herausforderung; er wird sie annehmen, und wir werden die Sache

unter uns abmachen." Darauf nahm ihn Louis Napoleon am Arme und sagte: „Vous n'étes bon qu'a faire des romans.“ (Sie können nichts als Romane spielen.)

Als ihm der Kaiser später von der italienischen Conföderation sprach, rief er aus: „Ich mit einem Oesterreicher in derselben Conföderation? Niemals!"

Worauf der Kaiser wieder: „Sie sind italienischer als alle Italiener!"

Diese Anekdoten sind authentisch und bezeichnend. Am Regieren hängt sein Herz so wenig, daß er immer zum Abdanken bereit ist, wenn es irgend wie nothwendig oder nützlich. Zu wiederholten Malen, wenn sich Cavour seinen tollkühnen Vorschlägen im Ministerrathe widersetzte, sagte er begütigend: „Was liegt Ihnen daran, lieber Cavour? Wenn die Sache nicht geht, werde ich Monsieur de Savoye und Sie bleiben der Gras Cavour."

Diejenigen, die Victor Emanuel hassen, weil er der Vorkämpfer der italienischen Freiheit, überhaupt einer Freiheit ist, wissen nicht, was sie thun, und wissen nicht, was sie ihm zu danken haben. Er hat die Republik getödtet oder wenigstens aufgeschoben; er hat eine bei weitem gewaltsamere und tiefer gehende Bewegung, als die jetzige ist, die ein Beispiel für Europa gewesen wäre und Nachahmung gefunden hätte, vereitelt. An keinen anderen König hätte sich Manin, hätten sich die Garibaldisten und Mazzinisten so aufrichtig angeschlossen; für keinen hätten sie ihre politischen Ideen den nationalen so bereitwillig untergeordnet. Des klugen Mazzini seit dreißig Jahren ausgestreute Saaten hat der einfache Victor Emanuel geerntet und auf die Felder, die jener gepflügt und aufgewühlt, hat dieser neuen Samen gestreut. Ich weiß nicht, ob dies ein Glück für die ganze Zukunft Italiens zu nennen ist; ich spreche kein Urtheil aus, ich referire nur.

Nach dem König, und in einem beschränkten Sinne nach Garibaldi der populärste Mann Sardiniens ist Cavour, doch ist er mehr im Publicum verehrt und bewundert, als in den betreffenden Kreisen, mit denen er in amtlicher Thätigkeit persönlich in Berührung kommt. Er ist eigenmächtig und läßt seine Ueberlegenheit fühlen. Dies Letztere ist es, was auch den König von ihm entfernt, der ihn nicht sehr liebt und der nicht betrübt ist, wenn ihn die politische Constellation, wie im gegenwärtigen Momente, auf einige Zeit aus dem Rathe entfernt. Cavour stammt aus alter Familie, ist im Grunde sehr aristokratisch gesinnt, scheut die Berührung mit dem Volke und hat wenig Sympathie mit Bewegungen, welche tiefere Schichten aufregen und heben. Aber er ist ehrgeizig, klug und thatenlustig und er hat seine Zeit erkannt. Er weiß, daß er seine politischen Pläne nicht mit der bedeutungslos gewordenen Aristokratie durchsetzen kann, und so hat er sich der populären Idee und den Ideen der Epoche angeschlossen. Das Volk rechnet nicht mit ihm und sieht nur seine Thaten, den Eifer, mit dem er seit Jahren arbeitet, die Folgen dieser Arbeit und das günstige Gesicht, das er als Minister und Deputirter zu allen liberalen Gesetzen und Institutionen zeigt. Neben Victor Emanuels Portrait sieht man überall das seinige. Dieses Gesicht aber deutet nicht im Geringsten aus einen Aristokraten. Cavour sieht aus wie der Sohn kleinbürgerlicher Eltern, der es zu etwas gebracht hat, und seine klugen Augen scheinen die Mittel anzugeben, mit denen man es von Nichts zu Etwas bringt. Selbst diese Augen blicken nur proletarisch klug. Er hat Aehnlichkeit mit Proudhon. Auf der breiten und gewölbten Stirne steht in großen Letter» die Inschrift: Zweckmäßigkeit. Aber er ist ein Patriot; ob mehr ein italienischer oder mehr ein sardinischer, will ich um so weniger entscheiden, als dies im Moment gleichgültig ist und der echte sardinische Patriotismus dem italienischen zu Gute kommt. Auch zerbrechen sich die Italiener nicht den Kopf darüber und verehren ihn aufrichtig. Jedes Kind kennt Cavour und Jedermann beschwört es, daß Cavour durchsetze, was überhaupt durchzusetzen ist. Dieses [706] Vertrauen in die Majorität seiner Leiter ist eine der Stärken der jetzigen italienischen Geschichte und ist eine der neuen Erscheinungen, die in Italien doppelt überraschen. Zu diesen gehört auch der praktische Bon sens, der, wie sich Victor Emanuel schon nach dem Frieden von Villafranca ausdrückte, gegenwärtig durch ganz Italien weht.

