Für die hilfsbedürftigen Weber im Glatzer- und Eulengebirge

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Titel: Für die hilfsbedürftigen Weber im Glatzer- und Eulengebirge
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 199
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[199] Für die hilfsbedürftigen Weber im Glatzer- und Eulengebirge, deren Schicksal wir in Nr. 42 des vorigen Jahrg. aufs neue zur Sprache gebracht haben, hat sich im Kreise Waldenburg in Schlesien und mit besonderer Rücksicht auf die Bedürfnisse dieses Kreises erfreulicherweise ein Frauenverein gebildet, der, wie uns mitgeteilt wird, in verhältnismäßig kurzer Zeit recht günstige Resultate aufweisen kann. Dieser unter der Bezeichnung „Arbeitsvermittelung für hilfsbedürftige Weber zu Michelsdorf, Kreis Waldenburg in Schlesien“ bestehende Damenverein verfolgt sein Ziel nach verschiedenen Richtungen. Wir entnehmen einem uns aus der Mitte dieses Vereines zugegangenen Schreiben das Nähere. Zunächst suchen sie bessere Erwerbsverhältnisse für diejenigen Weber zu schaffen, welche infolge ihrer geschwächten Körperkonstitution schlechterdings irgend etwas anderes als das von Kindheit an Geübte zu thun nicht mehr imstande sind. Das geschieht dadurch, daß die Rohmaterialien im ganzen eingekauft und die armen Handweber und Spuler nicht allein mit regelmäßiger Arbeit versehen werden, sondern auch für die Ausführung der Arbeiten noch um 20 bis 40 % erhöhte Arbeitslöhne erhalten. So gelangen sie zu einem sicheren und besseren Verdienst, so daß sie sich auch besser ernähren können, was langsame Hebung der Kräfte des Einzelnen zur Folge hat. Dies haben die Damen in einigen Bezirken erreicht und dieses Liebeswerk verdient thatkräftige Unterstützung. Um nun die fertig abgelieferten Waren sofort verkaufen zu können, ist in Michelsdorf eine Verkaufsstelle – Hauptniederlage – errichtet, wo die gewebten Stoffe verkauft werden, und dadurch ist dem Publikum Gelegenheit gegeben worden, beste, haltbarste Stoffe jeder Art zu billigem Preise zu erwerben. Auch das Warenhaus des Offiziervereins in Berlin, Dorotheenstraße, hat den Verkauf dieser Webereien übernommen, ohne Gebühren dafür zu berechnen, so daß die Stoffe durch den Vertrieb und Zwischenhandel nicht verteuert werden. Hierdurch – also durch den Wegfall des Zwischenhandels – ist es möglich, der Weberhilfskasse von jeder Bestellung noch einige Prozent Gewinnanteil zuzuführen. Auf diesem Wege hat der Damenverein in den letzten beiden Jahren eine besondere Einnahme von rund 5000 Mark erzielt, welche zur Gewährung von fortlaufenden oder einmaligen Unterstützungen verwandt worden ist. Die letzten Rechenschaftsberichte des Vereins ergeben das Nähere, dieselben sind von der „Arbeitsvermittelung“ in Michelsdorf zu erhalten. Wenn aus weiteren Kreisen des Publikums durch umfangreiche Einkäufe ihres Bedarfs, die dem eigenen Vorteil entsprechen würden, das hochherzige Streben der Damen unterstützt würde, könnten diese ihr wirklich praktisches Liebeswerk noch mehr erweitern.

Ein zweites Ziel des Vereins ist, die neue Generation einer lohnenderen Berufsart zuzuführen. Sind die erwachsenen Weber in trostloser Lage, gegen die sie durch lange Gewöhnung freilich abgestumpft wurden, so ist das Elend der armen Kinder geradezu herzbrechend: schon vom fünften Jahre an, oft sogar noch früher, müssen sie vom frühen Morgen bis zum Abend spulen; Kinderlust und Freude sind ihnen unbekannte Begriffe, denn sie sind unablässig an die geisttötende Arbeit gefesselt, wobei sie durch das Staubschlucken in dumpfiger Stube, den sauren Kleistergeruch verkümmern. Da ist Hilfe nun schwer. Einmal können viele Eltern die paar Pfennige wirklich nicht entbehren, welche auch die noch nicht schulpflichtigen Kinder wöchentlich durch Spulen verdienen müssen, dann aber ist auch der Unverstand der Eltern, ihre stumpfe Gleichgültigkeit, durch lange physische Not und Entbehrung erzeugt, so groß, daß sie nicht einsehen wollen, was zum Wohl ihrer Kinder dient.

Manche freilich würden diesen auch gern eine bessere Zukunft sichern, wenn sie irgend dazu imstande wären. Dies wird vom Verein teilweise dadurch erreicht, daß Prämien bezw. Beihilfen teils in bar, teils in Naturalien an solche Weberkinder bewilligt werden, welche sich einem anderen Berufe als der Weberei zuwenden. Auf diese Weise ist schon eine ganze Anzahl Kinder, Knaben wie Mädchen, dem Weberelend entrissen und anderen Berufen zugeführt worden. Erfreulich ist es, zu sehen, wie sich diese Kinder unter anderen gesunden Lebensbedingungen überraschend schnell erholen; aus den bleichen, hohläugigen Jammergestalten werden frische, fröhliche Kinder, die fleißig und willig ihre kleinen Hände rühren und die auf sie verwendete Mühe reichlich lohnen. Leider ist es bisher nicht möglich gewesen, diese Wohlthat allen Kindern zu gewähren, für die sie Rettung aus lebenslänglichem Elend bedeutet. Hier die helfende Hand zu reichen, wird gewiß mancher Menschenfreund bereit sein, nun er davon erfahren.