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Textdaten
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Autor: Wilhelm Jordan
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Titel: Epische Briefe/IX
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43–44, S. 727–728, 735–736
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[727]
Epische Briefe.
Von Wilhelm Jordan.
IX. Rettung der Edda. Ihre Schöpfungssage.

Während in Norwegen die Lehnsmonarchie siegte, kehrte das neue Gemeinwesen auf Island desto entschiedener zurück zur aristokratischen Republik. Das Land wurde eingetheilt in Viertel, jedes Viertel in drei Thinge. Jeder Thingsprengel erhielt seinen Haupttempel, und um diesen „zu bewahren in Weisheit und Rechtlichkeit“, wurde ihm ein Heiligthumsvorsteher, Godi, das ist: Gottesmann, betitelt, vorgesetzt, welcher die Richter zu ernennen und den Gang der Streitsachen zu steuern hatte. Sämmtliche Thinge standen unter dem Allthing, der obersten Staatsgewalt, der sich jährlich einmal versammelte, um die Gesetzgebung und die Rechtspflege letzter Instanz auszuüben.

Denen, die noch immer die römische Lüge von der Barbarei des germanischen Heidenthums nachsprechen, soll man dieses trefflich geordnete Staatswesen Islands entgegenhalten. Unter ihm bewahrte sich der ausgewanderte Stamm seine stählerne Tüchtigkeit und entwickelte für die einzige Kunst, deren Genuß und Pflege die Armuth und Entlegenheit des Landes nicht unmöglich machte, die Poesie, eine Empfänglichkeit, wie in denselben Jahrhunderten kein zweites Volk des Abendlandes.

Mit ihrer goldschweren und diamantharten Sprache voll trotziger consonantischer Kraft hatten die Auswanderer auch die ausgebildete Götter- und Heldensage mitgebracht; denn mit den Edlingen, die daheim ihren eigenen Hofhalt geführt, waren auch ihre Skalden übergesiedelt. Auch den Inhalt deutscher Lieder, ja wahrscheinlich Nachbildungen und Uebersetzungen derselben, bewahrten sie im Gedächtnis; denn theils durch deutsche Kaufleute, theils durch Kriegsgefangene der räuberischen Normannen waren dieselbe früh nach Skandinavien gelangt.

Zwar kam auch nach Island das Christenthum; aber es wurde hier dem Volke nicht aufgedrängt, sondern um das Jahr Tausend durch Mehrheitsbeschluß des Allthings angenommen. Dabei verfuhr man staunenswerth duldsam. Das Annahmegesetz selbst bestimmte, daß die Männer auch ferner den alten Göttern opfern dürften, aber nur heimlich; wer sich dabei von Zeugen betreten ließe, müßte Buße zahlen. In der Viga-Glum’s Saga ist eine Lebensbeschreibung erhalten, die in eben dieser Uebergangszeit spielt. Ich erwartete in ihr die Umwandlung der Sitten und der Lebensweise durch die neue Religion gespiegelt zu sehen. Davon aber fand ich keine Spur außer der kahlen Anführung, daß auch Viga-Glum drei Jahre vor seinem Ende die Taufe genommen habe und auf dem Todtenbette in weißem Sterbekleide „gebischoft“ worden sei (ok var byskupadr), wie der Biograph sich ausdrückt, das heißt von einem Bischof das Sacrament empfangen habe. Und alle Berichte über die ersten Jahrzehnte des Christenthums auf Island betätigten die Unrichtigkeit meiner Voraussetzung. Die Bezirkstempel selbst dienten fortan als Kirchen; ihre Vorsteher, die Godar, blieben im Amt; auch scheinen sie sich mit den Geistlichen bestens vertragen und nur allmählich einen Theil ihrer Befugnisse an die Bischöfe abgegeben zu haben. Von einer Umwälzung ist geraume Zeit nicht das Geringste zu merken. Die Einziehung einer alten Münze gegen eine neue mag wohl selten irgendwo so glatt und geräuschlos verlaufen sein, wie in Island der Uebergang vom Heidenthum zum Christenthum.

