Entstehung der Arten/Sechstes Kapitel

Fünftes Kapitel Entstehung der Arten (1860)
von Charles Darwin, übersetzt von Heinrich Georg Bronn
Siebentes Kapitel

[181]

Sechstes Kapitel.


Schwierigkeiten der Theorie.


Schwierigkeiten der Theorie einer abändernden Nachkommenschaft. — Übergänge. — Abwesenheit oder Seltenheit der Zwischenabänderungen. — Übergänge in der Lebensweise. — Differenzirte Gewohnheiten in einerlei Art. — Arten mit Sitten weit abweichend von denen ihrer Verwandten. — Organe von äusserster Vollkommenheit. — Mittel der Übergänge. — Schwierige Fälle. — Natura non facit saltum. — Organe von geringer Wichtigkeit. — Organe nicht in allen Fällen absolut vollkommen. — Das Gesetz von der Einheit des Typus und den Existenz-Bedingungen enthalten in der Theorie der Natürlichen Züchtung.

     Schon lange bevor der Leser zu diesem Theile meines Buches gelangt ist, mag sich ihm eine Menge von Schwierigkeiten dargeboten haben. Einige derselben sind von solchem Gewichte, dass ich nicht an sie denken kann, ohne wankend zu werden; aber nach meinem besten Wissen sind die meisten von ihnen nur scheinbare, und diejenigen welche in Wahrheit beruhen, dürften meiner Theorie nicht verderblich werden.

     Diese Schwierigkeiten und Einwendungen lassen sich in folgende Rubriken zusammenfassen: Erstens: wenn Arten aus andern Arten durch unmerkbar kleine Abstufungen entstanden sind, warum sehen wir nicht überall unzählige Übergangs-Formen? Warum bietet nicht die ganze Natur ein Mischmasch von Formen statt der wohl begrenzt scheinenden Arten dar?

     Zweitens: Ist es möglich, dass ein Thier z. B. mit der Organisation und Lebensweise einer Fledermaus durch Umbildung irgend eines andren Thieres mit ganz verschiedener Lebensweise entstanden ist? Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits Organe von so unbedeutender Wesenheit, wie z. B. den Schwanz einer Giraffe, welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.

     Drittens: Können Instinkte durch Natürliche Züchtung erlangt und abgeändert werden. Was sollen wir z. B. zu einem so wunderbaren Instinkte sagen, wie der ist, welcher die Biene [182] veranlasst Zellen zu bilden, durch welche die Entdeckungen tiefsinniger Mathematiker praktisch vornweg genommen sind.

     Viertens: Wie ist es zu begreifen, dass Spezies bei der Kreutzung miteinander unfruchtbar sind oder unfruchtbare Nachkommen geben, während die Fruchtbarkeit gekreutzter Varietäten ungeschwächt bleibt.

     Die zwei ersten dieser Hauptfragen sollen hier und die letzten, Instinkt und Bastard-Bildung nämlich, in besondren Kapiteln erörtert werden.

     Mangel oder Seltenheit vermittelnder Varietäten.) Da Natürliche Züchtung nur durch Erhaltung nützlicher Abänderungen wirkt, so wird jede neue Form in einer schon vollständig bevölkerten Gegend streben ihre eignen minder vervollkommneten Ältern so wie alle andern minder vervollkommnete Formen, mit welchen sie in Bewerbung kommt, zu ersetzen und endlich zu vertilgen. Natürliche Züchtung geht, wie wir gesehen, mit dieser Verrichtung Hand in Hand. Wenn wir daher jede Spezies als Abkömmling von irgend einer andern unbekannten Form betrachten, so werden Urstamm und Übergangs-Formen gewöhnlich schon durch den Bildungs- und Vervollkommnungs-Prozess der neuen Form vertilgt seyn.

