Textdaten
<<< >>>
Autor: Karl August Heigel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Er kommt nicht
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48–52, S. 753–756, 769–772, 785–788, 801–804, 817–820
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[753]
Er kommt nicht.
Erzählung von Karl August Heigel.
1.

Eines Tages erinnerte sich der reiche Gustav Flemming seiner Heimath. Es war im Juli; die Adeligen, die Banquiers und großen Industriellen, die Schauspielerinnen und Sängerinnen der Residenz waren an die Nord- und Ostsee, an den Rhein und in die Alpen gezogen. Im Casino vernahm Gustav täglich die Abreise dieses und jenes seiner Bekannten; selten noch, daß bei Tische „eine Flasche kalt gestellt“ und Abends eine Bank gelegt wurde. So ereignete es sich, daß er einmal vor Mitternacht nach Hause kam und am folgenden Morgen um acht Uhr schon zu seines Grooms Verwunderung nach dem Frühstück schellte. Und während er mit verdrießlicher Miene den Kaffee schlürfte, beunruhigte ihn der Gedanke, daß es heute, morgen und in den nächsten Wochen nicht anders sein werde; daß die „famosen“ Kerle alle fort; daß es in der Residenz langweilig sei … und da fiel ihm das bescheidene Waldkirchen in der Provinz, seine Geburtsstadt, und seine Mutter ein. Er beschloß, beide mit seiner Gegenwart zu beglücken. Während der Groom die Koffer packte, schrieb der junge Herr an seinen Freund Buttler, um ihn zum Mittagsmahle einzuladen.

Um neun Uhr Abends servirte Gustav’s Diener den beiden Herren den Kaffee. Die Fenster des Gemaches gingen nach dem Thiergarten. Sie waren geöffnet und die laue Luft strich in das Gemach. Gustav hatte sich auf einen Divan hingestreckt und sah gedankenlos nach der Mondsichel über den Bäumen. Sein Freund Buttler, eine lange, dürre Gestalt mit kahlem Kopf und vollem Rothbart, saß ihm gegenüber und rauchte.

„Und Du bist wirklich entschlossen,“ begann der Letztere, „heute nach Dings da – wie heißt es doch? – zu reisen?“

„Hm – ich denke.“

„Du wirst Dich entsetzlich langweilen.“

„So fürchte ich.“

„Warum bleibst Du dann nicht hier?“

„Ich langweile mich hier – dort – ich fange an, mich überall zu langweilen … Wenn das so fortgeht, schieß’ ich mich todt.“

Buttler lächelte überlegen. „Nein, Freundchen,“ sagte er, „wenn das so fort geht, wird eines Tages Dein Geld alle sein, und Du wirst Sorgen und Schulden haben, und damit fängt man erst zu leben an.“

„Du sprichst aus Erfahrung.“

„Wie immer,“ erwiderte Buttler und blies geringelte Rauchwölkchen in die Luft. Nach einer kurzen Weile begann er wieder: „Sind hübsche Weiber in Dings da?“

Gustav gähnte, dann erwiderte er: „Hm, ja – ’s ist lange her, daß ich in Waldkirchen war, und damals war ich ein blöder Junge – aber ich denke, es sind welche dort.“

„Und Du kannst sie mir nicht an den Fingern herzählen?“

„Ich sagte Dir ja, es sind drei Jahre, seit ich Waldkirchen verlassen. Vor drei Jahren war ich einundzwanzig alt und erröthete noch und schlug die Augen nieder, wenn ich mit einer Frau allein war.“

„Das ist der Unterschied zwischen Euch Provinzialisten und uns geborenen Großstädtern: Ihr seid einmal blöde gewesen, was man von uns niemals behaupten kann. Das ist aber auch Alles! Jetzt bist Du nicht anders, als irgend Einer von uns, die wir mit vierzehn Jahren ein pince-nez! und eine Liaison hatten. Freilich, ob Deine Frau Mama mit diesen Fortschritten zufrieden sein wird, das ist die Frage.“

„Bah,“ sagte Gustav wegwerfend, „meine Mutter findet Alles an mir gut und schön. Ich bin ihr die Strahlenkrone der Schöpfung; meine nobeln Passionen findet sie so natürlich; meinen Hang zum Nichtsthun weiß sie besser als ich selber zu entschuldigen. Ich glaube, wenn ich eines Tages die Sterne verlangte, so würde sie sich, trotzdem sie eine fromme Frau ist, über den lieben Herrgott wundern, daß er mir nicht sämmtliche Fixsterne zur Verfügung stellt.“

„Himmel! wenn ich nur auch eine so nachsichtige, einzige Mutter hätte, die meinen Lebenswandel moralisch finden und meine Schulden bezahlen würde. Aber, Freundchen, die Engelsgeduld Deiner Frau Mama in Ehren, rathe ich Dir doch, Dich nicht auf Specifikation Deiner Rechnungen einzulassen, denn wenn sie die verschiedenen Shawls, Spitzen und Roben für …. die Georgette vom Opernhaus zu lesen bekommt –“

Gustav zupfte ungeduldig an seinem winzigen Schnurrbart. „Sie wird sie bezahlen,“ sagte er und blies die Backen auf.

„Ja, aber sie wird Dich verheirathen.“

Diese ironische Warnung, so trockenen Tones sie gegeben ward, nahm Gustav all die gute Lauue, mit der man nach einer trefflichen Mahlzeit auf elastischen Polstern die Glieder dehnt. Schon vom Wein geröthet, wurde er jetzt purpurn im Gesicht und sprang voll Entrüstung empor. „Mich verheirathen?“ rief er. „Bin ich ein Backfisch? Komme ich aus einem Mädchenpensionat? Ich heirathen? Niemals!“

Er streckte wie zur Abwehr anstürmender Mütter, Tanten und heirathsfähiger Basen den Arm aus und schwor, daß er sich lieber todtschießen als verheirathen wolle. Ja, so tief empörte ihn das [754] Ansinnen, welches er schon nicht mehr als freundschaftlichen Fingerzeig, sondern wie eine unmittelbare Drohung behandelte, daß er für seinen Widerspruch ein Dutzend und mehr Gründe aufzählte; thörichte, unlautere Einwürfe, wie sie junge Taugenichtse und alternde Junggesellen gegen die Ehe vorzubringen pflegen.

Der Groom trat in’s Zimmer und meldete, daß angespannt sei. „Gut,“ sagte Flemming, indem er sich erhob. Nachdem er den Hut aufgesetzt und eine Cigarre angezündet hatte, reichte er Buttler einen Finger zum Abschied hin.

„Nimmst Du Deinen Groom mit?“

„Nein,“ erwiderte der Andere und zog die Augenbrauen in die Höhe. „Ich will meiner Mutter ihren Sohn, aber keinen Spitzbuben in’s Haus bringen. Ich empfehle Dir meinen Groom und meine Freundin Georgette; Beide sind mir gleich theuer.“

„Soll ich Dich zum Bahnhof begleiten, oder vielleicht erst Georgette abholen und mit ihr von Dir Abschied nehmen?“

„Bah; ich mache ja nur eine Landpartie, weiter nichts. In vier Wochen bin ich wieder hier.“

„Wie lange fährst Du nach Dings da?“

„Um acht Uhr Morgens bin ich an Ort und Stelle.“

„Glückliche Reise denn!“

„Adieu!“

Sobald Flemming die Thür hinter sich geschlossen hatte, nahm Buttler, der in des Freundes Wohnung sich’s heimisch zu machen pflegte, als wäre es seine eigene, den bequemeren Platz auf dem Divan ein. „Geh’ zum Geier,“ murmelte er zwischen den Zähnen, „Du eitler, thörichter Bursche, geh’ zum Geier! Ohne Dein Geld könntest Du immer und ewig in Krähwinkel bleiben. Ah, warum sind die Reichen so selten gescheidt, und wir Klugen selten reich …?“

Flemming trat aus der Hausthür in’s Freie und schritt durch den Vorgarten dem Wagen zu. Ein leichter Schwindel befiel ihn, auch waren seine Füße schwer und ungeschickt. „Gustav,“ sprach er mit sich selbst, „Du wirst doch zwei Flaschen Sekt trinken können, ohne – ohne –“ Er blieb stehen und ließ seine Cigarre zur Erde fallen; mit starrem Blick, vorgebeugt, betrachtete er sie sodann.

„’S ist merkwürdig,“ sagte er plötzlich laut, wie aus tiefsten Gedanken … Als er endlich bei seinem Einspänner angelangt war, drohte er, den Groom, der mit pfiffig ernstem Gesicht am Kutschenschlag stand, aus dem Fenster zu werfen, wenn er noch einmal über ihn lache, schnalzte dem Kutscher zu und fuhr dann durch die langen Straßenzeilen und wogendes Menschengedränge, mit ziemlich unklarem Bewußtsein, wohin es ging.

Halb im Schlaf kam er am Bahnhof an; bald darauf, in einen heißen, trüberleuchteten Waggon geschoben, hörte er den schrillen Pfiff der Locomotive und fühlte die erste, sacht anwachsende Bewegung, wobei er nach wenigen Minuten schon in festen Schlummer sank … So ward Gustav Flemming durch dunkle Forste und mondbeglänzte Haidegründe, an dunstenden Städten und stillen Dörfern vorüber, so ward er, von wüstem Gelag halbtrunken, im dumpfen Schlemmerschlaf, seiner Heimath, seiner Mutter entgegengeführt.

Aber der Traum, der ihm nahte, war edler als sein Schlaf. Er träumte von den Tagen, da er ein Besserer, da seine junge Seele von schnöder Eitelkeit, entnervenden Genüssen und falscher Freundschaft noch nicht entweiht war. Er träumte jetzt, was er einst erlebt hatte.

Vor sein inneres Gesicht trat ein Mädchen mit dem Rosenhauch von siebzehn Jahren auf dem Antlitz und unschuldiger Schwärmerei in den braunen Augen, von jungfräulich schlankem Gliederbau, zart und geschmeidig, märchenhaft und doch vollendet in der Form, von glänzend frischen Farben, heiter und träumerisch im Wesen, blond, schön, wie die Madonna einen mystischen Künstlers … Im wohlbekannten Garten seines Elternhauses sieht er sie. Hinter dichtem Gebüsch steigt ein Pavillon empor, und von dorther tönt Musik und fröhlicher Lärm. Sie aber wandelt wie eine einsame Fee zwischen den Blumenbeeten. Ja, wie eine Fee; Gustav zieht es zu ihr mit unwiderstehlicher Sehnsucht, und hinwieder hält er zitternd still, als müßte die glänzende Erscheinung zerfließen oder zum lichten Abendhimmel entschweben, wenn er sie anruft. Sie aber sieht den Zaudernden nahen und wendet sich nicht ab. Und jetzt steht er mit klopfendem Herzen vor ihr … Elise, spricht er, o du dreimal gesegneter Traum, der den Verirrten nach Jahren wieder diesen Namen lehrte! Elise, fragt er, warum verläßt du uns? … Ich liebe das Lied der Nachtigall mehr, als den Reigen, antwortet sie; ich liebe traute Einsamkeit und stille Gedanken … Und wenn du allein bist, bin ich in deinen Gedanken? … Sie antwortet nicht, aber ihre Hand wehrt ihm nicht, da er sie erfaßt, und ihre Lippen erwidern ihm den ersten Kuß, da er, sein nicht mehr mächtig, das holde Mädchen an’s Herz zieht; in heiliger Schwäche, in Ohnmacht der Sinne, über die ein Engel seine Flügel schirmend breitet, schluchzt sie an des Jugendgespielen Brust, und er, vor wenig Augenblicken noch ein Knabe, jetzt ein zukunftsstolzer Mann, schwört ihr, ein guter Mensch zu werden, sie zu lieben und ihr treu zu sein bis in den Tod.

So träumte Gustav eine selige Stunde, die er vor vier Jahren gelebt hatte. Und die schnaubende, funkenstiebende Maschine brachte ihn unterdessen den heimathlichen Gauen, dem elterlichen Garten, brachte ihn Elisen näher und näher. Am wolkenlosen Horizont tauchte die Sonne empor und beleuchtete den Jüngling, der in der Wagenecke, das Haupt an die Polster gedrückt, den Hut in der Hand, schlummerte. Jetzt, wo das rosige Frühlicht die Blässe der Wangen und die leisen Spuren eines leichtfertigen Lebens verbarg, sah er gut und hübsch aus, wie zur Zeit, da er zum ersten Mal durch dieselbe Gegend der Residenz entgegenfuhr. Hochaufgeschossen, aber nicht breitschulterig von Gestalt, hatte er ein Gesicht, das für sich einnahm, ohne regelmäßig und schön zu sein; länglich, mager und von zartem Teint. Die Lippen waren vollblütig und aufgeworfen; die Nase gerade mit weiten Flügeln; die Augenbrauen nicht dicht, doch wohl gewölbt; die Stirn hoch, und breit die Schläfe. Das dunkelbraune, kurzgeschnittene Haar kräuselte sich leicht.

Die Morgenfrische, die durch das offene Wagenfenster strich, weckte ihn endlich. Er sah verwundert um sich, gähnte, rieb die Augen und sammelte die Gedanken. „Wahrhaftig,“ sagte er bei sich, „ich muß gestern betrunken gewesen sein.“

Ihm gegenüber saß eine greise Dame und schlief. Ihre dürren Hände, die gestrickte Halbhandschuhe trugen, lagen wie im Gebet gefaltet auf dem Schooß. Sie hatte einen altmodischen Hut von gelber Seide auf und eine blaßgrüne, spitzenbesetzte Echarpe um die Schultern. Außer ihr und Gustav befand sich Niemand im Coupé. Gustav, immer bemüht, vor sich wie vor Andern den Don Juan zu spielen, murmelte, nachdem er zur Musterung seiner Nachbarin das Augenglas eingeklemmt hatte, eine Verwünschung alter Weiber und langweiliger Gesellschaft zwischen den Zähnen, lächelte hochmüthig über die wunderliche Tracht der Alten und lehnte sich sodann weit aus dem Wagenschlag.

Der Zug rollte in voller Eile durch einen Buchenwald. Aus dem Gehölz heraus führte eine langgestreckte Steinbrücke über einen breiten, ruhig gleitenden Fluß. Unweit der Brücke begann dieser in weitem Bogen sich zu krümmen, während die Schienen in gerader Linie durch fruchtbares, wohlgepflegtes Ackerland einem Städtchen mit zwei Kirchthürmen entgegenliefen.

Gustav’s Herz begann plötzlich laut zu klopfen, und das Blut schoß ihm in die Wangen. Die Stadt vor ihm war seine Vaterstadt!

Und ein Gefühl, das er seit Jahren nicht erfahren, ein Gefühl wonnigen Weh’s überkam ihn. Erschüttert, dem Weinen nah, lehnte er sich in den Wagen zurück, und als jetzt sein Auge die fremde Greisin traf, blickte er sie voll Ehrfurcht an – er war seiner Mutter nahe!

Eine Viertelstunde später lag er in den Armen einer blassen, alten Frau, mit ihr schluchzend wie ein Kind … Ihr, die Ihr nach langjähriger Trennung Euere Mutter wiedersaht, Ihr kennt das Gefühl solcher Stunde. Wenn Ihr anderswo Weib und Kind, Haus und Heerd, Reichthum und Freudenfülle besitzet, in dem Augenblick, da Euer Herz am Mutterherzen ruhet, da Ihr – hochgewachsene Männer – Euch „Kind“ nennen höret, ist Euch, als wäret Ihr die Zeit bisher doch nur in der Fremde gewesen und erst jetzt wieder im wahren Daheim. Und wenn Gustav Flemming ein Schlechterer noch, denn ein Müßiggänger, Verschwender und eitler Sinnenmensch, wenn er mit Verbrechen beladen zurückgekommen wäre, in jenem Augenblick heiliger Umarmung hätte der ewige Richter im Himmel gesprochen: Geduld mit ihm!




[755] Die Marktstraße durchschnitt Waldkirchen von Osten nach Westen in zwei Hälften. Am westlichen Ende dieser Straße stand das Haus der reichen Holzhändlerswittwe Frau Flemming in einem schönen, großen Garten, der sich bis an den Fluß erstreckte. Als die Nachmittagssonne heiß auf dem Pflaster lag, schlenderte Gustav im erhebenden Bewußtsein, gegenwärtig das Gespräch sämmtlicher Kaffeekränzchen in Waldkirchen zu sein, den Hut keck auf’s rechte Ohr gestülpt und mit einem Reitstocke fuchtelnd, durch die breite, stille Straße. An der Ecke, wo sie zum Marktplatz sich kreisförmig erweitert, stürzte der Kaufmann Marowsky, von der Ahnung einer aufblühenden, fruchtbaren Kundschaft getrieben, aus seinem Laden auf den Löwen des Tages los und nöthigte Herrn Flemming über seine bescheidene Schwelle, um eine Flasche gezehrten Ober-Ungars auf des Herrn Flemming glückliche Ankunft zu trinken. Gustav, der sich vom gesprächigen Kaufmann eine bedeutende Bereicherung seiner Localnotizen versprach, nahm die Einladung herablassend an und schritt durch den Laden in das gewölbte, kühle Weinstübchen, dessen Tapete, eine Rebenlaube mit ungeheuern Trauben darstellend, ihm vor drei, vier Jahren als der Triumph der Tapeziererkunst gegolten.

Mit einer Art jovialer Majestät lehnte er dann im Ledersopha unter den Bildnissen Ihrer Majestäten. Er war mit sich, wie mit Gott und der Welt zufrieden. Selbst die Gesichter der zwei Ladenburschen, die am Guckfenster der Thür abwechselnd auftauchten, störten ihn nicht, denn er las auf ihnen die aufrichtige Bewunderung seines englischen Sommeranzugs und seiner blauseidenen Halsbinde.

Aber trotz der behaglichen Stimmung lastete eine Frage auf seinem Herzen, die er nicht bei seiner Mutter, nicht jetzt beim redseligen Krämer auszusprechen wagte: „Was macht des alten Reiser Kind Elise?“ Der Name derjenigen, deren Bild, entweiht und vergessen im Wirbel der Residenz, jetzt mit alter Macht und neuem Zauber in ihm erwacht war, wollte nicht über seine Lippen. Es bedrängte ihn ebenso sehr falsche Scham, sich ihrer zu erinnern, wie heimliche Reue, sie vergessen zu haben.