Für ausländische Geistliche hatte die ferne Eisinsel nichts Verlockendes. Einträgliche Pfründen und reiche Klöster waren hier nicht zu stiften. Nur Eingeborene, die sich im Mutterlande, nicht selten auch in Frankreich, England oder Deutschland, die nöthige Bildung erworben hatten, konnten durch ihre Heimathliebe bewogen werden, unter sonst nirgend erhörten Entbehrungen das geistliche Amt zu versehen. Sie wurden nicht Unterdrücker, sondern eifrige Pfleger der einheimischen Sprache und Literatur. Durch sie erst erfolgte die Einführung einer ausgebildeten Schreibkunst, welche die Aufzeichnung der epischen Schätze möglich machte.

Eine Schrift freilich hatten die Germanen von jeher besessen. Nach Ammianus Marcellinus wußte ein Alemanne im römische Heer, Namens Hortari[1], seinen Landsleuten schriftliche Botschaft zu senden. Ja, schon Tacitus beschreibt sehr deutlich die Anwendung der Schrift bei Weissagungen. Zweigstücke eines fruchttragenden Baumes, vorzüglich der an Eckern reichen Buche, wurden mit Zeichen versehen, ausgestreut, einzeln aufgehoben und den Zeichen gemäß gedeutet. Diese Zeichen waren Buchstaben im eigentlichen Sinn, das heißt gezeichnete Stäbe einer Buche. So erklärt sich das gothische stabs, das altnordische stafs = litera, so das hochdeutsche „Buch“. Die Zeichen oder Male wurden eingeritzt, daher die Benennungen für zeichnen und schreiben: meljan, Male machen, malen; writan, althochdeutsch rizan, englisch write, ritzen, schreiben. Das Ausstreuen jener Stäbe erklärt unseren Ausdruck „Entwurf“; das Auflesen derselben unser „lesen“. Man legte die Zeichen aus, indem man sie entweder zu Worten zusammensetzte, oder auch den Buchstaben gelten ließ in der Bedeutung seines Namens. Der Buchstabe M z. B. hieß madhr, das ist Mann; F hieß fëu, das ist Geld (erhalten im englische fee), U hieß ûr, das ist Auerochs, und Th hieß thuris, das ist Riese.

Diese Buchstaben, von ihrem heiligen und geheimnißvollen Gebrauch Runen genannt (runa, das ist Geheimniß, Räthsel), bildete aber nur ein Alphabet von sechszehn Zeichen und reichten nicht aus, eine lautreiche Sprache zu versinnlichen und mit ihnen den epischen Erbschatz niederzuschreiben. Auch bedurfte [728] es dessen nicht, so lange denselben einen Sängerstand mit den mnemonischen Mitteln der poetischen Form im Gedächtniß bewahrte. Gerade als dieser Stand zu verschwinden begann, erhielt Island durch seine Geistlichen theils direct, theils von den Angelsachsen das lateinische Alphabet der deutschen Mönche, dasselbe, in dem wir hier die „Gartenlaube“ gedruckt sehen und von dem sich immer noch Viele einbilden, es sei ein ursprünglich deutsches.

Zu Anfang des zwölften Jahrhunderts entstanden die ersten isländischen Bücher, z. B. die Geschichte der Besitznahme, das Landnama-bok. Die Geistlichen ließen sich von den des Schreibens unkundigen letzten Mitgliedern der aussterbenden Skaldenzunft dictiren, was ihr Gedächtniß vom germanischen Epos noch bewahrte.

Im Jahre 1643 fand Brynjulf Svendson, Bischof von Skalholt, unter anderen Handschriften eine sehr alte, Gedichte enthaltende. Er ließ sie abschreiben und setzte eigenhändig darauf den Titel „Edda Saemundar hins froda“, das ist die „Edda Sämund’s des Weisen oder Gelehrten“. Nur sein Zeugniß ist vorhanden für die erste Aufzeichnung durch Sämund. Selbst darüber herrscht noch Streit, ob wirklich ein bedeutender Geistlicher des zwölften Jahrhunderts genau diesen Namen geführt habe. Ich bin geneigt, zu vermuthen, daß auch dieser Name, wie Vyasa, Homeros, Hesiodos und Firdusi nichts Anderes ist als der nachträgliche Ehrentitel eines berühmten Sängers. Sämund würde isländisch „säende Hand“ bedeuten; aber der Name könnte im Nominativ auch Sämunnr gelautet haben mit der Bedeutung Saat ausstreuender Mund. Ja, vielleicht ist er sogar deutschen Ursprungs und aus dem althochdeutschem Sagamunt umgeändert worden, entweder um die Urheberschaft der Liedersammlung auf einen bekannten Isländer zu übertragen, oder um für ihn auch im Altnordischen einen Sinn zu gewinnen, etwa wie für Mediolanum und Milano durch die Germanisirung Mai-Land.