     Wenn nun aber dieser Theorie zufolge zahllose Übergangs-Formen existirt haben müssen, warum finden wir sie nicht in unendlicher Menge eingebettet in den Schichten der Erd-Rinde? Es wird angemessener seyn, diese Frage in dem Kapitel von der Unvollständigkeit der geologischen Urkunden zu erörtern. Hier will ich nur anführen, dass ich die Antwort hauptsächlich darin zu finden glaube, dass jene Urkunden unvergleichlich minder vollständig sind, als man gewöhnlich annimmt, und dass jene Unvollständigkeit der geologischen Urkunden hauptsächlich davon herrührt, dass organische Wesen keine sehr grosse Tiefen des Meeres bewohnen, daher ihre Reste nur von solchen Sediment-Massen umschlossen und für künftige Zeiten erhalten werden konnten, welche hinreichend dick und ausgedehnt gewesen, um einem ungeheuren Maasse spätrer Zerstörung zu entgehen. Und solche Fossilien-führende Massen können sich nur da ansammeln, [183] wo viele Niederschläge in seichten Meeren während langsamer Senkung des Bodens abgelagert werden. Diese Zufälligkeiten werden nur selten und nur nach ausserordentlich langen Zwischenzeiten zusammentreffen. Während der Meeres-Boden in Ruhe oder in Hebung begriffen ist oder nur schwache Niederschläge stattfinden, bleiben die Blätter unsrer geologischen Geschichtsbücher unbeschrieben. Die Erd-Rinde ist ein weites Museum, dessen naturgeschichtlichen Sammlungen aber nur in einzelnen Zeitabschnitten eingebracht worden sind, die unendlich weit auseinander liegen.

     Man kann zwar einwenden, dass, wenn einige nahe-verwandte Arten jetzt in einerlei Gegend beisammen wohnen, man gewiss viele Zwischenformen finden müsse. Nehmen wir einen einfachen Fall an. Wenn man einen Kontinent von Norden nach Süden durchreiset, so trifft man gewöhnlich von Zeit zu Zeit auf andre einander nahe verwandte oder stellvertretende Arten, welche offenbar ungefähr dieselbe Stelle in dem Natur-Haushalte des Landes einnehmen. Diese stellvertretenden Arten grenzen oft an einander oder greifen in ihr Gebiet gegenseitig ein, und wie die einen seltener und seltener, so werden die andern immer häufiger, bis sie einander ersetzen. Vergleichen wir diese Arten da, wo sie sich mengen, miteinander, so sind sie in allen Theilen ihres Baues gewöhnlich noch eben so vollkommen von einander unterschieden, als wie die aus der Mitte des Verbreitungs-Bezirks einer jeden entnommenen Muster. Nun sind aber nach meiner Theorie alle diese Arten von einem gemeinsamen Stamm-Vater ausgegangen und ist jede derselben erst durch den Modifikations-Prozess den Lebens-Bedingungen ihrer Gegend angepasst worden, hat dort ihren Urstamm sowohl als alle Mittelstufen zwischen ihrer ersten und jetzigen Form ersetzt und verdrängt, so dass wir jetzt nicht mehr erwarten dürfen, in jeder Gegend noch zahlreiche Übergangs-Formen zu finden, obwohl dieselben existirt haben müssen und ihre Reste wohl auch in die Erd-Schichten aufgenommen worden seyn mögen. Aber warum finden wir in den Zwischengegenden, wo doch die äusseren Lebens-Bedingungen einen Übergang von denen des einen in die des [184] andren Bezirkes bilden, nicht auch nahe verwandte Übergangs-Varietäten? Diese Schwierigkeit hat mir lange Zeit viel Kopfzerbrechen verursacht; indessen glaube ich jetzt, sie lasse sich grossentheils erklären.

     Vor Allem sollten wir sehr vorsichtig mit der Annahme seyn, dass eine Gegend, weil sie jetzt zusammenhängend ist, auch schon seit langer Zeit zusammenhängend gewesen seye. Die Geologie veranlasst uns zu glauben, dass fast jeder Kontinent noch in der letzten Tertiär-Zeit in viele Inseln getheilt gewesen seye; und auf solchen Inseln getrennt können sich verschiedene Arten gebildet haben, ohne die Möglichkeit Mittelformen in den Zwischengegenden zu liefern. In Folge der Veränderungen der Land-Form und des Klimas mögen auch die jetzt zusammenhängenden Meeres-Gebiete noch in verhältnissmässig später Zeit weniger zusammenhängend und einförmig gewesen seyn. Doch will ich von diesem Mittel der Schwierigkeit zu entkommen absehen; denn ich glaube, dass viele vollkommen unterschiedene Arten auf ganz zusammenhängenden Gebieten entstanden sind, wenn ich auch nicht daran zweifle, dass die früher unterbrochene Beschaffenheit jetzt zusammenhängender Gebiete einen wesentlichen Antheil an der Bildung neuer Arten zumal frei wandernder und sich kreutzender Thiere gehabt habe.

