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Textdaten
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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 9
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 794-796
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[794]

Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.

Von Claire von Glümer.
IX.

Ein hervorragender Zug in Wilhelminens Wesen war ihre thätige Menschenliebe. Tausend Beweise ihrer Güte und Großmuth sind bekannt, eben so viel, wenn nicht mehr, hat sie im Stillen gethan, und es war nicht jenes gleichgültige Hingeben von Almosen, womit so Viele genug zu thun meinen, nicht jenes hastige Sichloskaufen von den Ansprüchen, die Krankheit, Alter und Armuth nun einmal an die Besitzenden machen – es war ein inniges schmerzliches Theilnehmen an den Leiden ihrer Mitmenschen, ein unablässiges Bestreben, nach Kräften dem Elend abzuhelfen, das sie auf ihren Wegen fand.

Die Wechselwirkung blieb nicht aus. Wilhelmine Schröder-Devrient war die wohlthätige Frau, zu der sich alle Bedrängten flüchteten, der sie vertrauensvoll ihre großen und kleinen Sorgen an’s Herz legten. Unter den Papieren der Verewigten befanden sich unzählige Bittschriften und Danksagungen. Bald hat sie ein Concert zum Besten der Abgebrannten gegeben, bald den Ertrag eines Gastspiels den Ueberschwemmten zu Gute kommen lassen, oder für die hungernden Spitzenklöpplerinnen im Gebirge, oder für den Hülfsverein der Deutschen in Paris gesungen. Ein armer Student bittet sie um ein paar Louisd’or, eine verzweifelnde Mutter um Brod für ihre Kleinen, oder ein Schauspieler ohne Engagement schreibt ihr, daß er für sich und die Seinen keine Rettung weiß, wenn sie nicht einschreitet. Eine Menge junger Talente haben es nur ihrem Beistand zu danken, daß sie nicht im Kampf mit Noth und Muthlosigkeit untergegangen sind; einige derselben hat sie erst entdeckt und hat ihnen die Mittel zu ihrer Ausbildung gegeben, und nie hat einer ihrer Kunstgenossen vergebens um ihren Beistand gebeten. Die letzten Concerte, in denen sie sang, waren zum Besten ehemaliger Collegen oder wohlthätiger Stiftungen. Noch im Winter 1858, als ihre Kraft schon durch Krankheit gebrochen war, unterrichtete sie ein paar arme junge Mädchen, die sich zu Sängerinnen ausbilden wollten, und wenige Monate vor ihrem Tode scheute sie weder Unruhe noch Anstrengung, um einen jungen Künstler durch die Verloosung eines Bildes zu unterstützen, das sie nicht selber kaufen konnte.

Sie war aber nicht allein barmherzig und mildthätig, sie war auch großmüthig, wenn es galt Freude zu bereiten. So hatte sie sich einst einen neuen Flügel angeschafft, wollte ihr älteres Instrument verkaufen und ließ es im Anzeiger bekannt machen. Der erste Käufer, der sich meldete, war ein ziemlich dürftig aussehender junger Mann, ein Schulamtscandidat, der beim Anblick des schönen Instruments zwar sogleich erkannte, daß es nicht für ihn paßte, doch dem Verlangen es zu probiren nicht widerstehen konnte. Er spielte gut, und während er sich mehr und mehr in seinen Phantasien verlor, trat Wilhelmine Schröder-Devrient ins Zimmer. Verwirrt sprang er auf, als er sie bemerkte, aber sie knüpfte in ihrer freundlichen Weise ein Gespräch mit ihm an, ließ sich von seinen Verhältnissen erzählen und flößte dem Schüchternen so viel Zutrauen ein, daß er sie endlich fragte: ob sie ihm das fragliche Instrument unter der Bedingung überlassen würde, daß er ihr eine geringe Summe – seine ganze Baarschaft – anzahle und den Rest nach und nach abtrüge. Die Künstlerin erwiderte ziemlich kurz, daß sie sich darauf nicht einlassen könne, und der arme junge Mann ging in dem Bewußtsein, eine Unschicklichkeit begangen zu haben, schweren Herzens an sein Tagewerk. Als er aber nach Hause kam, stand das Instrument in seiner Stube, und darauf lag ein Billet Wiihelminens mit der Bitte, das Geschenk freundlich von ihr anzunehmen.