„Geduld!“ sagte er sich im Innern, „Du hast ja Zeit. Ich wette, das gute Mädchen stellt sich heute oder morgen selbst bei meiner Mutter ein, und wenn sie noch immer so hübsch ist –“

„Aber Sie trinken ja gar nicht,“ unterbrach Marowsky seine Gedanken. „Hat Sie der Tod des alten Palm oder die Heirath von Bürgermeisters Anna so nachdenklich gemacht? Ja, ja, in drei Jahren kann sich vieles ändern. … In den nächsten Tagen werden wir wieder die Todtenglocke läuten hören: Komm’ her! komm’ her!“

„Liegt Jemand im Sterben?“

„Ja, eine blutjunge, schöne Frau – Sie brauchen nicht zu erschrecken; es ist keine Waldkirchnerin; sie kam von auswärts. Aber ihren Mann, dem Gott verzeihen möge, den Doctor Oldenburg, kennen Sie.“

„Den Literaten?“

„Ja, den Sohn des verstorbenen Pastors, der vor sieben Jahren von hier fort und, anstatt unter die Theologen, unter die Literaten ging, den meine ich.“

„Seit wann ist der wieder hier? Damals machte man ja ein Geschrei und Aufhebens von ihm, als ob er der zweite Goethe wäre. In der Residenz freilich hörte und las ich von dem neuen Wunder nichts.“

Der Kaufmann schenkte seinem Gaste und sich die Gläser voll. „Was ich Ihnen jetzt erzähle,“ begann er, „bleibt unter uns; denn Sie werden einsehen, daß ich es mit dem Doctor nicht verderben darf. Er ist mein Kunde, und mehr noch, er schreibt eine Zeitung. Was nun den Rumor betrifft, den er hier machte, als Sie noch in die Schule gingen, so glaube ich, daß sein Lockenkopf und blonder Bart mehr dazu wirkten, als seine Verse. Er war und ist heute noch ein bildschöner Mann, fünf Fuß, elf Zoll hoch, breitschultrig, mit einem Paar Augen, in deren Himmelblau die Hölle brennt. Kurz, unser Frauenvolk war vernarrt in ihn, und weil es bei ihnen im Guten wie im Bösen, im Für und Wider immer aus dem Vollen geht, mußte der schöne Heinrich auch ein Genie sein. Zuletzt bildete er sich selber ein, ein Phönix zu sein, und ging nach der Residenz, um ein berühmter Mann zu werden. Wie es ihm dort, wo viele Vögel singen, ergangen, weiß man nicht. Er war lange Zeit wie verschollen. Eines Tages kam er wieder in Waldkirchen an, nicht reich, nicht berühmt, aber, was seine ehemaligen Gönnerinnen am meisten verdroß, verheirathet. Sie wurden meine Nachbarn; da drüben im rothen Roß wohnen sie nun zwei Jahre schon. Er machte dem Bürgermeister, dem Kreisrichter und andern Honoratioren seinen Besuch, und drei Wochen nach seiner Ankunft erschien zum ersten Mal die ,Waldkirchener Morgenzeitung, redigirt von Doctor Heinrich Oldenburg’.“

Marowsky reichte Gustav ein Exemplar der Zeitung hin, das dieser jedoch mit vornehmer Geringschätzung zurückschob, indem er bemerkte, daß er für Politik ganz und gar kein Interesse habe.

„Uns war es Wasser auf die Mühle,“ fuhr der Kaufmann in seiner Erzählung fort. „Nun hatten wir außer dem Kreisblalt und den drei Exemplaren der Vossischen, welche hier gehalten werden und nach vier Wochen in die letzte Hand gelangen, unser eigenes Organ. Jede Nummer war ein Feuerbrand. Abends debattirten über den Leitartikel vom Morgen drüben im rothen Roß die Fortschrittsmänner, bei mir die gemäßigt Liberalen und in der Theegesellschaft beim Major Falkenstein die Reactionären. Oldenburg ließ sich wenig sehen; er schrieb Tag und Nacht, hatte sein Auskommen und war wieder der Phönix. Seine Frau, der man die Güte und Sanftmuth zehn Schritte weit ansieht, führte einen musterhaften Hausstand; immer um ihren Gatten besorgt, geräuschlos thätig, nie recht gesund, aber niemals klagend. Soweit wäre nun Alles gut gewesen. Da lassen sich Oldenburgs im vergangenen Winter zu ihrem Unglück überreden, einen Ball im rothen Roß mitzumachen. Die Frau Doctorin sah wie ein Engel aus, aber unseres Apothekers Tochter, Mamsell Reiser, war doch schöner noch.“

Hoch auf horchte Gustav. „Wer?“ fragte er.

„Nun,“ erwiderte der Andere mit schlauem Lächeln, „ihrer müssen Sie sich doch erinnern. Sie war ja im Hause Ihrer Frau Mutter früher ein täglicher Gast.“

„Ja, ja, ich erinnere mich jetzt,“ sagte Gustav, feuerroth im Gesicht, „ein leidlich hübsches Mädchen – aber was hat sie mit der Geschichte Oldenburg’s zu thun?“

„Hm, sie wurde der Frau Doctorin vorgestellt, und diese stellte ihr hinwieder ihren Mann vor. Die arme Frau durfte nicht tanzen, denn sie war damals schon leidend, aber er, er tanzte und mit der neuen Bekannten mehr, als mit jeder Anderen. Und vom folgenden Tag an kam das Mädel täglich in Oldenburg’s Haus. Erst wunderte man sich über die rasche Freundschaft einer Frau zu einem Mädchen, dann begann man zu munkeln; man beobachtete, man bemerkte, reimte zusammen – kurz, es dauerte nicht vier Wochen, so wußte ganz Waldkirchen, daß Doctor Oldenburg mit Mamsell Reiser eine Liebschaft habe.“

„Tod und Teufel!“ fuhr Gustav empor.

„Die Frauen riefen des Himmels Strafgericht auf die Schuldigen hernieder; die Mütter warnten ihre Töchter; wir Männer zuckten die Achsel; der Pastor Gottwald predigte eines Sonntags über den Ehebruch; nur sie, die am tiefsten verletzt ward, Frau Oldenburg sagte nichts, klagte nicht und that, als finde sie es durchaus natürlich und in der Ordnung, daß ihr Mann mit dem ehrvergeßnen Mädchen stundenlange Spaziergänge machte und bis in die sinkende Nacht im Garten des Apothekers saß. Aber was und wie sie litt, verriethen ihre blassen Wangen und verweinten Augen. Wenn sie am Arm ihres Gatten durch die Straßen vor das Thor wandelte, was immer seltener geschah, und dann links und rechts, immer lächelnd, immer freundlich grüßte, da schnitt Jedem dies Lächeln in’s tiefste Herz, und Keiner war, der nicht den Hut vor ihr wie vor einer Prinzessin gezogen und die Faust hinter Ihrem Manne her geballt hätte. Der unterdrückte Jammer zehrte an ihrem Leben. Bald kam der Arzt täglich in’s rothe Roß; im Mai und Juni stand sie schon nicht mehr von ihrem Lager auf, und seit einigen Tagen soll sie hoffnungslos ihrer letzten Stunde entgegensiechen. Mamsell Reiser aber kommt nach wie vor Tag für Tag in ihr Haus.“

Die Entrüstung und das Feuer, womit der Kaufmann seine Erzählung schloß, schien sich auch Gustav mitzutheilen. Er redete plötzlich der Tugend und strengen Sitte das Wort, als ob er nie auf ihrem Pfade gestrauchelt hätte. „Diese Verworfenen!“ rief er. „Ehrvergessenes Mädchen! Treuloser Barbar! Seine Frau, eine solche Frau zu kränken, zu morden! Eine Kugel verdient er. Bei Gott, ich werde ihn fordern! Und wenn er zu feig ist, sich mit mir zu schießen – er ist feig – werd’ ich ihn öffentlich peitschen, ihn massacriren!“ Er knirschte die Zähne zusammen und [756] stieß sein Glas so heftig auf den Tisch, daß es in Stücke zerbrach.

„Marowsky,“ sagte er, den Wein von Hand und Aermel schüttelnd, „ein neues Glas und eine zweite Flasche!“




Während Gustav in herbem Ungarwein sich Trost trank, saß der gelästerte Oldenburg in seinem Arbeitszimmer. Er hatte beide Arme auf den Schreibtisch gestützt und barg sein Haupt in die Hände. Durch das breite Fenster, das nach der Marktstraße ging, fluthete der Sonnenschein und ließ das zerwühlte Haar des Sinnenden wie Gold schimmern. Ein zitternder Strahl von dieser Lichtfülle, vom wunderschönen Sommertag stahl sich durch die halboffene Thür in das verdunkelte Nebengemach, wo die kranke Frau des Schriftstellers lag.

Auf der Schwelle, welche die beiden Zimmer verband, erschien jetzt ein Mädchen, das Gesicht von Gram, Angst und Thränen entstellt. Sie trat mit geräuschlosen Schritten hinter Oldenburg und berührte leise seine Schulter. Er fuhr erschrocken empor, sah verstört um sich und stieß, als er das Mädchen erblickte, ein tiefes Stöhnen aus.

„Elise,“ sprach er, „sind Sie noch hier? Ach, ich leide entsetzlich …“

Er schlug sich vor die Stirn, dann stand er plötzlich auf, preßte Elise’s Hände krampfhaft in die seinigen und fragte mit verzweiflungsvollem Blick: „Elise! Ist denn keine Hoffnung? Muß sie sterben? Muß ich ein Mörder sein?“

„Um des Himmels willen, still!“ flehte Jene. „Sie kann Sie hören; sie ist aufgewacht und begehrt nach Ihnen. Kommen Sie!“

„Darf ich unter ihre Augen treten?“

„Wenn Sie verzweifeln,“ beginn das Mädchen, „woher soll ich dann den Muth nehmen, diese Tage, diesen Tod zu überleben? Bin ich weniger unglücklich, weniger schuldig als Sie?“

„Heinrich!“ rief aus dem Nebenzimmer eine schwache Stimme, bei deren Klang die kräftige Mannesgestalt zitternd zusammenzuckte.

„Kommen Sie!“ drängte Elise. „Sie sagt, sie müsse Sie sprechen, denn –“ ihre Stimme stockte und ward von hervorbrechenden Thränen fast erstickt – „denn heute sei ihr letzter Tag!“

Als beide Unglücklichen vor dem Leidenslager standen, bat die Sterbende, die Fensterladen zu öffnen. „Das Licht blendet meine Augen nicht mehr,“ sagte sie, „denn sie ahnen schon den Schimmer eines höheren. Aber noch einmal vorher will ich mein Liebstes auf dieser Welt in der Sonne wandeln sehen.“ Heinrich warf sich im Uebermaß des Jammers vor dem Lager auf die Kniee und bedeckte die abgemagerten Hände seiner Gemahlin mit heißen Küssen. Elise aber öffnete vorsichtig die Fensterladen, und während das süße Licht allmählich und mehr und mehr die Stube erfüllte, richtete die Kranke das Haupt des Gatten sanft empor und betrachtete mit schmerzlich seligem Lächeln sein Antlitz Zug für Zug.

„Weine nicht,“ bat sie dann, „denn sonst muß ich fürchten, Du glaubest an kein Wiedersehen – dort.“

„Bleibe! bleibe! verlaß mich nicht!“ rief er verzweifelnd aus, „oder laß mich mit Dir sterben!“

„Was soll dann aus Elise werden?“ sagte sie sanft, ohne Vorwurf. Und da er vernichtet sein Antlitz in die Hände barg, beugte sie sich zu ihm und sprach: „O Du mein Alles, zürne mir nicht! Ich will ja nur Eins wissen, um Euch vor meinem Scheiden segnen zu dürfen: Liebt Ihr Euch?“

In diesem Augenblick sah Elise, die in dumpfem Sinnen am Fenster stand und theilnahmlos zur Straße niederschaute, aus dem Hause gegenüber einen jungen Mann treten, dessen Anblick sie wie ein Dolchstoß durchzuckte. „Heiliger Gott!“ stammelte sie, „das ist – – Gustav!“ schrie sie plötzlich mit herzzerreißender Stimme. „Gustav!“



[769]
2.

Als Gustav, mit heißem Gesicht und schwellender Brust, aus dem Kaufladen trat, streifte sein Blick den Fenstern im rothen Roß entlang und entdeckte das blasse, wohlbekannte Mädchenantlitz. Auch ihm ging ein Stich durch das Herz, seine Wangen verfärbten sich, und mit einer unwillkürlichen Bewegung hob er die Hand wie zum Gruß empor. Aber das plötzliche Aufflackern jenes Lichts, welches sein Traumbild der vergangenen Nacht verklärt hatte, verging, so schnell es kam. Er zog die Augenbrauen zusammen, schlug mit dem Reitstock in der erhobenen Rechten einen Kreuzhieb durch die Luft und steckte die geballte Linke in die Hosentasche. Doch bevor er den Blick abwandte und weiter schritt, war ihm Elisens jähe Ueberraschung keineswegs entgangen, und diese Beobachtung erfüllte ihn mit einer gewissen Genugthuung. Er, dessen Gewissen in seinen eigenen Sachen flügellahm und taubstumm war, erschien sich jetzt wie das mahnende Gewissen der Verirrten. „Glaub’ es wohl, daß sie erschrickt,“ sagte er zu sich, während er mit hocherhobenem Haupt die Straße nach seiner Mutter Haus hinabschritt. „Hat alle Ursache, vor mir zu erschrecken …“ Er stieß ein kurzes Gelächter aus. Seine Einbildung ward indessen nicht müde, das erschrockene, zarte Mädchenantlitz festzuhalten, ein Gesicht, das bei aller Verwirrung schön – Gustav mußte es trotz seiner Empörung zugestehen – sehr schön war. Aber erscheint in einer solchen Lichtgestalt ein schwarzes Herz nicht um so schwärzer? Muß ihn der Verrath nicht um so tiefer kränken, da sie sich in ihrem äußeren Wesen so gar nicht oder, wenn möglich, nur zu ihren Gunsten verändert hat? „Man spreche mir noch von Taubenaugen und Rosenlippen!“ fuhr er in seinem Selbstgespräche fort. „Sie besitzt Beides und ist doch eine Schlange … Man spreche mir noch von Tugend und Treue der Frauen! Herzlose Ungeheuer sind sie; ich verachte sie alle.“ Er kam sich in diesem Entschluß unendlich erhaben vor und war überzeugt, daß zur Stunde ein tiefer Schatten auf das gesammte weibliche Geschlecht fallen müsse: denn er verachtet es hinfüro!

Seine Mutter erwartete ihn im Garten hinter ihrem Hause, in einer kühlen, schattigen Laube. Sie hatte eine große silberne Brille auf und strickte an einem Strumpf für ihr Herzenssöhnchen. Seit drei Jahren hatte kein menschliches Auge Frau Flemming anders als mit dem Strickstrumpf gesehen. Wie das Rad einer Maschine, während es sich gedankenschnell dreht, scheinbar still steht, mochte es einem oberflächlichen Beobachter scheinen, als ob die ehrwürdige Matrone seit Jahr und Tag an einem und demselben Strumpf und in die geheimnißvollen Maschen gleichzeitig den Fluch stricke, nie fertig zu werden. In der That aber hätte Gustav mit seinem Vorrath an weicher, warmer, bequemer Fußbekleidung ein ganzes Bataillon für drei Winterfeldzüge ausstatten können.

Nachdem die gute alte Frau Gustav Stirn und Wangen geküßt hatte, machte sie ihm zärtliche Vorwürfe, daß er in der Nachmittagshitze so weite, ermüdende Spaziergänge unternehme. „Ermüdend – ja, aber nicht so weit,“ dachte Gustav, hütete sich jedoch, es zu sagen. Sodann händigte ihm Frau Flemming einen Brief ein, einen Brief aus der Residenz an Monsieur – Monsieur Gustave Flemming.

„Das muß ein guter Mensch, ein wahrer Freund sein,“ setzte sie mit strahlendem Lächeln hinzu, „der schon am ersten Tag nach Deiner Abreise an Dich denkt.“

Gustav steckte den Brief, der Buttler’s Schriftzüge trug, gleichgültig in die Tasche und bemerkte, daß er nur wahre und zuverlässige Freunde besitze. „Gott segne sie!“ sagte Frau Flemming. „Aber vergiß über den vornehmen Freunden in der Residenz Deine alten nicht. Auch hier sind Viele, die es mit Dir gut meinen und sich Deiner Ankunft herzlich freuen. Du mußt mir versprechen, sie Alle zu besuchen. Erst die Freunde Deines seligen Vaters, dann Deine Schulcameraden.“

Gustav schien am Wiedersehen weder Jener, noch der Andern viel gelegen zu sein. Er brummte eine unverständliche Antwort und zeichnete mit dem Stock Figuren in den Sand.

„Da wäre morgen der Kreisrichter, unser Bürgermeister, der Doctor –“ begann Frau Flemming an den Fingern herzuzählen.

„Und der Apotheker Reiser?“ fragte Gustav, während er den Blick auf seine Zeichnung geheftet hielt, „ihn werd’ ich doch auch unter den Ersten besuchen müssen?!“

Ein Schatten legte sich auf Frau Flemming’s Stirne „Wenn Du willst, auch ihn,“ antwortete sie zögernd.

„Wie seltsam Du das sagst?! Was fiel denn zwischen Dir und dem Alten vor?“

„O, nichts zwischen uns Beiden; ich achte und schätze Herrn Reiser nach wie vor,“ versetzte eifrig Gustav’s Mutter. „Er ist ein wenig menschenscheu, ein wenig wunderlich, aber ein kreuzbraver Mensch und hat dieses Schicksal wahrhaftig nicht verdient.“

Gustav hatte auch nicht die leiseste Ahnung, was für ein Schicksal den wackeren Mann heimgesucht haben könnte. Ist er abgebrannt? verarmt!? erkrankt? Oder – halt da! Gustav [770] erinnert sich jetzt, daß Herr Reiser Vater eines unerwachsenen Mädchens ist, von dem Frau Flemming vor zwei Jahren noch[WS 1] ungebührlich viel in ihren Briefen geschrieben … Ist dieses unerwachsene Mädchen – wie heißt sie doch? – an den Pocken oder einer andern acuten Krankheit gestorben?