     Hinsichtlich der jetzigen Verbreitung der Arten über weite Flächen finden wir, dass sie gewöhnlich ziemlich zahlreich auf einem grossen Theile derselben vorkommen, dann aber ziemlich rasch gegen die Grenzen hin immer seltener werden und endlich ganz verschwinden; daher das neutrale Gebiet zwischen zwei stellvertretenden Arten gewöhnlich nur schmal ist im Verhältniss zu demjenigen, welches eine jede von ihnen eigenthümlich bewohnt. Wir machen dieselbe Bemerkung auch, wenn wir an Gebirgen emporsteigen, und zuweilen ist es sehr auffällig, wie plötzlich, nach Alphons DeCandolle’s Beobachtung, eine gemeine Art in den Alpen verschwindet. Edw. Forbes hat dieselbe Wahrnehmung gemacht, als er die Bewohner des See-Grundes mit dem Schleppnetze herauf fischte. Diese Thatsache muss alle diejenigen in Verlegenheit setzen, welche die äusseren Lebens-Bedingungen, [185] wie Klima und Höhe, als die allmächtigen Ursachen der Verbreitung der Organismen-Formen betrachten, indem der Wechsel von Klima und Höhe oder Tiefe überall ein allmählicher ist. Wenn wir uns aber erinnern, dass fast jede Art, mitten in ihrer Heimath sogar, zu unermesslicher Zahl anwachsen würde, wenn sie nicht in Mitbewerbung mit andern Arten stünde, — dass fast alle von andern Arten leben oder ihnen zur Nahrung dienen, — kurz dass jedes organische Wesen mittelbar oder unmittelbar in innigster Beziehung zu andern Organismen steht, so müssen wir erkennen, dass die Verbreitung der Bewohner einer Gegend keinesweges allein von der unmerklichen Veränderung physikalischer Bedingungen, sondern grossentheils von der Anwesenheit oder Abwesenheit andrer Arten abhängt, von welchen sie leben, durch welche sie zerstört werden, oder mit welchen sie in Mitbewerbung stehen; und da diese Arten bereits eine bestimmte Begrenzung haben und nicht mehr unmerklich in einander übergehen, so muss die Verbreitung einer Spezies, welche von der einen oder andern abhängt, scharf umgrenzt werden. Überdiess muss jede Art an den Grenzen ihres Verbreitungs-Bezirkes, wo ihre Anzahl ohnediess geringer wird, durch Schwankungen in der Menge ihrer Feinde oder ihrer Beute oder in den Jahreszeiten sehr oft einer gänzlichen Zerstörung ausgesetzt seyn, und es mag auch hiedurch die schärfere Umschreibung ihrer geographischen Verbreitung mit bedingt werden.

     Wenn meine Meinung richtig ist, dass verwandte oder stellvertretende Arten, welche ein zusammenhängendes Gebiet bewohnen, gewöhnlich so vertheilt sind, dass jede von ihnen eine weite Strecke einnimmt, und dass diese Strecken durch verhältnissmässig enge neutrale Zwischenräume getrennt werden, in welchen jede Art rasch an Menge abnimmt, — dann wird diese Regel, da Varietäten nicht wesentlich von Arten verschieden sind, wohl auf die einen wie auf die andern Anwendung finden; und wenn wir in Gedanken eine veränderliche Spezies einem sehr grossen Gebiete anpassen, so werden wir zwei Varietäten jenen zwei grossen Untergebieten und eine dritte Varietät dem schmalen Zwischengebiete anzupassen haben. Diese Zwischen-Varietät wird, [186] weil sie einen geringeren Raum bewohnt, auch in geringerer Anzahl vorhanden seyn; und in Wirklichkeit genommen passt diese Regel, so viel ich ermitteln kann, ganz gut auf Varietäten im Natur-Zustande. Ich habe triftige Belege für diese Regel in Varietäten von Balanus-Arten gefunden, welche zwischen ausgeprägteren Varietäten derselben das Mittel halten. Und ebenso scheint es nach den Belehrungen, die ich den Herren Watson, Asa Gray und Wollaston verdanke, dass gewöhnlich, wenn Mittel-Varietäten zwischen zwei andren Formen vorkommen, sie der Zahl nach weit hinter jenen zurückstehen, die sie verbinden. Wenn wir nun diese Thatsachen und Belege als richtig annehmen und daraus folgern, dass Varietäten, welche zwei andre Varietäten mit einander verbinden, gewöhnlich in geringerer Anzahl als diese letzten vorhanden waren, so dürfte man daraus auch begreifen, warum Zwischenvarietäten keine lange Dauer haben und der allgemeinen Regel zufolge früher vertilgt werden und verschwinden müssen, als diejenigen Formen, welche sie ursprünglich mit einander verketten.

