Eine neue Perle im Industrie-Gürtel Englands

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Titel: Eine neue Perle im Industrie-Gürtel Englands
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 703–704
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine neue Perle im Industrie-Gürtel Englands.
(Mit Abbildung.)


Wie die Göttin der Schönheit ihren Liebreiz einem Gürtel verdankte, hat sich England mit einem massiven Gurte der Kraft industrieller Production umgeben. Er umspannt die langgestreckte englische Hauptinsel in der Hüfte von Yorkshire, von Liverpool und Manchester bis herüber in die Nordsee in der weiten Mündung des Humberflusses mit den Häfen von Hull etc. und den riesigen Grunsby-Docks, und besteht aus einer Hunderte von Meilen langen und zehn bis funfzig breiten, fast ununterbrochenen labyrinthischen Reihe von Dampfschlotten, Rauch- und Dampfschichten in der Luft, massiven Palästen und endlosen Strecken von Arbeiterwohnungen und Städten, Canälen, Flüssen, Eisenbahnen, Omnibus, Krahnen, Spindeln, Rudern, Hebeln, Pumpen, Flaschenzügen, Gewinden und unsäglicher Masse von Maschinerie, die täglich Tausende von Centnern Baumwolle, Wolle und Seide in den verschiedensten Gemischen verschlingen und als gewebte Stoffe von tausenderlei Farben, Formen und Werthen wieder von sich geben, mehr als genug für die ganze Welt, so daß die Engländer fast immer in den fernsten Welttheilen und in der Nähe Krieg führen, um fremden Völkern diese ungeheuern Waarenvorräthe aufzuzwingen, obwohl sie dabei immer mehr zusetzen, als ihnen der gewaltsam und feindselig abgeschlossene Handelsvertrag je einbringen kann, obwohl Mars und Mercur nie Compagnons waren, nie werden, und auf ganz nüchterne, mercantile Weise längst viel größere Handelsvortheile gesichert worden wären, als sie bis jetzt mit Kanonen und Eroberungen erreicht haben.

Der Gürtel von industriellen Palästen in Yorkshire sieht in den älteren Theilen entsetzlich aus in seiner Unendlichkeit von Rauch und Schmutz, von Abfällen und Schlackengebirgen; aber neuerdings erheben sich immer mehr grandiose Phalanstèren der Fabrikation, Paläste, gegen welche die stolzesten Fürstenschlösser zu todten Grimassen hohlen, zehrenden Glanzes zusammenkriechen. Wir könnten Hunderte dieser neueren und neuesten Prachtbauten und Werkstätten der Großindustrie nennen und schildern, wählen aber eine statt aller, eine der neuesten und am praktischsten angelegten. Es ist die blos für Alpaca und Mohair bestimmte Manufactur Saltnire an der Ostseite des großen Industrie-Gürtels, eine halbe Meile westlich von Shipley im malerischen Thale des Aire-Flusses, zwischen Eisenbahn und Canal, mit denen beiden die Anstalt in unmittelbarer Verbindung steht. Sie erhebt sich auf sechs Morgen Landes. Die verschiedenen Etagen in der Fabrik, den Waarenlagern, Schuppen, etc. bilden auf dieser Oberfläche noch ein Terrain von zusammen 11½ Morgen.

Die Hauptgebäude haben die Form eines T. Der horizontale Strich im Süden ist die Fabrik selbst, erbaut im kühnen, italienischen Style mit einer imposanten, eleganten Façade, 550 Fuß lang und 72 hoch mit den sechs Etagen, die in der Mitte durch die Maschinen-Räume, auf beiden Seiten des Haupteinganges, getheilt sind. Nur die oberste Etage bildet einen Raum, den bis jetzt größten unter einem massiven Dache (Krystall-Palast unter Glas-Dach natürlich ausgenommen); die verschiedenen Etagen ruhen auf Bogen, gemauert von patentirten, hohlen Mauersteinen, welche mit ihren Oeffnungen eine vortreffliche Ventilation und Luftreinigung unterhalten. Herrliche Reihen gegossener Eisensäulen und Eisenbalken geben dem Ganzen im Innern Kraft und Eleganz. Auch die Dächer sind von Eisen. Grosse, prächtige Fenster mit riesigen Spiegelglas-Scheiben, wie leuchtende Augen in der noblen Façade, geben dem Bau von dieser Seite das Gepräge eines grandiosen Kunstwerks der Architektur. Alle Bestandteile sind feuerfest.

