Fanny Lewald (Die Gartenlaube 1862/42)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Spielhagen
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Fanny Lewald
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 661–663
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[661]
Die Gartenlaube (1862) b 661.jpg

Fanny Lewald.

Es ist schön zu sehen, daß einem Menschen, der
mit festem Willen und reiner Ueberzeugung seinen
eigenen Weg geht, eben fast Alles möglich ist.
 Fanny Lewald, England und Schottland.
 I. Band, Seite 523.


Als ich, um die folgende Skizze zu schreiben, die Werke Fanny Lewald’s wieder einmal durchblätterte, traf ich zufällig auch auf die Stelle, welche ich oben ausgeschrieben habe, und indem ich sie las, sagte ich zu mir: das paßt wahrlich auf Niemand in der Welt besser, als auf Fanny Lewald selbst. In der That, wenn man den Lebenslauf der Dichterin zurückgeht, wie sie aus der quetschenden Enge des Familienlebens sich heraushebt zu umfassendster Bildung, zu hoher moralischer und intellectueller Freiheit, schließlich zu einer glücklichen socialen Stellung, in welcher ihr schönes Talent sich auf’s Reichste entfalten und die herrlichsten Früchte zeitigen konnte, und man nun der Empfindung, die ein so siegreicher Kampf gegen Vorurtheile der verschiedensten Art in dem Gemüth des Betrachtenden hervorruft, Ausdruck geben will, so muß man sagen: „Es ist schön zu sehen, daß einem Menschen, der mit festem Willen und reiner Ueberzeugung seinen eigenen Weg geht, eben fast Alles möglich ist.“

Fanny Lewald hat ihr Leben bis zu dem Punkte, wo ihre Schriftstellerlaufbahn eigentlich beginnt, selbst beschrieben, und da es hier nur meine Aufgabe sein kann, zu dem wohlgelungenen Portrait der Dichterin, das dieses Blatt schmückt, ein Bild ihrer geistigen Individualität und ihres künstlerischen Wirkens zu entwerfen, so muß ich den Leser auf diese Autobiographie verweisen und thue das mit um so besserem Gewissen, als das Buch eins der anmuthigsten, interessantesten und lehrreichsten ist, die unsere Memoiren-Literatur aufzuweisen hat. Nur ein paar Momente will ich hervorheben, die mir von bestimmender Wichtigkeit für die Artung, Entwickelung und definitive Gestaltung ihres Wesens zu sein scheinen. Fanny Lewald ist im Jahre 1811 von jüdischen Eltern in Königsberg geboren, als das älteste einer zahlreichen Kinderschaar, die sie heraufwachsen sah und zum Theil selbst mit erziehen half, um so mehr als die Vermögensverhältnisse der Familie niemals über eine aurea mediocritas (goldene Mittelmäßigkeit) hinausgingen, sodaß die energische Mithülfe der erwachseneren Kinder in dem großen Hausstande nicht wohl zu entrathen war.

In der That ist es mir mehr als wahrscheinlich, daß Fanny Lewald alle Ursache hat, sich zu ihrer Geburt in der Stadt, in welcher die „Kritik der reinen Vernunft“ geschrieben wurde, Glück zu wünschen. Zwar war der geistige Aufschwung, wie er zur Zeit der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eben durch Kant und jene andern ausgezeichneten Männer, von denen ich nur Hippel und Hamann nennen will, dort stattgehabt hatte, nicht auf seiner Höhe geblieben; aber die Wirkungen dieser glänzenden Epoche waren für Königsberg doch keineswegs verloren gegangen, und Fanny Lewald hat die mit politischen und philosophisch-religiösen Bildungselementen reichlich gesättigte geistige Strömung in einem Alter jugendlich leidenschaftlicher Receptivität auf sich wirken lassen können und auf sich wirken lassen. Der Kopf, von dem der alte Dinter einst in der Schulstube sagte, daß „er besser auf dem Körper eines Knaben gesessen hätte,“ konnte nicht wohl anders, als an der Gedankenarbeit der Männer Theil nehmen, „wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust so freundlich und so fürchterlich bewegen, mit Grazie die Rednerlippe spielt,“ und das Glück wollte, daß außer einem höchst intelligenten Vater und strebsamen Brüdern Männer [662] wie Ludwig Crelinger, Johann Jakoby, Heinrich Simon von Breslau direct oder indirect Einfluß auf ihre Bildung übten. Heinrich Simon war ihr Vetter, und das junge Mädchen hegte Jahre lang eine leidenschaftliche Liebe zu diesem herrlichen Menschen, der, wenn Einer, des Vaterlandes Wohl und Weh in treuem Herzen trug.