Der Titel: Edda, das Femininum unseres „Aetti“, fordert uns auf zu der Vorstellung, daß hier eine Urgroßmutter ihren lauschenden Enkeln und Enkelkindern Kunde gebe von der Vergangenheit.

Die Sämunds-Edda zerfällt in einen mythologischen und in einen epischen Theil, obwohl mehrere ihrer Lieder gleichermaßen der Götter- wie der Heldensage angehören. Fast allen sieht man es an, daß sie zusammengefügt sind aus Bruchstücken, welche der Aufzeichner aus dem Gedächtnisse verschiedener Sänger niederschrieb, deren Keiner mehr den ganzen Zusammenhang übersah. Schon daraus entsteht große Dunkelheit. Außerdem ist die Form nicht selten die des absichtlich mit dem Sinne Versteck spielenden Räthsels, das mit der Frage schließt: Wißt Ihr, was das bedeutet?

Eines der ältesten Lieder, die Völu Spa, das ist: die Sprüche oder Weissagungen der Wala, der Seherin, beginnt also:

Lauschen der Andacht verlang’ ich von allen
Hohen und niederen Heimdalssprossen.
Walvaters Werke will ich verkünden,
Urzeitmären des Menschengeschlechtes,
Im Gedächtniß dauernd als meistbedeutend.

Die letzte Langzeile dieser Strophe, die ich der Deutlichkeit wegen mit zweien übersetzt habe, finden wir im ersten Verse des ältesten altdeutschen Epenrestes, des sogenannten Wessobrunner Gebets, so nahezu wörtlich wieder, als es bei Uebertragung in so schwierig gebundenen Alliterationsversen irgend zu erwarten ist.

Dann heißt es weiter in der dritten Strophe der Völuspa:

Im Urzeitanfang hat Ymir gewaltet;
Nicht Sand war noch See noch kalte Salzfluth,
Nicht Erde vorhanden noch Oberhimmel,
Nur klaffende Kluft und nirgend Kräuter.

Zu diesen Versen sind die an falscher Stelle überlieferten drei letzten der fünften Strophe hinzuzuziehen:

Nicht wußte die Sonne, wo ihr Saal sei,
Nicht wußten die Sterne, wo ihre Stätten,
Noch wußte der Mond, wo sein Wohngemach sei.

Wiederum trifft hiermit unser Wessobrunner Gebet sehr nahe und mit einem Verse in vollkommenster Wörtlichkeit zusammen. Denn sein echter und uralter Theil lautet, mit der kleinen, von J. Grimm und K. Müllenhof vorgeschlagenen und sehr wahrscheinlichen Ergänzung einer Lücke, die ich einklammere, also:

Das erfuhr ich im Volk als vornehmstes Wunder,
Daß Erde nicht war noch Oberhimmel.
Nicht Bäume gab es, noch gab es Berge,
Noch das mächtige Meer. Da glänzte der Mond nicht
[Noch ein schimmernder Stern], noch schien die Sonne
Und nur das Nichts war, das nirgend begrenzte.

Dieses Wessobrunner Gebet ist um 814 aufgeschrieben worden, also reichlich drei Jahrhunderte früher als die Edda und über ein halbes Jahrhundert vor der Colonisation Islands. Die Nachbildung könnte also nur aus dem Deutschen in’s Altnordische erfolgt sein. Möglicher Weise aber waren die deutsche Völuspa, deren einstiges Vorhandensein hiermit unzweifelhaft erwiesen ist, und die nordische beide nur dialectische Umbildungen eines viel älteren, wohl gar altarischen Liedes. Die Vermuthung liegt nicht fern, daß die sibyllinischen Bücher Roms eine Art lateinischer Edda gewesen sind und auch ein solches kosmogonisches Lied der Sibylle enthielten, ja, daß uns eine Reminiscenz aus demselben erhalten ist im Anfangsverse der Metamorphosen Ovid’s:

Vor dem Meere, der Erd’ und dem allesbedeckenden Himmel
War das Chaos.

