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Autor: unbekannt
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Titel: Fräulein von Arnim
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 190–192
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Fräulein von Arnim.
Eine Erinnerung.

Vor einigen Tagen blätterte ich in dem Tagebuche meines Vaters, das er sehr sorgsam geführt hat. Unter manchem Interessanten fand ich auch eine Unterredung, die er und ein guter Freund mit der Gräfin Marie Henriette Elisabeth von Kunheim gehabt hatten. Da die genannte Dame in der Lebensgeschichte unseres großen Dichters Schiller unter dem Namen Fräulein von Arnim eine wichtige, wenn auch noch nicht ganz aufgeklärte Rolle spielte, so dürfte es manchem Leser dieses Blattes erwünscht sein, wenn ich die angedeutete Stelle aus dem Tagebuche hier mittheile.

Friedland an der Alle, den 12. Juli 1820.

Der heutige Tag ist unstreitig der denkwürdigste, den ich mit meinem Freunde B. auf der diesjährigen Ferienreise erlebt habe. Es ist unverzeihlich, daß ich nach fast dreijährigen Studien in Königsberg noch nicht weiß, daß Fräulein von Arnim, die von Schiller Angebetete, in der Provinz lebt! Durch Zufall erfuhr ich es erst heute, und das Glück, was mir sonst nicht immer lächelt, vergönnte mir sogar eine Unterredung mit der berühmten Dame. Wir wanderten nämlich heute früh durch das Dorf G. und sahen seitswärts vom Wege ein prächtiges Gut.

„Wie heißt jener schöne Landsitz?“ fragte ich einen Mann, der uns mit einer langen Pfeife im Munde entgegen kam und den ich, worin ich mich auch nicht getäuscht hatte, für den Schulmeister des Orts hielt.

„Das ist das Dorf Kloschenen!“ antwortete der Gefragte, indem er uns höflich „einen guten Morgen“ bot und mit uns weiter ging.

„Und wem gehört das Gut?“

„Der Gräfin von Kunheim. Jedenfalls,“ fuhr der redselige Mann fort, „sind die Herren von der Universität und kennen also unsern großen Schiller und dessen Lebensgeschichte. Dann wird es vielleicht von Interesse für Sie sein, zu erfahren, daß die Gräfin von Kunheim jenes Fräulein von Arnim ist, die der große Dichter einst so sehr geliebt hat. Sie werden wissen, daß sie nicht reich war, und da Schiller ebenfalls nichts besaß, wie es den Gelehrten oft geht, hat er sie auch nicht heirathen können.“

„Die Gräfin Kunheim ist wirklich das ehemalige Fräulein von Arnim?“ fragte ich, überrascht von der Mittheilung, die mir der Schulmeister gemacht.

„Zu dienen, meine Herren! Jetzt ist sie indeß nicht mehr arm, sondern reich, sehr reich. Ihr Mann, der selige Graf, der im Jahre 1815 starb, hinterließ ihr ein großes Vermögen. Schade, daß der ganze Reichthum nach ihrem Tode unter viele Verwandte vertheilt wird; denn Kinder hat die Gräfin keine.“

In meiner und meines Freundes Seele stand sofort der Vorsatz fest, einen kleinen Abstecher zu machen, um die Dame zu sehen und vielleicht gar zu sprechen. Ich fragte daher den Schulmeister, ob die Gräfin gerne Fremde zu sich lasse, und ob wir beiden Studio die Aussicht zu einer Unterredung mit ihr hätten.

Der Schulmeister erwiederte, daß die Gräfin sehr zurückgezogen lebe und selten Fremde empfange. „Sie hat,“ setzte er mit geheimnißvoller Miene hinzu, „den großen Dichter gewiß noch immer in sehr gutem Andenken und liebt ihn vielleicht noch. So viel steht fest, daß sie ihn nicht vergessen hat, und mit dem alten Johann, der schon Bedienter bei ihrer Mutter gewesen ist, und der Schiller persönlich gekannt hat, noch oft von dem großen Dichter spricht.“

Der Schulmeister bemerkte, wie sehr uns seine Mittheilungen interessirten und gern begleitete er uns noch eine Strecke, um uns den Weg nach Kloschenen zu zeigen. Wir hatten uns ja trotz der ungünstigen Aussichten, die uns der Schulmeister gemacht, zu einem Abstecher nach dem Gute entschlossen.

