Evangelien-Postille (Wilhelm Löhe)/Passionskapitel 15

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15.
 NOch haben wir vier von den letzten Worten des HErrn zu betrachten, von denen je zwei und zwei in inniger Beziehung zu einander stehen. Allen zusammen gieng jene wunderbare Finsternis voran, welche den Astronomen nicht weniger vergebliche Bemühung gemacht hat, als der Stern der Weisen. Was man auch in älterer und neuerer Zeit versucht hat, die Finsternis des Charfreitags aus natürlichen Ursachen zu erklären, es hat sich doch nichts auffinden laßen, wodurch man das große Wunder zu einem bloß unter der Hand der göttlichen Vorsehung geordneten Zusammentreffen natürlicher Umstände hätte umstempeln können. Die Finsternis hier, wie in der Todes- und Auferstehungsstunde das Leben der Erde, ist rein die Feier, mit welcher die Natur die Vorgänge jener wichtigsten aller Stunden harmonisch begleitete. Die Sonne verliert den Schein − Finsternis legt sich über das heilige Land, denn unsre Sonne wird am Kreuz verfinstert und während die Nacht am Mittag eintritt, treffen die Pfeile, die am Mittag fliegen, die Seele des Erlösers desto grausamer. Das Leiden des HErrn kommt in dieser Finsternis auf seine Höhe. Hier ist es nicht, wie in der Nacht vorher, da Er in Gethsemane Blut schwitzte: in Gethsemane stand der HErr in lebendiger Wechselbeziehung mit Seinem Vater. Hier aber wird Seine Verlaßenheit und Seine einsame Arbeit viel stärker. Auch kein schlafender Jünger ist bei Ihm; oder ja, Johannes und die theure Mutter sind da; aber was helfen die Trostlosen dem HErrn in Seinen hohen Anfechtungen? Er hilft ihnen, wie die Worte vorher zeigten, noch vom Kreuze: Ihm hilft niemand. Vielleicht legte sich während der Finsternis der Spott und Hohn, vielleicht schauerte doch auch den Feinden die Haut und das innerste Mark; vielleicht war es ganz still in der Finsternis ums Kreuz her. Aber diese Stille war nicht erquicklicher, als das Geräusch. Im Gegentheil, das Grauen einer Nacht kam über den HErrn am Mittag, wie sie nie einmal zur natürlichen Zeit über die Erde gekommen war. Leiden am Licht der Sonnen ist an und für sich leichter, als Leiden in der Finsternis. Licht ist wie Gottesnähe, aber Finsternis deutet auf Gottverlaßenheit. Und das wars nun eben, was über den HErrn kam, Gottverlaßenheit. Kein Engel kam, auch die Engel zogen sich anbetend vor dem Werk zurück, an welchem der Erlöser nun arbeitete, − und der Vater Selbst entriß Sich Seinem Sohne, auf daß Er für alle Welt schmeckte, was Qual der Hölle, was Gottverlaßenheit ist. Gottverlaßenheit: wißen die Teufel, die sie ewig fühlen, was sie ist? Können sie den Grabstein schauen und begreifen, der sie ewig, ewig niederdrückt? Wiß es, wer kann; für mich weiß und erfuhr es einer, der mich durch sein Erfahren vor der Erfahrung behütet hat, welche mir einen ewigen Tod unabweisbar gebracht hätte. Ich weiß nicht, was das ist, Gottverlaßenheit, will und mag es nicht wißen. Ich weiß nur, daß das Höllenqual ist, daß also der HErr vom Mittag bis gegen drei Uhr Höllenqualen fühlte. Ich weiß nicht, was im Himmel und in der Seele des Erlösers vorgieng, um Gottverlaßenheit zu wirken;| aber mich schaudert vor dem Gedanken − und ein nächtlich Grauen geht über meine Seele, wie über die Natur in jenen Stunden. Hier sehe ich, daß es eine vollkommene Wahrheit ist mit der Lehre St. Pauli und Luthers von dem stellvertretenden Büßen JEsu. Wer es hier nicht sieht, ist blinder als jene Nacht, die den Gekreuzigten umfieng. Ich sehe es und ich weiß die Antwort auf die Frage des Verlaßenen, der nicht verließ Den, der Ihn verließ, − ich weiß die Antwort auf das vierte Wort vom Kreuze, auf die Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du Mich verlaßen?