Auch Ratazzi, d’Azeglio und die meisten der Männer, die in den letzten zehn Jahren das Land zu regieren oder zu vertreten berufen waren und in nächster Zukunft berufen sind, erfreuen sich trotz mancher Verschiedenheit der Ansichten, trotz der vielfachen Verschiedenheit in Geistes- und Charakteranlagen eines großen Vertrauens, weil man ihres guten Willens, ihrer Vaterlandsliebe sicher ist. So Ratazzi trotz seiner französischen Centralisationsideen, die dem italienischen Charakter und seiner historischen Entwickelung so wenig angemessen sind. Mit aller Gemüthsruhe sieht man die unumschränkte Gewalt, die man im Drange der Umstände der Regierung einräumte, in seiner Hand vereinigt und sieht den vielen und wichtigen Reform gesehen entgegen, die aus seinen und der anderen Minister Cabineten hervorgehen sollen. Lamarmora ist am wenigsten beliebt, da er als schroffer und absolutistischer Charakter bekannt ist, dessen veraltete Ideen etwas verrostet sind; aber man weiß, daß er nach bestem Wissen handelt. Massimo d'Azeglio mit seinem Künstlergemüthe war dem Volke immer sympathisch. Was ihm in der Meinung anderer Nationen geschadet hätte, brachte ihn im Gegentheil in Italien dem Volke näher. Der Künstler ist dem Italiener nicht der ungewöhnliche Mensch, über den man lächelt oder auch, sobald es sich um Praktisches handelt, die Achsel zuckt, sondern der normale Mensch. Azeglio’ hat in seiner Jugend ein Libretto geschrieben, dann dieses Libretto in Musik gesetzt, dann die Decorationen dazu gemalt. Dann hat er seine Oper mit den Sängern einstudirt, dann saß er im Orchester und spielte die erste Violine; im gegebenen Moment ging er auf die Bühne und sang die Tenorpartie. Diese Geschichte, die Jedermann kennt, würde hinreichen, ihm das Wohlwollen Aller zu sichern, wenn er auch nicht außerdem für sein Vaterland gelitten und gearbeitet hätte, und wenn man auch nicht wüßte, daß er mit feinem liebenswürdigen Wesen so Manches zu Hause und in der Fremde zum Nutzen des Staates durchsetzt, was Andere mit aller Politik und Diplomatie nicht zu erreichen im Stande sind.

Zu der Zufriedenheit mit den Leitern, König, Staatsmännern und Volksvertretern, kommt noch jene gewisse Selbstzufriedenheit, die man in allen kleineren freien Staaten, wie in Belgien, Dänemark etc. findet und die in Sardinien um so größer ist ihrer Neuheit wegen und als in einem Staate, der es fühlt, daß er an der Schwelle des Berufes angekommen, für den ihn seine ganze Geschichte vorbereitete und bestimmte, und als dieser Beruf bereits angefangen hat, eine Wahrheit zu werden. In Folge dieser allgemeinen Zufriedenheit mit sich selbst herrscht hier, trotz der bewegten Zeiten und der Schleier, die die Zukunft verhüllen, ein Behagen, wie man es unter solchen Umständen aus der Ferne für unmöglich halten würde. Trotz aller Opfer an Geld, Kraft und selbst Menschenleben, die der Krieg gekostet und die die Vorsicht auferlegt, lebt man so sicher in den Tag hinein, als ob man bei Zukunft und Weltgeschichte assecurirt wäre. Man empfängt den Eindruck, daß Piemont heut auf dem Schlachtfelde geschlagen und von der ganzen Diplomatie verlassen werden könnte und daß es trotzdem kein Jota aus dem Programme seiner Zukunft streichen würde; daß seine so wie Italiens Aufgabe feststehe, wie eine absolute Idee, an der keine Aeußerlichkeit, keine Zufälligkeit etwas ändern könne.