So lange Wilhelmine Schröder-Devrient in Dresden engagirt war, veranstaltete sie alljährlich eine große Weihnachtsbescheerung für ihre Armen. Zuweilen waren 20 bis 30 Personen zu beschenken, und gewiß fand sie für jeden das heraus, was ihm am [795] nöthigsten war. Die Großmutter brauchte einen warmen Rock, der Vater eine Pelzmütze, die Kinder hatten keine Kleider, um zur Schule zu gehen, die Mutter hatte das eigene Bett geplündert, um dem Jüngstgebornen ein warmes Nestchen zu machen. Oder es fehlte an Wäsche, an warmen Strümpfen, an derben Schuhen. Wochenlang trug Wilhelmine mit eigenen Händen alles Nöthige zusammen. Es war ein eigenthümlicher Anblick, die stattliche Frau im schwarzen Atlasmantel, den schwarzen Federhut auf den blonden Locken, mitten im Gedränge des Christmarktes zu sehen; in einem Arme einen Ballen Leinwand, im andern ein Packet rothen Flanell; dazu ein halbes Dutzend Paar Filzschuhe an einen Bindfaden gereiht oder ein Paar rindslederne Knabenstiefel; bunte wollene Shawls, Fausthandschuhe, Kinderklappern, Puppen, Pferdchen für die Kleinen – es war unbegreiflich, wie sie so viel auf einmal fortbringen konnte. Aber es war ihre größte Lust, und wenn sie in einer der Buden etwas entdeckte, was ihren Schützlingen Freude machen konnte, nahm sie es mit, eben so unbekümmert um die Last, die sie sich aufbürdete, wie um die verwunderten Blicke, die ihr folgten. Begegnete ihr ein Bekannter, so wurde er unbarmherzig mit Stiefeln, Flanell und Leinwandballen beladen, während sie sich selbst mit andern Dingen belud. Entschuldigungen, wie „nicht Zeit haben“, ließ sie nicht gelten. „Ihr könnt auch einmal was für die Armen thun“ sagte sie; „denn Ihr habt doch Euer Lebtag noch nicht daran gedacht“, und die Furcht vor ihrem Spott hat mehr als einmal einen eiteln Patron in Lackstiefeln gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und beladen wie ein Eckensteher bis zu ihrer Wohnung neben ihr herzugehen, während er vor Verlegenheit in die Erde sinken zu müssen glaubte. Zu Hause wurde eifrig zugeschnitten und genäht, und fast alle Strümpfe, die Wilhelmine zu Weihnachten verschenkte, hatte sie mit eignen Händen gestrickt. Da es ihr sonst an Zeit fehlte, hatte sie die Gewohnheit angenommen, für ihre Armen zu stricken, während sie sich frisiren ließ – ein Gebrauch, dem sie viele Jahre lang treu geblieben ist. –