„Der alte Johann,“ fuhr der Schulmeister fort, „hat mir mehr als einmal erzählt, daß die Gräfin bei der Nachricht von Schiller’s Tode heftig geweint hat und der selige Graf darüber lange verstimmt gewesen ist. Ich glaube fast, daß ihre Ehe nicht zu den glücklichsten gehört hat, obwohl der Graf seine Frau sehr liebte. Sie muß übrigens in ihrer Jugend eine ausgezeichnete Schönheit gewesen sein, und sie war es noch vor etwa zehn Jahren. Schade, daß sie nicht Schiller’s Frau wurde. Der alte Johann meint, ihre Mutter sei die Ursache davon gewesen, und sie habe das Verhältniß des Dichters mit ihrer Tochter nur geduldet, um reiche und vornehme Freier herbeizulocken. Als aber Schiller gemerkt habe, daß man ihn täusche, sei er auf- und davongegangen. Die Gräfin soll nach dieser Trennung Tage lang geweint haben.“

Wir waren an dem Wege, der nach Kloschenen führt, angelangt.

„Gehen Sie immer auf dieser Straße gerade fort, so sind Sie in einer Stunde in Kloschenen,“ sagte der Schulmeister. „Besehen Sie sich den Park, vielleicht treffen Sie darin auch die Gräfin.“

Er zog sein Käppchen, wünschte uns eine glückliche Reise und kehrte dann nach dem Dorfe zurück; wir aber wanderten getrost weiter und waren nach einer guten Stunde in Kloschenen. Da wir es nach den Mittheilungen des Schulmeisters für erfolglos hielten, eine Unterredung mit der Gräfin zu erbitten, abgesehen davon, daß wir als namenlose Bursche es auch nicht wagten, diese Gunst nachzusuchen, so beschlossen wir, nur den Park in Augenschein zu nehmen. Ich kann nicht läugnen, daß wir die Hoffnung hegten, bei dieser Gelegenheit vielleicht der edeln Dame in den dunkeln Gängen des Parks zu begegnen oder doch wenigstens ihre Gestalt an einem Fenster des Schlosses zu erblicken.

Die Erlaubniß, den Park zu betreten, ward uns ohne Umstände gewährt und wir durchkreuzten denselben nach allen Richtungen, stets hoffend, daß uns die Gräfin in irgend einem der vielen schattigen Gänge entgegenkommen werde. Das Glück schien uns aber nicht günstig zu sein; denn wir bemerkten keine menschliche Seele, so sehr wir auch Gesicht und Gehör anstrengten. Unmuthig über unser Mißgeschick waren wir bereits willens, den Park zu verlassen, als wir einen Diener mit silberweißem Haar trafen, der unserer Vermuthung nach der alte Johann sein mußte, von dem der Schulmeister gesprochen hatte. Wir grüßten höflich. Der alte Mann erwiederte den Gruß freundlich und fragte uns, wie uns der Park gefalle.

„Es sind hier herrliche Anlagen“ sagte ich; „man findet dergleichen selten in unserer Provinz. Ueberall offenbart sich ein feiner Geschmack, und ich wünschte mir wohl so ein Stückchen Park auf meine dereinstige Landpfarre.“

Der alte Diener lächelte und stimmte mir bei, daß der Park schön sei, meinte aber, daß er drüben in Deutschland nicht wenige gesehen habe, die ihn an Schönheit überträfen.

[191] „Die Gräfin,“ setzte er dann hinzu „verwendet sehr viel auf den Park; ich glaube, daß ihr jährlich seine Unterhaltung an tausend Thaler kostet.“

„Die Gräfin promenirt wohl häufig im Park?“ fragte ich.

„Wohl täglich zwei Stunden, wenn schönes Wetter ist.“

„Kann man die Dame sehen – wenn auch nur aus der Ferne?“ frug ich forschend.