Die Mutter sah ihn über die Brille weg mit großen Blicken an. Dann legte sie kopfschüttelnd ihr Strickzeug vor sich hin, fuhr mit der Hand ein, zwei Mal über den Strumpf und sagte: „So ist die Jugend!“

„Hab’ ich doch heute den ganzen Tag,“ redete sie hierauf ihren Sohn an, „hab’ ich doch die liebe lange Zeit seither davon weder zu reden, noch zu schreiben gewagt, weil ich Dir schweren Herzenskummer zu bereiten fürchtete. Und nun erinnerst Du Dich des Mädels, Deiner Jugendgespielin und besten Freundin, Deiner Elise kaum! Aber so ist die Jugend, so ist sie. Heute heiß, morgen Eis. Wenn die Kinder groß sind, werfen sie anstatt der Puppen ihre Freundschaften in den Winkel … O! o! kennt Apothekers Lieschen nicht mehr!“

Gustav bedauerte sein schwaches Gedächtniß und versprach das größte Interesse für die Nachrichten, die er über das Fräulein hören würde.

Nach einiger Ueberlegung, wie sie ihrem unschuldigen Sohne von einer so leichtsinnigen, sündlichen Person sprechen sollte, erzählte Frau Flemming die Geschichte von Elisens Verirrung, welche Gustav in kräftigeren Zügen bereits vom Kaufmann gehört hatte. Sie schloß ihren Bericht mit der Versicherung, daß ihr Gustav’s leichter Sinn, obschon sehr tadelnswerth an sich, in diesem Falle eine Centnerlast vom Herzen wälze. Denn sie habe früheren Beobachtungen zufolge bis zur Stunde geglaubt, Gustav wäre Lieschen ganz besonders zugethan; eine Neigung, die sie vor einem Jahre noch von ganzem Herzen gesegnet hätte, unter den gegenwärtigen Verhältnissen aber als ein heilloses Unglück betrachten müßte. „Gott sei Dank,“ schloß sie, „Du hast sie vergessen. Nun bitte ich Dich selbst, zum alten Reiser zu gehen, der mir in tiefster Seele leid thut. Sei freundlich gegen den armen, geschlagenen Mann, und wenn – wenn seine Tochter zufällig anwesend ist, sei nicht verletzend, sei höflich auch gegen die Unglückliche, Verführte.“

Gustav erhob sich in seiner ganzen Größe, zuckte bedauernd die Schultern und sagte: „Es betrübt mich außerordentlich, Deinem Wunsch nicht willfahren zu können, allein nach dem, was Du mir soeben von Fräulein Reiser mittheiltest, kann ich in ihrem Hause die alten Verbindungen nicht wieder anknüpfen, unmöglich!“

„Aber warum willst Du den guten Mann, ihren Vater, nicht besuchen?“

„Warum?“ fragte er voll flammender Entrüstung. „Ich setze den Fall, Fräulein Reiser sei anwesend; ich setze den Fall, Fräulein Reiser grüße mich, spreche mich an – Wie? Du könntest im Ernst wünschen, daß ich ihr Red’ und Antwort stehe, ihr, einer Person, welche sich ihrer Familie, ihrer Stadt, Deiner und meiner Freundschaft so unwürdig zeigte?! Nimmermehr.“

Nach diesen großartigen Worten verließ er die alte Frau, welche dem wohlgezogenen, sittenstrengen Jüngling mit mütterlichem Stolze nachblickte, bis er im Gebüsch, das tiefer in den Garten führte, verschwand. „Gott segne und erhalte Dir Dein reines Herz!“ sagte sie.

Gustav aber, der mit den hochmüthigen Worten und Mienen den inneren Aerger nur verbarg, nicht beschwichtigte, rannte, sobald er sich unbemerkt wußte, wüthend die Gartenpfade auf und nieder, hieb mit seinem Stock links und rechts in die Sträucher und stieß Drohungen, Hohnworte und Verwünschungen aus. Möglich, daß sein Herz blutete, über allen Zweifel gewiß aber war es, daß seine Eitelkeit sich wand und bäumte, züngelte und zischte, wie eine getretene Schlange.

Erschöpft ließ er sich zuletzt auf einer Bank nieder, die am Saum einer Birkenpflanzung stand, wo der Fluß als Grenze des Gartens vorüberglitt. Die Beine von sich gestreckt, die Hände in den Taschen und das Haupt finster zur Brust geneigt, suchte der Gekränkte sich zu beruhigen. „Sie verdient nicht,“ dachte er, „daß ich mich ihretwegen gräme. Ja, wenn sie mich einem würdigen Nebenbuhler geopfert hätte, irgend einem Crösus oder Prinzen! Dann wollte ich nichts dagegen sagen und ihr großmüthig verzeihen. Aber wer stellte mich in den Schatten? wer? Ein alter Ehe-Invalid; ein verkommener, bettelarmer Blattschreiber. Wie schändlich, nein, wie lächerlich! Einen Oldenburg zieht man mir vor, mir, Gustav Flemming, dem reichen Erben, dessen Herz und Hand ganz andere Schönen als Apothekerstöchter höchst begehrenswerth erachten und eifersüchtig bewachen würden! Bah, verließ ich die Vergnügungen der Residenz, um hier einer losen Dirne nachzuweinen? Bewahren wir den Fall als eine Erfahrung im Gedächtniß und vergessen wir die Thörin!“

Er erinnerte sich an den Brief, den ihm seine Mutter ausgehändigt hatte. Er zog ihn hervor und erbrach das Siegel. Das Couvert enthielt folgendes Schreiben, das mit wenig Schonung für die Augen des Lesers und noch weniger Rücksicht auf Styl und Orthographie von einer Damenhand gekritzelt war:

     „Abscheulicher Mensch! lieber Gusti!

Ich sitze hier, in der maison dorée, mit dem garstigsten aller Männer, blos weil er Dein Freund ist, mit Buttler nämlich. Wir haben soupirt, und obwohl ich Deine plötzliche abschiedslose Abreise sehr ungalant und unbeschreiblich finde, auch Mitternacht beinahe vorüber ist, kann ich doch nicht umhin, Dir heute noch zu schreiben. Aufrichtig gestanden, wundere ich mich sehr, wie ein gentiler Mann, wie Du, dorthin reisen kann. Ich will Dir also in aller Eile nur sagen, daß der Diener von Gerson gestern und heute wieder mit der Rechnung bei mir war. Bester, herzlichster Gusti, Du wirst von meiner Liebe zu Dir überzeugt sein und mir das Versprochene gewiß recht bald schicken. Adieu, mein Engel, mein Goldkäfer! Die Adresse wird der garstige Buttler schreiben, denn ich kenne die Neugier einer Mama, wenn man an ihr Herzblättchen schreibt, das wahrhaftig die Liebe nicht verdient, mit der ich bin
Deine getreue Georgette Fachini,
Solo-Tänzerin am königl. Hoftheater.

P. S. Du bist doch auf Buttler nicht eifersüchtig? Er ist heute wieder so borstig und trinkt wie ein Igel. Aber er meint es recht gut mit Dir, sonst würde ich mit ihm wahrhaftig nicht soupiren. Das Essen war übrigens herzlich schlecht. Die Müller tanzt morgen bei Kroll! Wie findest Du das?!“

Gustav zerriß den Brief in vier Stücke und schleuderte das zerknüllte Papier verächtlich in den Fluß. Eine Weile zauderte sein Blick auf der braunen, ruhig ruhlosen Fluth und schweifte dann über Aehrenfelder, Weidengänge und Gehöfte zur waldigen Hügelkette, welche das Thal umschließt.

Die Sonne schied, und ein sanftes, hinsterbendes Licht ergoß sich durch Himmel und Erde. Gustav’s Ohr, vom Getös der Hauptstadt so lange betäubt, hörte nach langer Zeit nun wieder die Musik der Vögel, den Nachtgesang der Grille und das leise Rauschen der Blätter; sein Auge, nicht mehr gebannt durch ein Gewirr von Häusern, Mauern, rauchenden Schornsteinen und riesigen Thürmen, tauchte nach langer Zeit wieder in die blauen Tiefen des Himmels. Eine weiche Stimmung bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Nicht als lauter, stürmischer Schmerz, sondern als wehmüthige Sehnsucht beschlich ihn die Reue über drei wüste, verlorene Jahre. Er wünschte – er wollte – – Seltsam! Inmitten seines heimathlichen Thals fühlte Gustav zum[WS 2] ersten Male Heimweh.




Um sechs Uhr Nachmittags machte der Lehrjunge der Adler’schen Druckerei Toilette, um Herrn Oldenburg den Correcturbogen der Waldkirchener Morgenzeitung zu bringen, das heißt, er zog den linken Zipfel seiner blauen Schürze durch das Gürtelband und nahm sein Portefeuille von grauer Pappe mit dem feuchten Druckbogen unter den Arm. Die schwarzen Spuren auf Nase und Wangen gehörten zum Geschäft; die Hemdärmel waren der Jahreszeit und dem unternehmenden Charakter angemessen; die ungeheuern, in vergeblicher Sehnsucht nach Wichse ergrauten Stiefel waren seine Eigenthümlichkeit. So konnte er ohne Weiteres seinen wichtigen Geschäftsgang antreten.

Die Druckerei lag vom rothen Roß nicht zweihundert Schritt entfernt; man hatte nur über den Marktplatz zu gehen Aber in Anbetracht gewisser Umstände hielt es der Junge heute für gut, so langsam als möglich vorwärts zu kommen …

Seit einer Stunde herrschte in den Straßen Waldkircheus ein ungewöhnliches Getriebe. Der Jahrmarkt und das Schützenfest sollten andern Tages beginnen. Festzüge und Zechgelage, Musik und Tanz, buntbewegte, fröhliche Tage in Aussicht! Ist es das allein, was die Bewohner des Städtchens so fieberhaft erregt? [771] Lungern sie darum in den offenen Fenstern, stehen sie darum in dichten Gruppen an den Straßenecken und vor den Hausthüren, schließen sie darum ihre Läden und Gewölbe? Warum denn blicken die Frauen so ängstlich? – – Der Junge mit der Zeitungsmappe, er weiß es. Nur einen verächtlichen Blick hat er heute für seine sorgenfreien Altersgenossen, die sich zwischen den Budenreihen tummeln und jagen; wenn er aber auf eine Gruppe bejahrter, ehrenfester Männer stößt, welche in heißer Rede die Arme werfen oder aufhorchend die Köpfe schütteln, bleibt er stehen und legt sein Gesicht in Falten, als wäre er hundert Jahre alt.

Was bedeuten die singenden, brüllenden Truppen trunkener Gesellen in Arbeitskitteln, die Arm in Arm die Straßen durchziehen? Warum hat der Gensdarm, der aus dem Hause des Bürgermeisters tritt, denn gar so große Eile und läßt seinen Säbel lauter denn je auf dem Pflaster rasseln? Der Druckerjunge des Herrn Adler weiß Alles, versteht Alle. Er ist nicht umsonst „Einer von der Morgenzeitung“, er ist ein Wissender und könnte Jedermann die Ereignisse voraussagen, an deren Vorabend die Waldkirchener stehen. Aber er begnügt sich damit, seine unpolitischen Altersgenossen zu verachten, den Kopf hoch zu tragen und den Radetzkymarsch zu pfeifen, wobei er sich seiner Zeitungsmappe anstatt der türkischen Trommel bedient.

Als er beim rothen Roß anlangt, sieht er einen Schwarm von Knaben und Mädchen davor versammelt und einen Triumphbogen von Tannenreisern anstaunen, der das Thor des Gasthauses schmückt. Er staunt nicht; er hat für die Guirlanden nur einen verständnißvollen Seitenblick. Im kühlen Thorweg sitzen einige schwarzbefrackte Männer um ein leeres Faß und trinken Bier. Er geht mit höchster Geringschätzung dieses auffallenden Häufleins vorüber und pfeift den Sturmgalopp.

Er pfiff noch, während er die Treppe zu Oldenburg’s Wohnung hinanstieg, aber er verstummte plötzlich, als ihm der wohlbekannte Waldkirchner Arzt von oben entgegenkam. Doctor Werner war ein stattlicher Mann, von rosiger Gesichtsfarbe, wohlgenährt und wohlgekleidet. Er sah neben dem haarstruppigen, schmutzigen Jungen wie ein indischer Nabob aus; doch nicht der strenge Seitenblick, den er ihm zuwarf, nicht das Bambusrohr mit dem Goldknopf, nicht die Diamanten im schneeweißen Brustlatz schüchterten den Knaben ein. Dieser war in Bezug auf Aerzte der Meinung, daß sie nur für reiche Leute da seien, und pflegte mit so wenig Ehrerbietung am Doctor vorüberzupfeifen, als ob er vom Herrgott selbst ewige Gesundheit patentirt erhalten hätte.

Aber heute lag in den zwei Stirnfalten zwischen den Augenbrauen des Doctors ein so seltsamer Ausdruck, lag über seiner Gestalt trotz der hellfarbigen Sommerkleidung ein düstrer Schatten und in seinem Hinabschreiten eine Art schwermüthiger Feierlichkeit, daß der Knabe sich scheu zur Seite drückte und dann, über das Geländer gelehnt, Werner bis in den Thorweg nachblickte, von einer dunkeln Vorstellung beunruhigt, daß so der Arzt aussähe, wenn er zum letztenmal von einem Kranken geht.

Er fand Oldenburg in einem Zustande, der ihm seine frühere Sicherheit nicht wiedergab, blaß, verweint, niedergeschlagen. Als er ihm den Correcturbogen überreichte, starrte Oldenburg mit leerem Blick auf das Papier und gab es dann, wie geistesabwesend, wieder zurück. Auf einen fragenden Blick des Knaben stammelte der Andere, daß Herr Adler die Correctur übernehmen möchte, denn er selber wäre heute unfähig dazu.

Dem Jungen trat das Wasser in die Augen. „Haben Sie keine Angst nicht,“ sagte er mit gutgemeinter Wichtigkeit, als wenn er der Verleger und Druckereibesitzer wäre, „das wollen wir besorgen. Und die Weber,“ fuhr er fort, „die Weber sollen nur kommen und uns bedrohen. Wozu haben wir die Fünfunddreißiger in Neustadt? Wupp! sind sie da; und eine Kanone kommt vor die Druckerei, die andere vor das rothe Roß. Hurrah! die Morgenzeitung fürchtet sich nicht.“

Er sprach diese Worte wirklich aus der Seele seines Principals, des Herrn Adler, aber Oldenburg sah ihn mit verwunderten Augen an. „Wovon redest Du denn?“ fragte er. „Was ist’s mit den Webern?“

„Was!“ schrie Jener, „das wissen der Herr Doctor nicht?

Das wissen Sie nicht?! Drüben in der Baumwollenfabrik haben sie heute die Arbeit eingestellt. Ein Einziger war dagegen und wurde deshalb von seinen Cameraden krumm und lahm geschlagen. Und in der Zuckersiederei wollen sie heute Abends höheren Lohn begehren. Randal an allen Ecken und Enden!“

„Die Unglücklichen!“ sagte Oldenburg.

„Hallunken und von der Reaction bestochen sind sie, meint der Principal,“ versetzte eifrig der frühreife Junge. „Der bucklige Nöldeken ist ihr Rädelsführer. Na, den Burschen kennen wir! Als er im vorigen Jahr in der Residenz ohne Arbeit war, ließ er sich von der ,Gesellschaft der wahren Volksfreunde’ unterstützen … Merken Sie jetzt, woher der Wind weht? Wie? Daß just heute der Präsident der wahren Volksfreunde – na, für die Freunde danken wir! – daß er just heute nach Waldkirchen kommt und im rothen Roß einen Vortrag halten wird, das ist doch merkwürdig, meint der Principal.“

Oldenburg stand an der Thür des Krankenzimmers. Er schlug sich vor die Stirn und stöhnte. „Heute! Warum gerade heute?!“ sagte er verzweiflungsvoll.

„Major Falkenstein und der bucklige Nöldeken haben nach Kräften gewühlt,“ fuhr der Lehrling fort. „Nicht allein die Fabrikarbeiter, auch Honoratioren und Bürger werden den Präsidenten Brausewetter empfangen. Der dumme Teufel, Ihr Wirth, ließ sich herumkriegen, giebt sein Local her und staffirt es obendrein mit Laubwerk und Fahnen aus, als ob ein Prinz käme. Pfui! – Sie müssen kündigen, meint der Principal.“

„Ach, ich werde ohnedies dies Haus verlassen,“ sagte Oldenburg leise vor sich hin.

Der junge Politiker aber fuhr fort, indem er sich in die Brust warf: „Gegen wen wird Brausewetter sprechen? Gegen den Fortschritt, gegen uns, gegen die Morgenzeitung.“

Trotz seiner Aufregung fiel der Knabe nur selten aus dem Flüsterton, denn Oldenburg schien mehr nach der Thür, als nach dem Gespräch hinzuhorchen. „Unsern famosen Artikel gegen die falschen Volksfreunde,“ begann Jener nach einer Pause wieder, während welcher auch er den Blick ängstlich auf die Thür gerichtet hatte, „vergiebt und vergißt uns Brausewetter nicht. Er wird uns ein Feuerchen anschüren, wird gegen uns schäumen und hetzen.

Und die dummen Kerle werden ihm glauben. ’s ist keine Bildung im Kattun. Betrunken, wie sie jetzt schon sind, und mit Nöldeken an der Spitze, stürmen sie die Druckerei. Aber es giebt eine Gewerbeordnung, meint der Principal, und in Neustadt liegen die Fünfunddreißiger. Unsere Fabrikherren und er, der Principal, waren bereits beim Bürgermeister. Wir lassen uns nicht bange machen.“

Oldenburg durchwandelte in größter Unruhe das Zimmer. „So weit wird, so weit darf es nicht kommen,“ sprach er dann. „Geh, mein Junge, und sage Herrn Adler, er möge sich beruhigen. Brausewetter, der besternte, conservative Mann, kann um seiner eigenen Stellung willen den Schritt der Weber nicht billigen. Darüber bin ich ruhig, aber meine Frau – – meine arme Frau –“

Er sprach nicht mehr, doch der Knabe verstand ihn und brach trotz seines politischen Bewußtseins plötzlich in Thränen aus. „Sagen Sie das nicht!“ schluchzte er, „sagen Sie das nicht! Die gute Frau Doctorin wird gewiß wieder gesund. Man kann die Schwindsucht haben und hundert Jahr alt werden, meint der Principal …“

Vom Bahnhof her klang ein schriller Pfiff.