     Denn eine in geringerer Anzahl vorhandene Form wird, wie schon früher bemerkt worden, überhaupt mehr als die in reichlicher Menge verbreiteten in Gefahr seyn ausgetilgt zu werden; und in diesem besondren Falle dürfte die Zwischenform vorzugsweise den Angriffen der zwei nahe verwandten Formen zu ihren beiden Seiten ausgesetzt seyn. Aber eine weit wichtigere Betrachtung scheint mir die zu seyn, dass während des Prozesses weitrer Umbildung, wodurch nach meiner Theorie zwei Varietäten zu zwei ganz verschiedenen Spezies erhoben werden, diese zwei Varietäten, soferne sie grössere Flächen bewohnen, auch in grösserer Anzahl vorhanden sind und daher in grossem Vortheile gegen die mittle Varietät stehen, welche in kleinrer Anzahl nur einen schmalen Zwischenraum bewohnt. Denn Formen, welche in grössrer Zahl bestehen, haben immer eine bessre Aussicht, als die gering-zähligen, innerhalb einer gegebenen Periode noch andre nützliche Abänderungen zur Natürlichen Züchtung darzubieten. Daher in dem Kampfe um’s Daseyn die gemeineren Formen streben werden die selteneren zu verdrängen und zu [187] ersetzen, welche sich nur langsam abzuändern und zu vervollkommnen vermögen. Es scheint mir dasselbe Prinzip zu seyn, wornach, wie im zweiten Kapitel gezeigt worden, die gemeinen Arten einer Gegend durchschnittlich auch eine grössre Anzahl von Varietäten darbieten als die selteneren. Ich will nun, um meine Meinung besser zu erläutern, einmal annehmen, es handle sich um drei Schaaf-Varietäten, von welchen eine für eine ausgedehnte Gebirgs-Gegend, die zweite nur für einen verhältnissmässig schmalen Hügel-Streifen und die dritte für weite Ebenen an deren Fusse geeignet seye; ich will ferner annehmen, die Bewohner seyen alle mit gleichem Schick und Eifer bestrebt, ihre Rassen durch Züchtung zu verbessern, so wird in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit des Erfolges ganz auf Seiten der grossen Heerden-Besitzer im Gebirge und in der Ebene seyn, weil diese ihre Rassen schneller als die kleinen in der schmalen hügeligen Zwischenzone veredeln, so dass die verbesserte Rasse des Gebirges oder der Ebene bald die Stelle der minder verbesserten Hügelland-Rasse einnehmen wird; und so werden die zwei Rassen, welche anfänglich in grosser Anzahl existirt haben, in unmittelbare Berührung mit einander kommen ohne fernere Einschaltung der Zwischen-Rasse.