Der perpendiculäre Strich des T deutet die Waarenlager an, die nördlich 330 Fuß weit bis an den Canal sich ausdehnen. Da hier der Boden abfällt und die Höhe der Gebäude eine gerade Ebene bildet, bekommt das Dach am Canale eine Höhe von 90 Fuß mit 7 Etagen, deren Dach unter Anderem eine gußeiserne Cisterne enthält mit Raum für 70,000 Gallonen Wasser, welches durch eine besondere Dampfmaschine an der anderen Seite des Canals hinaufgepumpt wird und die Anstalt, wie die benachbarten Arbeiter-Wohnungen versorgt.

Die Winkel und Ecken des T sind mit Arbeitslocalen, besonders dem Webeapparat, gefüllt. Der ungeheure Apparat des Kämmens nimmt die ganze westliche Ecke ein, mit Wasch-, Trocken- und Sortirungs-Räumen. Darunter ein Filter mit Reservoir, groß genug, um 500,000 Gallonen Regenwasser von allen Dächern zum Waschen der Wolle aufzunehmen. An der westlichen Ecke reihen sich hinter einer schönen Façade von 240 Fuß Breite Vorrathsräume und Bureaux.

Der Haupt-Dampfschlott, unten 18 Fuß ins Geviert bedeckend und 250 Fuß hoch, verbindet das Nothwendige mit möglichster Schönheit, wie die ganze Anstalt und mehr oder wenige alle englische Architektur neuesten Datums für große industrielle Zwecke. Unten und an der Spitze ist er so construirt, daß der Effect eines [704] italienischen Campanile erreicht wird. Doch könnten diese furchtbaren Kohlendampf- und Rauchthürme auch in ihrem ganzen Aeußeren viel mehr architektonische Schönheit annehmen. Die Dampfkessel, acht an der Zahl, nach dem sogenannten Tubular-Principe construirt, befinden sich 50 Yards vom Schlott unter der Erde und sind mit Sparapparaten versehen, einer großen Masse von vierzölligen Röhren, an deren Geäder Hitze und Rauch der Oefen hindurchströmen, während das Wasser für die Dampfkessel in entgegengesetzter Richtung durch sie hindurchfließt und schon kochend in den Kesseln ankömmt, so daß es sofort in Dampf verwandelt wird. Die Maschinen sind einer Kraft von 1250 Pferden fähig und ruhen in einem Bett, zu welchem 24,000 Centner Steine vermauert wurden. Für die Gaserleuchtung aller Gebäude ist eine eigene Anstalt gebaut worden mit einem Gasometer 60 Fuß im Umfange und 18 Fuß tief, der alle 24 Stunden etwa 100,000 Kubikfuß Gas in 5000 Brenner drücken soll. Die Gasanstalt ist eine Vervollkommnung der bisherigen Beleuchtung und Anwendung des patentirten White’schen Wasserstoff-Kohlenstoff-Systems.

Die Gartenlaube (1859) b 704.jpg

Saltnire.

Canal und Eisenbahn laufen bis unter Winden und Krahne der Fabrik, so daß Lasten von Roh- und verarbeitetem Material unmittelbar mit Leichtigkeit ge- und entladen werden können. Alle Bauten sind von Stein und Eisen und werden, wenn vollendet und in voller Arbeit, fünftehalbtausend Menschen Beschäftigung und Brod geben, obgleich sie nur über 100,000 Menschenhände ersetzende Maschinen bedienen werden. Die 4500 Arbeiter bilden mit Familie eine neue Bevölkerung von etwa 10,000 Menschen, welchen diese Maschinen Brod geben, das sie ohne Maschinen nicht verdienen würden, Brod und Straßen neuer Häuser mit Garten und grünen Plätzen, Schulen und Kirchen, großen Lesehallen, bedecktem Marktplätze, Küchen, Wasch- und Badeanstalten, Wohlthaten und Schönheiten, die allen diesen Menschen wahrscheinlich immer unzugänglich bleiben würden, wenn sich die riesige Productionskraft der Dampfmaschine, Capital und vereinigtes Sonder-Interesse Vieler nicht zu solchem praktischen Socialismus zusammengefunden hätte. Einheit und Einigkeit sind überall Bedingungen der Kraft, Schönheit, Cultur und Gesundheit der Völker, wie der Einzelnen.

Wenn es interessiren sollte, geben wir später eine Schilderung der mannichfachen, zum Theil genialen Processe, durch welche allerhand rohe Wollenfasern in die herrlichsten, zum Theil kostbarsten Bekleidungs- und Verschönerungsstoffe veredelt werden.