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Textdaten
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Autor: Karl Gotthard Graß
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Titel: Erinnerung an die Schweitz.
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aus: Neue Thalia. 1792–93. 1792, Erster Band, S. 126–128
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
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[126]
IV.
Erinnerung an die Schweitz
von einem jungen Mahler.

Da bin ich nun aus jenem Land,
wo Freundschaft mich, so wie die Liebe
das Kind an seine Mutter, band,
da bin ich von der Limmat Strand,

5
wo gern mein Fuß gefesselt bliebe,

auf immer, durch mein Loos verbannt
aus Zürichs friedevollen Mauren.
Nicht wandl’ ich mehr an Freundes Hand,
ich seh den Mayn an meiner Seite trauren,

10
und trüb durch öde Fluren hin

dem Rhein zum Raub entgegen fliehn.
Warum mußt ich, geliebter See,
entfliehen deinen Lustgefilden,
wo Liebe mich beseligte,

15
wo Herbst und Lenz mit Wonne mich erfüllten?

Warum ward nicht dieß freye Land,
dieß Land der Telle, Winkelriede,
auf dem errungner goldner Friede,
gleich einem Seraf ruht, mein Vaterland?

20
Hier wo kein Feind das Land verheeret,

der Traubenhügel sicher prangt,
des Landes Mark nicht Unterdrücker nähret.

[127]

der Mensch nicht Menschen Gnaden dankt,
wo überal, wohin ich sehe,

25
Zufriedenheit sich Hütten baut,

vom Tschingal bis zur Gotthards Höhe,
bis wo der sanfte Jura blaut,
hier, wo von schlechtem Dach umgeben,
der Mensch durch Arbeit, Mäßigkeit

30
genießt, was keine Kronen geben,

Gesundheit und Zufriedenheit –
in diesem Lande möcht ich leben,
o daß mein Schicksal mirs verbeut!

     Auf immer hab ich euch verlassen,

35
ihr Thäler, deren Stille mich umfieng,

indeß auf euren Felsenmassen
des Hirten laute Heerde hieng.
Nie wird mein Ohr euch wieder lauschen,
ihr Bäche, des Belauschens werth,

40
nie tönt in eurem wilden Rauschen

mir ein erhabenes Concert;
und sah ich von der Berge Nacken
die Nacht in tiefre Thäler ziehn
und der beeißten Felsen Zacken

45
in purpurfarben Mänteln glühn,

wie schlug mein Herz! – wenn dann auf kühn erstiegner Höhe,
dem nie getrübten Himmel nah,
mirs war, als ob die Erd entflöhe,

[128]

wenn ich hinab zur Tiefe sah.

50
Wie bebt es, wenn der Donner rollte,

und ich, ein kriechendes Insekt,
in Felsen mich verbergen wollte,
in dichter Dämpfe Nacht versteckt,
die Felsen um mich her des Donners Nahmen riefen,

55
weil seine Stimm in ihre Klüfte drang

und furchtbar nun aus Thälern und aus Tiefen
sein hehrer Nahme wieder klang.
O Land, das nie ein Lied ermessen,
kein Pinsel würdig mahlen wird,

60
wie könnt ich Jüngling dich vergessen,

seit deine Wunder ich durchirrt,
seitdem ich meines Lebens frohste Stunden
im Schatten deiner Felsen fand,
an die mich Phantasie und Kunst gebunden,

65
wie mich das Herz an deine Bürger band.

O Menschheit, Menschheit nie empfand
ich höher, stolzer deine Würde
als in der Freiheit goldnem Land,
und dich, mein armes Vaterland,

70
dich drückt noch harter Knechtschaft, Bürde!

Wird je für dich mit starker Hand,
ein Tell sich aus der Nacht erheben
zerbrechen deine Kerkerwand,
und dir die Menschheit wieder geben?