     In Summe: glaube ich, dass Arten leidlich gut umschrieben seyn können, ohne zu irgend einer Zeit ein unentwirrtes Chaos veränderlicher und vermittelnder Formen darzubieten: 1) weil sich neue Varietäten nur sehr langsam bilden, indem Abänderung ein äusserst träger Vorgang ist und Natürliche Züchtung so lange nichts auszurichten vermag, als nicht günstige Abweichungen vorkommen und nicht ein Platz im Natur-Haushalte der Gegend durch Modifikation eines oder des andern ihrer Bewohner besser ausgefüllt werden kann. Und solche neue Stellen werden von langsamen Veränderungen des Klimas oder der zufälligen Einwanderung neuer Bewohner und, in wahrscheinlich viel höherem Grade, davon abhängen, dass einige von den alten Bewohnern langsam abgeändert werden, während jene neu hervorgebrachten und eingewanderten Formen mit einigen alten in Wechselwirkung gerathen; daher wir in jeder Gegend und zu jeder Zeit [188] nur wenige Arten zu sehen bekommen, welche geringe einigermassen bleibende Modifikationen der Organisation darbieten. Und Diess sehen wir auch sicherlich so.

     Zweitens: viele jetzt zusammenhängende Bezirke der Erd-Oberfläche müssen noch in der jetzigen Erd-Periode in verschiedene Theile getrennt gewesen seyn, worin viele Formen zumal sich paarender und wandernder Thiere ganz von einander geschieden sich weit genug zu differenziren vermochten, um als Spezies gelten zu können. Zwischen-Varietäten zwischen diesen Spezies und ihrer gemeinsamen Stamm-Form müssen wohl vordem in jedem dieser Bruchtheile des Bezirkes gewesen seyn, sind aber später durch Natürliche Züchtung ersetzt und ausgetilgt worden, so dass sie lebend nicht mehr vorhanden sind.

     Drittens: Wenn zwei oder mehre Varietäten in den verschiedenen Theilen eines zusammenhängenden Bezirkes gebildet worden sind, so werden wahrscheinlich auch Zwischen-Varietäten in den schmalen Zwischenzonen entstanden seyn, aber nicht lange gewährt haben. Denn diese Zwischen-Varietäten werden aus schon entwickelten Gründen (und namentlich, was wir über die jetzige Verbreitung einander nahe-verwandter Arten und ausgebildeter Varietäten wissen) in den Zwischenzonen in geringrer Anzahl, als die Haupt-Varietäten, die sie verbinden, in deren eigenen Bezirken vorhanden seyn. Schon aus diesem Grunde allein werden die Zwischen-Varietäten gelegentlicher Vertilgung ausgesetzt seyn, werden aber zuverlässig während des Prozesses weitrer Modifikation von den Formen, welche sie mit einander verketten, meistens desshalb verdrängt und ersetzt werden, weil diese ihrer grösseren Anzahl wegen mehr abändern und daher leichter durch Natürliche Züchtung noch weiter verbessert und dadurch gesichert werden können.

     Letztens müssen, nicht bloss zu einer sondern zu allen Zeiten, wenn meine Theorie richtig ist, gewiss auch zahllose Zwischen-Varietäten zu Verbindung der Arten einer nämlichen Gruppe mit einander existirt haben, aber auch gerade der Prozess der Natürlichen Züchtung fortwährend thätig gewesen seyn, sowohl deren Stamm-Formen als die Mittelglieder selbst zu vertilgen. [189] Daher ein Beweis ihrer früheren Existenz höchstens noch unter den Fossil-Resten der Erd-Rinde gefunden werden könnte, welche aber diese Urkunden früherer Zeiten, wie in einem späteren Abschnitte gezeigt werden soll, nur in sehr unvollkommener und unzusammenhängender Weise aufzubewahren geeignet ist.

     Entstehung und Übergänge von Organismen mit eigenthümlicher Lebens-Weise und Organisation.) Gegner meiner Ansichten haben mir die Frage entgegengehalten, wie denn z. B. ein Land-Raubthier in ein Wasser-Raubthier habe verwandelt werden können, da ein Thier in einem Zwischenzustande nicht wohl zu bestehen vermocht hätte? Es würde leicht seyn zu zeigen, dass innerhalb derselben Raubthier-Gruppe Thiere vorhanden sind, welche jede Mittelstufe zwischen einfachen Land- und ächten Wasser-Thieren einnehmen und daher durch ihre verschiedene Lebens-Weise wohl geeignet sind, in dem Kampfe mit andern um’s Daseyn ihre Stelle zu behaupten. So hat z. B. die nordamerikanische Mustela vison eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und gleicht dem Fischotter in Pelz, kurzen Beinen und Form des Schwanzes. Den Sommer hindurch taucht dieses Thier ins Wasser und nährt sich von Fischen; während des langen Winters aber verlässt es die gefrorenen Gewässer und lebt gleich andern Iltissen von Mäusen und Landthieren. Hätte man einen andern Fall gewählt und mir die Frage gestellt, auf welche Weise ein Insekten-fressender Vierfüsser in eine fliegende Fledermaus verwandelt worden seye, so wäre der Fall weit schwieriger und würde ich eine Antwort nicht zu geben gewusst haben. Doch haben nach meiner Meinung solche einzelne Schwierigkeiten kein allzugrosses Gewicht.