Aber Rom wurde nicht in einem Tage gebaut. Zu einem solchen Gemüthszustande gelangt ein Staat nicht in der kurzen Zeit zwischen Palestro und Villafranca, auch nicht während eines Ministeriums Cavour. Wir wollen uns nicht in die Geschichte vertiefen uns nachweisen, wie das Haus Savoyen, als es, durch den kleinen Stein des Anstoßes, die Republik Genf, gezwungen, seine Ausdehnungsgelüste dem Norden zu aufzugeben, von dem Moment an, wie es sich am Fuße der Alpen ansiedelte, nun dem Süden in Italien zustrebte; wie später seine Herzoge und Könige, die in den meisten Kriegen zwei und drei verschiedene Allianzen schlossen und mit derselben Treue österreichische, spanische, französische Farben trugen, und zwar als geistreiche, energische Spitzbuben, aber doch als Spitzbuben erscheinen, in den heimischen Geschichtsbüchern aber, in den heimischen Anschauungen, Traditionen, Sagen, Liedern als Nationalhelden auftreten; auch nicht in die Archioc wollen wir uns vertiefen, obwohl die Turiner Archive so verlockend schön geordnet sind, daß man daselbst alt werden könnte, wie ein Pergament, obwohl man da höchst interessante, auf die consequente piemontesische Politik deutende Actenstücke findet, wie z. B. jenen noch ganz unbekannten, von oder unter Victor Emanuel dem Ersten aufgesetzten, aus neunzehn Artikeln bestehenden Plan zur Vereinigung des ganzen Italiens, ein Plan, der so geistvoll, so bedeutend, so voll politischer Voraussicht ist, wie das Testament Peters des Großen. Wir wollen es nicht mit Pergamenten und Papieren zu thun haben; wir studiren eine Stadt und ihre Geschichte auch nicht aus Fremdenführern, sondern in ihren Straßen.

Was uns zuerst auffällt, ist die für die Größe der Stadt verhältnißmäßig außerordentlich große Anzahl von Monumenten. So ein kleiner Staat, der erst etwas werden will, muß es sich, um den gehörigen Muth zu seiner Laufbahn zu haben, erst klar machen und sich fortwährend daran erinnern, daß er Kräfte hervorbringe, die ihn zu einer Zukunft befähigen, und wenn sein Programm dahin geht, eine zerrissene Nation zu einigen, muß er zeigen, daß er im Gedanken den Zeiten vorgreift, daß wenigstens der Gedanke der Einheit schon bestehe. Alle Männer Italiens sind schon Sardiniens Männer, alle seine Provinzen hat es schon im Geiste erobert. Dagegen kann kein Gesandter, keine diplomatische Note etwas sagen. Sehen wir uns unter den Monumenten um. Da ist auf der Piazza San Carlo das älteste und schönste Monument des neuen Turin, die berühmte Reiterstatue Emanuel Philiberts von Marochetti. Wir wollen den kräftigen Streiter, das eben so schöne Pferd, die originelle Bewegung, die Lebensfülle des Ganzen nicht beschreiben, wir machen nur darauf aufmerksam als auf das Denkmal des Mannes, den man als einen nationalen Helden betrachtet, weil er die Vergrößerungspolitik Savoyens am energischsten und zugleich sehr klug durchführte; man vergißt gern, daß diese Politik zur Zeit noch eine persönliche, eine Hauspolitik gewesen. Nach Emanuel Philibert eine große Lücke der Zeit nach, denn mit einem Male stehen wir in den neuesten Zeiten und staunen, wie rasch diese große Anzahl von Monumenten aus dem Boden gewachsen sein müsse. Auf der Promenade begegnen wir dreien auf einmal. Da sitzt zuerst der Denker Balbo, der den italienischen Gedanken nie aus den Augen verloren und der katholisch war, weil Italien einmal katholisch ist; unweit vom Grafen Balbo steht das populäre Element in der Armee personificirt in der Statue des Generals Bava, der von der Pike auf gedient und sein Vaterland liebt, und gleich neben diesem der revolutionaire General, der Verschwörer und Flüchtling, der Neapolitaner Guilielmo Pepe, und zwar in dem Momente dargestellt, wo er den Befehl seines Königs, der ihm die Rückkehr gebietet, zerreißt und den Po überschreitet, um dem revolutionairen Venedig mit neapolitanischen Truppen zu Hülse zu eilen. Ist wo anders in der Welt von einem Könige einem General ein Denkmal errichtet worden, weil er den Befehl seines Königs zerrissen? Die Ursache ist, daß alle italienischen Generale, die ihren particularen Fürsten nicht gehorchen, sardinische, italienische Generale sind. Vor dem Palast Carignan selbst erhebt sich das Denkmal Vincenzo Gioberti’s und zwar in bürgerlicher Tracht, jedes Attributes baar, das an den Geistlichen, also an Rom erinnern könnte. Gioberti hat die Einheit Italiens gepredigt, wenn auch durch Irrthum eine Zeit lang das Primat Roms; und er war ein Bürger Piemonts, selbst wenn er nicht in Turin das Licht des Tages und in der Verbannung den zukünftigen Tag Italiens erblickt hätte.