„Da kommt der Zug,“ sagte der Knabe, während er sich mit seinem Aermel die Augen wischte. „Ich wollt’, ich dürfte den Brausewetter empfangen … Die liebe, gute Frau Doctorin! … Ich wollte ihm zeigen, was ’ne Volksfreundschaft ist … Adieu, Herr Doctor … Und es ist nicht so schlimm, meint der Principal.“

Der Knabe ging, und Oldenburg öffnete langsam die Thür des Krankenzimmers. Elise saß zu Füßen des Bettes; sie hielt die Arme auf den Schooß gestützt und das Gesicht in die Hände begraben, stumm, regungslos, ganz versunken in Gram und vergebliche Reue. Die Kranke aber machte einen ohnmächtigen Versuch, ihr Antlitz dem Eintretenden zuzukehren. Als er dann neben ihr stand und sich über sie niederbeugte, entdeckte er mit Entsetzen, daß auf diesem Antlitz selbst das sanfte Abendlicht nicht mehr Wärme und Leben heucheln konnte. Der Schatten aus dem unbekannten Thal lag auf Stirn und Wangen … Er faßte ihre Hand und fühlte sich von Kälte bis an’s Herz durchschaudert, als hätte er Eis berührt. Nur in den Augen noch war ein schwacher [772] Kampf gegen den Anbruch der Nacht. Aus zunehmendem Dunkel suchten sie den Geliebten, den Gatten.

„Armer Heinrich!“ flüsterte sie, „Du wirst allein sein … Ich habe Dich doch mehr geliebt …“

Eine Thräne entquoll ihr, das Sinnbild ihres stillen, leidvollen Lebens. Und als flösse ihre Seele in dieser Thräne dahin, sagte sie plötzlich: „Warum schließt Ihr den Laden? – Ich sehe Dich nicht mehr –“

Dann bewegten sich nur noch leicht die Lippen – ein schweres, gewaltsames Ringen der Brust begann und endigte mit einem schmerzlichen Seufzer – – Heinrich war allein.

Elise fuhr empor, ihr Blick irrte vom knieenden, laut schluchzenden Mann über die ausgestreckte, marmorstille Gestalt auf dem Lager. Todt! todt! Keine Sühnung, keine Genugthuung, keine Versöhnung mehr … Sie sank vernichtet zurück.

Aus ihrem dumpfen, keines Gedankens fähigen Brüten weckten sie Schritte im Zimmer. Aufblickend gewahrte sie den Pastor, der zum Todtenbett trat und die Hand auf Oldenburg’s Schulter legte. Denn dieser kniete noch immer, ganz in Thränen, verloren in seinem Schmerz, vor der Entseelten.

Als sich Elise erhob, warf der Pastor einen strengen Blick auf sie und sagte: „Was wollen Sie hier? Gott ließ es in seiner unerforschlichen Geduld geschehen, daß Sie das Lebensglück dieser armen Frau zerstörten. Genügt Ihnen dies Opfer nicht? Wollen Sie der Todten auch seinen Schmerz und seine Reue nicht gönnen? Gehen Sie! Entweihen Sie nicht die Heiligkeit eines Sterbelagers!“

Elise machte eine flehende Bewegung mit den Händen, dann preßte sie ihre Rechte auf das verwundete, zuckende Herz und sprach mit schmerzlicher Gelassenheit: „Seien Sie nicht härter, als sie, die strenger als Alle mit mir rechten durfte! Sie hat mir vergeben.“

„Fiel die Vergebung eines Engels nicht brennender als ein Fluch auf Ihre Seele?“ eiferte der Andere. „Können Sie selber sich vergeben?“

Jetzt erhob Elise den Blick, den sie gesenkt hatte, und sah dem Priester nicht trotzig, aber fest in’s Auge. „Ich weiß,“ sagte sie, „daß ich, gestern verachtet, von heut’ an geächtet bin. Ich könnte jetzt mein Herzblut aus den Augen weinen, Sie blieben ungerührt. Doch nicht das ist’s, was mich schaudern macht, sondern der Gedanke, daß jene Frau und er und ich an einer Lüge zu Grunde gingen … Schuld aus Liebe erhält von der Liebe Flügel und flüchtet sich über der Welt Erbärmlichkeit zu Gottes Richterthron. Seit heute aber weiß ich, daß wir – jener Mann und ich – uns nicht liebten, und das, das stürzt mich vor Eure Füße; steinigt mich!“

Bevor der erstarrte Priester Worte der Entgegnung fand, hatte Elise mit einem letzten Blick auf Oldenburg, der nichts sah, nichts hörte, das Zimmer verlassen.

Sie ging durch den Wirthsgarten, der an das Grundstück ihres Vaters grenzte. Es war unterdessen spät geworden; der Abendwind spielte mit ihrem verwirrten Haar und kühlte ihre heißen Wangen. Aber der stechende Schmerz in den Schläfen, der Krampf ihrer Brust löste sich nicht. Niemand begegnete ihr, doch wäre auch das ihr gleichgültig gewesen, in diesem Zustand gesehen zu werden. Als sie am Garten vorüberschritt, sah sie durch die tiefgehenden Fenster eine zahlreiche Versammlung von Waldkirchener Bürgern und Arbeitern. Ein fremder, schwarzgekleideter Mann stand auf einer Tribüne, welche sonst als Orchester diente, und redete zu Jenen mit großem Pathos und heftigen Gebehrden. Allein auch dies seltsame Schauspiel verzögerte nicht Elisens Schritt, zerstreute nicht ihre düstern Gedanken. Sie hatte es vergessen, sowie sie am Saal vorbei war. Hinter einer Rebenhecke im Zaun versteckt befand sich eine Thür. Diese erschloß das Mädchen und betrat durch sie den Garten ihres Vaters.

[785] Es war ein schmaler Fleck Erde zwischen einem Gewirr von Hintergebäuden und Hofmauern; drei, vier Beete und im Hintergrund eine Laube. Aber Elisens Vater war ein Blumenfreund; ein wunderschöner Rosenflor blühte im Gärtchen und erfüllte die Luft mit Wohlgeruch.

Und wie betäubt von diesem Duft, blieb Elise, nachdem sie die Pforte wieder hinter sich geschlossen hatte, eine Weile schwankend und mit gesenkten Wimpern stehen … der Mond war noch nicht aufgegangen, nur der Abendstern stand hoch im dunkeln Blau; aber ein milder, geheimnißvoller Glanz schien aus des Himmels tiefsten Tiefen zu quellen, dämpfte auf Erden alles Grelle und durchleuchtete das Dunkle – es war, als verströmte die Nacht ihre Seele. In diesem magischen Licht, zwischen den zitternden Rosenbüschen glich die einsame, weiße Mädchengestalt der Muse der Melancholie, die in wollustathmender Nacht der Vergänglichkeit der Blumen und Menschen, der Schönheit und Freude nachsinnt. Das Haupt, das sonst so stolz auf dem kräftigen Halse saß, neigte sich zur Brust; das Gesicht war blaß, nur dicht unter den Augen, wo die Haut vom Weinen entzündet war, brannten zwei Purpurflecke. Sie hatte die feinen, langen Finger gefaltet, und der Schlüssel zur Gartenpforte war zur Erde gefallen. Aber sie bückte sich nicht nach ihm und hob ihn auch nicht auf, als sie aus dieser Art Ohnmacht erwachte und langsam in’s Haus schritt.

In ihrem dunkeln Zimmer saß sie dann, das Kinn auf die Hand gestützt, und verlor sich in die unselige Geschichte ihres Herzens. „Eine Zeile, ein Gruß von Gustav,“ dachte sie, „hätte damals mich retten können. Von Tag zu Tag hofft’ ich auf ein Wort der Liebe und Treue, erst mit Zuversicht, mit Angst, mit Thränen dann, bis mich endlich zornige Scham ergriff. Des Mädchens nicht achten, dem man die ersten Schwüre gab, heißt es verachten. Mein erster Kuß war entheiligt, meine innerste Empfindung zum leeren Traum herabgestimmt, und der Ferne, der Treulose erschien mir nur noch als ein kecker, leichtfertiger Knabe. Oldenburg aber stand vor mir voll männlicher Schönheit und männlichen Ernstes – schön, geistreich und unglücklich.“

„Nein! nein!“ schalt sie sich selbst, „ich darf mich nicht entschuldigen. Weh mir, was hab’ ich gethan! Ueber einen Engel wollte ich durch menschliche Sünde triumphiren. Einem sanften, alles Glückes würdigen Wesen raubt’ ich sein einziges Glück, das Herz des Gatten. Einer Kranken verbitterte ich die letzten Tage. Es giebt keine Verzeihung für mich. Ja, wenn mich eine große Leidenschaft sturmähnlich in den Abgrund gerissen hätte, doch tändelnd, Schritt für Schritt, sank ich und verlor mein Heiligstes, die jungfräuliche Scham … So mußte es kommen; da keine Sühnung mehr möglich ist, am Sterbelager des armen Opfers erwache ich aus meiner Verblendung, und der erste Blick trifft Ihn, den ich verrathen, doch nicht vergessen konnte.“

Elisens Vater, der alte Reiser, trat mit Licht in das Gemach, ein graues Männchen mit blassem, gutmüthigem Gesicht, altmodisch und schlotterig gekleidet. Er trug der kranken Augen wegen eine blaue Brille. Wie er lebte, ist bald gesagt. Durch Elisens Geburt zum Wittwer geworden, vereinsamte und verwelkte er unter Büchern und Retorten, mit wunderlichen, unnützen Experimenten und planlosen Studien beschäftigt. Aus dem dumpfen Laboratorium stieg er zuweilen in das Stübchen seiner Tochter; jenes war seine Welt und diese seine Sonne.

Elise erhob sich bei seinem Eintritt nicht ohne Verwirrung, aber er drängte sie sanft auf ihren Sitz zurück und sagte, daß er sie nur einen Augenblick sehen und sprechen wolle. Selbst dem eigenen Kinde gegenüber benahm er sich schüchtern und linkisch. Während er sich verlegen die Hände rieb, suchte er, da Elise die stumme Pause nicht unterbrach, nach Worten. „Du bist traurig, mein armes Lieschen,“ sagte er endlich. „Ich weiß – Deine Freundin, Frau Oldenburg, ist gestorben. Die Actuarius Müller kam in die Apotheke und erzählte mir’s. Eine redselige Frau, die Actuarius Müller. Hm, ja, was ich sagen wollte – Herr Gustav Flemming ist heute Morgen angekommen. Das ist doch auch eine frohe Nachricht. Ein prächtiger Junge! Und doch, und doch, Eins wundert und kränkt mich –“

„Was, lieber Vater?“

„Daß er seine Freunde nicht aufsucht. Ich sah ihn über den Marktplatz gehen. Aha, dacht’ ich, jetzt kommt er zu uns. Aber er kam nicht.“

Elise seufzte. „Er kommt nicht,“ sagte sie leise.




3.

„Märtyrer hat uns Brausewetter gestern genannt. Frage Deinen Mann! Märtyrer. Ist’s nicht so? Märtyrer hat er gesagt.“

Mit diesen Worten wandte sich eine ungestalte, häßliche, schielende Frauensperson mit ungekämmten Haaren, in schlechten Kleidern und Holzschuhen, von ihrer Begleiterin, die ebenso schlecht, aber sauberer gekleidet und auch in Holzschuhen ging, sehr klein, [786] abgehärmt und immer erschrocken aussah, an einen von den Webern, welche auf dem Vorplatz eines casernenähnlichen Hauses in müßigen Gruppen umherstanden.

Dies Haus lag zwischen der Baumwollenspinnerei und dem Waldkirchener Friedhof. Der geräumige Vorhof wurde durch eine dunkelrothe hohe Mauer vom gleichfarbigen Fabrikgebäude getrennt und sah wie das Haus kahl, ärmlich und trotz des heitern Sommertages düster aus. Er besaß einen Rasenplatz, aber auch dieser war farblos und kahl, während jenseits der Straße Wiesen im saftigsten Grün lagen. Nur an Armuth reich und an Kindern gesegnet erschien der Ort. Im Grase, wie auf den Sandwegen, um den Brunnen herum und im Hausflur sprang, lief und kroch, schob und stieß sich der junge Nachwuchs, Mädchen und Knaben jeden Alters. An vielen Fenstern standen Frauen, mit Säuglingen auf dem Arm oder an der Brust, sahen stumpf auf das Getümmel nieder und schrieen zuweilen etwas herab, was im Höllenlärm natürlich unverständlich blieb und höchstens den einen oder andern Flachskopf einen Augenblick lang aufblicken machte.

Der Mann, dessen Arm die Schielende mit ihrer Stricknadel berührte, kehrte von der Unterhaltung seiner Cameraden ein erhitztes, trotziges Gesicht den beiden Frauen zu. „He! Du, Peter! Wie nannte uns Brausewetter?“ wiederholte Jene.

„Märtyrer.“

„Hörst Du?“ wandte sich die Schielende mit stolzer Befriedigung an Peter’s Frau. „Märtyrer sind arme, geplagte Leute wie wir. Alle Märtyrer sind Weber gewesen.“

„Nein,“ bemerkte Peter, den Kopf schüttelnd. „Nein, alle Weber sind Märtyrer.“

„So ist’s! Recht hat er! Brausewetter ist unser Mann!“ sprachen die Männer, welche mit Peter zusammen standen. Nur die Schüchterne schien nicht beruhigt. „Wenn er es so gut mit uns meint,“ entgegnete sie, „warum batet Ihr ihn nicht, uns bei unserm Fabrikherrn zu vertreten? Weiß er, was gestern geschehen ist? Und wenn er es weiß, warum ist er schon heute wieder abgereist?“

„Der Brausewetter?“ fragte Peter. „Na, warum sollte er es wissen? Er ist ein gescheidter Mann, der den Nagel auf den Kopf trifft, aber doch kein Weber. Und da er nicht aus Waldkirchen und kein Weber ist, so geht es ihn den Teufel an, was wir mit unserm Fabrikherrn haben.“

„Uns wird, uns muß geholfen werden, hat er gesagt,“ eiferte ein Zweiter. „Wir sollten nur Vertrauen haben.“

„Und uns nicht verführen lassen,“ fiel ein Anderer ein. „Die Morgenzeitung ist an unserm Unglück schuld! Die Regierung will uns helfen, aber die Fabrikanten, die Geldjuden und in ihrem Sold die Zeitungsschreiber schreien dagegen. Woher wissen wir, wie es der Regierung geht? Aus den Zeitungen. Woher weiß die Regierung, wie es uns geht? Aus den Zeitungen. Was aber stand neulich in der Waldkirchener Morgenzeitung? Daß sich unsere Lage von Jahr zu Jahr verbessere und der Lohn steige, daß wir keine Staatshülfe brauchten, sondern uns selber hälfen. Nun frag’ ich Euch: Wenn die Herren droben dergleichen Schwarz auf Weiß und gedruckt lesen, müssen sie nicht glauben, daß es uns gut geht, daß wir am Fleischtopf sitzen und fett werden? Hängen sollte man den Kerl, der das schreibt! Eine schöne Wahrheit! Wir verbessern uns, wir nehmen zu! Ja, unser Verdienst geht den Botenschritt, aber die Theuerung fährt sechsspännig voraus. Ein Thaler Zuwachs meinem Lohn bringt tausend dem Lohngeber.“

Ein kleiner, verwachsener Kerl stürzte in den Kreis. „Wißt Ihr die Neuigkeit?“ rief er aufgeregt und rieb sich die Hände. „Der Fabrikherr wird Abends herüber kommen – denkt Euch, Er zu uns! – will begütigen, mit uns unterhandeln! Er kriecht zum Kreuz! Sagt’ ich es nicht? er kriecht zum Kreuz!“

Die Aufregung, welche seine Worte hervorriefen, war groß. In einigen Secunden verbreitete sich die Nachricht im Hof, stürmte wie eine Lärmglocke die Leute im Hause aus der Nachmittagsruhe und trieb sie an’s Licht. Es war erstaunlich, wieviel Menschen das eine Gebäude ausspie, Männer in grauen Kitteln oder schmutzigen Hemdsärmeln, Weiber in Flanellunterröcken und ausgewaschenen Spensern, Alle voll banger Erwartung, Unruhe und Hoffnung. Selbst die Kinder hörten auf zu spielen und drängten sich in den großen Kreis, der sich um den Buckligen bildete. Man fragte, rieth und schrie wirr durcheinander. Die Mehrzahl der Arbeiter jubelte, und ihre Frauen beglückwünschten sich. Allein der Bringer der Freudenbotschaft, der bucklige Nöldeken, derselbe, der zuerst zur Arbeitseinstellung gerathen hatte, war gegen die Aussöhnung mit dem Fabrikherrn. Als der erste Sturm vorüber war, ergriff er das Wort. „Freunde!“ begann er und warf die langfingrigen Hände in die Höhe. „Seht Ihr denn nicht, daß man anfängt, uns zu hören, zu achten, zu fürchten? Der Augenblick ist unser. Die Rede vom Präsidenten der wahren Volksfreunde schuf uns einen Anhang unter den Bürgern. Der Soldat, der Beamte und kleine Handwerker murrt längst über den Fabrikanten; Brausewetter hat sie mit uns verbrüdert! Darüber erschrickt unser Bedrücker. Er bietet die Hand zum Vergleich – wir haben gesiegt. Steht es dem Sieger an, sich Bedingungen vorschreiben zu lassen oder gar in’s alte Joch zurückzukehren? Nein, lasset uns fest sein! Vorgestern baten wir um ein Drittel unseres Lohnes; fordern wir heute das Doppelte, so erlangen wir morgen das Dreifache. Consequenz, meine Freunde, Consequenz, eiserne Consequenz! Geben wir unsern Brüdern in der Provinz, im ganzen Lande ein Beispiel. Die Fabrik kann nicht still stehen. Hände aber sind rar; es ist Erntezeit und Krieg vor der Thür. Und dann – und dann – man kann uns nicht verhungern lassen. Wir sollen der Regierung vertrauen, sprach gestern Brausewetter, und unsere Sache ihr anheimstellen. Brausewetter ist ein Freund der Regierung, er muß wissen, welcher Wind für uns weht. Brausewetter ist ein ganz andrer Kerl, als unser Fabrikherr!“

Er machte eine Pause, und schon nickten ihm Mehrere beifällig zu. „Und nun paßt auf!“ erhob er seine Stimme, „kann die Regierung uns als Ruhestörer und Aufständische behandeln, wenn wir uns in ihren Schutz begeben? Kann sie das? Wie immer unsere heutige Verhandlung endigen möge, der Weg nach der Residenz bleibt uns offen. Laßt uns eine Adresse an den Minister, an den König entwerfen! Denn ich frage Euch: Wollt Ihr in der Morgenzeitung lesen: ,die Waldkirchener Weber stellten vorgestern ihre Arbeit ein, haben heute Reue und Leid gethan und sehen morgen ihrer Bestrafung entgegen’? Ha, eher wollte ich, ich allein die Pressen zerstören und die Druckerei anzünden … Wer aber wagt gegen uns zu schreiben, wer uns zu richten, wenn wir zum Könige selber gehen? Eine Adresse, eine Deputation, das ist mein Vorschlag.“

Die Weber sahen sich überrascht an; die Frauen und Mädchen blickten mit scheuer Bewunderung auf das zwerghafte Männchen. Er aber, Nöldeken, zog ein Papier aus der Tasche und schwenkte es in der Luft. „Hier,“ rief er, „hier ist der Entwurf einer Adresse. Und wenn ich Euch bitte, das unter uns Männern droben zu berathen, so weiß ich, daß jeder, der kein Feigling ist, mir folgen wird.“

… Sie folgten ihm Alle, weil er – obwohl weder klüger, noch klarer – so doch entschlossener und beredter als Alle war … Nur Peter’s Frau wollte sich nicht beruhigen, nicht zu heitern Hoffnungen überreden lassen. Während sie mit der Schielenden, ihrer Freundin, auf und ab ging, weinte sie still vor sich hin und sagte ein über das andere Mal: „Es ist unser Unglück.“

Ihr Töchterchen, ein winziges Ding mit den erschrockenen Augen der Mutter, zupfte sie an der Schürze und fragte: „Mutter, wer wird denn da begraben?“

Die Webersfrau stand betroffen still, blickte dem Mädchen starr in’s Gesicht und stammelte: „Herr Jesus, Kind, was meinst Du?“

„Drüben aus dem Friedhofe graben sie ein großes, großes Grab – so groß,“ sagte das Kind und breitete die Aermchen weit auseinander.