     Hier wie in anderen Fällen befinde ich mich in dem grossen Nachtheil, aus den vielen treffenden Belegen, die ich gesammelt habe, nur ein oder zwei Beispiele von einem Übergang der Lebens-Weise und Organisation zwischen nahe verwandten Arten einer Sippe und von vorübergehend oder bleibend veränderten Gewohnheiten einer nämlichen Spezies anführen zu können. Und es scheint mir selbst, dass nichts weniger als ein langes Verzeichniss [190] solcher Beispiele genügend seye, die Schwierigkeiten der Erklärung eines so eigenthümlichen Falles zu beseitigen, wie der von der Fledermaus ist.

     Sehen wir uns in der Familie der Eichhörnchen um, so finden wir da die erste schwache Übergangs-Stufe zu den sogen. fliegenden Fledermäusen angedeutet in dem zweizeilig abgeplatteten Schwanze der einen und, nach J. Richardson’s Bemerkung, in dem verbreiterten Hintertheile und der volleren Haut an den Seiten des Körpers der andern Arten; denn bei Flughörnchen sind die Hintergliedmassen und selbst der Anfang des Schwanzes durch eine ansehnliche Ausbreitung der Haut mit einander verbunden, welche als Fallschirm dient und diese Thiere befähigt, auf erstaunliche Entfernungen von einem Baume zum andern durch die Luft zu gleiten. Es ist kein Zweifel, dass jeder Art von Eichhörnchen in deren Heimath jeder Theil dieser eigenthümlichen Organisation nützlich ist, indem er sie in den Stand setzt den Verfolgungen der Raubvögel oder andrer Raubthiere zu entgehen, reichlichere Nahrung einzusammeln und zweifelsohne auch die Gefahr jeweiligen Fallens zu vermindern. Daraus folgt aber noch nicht, dass die Organisation eines jeden Eichhörnchens auch die bestmögliche für alle natürlichen Verhältnisse seye. Gesetzt, Klima und Vegetation verändern sich, neue Nagethiere treten als Mitwerber auf, und neue Raubthiere wandern ein oder alte erfahren eine Abänderung, so müssten wir aller Analogie nach auch vermuthen, dass wenigstens einige der Eichhörnchen sich an Zahl vermindern oder ganz aussterben werden, wenn ihre Organisation nicht ebenfalls in entsprechender Weise abgeändert und verbessert wird. Daher ich, zumal bei einem Wechsel der äussern Lebens-Bedingungen, keine Schwierigkeit für die Annahme finde, dass Individuen mit immer vollerer Seiten-Haut vorzugsweise dürften erhalten werden, weil dieser Charakter erblich und jede Verstärkung desselben nützlich ist, bis durch Häufung aller einzelnen Effekte dieses Prozesses natürlicher Züchtung aus dem Eichhörnchen endlich ein Flughörnchen geworden ist.