Vor dem königlichen Schlosse, immer vor den Augen des Königs, steht jener simple Soldat mit gezogenem Degen und mit entrollter Fahne, welchen Mailand noch im Jahre 1856 als eine Huldigung für die sardinische Armee, die bei Novara geschlagen wurde, hinstellen ließ. Also überall in den Straßen geistige Besitzergreifung Italiens, Neapels, Roms, des lombardisch-venetianischen Königreichs, überall Herausforderungen der Machthaber in diesen Ländern, die als unberechtigt betrachtet werden, weil sie nur Particularisten und Separatisten sind. Ihr Rathhaus schmückt die Stadt mit der Statue Karl Alberts, dem man so viel vergibt und vergißt, weil er zuerst offen das Schwert für die populäre Idee gezogen, und unweit von ihm steht Prinz Eugen, der edle Ritter, um daran zu erinnern, wie viele Rettungen der Erbfeind Oesterreich einem Sohne dieses königlichen Hauses zu danken habe, zugleich daran, daß dieser Prinz Turin befreit hat. Selbst der früh verstorbene Herzog von Genua steht da, weil er sich gegen Oesterreich geschlagen und weil er ein Sohn Karl Alberts ist. So sind alle diese und andere Monumente nur gewaltige Lettern, die immer und [707] immer wieder von der einen und einheitlichen Idee predigen. Viele von diesen rühren von Vela, dem Bildhauer des Tages her, der ein merkwürdiges Gemisch der Anfänge aus dem fünfzehnten Jahrhundert, aus der Zeit Donatellos und des crassesten Realismus in seinem Talente vereinigt. Er war früher Professor in Mailand. Die Akademie der Breca ernannte ihn zu ihrem Mitglieds; eine hohe, durch die Tradition geheiligte Ehre, nach der jeder italienische Künstler strebt. Aber Bela erfuhr, daß in derselben Sitzung auch Radetzky und Strassoldo zu Mitgliedern der Akademie ernannt worden, und er schickte der Breca das Diplom zurück, mit dem Bedeuten, daß er solche Collegen nicht haben wolle. Darauf wurde ihm angezeigt, daß er binnen wenigen Tagen Mailand zu verlassen habe. Nun aber ist es nicht so leicht, sich mit zehn bis zwölf Marmorblöcken in die Diligence zu setzen; Bela vertheilte sie an seine Freunde und ging nach Turin, wohin sich Alles flüchtete, was solche und ähnliche Diplome nicht erstrebte, und schuf daselbst die zahlreichen nationalen Monumente und andere mehr oder weniger schöne Kunstwerke.