Der alte Diener sah mich eine Weile an, grub dann, als ob er über Etwas nachsinne, mit seinem Stocke im Sande und fragte dann lächelnd: „Sie sind wohl auch ein Verehrer Schillers und wünschen die gnädige Frau seinetwegen zu sehen?“

Ich bejate es verlegen. „Das Verlangen, die edle Dame zu sehen, die uns an den Dichterfürsten Deutschlands so lebhaft erinnert, trieb uns hierher, und wir würden Kloschenen wirklich mit tief betrübtem Herzen verlassen, wenn wir die Gräfin nicht gesehen hätten.“

Der Diener las es gar deutlich in unsern Blicken und Gesichtszügen, wie aufrichtig und tief gefühlt unsere Worte seien und versprach uns, der Gräfin unsern Wunsch vorzutragen. Mit der größten Spannung warteten wir auf seinen Bescheid. Bald kehrte er zurück und sagte: „die Gräfin läßt um Ihre Namen bitten, meine Herren!“

Wir nannten sie ihm; er eilte wieder fort, und darauf erfreute er uns mit der Nachricht, daß uns die Gräfin nach einer halben Stunde in einem Sommerhäuschen erwarten werde.

Wir gratulirten uns gegenseitig zu diesem unverhofften Glücke und dankten dem alten Diener herzlich für seine Vermittlung. Wir säuberten uns schnell in dem Zimmer des alten Johann und machten uns dann um die bestimmte Zeit, von dem alten Diener geleitet, nach dem Sommerhäuschen auf. Ich war auf dem Gange dahin wirklich innerlich erregt und sprach kein Wort, obwohl mein Freund mit dem Alten gemüthlich plauderte.

Nach etwa tausend Schritten lag das Sommerhäuschen vor uns. Es war ein niedlicher Pavillon mit vielen großen Fenstern, an denen sich üppige Epheustauden bis zum Dache hinaufrankten.

„Treten Sie ein, meine Herren,“ sagte der Alte, als wir an der Thür des Häuschens angelangt waren, „die Gräfin erwartet Sie.“

Ich legte die Hand nicht ohne ein leises Zittern auf den Drücker und öffnete.

Wir befanden uns im nächsten Augenblicke vor der Dame, die einst der größte Dichter Deutschlands mit seinem reichen großen Herzen geliebt hatte. Die Gräfin erhob sich bei unserm Eintritte von einem mit grünem Sammet überzogenen Sopha und trat uns einige Schritte entgegen. Wir verbeugten uns tief, und nach einigen konventionellen Redeformeln nöthigte sie uns, auf zwei vor dem Sopha stehenden Stühlen zum Sitzen, während sie sich selbst wieder auf das Sopha niederließ. Ich hatte jetzt Gelegenheit, sie näher in’s Auge zu fassen. Die Gräfin mochte vielleicht fünfzig Jahre, eher etwas darüber zählen; einige dreißig Jahre waren seit ihrer Bekanntschaft mit Schiller verflossen, aber dennoch konnte man sie noch immer schön nennen. Ihr prächtiges Haar war noch ganz schwarz und voll; unter schön gewölbten Augenbrauen glänzten die feurigen geistreichen dunkeln Augen wie zwei blitzende Sterne; sie neigte sich etwas zur Wohlbeleibtheit, aber dennoch war ihre Haltung mit Hoheit und Anmuth gepaart. Ich konnte es mir wohl denken, wie sie in Jugendschönheit strotzend, auf Schiller einst einen so mächtigen Eindruck machte.

Als wir Platz genommen hatten, fragte sie mit einer weichen, aber sehr wohltönenden Stimme: „Sie haben sich meinen Park angesehen; wie gefällt er Ihnen?“

„Wir haben die Schönheit desselben bewundert und waren überrascht, in unserer Provinz Kunst und Natur so herrlich vereinigt zu sehen,“ erwiederte ich.

„Allerdings ist der Park ein hübsches Plätzchen, indeß hat die Natur das Meiste gethan.“

„Es läßt sich aber nicht leugnen, daß auch die Kunst viel zur Verschönerung des Parks beigetragen hat. Ueberall offenbart sich in den Anlagen ein feiner, sinniger, poetischer Geschmack,“ bemerkte ich.