     Sehen wir nun den fliegenden Lemur oder den Galeopithecus [191] an. welcher vordem irriger Weise zu den Fledermäusen versetzt worden ist. Er hat eine sehr breite Seitenhaut, welche von den Hinterenden der Kinnladen bis zum Schwanze erstreckt die Beine und verlängerten Finger einschliesst, auch mit einem Ausbreiter-Muskel versehen ist. Obwohl jetzt keine vermittelnden Zwischenstufen zwischen den gewöhnlichen Lemuriden und dem durch die Luft gleitenden Galeopithecus vorhanden sind, so sehe ich doch keine Schwierigkeiten für die Annahme, dass solche Zwischenglieder einmal existirt und sich auf ähnliche Art von Stufe zu Stufe entwickelt haben, wie oben die zwischen den Eich- und Flug-Hörnchen, indem jeder weitre Schritt zur Verbesserung der Organisation in dieser Richtung für den Besitzer von Nutzen war. Auch kann ich keine unüberwindliche Schwierigkeit erblicken weiter zu unterstellen, dass sowohl der Vorderarm als die durch die Flughaut verbundenen Finger des Galeopithecus sich in Folge Natürlicher Züchtung allmählich verlängert haben, und Diess würde genügen denselben, was die Flugwerkzeuge betrifft, in eine Fledermaus zu verwandeln. Bei jenen Fledermäusen, deren Flughaut nur von der Schulter bis, unter Einschluss der Hinterbeine, zum Schwanze geht, sehen wir vielleicht noch die Spuren einer Vorrichtung, welche ursprünglich mehr dazu gemacht war durch die Luft zu gleiten, als zu fliegen.

     Wenn etwa ein Dutzend eigenthümlich gebildeter Vogel-Sippen erloschen oder uns unbekannt geblieben wären, wie hätten wir nur die Vermuthung wagen dürfen, dass es jemals Vögel gegeben habe, welche gleich der Dickkopf-Ente (Micropterus Eyton’s) ihre Flügel nur wie Klappen zum Flattern über dem Wasserspiegel hin, oder gleich den Fettgänsen wie Ruder im Meere und wie Vorderbeinchen auf dem Lande, oder gleich dem Strausse wie Seegel zu Beförderung des Laufes gebrauchten, oder endlich gleich dem Apteryx gar nicht benützten. Und doch ist die Organisation eines jeden dieser Vögel, unter den Lebens-Bedingungen, worin er sich befindet und um sein Daseyn kämpft, für ihn vortheilhaft, wenn auch nicht nothwendig die beste unter allen möglichen Einrichtungen[WS 1]. Aus diesen Bemerkungen soll übrigens nicht gefolgert werden, dass irgend eine [192] der eben angeführten Abstufungen der Flügel-Bildungen, die vielleicht alle nur Folge des Nichtgebrauches sind, einer natürlichen Stufen-Reihe angehöre, auf welcher emporsteigend die Vögel das vollkommene Flug-Vermögen erlangt haben; aber sie können wenigstens zu zeigen dienen, was für mancherlei Wege des Übergangs möglich sind.

     Wenn man sieht, dass eine kleine Anzahl Thiere aus den Wasser-athmenden Klassen der Kruster und Mollusken zum Leben auf dem Lande geschickt sind; wenn man sieht, dass es fliegende Vögel, fliegende Säugthiere, fliegende Insekten von den verschiedenartigsten Typen gibt und vordem auch fliegende Reptilien gegeben hat, so wird es auch begreiflich, dass fliegende Fische, welche jetzt mit Hilfe ihrer flatternden Brustflossen sich in schiefer Richtung über den See-Spiegel erheben und in weitem Bogen durch die Luft gleiten, allmählich zu vollkommen beflügelten Thieren umgewandelt werden können. Und wäre Diess einmal bewirkt, wer würde sich dann je einbilden, dass sie in einer früheren Zeit Bewohner des offenen Meeres gewesen seyen und ihre beginnenden Flug-Organe, wie uns jetzt bekannt, bloss dazu gebraucht haben, dem Rachen andrer Fische zu entgehen.

     Wenn wir ein Organ zu irgend einem besondren Zwecke hoch ausgebildet sehen, wie eben die Flügel des Vogels zum Fluge, so müssen wir bedenken, dass solche Thiere auf der ersten Anfangs-Stufe dieser Bildung stehend selten die Aussicht hatten sich bis auf unsre Tage zu erhalten, eben weil sie durch den Vervollkommnungs-Prozess der Natürlichen Züchtung immer wieder von andren weiter fortgeschrittenen Formen ersetzt worden seyn müssen. Wir werden ferner bedenken, dass Übergangs-Stufen zwischen zu ganz verschiedenen Lebens-Weisen dienenden Bildungen in früherer Zeit selten in grosser Anzahl und mit mancherlei untergeordneten Formen ausgebildet worden seyn mögen. Doch, um zu unsrem fliegenden Fische zurückzukehren, so scheint es nicht sehr glaublich, dass zu wirklichem Fluge befähigte Fische in vielerlei untergeordneten Formen zur Erhaschung von mancherlei Beute auf mancherlei Wegen, zu Wasser und Land entwickelt worden seyen, [193] bis dieselben ein entschiedenes Übergewicht über andre Thiere im Kampf ums Daseyn erlangten. Daher die Wahrscheinlichkeit, Arten auf Übergangsstufen der Organisation noch im fossilen Zustande zu entdecken immer nur gering seyn wird, weil sie in geringerer Anzahl als die Arten mit völlig entwickelten Bildungen existirt haben.

