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Autor: Sch..dt
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Titel: Für einen Volksdichter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 768
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[768] Für einen Volksdichter. Unsere Zeit ist der Poesie so ungünstig wie möglich. Sie verlangt offenen Blick für die Conflicte politischer und socialer Natur und mahnt durch ihren Materialismus davon ab, andächtig in die innere Welt des Gemüths zu schauen. Ein Dichter ist heut im Grunde ein Anachronismus; ein armer Poet gar, blaß, dürr, mit langen Locken, Augen zum Himmel und in schäbigem Oberrock bei zehn Grad Kälte, den begreist man nicht mehr. Warum wird er ein Weber und läßt sich von einem Drang treiben, der mit dem Drang seiner Zeit nicht harmonirt? Mag ihn der Teufel holen! Aber wie unheimlich dem realistischen Sinn der Gegenwart eine solche vormärzliche unglückliche Poetennatur erscheint, so sympathisch berührt es denselben, wenn ihm auf des Lebens prosaischen Kreuz- und Querfahrten einmal ein mit Gott und seinem Geschick zufriedener, gutgenährter Mensch begegnet, eine Leier am blauen Band, streichend durch den Wald mit frohen Augen, singend frische Lieder, muntere Weisen – kurz und gut, seines Zeichens ein Poet, ein deutscher Poet, sagen wir gleich. Ei, mein Gott, also Dichter! Seien Sie mir herzlich willkommen – es lebe die Kunst!

Ich hab’ mich immer gefreut, wenn ich nach dem Oasenparadies von Freienwalde am der Oder kam und den guten braven, großen, kräftigen Papa Weise besuchen konnte, justement, weil er auf seine alten Tage noch unter die deutschen Poeten gerathen ist. Ihr kennt doch den Dichter Carl Weise, habt doch gewiß einmal von seinen herzigen, duftigen Liedern im „Familienleben“ gehört, oder auch gar seine „Braut des Handwerkers“ gekauft, weil der schlaue Verleger einen Prachtband daraus gemacht? O, ganz bestimmt, den Dichter müßt ihr kennen! Denn ist’s auch ringsum prosaisch und conflictlich, im Familienleben ist doch für Jeden noch Poesie geblieben, wo der Friede des Herzens nach dem Hader mit dem Leben gesucht wird. Und wer hat inniger, herziger, drolliger, anheimelnder das Familienleben besungen, diese einzige erlaubte Poesie unserer Tage, als Carl Weise, zünftiger Drechslermeister in Freienwalde an der Oder? Glaubt ihr’s nicht, so geht in eine Buchhandlung, laßt euch sein „Familienleben“ oder sein „Zaubertöpfchen“ geben, blättert darin, leset ein paar Seiten und legt es dann dankend wieder auf den Tisch und empfehlt euch aus dem Laden – dann könnt ihr doch wenigstens über diesen Carl Weise reden, über diesen Naturdichter, wie man ihn heißt, weil er’s Dichten nicht studirt hat, sondern es directement aus dem Herzen dringt, wenn’s da voll ist.

Klimmt man das alte Pflaster der Freienwalder Hauptstraße nach dem Brunnen hinauf, dann kommt man an ein altes, windschiefes Haus, ärmlich, mit griesgrämigem Gesicht, an dem sich ein blaues Bretschild befindet, worauf geschrieben steht: „Carl Weise, Drechslermeister.“ Da tappe ich denn hinein, klinke die Stubenthür auf und da seh’ ich ihn stehen, den großen, kräftigen Mann, dem man seine sechsundfünfzig Jahre nicht anmerkt; in seinen schwarzen, lockigen Haaren haben sich die Hobelspähne eingenistet – er wirft mit der einen Hand die eben bearbeitete Treppentraille in die Ecke, mit der andern – eine recht gesunde, feste Arbeiterhand – packt er die meine, und dann leuchten seine hellen, lebhaften Augen zu dem herzlichsten aller Willkommen, und dann kommt aus dem Wohnzimmer sein liebes, schlichtes Weib mit dem Jüngsten auf dem Arm, und hinter ihr her, wie Orgelpfeifen abgestuft, eines nach dem andern von seinen goldlockigen, lärmenden, heiteren Mädchen – und „Guten Tag!“ hier, „Guten Tag!“ da, Hände und Händchen zum Drücken; ja, der Mann kann wohl das Familienleben besingen, denn er hat eine recht zahlreiche und kreuzfidele Familie! Dabei ist auch der Geldbeutel immer einladend leer; denn, du lieber Gott! die Drechslerkunst bringt in dem kleinen Freienwalde nicht viel ein und das Handwerk als Dichter, na, das hat jedenfalls keinen goldenen Boden. Und darauf hat Carl Weise auch sein Lebtag nicht gerechnet. Wär’ im Leben vielleicht nichts von ihm gedruckt worden, wenn nicht ein paar Menschen, die echtes Gold von falschem unterscheiden konnten, mit einem Vorrath seiner Gedichte zu einem Buchhändler gegangen wären, der es dann über sich gewann. Heute noch, wo ihm wohlfeile Gönner so manchmal den Kopf verdrehen möchten, ohne daß es ihnen gelingt, bleibt der Drechsler bei seiner Hobelbank und bringt’s erst nach Feierabend zu Papier, wenn ihn Etwas auf dem Herzen drückt.

Freilich, verdient hätte er’s wohl, daß er ein bischen weniger Sorgen um das tägliche Brod habe, eben weil er ein schlichter Arbeiter ist, der das Gold der Poesie im Herzen trägt. Das haben auch die Handwerker, seine Collegen, am ersten eingesehen und der Wrietzener Handwerker-Verein hat eine Sammlung für Carl Weise in die Hand genommen, um wenigstens so viel für ihn zusammenzubringen, daß er sich ein kleines Häuschen bauen kann. An fünfhundert Thaler haben die Handwerkervereine auch schon beisammen; aber was ist das? Das langt nicht zu. Ach, für einen Dichter fallen die Groschen schwer ab! Einen halben Morgen Land zum Bauen haben sie ihm zwar auch schon in Aussicht gestellt, Andere nämlich; aber am Ende ist ein Habich besser als ein Dutzend Hättich. Und wahrhaftig, traurig wär’s doch, wenn nun dem guten, wackern,

reichbegabten Weise die Hoffnung zu Wasser würde, die sie in ihm ohne sein Zuthun aufgerufen! Ein tausend Thälerchen für einen so guten Volksdichter, den man alle Tage bei der Drechslerbank aufsuchen kann, die müßten doch wohl nicht schwer zu beschaffen sein. Aber natürlich wissen muß man’s, daß es gut wäre, daß es eine schöne That bildete, einem solchen Dichter ein Häuschen zu beschaffen, damit es ihm nicht allzu sauer würde, seine große Familie zu ernähren, und damit er mit mehr Ruhe noch manches solcher Lieder dichte, welche ihn so vielen Familien aller Kreise lieb und werth gemacht haben! Und damit man’s weiß und damit der geben kann, der will, ist für Carl Weise dies Geschichtchen geschrieben worden. Lieber Leser, denk’ a Bissel nach, denk’ a Bissel dran!
Sch . . dt.