Ymir bedeutet Aufruhrtoben, Wirrwarr und ist die Personification der durcheinander gährenden Urstoffe. Was ich oben mit „klaffende Kluft“ übersetze, heißt im Original „ginnunga gap“, das ist: das Gaffen (Maulaufsperren) der Gähnungen, ist also genau das griechische Chaos, das ebenfalls Gähnen, den gähnenden Abgrund bedeutet.

Auf der nördlichen Seite dieses Schlundes, erzählen andere Lieder und die prosaische oder jüngere, dem Snorri Sturluson zugeschriebene Edda, entstand Niflheim, die Nebelwelt voll Frost und Eis, auf der südlichen Muspelheim, die hellflammende Welt voll Licht und Feuer, bewohnt und beherrscht von Surtur, dem rauchschwarzen, der auch von dorther einst kommen und die Erde verbrennen wird. Als die von Muspelheim herüberfliegenden Feuerfunken den Reif auf der Grenze Niflheims erreichten und schmolzen – wir würden sagen: als der warme Südwind den Frühling nach Norden brachte – da gewann das Aufgeschmolzene Leben und Gestalt; da erst erstand jener Ymir. Er verfiel in Schlaf, das heißt der Aufruhr der Elemente legte sich; er begann zu schwitzen, das heißt es trat Sommer ein, und nun wuchs ihm unter dem linken Arme ein Sohn und eine Tochter, mit denen vermutlich Tag und Nacht gemeint sind, und seine beiden Füße erzeugten miteinander einen sechsköpfigen Sprößling, das heißt: nun erst entwickelte sich mit dem Wechsel der Tages- und Jahreszeiten die sechsmonatliche Vegetation.

[735] Mit Ymir zugleich war auch eine Kuh Namens Audhumbla entstanden, deren Milch[2] ihn ernährte. Sie beleckte die salzigen Eisblöcke; da kamen am Abend des ersten Tages Menschenhaare zum Vorschein, am folgenden ein Menschenhaupt, und am dritten hatte sie einen ganzen Mann hervorgeleckt. Der hieß Bur, das ist der (erste) Geborene, und hatte einen Sohn Bök, das ist der Erzeuger, und dieser zeugte mit einer Riesentochter drei Söhne: Odin, Vili und Ve, die drei den Himmel und die Erde beherrschenden Götter.

Odin ist die Luft, der alles durchwehende und bewegende Lebenshauch, Vili das Licht (vergleiche die gothische Bibelübersetzung des Ulfilas, Ev. Marc. 1, 32 sa-uil, Sonnenlicht), Vé der bei den Germanen männliche Träger der Rolle der Vesta, das Feuer als heiliges Wesen, besonders auf dem Hauptaltar des Heiligthums, dem véstallr. Sein Name ist im Deutschen erhalten in Weihnacht und Weichbild, entstanden aus Uihpilti, Weihbild, das ist Bild des Wih auf der Rathsstätte, dem Marktplatze, als Symbol der Gerichtsbarkeit des Bezirks, spätsr durch die sogenannten Rolande ersetzt.

