Fürsorge für Genesende (Die Gartenlaube 1890/1)

Textdaten
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Titel: Fürsorge für Genesende
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 30,31
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Fürsorge für Genesende.

Zu den Anstalten, welche im Dienste edelster Menschlichkeit stehen, gehören unsere Krankenhäuser in denen nicht nur die armen, sondern selbst die reichen Kranken Hilfe und liebevolle Pflege finden. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist vieles geschehen, um diese Anstalten reicher auszustatten und zu vervollkommnen nach den Fortschritten der Wissenschaft. Wie viel Segen sie gestiftet haben und tagtäglich stiften, ist allbekannt: Die Krankenhäuser sind unentbehrliche, fest eingebürgerte Einrichtungen, deren weitere Entwickelung man der Sorge der Aerzte und Gemeinden anvertraut. Und doch dringt heute gerade aus den Krankenhäusern ein Ruf in die Oeffentlichkeit, welcher sich an den gemeinnützigen Sinn und die Opferfreudigkeit der Mitbürger wendet - ein Ruf, welcher neue edle Zwecke verfolgt und nicht ungehört verhallen darf.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Krankenhäuser den Patienten nur bis zu einer gewißen Grenze Hilfe leihen können; ihre Aufgabe besteht darin, den Kranken zu heilen, die Lebensgefahr abzuwenden; ist diese Heilung erfolgt, so wird der Kranke entlassen. Die Heilung in dem hier gebräuchlichen Sinne des Wortes ist jedoch nicht gleich bedeutend mit völliger Wiederherstellung. Wir wissen alle , daß nach schwereren und länger dauernden Krankheiten der Kranke sich nur allmählich erholt; er ist noch schwach, er muß noch für Kräftigung sorgen, er darf sich Anstrengungen nicht zumuthen; er ist noch kein Gesunder, sondern erst ein Genesender, ein „Rekonvalescent“, und als solcher bedarf er noch richtiger Schonung und Pflege.

Die Krankenhäuser sind nicht in der Lage, sich der Pflege der Genesenden zu widmen: einmal sind sie überall so sehr überfüllt, es kommen immer so viel neue schwere Kranke hinzu, daß die Genesenden den Hilfsbedürftigeren den Platz räumen müssen; andererseits ist das Krankenhaus kein geeigneter Aufenthalt für den Genesenden. Es fehlt ihm hier die Freiheit der Bewegung, namentlich in frischer Luft; die Anwesenheit Schwerkranker und der ernste Gang der Geschäfte wirken auf seinen seelischen Zustand nicht günstig ein.

Aus dem Hospital entlassen! Wie viele freuen sich, wenn sie durch das Thor der Anstalt schreiten können, um wieder in das volle Leben einzutreten, zu wirken und zu schaffen! Wie viele gehen aber noch schwankenden Schrittes mit bleichem Angesicht nach ihrem ärmlichen Heim! Der Winter ist da, der Schneesturm tobt und der Entlassene betritt seine Wohnung. In zahllosen Fällen ist diese Wohnung völlig ungenügend, dumpf und modrig, niemals vom lichten Sonnenstrahl erhellt. Und heute sieht es hier noch trauriger aus als vor ein paar Wochen. Die Krankheit des Familienernährers hat den Ausfall des Verdienstes zur Folge gehabt, und mit der Krankheit haben Entbehrung und oft Noth ihren Einzug die kleine Wohnung gehalten. Man lebt hier von Wind und Hoffnung; das können eine Zeit lang Gesunde ertragen, bis sie sich emporgearbeitet haben - aber der Genesende erwirbt sich in einem solchen Ringen um das Dasein nur zu oft den Keim zu neuem, tieferem, unheilbarem Siechthum. Diese Schattenseiten des Lebens waren längst bekannt und edle Menschen nahmen sich von jeher der Pflege der Schwachen an; jetzt greift in solchen Fällen unsere sociale Gesetzgebung durch ihre Krankenkassen vielfach helfend ein; aber Nächstenliebe und Geld sind nicht immer ausreichend.

Schon in früheren Jahrhunderten war man auf den Gedanken gekommen, für die Genesenden besondere Anstalten, „Genesungshäuser“" oder „Rekonvalescentenheime“ zu schaffen und so das Werk der Krankenpflege ganz durchzuführen. Es gab im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich eine große Anzahl solcher Anstalten, aber die Stürme der Revolution haben sie weggefegt.