“ − Warum? Warum bist Du ein Bürge worden, ein Schuldbüßer für diese Juden, für diese Kriegsknechte, für Deine undankbarsten Beleidiger und für meine Väter und mich und meine Kinder? Du fragst warum, aber du weißt die Antwort, und deine Frage ist nicht eine Frage der Unwißenheit, sondern des Erstaunens. Du hast es je und je gewußt, was für finstre Stunden kommen würden; darum war Dir so bange; aber Dein Arm hilft Dir und Dein durchbohrter Fuß zaudert nicht. Drei Fuße gehst Du durch diese Thale des ewigen Todes − aber nun ist Dein Gang zu Ende und über ein Kleines, so scheint Deine Sonne, das Angesicht Deines Vaters wieder hell! −

 Ich habe gesagt, daß zwei und zwei von den vier letzten Worten JEsu in inniger Beziehung zu einander stehen. Das Wort, welches auf die Frage um die Ursache der Gottverlaßenheit kommt, heißt: „Mich dürstet.“ Wie steht das mit dem vorausgehenden Worte in Verbindung? − Die Seelenqual des HErrn stieg mit dem dreistündigen Gefühl der Gottverlaßenheit auf den höchsten Gipfel. Ehe der HErr zu diesem Kampfe gieng, versorgte Er noch Seine Mutter und schloß mit allem irdischen Wesen ab. Völlig los von allem andern gieng Er in den finstern Kampf um Sein höchstes Gut, die Liebe und den Frieden Seines Vaters für Sich − und für uns. Beispielloser, über alles Ahnen der Menschen hinaus greifender Kampf, den ohne Offenbarung die Sonne fühlen, aber kein Geist begreifen oder faßen konnte. Nun ist dieser Kampf siegreich vollendet, − und JEsus „wußte nun, wie St. Johannes 19, 28. sagt, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllet würde.“ Nun konnte Er die Macht brauchen, die Er hatte, Sein Leben zu laßen, − Er konnte Seine Seele von Leibes, des gequälten Leibes Banden lösen. Aber Er fühlt ein brennendes Weh des Leibes, Durst, lechzender Durst, den Er vor dem Scheiden stillen und nicht in den letzten Augenblick hinein mitnehmen will, verzehrt Sein Gebein. Wie das Wort „Warum hast Du Mich verlaßen“ die höchste Höhe und größte Tiefe Seiner Seelenleiden andeutet, so deutet das Wort: „Mich dürstet“ auf den Gipfelpunkt aller Seiner Leibesqualen. Er hängt nun mit brennenden Wunden sechs Stunden am Kreuze, all Sein Blut ist ausgeschüttet, Sein Leib ist vertrocknet, wie eine Scherbe, all Seine Gebeine kann Er zählen, quälendes Fieber, heiß und weh, peinigt Seinen Leib, − und die Qual der Seele, die Gottverlaßenheit, hat Seinem Leibesleiden den Beitrag gethan, durch welchen es unerträglich wurde. Ach, was sag, was schwatz ich, − unerträglich war Dein Weh, o JEsu, schon zuvor, schon ohne Deine innere Qual, aber Deine innere und Deine äußere Qual dauerten drei Stunden zugleich. Was Wunder, wenn Dein Leibesschmerz aufs Höchste stieg und Verschmachten und Verzehren sich Deiner müden Brust, Deines Halses bemeistern wollte. Heftige innere Bewegung trocknet auch dem Gesunden Stimm und Kehle aus und erregt das Verlangen nach Waßer. Wie konnte es bei Dir anders sein, o JEsu, der Du von großem Verlangen unsers Heiles in den heißen Seelenkampf der Gottverlaßenheit giengst? „Mich dürstet“ − ruft auf der Höhe Seiner letzten Leibesleiden der HErr. Ja, Dich dürstet! Gedenke mein, wenn ich dürsten werde! Gedenke mein, wenn mich meiner Sünden Ahndung und Deine heiße prüfende Hand in die Leiden meines letzten Durstes einsenken wird! Der Du gedürstet hast, wie keiner, gedenke meiner! – – –