„Ich wollt’, es wäre für mich,“ seufzte die Mutter.

„Unsinn!“ versetzte die Andere und zog ihre Freundin mit sich zum Hagedornzaun … „weißt Du’s denn nicht, ’s ist der Doctorin Grab.“ – Der Begräbnißplatz war, mit dem Hof verglichen, ein üppiger Garten, mit einer Pappelallee in der Mitte, mit Rosensträuchern und Hollunderbüschen. Im hohen Gras standen rothe und blaue Blumen, Epheu umrankte die Kreuze und Weiden neigten sich über die Grabhügel. Im Mai und Juni sang hier die Nachtigall, an jenem Nachmittag aber summten nur geschäftige Hummeln über den Halmen, und gelbe Schmetterlinge flatterten auf und nieder, hin und her, als tändelte die Luft mit Blumenblättern.

„Prost Mahlzeit, Meister!“ rief die Schielende dem Todtengräber zu, der unweit des Zaunes bis an die Schultern in einem frischen Grabe stand und Erde ausschaufelte.

„’N Morgen,“ erwiderte er, ohne sich umzusehen.

[787] „Ist das der Doctorin Grab?“

„Es wird’s, es wird’s,“ antwortete Jener.

„Wenn es nach Recht und Verdienst ginge,“ sagte die Schielende, „müßte eine Andere hinein.“

„Ah bah; ein wenig früher, ein wenig später – ich begrabe sie Alle.“

„Bis Ihr selber an die Reihe müßt.“

„Na,“ sagte der Alte und drehte jetzt sein rothes, pfiffiges Gesicht den Frauen zu, „ich habe lange genug Andern eine Grube gegraben.“

Da die Arbeit gethan war, half er sich mit dem Spaten aus der Tiefe und hob seinen schwarzen Kittel aus dem Grase auf.

„Ist’s schon so weit?“ fragte die Webersfrau.

„Wird bald zum ersten Mal läuten,“ war die Antwort. Dann zog er eine Branntweinflasche aus der Westentasche und that einen tüchtigen Schluck.

„Gut vor einem Begräbniß,“ schmunzelte er, die Flasche den Frauen reichend. Aber nur die Schielende that ihm Bescheid. „Gut für Alles,“ sagte sie nach einem langen Zug.

„Ihr habt wohl heute noch Feiertag?“ fragte der Alte und zwinkerte mit den Augen. Aber Peter’s Frau nahm seine Anspielung übel auf.

„Ihr seid ein aller Sünder!“ zürnte sie. „Das ewige Leichenbuddeln hat Euch herzlos und verstockt gemacht. Sonst würdet Ihr Euch schämen, über uns arme Leute zu spotten! Weil Ihr vom Tod das gute Leben habt, Todtenwachen, Begräbnißsporteln und den ganzen Kirchhof! Ihr könnt nicht leugnen, das habt Ihr!“ Sie begann zu schluchzen. „Und ich frage mich oft: warum ist mein Mann nicht Todtengräber geworden? Dann litte er nicht Noth – und mich, mich könnte er begraben.“ Ihre Stimme erstickte in Thränen. Auch das Kind begann zu weinen.

„Na,“ beschwichtigte der Alte, „ich meint’ es nicht so böse. Aber der Oldenburg,“ fuhr er ironisch fort, indem er sich mit einem neuen Schluck aus der Flasche stärkte, „der Oldenburg, das ist ein Gescheidter, der weiß Alles; er mußte natürlich auch vorherwissen, daß seine Frau bald sterben wird, und darum sah er sich bei Zeiten nach einem Ersatz um … Ein Tausendsappermenter, dieser Oldenburg!“

„Ein ruchloser Mensch ist er,“ rief Peter’s Frau und gewann plötzlich Muth und Beweglichkeit. „Eine Liebschaft vor den Augen seiner Frau zu unterhalten! dem braven Weib das Herz zu brechen!“

„Und solch ein Mörder will uns in seiner Zeitung vorschreiben, was wir thun und lassen sollen?“ fiel ihre Begleiterin ein. „Ha, seine Mamsell, des Pillendrehers Tochter, soll sich heute blicken lassen! die Augen kratz’ ich ihr aus.“

„Dabei bin ich auch,“ sagte die Schüchterne sehr entschlossen.

„Sie wird sich hüten,“ meinte der Todtengräber, „doch in die Grabrede kommt sie, dafür lass’ ich den Pastor sorgen.“ Damit verließ er den Platz. Die Webersfrauen aber kehrten in das Haus zurück und mahnten ihre Hausgenossinnen, daß es Zeit zum Begräbniß sei. Und bevor von der Kirche die Glocken riefen, wanderte eine Truppe von mehr als hundert Fabrikarbeiterinnen über den Marktplatz zum rothen Roß. Als sie beim Trauerhaus anlangten, wo Männer, Frauen und Kinder in flüsternden und doch aufgeregten, unruhigen Gruppen sich drängten, deutete die Schüchterne auf ein Fenster und sagte: „Da droben liegt sie.“

Droben lag sie. Des Doctors Wohnung steht wie die Schenke im Erdgeschoß Jedermann offen, und es herrscht zwischen unten und oben ein stillgeschäftiger Verkehr. Man sieht den wohlgenährten Bürger, der jetzt in der Wirthsstube mit Andern zusammensteht, ein Bierseidel leert und zornigen Gesichts die Fabrikfrage erörtert, einige Minuten später im Trauerzimmer mit herabgezogenen Mundwinkeln und feuchten Augen seinen Bekannten feierlich die Hand schütteln, als wäre fortan die Welt schwarz für ihn und interesselos. Kinder drängen sich an den Schänktisch und sehen mit eben der Scheu, womit sie droben den Sarg betrachteten, dem Bierschank des Kellners zu. Frauen wühlen auf der Treppe noch schonungslos in der Herzenswunde der Verstorbenen und treten dann schluchzend vor die Todte, deren Leben Dulden und Verzeihen war. Es ist ein Köpfezusammenstecken, Flüstern und Seufzen, ein rastlos Kommen und Gehen im Todtenzimmer, daß die Wachslichter um die Bahre unruhig flackern und qualmen. Aber diesen Schlaf stört kein Geräusch …

Oldenburg saß in der Nebenstube. Der Geruch von Rosen und Wachskerzen, Trauertüchern und von der Truhe, das Gemurmel und die Tritte drangen zu ihm, nichts aber zerstreute seine Gedanken, nichts verwirrte und bannte das Traumbild, das ihm vor Jahren erschienen war, als er seine Braut im Myrthenkranz an die Brust drückte, und das nun mit peinlicher Treue wiederkehrt, das er weiter denkt und ausmalt, als wäre das Dazwischen, die Enttäuschungen und Kämpfe, der Kummer und der Tod ein Traum. Er sah sich in seinem Arbeitszimmer, wie jetzt, aber mit ruhiger Stirn über Bücher und Schriften gebeugt. Es öffnet sich die Thür, und herein tritt sein schönes Weib, blühend in Gesundheit, Liebes- und Lebensglück, einen blondgelockten Knaben auf dem Arm. Lächelnd begrüßt sie den Gatten und reicht ihm das Kind zum Kusse hin. „Vater!“ sagt der Knabe, indem er die Aermchen schmeichelnd um seinen Hals legt. Er nimmt das Kind auf seinen Schooß, streicht ihm die Locken zurück und betrachtet das geliebte Antlitz: das ist seine Stirn und das sind der Mutter Augen – – Nein! nein! diese sanften, treuen Augen hatte nur ein Wesen, und sie sind gebrochen. Sein Traum ist Traum, und er ist einsam – einsam für immer.

Er schaute empor und sah Elise vor sich stehen … Es war eine Zeit, wo dieses Mädchens Besitz ihm der schönste Wunsch, das höchste Glück schien. Aber da? Gedächtniß selbst jener frevelnden Gedanken ist ausgelöscht, und das blonde Weib, das nicht mehr ist, waltet allein in seinem Traum. Elise reicht ihm tröstend die Hand, aber er fühlt, daß er einsam ist, einsam für immer.

Elise verstand Oldenburg’s irren Blick, las in seiner Seele. Schmerzlich, doch ohne Vorwurf, ließ sie seine Rechte und trat an’s Fenster. Die heiße Stirn an die Scheibe drückend, blickte sie auf die wogende Menschenmenge hinab. Und wieder zuckte sie zusammen, wie gestern. Wieder begegnete ihr Auge Gustav, der am Hause gegenüber stand und mit verächtlicher Miene zu ihr emporschaute. Sie wollte vom Fenster zurücktreten, aber ihre Augen waren gebannt, ihre Füße gelähmt. Ein wilder Schmerz ergriff sie, und sie war in Versuchung, das Fenster zu zertrümmern, sich hinabzustürzen und sterbend zu bitten: Gustav, nicht diesen Blick! … Und jetzt – bemerkt sie – wendet sich Flemming an einen Mann, der neben ihm steht, und zeigt mit seinem Stock auf das Mädchen droben – auf sie, auf sie – – Es ist ihr, als hörte sie sein Hohnwort. Ihre Sinne verwirren sich, und eine Weile lang ist es Nacht vor ihr. Dann wieder hinabblickend, sieht sie die Leute sich zusammenrotten, sieht alle Augen auf sich gerichtet, sieht zornige Gesichter, drohende Gebehrden. Sie vernimmt das Rufen der wildbewegten Gruppe – es wächst zum wüthenden Geschrei an, und ihr Name ist’s, ihr Name, den Männer mit drohend erhobenem Arm ausstoßen, Frauen kreischen, Kinder verwünschen. Elise erkennt die Einzelnen. Da ist Peter’s Frau, die Weberin; aber wie verwandelt: ihr Haar hat sich gelöst und ringelt sich den Nacken nieder; mit funkelnden Augen und fliegender Brust drängt sie sich durch die anwachsende Volksmasse, redet ihre Freundinnen und Fremde an und stachelt den Unwillen zur Wuth. Der Wirth vom rothen Roß tritt unter die Menge, will anscheinend beschwichtigen, aber bald verschwindet er unter den Tobenden. Ist Niemand da, der das Mädchen vertheidigt? Niemand. Nur mit Flüchen gepaart, schallt ihr Name zu der Unglücklichen empor. Gustav ist vor dem Andrange in den Kaufladen zurückgetreten und verfolgt als Zuschauer den Aufruhr, zu welchem er die Losung gab. Sein Blick vermeidet jetzt das Opfer droben.

Das Entsetzen raubt Elisen die Besinnung. Keines Schrittes fähig, mit schlotternden Knieen, hält sie sich am Fensterriegel aufrecht und steigert dadurch die Erbitterung der Untenstehenden, denn man legt ihr Verweilen als schamlosen Hohn aus. Da fliegt ein Stein empor, zerschmettert das Fenster, streift Elisens Arm und fällt dicht neben Oldenburg nieder, der endlich aus seinem dumpfen Brüten erwacht, und die Sinkende in seinen Armen auffängt. In demselben Augenblick wird die Thür aufgerissen und aus dem Trauergemach stürzt der Pastor herein, hinter ihm drängen sich die zum Leichenzug Versammelten zur Schwelle und blicken mit Angst und Unwillen auf das verfehmte Paar.

„Man stürmt das Haus!“ schreit der Priester. „Wehe, Wehe über die Sünde!“ Anklagen, Vorwürfe, Warnungen der Uebrigen begleiten seine Worte.

„Elende!“ ruft Oldenburg außer sich. „Achtet der Todten Nähe!“

[788] „Sie schändet den Sarg! Fluch über die Dirne! Hinweg!“ tönen die verworrenen Antworten zurück.

„Sie kommen! sie kommen!“ kreischt es aus dem Hintergrund.

Da richtet sich Oldenburg plötzlich in seiner ganzen Größe auf. „Den Sarg empor!“ befiehlt er mit mächtiger Stimme und, das bewußtlose Mädchen den Nächststehenden in die Arme drängend, setzt er hastig hinzu, daß man sie durch den Garten entführe, während er sich opfern wolle …

Während dies im Zeitraum weniger Secunden sich in Oldenburg’s Wohnung ereignete, war im Hausflur, wie auf der Treppe ein wildes Getümmel. Unmittelbar nachdem der Stein geschleudert worden und das Mädchen vom Fenster zurückgesunken war, stürmte der Volkshaufen in das rothe Roß. Ein edles Gefühl, die Theilnahme für eine tugendhafte Frau, artete so in blinden Eifer und rohe Gewaltthätigkeit aus. Die Richter wurden Henker. Diese Tobenden, welche jetzt mit wüstem Geschrei und drohenden Mienen sich die Stufen hinanstießen und drängten, waren nicht mehr das Volk, das sein Heiligstes, Scham und Sitte, vertheidigt, sondern ein zuchtloser Pöbel. Ohne bestimmte Gedanken, was sie zunächst thun wollten, schrieen sie nach der Schuldigen – im nächsten Augenblick vielleicht ein Mordgeschrei!

Schon war der Widerstand, welchen einige besonnene Bürger auf der Treppe den Eindringlingen entgegensetzten, überwunden; schon donnerten die Vordersten – Peter’s Frau an der Spitze – gegen die Flügelthür von Oldenburg’s Wohnung’, die man in der ersten Verwirrung von innen zugeschlossen hatte – da wurden beide Flügel weit geöffnet und den Anstürmenden entgegen schwankte, von Männerschultern getragen, der offene Sarg. Dicht dahinter schritt Oldenburg. Das lichtblonde Gelock umwallte ihn wie eine Löwenmähne; er hielt das Haupt emporgerichtet, ohne Trotz, aber auch ohne Furcht. Doch der düstere Pomp, das unerforschliche Geheimniß des Todes, der Anblick der schönen Frauenleiche, welche die Hände wie eine Bittende über der Brust gefaltet hatte, überraschte und überwältigte so sehr, daß der Lärm mit einem Zauberschlag sich in tiefste Stille wandelte. Von Stufe zu Stufe machte man dem langsam niederschreitenden Zuge Platz, die Männer entblößten ihre Häupter, der Frauen Wuth erstickte die aufquellende Thräne. Keine Hand hob sich gegen Oldenburg, sondern er schritt ungehindert, unbeleidigt hinter dem Sarge einer Gattin, wie hinter einem heiligen Schilde, einher. Niemand mehr erinnerte an die Mitschuldige; die Meisten schlossen sich dem Trauergefolge an …

Voll ernster Feierlichkeit bewegte sich der Zug durch die verstummte Straße dem stillen Garten zu, wo die Schmetterlinge ein gähnendes Grab umschwebten.

Elise aber wurde, als die Gefahren vorüber, Haus und Platz geleert waren, von einigen Frauen, deren Herz der jammervolle Zustand des Mädchens mehr und mehr erweichte, nach ihrer Wohnung geleitet. Sie hatte sich entschieden geweigert, den sicherern Weg durch den Wirthsgarten und das versteckte Pförtchen zu wählen. Daheim erwartete sie ein neuer Schmerz, denn kurz vor ihrer Ankunft hatte man ihrem Vater ziemlich schonungslos das Ereigniß mitgetheilt. Ein Blick auf sein gramvolles Gesicht verrieth ihr dies. Sie warf sich ihm zu Füßen und umklammerte seine Kniee. Der alte Mann stand eine Weile rathlos und barg sein Antlitz in die zitternden Hände. Dann plötzlich hob er seine Tochter stürmisch empor, um sie an’s Herz zu drücken.