Für die Kuh Audhumbla sind schon viele, und zum Theile abenteuerliche Erklärungen versucht worden. Die vollbefriedigende Lösung des Räthsels finden wir sogleich, wenn wir uns an die Mythologie der arischen Geschwistervölker wenden. Die Kühe, welche dem indischen Himmelsgott Indra von den Dämonen geraubt werden und die dem griechischen Lichtgott Apollon entführten Rinderheerden bedeuten die von den Winden der heißen Jahreszeit verscheuchten Wolken und ihre nährende Milch ist der Regen. Audhumbla, das ist die schatzfeuchte, in ihrer Feuchtigkeit Schätze bergende, ist ebenfalls die Wolke „mit der Brust voll Segen“, wie sich ein neuerer Dichter, Anastasius Grün, glücklich ausdrückt. Wo Eis und Schnee rasch wegthauen, namentlich im Gebirge, da bildet sich eine Wolke. Dem Beschauer kehrt sich das Verhältniß von Ursache und Wirkung um: ihm scheint die Wolke das Eis aufzuzehren. Noch jetzt ist in den Alpen manche Redewendung üblich vom Nebel, der den Schnee frißt, von der Wolke, die den Gletscher kleiner leckt. Erst mit der Befreiung des Bodens von den Eismassen, das ist der Sinn der Sage, ist dem menschlichen Leben eine Stätte bereitet.

Wie Zeus mit seinen Göttern die Titanen und Giganten besiegt, so erschlagen Odin und seine Brüder den Riesen Ymir und seine ganze Nachkommenschaft bis auf Einen, Bergelmir, der sich, ein nordischer Noah, mit seiner Frau im Boote rettet und Stammvater eines neuen Riesengeschlechtes wird, der Jötune. Ymir’s Leiche werfen sie in den gähnenden Abgrund und machen aus seinem Blute das Wasser, aus dem Fleische die fruchtbare Erde, aus den Knochen die Felsgebirge, aus den Zähnen und Kinnbacken die Feldsteine. Seine Hirnschale stellen sie auf als Himmelsgewölbe; sein Gehirn werfen sie in die Luft als die drohenden Wolken; mit seinen Augenbrauen aber umhegen sie als Wohnung und feste Burg für die Menschen den „Garten der Mitte“. Der poetische Gedanke dieser Schöpfungssage ist die Uebereinstimmung des Naturganzen mit der kleinen Welt des Menschenleibes.

Nun erst erfolgt die Erschaffung des ersten Menschenpaares, nach den zwei Bäumen, aus denen es gebildet wird, einer Esche und einer Ulme, Ask und Embla genannt; ein Ursprung, der auch bei den Griechen anklingt; denn an die Frage nach Jemandes Herkunft knüpft sich bei Homer zuweilen der Spruch:

Schwerlich stammst du vom Stein, von der Eiche der uralten Sage.

Die bei Nectar und Ambrosia glückseligen und unsterblichen Olympier sehen die Welt ein für alle Male befestigt und geordnet zu ihren Füßen liegen. Die altgermanischen Götter lassen es zwar an Schmausereien und Trinkgelagen auch durchaus nicht fehlen; aber sie sind nicht unsterblich und haben harte Arbeit täglich neu zu beschicken, um die Ordnung zu erhalten und sich selbst vor dem Untergange zu schützen. Diesen aber können sie nur verzögern und werden ihm einst dennoch verfallen. Wie sehr ihr Amt auch ein sittliches ist; wie der Kampf nicht nur gegen die Naturgewalten, sondern auch gegen das moralische Böse geführt wird, und deshalb die besten der Menschen zum Heere der Gotteskämpfer als einherische Helden Odin’s nach Walhall gekoren werden, wenn sie schon im Leben treue Streiter für die göttlichen Satzungen gewesen sind: das leuchtet überzeugend hervor aus den Eddalehren vom Untergange der Welt in der Götterdämmerung und von ihrer Wiedergeburt. Hier, wo ich die germanische Mythologie nur insoweit zu berühren habe, als es nothwendig ist, um die Entwickelung des Epos begreiflich zu machen, kann ich auf dieselben nicht näher eingehen. Man findet sie aber unter der Ueberschrift „Die Götterdämmerung“ aus den in beiden Edden zerstreuten Bruchstücken zu einem Gemälde zusammengefügt in meinen „Strophen und Stäben“ Seite 250 bis 260.

