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Textdaten
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Autor: M. E. P.
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Titel: Fliegende Fische
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 446
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[446] Fliegende Fische. So unendlich reich und mannigfaltig auch das Thierleben im Meere ist, so wenig sieht davon doch gerade der Seemann. Die ungeheuren Strecken, welche er übersegelt, sind, für das unbewaffnete Auge wenigstens, verhältnißmäßig unbelebt; die Fische namentlich meiden das offene Meer und finden sich gewöhnlich in der Nähe von Küsten oder auf Untiefen, und der Fang derselben gehört zu den gefährlichsten und mühseligsten Gewerben. Auf hoher See sieht man nur dann und wann einige Arten von großen oder kleinen Raubfischen einzeln oder in Schwärmen am Schiffe erscheinen, wirklich zahlreich und häufig zeigen sich allein die fliegenden Fische, jedoch auch nur in warmen Gewässern.

Der Reisende, welcher dieselben zum ersten Male sieht, ist gewöhnlich enttäuscht: durch das Wort „fliegend“ irregeleitet, hatte er sich doch wohl eine andere Vorstellung gemacht, wenn er auch nicht gerade erwartete, daß der besagte Schuppenträger anmuthig dem Ocean entschweben und eine Vergnügungsreise zwischen Himmel und Wasser machen würde. Aber selbst eine solche Vorstellung wäre entschuldbar; giebt es doch Fische, welche weite Wanderungen über Land unternehmen, andere, welche sogar auf Bäume klettern, und noch andere, welche dem Sprüchwort „Stumm wie ein Fisch“ zum Trotz Töne von sich geben, die ihnen den Namen Trommelfische verschafft haben, freilich nur in ähnlichem Sinne, wie man von Trommeltauben zu sprechen pflegt. So außerordentlich wunderbar wäre es also nicht, wenn Fische spazieren fliegen würden, haben ja doch auch schon viele Menschen versucht, dieses Problem zu lösen.

Der fliegende Fisch ist nicht so hochstrebend; er schnellt sich einfach aus dem Wasser empor und treibt seinen Körper durch heftige Bewegung der sehr großen Brustflossen in der eingeschlagenen Richtung vorwärts. Sein Flug ist nichts als ein künstlich verlängerter Sprung und gleicht bis zu einem gewissen Grade dem Aufschwirren der Grashüpfer unserer Wiesen; dies gilt namentlich von den kleinen Fischen, denn die größeren werden über zwölf Zoll lang. Ist der Luftspringer kräftig und geschickt, so wird er vielleicht fünfzehn Fuß hoch und hundert Schritte weit streichen, prallt dann vielleicht nochmals vom Wasser ab, fällt aber endlich ziemlich heftig in dasselbe zurück. Die Bahn, welche er beschreibt, läßt sich am besten mit der eines Pfeiles oder Bolzens vergleichen, nur schwirrt er oft in leichtem Bogen allmählich seitwärts, wobei ihm die Schwanzflosse als freilich sehr unvollkommenes Steuerruder dient. Ganz unmöglich ist es ihm aber, die Richtung seines Fluges willkürlich und schnell wie ein Vogel zu ändern, er kann nicht ausweichen; darum trifft er sehr häufig gegen die Seite des Schiffes, oder fällt auf das Verdeck desselben, selten schießt er darüber hinweg, gewöhnlich macht ein tückisches Tau oder ein sich blähendes Segel seiner Flugbahn ein Ende. Zuweilen werden auf diese Weise eine ganze Menge Fische in der Luft gefangen und bilden für manche Liebhaber auf dem Schiffe eine recht wohlschmeckende Speise.

Bloßer Uebermuth oder Vergnügungssucht treibt die fliegenden Fische wohl selten aus der salzigen Fluth; es ist vielmehr die Furcht vor ihren Feinden. Zu diesen gehören vor allen die Delphine und die prächtig gefärbten Boniten. Von letzteren zieht in warmen Breiten eine Schaar oft stundenlang wie eine buntschillernde Ehrenbegleitung unermüdlich vor und neben dem Schiffe einher. Plötzlich schießen sie pfeilschnell vorwärts und treiben ganze Schwärme von fliegenden Fischen aus dem Wasser; ihre ängstlich durch die Luft schwirrenden Opfer mit unglaublicher Gewandtheit unter Wasser verfolgend, erschnappen sie dieselben oft genug beim Einfallen. Es wird erzählt, daß sich bei einer solchen Jagd auch die Seevögel betheiligen und ihren Antheil an der Beute im Fluge erhaschen. Ich habe eine solche Jagd nie beobachten können.

Die seltsamen Luftreisenden mögen auch manchmal recht heitere Scenen veranlassen; ich erinnere mich eines höchst komischen derartigen Intermezzos. Mit einer zierlichen Yacht unweit der Orinoco-Mündungen entlang segelnd, standen wir eines Abends fröhlich plaudernd auf dem Deck und freuten uns des herrlichen Wetters. Da pfiff plötzlich etwas vorüber und traf Einen aus unserer Gruppe voll auf die Brust. Dieser stieß einen Schreckensruf aus, griff wild mit den Händen in die Luft und stürzte dann schwer und lang rückwärts nieder. Wir sprangen erschrocken hinzu, brachen aber in ein herzliches Gelächter aus, als wir neben dem Gefallenen einen ungefähr zehn Zoll langen fliegenden Fisch fanden, der zum Attentäter wider Willen geworden war und dies natürlich mit dem Tode gebüßt hatte.
M. E. P.