„Sage mir nichts, nichts, mein Kind,“ rief er. „Ich glaube an Dich – ich glaube an Dich.“ Und die Faust gegen unsichtbare Gegner schüttelnd, fügte er hinzu, daß sie nur kommen sollten, die sein Kind verleumdeten und bedrohten. Hierauf legte er den Kopf des Mädchens zärtlich an seine Brust und streichelte ihre Wange. Dann wieder von Verzweiflung erfaßt, sagte er: „Wir müssen fort von hier! fort! – Ach, haben wir denn nicht einen Freund?“ Und eine Weile vor sich hinbrütend, sprach er: „Gustav, der Sohn meines Freundes, mein Liebling – auch er kommt nicht.“

[801] Flemming war ein schwacher, kein schlechter Mensch. Während des Aufruhrs gegen das unglückliche Mädchen heuchelte er Gleichgültigkeit in seinen Mienen, im Innern jedoch war ein Kampf von Stolz und Mitgefühl. Mitunter wandelte ihn die Versuchung an, unter die Schmähenden zu stürzen und den Nächsten Besten niederzuschlagen. Sie verdient es, beschwichtigte er sich dann. Aber es ist ein Mädchen, ist die Tochter eines braven Mannes, warf ihm sein zartes Gefühl ein. Bah, warum treibt sie ihre Liebestollheit so weit, sogar heute sich bei ihrem Buhlen zu zeigen! Sie mögen büßen! Pfui über Beide! Hinwider durchfuhr ihn der Gedanke, wie Elisen jetzt zu Muthe sein müßte, und indem ihr bleiches, leidendes Gesicht vor seine Seele trat, konnte er sich eines Seufzers nicht erwehren. Als die Aufregung auf der Straße zur Raserei stieg, begann er die gar zu engherzigen, pedantischen Kleinstädter und seine Waldkirchner Reise zu verwünschen.

Da stellte sich ein kleiner, häßlicher Mensch mit einem Höcker dicht vor Marowsky’s Ladenthür auf. Dieser Mann hielt den rechten Arm in seiner Blouse verborgen. Einige Augenblicke später sah Gustav die Hand des Mannes mit einem großen Stein blitzschnell aus der Blouse gleiten und den Stein nach dem Fenster im rothen Roß schleudern. Beim Klirren des Glases fuhr Gustav zurück, als hätte ihn der Wurf getroffen, und dann sah er, wie auf ein Signal, die aufbrüllende Menge in das Haus dringen.

Das war zu viel. Seiner Bewegung nicht mehr Meister, sprang er aus dem Laden und auf den Verwachsenen los, der sogleich die Flucht ergriff. Mit langen Sätzen eilte Gustav dem Schnellfüßigen nach.

Niemand achtete auf dies Zwischenspiel, denn Alle, welche sich durch Toben und Schmähreden an der Bewegung betheiligt hatten – Leute in groben Kitteln und Kleidern – waren im rothen Roß oder drängten sich hinein; die Müßigen, die größtentheils auf dem Trottoir dem Gasthof gegenüber standen, hielten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Ereignisse im Trauerhaus gespannt.

Erst am entgegengesetzten Ausgang des Marktplatzes holte Flemming den Verfolgten ein. Er erfaßte ihn von hinten und hob den kleinen Mann mit einem kräftigen Ruck hoch empor, die andere, stockbewehrte Hand zum Schlag ausholend. Aber die Scham, sich an einem schwachen, zwerghaften, wehrlosen Menschen zu vergreifen, [802] hielt ihn von der Züchtigung zurück. Er begnügte sich, das Kerlchen tüchtig zu schütteln, und entließ es dann unsanft zur Erde. „Danke dem Himmel,“ sagte Gustav, „daß Du mir nicht gewachsen bist!“

Der Andere – Nöldeken, der Weber, war es – raffte sich mit wuthverzerrtem Gesicht empor. Er warf einen giftigen Blick auf den schlanken, feingekleideten Jüngling und schüttelte drohend seine Faust. Dann wandte er Flemming den ungestalten Rücken, den Kopf zurückgeworfen und sich in den Hüften wiegend, als schritte er als großmüthiger Sieger davon. Gustav aber ging über den Platz zum rothen Roß zurück. Unabweisbare Sorge um das Schicksal der Geächteten beflügelte seinen Schritt.

Dicht vor dem Gasthof kam ihm der Leichenzug entgegen, der offene Sarg, der leidtragende Gatte in Begleitung des Pastors, die Bürger, die Schüler, das Volk. „Sie sind gerettet!“ sagte sich Gustav und ließ den Zug an sich vorübergehen.

Er konnte seinen Rivalen nicht ohne Stirnrunzeln betrachten. Oldenburg aber blickte weder rechts noch links, sondern hielt die Augen starr auf den Sarg und auf das rosenbekränzte, von der Bewegung zitternde Todtenhaupt gerichtet. „Er ist schön,“ sagte sich Gustav, „aber auch unglücklich!“ setzte er unwillkürlich hinzu.

Bis in die späte Nacht saß er dann in Marowsky’s Weinstube. Schweigsam, in eine Ecke gedrückt, hörte er nur mit halbem Ohr auf die Unterhaltung der übrigen Gäste. Denn sie drehte sich bald nicht mehr um Oldenburg und Elise, sondern um die Arbeitseinstellung der Weber. Als die Leute vom Begräbniß zurückkamen, war an den Tischen kein Platz mehr. In der Stube, wie im Laden, standen dann, dicht gedrängt, Waldkirchner Bürger, Gerichtsbeamte und Pachter aus der Nachbarschaft. Da Alle rauchten, hüllte ein entsetzlicher Qualm die verschiedenen Gruppen ein. Weil Alle redeten, herrschte ein ununterbrochenes Stimmengewirr. Seit den Tagen der Revolution hatte es nicht eine ähnliche Aufregung und soviel Stoff zur Aufregung in Waldkirchen gegeben: … Ein untersetzter, rothbäckiger Mann, Inhaber einer Zuckersiederei, stellte die störrischen Arbeiter als die schlimmsten Verbrecher hin; einige Grauköpfe wollten zwar keineswegs die Letzteren vertheidigen – keineswegs und durchaus nicht! – hatten aber auch gegen den Fabrikanten ihre Bedenken, der im Handumdrehen all’ seine Mitbürger überflügeln und Millionär werden wolle. „Fragen wir die Statistik! die Statistik, meine Herren!“ rief ein Referendar mit schadhaftem Scheitel und spitzer Nase und zog einen Vergleich zwischen den Lohnsätzen in Waldkirchen und Neustadt. Man behauptete, verwarf, erhitzte sich und war schließlich nur darin einstimmig, daß das Beispiel der Weber ein böses Beispiel, Hab und Gut in Gefahr und exemplarische Bestrafung die einzige Rettung wäre. Einer wagte zwar den schüchternen Zweifel, ob nicht doch zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitern ein Vergleich zu Stande kommen möchte, dem aber widersprach ein hastig eintretender Magistratsschreiber mit der Neuigkeit, daß zwischen dem Fabrikanten und seinen Arbeitern stürmische Auftritte stattgefunden hätten und ganz und gar nicht an Aussöhnung zu denken wäre. Diese Nachricht bestätigte ein Dritter, der Jenem auf dem Fuße folgte, und fügte hinzu, die aufständischen Weber durchzögen in hellen Haufen und mit wildem Geschrei die Straßen und Mord und Todtschlag seien zu fürchten, wenn die Fünfunddreißiger aus Neustadt nicht bald kämen.

Diese Kunde trieb die Mehrzahl der Gäste nach Hause. Der Laden wurde geschlosen und in der Weinstube Licht angezündet. Die wenigen Junggesellen, welche noch bei der Flasche saßen, begannen ein politisches Gespräch, das Flemming’s Aufmerksamkeit insofern wieder fesselte, als die Waldkirchner Morgenzeitung und ihr Redacteur mehrmals erwähnt wurden. Die Auslassungen über Oldenburg waren wunderlich, ein Gemisch von Widerwillen und Anerkennung. Neid und Stolz auf ihn. Soviel errieth Gustav zu seinem Aerger, daß Oldenburg zwar nicht beliebt, aber „eine Autorität“ in seiner Vaterstadt sei.

Als eine Pause in der Unterhaltung eintrat, hörte man plötzlich einen Trommelwirbel. Er klang zwar durch den eisernen Fensterladen nur schwach und wie aus großer Entfernung, aber Jeder hatte ihn vernommen, und die Anwesenden sahen sich mit ängstlicher Spannung in’s Gesicht. Wenige Augenblicke später lief draußen Jemand am Laden vorüber – dem Schall der Tritte nach sehr, sehr eilig – und schrie: „Feurio! Feurio!“

„Feuer?!“ Alle sprangen entsetzt empor. Und nun rief langgezogenen Tones auch das Horn vom Thurm, und die eiligen Tritte auf dem Pflaster mehrten sich …

Als Marowsky’s Gäste in’s Freie traten, war der Nachthimmel geröthet; über den Platz durch die Marktstraße liefen mit verworrenem Geschrei die Leute; an den Häusern wurden die erleuchteten Fenster aufgerissen; vom Rathhaus her rasselte die Feuerspritze.

Ein Junge rannte im Vorüberlaufen gegen den Kaufmann an. Dieser hielt ihn am Aermel fest und fragte, wo es brenne. „Um Himmelswillen, lassen Sie mich los,“ bat der Knabe. „Die Fabrik brennt, und der Principal und der Doctor sind dort beim Löschen, und gerade jetzt kommt ein Telegraph!“

„Welcher Doctor? Ein Telegramm?“

„Na, unser Doctor natürlich, und ein Telegraph für unsere Zeitung. Bitte, lassen Sie mich los!“ - - Ein Mann, der von dorther kam, wohin die Leute rannten, blieb bei der Gruppe am Laden stehen und sagte, daß der Brand bald vorüber sein werde. Eine Compagnie der wackern Fünfunddreißiger wäre just beim Ausbruch des Feuers in Waldkirchen eingetroffen und sofort zum Löschen commandirt worden. Uebrigens hätten sie die Straße gesperrt und ließen Niemanden mehr zur Brandstätte.

Trotz dieser Nachricht beschlossen die Gäste aus der Weinstube mit Ausnahme Flemming’s, sich an Ort und Stelle zu begeben. Gustav aber kehrte mit dem Kaufmann, welcher seinen Laden nicht verlassen wollte, in das Stübchen zurück. Selbst dieses Ereigniß gab seinen Gedanken, die sich immer und immer um die Scenen des Nachmittags drehten, keine andere Richtung. Er antwortete dem aufgeregten Marowsky kaum und kauerte, von unsäglicher Traurigkeit abgespannt, vor dem unberührten Glase. Das Feuerhorn war längst verstummt, auch die Unruhe auf der Straße legte sich allmählich; die Stimmen und Tritte auf der Straße kamen zurück und schallten zuletzt nur noch vereinzelt.

Endlich gedachte Gustav der Angst seiner Mutter und raffte sich gewaltsam auf. Als er langsam durch die Reihen der Jahrmarktbuden über den Platz ging, stieß er auf mehrere Gruppen von Männern, die geheimnißvoll unter sich flüsterten. Ihrer Kleidung nach schienen es Arbeiter zu sein. Das Tagesereigniß und der nächtliche Brand erklärten diese Erscheinung. Am Ausgang der Buden, dicht vor einem alten, einstöckigen Hause, der Adler’schen Druckerei, blieb Gustav stehen und schaute zum gestirnten Himmel empor. Da klangen zahlreiche Schritte hinter ihm, und sich umdrehend, sah er eine ansehnliche Truppe jener Männer sich nähern. Ehe er an einen möglichen Angriff und an Flucht dachte, war er von ihnen umzingelt, und plötzlich stand der zwerghafte Mensch vom Nachmittag ihm gegenüber. Der Vollmond beschien das häßliche Gesicht, das Hohn, Grimm und Rachelust noch mehr entstellten.

„Willst Du mich wieder schlagen, Du Hund?“ lallte der Bursche und streckte die geballte Knochenhand drohend unter Gustav’s Kinn. Diesem schoß das Blut in die Wangen; er gab dem Knirps einen leichten Stoß und that einen Schritt vorwärts. Aber Nöldeken kreischte: „Nieder mit dem Zierbengel! Er ist Einer von denen, die ernten, was wir säen; die schlemmen, während wir hungern, die uns bestehlen und doch mit Füßen treten!“ Damit klammerte er sich an Flemming’s Brust und Kehle wie ein wildes Thier fest. Zwar gelang es Gustav, ihn abzuschütteln, aber nun stürzten sich Nöldeken’s Begleiter, trunken von Branntwein, vom Feuer und ihrem Unglück, auf den Jüngling. Nach ebenso ungestümer, wie kurzer Gegenwehr, schon von Blut überronnen, ward er zu Boden gerissen, wie unter eine losgelassene Meute von Mordhunden. Nöldeken preßte ihm beide Hände auf den Mund, daß er nicht Hülfe rufen konnte. Er gab sich verloren und das Bewußtsein schwand ihm.

Dann wieder fühlte er sich emporgerichtet und sah durch Blut, Schweiß und Thränen eine reckenhafte Gestalt in lautlosem, erbittertem Kampfe mit seinen Angreifern. Und so wuchtig fiel der Arm des Fremden auf die Köpfe und Schultern der Ueberraschten, daß sie eine Secunde lang zurückwichen. Diesen Augenblick benutzte Jener, indem er den taumelnden Flemming mit sich in den offenen Flur der Druckerei riß und die Thür rasch hinter sich in’s Schloß warf. Kaum war dies geschehen, so stürzte sich die Bande mit erneuter Wuth gegen die Thür. Ein schriller Pfiff ertönte und Nöldeken’s Stimme rief: „Nieder mit dem Volksfeind, dem Ehebrecher! Nieder mit der Morgenzeitung! Reißt das Haus in den Grund!“

Obwohl sie noch im dunkeln Hausflur standen, wußte Gustav jetzt, daß der Mann an seiner Seite, sein Retter – Oldenburg war. –




[803]
4.

In wenigen Minuten waren fünfhundert Menschen auf dem Platze versammelt. Nicht die brodlosen Weber allein! Eisengießer und Maschinenbauer benachbarter Fabriken, Männer mit breiten Schultern und muskulösen Armen, hatte der Abend nach Waldkirchen gebracht, wo sie, von der allgemeinen Aufregung ergriffen, die drohende Nacht in den Straßen und Schenken des Städtchens durchwachten. Der Brand in der Baumwollenfabrik wurde von den Meisten wie ein Fanal begrüßt. Da trifft rechtzeitig ein Commando von fünfzig Soldaten ein, und das Feuer wird rasch gedämpft. Aber der Zorn und die Gier nach Gewaltthat schlagen in desto hellere Flammen aus. Die Soldaten haben die Straße vor der Fabrik besetzt. Unter den Arbeitern verbreiten sich empörende Gerüchte … Unzweifelhaft sind es Lügen, aber in diesem Augenblick wird jedes Geschichtchen, das die Wuth stachelt, geglaubt, geht von Mund zu Mund und wächst sozusagen unter Liebkosungen groß. Man erzählt sich, die Soldaten hätten mit Kolbenstößen jeden Mann im Leinwandkittel zurückgetrieben … Ein Gemeiner habe die Aeußerung gethan: „die Weber geben uns ein Feuerwerk, dafür werden wir Feuer auf die Weber geben!“ und der Officier soll zu einem Bürger gesagt haben: „Befürchten Sie nichts! Ich lasse die Mordbrenner niederschießen.“ – „Diese Handvoll Soldaten !“ bemerkte Jemand zu diesen Gerüchten; Jemand, man weiß nicht mehr wer; aber Jeder spricht es nach, höhnisch, drohend, bedeutsam: „Diese Handvoll Soldaten!“

Mit dem Ueberfall auf Flemming wandelt sich die Gährung in thätliche Wuth. Keiner kennt Flemming, allein die Meisten haben die feingekleidete, geschniegelte Puppe Nachmittags beim Kaufmann gesehen. Ein Baron, nach andern ein Spion, heißt es, mißhandelte Nöldeken; Tod und Hölle! mißhandelte unseren Nöldeken! Ihm nach! Nieder mit ihm! „O,“ schreit einer, „Oldenburg hat ihn befreit.“ „Oldenburg? Wer ist Oldenburg?“ fragen nicht Wenige. „Nun, der Mann, dessen Frau man heute begrub. Er hat sie schlecht behandelt, er ist schuld an ihrem Tod.“ „Schuld an ihrem Tod! Nieder mit Oldenburg!“

Und wieder wirft Jemand ein Schlagwort in dies Gewirre von Wahrheit und Lüge, sinnloser, und gerechter Empörung: „Oldenburg denuncirte“, sagt Einer. „Vor vier Tagen stand in der Morgenzeitung: Wir würden uns durch Ungesetzlichkeit unsern Gegnern ausliefern … War das nicht ein Fingerzeig für die Polizei, daß sie ein Auge auf uns haben sollte und daß wir etwas thun wollten? Er ist ein Angeber, ein Verräther! Nieder mit Oldenburg! Nieder mit der Morgenzeitung! Es lebe Brausewetter!“

Es ist unmöglich, diese thörichten Reden und Rufe mit der Schnelligkeit zu erzählen, womit sie unter den Massen hin und her schwirrten, Jeden überzeugten und zu Gewaltthaten trieben. Eins! zwei! drei! Der größte Haufe wirft sich gegen die Druckerei. Mit Fäusten, Steinen, Knitteln bearbeitet man die Eichenthür; wer mit der Sturzwelle nicht mit kann, schäumt gegen das Gemäuer und rüttelt an den Fenstergittern im Erdgeschoß. Hinter dieser Gruppe, deren Geheul von schrillem Pfeifen unterbrochen wird, reißen Andere das Pflaster auf; Marktbuden werden in einem Augenblick zertrümmert, die Balken auf den Weg geworfen oder als Waffe geschwungen … „Warum stürmen wir just die Druckerei?“ fragte ein jünger Arbeiter einen ältern, während sie, mit Steinen beladen, zum größeren Haufen liefen. „Wir wollen keine Worte mehr,“ schrie der Zweite als Antwort; „wir wollen Brod!“

Brod!

An den Fenstern der umliegenden Häuser tauchten die Lichter der geängstigten Bürger auf und verschwanden wieder. Hinter den verriegelten und verrammten Hausthüren und auf den Treppen ist ein ängstliches Flüstern und Horchen: „Hört Ihr noch nichts?“

Denn das Gebrüll übertönt den Trommelwirbel und taktmäßigen Soldatenschritt. Aber sie rücken näher und näher …

„Bah! diese Handvoll Soldaten…“




„Wir sind verloren,“ stöhnte Gustav und fuhr sich über die Stirn, welche der Angstschweiß bedeckte. Oldenburg hielt Flemming’s andern Arm krampfhaft fest und horchte.