Erst wenn Alles für die Armen in Bereitschaft war, kam das Suchen und Wählen für die Freunde an die Reihe; aber auch bei der Bescheerung am Weihnachtsabend hatten die Armen das Vorrecht. Ein ungeheurer Baum war für sie angeputzt, überladen mit den feinsten Süßigkeiten. „Die Armen sollen auch einmal wissen, wie die schönen Sachen schmecken, die sie sonst nur an den Schaufenstern sehen“, sagte Wilhelmine, als einer ihrer Bekannten meinte, sie hätte besser gethan, statt dieser theuern Näschereien etwas Nützliches zu kaufen. Rings um den Baum wurden die Geschenke ausgelegt. Auch das besorgte Wilhelmine selbst, und immer wußte sie die Röcke und Kappen, die Wirthschaftsgeräthe und Spielsachen zu einem anmuthigen Bilde zu vereinigen. War Alles in Ordnung, so nahm sie ein Glöckchen zur Hand, öffnete die Thür, ließ die ersehnten Töne erschallen, und nun stürmte die Schaar ihrer Pfleglinge herein, um geblendet vcm Glanze wieder stehen zu bleiben, bis sie jedem Einzelnen mit einem freundlichen Worte, einem Scherz, einer Mahnung das ihm Bestimmte zuwies. Wenn der erste Jubel verklungen war, wurde der Baum geplündert – es war Wilhelminens Freude zu sehen, wie sich Alt und Jung um die besten Stücke rissen – und dann brachte sie die Danksagungen, die v[o]n allen Seiten auf sie einstürmten, durch ein scherzhaftes: „Macht, daß Ihr fortkommt!“ zu Ende.

Wilhelminens ältester Sohn wurde in einem Dresdner Institut erzogen; er verlebte die Weihnachtsabende bei der Mutter, bekam aber nicht eher bescheert, bis er ein paar arme Knaben von der Straße mitbrachte, die dann auch ihren Antheil erhielten. „Der Junge soll sich von Jugend auf gewöhnen, an die Armen zu denken,“ sagte sie; aber so leicht die Aufgabe des Kleinen zu sein schien, so schwer war sie oft zu erfüllen. Viele der Eingeladenen waren der Meinung, daß man sich einen Scherz mit ihnen machen wolle, und antworteten durch Grobheiten auf die freundlichen Aufforderungen. Einmal kam Wilhelm sogar im höchsten Zorn ganz allein von seinem Streifzuge zurück. Der Abend war stürmisch, heftige Schneeschauer hielten die Meisten, die sich sonst auf dem Christmarkt herumtrieben, in den Häusern fest. Erst nach langem Suchen war es ihm gelungen, wenigstens einen Bettelbuben zum Mitgehen zu bewegen. Bis an das Schloßthor war er ihm denn auch willig gefolgt, aber als es seitwärts ging, in die dunkle Ferne, wo der Wind so unheimlich mit dem Wasser um die Wette rauschte, – Wilhelmine wohnte damals an der Elbe in dem jetzigen Hotel Bellevue – wurde der Kleine bedenklich. Nur die lebhafte Schilderung der Herrlichkeiten, die ihn erwarteten, brachte ihn noch vorwärts, doch nur bis an die katholische Kirche – hier blieb er stehen und erklärte seinem Führer, daß er unter keiner Bedingung weiter ginge. Vergebens ging Wilhelm von Bitten zu Drohungen über, vergebens nahm er endlich sogar zu Gewaltmaßegelu seine Zuflucht – der Sohn des Volkes ließ ihm einen Zipfel der Jacke in den Händen zurück und stürzte mit lautem Geschrei, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, der lieben vertrauten Region der Schloßgasse wieder zu.

Eine große Aufgabe für Wilhelmine war auch das Gevatterstehen bei armen Leuten. Unter dem Dienstpersonal des Theaters und den dabei beschäftigten Arbeitern mag kaum eine Familie sein, in der sie nicht einmal wenigstens als Pathe figurirt hätte. Aber auch Leute, mit denen sie sonst gar nicht in Berührung kam, nahmen sie in Anspruch, weil es allgemein bekannt war, daß sie dem Täufling jedesmal eine ansehnliche Gabe einband. Wilhelmine wußte natürlich ganz genau, warum ihr die „Ehre“ des Gevatterstehens so oft zu Theil wurde, aber nie hat sie sich damit begnügt, nur das Geld zu geben. Sie kam selbst und hielt das Kind über die Taufe – es widerstrebte ihrem Gefühl, dem Armen gegenüber das heilige Symbol wie eine Speculation zu behandeln.