„Sie schmeicheln, mein Herr,“ sagte die Gräfin mit etwas gehobener Stimme. „Sie irren wohl, wenn Sie einen eigenen Geschmack oder vielmehr menschliche Launen in den Parkanlagen erblicken wollen. Ich unterstützte nur die Natur und benutzte zur Verschönerung des Platzes nur die Winke, die sie mir gab.“

„So ist das Talent zu bewundern, das diese Winke verstand,“ erwiederte ich, und fühlte erst in dem Augenblicke, als ich es gesagt, daß ich doch eine andere Bemerkung hätte machen sollen.

„Lassen Sie das,“ versetzte die Gräfin fast unwillig. Dann fuhr sie in ihrem weichen Tone fort: „Es freut mich, daß der Park Ihnen gefallen hat, und wenn Sie sich noch länger in dieser Gegend aufhalten, so steht er Ihnen jederzeit offen.“

Wir dankten für die gütige Erlaubniß und bedauerten, nicht davon Gebrauch machen zu können, da wir unsere Streifzüge durch die Provinz noch fortzusetzen gedächten.

„Aber vielleicht auf’s Jahr,“ sagte die Gräfin, indem sie ihre Blicke auf uns freundlich ruhen ließ.

„Man sieht Naturschönheiten gern zwei Mal und zehn Mal und findet sie stets anziehender und reizender.“

Wir gaben das Versprechen, dem schönen Park, so bald es sich thun ließe, wieder einen Besuch abzustatten, setzten aber hinzu, daß sich das im künftigen Jahre schwerlich werde thun lassen, da wir eine Reise nach Thüringen und der sächsischen Schweiz in Absicht hätten.

„Ach, das unterlassen Sie nicht. In Sachsen ist es schön; da wird sich Ihnen die Natur in ihrer ganzen Herrlichkeit aufschließen. Könnte ich doch ein paar sächsische Berge nach Kloschenen hinzaubern.“

„Es geht aber nicht,“ setzte sie nach einer Weile hinzu, indem der weiche Ton ihrer Stimme eine wehmüthige Färbung annahm; „hier in Preußen ist es oft so kalt und todt, und die Sehnsucht nach dem schönen Dresden ergreift mich oft mit voller Gewalt.“

Sie schwieg, und mir war so wunderlich zu Muthe, so sonderbar gerührt hatte mich dieser wehmüthige Ton, daß ich gar nicht wußte, was ich darauf erwiedern sollte. Mein Freund aber, der kälteres Blut hatte, bemerkte: „Ja, Dresden soll eine herrliche Stadt sein und die Umgegend noch viel herrlicher. Ich kann es mir wohl denken, daß man sich um so lebhafter nach diesen Schönheiten zurücksehnt, je mehr man sie genossen und empfunden hat, und je länger man von ihnen getrennt wurde.“

„Gewiß, gewiß, mein Herr,“ sagte die Gräfin lebhaft. Dann aber fuhr sie wieder in ihrem sanften ruhigen Ton fort: „Wenn Sie nach Dresden kommen, versäumen Sie es nicht, das Städtchen Tharand zu besuchen. Es liegt in einer reizenden Gegend. Scheuen Sie nicht die Mühe, den Knieberg zu besteigen; die Ruinen des alten Schlosses Tharand stehen darauf. O, wie oft habe ich dort gestanden und meine Augen und meine Seele an all’ den Herrlichkeiten geweidet, die ich von dort aus überblickte!“

Mir kam es vor, als ringe sich bei diesen Worten ein Seufzer aus ihrer Brust, und ich hätte wohl darauf schwören können, daß sie in diesem Augenblicke an den großen Dichter dachte.

