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Titel: Frühlingsblumen im Herbst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 739
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[739] Frühlingsblumen im Herbst.

„Der Mai ist wieder gekommen,
Nur daß er September sich nennt –“

sagt ein altes Lied von der lauen Luft und dem milden Sonnenschein des schönsten Herbstmonats. Aber es schweigt von den duftlosen starren Blumen, den Astern und Georginen, deren größere Farbenpracht nimmermehr die holde Anmuth der wirklichen Maikinder zu ersetzen vermag. Was indessen die Natur zu verweigern scheint, das hat ihr auf mehr als einem Gebiet der menschliche Geist schon abzulocken gewußt, und so ist auch heute das scheinbar Unmögliche zur Thatsache geworden: im botanischen Garten zu München blühten dieses Jahr Ende September im freien Land dichte Büschel von duftenden Maiblumen, Gruppen von Deutzien und pontischen Azaleen, die letzteren in all den zarten Farben von weiß, gelblich und roth, wie wir gewohnt sind, sie im Frühjahr als ersten Schmuck der Gärten und Anlagen zu sehen. Herr M. Kolb, Oberinspektor des botanischen Gartens, ist es, der nach mannigfachen Versuchen über die Verlängerung des Winterschlafes der Pflanzen (um dadurch deren Blüthezeit entsprechend hinauszuschieben) endlich, und zwar als erster in Europa, das Verfahren gefunden hat, ihre Blüthe in einem bestimmten Zeitpunkt hervorzurufen Es läßt sich leicht denken, welche Tragweite der an den Frühlingsblumen so gelungene Versuch haben wird, wenn es möglich ist, ihn auch auf Hyazinthe, Iris, Nelke und Rose auszudehnen und dadurch dem großen Blumenverbrauch des Winters theilweise das Material aus einheimischen Quellen zuzuführen Es ist schon vielfach gegen den einreißenden Blumenluxus geeifert worden, und sicher ist er tadelnswerth, wenn er nur prunkhafter Großthuerei den Vorwand liefert. Aber alles, was dazu dient, den bescheidenen Fenstergarten, die kleine Blumenspende an liebe Menschen, den Gratulationsstrauß zum Familienfest zu ermöglichen, ist als idealer Gewinn zu achten und aus diesem Gesichtspunkte besonders begrüßen wir die schöne Erfindung des Herrn Kolb als eine für ganz Deutschland bedeutungsreiche und erfreuliche.