Und wie sie in dieser Beziehung zartsinnig war, so war sie es auch in jeder andern. Die Art und Weise, wie sie half, verdoppelte den Werth ihrer Gaben. Sie fragte nicht erst nach Werth oder Unwerth des Bedürftigen – wo Noth war, trat sie ein. Nie maßte sie sich ein Recht über die ihr Verschuldeten an; nie zog sie bei ihren Wohlthaten in Betracht, ob sie Dank dafür ernten würde; nie gab sie tropfenweise, sondern sie half durchgreifend, wo sie irgend konnte.

So kaufte sie einem Tänzer aus dem Corps de Ballet, der das Bein gebrochen hatte und in Folge dessen für seinen Beruf untauglich geworden war, eine Leihbibliothek und gründete ihm so eine neue Existenz. Einen armen Knaben, den sie Holz sammelnd im großen Gehege fand und der ihr in kindlicher Vertraulichkeit klagte, daß er alle Tage hinaus müßte, um Brennmaterial zu suchen, während er viel lieber zu Hause bleiben würde, um zu zeichnen – ließ sie, als sie wirklich Talent in ihm fand, zum Maler ausbilden. Und wenn ein Handwerker das Meisterwerden nicht bezahlen konnte, wenn es einer Braut an der nöthigen Aussteuer fehlte – bei Wilhelmine fanden sie immer ein offenes Herz und eine hülfreiche Hand.

Der fromme Tiedge schrieb ihr einmal, ich weiß nicht mehr bei welcher Veranlassung:

„Hoch vom Ruhm emporgetragen
Strahlt Dein Nam’ im Glanze dieser Welt.
Was Du thust in stillen Tagen,
Das wird in ein Rechnungsbuch getragen,
Das ein Engel dort in jener hält.“

Aber sich selber that sie nie genug. In einem ihrer Tagebücher schreibt sie:

„Warum sind wir nicht im Stande, ein prickelndes, peinigendes Gefühl zu überwinden, was der abscheulichste Egoismus erzeugt? Wir haben mitunter die Mittel, die oft so bescheidenen Wünsche eines Nebenmenschen zu erfüllen, ja wir fühlen uns oft mächtig zu einer solchen That gedrängt – und doch unterlassen wir sie, weil das fatale Ich sich hervordrängt und ängstlich ruft: das entziehst Du mir! Wie viel reine Freuden verscherzen wir um dieses nichtswürdigen Egoismus willen! – Unverhoffte Freude in einer freudlosen Brust entzünden, längst aufgegebene Hoffnungen erfüllen, Thränen des Kummers und der Sorge in Thränen der Freude und Wonne zu verwandeln, – gibt es eine größere Seligkeit? O wir erbärmlichen Menschen, warum thun wir nicht immer, nicht gleich, wozu uns das Herz drängt, wenn wir die Ueberzeugung haben, daß es eine gute, edle That ist?“

Wie Wilhelmine dazu kommen konnte, sich diese Vorwürfe zu machen, ist nicht zu begreifen. Hätte sie etwas bekämpfen müssen, so wäre es gewiß nicht jenes egoistische Zweifeln und Zögern gewesen, von dem sie hier spricht, sondern allein der übermächtige Drang, der sie oft trieb über ihre Kräfte zu geben. Aber sie hat sich in dieser Beziehung nie zu beschränken vermocht, und mehr als einmal hat sie sich selbst in Verlegenheit gebracht, um Andern zu helfen.