Sie standen in einer Parterrestube, deren vergittertes Fenster auf das benachbarte Grundstück ging. Sie stieß unmittelbar an die Räume, wo die Pressen standen, und diente am Tage als Bureau. Es roch darin noch nach dem Dunst der ausgelöschten Lampe, denn Oldenburg hatte vor wenigen Minuten erst das Zimmer verlassen. Die oberen Räume des Hauses wurden vom Herrn Adler bewohnt; aber sie waren verschlossen, da der Druckereibesitzer in jener verhängnißvollen Nacht beim Bürgermeister weilte. So blieb den Bedrohten das erwähnte Hinterstübchen als einziger Zufluchtsort. Konnte die massive Thür dem wüthenden Andrang nicht widerstehen, wie leicht dann waren die Eingänge zur Werkstätte, zum Redactionszimmer erbrochen! Und was vermochten zwei waffenlose Männer dieser Menge gegenüber, welche, aller Besinnung bar, Todfeinde und Verräther in ihnen erblickte? Oldenburg’s kühner Angriff hatte sie überrascht, aber jetzt war sie um das Zehnfache gewachsen.

Aehnliche trostlose Gedanken bewegten Gustav sowohl, als Oldenburg, während das Geräusch von Stimmen, Stößen und Steinwürfen zu ihnen drang. „Mein Gott! mein Gott!“ stammelte der Erstere einige Male, wie im Versuch, zu beten; der Andere dagegen erschien gefaßter.

Und jetzt kracht die Thür, und durch das Aufjauchzen der Stürmenden hören die Bedrängten einen Thürhaspen in den Flur poltern. Gustav schlägt beide Hände über das Gesicht. „Jetzt!“ sagt Oldenburg mit dumpfer Stimme …

Doch der zweite, entscheidende Stoß erfolgte nicht. Zwar dauert das Geschrei draußen fort, aber hindurch schallt deutlich jetzt und nah, ganz nah das Wirbeln von Trommeln.

Hochauf schlug bei diesem Ton Gustav’s Herz. „Gerettet!“ rief er in wahnsinniger Freude. Oldenburg riß die Zimmerthür, auf – „Ja, Trommeln und Commandoruf!“

„Militär ist da!“ jauchzte der junge Flemming. „Man hat den Pöbel umzingelt. Ha, wie sie aufheulen vor Angst und Wuth!“ Er war in solcher Aufregung über die plötzliche Wendung, daß er mit den Füßen stampfte, die Arme in die Luft warf und, als ob er den Soldaten draußen commandirte, die Bajonnete zu fällen befahl. „Horchen Sie!“ rief er dann wieder. „Die Thür ist frei! Unsere Feinde werden angegriffen … “

„Oder greifen an,“ murmelte Oldenburg, der jetzt zum ersten Mal zitterte.

„Fällt die Bajonnete! Schießt sie nieder!“ schrie Gustav, aber Jener schüttelte ihn am Arm und sagte zornig, daß er schweigen sollte. Ob es ihm nicht genüge, gerettet zu sein? Und als Gustav verwundert ein Aber – begann, wiederholte Oldenburg geradezu gebieterisch, daß keine Ursache zu jubeln sei. Darauf schwiegen und lauschten sie wieder.

Im Geschrei der Rotte und Trommelrasseln unterschieden sie deutlich das Wogen und Drängen von Schritten, das einem Handgemenge vorherzugehen pflegt. Jählings gipfelte sich dann das Toben und Pfeifen zum langathmigen Aufschrei, welcher mehr dem Schlachtruf von Dämonen, als von Menschen glich, und gleich darauf fiel ein Schuß …

Wenn die Kugel ihn getroffen hätte, hatte Oldenburg nicht entsetzter zurücktaumeln können…

Einen Augenblick lang Stille; das commandomaßige „Vorwärts“ einer einzelnen Stimme dann; bestürztes Hin- und Herlaufen vor dem Hause, das dem Takt soldatischer Schritte weicht. Eins, zwei! - - das Geräusch entfernt sich vom Hause, mehr und mehr …

Sie schlossen die Thüre auf und traten in’s Freie. Oldenburg stützte sich auf seines Begleiters Schulter, denn die Kniee schlotterten ihm. Der Platz war von den rebellischen Haufen gesäubert, auch die Trommelwirbel ertönten nur noch aus der Ferne. Ungefähr hundert Schritte von der Druckerei aber, dort, wo die Marktbuden begannen, stand ein Kreis von Männern und Frauen. Andere eilten aus den Häusern herbei, einige mit Laterne. Auch aus den Fenstern bogen sich Neugierige … Aber dies Getriebe, diese Neugierde war merkwürdig schweigsam. Als Oldenburg und Gustav in den Kreis traten, sahen sie einen Mann in Arbeitertracht auf der Erde liegen, mit ausgestreckten Armen, das Antlitz dem Sternenhimmel zugekehrt. An seiner Brust kniete ein Weib. Sie rang die Hände, blickte wild im Kreise umher und rief: „Todt! todt!“

Dies Weib war Peter’s Frau, der Mann auf dem Pflaster aber eine Leiche. - -

Der Anblick des Erschossenen erschütterte Oldenburg mehr als alle anderen Vorgänge des verhängnißvollen Tages. Er schien jeder Willensäußerung, ja, der Sprache selbst beraubt. Auch auf [804] Gustav übte der Ernst der Stunde seinen Einfluß. Die Dankbarkeit und Theilnahme für seinen Retter war größer als seine Eifersucht gegen den Nebenbuhler. Er nahm, fast zärtlich, den gebrochenen, halb ohnmächtigen Mann und führte ihn vom traurigen Schauspiel hinweg. Als sie den Kreis, der sich von Minute zu Minute um das Opfer vergrößerte, hinter sich hatten, machte Gustav den Vorschlag, Oldenburg in das rothe Roß zu bringen, aber dieser entgegnete heftig: „Nein, nein – ich würde mich dort tödten …“ Nach einigem Nachdenken fragte Flemming, ob er – Oldenburg – den Rest der unseligen Nacht im Haus seiner Mutter verbringen wolle.

Der Wankende nahm die Einladung an, indem er sagte, daß er allerdings menschlichen Mitgefühles bedürfe, es aber gerade jetzt lieber von einem Fremden, als von Bekannten beanspruche. Da Gustav hierauf bedeutungsvoll entgegnete, daß sie einander nicht fremd seien, sah Oldenburg mit einem irren Blick in’s Antlitz und sagte: „Sie haben Recht. Diese Stunde hat uns verbrüdert.“

„Er kennt mich nicht,“ dachte Gustav und bewunderte die eigne Großmuth, womit er gegen den Todfeind Gastfreundschaft üben wollte. „Wie wird er sich schämen,“ sagte er bei sich, „wenn er erfährt, wer ihn aufnahm!“

Schweigend gingen sie dann die Straße hinab nach dem Hause Gustav’s. Da dieses am entgegengesetzten Ende der Stadt weit vom Schauplatz des Tumults und seiner gewaltsamen Beendigung lag, walteten in seiner Umgebung die Stille und der Friede der Nacht. Wenige Schritte vom Gartenthor aber verließ Oldenburg der Rest von Kraft. Er schwankte wie ein Trunkener und mußte sich auf einen Stein am Weg setzen, während Gustav in den Garten und zum Hause trat, wo im Erdgeschoß Licht schimmerte.

[817] Auf Gustav’s Pochen wurde die Hausthür aufgeschlossen, und Frau Flemming’s Diener, ein weißhaariger Alter, begrüßte Gustav mit sichtlicher Freude. „Gott sei Dank,“ sagte er, „Gott sei Dank, daß Sie da sind! Welche Nacht, welche Angst!“

„Schläft meine Mutter?“

„Freilich, freilich,“ entgegnete der Diener, „und wir müssen recht leise sein, denn wenn Ihre Frau Mutter erwachte und erführe, daß Sie während des Spectakels in der Stadt gewesen sind – ich glaube, sie wäre jetzt noch halb todt vor Schrecken … Ihre Frau Mutter nämlich,“ fuhr er erzählend fort, „legte sich [818] um acht Uhr zu Bett. Als der Feuerlärm losging, klingelt sie der Marianne und ruft in einem Athem: ,Wo brennt’s und wo ist Gusti?’ Die Marianne hatte glücklicherweise einmal einen gescheiten Gedanken und sagt, es brenne weit draußen im Vorwerk, und der junge Herr seien längst zu Hause und schliefen der Hitze wegen im Pavillon. Da lacht Ihre Frau Mutter still vor sich hin und sagt: ,Wie gut, wie gut! Dort wird er vom Feuerlärm nicht geweckt’ … Dann legte sie sich wieder auf’s Ohr und ist seitdem nicht mehr erwacht. Wir aber, die Marianne und ich, starben fast vor Angst und Sorge, als der Kutscher mit der Nachricht nach Hause kam, daß am Marktplatz Mord und Todtschlag los sei. Und die Marianne und der Kutscher sind fortgelaufen, um Sie zu suchen. Ach Gott, ach Gott! weil Sie nur da sind!“

Gustav spiegelte dem Alten vor, er habe einen Freund mitgebracht, der plötzlich erkrankt sei. „Wir wollen ihn nach dem Pavillon bringen,“ sagte er, „denn Du hast Recht, meine Mutter darf nicht geweckt werden.“

Sie begaben sich auf die Straße, wo Oldenburg noch auf dem Steine saß, das Haupt müde zur Brust geneigt, seine Arme um die Kniee geschlungen. Der Diener trug eine Laterne. Als ihre Strahlen den Mann auf dem Stein beleuchteten, fuhr der Alte entsetzt zurück.

„Nun?“ fragte Gustav.

Der Diener schüttelte unwillig den Kopf und murmelte: „Nichts für ungut, Herr Gustav – aber ich hörte jeden Andern lieber, als den, Ihren Freund nennen!“

Flemming biß sich auf die Lippen. „Unverschämter!“ flüsterte er dann; „eine zweite ähnliche Bemerkung, und Du verläßt meiner Mutter Dienst!“

Murrend gehorchte der Diener. Sie richteten Oldenburg empor, und indem sie ihn unter beiden Schultern faßten, führten sie ihn langsam zum Pavillon, der hinter dem Hause tief im Garten lag.

Im hohen, luftigen Gemach war ein Feldbett aufgeschlagen. Nachdem sie Oldenburg, der willenlos und stumm Alles mit sich geschehen ließ, auf das Lager gestreckt hatten, entfernte sich der Diener. Die Laterne ließ er zurück.

Gustav stellte das Licht auf einen Tisch unweit des Lagers. Dann öffnete er das Fenster. Es war sehr breit und gewährte die Aussicht auf den Fluß, der am Fuß eines abschüssigen Rasens vorüberglitt. Nach einem Blick in die dunkle Landschaft trat Gustav an das Ruhebett. Oldenburg lag mit zurückgelehntem Haupt und geschlossenen Wimpern da. Seine Rechte ruhte lässig auf der Brust; die andere Hand hing herab. Die Ohnmacht von Leib und Seele hatte sich in wohlthätigen Schlaf verwandelt …

Gustav nahm dem Bett gegenüber in einem niedrigen Lehnstuhl Platz und dachte, während er mit gerunzelter Stirn den Schlummernden betrachtete, über das wundersame Spiel des Lebens nach. Wer ihm gestern gesagt hätte, daß jemals eine Stunde komme, wo er Elisen’s Verführer stützend den Arm reichen und eine Stätte unter seinem Dach bereiten würde! Wie empört würde er die Zumuthung zurückgewiesen haben! Und nun traf dies Ereigniß zwischen heut’ und gestern ein …

Doch ändert diese Gegenwart das Vergangene? Löscht sie Elisens Schuld und Gustav’s Haß? „Ich habe ein Recht, diesen Mann zu hassen,“ sucht Gustav sich selber zu stacheln. Aber ist es die Folge der überstandenen, mächtigen Aufregungen oder das erhabene Bild des Schlafes – seine Empfindung gleicht der lodernden Flamme nicht mehr, ergießt sich nicht mehr in gewaltsame Wünsche. Es ist, je länger er den Schläfer betrachtet, als würde seiner Hand ein Dolch entwunden, und nur noch ein bitteres Gefühl bleibt ihm, daß dieser Mann ihm ein süßes Glück geraubt. Ein süßes Glück, denn auch das war ihm jetzt innerlich klar geworden, daß ein Leben, wie er es fern von der Heimath führte, nur eines Thoren Leben auszufüllen vermag und daß er weit, weitab von dem Weg gerathen, der einen Mann zum Glück und Segen leitet.

Das Wort des Arbeiters fällt ihm ein: „Sie ernten, was wir säen.“ Seine Wahrheit zerschmettert den Müßiggänger auch noch durch den Mund eines häßlichen, gemeinen Menschen. Alle Redlichen und alle Unglücklichen treten auf des häßlichsten und gemeinsten Menschen Seite, wenn er nur eine schwielige, von Arbeit gehärtete Hand hat und diese Hand gegen den feingekleideten Sybariten erhebt.

Dann taucht das Bild des Mannes vor ihm auf, der auf dem Straßenpflaster liegt, mit verzerrtem Antlitz, mit blutiger Brust. Er sieht das Weib, das über den Starren sich hinwirft, wahnsinnig auffährt und „Todt! todt!“ zu den Sternen emporschreit … Wünschte Gustav nicht gestern, ihn, der zwei Schritte von ihm schläft, mit blutiger Brust auf der Erde liegen zu sehen? Malte er es sich nicht aus, wie Elise über den bleichen Buhlen sich werfen und die Hände ringen würde: „Todt! todt!“? Er entsetzt sich jetzt vor seinen eigenen Gedanken.

Aber kann es nicht immer noch dahin kommen? Wenn sein Gast vom Schlummer erwacht, wenn der Tag die Eindrücke der Nacht verdrängt und ihnen gegenseitig den Feind beleuchtet? Soll Gustav schweigen? Wird er es können? Und was folgt, wenn das Wort zwischen ihnen gesprochen wird? Gustav, der gelehrige Schüler moderner Romanhelden, kennt noch keine andere Sühnung, als die mit dem Degen, mit dem Mordgewehr vollzogen wird … „Nein, nein!“ denkt er, „wenn es dahin kommt, mag mich die Kugel treffen, und Elise wird dann an mir auch niedersinken und jammern ,Todt!’“ … O, wie entwindet sich ihm der häßliche Haß mehr und mehr!

In diesem stillgeschäftigen Wirken der Gedanken saß der Schlaflose lange, lange. Durch das offene Fenster hörte er vom nächsten Kirchenthurm die Viertelstunden schlagen. Aber er zählte sie nicht. Er hatte Angst vor dem Erwachen des Tages und des Schläfers.

Als sein Blick einmal vom Antlitz Oldenburg’s auf das Licht am Tische fiel, bemerkte Gustav, daß das Roth der Flamme düsterer glühte. Er erhob sich rasch und trat zum Fenster.

Die Sterne am Himmel waren verschwunden, und über dem Fluß wallten weiße Schleier. Der Morgen graute.

Das Geräusch der Schritte aber weckte den Schlummernden. Als Gustav sich umdrehte, stand Oldenburg vom Lager auf und streckte Jenem die Hand entgegen.

„Ich danke Ihnen,“ sagte er herzlich, während Gustav in den Boden gewurzelt blieb, „ich danke Ihnen. Zwar weiß ich nicht einmal Ihren Namen, wiewohl mir Ihre Züge nicht unbekannt dünken; aber wer immer Sie sein mögen, Sie haben die entsetzlichste Stunde meines Lebens mit mir durchlebt – ich meine damit nicht den Augenblick der Gefahr, sondern den unserer Rettung. Mehr noch, Sie gewährten mir Hülfe und ein gastlich Dach, als ich mir ein Ausgestoßener erschien –“

„Sie vergessen, mein Herr,“ unterbrach ihn der Jüngere mit herber Kälte, „Sie vergessen, daß ich Ihnen mein Leben verdanke.“ Seltsam! Anstatt ihn völlig zu entwaffnen, belebte die Erinnerung, daß Oldenburg ihn einer rasenden Meute entrissen, das Gefühl tiefster Kränkung und Rachgier, welches er kurz vorher fast überwunden hatte.

„Sprechen wir davon nicht “ erwiderte Oldenburg mit unveränderter Herzlichkeit. „Suchen Sie diese Nacht um der Menschen willen zu vergessen. Ich weiß nicht, ob Sie das Volk kennen und wie Sie von ihm denken, immerhin glauben Sie, daß seine Unvernunft von heute mehr Vernunftgründe hat, als manche gute That. Mir ist unbekannt, wodurch Sie ihre Wuth erregten, gewiß war es nicht Ihre Schuld – aber verbannen Sie den Gedanken an das Unrecht, um nicht daran denken zu müssen, wie Sie gerächt wurden! Die Nacht ist vorüber, und indem Sie mir, einem armen, unglücklichen Manne, die Hand reichen, versöhnen Sie sich mit jenen Armen, Unglücklichen!“ Damit trat er zu Gustav und ergriff dessen Hand; aber dieser, nun wieder ganz in Wuth, entriß sie ihm.

„Sie wissen nicht, zu wem Sie sprechen,“ rief er hastig. „Mein Name ist Gustav Flemming … Wollen Sie mir noch Ihre Freundschaft antragen? Sie retteten mir zufällig das Leben, gut; aber das Mädchen, das ich liebte, mit dem ich glücklich zu werden hoffte, haben Sie mit Ueberlegung und, wer weiß, mit welchen Buhlerkünsten und Intriguen, verführt! Mir däucht, ich komme viel zu kurz, wenn ich sage, daß wir quitt sind …“

Oldenburg prallte überrascht zurück. Wie oft nicht hatte ihm Elise den Namen Gustav’s genannt, um Gustav’s willen sich in Vorwürfe, Anklagen und Thränen ergossen. Und nun, da das Verhängniß sich Schlag auf Schlag entlad’t, tritt auch dieser Mann ihm entgegen, und Oldenburg sieht sich unvermuthet als Gustav’s Retter, Leidensgefährte, Gast …

Nachdem er im Dämmerlicht das Antlitz des jungen Mannes [819] mit einem langen Blick betrachtet hatte, durchwandelte er einigemal das Zimmer, um Fassung und einen klaren Gedanken zu gewinnen. Dann blieb er eine Weile am Fenster stehen und schaute hinaus auf das Wogen und Wallen der Nebel, auf den Kampf von Licht und Schatten in den Gefilden und auf das erglimmende Morgenroth. Als er sein Antlitz wieder Gustav zukehrte, gab der Aufruhr seiner Seele nur den großen Augen Feuer, seine Züge, seine Bewegungen waren fest, ruhig, würdevoll. Das offene Fenster im Rücken, leicht an den Sims sich anlehnend, begann er:

„Ich weiß, wohin Sie zielen. Sie sind beleidigt und wollen Genugthuung, das heißt, was man so Genugthuung nennt. Wohlan. Ich bewies Ihnen in der verflossenen Nacht meinen Muth. Sie werden mir also nicht Feigheit als Beweggrund zuschieben, wenn ich Ihnen eine bessere Genugthuung verspreche. Hören Sie mich an!