Solcher kleiner Geschichten könnte man aus der modernen Zeit Italiens Hunderte und Tausende erzählen. Sie würden alle beweisen, wie die Einheitsidee in Allen lebte, die irgendwie Bildung, Intelligenz, Talent besaßen. Wir wollen uns dabei nicht aufhalten; das Lager Garibaldis, das man so gern als ein Nest von Räubern darstellt, spricht laut genug, und es bedarf neben diesem keines andern Beweises, daß die beste und edelste Kraft Italiens in den Kampf zog. In seinem Pioniercorps, das anfangs nur aus hundert Mann bestand, befanden sich damals nicht weniger als einundsiebzig Ingenieurs, die Aemter und Arbeiten verließen, um dem Vaterlande zu dienen. In den andern Corps wimmelte es von Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern jeder Art, die als gemeine Soldaten dienten, unter diesen auch die beiden hoffnungsvollsten jungen Maler des jetzigen Italiens.

[723] Was aus den Marmor- und Erzlettern der Denkmäler, könnte man auch von den Leinwänden der Maler der letzten Decennien ablesen. Da sind meist Allegorien, die das gegenwärtige Elend oder die schöne Zukunft Italiens ausdrücken, oder historische Gegenstände, welche Großthaten alter Zeiten, meist aus den Freiheitskämpfen der lombardischen Städte gegen die Kaiser, darstellen. Man wollte lehren, aufmuntern, durch das Beispiel der Väter entzünden. Man meißelte, malte, schrieb Tendenz. Carlo Alberto bezahlte diese Bilder aufs Königlichste, weit über seine Kräfte, und machte Bestellungen in allen Ateliers zwischen Alpen und Charybde; das königliche Schloß in Turin ist eine Gallerie, eine illustrirte Leidensgeschichte Italiens geworden.

Und erst die Literatur! Wollten wir auf die Tendenzliteratur eingehen, die immer in Italien existirt und deren neueste Epoche wenigstens bis auf Alfieri zurückleitet, wir würden nicht fertig, wir müßten Bände darüber schreiben. Und sie hat Herrliches hervorgebracht, Leidenschaftliches, Tragisches, höllisches Gelächter, tief in die Seele einschneidende Satiren. Wir nennen nur Giusti, Giuseppe Giusti, den tieferen Beranger Italiens.

Und der arme Goffredo Mamelli, der in Rom gefallen ist, kaum zweiundzwanzig Jahr alt, der Dichter des Jahres 1848!

Es ist doch hübsch, daß zu allen Freiheitsbewegungen der modernen Zeit die Poesie ihr Contingent gestellt hat. Polen hat seinen Mickiewitz; in Ungarn fiel Alexander Petöfi auf dem Schlachtfelde; Frankreich hat Lachambaudie und Victor Hugo; Deutschland Freiligrath, Kinkel, Ludwig Pfau. Italien hat von Silvio bis auf Mamelli eine ganze Schaar Verbannter, Eingekerkerter, Gefallener.

Es ist Zeit, daß man wieder anfange italienisch zu lernen.