Der Unterschied der urverwandten griechischen und germanischen Göttersage ist eben der des griechischen und nordischen Himmels. Unter jenem sind die titanischen Gewalten der Urzeit dauernd bezwungen, der Wechsel der Jahreszeiten, gemildert zum harmonischen Reigen der Horen. Unter diesem bricht das Chaos alljährlich wieder herein. Das Leben der Natur ist ein wilder Kampf. Nach beinahe völliger Vernichtung durch den Winter ringt es sich nur mühsam neu empor aus Eisgängen, Ueberschwemmungen und Stürmen, von denen der Süden kaum eine Ahnung hat. An die unfernen Ränder Mittgarts, der geordneten Wohnwelt, sind die Giganten verwiesen. Dort lauern sie, ewig bereit zur Zerstörung, Feinde von Allem, was den Himmel mild [736] und die Erde wohnlich macht, Dämonen des nächtlichen Winters, der empörten Meereswogen, der unwirthbaren Felsengebirge mit ihren Wildwassern und Bergstürzen. Unablässig rütteln sie an ihren Schranken und Fesseln, und einst wird es ihnen gelingen, alle Bande zu zerreißen.

Unter einem heiligen Baume befand sich nach altgermanischer Sitte, die Gerichtsstätte. Auch der Amtsort der Götter, wo sie den täglichen Erhaltungskampf berathen, liegt unter einem gewaltigen Baume, der mit seinem Wipfel hinausragt über Walhall und mit seinen Wurzeln hinabreicht in die tiefsten Tiefen der Unterwelt. Ueber die Brücke des Regenbogens reiten sie nach diesem Thingbaume, der rauschenden Esche Yggdrasil.[3] Sie ist ein Symbol des gesammten Naturlebens, ein zweites geistiges Bild der geordneten Schöpfung, der allernährende Lebensbaum, den wir schon in der persischen Sage kennen gelernt, an dem aber auch von allen Seiten das Verderben frißt. Fast könnte man glauben, er habe unserem Schiller vorgeschwebt als

Der Baum, auf dem die Kinder
Der Sterblichen verblüh’n,
Steinalt, nichts desto minder
Stets wieder jung und grün.

Die zu den Menschen hin reichende Wurzel des Lebensbaumes wird begossen aus dem neben ihr sprudelnden Brunnen der Urd, in dem diese selbst und ihre beiden jüngern Schwestern wohnen, die drei Nornen, den griechischen Moiren, römischen Parzen durchaus entsprechend. Urd ist das Gewordene, die Vergangenheit, Werdandi das Werdende, die Gegenwart; Skuld das Sollende, Kommenmüssende, die Zukunft, dann auch die Ursache der kommenden Strafe, die Schuld.

Bei der zweiten Wurzel des Weltbaums, die zu den Riesen hinreicht, befindet sich die Quelle Mimir’s, der selbst ein Riese ist und ihre Urzeitkunde besetzt, aber keine ihrer zerstörenden Eigenschaften. Er ist ein germanischer Prometheus, und wie sein Name, verwandt mit momoria, Gedächtniß, ausdrückt, die personificirte Erinnerung an die uranfänglichen Dinge vor der Erschaffung des Menschen. Nicht ganz unzugänglich ist dies in seinem Gedächtnisse lebenden Wissen der Forschung; denn der Gott des Geistes, der grübelnde Odin, erwirbt es, muß aber eines seiner Augen verpfänden, um es zu erlangen durch einen Trunk aus Mimir’s Lauterborn. Es ist das eines jener Räthsel der Edda, und eines der allerschwierigsten. Ich will Ihnen diese „Rune“ noch aufgeben und zugleich lösen, kann es Ihnen aber kaum verdenken, wenn Sie dabei etwas wie Schwindel verspüren sollten.

Allein, heißt es, saß die Norne Urd an ihrem Brunnen, als Odin, der grübelnde Ase, kam. Da schaute sie ihm in’s einzige Auge und sagte:

„Alles, Odin, auch wo Du dein Auge
Verborgen, ist mir offenbar geworden.
Im lauteren Borne Mimir’s verbargst Du’s
Und Meth trinkt Mimir an jedem Morgen
Aus Walvater’s Pfand. – Wißt ihr’s zu deuten?
Heimdal’s Horn auch weiß ich verheimlicht
Unter der heiligen, hoch in des Himmels
Reinheit ragenden rauschenden Esche.
Schäumende Ströme seh’ ich sprudeln
Aus Walvater’s Pfand. – Wißt ihr’s zu deuten?“