„Es gab zu allen Zeiten Schwärmer für Ideen, welche zu Märtyrern für dieselben werden, auch wenn es weder Zeit, noch Umstände erfordern. Ich war ein solcher Schwärmer. Weil es in meinem System stand, daß ein Mann des Volkes – dafür halte ich mich auch heute noch – heirathen muß, verband ich mich mit einer armen Wäscherstochter von unaussprechlich sanfter Gemüthsart und zarter Schönheit, harmlos, unerfahren, unwissend wie ein Kind. So weit war es gut: der Volksmann freit die Tochter aus dem Volke. Meine Schuld begann erst, als der Mann des Volkes begehrte, daß seine Frau mehr als gut, häuslich und arbeitsam sein sollte; als ich die Geduld verlor, wenn die Wäscherstochter nicht für Lessing und Goethe schwärmte; als ich unwillig wurde, wenn sie mit erschrockenen Augen meinem Arbeitstisch sich näherte, und außer mir war, weil sie meine literarische Thätigkeit, meine Ideen und Pläne, meinen Ehrgeiz für ein Unglück hielt. Unsere Ehe blieb kinderlos. Aeußeres Mißgeschick trat hinzu. Die tausend Räthsel und Probleme der Gegenwart im Staats- und Völkerleben, in Kunst und Wissenschaft lasteten auf meiner Seele. Ich zersplitterte meine Kraft, indem ich alle zu lösen versuchte. Meine Frau siechte. Ich zog ihr zu Liebe hierher, in meine stille Heimath, das heißt, ich gab Alles auf, was ich in der großen Stadt und durch die große Stadt zu erreichen hoffte. Hier begegnete mir Elise Reiser, die ich als Kind verlassen hatte, als herrliche Jungfrau, geistreich ohne Affectation, bei aller Grazie voll Wissen und Wißbegierde, feurig und schwermüthig zugleich, gut und schön. Sie begriff die titanischen Kämpfe in meiner Brust, weil sie die Zeit begreift; nahm an meinen Arbeiten Theil und hielt mich hoch bei den Verdächtigungen und Vorwürfen, die ich als Journalist von Gegnern und Parteigenossen erlitt, weil ich ihnen bald zu viel, bald zu wenig sagte. Sie ergänzte meine Frau, und wir Drei waren in der Freundschaft glücklich. Aber das Entzücken meines Geistes hielt ich für den Taumel der Empfindung und eines Tages, als Elise Ihren Verrath beweinte, zog ich sie an meine Brust und küßte sie mit den Lippen, die von der Reinheit des Volkes und von Bürgertugend so trefflich zu sprechen wissen … Wir fanden uns wieder, aber der Fluch fiel auf uns Beide. Die Verleumdung, die an unser Ohr schlug, vergrößerte nur, aber erdichtete nicht die Schuld. Meine Frau welkte rasch unter dem Schatten, der auf uns lag. Ich begrub sie gestern, und gestern auch ward mein Urtheil gesprochen: Ich sah das Volk, dessen Vertheidiger, Freund und Bruder ich sein will, im Wahn und Irrthum, aber es weist meine Stimme zurück, weil auch mein Leben nicht mehr rein von Makel ist; ich darf den Armen nicht mehr Geduld! zurufen, seitdem ich gegen die Losung meines Standes knirschte, die Resignation, die Entsagung persönlichen Glücks. Wer Priester sein will, muß den Nimbus haben!“

Er schwieg eine Weile. Als Gustav ihn nicht unterbrach, fuhr er fort: „Sie hegen wahrscheinlich den Wunsch, mich zu tödten. Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht weiß, wie ich weiter leben soll, seitdem ich die Entdeckung machte, daß ich im Entsagungsmuthe wanken kann. Von großen Ideen für den Fortschritt der Menschheit, für das Wohl des Allgemeinen erfüllt, nahm ich Rücksicht auf mein kleines Ich und wollte mehr als nützlich, wollte geliebt sein. Das verdient den Tod … Was aber berechtigt Sie, mein Richter zu sein?! Ihre Wahlstatt ist – soviel, ich gehört habe – der Salon, Ihre Losung Genuß, Ihr Abgott die eigene Person. Sie könnten ebensogut unter Nero in Rom oder unter Ludwig dem Vierzehnten in Frankreich leben. Ich aber bin der getreue Sohn meiner Zeit. Mit meinen Anlagen würde ich in vergangenen Tagen vielleicht ein berühmter Mann geworden sein, und doch, wenn ich mit einem Wink meiner Hand die Welt verwandeln könnte – ich würde mir lieber die Rechte abhauen, als sie gegen meine Zeit erheben. Ich leide unermeßlich, daß ich einmal, auch nur einmal des Vaterlandes vergessen und genießen wollte. Wann denken Sie an Ihr Volk, weinen über ihm zugefügtes Unrecht, träumen von seiner Zukunft? Ich arbeite, und wenn es auch nur ein Wälzen von Gedanken ist, ich arbeite. Was thaten Sie bisher?“

Er hatte sich in leidenschaftlicher Erregung hoch aufgerichtet. Hinter ihm leuchtete und flammte jetzt der ganze Himmel. War es der Wiederschein des Morgens oder Scham, Gustav’s Antlitz glühte. Aber mit dem rauhen Ton verletzter Eitelkeit entgegnete er: „Halten wir uns an die Thatsache, mein Herr! Ich bilde mir nicht ein, Haupt- und Staatsfragen zu lösen, aber über die Tugend eines Mädchens kann ich urtheilen, wenn ich mein Urtheil nöthigenfalls mit der Pistole in der Hand vertheidige.“

„Herr,“ versetzte der Andere zornig, während er vorwärts trat und Gustav’s Arm preßte, „die Tugend der Frauen ist kein Ziel für Kugeln.“

„Bah, ich glaube mit mehr Recht, als Sie, für Elise schwärmen zu dürfen. Ich liebte sie; ich war überzeugt von ihrer Tugend, stolz auf ihre Treue.“

„Würden Sie diese Sprache auch Ihren Genossen, Ihren Freunden gegenüber führen?“ fragte Oldenburg mit kühler Verachtung und ließ den Arm des Andern los. „Würden Sie vor der jeunesse dorée der Residenz Ihrer Liebe zur Apothekerstochter in anderem Ton, als Ihrer andern Eroberungen, Erwähnung thun?“

„Herr!“ brauste Gustav auf.

„Ich frage, warum Sie den Fehltritt eines Mädchens plötzlich schmähen, da ich hundert Mal Ihresgleichen sich solcher und größerer Vergehen rühmen hörte!?“

In der Verwirrung widerstreitender Gefühle entflohen Gustav die Worte: „Sie thun mir Unrecht. Ich wäre an Elisens Seite etwas geworden.“

Oldenburg sah mit ernstem, großem Blick den Jüngling an. „Was thaten Sie denn,“ sprach er, „den Traum Ihrer Jugend zu verwirklichen? Man muß sich sein Ideal verdienen. Wenn Sie nicht Seelenstärke genug besitzen, dem Mädchen zu verzeihen, seien Sie wenigstens auch darin Egoist, sich aus Ihrem Verlust Gewinn zu schaffen. Im Schmerz liegt Kraft. Widmen Sie diese Kraft dem Guten, dem Schönen, dem Vaterlande!“

Gustav blickte nachdenklich vor sich hin. In seiner Seele ward es mehr und mehr klar und lichtvoll, wie draußen am Himmel … „Sie sind frei,“ sagte er leise, „Sie werden Elisen jetzt Ihre Hand reichen.“

„Wie klein denken Sie von ihr, von mir!“ versetzte Oldenburg mit schmerzlichem Lächeln. „Sollen wir die Lästerungen durch eine Lüge zum Schweigen, soll ich über dem Grabe meiner Frau des Mädchens Zukunft zum Opfer bringen? Nein, Elise liebt mich nicht. Ich aber werde meine Schuld büßen, ohne Sie in mein Schicksal zu ziehen und Sie zum Mörder zu machen. Gestern Nachts während des Brandes erhielt ich aus der Residenz die Nachricht, daß unser König für Schleswig-Holsteins Recht das Schwert ergreift. Der Krieg ist erklärt, das Heer bricht auf. Ich werde für die Ehre Deutschlands kämpfen, ich werde dafür fallen …“

Er sprach dies mit schlichter Innigkeit; der erbittertste Verleumder hätte seinen Worten geglaubt. Und wie er so dastand, von rosigem Licht übergossen, die Augen voll milden Ernstes dem Sonnenaufgang zugewandt, ein Bild kraftvoller Schönheit, ergriff Gustav tiefe Bewegung. Aber noch drängte dieser den Sturm zurück. „Was wird aus Elise werden?“ fragte er mit bebender Stimme.

„Elise ist eine große Seele,“ gab Oldenburg als Antwort zurück. „Sie wird denjenigen, welche sie gestern am grimmigsten lästerten, am meisten Gutes thun. Ihr Alle, wenn ich längst vergessen und begraben bin, werdet sie einst bewundern und segnen.“

Da warf sich Gustav plötzlich aufweinend an Oldenburg’s Hals. „Nein,“ rief er, „ich werde Sie niemals vergessen, so wenig ich dieser Nacht vergesse, die mich in meinem tiefsten Wesen verwandelt und geläutert hat. Sie sind ein Held, ich will wenigstens ein Mann sein. Heute noch, in Ihrer Gegenwart, werfe ich mich [820] Elisen zu Füßen, bitte um Vergeben und Vergessen, um die alte Liebe und Treue. Und wenn die ganze Welt sich gegen sie erhebt, trotz’ ich der ganzen Welt, und will sie hochhalten und lieben als mein Weib, so lang ich lebe … “

Oldenburg sah dem Leidenschaftlichen verwundert, zweifelnd in’s Antlitz, dann aber erwiderte er die Umarmung und sagte: „Dies Wort ist eine größere Heldenthat, als wenn Sie mit Todesgefahr zehn Leben retteten …“

Durch das Gemach und draußen in der Natur fluthete der goldene Quell des Tages; in den Blüthen und Bäumen des Gartens sangen die Vögel, und fernab bliesen die Zinkenisten der Waldkirchener Schützengilde zum Beginn ihres Festes die erhabene Weise eines Chorals …

Beide Männer lagen sich noch in den Armen, als Frau Flemming hastig in den Pavillon trat. Sie war zu erregt, um über Oldenburg’s Anwesenheit zu staunen, eilte auf ihren Sohn zu und küßte, ihn zu sich niederziehend, ihn auf die Stirn. Dann ergoß sie sich in zärtliche Vorwürfe. Aus einem unholden Schlaf, erzählte sie, dessen Traumbilder ihr Gustav bald mit dem ausgetretenen Fluß kämpfend, bald von Flammen umringt, gezeigt hätten, wäre sie beim Morgengrauen erwacht. Marianne, an ihr Bett gerufen, hätte ihr die entsetzlichen Vorgänge der Nacht geschildert, sie über Gustav’s Anwesenheit beruhigt, aber auch von einer Frau erzählt, welche von einem Fenster am Markt Flemming mitten im wüthenden Haufen gesehen haben wollte. Darum überzeuge sie sich mit eigenen Augen, daß die Aussage der Frau ein Märchen, und Gustav wohlbehalten und unverletzt nach Hause gekommen sei. „Nein, kein Märchen!“ rief sie plötzlich erblassend, indem ihre schwachen Augen den Liebling näher betrachteten. „An Deinem Haar klebt Blut, Deine Kleider sind zerrissen – – Heiliger Gott! Du bist verwundet! Was ist geschehen? Wer, wer that’s?!“

Gustav beruhigte die Frau, die außer sich war, und indem er ihre Hand in die Oldenburg’s legte, sagte er: „Ich war in Todesgefahr, aber dieser edle Mann wurde mein Retter.“

„Sie?!“ rief Frau Flemming in aufwallender Dankbarkeit und wiederholte dann, nicht ohne Verwirrung und kälter: „Sie!?“ Gustav jedoch, als er sah, wie sie mit Staunen und Unruhe bald ihn, bald seinen Gast betrachtete, bat sie, mit einem bedeutungsvollen Blick auf Oldenburg, mit ihm einen Gang durch den Garten zu machen.

Im Garten kam es zwischen Mutter und Sohn’ zu einem heftigen Auftritt. Als Gustav gestanden hatte, daß er Elise Reiser noch immer liebe und heute noch bei ihrem Vater um sie freien wolle, erklärte die erst erstaunte, dann empörte Frau rund heraus, daß sie das nimmer und nimmer zugeben werde. Bittere Anklagen Oldenburg’s und Elisens folgten. Gustav nahm Beide in Schutz, worauf sie ihn zornig aufforderte, sich also wegzuwerfen, den Spott der Stadt auf sich zu ziehen, aber auch das mütterliche Haus für immer zu meiden. Als Flemming einsah, daß weder Bitten, noch Beschwichtigungen ausreichten, fragte er seine Mutter, ob sie die Ueberzeugung hege, daß ein Mädchen auf seine Wahl stolz sein dürfe.

Sie sah ihn verwundert an und erwiderte, sie hoffe es.

„Nun denn,“ versetzte er gelassen, „so befindest Du Dich in einem gewaltigen Irrthum, denn bis gestern war ich ein müßiger, heuchlerischer, herzloser Taugenichts.“

Frau Flemming fragte verdrießlich, was das heißen solle.

„Daß ich zur Selbsterkenntniß gekommen bin,“ rief er und begann dann mit grausamer Wahrheit sich und sein Leben in der Residenz zu schildern. „So war Dein geliebter, wackerer Sohn,“ schloß er. „Während Du daheim Thränen der Rührung über seine heuchlerischen, erlogenen Briefe weintest, während Du ihn brav und fleißig wähntest und für ihn wie für ein köstliches Kleinod Gottes Schutz und Segen anriefst, verpraßte er seines ehrlichen Vaters Vermögen und Deine großmüthigen Geschenke mit liederlichen Burschen, charakterlosen Speichelleckern und feilen Dirnen. Soll ich Dir mein Tagewerk schildern? Wenn der Morgen angebrochen war, taumelte ich mit schlotternden Kleidern und verworrnem Haar, mit gerötheten Augen und gelbem Gesicht aus einem Weinkeller, das Aergerniß und der Abscheu der Redlichen, die an mir vorüber schon wieder zur Arbeit eilten. In viehischem Schlaf bis Mittag dann stärkte ich die erschlafften Kräfte zu neuem Schwelgen. Am Toilettentisch, einer verweichlichten Buhlerin gleich, empfing ich die Besuche von Gecken oder Wucherern. Dann in einem Strudel sinnloser, wüster Vergnügungen, niemals in ernster Thätigkeit, niemals in würdigen Gedanken! So lebte, so war ich, mit Elise verglichen, häßlicher als ein Satyr neben einer Heiligen. Ich, höre mich! ich wäre nicht werth, den Saum ihres Kleides zu berühren, wenn nicht einzig und allein die Liebe zu ihr mir einen Schimmer von Adel und die Hoffnung verliehe, mit ihr und durch sie ein Besserer zu werden. Verstoße, enterbe mich, ich kann nicht anders; der erste Schritt in meinem neuen Leben wird, muß der sein, was ich, ich verschuldete, zu sühnen und Elisen mein Wort, meinen Schwur zu halten … “

Gustav’s Mutter stand erstarrt, vernichtet, während zwei Thränen langsam über ihre Backen rannen. Dann faßte sie sich gewaltsam und sagte: „Komm!“ Sie gingen in den Pavillon zurück, wo Frau Flemming Oldenburg beide Hände reichte. „Verzeihen Sie es der alten, thörichten Frau,“ sagte sie, „daß ich mich vorhin so undankbar zeigte. Gott segne Sie! Gott segne Sie! Ich glaube, Sie haben meinen Sohn zweimal gerettet.“




Um die Mittagsstunde saß Elise in der Wohnstube ihres Vaters. Vom Marktplatz herauf schallte der Lärm eines friedlich lebendigen Gewühles. Denn die Unruhen waren gestillt, die Weber zur Arbeit zurückgekehrt, und der Jahrmarkt hatte begonnen. Das Gesumme der auf- und niederwogenden Menge, das Gekreische der Verkäufer, Pferdewiehern und Räderrollen, Trompetenstöße und Gebrüll einer Thierbude tönten wirr und wunderlich, aber lustig zum blauen Sommerhimmel empor.

Als vor der nahen Post ein Posthorn anhob und gleich darauf der Wagen unter den Fenstern der Apotheke vorbeirasselte, stürzte Elisens Vater athemlos in das Zimmer.

„Um Gottes willen, was ist’s?“ fuhr das Mädchen in der Ahnung neuen Unglücks empor. Der alte Mann rieb sich wie wahnsinnig die schwarzsammetne Mütze auf dem Kopf. „Ich weiß nicht, was ich denken soll,“ sagte er. „Doctor Oldenburg reist ab, verläßt Waldkirchen – die Actuarius Müller kam in den Laden und erzählt es mir – ich kann es nicht glauben und stürze auf die Post, da, da, just wie ich ankomme, steigt der Doctor in die Chaise und winkt zum Abschied – wem, glaubst Du, wem winkte er? und wer, glaubst Du, wer am Wagen stand und ihm nachwinkte – still!“ unterbrach er sich plötzlich, aufhorchend. „Es kommt Jemand.“

Auf der Treppe näherten sich Schritte.

„Ich bitte Dich, Vater, laß Niemand – –“ stammelte Elise.

Aber schon hatte der alte Reiser die Thür geöffnet und die Nahenden erblickt. Außer sich, stürzte er zurück, schlug in die Hände und rief: „Wer, glaubst Du, kommt zum Besuche?! Wer kommt mit seiner Mutter?“

Elise warf einen jähen Blick auf ihren Vater, dann von einer himmlischen Ahnung durchzuckt, schrie sie auf: „Gustav?!“

„Ja,“ jubelte der Alte. „Er und seine Mutter – er, er kommt.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ncch
  2. Vorlage: zu