Doch wir wollen uns in dieser vom Blute der Schlachtfelder rauchenden, politisch-diplomatischen Zeit nicht bei Kunst und Literatur aufhalten; nur auf einen Augenblick wollen wir, da wir einmal von Monumenten gesprochen, in die Kapelle treten, die sich hinter dein Hochaltar in der Kathedrale findet, in die man auch vom Schlosse aus gelangen kann und die die Monumente enthält, welche Carlo Alberto mehrern seiner Vorfahren errichten ließ. Diese Kapelle ist ein Kleinod und es soll Niemand daran vorübergehen, dem daran liegt, einen in allen Phasen wohlthätigen, durch und durch ästhetischen Eindruck zu empfangen. Diese Kapelle ist eine schöne, von einer kunstvollen Kuppel überdeckte Rotunde. Sie ist ganz mit schwarzem Marmor ausgelegt, von schwarzen, monolithen Säulen getragen und von oben durch ein dämmriges Licht beleuchtet. Von diesem schwarzen Grunde heben sich prächtig, doch einfach und trotz der combinirten Composition anspruchslos die weißen Marmormonumente ab, die erhöhten Hauptgestalten mit den entsprechenden symbolischen oder allegorischen Figuren. Die Arbeit ist vortrefflich, die Gruppirung höchst geschmackvoll und künstlerisch. Man sieht hier die besten Speciminia der modernen italienischen Sculptur und man fängt zu glauben an, daß diese, wie die Kunst überhaupt, hier eine schöne Zukunft haben. Rührend neben diesen prächtigen, gestaltenvollen Königsmalen nimmt sich das Monument der letztverstorbenen Königin Adelaide aus. Es sieht aus, als wollte es gar nicht ein Monument darstellen, als wäre die Person, die es darstellt, für dergleichen zu bescheiden gewesen und als hätten die Leidtragenden und der Künstler diese Bescheidenheit geschont. Königin Adelaide sitzt im einfachen Kleide, alles Schmuckes baar, wie sie zu Hause unter ihren Kindern gesessen haben mag, eine rührend häusliche und schöne Erscheinung. Nur die große Unterlippe erinnert, daß sie eine Habsburgerin gewesen. Die böse Lippe hatte ihr viel zu schaffen gemacht. Sie war vom Volke von Turin sehr geliebt und sie´ hatte das Bedürfniß geliebt zu sein, denn sie war gut. Aber sie hatte hier die Jahre 1848 und 49 durchzumachen, die Zeit, in der man sich gegen ihre Familie schlug und jede Erinnerung an den Feind das Volk außer sich brachte. Wenn sie nun im Publicum erschien, biß sie sich auf die große Unterlippe und suchte sie so viel als möglich zu verbergen. Man bemerkte das und war ihr für diese erfolglose Bemühung doppelt dankbar und zugethan. Auch benahm sich das Volk während der ganzen Zeit ihr gegenüber mit dem höchsten Zartgefühl. Bei öffentlichen Aufzügen oder Demonstrationen, die in Folge einer Revolution in der Lombardei oder eines Sieges über die Oesterreicher statt fanden, vermied man Gassen und Plätze, die sie von ihren Fenstern aus sehen konnte; in den Theatern wurde jede politische Kundgebung, die ihr Familiengefühl verletzen konnte, unterdrückt, sobald sie in ihrer Loge erschien, und durch Applaus ersetzt, der ihrer Person galt. Als sie starb, war die Trauer herzlich und allgemein, und das stille und anspruchslose Denkmal der Habsburgerin in dem kleinen Pantheon wird vom Volke mit größerer Andacht und Theilnahme betrachtet, als alle die prächtigen Monumente der Savoyarden.

Wir wollen also nicht von Kunst sprechen. Wie schade! In Italien, in Turin, das eine so herrliche und so unbekannte Gallerie besitzt und in dieser Gallerie den Papst Paul von Titian mit der berühmten Hand, der allein so viel werth, ist, wie manche andere Gallerie, und die Veroneses, die Rembrandts, die Dürers, die Wouvermans etc.! Vorbei! vorbei!

Wir sind in den Straßen!