 Als der HErr mit dem elenden Essig der Missethäter, unter Hohn und Spott der Wache getränkt war, ruft Er aus − mit lauter Stimme, wie ein Löwe, der des Sieges gewis ist und den Tod erwürgen will, wie ein Held, der mit lautem Geschrei seinen Feind zum tödtlichen Kampfe faßt: „Es ist vollbracht! − Vater, in Deine Hände befehle Ich Meinen Geist!“ Zwei Worte, von denen jenes, obwohl die ganze Lebens- und Leidenszeit abschließend, doch auch in diese Augenblicke hereinragt, − von denen dieses, obwohl von einer nahen Zukunft des Abscheidens und Heimgehens redend, doch auch jetzt schon, in dem Augenblick, da es gesagt wird, volle Wahrheit| ist. Es ist vollbracht − vollbracht bis zum letzten Abdruck, der nun unmittelbar folgen wird: vollbracht ist Opfer, stellvertretendes Leiden und Gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Nicht bloß zu Ende ists, nein vollbracht, im eigentlichen Sinn des deutschen Wortes vollbracht, wohl gethan ist alles. „Es ist vollbracht“, das ist ein Siegsgeschrei, in welches wir alles hineinlegen dürfen, was wir von Seinem Siege zu denken und zu sagen wißen. „Es ist vollbracht“ − das wird gerufen − ohne Freud und Leid, es wird gerufen in dem Augenblick der größten That, wo der HErr vielleicht an Freud und Leid nicht dachte, sondern allein an Seinen letzten Augenblick und den endlichen Vollzug des Opfers in der Lösung Leibes und der Seele. Das ist ein Ruf, vor dem der Teufel erschrickt, − bei welchem der Himmel zu seinen Harfen greift und das Gloria bereitet wird. − Und horch, nun, noch einen Ruf: „Vater, in Deine Hände befehl Ich Meinen Geist!“ Das ist kein Gebet, keine Bitte, oder wenigstens nicht hervorragend ist die Bitte an den Vater, diesen Geist aufzunehmen, sondern diese Worte reden von einer That. Er befiehlt, d. i. übergibt Seine Seele in des Vaters Hand fürs schöne Paradies. Kein Mensch kann die Bande zwischen Leib und Seele lösen, − kein Mensch hat Macht, sie zu lösen, − kein Mensch kennt sie; aber JEsus hat Macht über die Ihm wohlbekannten Bande: Er kann und darf Seine Seele lösen, vom Leibe frei machen und sterben. Freiwillig − ohne Nöthigung, denn für Ihn gibt es keinen natürlichen Tod in dem Sinn, wie für uns, − durch eigenen Entschluß stirbt Er und opfert Sich sterbend für uns Alle auf. Der Hohepriester vollzieht an Sich Selbst die größte That: Seine Seele entweicht, Sein Haupt neigt sich zur Brust; − zum Paradiese geht die gottverlobte, gottverwandte Seele, auf stehen die seligen Geister, freudenvoll wird begrüßt die bluttriefende, die kostbare Seele des Lämmleins Gottes; aus für immer ists mit des Teufels Hoffnung, gewonnen für uns ists auf ewige Zeiten − und paradiesische Freudenstunden hat die Seele JEsu zwischen ihrer Hinfahrt zum Paradies und der Höllenfahrt: Ruhe genießt sie am Ort der stillen Ruhe, wenn sie auch sehnlich sich auf die Wiedervereinigung mit dem Tempel ihres Leibes freut. − So ist gewonnen. Nun freut euch, ihr heiligen Engel und Auserwählten! Nun freut euch, ihr heiligen Propheten! Nun freut euch, ihr abgeschiedenen Seelen! Nun freut euch − ja bald freut euch, ihr heiligen Apostel. Nun freue dich, meine Seele!





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