Heimdal hat das Amt eines Himmelswächters der Nacht. Sein Horn ist die Mondsichel. Auf diesem Horne wird er gellend blasen, wann am jüngsten Tage die Mächte der Vernichtung ihre Fesseln brechen. Aber dieses Horn ist, als Mond, zugleich etwas anderes. Odin, als Himmelsgott, hat zwei Augen, die Sonne und den Mond; weil aber in der Regel nur eins derselben deutlich wahrnehmbar ist, heißt er auch der Einäugige. Die Verpfändung des einen dieser Augen, des Mondes, an Mimir hat zum Naturanlaß das Untertauchen und verschwinden des Mondes im Meere. Mimir nun mit seinem Brunnen ist ein Wassergeist. Das Wasser, aus dem alles Leben hervorgegangen, gilt auch in der germanischen Mythologie als Urquell der Weisheit und besonders Brunnennymphen, Schwanenjungfrauen und Meerweiber, vor allen Mimir selbst, besitzen die Gabe der Weissagung. Indem nun der Verpfändung des Auges der Grund angedichtet wird, daß Odin dafür der Weisheit Mimir’s theilhaftig werden wolle, geht der Mythus von der Natur auf das geistige Gebiet über. Die Kunde nämlich, die der grübelnde Gott durch den Trunk aus Mimir’s Brunnen erlangt, ist die vom einstigen Untergange der Welt. Den Eintritt desselben wird einst Heimdal’s Horn verkündigen, das als Mondsichel zugleich Odin’s Auge und sein dem Mimir gegebenes Pfand ist. Da der langgezogene Ton dieses Horns das Hervorstürzen der Wasser- und Feuerstrudel des jüngsten Tages meldet, so ist dieser Ton für die Seherin dieser stürzende Strom selbst, und so kann sie sagen, sie sehe ihn fluthen aus Walvaters Pfande. Endlich aber bedeutet Horn auch Trinkgeschirr; mithin kann Mimir aus Odin’s Pfand auch Meth trinken.

Das Räthsel beruht also auf der kühnen Vertauschung einer dreifachen Wortbedeutung in Verbindung mit einer symbolisirten Naturanschauung und der Lehre von der Götterdämmerung. Es ist für den germanischen Geist besonders dadurch charakteristisch, daß dieser übermüthige Witz sein verwegenes Spiel treibt mit der furchtbarsten aller Tragödien, der des Weltunterganges.

Aus dem Brunnen der Urd, das heißt aus der Quelle der Vergangenheit, das lehrt die Sage vom Weltbaum, soll das Leben seine Verjüngung schöpfen. Darin liegt zugleich die Mahnung, daß ein Volk nicht in gesunder Kraft bestehen könne, ohne beständig zu trinken aus dem Born der Ueberlieferung von seiner Vorzeit. Beherzigen wir dieselbe! Es ist eine Schande, wenn immer noch viele von uns zwar die Mythologie der Griechen und Römer an den Fingern herzuzählen wissen, in unserer eigenen aber sich fremd fühlen wie in böhmischen Wäldern. Denn wer sich mit ihr vertraut macht, der wird bald erkennen, daß wir alle Ursache haben, stolz zu sein auf unsere Vorväter, deren Göttersage an Tiefsinn der Naturbetrachtung hinter keiner anderen zurücksteht, alle aber weit übertrifft in jener stolzen, bei gewaltigstem Ernste doch zugleich bis zum Uebermuth heiteren Ergebung in das tragische Menschenloos, also in unbeugsamer Tapferkeit der Gesinnung, vermöge deren der germanische Stamm sich schon im Jugendalter berufen erwies zur Herrschaft über die Erde, die er nun mit Riesenschritten nicht erobernd, sondern erwerbend antritt.

  1. Vermuthlich der noch jetzt in der Schweiz und Schwaben vorkommende Familienname Hurter.
  2. Vorlage: "Mich"
  3. Bedeutet: Das Roß des Furchtbaren, das ist Odins. Die Erklärung, wie diese Benennung auf den Weltbaum übertragen werden konnte, würde für diese Blätter zu lang und gelehrt ausfallen.