Da ist das Haus Alfieri’s – ganz nahe dabei das Haus, in welchem J. J. Rousseau als Kammerdiener das Band geflochten und die That einem armen Stubenmädchen in die Schübe schob und katholisch wurde – einige Schritte weiter und wir sind auf dem Weinmarkt – an einer Straßenecke. Sie ist bedeckt von Theaterzetteln, die einander mit großen Lettern und bunten Farben zu überschreien suchen. Natürlich, die Concurrenz ist groß. Die Stadt Turin mit ihren 50000 Einwohnern hat 18, sage achtzehn Theater, darunter vier große, das königliche Theater, das Nationaltheater, das große Theater, das teatro Carignan, mehrere ziemlich große, die meist die Namen berühmter Leute tragen, wie Alfieri, Rossini, Scribe, Nota, viele kleine, wie (Serbino, Martiniano, Gianduja etc. Letzteres ist eigentlich ein Marionettentheater, gehört aber mit zu den populärsten und beliebtesten. Gianduja ist der Name einer Volksfigur, die den Turiner personificirt, der Turiner Hampelmann, wie der Meneghin der Mailänder Hampelmann ist. Letzterer ist jetzt in Turin ziemlich heimisch geworden, und da man sich mit Mailand eins fühlt, wird er aus jede Weise und bei jeder Gelegenheit, oft sehr gewaltsam, angebracht. So weiß ihn das Theater Gerbino oft in französischen Rührstücken und Melodramen auftreten zu lassen und vergißt es nie, aus dem Zettel anzukündigen „con Meneghino“. Der Meneghin spricht mailändisch, wie Gianduja piemontesisch spricht, so daß ich Ihnen von den Witzen, die das Publicum so sehr lachen machen, nichts zu erzählen weiß. Gerbino, Alfieri etc. geben auch sehr ernste, oft sehr schauderhafte Stücke, die meist aus dem Französischen übersetzt sind, eben so wie die kleinen Possen, mit denen die Vorstellungen eingeleitet werden; doch erscheinen beide, Melodram und Posse, von italienischen Schauspielern aufgeführt, ganz verändert. Das Melodram wird pathetischer, das französische Bandeville, selbst das feinere Proverbe wird una brillantissima farsa. Aber wie sehr diese Schauspieler, nach unsern Begriffen, übertreiben, man muß doch zugeben, daß natürliches Talent in starker Dosis vorhanden ist, und man fühlt, daß die Ristori keine vereinzelte Erscheinung sein kann. Wäre das Interesse des sogenannten feineren Publicums nicht von der Oper absorbirt und hätte Italien ein Nationaltheater, was bei den bisherigen Zuständen freilich eine Unmöglichkeit war, Italien würde gewiß große Schauspieler haben. Jetzt aber, da man im recitirenden Schauspiel nur die Farce und die materiellste Thränenrührung sucht, sind die Talente verwildert. Doch muß man zugeben, daß diese verwilderten Talente, wenn sie Stücke geben, vor denen das gebildete Publicum Respect hat und die für classisch in der Form gelten, wie z. B. dieser Tage Frariesia di Rimini von Silvio Pellico, sich mit Takt zusammenzunehmen und zu mäßigen wissen. – Bevor Piemont Preßfreiheit hatte, waren die kleinen Theater von einer gewissen politischen Bedeutung, denn Gianduja warf oft eine Wahrheit in’s Publicum, die kein Schriftsteller zu schreiben und kein Drucker zu drucken den Muth hatte. Konnte man Gianduja einsperren? Doch, man that es, aber man machte sich lächerlich. Heute hat Gianduja seine Rolle der Presse überlassen müssen, aber er hat darum die Politik nicht aufgegeben; er zieht in die Schlacht von Palestro, er schlägt sich mit Gyulai, er macht sich über den Erzbischof von Genua Und seinen Hirtenbrief lustig. Die Theater sind alle liberal und national gesinnt und richten ihr Repertoir darnach ein. So wird im jetzigen Augenblicke ein großes Spectakelstück eingerichtet, das die Schrecken der Inquisition darstellt und in welcher die Geistlichkeit zum ersten Male auf die Bühne gebracht wird – nicht um ihr Lob zu fingen. Wir leben eben in der Zeit der Hirtenbriefe und es geht die Sage, daß der König mit dem Interdicte belegt werden soll. Da will die patriotische Bühne dem Volke zeigen, aus welcher Quelle solche Maßregeln fließen.

Die alte Zeit im neuen Turin erinnert mich, daß es auch noch ein altes Turin gibt. Ach, es ist nicht mehr viel davon übrig! An der schönen, romantischen Kathedrale vorbei, deren Thüren mit so altehrwürdigen und lieblichen Sculpturen bedeckt sind, deren naive, alte Bauart man vandalisch mit moderner Färberei entstellt hat, gelangen wir in die wenigen krummen und winkligen Gassen, die von dem althistorischen Turin, in dessen Nähe Hannibal eine Schlacht geschlagen, übrig geblieben. Aber selbst diese Häuser deuten aus kein hohes Alterthum. In den Winkeln und Gängen ihres Innern webt wohl noch jahrhundertaltes Zwielicht, aber die Vordermauern sind modern, e1införmig und kasernenhaft. Die Feuchtigkeit, die Schlechtigkeit des Pflasters und der Schmutz erinnern noch an die Zeiten schlechter Municipalverwaltung, die sich im modernen Turin, dem reinlichen, ordentlichen, anständigen, gänzlich verwischt haben. Zwei Gebäude erinnern uns an zwei unglückliche Dichter. Das eine, die sogenannten Thürme des Ovid, die, mit phantastischen Zinnen aus Ziegeln aufgeführt, in der That auf römischen Grundmauern ruhen sollen, haben der Sage nach den verbannten Dichter als Gefangenen beherbergt. Er wurde von Rom hierher transportirt und von hier nach Genua, wo er nach Tomi eingeschifft wurde. Heute sind diese Thürme, wie die Blenden vor ihren kleinen Fenstern beweisen, noch immer Gefängnisse, und ein eingerahmtes Stück Gemäuer daran trägt das Zeichen der Jesuiten. Ein anderes Haus in der Nähe sagt mit goldener Inschrift auf marmorner Tafel, daß es dereinst Torquato Tasso, den Dichter des befreiten Jerusalems, beherbergte. In der That hat Tasso eine Zeit lang hier gelebt, aber nicht immer in dem alten Hause; er war auch der Gast des Grafen und Herzogs, dessen Schloß und Gärten er als Gärten der Armide beschreibt. Sic transit! – Von den Gärten der Armide ist heute keine Spur mehr vorhanden, und das Schloß der Armide und des Fürsten ist heute eine Tabakfabrik. Rauch ist die Herrlichkeit der Welt! –