Mit dem aber, was man liebt, ist man schon von Natur ähnlich, oder wird ihm ähnlich; eine Frau kann in einem Patrioten nicht ihr Ideal sehen, ohne selbst eine Patriotin zu werden. Und das ist Fanny Lewald. Sie ist nicht blos weit über das gewöhnliche Maß der Frauen hinaus (was am Ende nicht so viel sagen will) mit dem praktisch-politischen Sinn begabt, sondern auch vor sehr vielen Männern, die sich mit Emphase als Politiker von Fach bezeichnen. Gewisse Axiome, welche auch sonst leidlich gute Köpfe bis an ihr Lebensende nicht begreifen können, scheinen a priori in dem Verstande dieser Frau zu liegen. Schon in ihren ersten Büchern spricht sie mit einer Entschiedenheit, welche eine Folge innigster Ueberzeugung ist, von der Nothwendigkeit socialer Reformen, die mit den politischen Hand in Hand gehen müssen. Es ist ihr von vornherein wie ein mathematischer Grundsatz, der nicht weiter bewiesen zu werden braucht, klar, daß die Freiheit nicht in Hütten blühen kann, in denen Schmutz und Elend Hausen. Und wie trifft sie in ihren politischen Apercus den Nagel auf den Kopf! Am 22. März 1848, vier Tage nach der Berliner Revolution, in dem Augenblicke, wo die ersten bestimmten Nachrichten nach Paris gelangten, schreibt sie von dort: „Es giebt gewisse Dinge, welche Volk und König einander nie verzeihen, nie vergessen können. Eine wirkliche Aussöhnung zwischen unserem mittelalterlich-romantischen Könige und der Idee der Volksfreiheit ist so unmöglich, wie die Herstellung einer innerlich zerstörten Ehe. Ein Volk soll aber kein Scheindasein führen.“ Und als sie Anfang April desselben Jahres, als der Vertrauensrausch noch so ziemlich alle Köpfe umnebelt hielt, nach Berlin zurückkehrte, fällt ihr der Mangel an Freudigkeit, der fehlende Schwung des Enthusiasmus, den sie überall wahrnimmt, schwer auf’s Herz. „Weder ein Volksgesang, wie das: Mourir pour la patrie! noch ein Zuruf, wie das jubelnde: Vive la république! Wir haben keinen deutschen Volksgesang, und: es lebe der überwundene Absolutismus! (denn weiter halten wir ja noch nicht) kann man eben nicht rufen.“ Ist es nicht prachtvoll, dies Wort von dem überwundenen Absolutismus, den man doch am Ende nicht leben lassen kann? Man sollte es allen Gothanern damaliger und jetziger Zeit in’s Stammbuch schreiben!