[796] Einmal war sie, auf die Nachricht hin, daß ihr jüngster Sohn erkrankt wäre, mitten im Winter in großer Eile nach Hannover gereist. Sie hatte das Kind schon wieder außer Bett gefunden und kehrte nun eben so schnell nach Dresden zurück, wohin sie ihre Berufspflichten riefen. Sie fuhr mit der Schnellpost – Eisenbahnen gab es damals noch nicht – und kam ohne Abenteuer bis Magdeburg. Wie überall waren auch hier am Posthause eine Anzahl Menschen versammelt, um die Fremden ankommen zu sehen, und unter der Menge erblickte sie eine jammervolle Gestalt – ein Mädchen von 10–12 Jahren, das statt aller Bekleidung einen schmutzigen, zerfetzten Rock wie einen Mantel um den Hals gebunden hatte. Das Haar hing in wirren Strähnen um das blasse Gesicht, die nackten Arme und Beine waren von Hunger oder Krankheit abgezehrt, der ganze Körper bebte vor Kälte, und die Augen des Kindes sahen halb wild, halb blödsinnig umher. Auf ihre Erkundigungen erfuhr Wilhelmine, daß die Kleine in den elendesten Verhältnissen lebte, daß sie von ihrem Stiefvater entsetzlich gemißhandelt würde und nicht eher zu essen bekäme, bis sie eine gewisse Summe zusammen gebettelt hätte. Der Künstlerin standen die hellen Thränen in den Augen; sie zog ihre Börse heraus und schüttete den ganzen Inhalt derselben in die Hände des Kindes, das mit starrer Verwunderung auf die Gold- und Silbermünzen blickte, während die großmüthige Geberin sich den Augen der Umstehenden entzog, um mit der Freundin, die sie begleitete, im nächsten Gasthofe zu frühstücken. Erst als sie den Kellner bezahlen wollte, fiel ihr ein, daß sie ihr Geld bis auf den letzten Pfennig hingegeben hatte. Zum Glück fand ihre Begleiterin so viel zusammen, daß sie bis Leipzig kamen, wo, sich Wilhelmine in einer befreundeten Familie das Geld zur Weiterreise borgen konnte.

Aber nicht nur vorübergehende Verlegenheiten hat sich Wilhelmine zugezogen, sie hat sich schwere, dauernde Entbehrungen auferlegt, um Andern beistehen zu können. Jahrzehnte lang ist sie die Vorsehung ganzer Familien gewesen, hat Alt und Jung gespeist und gekleidet, hat die Töchter erziehen, die Söhne studiren lassen, hat Badereisen für die Kranken und Vergnügungsreisen für die Gesunden bezahlt – während sie selbst, umsonst nach Ruhe, nach Erholung seufzend, in den heißesten Sommertagen angestrengt arbeitete. Und wie oft ist sie von Gastspielen, die andern Künstlern goldne Früchte tragen, nicht nur mit leerer Casse, sondern auch mit ganz geleerten Koffern heimgekehrt, weil nicht nur ihre Börse, sondern auch ihre Kleider, ihre Theatergarderobe, ihre Wäsche sogar, in die Hände einer ihr befreundeten Schauspielerin übergegangen waren!

Und doch ist es ihr nur selten gelungen, sich – wie es in der Schrift heißt – „Freunde zu schaffen mit dem ungerechten Mammon.“ Wenn für sie selbst Zeiten der Verlegenheit kamen, war Niemand da von allen denen, die sie so lange benutzt hatten, ihr die Last zu erleichtern, Niemand, der ihr auch nur vorübergehend die Hand zur Stütze gegeben hätte. Künstler, in deren Concerten sie unzählige Mal gesungen hatte, sagten nein, als Wilhelmine sie zum ersten und einzigen Male um ihre Mitwirkung bat, und von der Schwelle eines Hauses, das ihre Güte allein zu einer behaglichen Wohnstätte gemacht hatte, wurde sie unter nichtigen Vorwänden abgewiesen, als sie nur auf ein paar Wochen Gastfreundschaft suchte. Ich könnte eine Menge solcher Beispiele, auch noch aus Wilhelminens letzter Lebenszeit anführen – aber ich will dies Thema abbrechen. Die Schonung für die Lebenden, die ich mir zum Gesetz gemacht habe, erscheint mir, wenn ich mich in diese Erinnerungen vertiefe, wie ein Unrecht gegen die Todte.