„Die Ruinen Tharands sind wohl jedem Deutschen heilig,“ sagte mein Freund; „denn sie sollen ein Lieblingsort des Dichterfürsten unserer Nation gewesen sein.“

Die Dreistigkeit meines Freundes erschreckte mich, und verlegen sah ich nach der Gräfin. Sie blickte uns aber ernst und ruhig an und erwiederte dann: „Sie meinen Schiller. So viel ich weiß, ist er allerdings mehrmals auf dem Knieberge gewesen, namentlich im Frühjahre, wenn ringsum Alles keimte und sproß; aber ich glaube, er hat andere Punkte bei Dresden mehr geliebt.“

Wir sahen, daß sie mit uns ungern von diesem Thema sprach, und darum ließen wir es fallen. Sie erkundigte sich darauf noch nach unsern Studien, unserm Reiseplan, und bot uns dann eine kleine Erfrischung an, die ihr Diener besorgen sollte. Sie rief einen in der Nähe des Sommerhäuschens arbeitenden Gärtner zu sich und ertheilte ihm, ohne daß wir es verstehen konnten, einen Auftrag. Der Gärtner verschwand, und bald darauf trat der alte Johann mit einer Flasche Rheinwein und einem Teller voll kleiner Kuchen ein. Die Gräfin kredenzte uns das erste Glas, wünschte uns eine glückliche Reise, und verließ dann so schnell das Sommerhäuschen, daß wir kaum Zeit hatten, unsern Dank für die gnädige Aufnahme abzustatten.

Ich blickte ihr so lange durch’s Fenster nach, als ich sie sehen konnte. „Ob in ihrem Herzen noch das Bild des großen Dichters leben mag?“ fragte ich mich. „Ob sie seiner noch gedenken [192] mag in der stillen Einsamkeit, in den schattigen Gängen des Parkes? Ob sie seiner Erinnerung noch dann und wann eine Thräne weihen mag?“

Die Bäume im Park rauschten, und mir wurde so weh um’s Herz; fast kam es mir vor, als ziehe der große Geist des Dichters durch die Gipfel hin zu seiner einst so heiß geliebten Marie.

Mein Freund rüttelte mich aus diesen Träumereien, indem er mich zum Trinken veranlaßte. Ich wendete mich vom Fenster, und mein Blick fiel auf Schiller’s Bildniß, das mit Epheu und Wintergrün bekränzt an der Wand hing. Einen solchen mächtigen Eindruck, wie jetzt, hatten diese hohe Stirn, diese seelenvollen Augen, und diese kühne Adlernase noch nie auf mich gemacht, und ich stand wie festgebannt vor dem Bilde.

„Sie liebt ihn noch; hier fern von der Heimath in der Fremde, weit, weit von seinem Grabe,“ dachte ich, und wer weiß, was ich nicht noch Alles gedacht, wenn mir mein Freund nicht ein volles Weinglas gereicht hätte.

„Hier trink, sentimentaler Bruder!“ rief er mir zu.

Ich ergriff das Glas; der Alte mußte sich auch eins füllen; wir stießen alle Drei an, mein Freund ließ den großen Dichter und seine frühere schöne Geliebte leben, und wir leerten die Gläser vor Schiller’s umkränztem Bilde.

Als die Flasche bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken war, verließen wir das Sommerhäuschen, um unsere Fußreise fortzusetzen. Der alte Diener begleitete uns noch einige tausend Schritt. Ich suchte ihn bei dieser Gelegenheit so viel als möglich über Schiller’s Verhältniß zu seiner Gebieterin auszuforschen, erhielt aber meistens ausweichende Antworten; nur so viel erfuhr ich, daß Schiller „dem Fräulein oft wunderliche Sachen (wir riethen auf den „Geisterseher,“ an dem er damals arbeitete) vorgelesen habe und daß er dann Knall und Fall verschwunden sei.“


So weit das Tagebuch. Den meisten Lesern wird es wohl bekannt sein, daß die Sehnsucht nach der Heimath die Gräfin wieder nach Dresden zog, wo sie die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte und am 12. Januar 1847 starb. Das Bild der schönen Griechin im Geisterseher hat Schiller unstreitig von ihr entlehnt, ebenso bezieht sich sein Gedicht: „Der Kampf,“ welches im zweiten Hefte der „Thalia,“ Jahrgang 1786, abgedruckt ist, auf die gewaltsam abgerissenen Verhältnisse zu dem Fräulein von Arnim.