Ich habe es oben der Dichterin für einen glücklichen Zufall angerechnet, daß sie in Königsberg eine politisch nicht ganz stagnirende Luft athmen durfte, und ich hätte nicht übel Lust, ihr zu gratuliren, daß sie im Schooße einer jüdischen Familie geboren wurde. Jedenfalls hat sie so die Freiheitsliebe oder, negativ ausgedrückt, den Haß gegen alles Vorurtheil, gegen alle Unterdrückung und Knechtschaft mit der Muttermilch eingesogen. Wenn nun schon in Fanny’s elterlichem Hause in Sitten und Gebräuchen wenig mehr von dem specifischen Judenthume zu merken war, wenn schon der aufgeklärte Vater auf dem Standpunkt des weisen Nathan, d. h. über dem der geoffenbarten Religion, stand und seine Söhne und hernach auch die Tochter zum Christenthume übertreten ließ und damit dem Vorurtheil eine Concession machte, die nicht auf seine Rechnung, sondern auf Rechnung des brutalen Vorurtheils kommt, – so konnte es doch nicht ausbleiben, daß das lebhafte Gefühl des scharfsinnigen Kindes oft und oft durch den Christenhochmuth beleidigt wurde. An dem Judenstolz nun entzündete sich in Fanny Lewald der Menschenstolz, dieser Kampf für die Judenrechte war nur ein Vorspiel des Kampfes für die Menschenrechte, den sie ihr Leben lang geführt hat. Jeder Mensch ist mehr oder weniger ein gutmüthiger Collatinus, der erst von der brutalen Gewalt in seinen heiligsten Interessen geschändet werden muß, bevor er zum echten und rechten Tyrannenhasser und Republikaner wird.

So sehen wir denn auch Fanny Lewald überall auf der Seite der Unterdrückten und Mißhandelten, überall als Sachwalterin der Vernunft und des Rechtes contra Aberwitz, Dummheit und Compagnie. Wie sie in ihrem ersten größeren Romane, der „Jenny“, in welcher noch das Gefühl von Ungerechtigkeiten, die sie aus erster Hand erfahren hatte, nachzitterte, mit jener Ueberzeugung, die Ueberzeugung weckt, für die Emancipation der Juden plaidirte, so führt sie in ihren späteren Schriften die einmal aufgenommene Sache der Freiheit in allen ihren Instanzen durch, so kämpft sie für die Emancipation der Völker, für die Emancipation der Frauen, für die Emancipation jedes Individuums von dem angestammten Joche seines beschränkten Unterthanenverstandes, seines Kleinmuthes, seiner Halbheit. Und hier ist ein anderes Moment in Fanny Lewald’s geistiger Entwickelung, für das sie ebenfalls ihrer jüdischen Abstammung dankbar sein mag.

Fanny Lewald hat sich eigentlich in keinem Augenblicke ihres Lebens, zum wenigsten von der Zeit an, wo sie die Illusionen der kindischen Phantasie verloren hatte, von der Fessel eines religiösen Dogma in ihrem Denken beschränkt gefühlt. Ihr Vater, der nach Allem, was die dankbare Tochter in ihrer „Lebensgeschichte“ von ihm erzählt, einer der klarsten Köpfe war, die auf Menschenschultern sitzen können, gehörte zu den seltenen Sterblichen, denen es „genügt, ein Mensch zu sein,“ und in diesem Sinne hatte er seine Kinder erzogen. Er hatte sie erzogen in der Wahrheit, welche die Leute ärgert, weil sie so einfach ist, in der Wahrheit: „daß alle Länder gute Menschen tragen,“ daß der Mensch auf Erden schlechterdings keine andere Aufgabe hat, als seine Pflicht zu thun, und daß diese Pflicht im Wohlthun, in vorurtheilsfreier, thätiger Liebe, in herzlicher Verträglichkeit besteht und daß das „Herr-Herr-sagen“ im allerbesten Falle zur Gottseligkeit gewiß nichts beitrage. Diese von allem Dogmenwust gereinigte, echt menschliche Erziehung war das natürliche Element für ein Kind, das, im schönsten Sinne des Wortes, Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte. Wie gut die väterliche Erziehung, die doch schließlich nur in der Kunst des guten Arztes, die gesunde Natur sich selbst helfen zu lassen, bestand, bei der kleinen Fanny angeschlagen hatte, davon giebt eine charakteristische Anekdote aus der ersten Zeit ihres Schullebens ein ergötzliches Beispiel. Ihr Religionslehrer – der nebenbei Niemand Geringeres war, als der Prediger Epel, welcher hernach im Muckerproceß eine so hervorragende Rolle spielte – hatte den Kindern die famose Geschichte von der Schlange im Paradiese – der bekannten Großmutter der Erbsünde – erzählt. Da sagte die achtjährige Fanny, während die Andern in entzücktem Schweigen der Wundermähr lauschten, mitten in der Stille der Stunde ganz laut: „das glaube ich nicht, Schlangen können nicht sprechen.“ Der verblüffte Theologe sah die kleine Philosophin an und fragte, wer ihr das gesagt habe. Sie versetzte, das hätte ihr Niemand gesagt, das wisse sie von selbst, kein Thier könne sprechen. „Gewiß nicht!“ bedeutete Epel, „wenn Gott es ihm nicht giebt!“ –