Vielleicht entsprang der Undank, der Wilhelminen so vielfach begegnete, zum Theil wenigstens aus der allgemein verbreiteten Ansicht, daß es ihr kein Opfer koste, mit vollen Händen zu geben und überall zu helfen und zu unterstützen, weil sie dies immer mit freundlichem Gefühl und freudigem Herzen that. Die Empfänger bedachten aber nicht, daß sich auch der mächtigste Strom erschöpfen muß, wenn seine Fluth in tausend und aber tausend Canäle vertheilt wird. Zum Theil war aber auch nur die gewöhnliche Erbärmlichkeit kleiner Seelen daran schuld, denen die Dankbarkeit eine Last ist, die sie entweder schnell von sich abwälzen, oder durch die sie sich zur Erbitterung, zur Feindseligkeit sogar getrieben fühlen. Wilhelmine hat furchtbar dadurch gelitten. Es gab Momente, in denen sie an aller Liebe und Treue, an allem Menschenwerth verzweifelte und sich selbst gelobte, nie mehr auch nur das Geringste für Andere zu thun. Aber das waren immer nur Vorsätze, die, sobald sie zu Thaten werden sollten, in Nichts zerflossen.

Ich selbst habe eine ganz charakteristische Scene mit ihr erlebt. Es war um die Osterzeit des vergangenen Jahres. Wilhelmine war sehr krank und oft sehr verstimmt – den einen Morgen noch mehr als gewöhnlich. Sie hatte alte Briefe durchgelesen und sich dabei an allerhand bittere Erfahrungen erinnert. Um sie zu zerstreuen, fingen wir an von der Zukunft zu sprechen, und sie vertiefte sich wieder einmal in die Schilderung des Hauses, das zu erwerben ihr liebster Traum war. In ihrer Verstimmung kam sie auf den Einfall, eine Art von Festung daraus zu machen, die durch Wall und Graben von der Welt geschieden sein sollte. Das Wächteramt wollte sie einem halben Dutzend großer Bulldoggen übertragen; „die sollen mir Jeden vom Hofe hetzen, der sich untersteht, mir mit einer Bitte nah zu kommen,“ sagte sie mit dem finstern Ausdruck, der in der Krankheit zuweilen auf dem sonst so himmlisch freundlichen Antlitz lag. „Ich will Niemand mehr helfen, will endlich ebenso lieblos, so hart sein, wie man es gegen mich immer und immer gewesen ist. Ich will endlich einmal für mich selbst leben.“

In diesem Augenblick kam die Kammerjungfer herein und meldete, es wäre ein Mann draußen, ein Drechsler, der einen Stickrahmen zu verkaufen wünsche. Er sähe blaß und traurig aus und hätte erzählt, daß er lange krank, also ohne Verdienst gewesen wäre.

Das Gesicht der Kranken drückte das innigste Mitleid aus. „Was will er dafür haben?“ fragte sie in ganz verändertem Ton, indem sie das kunstlose Machwerk beschaute; das Kammermädchen nannte die sehr geringe Summe. „Was, ist der Mensch verrückt?“ rief Wilhelmine; „dafür hat er ja kaum das Holz!“ Sie schickte ihm das Doppelte seiner Forderung und freute sich den ganzen Tag wie ein Kind über den „hübschen Rahmen, den sie so billig gekauft hatte“.

Und wie hier im Kleinen, so war es auch im Großen. Es konnte in Frage kommen, ob sich Wilhelmine, im Fall ihrer Genesung, die längst ersehnte Reise nach Italien gestatten dürfe, aber sie hat nie auch nur einen Augenblick in Frage gestellt, ob sie die großen Summen, die sie zur Unterstützung befreundeter Familien ausgesetzt hatte, fortzahlen würde. Die Bemerkung Lessing’s, daß wir am meisten von den Eigenschaften sprechen, die wir nicht haben, wurde durch sie auf’s Glänzendste bestätigt. Nie habe ich einen Menschen so viel von der eigenen Hartherzigkeit reden hören, als Wilhelmine Schröder-Devrient, während die Worte Großmuth, Wohlthätigkeit, Erbarmen gar nicht für sie zu existiren schienen.