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Textdaten
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Autor: Ernst Keiler
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Titel: Familienchronik
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 739
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[739] Familienchronik. Die Plauderei in Nr. 37 der „Gartenlaube“ über eine gründliche Reform des Photographiealbums war außerordentlich zeitgemäß und man kann wohl nur wünschen, daß die in derselben enthaltenen Vorschläge nicht bloß gelesen, sondern auch wirklich praktisch verwerthet werden mögen. Ich möchte aber einen zweiten „Hausschatz“ in Vorschlag bringen, der von einem Photographiealbum unabhängig ist und doch nicht minder werthvoll sein dürste. Enthält ein Photographiealbum die Bilder der Mitglieder, Freunde etc. der Familie, so möchte ich in dem zweiten Hausschatz eine Chronik aller irgendwie bedeutungsvollen Ereignisse und Begebenheiten im Leben der einzelnen Glieder der Familie, eine Familienchronik mit kurzen Biographien, schaffen.

Gewiß wird niemand der Behauptung widersprechen, daß in vielen Kreisen Nichtadeliger eine große Unkenntniß über das Leben der Vorfahren der Väter und Mütter, Großväter und Großmütter etc. herrscht. Nur einer geringen Zahl sind vielleicht Episoden aus der Lebensgeschichte der ihnen am nächsten stehenden Anverwandten bekannt, und es ist wohl häufig genug, daß den Kindern selbst das Leben ihrer Eltern ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch ist. Wenn etwa eingewendet wird, daß so in den Schichten der bürgerlichen Welt der Einzelne zumeist ein ereignißloses bescheidenes Leben führt, welches dem oberflächlichen Anschein nach gar keine Veranlassung gäbe, die bedeutungslosen Vorgänge desselben für die Nachkommen aufzuschreiben, so steht hingegen doch auch wieder fest, daß kein Menschenleben, wie still es auch dahinfließen mag oder mochte, so wenig Lehrreiches bietet, daß ein heranreifender Sohn oder Enkel auch nicht ein Nützliches darin fände, was ihm auf seinem Lebenswege in irgend einer Weise – sei es als aneiferndes Beispiel oder vielleicht als warnendes Exempel – förderlich sein könnte. Und selbst wenn man ganz und gar absehen würde von dem gewissermaßen erziehlichen Charakter derartiger Aufzeichnungen der Väter und Großväter, die nach ihrem Ableben diese ihre Gedenkblätter dem ältesten Sohn oder in Ermanglung männlichen Nachwuchses auf die erstgeborene Tochter vererben könnten, wird unbedingt zugegeben werden müssen, daß diese in Notizenform niedergelegten Aufschreibungen gewiß vom Standpunkte der Familientradition aus Werth haben werden.

Wie oft würde z. B. ein zum Manne herangereifter Sohn oder Enkel, oder selbst der Jüngling gerne in diesen Blättern seines längst verblichenen, ihm vielleicht unbekannten Großvaters oder Vaters lesen, wie oft würde ihn nicht diese oder jene Einzelheit aus dem Leben des ihm so Nahestehenden erfreuen, erwärmen, erheben, vielleicht trösten in einer Stunde der Zweifel, der Trübsal, des Kummers; wie oft würde ihm nicht etwa ein wenn auch noch so einfach und ungekünstelt niedergeschriebener Satz seines Vaters oder Großvaters den Pfad angeben können, den er zu seinem Glücke einschlagen könnte! Wie oft aber auch würde das geistige Bild der geliebten Eltern und Großeltern durch die Lektüre solcher schlicht und einfach niedergeschriebenen aphoristischen Lebenserinnerungen dem Sohne und Enkel wieder in voller Lebenswahrheit und lebendiger Plastik die Züge des Entschlafenen, sein Wesen und Gehaben, all seine guten Eigenschaften oder auch seine kleinen Schwächen, seine Erlebnisse und Erfahrungen vors Auge führen und der Leser würde mit den geschiedenen Lieben ein Stündchen in weihevoller inniger Berührung verbringen! Vielleicht werden sich aber Stimmen erheben, welche sagen, daß unsere Zeit für solche „Sentimentalität“ ungeeignet, daß eine also verlebte Stunde einen Zeitverlust bedeute und besser für praktische Zwecke zu verwenden sei. Aber dessen ungeachtet möchte ich behaupten, daß eine solche Stunde, welche uns das Lebensbild eines Vorfahren vor die Seele führt, durch ihre belehrende Wirkung auch praktisch nutzbar werden kann. Ein weiterer Werth derartiger Aufschreibungen mag es sein, daß dieselben in späteren Tagen dem Kulturhistoriker, dem Lokalhistoriker, so vielleicht mitunter sogar dem Geschichtschreiber selbst nützlich werden können. Können nicht in manchen zweifelhaften Angelegenheiten, in manchen dämmerigen Fällen der Stadt- oder Landesgeschichte vielleicht sonst gänzlich bedeutungslose Familiennotizen Klarheit und Aufschluß bringen, wo sonst von keiner Seite her Licht zu erhalten ist? … Wie oft würden unsere heutigen Geschichtsforscher in solchen zweifelhaften Fällen rascher zu voller Aufklärung gelangen, hätten sie derartige Familienchroniken zur Hand, könnten sie aus solchem Borne schöpfen! … Und zur Ausführung dieser Idee ist kein schriftstellerisches Talent nothwendig, keine stilistische Gabe erforderlich; nein, selbst der einfachste Handwerksmeister vermag mit wenigen schlichten Sätzen bemerkenswerte Daten über sein eigenes Leben, über das Leben seines Kindes niederzuschreiben und so den Grund zu legen zu einer „Familienchronik“, welche, von den nachfolgenden Geschlechtern weitergeführt, für diese ein „Hausschatz“ im edelsten Sinne des Wortes sein würde.
Ernst Keiler.