„Ich verstummte,“ fährt die Erzählerin fort. „Das war auch gewiß Alles, was Epel in dem Augenblicke beabsichtigt hatte, aber meine Zweifel waren nicht beschwichtigt, und irgend ein Wunder geglaubt zu haben, kann ich mich überhaupt nicht erinnern.“

Diese Unfähigkeit, den gesunden Menschenverstand, es sei, um was es sei, zu verleugnen, mußte die arme Fanny schwer büßen, als nach dem Wunsche ihres Vaters die Reihe an sie kam, sich taufen zu lassen. Sie hat in ihrer „Jenny“ den Kampf, in welchen bei dieser Gelegenheit ihr besseres Wissen oder, wenn man will, ihr Instinct des Wahren mit dem Vorurtheil gerieth, in ergreifender Weise poetisch verklärt.[1] – Fanny Lewald ist sich verhältnißmäßig erst spät ihres dichterischen Berufes bewußt geworden. Als „Clementine“, ihre erste Novelle, erschien, war sie bereits einunddreißig Jahre, stand also in einem Alter, in welchem schon oft bei andern Poeten der allzufrüh erworbene Lorbeer bereits zu welken begann. Daß sie so mit der Vollkraft gereiften Denkens und mit einem reichen Schatz innerer Erlebnisse in die Arena trat, ist für sie in jeder Beziehung vortheilhaft gewesen. Sie hat diesem Umstände zu verdanken, daß sie jetzt nicht, wie so mancher Andere, auf eine Reihe mehr oder weniger verfehlter Versuche zurückzublicken hat; zu verdanken, daß sie sich mit ihren ersten Werken, denen Niemand das leidige „Erstlingthum“ ansehen konnte, sofort einen ehrenvollen Platz in der Literatur eroberte; zu verdanken, daß ihr Talent, welches sich in aller Stille, langsam, stätig, naturgemäß entwickeln durfte, nun auch desto fleißiger Früchte um Früchte in üppiger Fülle trug.