Erst in der Mitte unseres Jahrhunderts regte sich dieser Gedanke von neuem. Frankreich und England hatten den Anfang gemacht, und ihnen schloß sich Deutschland an. Schon im Jahre 1861 wurde in München die Gründung eines solchen Heimes von dem „Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Rekonvalescenten“ angeregt und durch eine große Schenkung Ludwigs I. und ein Vermächtniß des Münchener Bürgers Adelmann gesichert, und so entstand ein Heim, welches leider nur 20 Betten hatte, aber doch reichen Nutzen stiftete. Im Jahre 1869 wurde die Frankfurter Rekonvalescentenanstalt begründet, eine Stunde von der Stadt inmitten eines Gartens gelegen; sie ist eine Zweiganstalt des Heiligen-Geist-Hospitals, war aber bis jetzt nur während des Sommers geöffnet.

Nach dem Kriege von 1870/71 sahen wir in dem wiedergewonnenen Elsaß vielleicht das schönste deutsche Heim für Genesende entstehen. Im Jahre 1876 vermachte der durch wahre Menschenliebe ausgezeichnete Straßburger Bürger Johann August Ehrmann sein nahezu 2 Millionen Mark betragendes Vermögen für gemeinnützige Zwecke, und über 800000 Mark davon waren zur Errichtung und Erhaltung eines Heims für Genesende bestimmt, welches den Namen von des Stifters Mutter Lovisa tragen sollte. Bald darauf erhob sich dieses „Lovisahospital“ in dem Straßburger Vorort Ruprechtsau, mitten in einem großen Parke mit schattigen Alleen, umgeben von Wiesen und Obstgärten. [31] In den letzten Jahren errichteten für Berlin die Johanniter, sowie die Orts- und Berufskrankenkassen Heime für Genesende in Lichterfelde mit 25 Betten und in Heinersdorf und Blankenburg mit 50 Betten. Zuletzt ist noch in Nürnberg eine derartige Anstalt mit 24 Betten entstanden, und in München wird eine zweite für 80 bis 100 Betten gebaut, während für Leipzig durch eine Stiftung von Dr. W. Schwabe auf zwei Gütern im Erzgebirge ähnliche Anstalten ins Leben gerufen worden sind.

So ist diese Angelegenheit längst über die Zeit der Versuche hinaus, überall ist man mit den erzielten Ergebnissen überaus zufrieden und mit Recht fordert man weitere Kreise zur Nachahmung auf. Wie selbst kleinere Anstalten segensreich wirken können, ersehen wir aus der Thatsache, daß die Münchener Anstalt mit einem Belegraum von nur 20 Betten jährlich 300 Genesende verpflegt hat.

Die Heime für Genesende sind noch in einer anderen Beziehung beachtenswerth: „Niemand ist für Wohlthaten, für liebevolle Pflege empfänglicher und dankbarer als ein von schwerer Krankheit Genesender; er ist der günstigsten Einwirkung auf Gemüth und Charakter zugänglich. Man kann diese ethische Seite nicht hoch genug anschlagen, insbesondere für die große Kategorie der männlichen und weiblichen Dienstboten und alleinstehenden Arbeiter, welche ihren Verdienst verloren haben und nicht wissen, wo sie ihr Haupt hinlegen sollen. Auch finden die Pfleglinge in ihren Bemühungen nach neuen Arbeitsstellen hier Hilfe und Rath.“ So äußerte sich ein Gewährsmann auf diesem Gebiete, Professor Dr. v. Ziemssen in München, auf der vorjährigen Versammlung des „deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege“; der Verein tagte in Straßburg und die Mitglieder konnten sich durch den Augenschein von dem segensreichen Wirken des „Lovisahospitals“ überzeugen.

Wir zweifeln nicht, daß unsere Berufsgenossenschaften die Errichtung solcher Heime anstreben und daß die Gemeinden sie dabei unterstützen werden; aber wir möchten auch an den Gemeinsinn und die Opferfreudigkeit der Mitbürger einen Mahnruf richten, für die unbemittelten Genesenden Stätten zu schaffen, „wo sie dasjenige finden, was dem Wohlhabenden im Kreise seiner Familie geboten wird, eine dem Körper wie dem Gemüth gleich wohlthuende Pflege“.*