Ein Stück altes Turin, obwohl mitten im neuen gelegen, ist das Ghetto. Man muß sich da nicht ein Prager, oder Frankfurter, oder römisches Ghetto vorstellen; es bat so luftige und breite Gassen und so moderne Häuser, wie der Rest der Stadt, alt sind hier nur die Juden, die trotz aller Religionsfreiheit, [724] trotzdem sie überall in der Stadt wohnen könnten, doch aus alter Gewohnheit zusammenbleiben und zwar an demselben Flecke, wo sie ehemals zusammengepfercht leben mußten, und die, trotzdem ihnen heute alle Gewerbe offenstehen, aus alter Gewohnheit meist mit alten Kleidern handeln. Die Race sieht sehr alt und verkommen uns. Trotzdem beherbergte das Ghetto vor ungefähr fünfzehn Jahren die größte Schönheit Turins, eine der größten Schönheiten, die man sich, nach der Beschreibung, vorstellen kann. Es war ein junges Judenmädchen, das man damals als eine große Merkwürdigkeit, als ein Weltwunder betrachtete. Wenn sie ausging, entstanden Auflaufe und oft bildeten sich vor ihrem Fenster Zusammenrottungen, die sie mit Geschrei zu sehen verlangten. Zuletzt ging sie nie mehr aus und die Eltern hielten sie eingesperrt. Es waren ehrliche Leute, die, unter der damaligen absoluten Regierung, irgend einen Skandal fürchteten, für den sie keine Genugthuung gefunden, oder der der Ehre der Tochter hätte schaden können. So stand dieses Licht unter dem Scheffel. Einige ehrenhafte christliche Familien ließen sie manchmal in’s Haus kommen, um ihr in ihrer Gefangenschaft einige Abwechselung zu gewähren. Sie ist verschwunden und ich konnte nicht erfahren, wohin. Wahrscheinlich handelt sie in Piguerole oder irgend einem andern Nest mit alten Kleidern. Möge es ihr wohl ergehen, der Märtyrerin der Schönheit, und möge sie in irgend einem alten Fracke eine Tausendpfundnote oder besser ein Sonett auf ihre Schönheit finden!

Die Juden erinnern mich an eine andere ehemals in diesem Reiche verfolgte Religionsgesellschaft, an die Waldenser. Schön und glänzend steht heute ihr romanisch-gothischer Tempel mit breiter Facade auf der Promenade und empfängt gastlich alle Protestanten und Reformirte, die sich in Turin aufhalten. Am Tage der Eröffnung dieses Tempels prophezeiten alle Priester den bevorstehenden Untergang der Welt, aber sie steht noch und die Waldenser feiern unbehindert, unter dem Schutze der neuen Gesetze und vor Allem der neuen Zeit, ihren Gottesdienst, sie, die sich ehemals in Schluchten und Klüften haben verbergen müssen. Die Thäler, die sie heute bewohnen, sind die Sitze des blühendsten Wohlstandes, und ihre fanatischsten Nachbarn rühmen ihren Fleiß, ihre Einfachheit, ihre Bildung und Redlichkeit. Das hat man von jeher gethan, aber das war nicht Grund genug, den Ketzern ein Bethaus zu gestatten. Nun ist es endlich geschehen, aber wer hätte das unter Karl Albert vorausgesagt?

Es wird in Italien noch Manches geschehen, was heute kein Prophet voraussagen kann.