Freilich hatte sich nun auch mittlerweile der Horizont ihrer Anschauungen mächtig erweitert. Von dem richtigen Gefühl geleitet, daß sie der kleinen Welt, die sie brütend in ihrem Gehirne hielt, ein Gegengewicht und Supplement in der Kenntniß der großen [663] draußen geben müsse, hatte sie zwischen den Jahren 1847 und 1852 ausgedehnte Reisen unternommen, deren Resultate sie in mehreren Werken niederlegte,[2] welche zu dem Besten gehören, was wir Deutschen in diesem Genre besitzen. Gerade in diesen Werken tritt der Vortheil, den Fanny Lewald davon hatte, daß sie vorbereitet an ihre Lebensarbeit ging, auf das Evidenteste hervor. Die Welt kam ihr vertraut entgegen, weil sie schon eine Welt in sich trug, und das platonische Wort, daß alles lernen nur ein Sich-Erinnern sei, fand hier seine volle Anwendung. Sie selbst gesteht einmal, daß sie im ganzen Leben nur einige Eindrucke durch neue Anschauungen erhalten habe, die sie bis in’s Innerste auf unvergleichliche Weise ergriffen hätten. „Dahin gehört der erste Anblick des alten Museums in Berlin, als sich mir in der schönen Rotunde die Idee der architektonischen Schönheit plötzlich erschloß. Danach, als ich in Heidelberg die erste schöne Gegend sah; endlich, als ich viele Jahre später einst ganz einsam stand auf der Wengernalp an der Jungfrau und die Lawinen herabdonnern hörte von der sonnenglänzenden, eisigen Höhe; und dann zuletzt das Gefühl jenes Momentes, in dem ich mich den Thoren des ewigen Roms näherte.“ Aus dieser inneren Ruhe, welche eine Folge der Tiefe ist, erklärt sich die hohe Objectivität, mit welcher Fanny Lewald in ihren Reisewerken den Dingen und Menschen gegenübertritt, das innige Verständniß, welches sie den heterogensten Verhältnissen entgegenbringt, endlich die vollendete Sicherheit, mit welcher ihre Hand, bald in großen, kecken Umrissen, bald in sauberer Detaillirung, das Geschaute, Erlebte, Beobachtete auf die Leinwand zu bannen versteht.

Die Reisewerke müssen uns vorläufig, wo Fanny Lewald die Geschichte ihres Lebens erst bis zu dem Augenblicke geschrieben hat, da sie in’s schöne Land Italia zog, als eine Ergänzung ihrer Autobiographie dienen. Auf die Fortsetzung derselben dürfen wir um so gespannter sein, als – nach einer Aeußerung, die ich aus dem Munde der Dichterin selbst habe – „das Stück ihres Lebens, das bis jetzt dem Publicum vor Augen liegt, unbedeutend ist an Gehalt gegen die Jahre, welche diesseits ihrer Memoiren beginnen.“ Dem Laufe ihres Lebens während dieser Jahre, die sie meistens in Berlin verbrachte, zu folgen, ist hier nicht der Ort, und nur eines Ereignisses muß ich erwähnen, weil es für Fanny Lewald von der intensivesten Bedeutung wurde, ich meine ihre Bekanntschaft und spätere Verbindung mit dem Biographen Lessing’s, dem Verfasser von „Ein Jahr in Italien“, und so vieler anderer ausgezeichneter Werke, dem gelehrten und geistreichen Professor Adolf Stahr. Durch dieses Verhältniß schloß sich, so zu sagen, der Cirkel von Fanny Lewald’s geistigem Horizont in der schönsten Weise ab. Ohne dasselbe wäre sie auf ihre eigene Beobachtung, auf ihre, wie das bei der Bildung der Frauen kaum anders sein kann, mehr oder weniger dilettirenden Studien angewiesen geblieben; jetzt konnte sie beinahe mühelos aus einem unversiegbaren Schatz classischer Gelehrsamkeit und streng methodischen Wissens schöpfen und in geistige Gebiete eindringen, die sich ihr ohne dies schwerlich erschlossen hätten.

Und nun bliebe mir nur noch über Fanny Lewald als Dichterin, als Romanschreiberin zu sprechen übrig, d. h. so ziemlich die Hauptsache. Aber wenn es mir gelungen ist, dein Leser die großen Züge dieser Natur zu zeichnen, kann ich mich in der Hauptsache sehr kurz fassen. Fanny Lewald’s Romane gehören nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten. Ihr specielles Gebiet ist das moderne Leben mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Schatten- und Lichtseiten, seiner Größe und seiner Elendigkeit. Wie bei allen Romandichtern der Gegenwart, die nicht hinter dem äußerlichen Schaugepränge sogenannter historischer Culturbilder und vielbändiger Haupt- und Staatsactionen die innere Leere zu verbergen suchen, fallen die Hauptaccente auch bei ihr auf das sociale Moment, d. h. die Verhältnisse und den Kampf der verschiedenen Stände untereinander, sodann auf das psychologische Moment, d. h. die Schilderung der Conflicte, in welche die Individuen als Individuen mit diesen Anlagen, diesem Temperament, diesem Charakter, dieser Bildung untereinander gerathen. Meistens sind bei Fanny Lewald beide Momente gleich sorgfältig behandelt, so daß man, wie auf manchen Lessing’schen Bildern, nicht unterscheiden kann, ob die Landschaft – das sociale Moment – für die Staffage – das psychologische Moment – oder dieses für jenes da ist. So vorzüglich in dem Roman, der, was die Großartigkeit des Planes und die strenge Durchführung betrifft, wohl der bedeutendste sein möchte, in den „Wandlungen“; aber auch in dem „Mädchen von Hela“, im „Seehof“, in „Auf rother Erde“ – und wie gesagt, eigentlich überall.

In dem historischen Roman hat Fanny Lewald sich nur einmal versucht, im „Prinz Louis Ferdinand“, und es ist zu bedauern, daß sie es bei diesem einen Versuche, der so gut ausgefallen ist, hat bewenden lassen. Sie hätte Musterleistungen auf diesem Gebiete schaffen können, wo sie uns wahrlich sehr noth thun. Indessen will ich darüber mit der Dichterin nicht rechten. Eine so durch und durch gesunde Natur, wie die ihre, darf und muß sich auf ihren Instinct verlassen, der sie gebieterisch nach dieser oder jener Richtung weist.

Das Gebiet, welches Fanny Lewald ihrer dichterischen Phantasie unterworfen hat, ist sehr bedeutend. Sie keimt den einzelnen Menschen ebenso genau, wie das Charakteristische der Stände und Gewerke, und ihre Grafen sind so treu nach der Natur gezeichnet, wie ihre Tischlermeister, Schäfer, Fischer und Bauern. Und hier müssen wir zur Erklärung dieser intimen Kenntniß auch der unteren Stände von der schönen Höhe, auf welche wir die Dichterin begleitet haben, noch einmal zurückkehren, von wo wir ausgingen, in ihr väterliches Haus dort hinten im alten Königsberg. Hier hat sie Jahre lang in stiller Muße den Blick an der Erfassung des Individuellen üben können; Tochter in einer zahlreichen Familie, Kind in dem großen Hause ihres Vaters, dessen Geschäft ihn mit sehr vielen und verschiedenartigen Menschen in Berührung brachte, Bewohnerin einer Stadt, die gerade klein genug war, um sie nach allen Richtungen hin in allen ihren Erscheinungen auswendig zu lernen, und doch wiederum groß genug, daß man dabei Vieles und viel lernen konnte – das war die treffliche Schule, die Fanny Lewald durchgemacht hat, der Boden, in dem ihre Physische wie geistige Existenz sicher wurzelt.

Das Gefühl dieser Sicherheit – eine Folge eben ihrer normalen, naturgemäßen Entwickelung – ist charakteristisch für Fanny Lewald. Niemand ist weniger in Gefahr, als sie, den Boden unter den Füßen zu verlieren und zu verhimmeln. „Homo sum, nihil humani mihi alienum puto“ – kann sie mit Fug und Recht auf sich anwenden, und sie drückte das in ihrer liebenswürdig sicherstelligen Weise in meiner Gegenwart einmal mit den halb scherzhaft, halb ernsthaft gemeinten Worten aus: „Ob ich als Schriftstellerin etwas Bedeutendes leiste, weiß ich nicht – das aber weiß ich mit Bestimmtheit, daß ich eine gute Hausfrau bin.“

Friedrich Spielhagen.

  1. * Ich verweise den Leser auf das Buch, wie ich denn überall bei der Gedrängtheit dieser Skizze, zu welcher mich der gedrängte Raum des Blattes zwingt, die Bekanntschaft, resp. Erneuerung der Bekanntschaft mit den Werken der Dichterin zur Voraussetzung nehme.
  2. * Italienisches Bilderbuch 1847. Erinnerungen aus dein Jahre 1848. England und Schottland 1851.