     Ich will nun zwei oder drei Beispiele abgeänderter und auseinander-gelaufener Lebensweisen bei Individuen einer nämlichen Art anführen. Vorkommenden Falles wird es der Natürlichen Züchtung leicht seyn, ein Thier durch irgend eine Abänderung seines Baues für seine veränderte Lebensweise oder ausschliesslich für nur eine seiner verschiedenen Gewohnheiten geschickt zu machen. Es ist aber schwer und für uns unwesentlich zu sagen, ob im Allgemeinen zuerst die Gewohnheiten und dann die Organisation sich ändere, oder ob geringe Modifikationen des Baues zu einer Änderung der Gewohnheiten führen; wahrscheinlich ändern beide gleichzeitig ab. Was Änderung der Gewohnheiten betrifft, so würde es genügen auf die Menge Britischer Insekten-Arten zu verweisen, welche jetzt von ausländischen Pflanzen oder ganz ausschliesslich von Kunst-Erzeugnissen leben. Vom Auseinandergehen der Gewohnheiten liessen sich zahllose Beispiele anführen. Ich habe oft eine Südamerikanische Würger-Art (Saurophagus sulphuratus) beobachtet, als sie wie ein Thurmfalke über einem Fleck und dann wieder über einem andern schwebte und ein andermal steif am Rande des Wassers stund und dann plötzlich wie ein Eisvogel auf einen Fisch hinabstürzte. In unsrer eignen Gegend sieht man die Kohlmeise (Parus major) bald fast wie einen Baumläufer an den Zweigen herum klimmen, bald nach Art des Würgers kleine Vögel durch Hiebe auf den Kopf tödten; oft habe ich sie die Saamen des Eibenbaumes auf einem Zweige aufhämmern und dann wieder sie wie ein Nusshacker aufbrechen sehen. In Nord-Amerika schwimmt nach Hearne’s Beobachtung der schwarze Bär bis vier Stunden lang mit weit geöffnetem Munde im Wasser umher, um fast nach Art der Wale Wasser-Insekten zu fangen[1]. [194]

     Da wir zuweilen Individuen Gewohnheiten befolgen sehen, welche von denen andrer Individuen ihrer Art und andrer Arten ihrer Sippe weit abweichen, so hätten wir nach meiner Theorie zu erwarten, dass solche Individuen mitunter zur Entstehung neuer Arten mit abweichenden Sitten und einer mehr oder weniger modifizirten Organisation Veranlassung geben. Und solche Fälle kommen in der Natur vor. Kann es ein treffenderes Beispiel von Anpassung geben, als den Specht, welcher an Bäumen umherklettert, um Insekten in den Rissen der Rinde aufzusuchen? Und doch gibt es in Amerika Spechte, welche grossentheils von Früchten leben, und andre mit verlängerten Flügeln, welche Insekten im Fluge haschen; und auf den Ebenen von La Plata, wo nicht ein Baum wächst, gibt es einen Specht, welcher in allen Theilen seiner Organisation und selbst in seiner Färbung, seiner harten Stimme und seinem Wellen-förmigen Fluge die nahe Blutsverwandtschaft mit unseren gewöhnlichen Arten verräth; aber es ist ein Specht, der in diesen Ebenen nie klettern kann.

     Sturmvögel sind unter allen Vögeln diejenigen, die am besten fliegen und am meisten an das hohe Meer gebunden sind; und doch gibt es in den ruhigen stillen Meerengen des Feuerlandes eine Art, Puffinuria Berardi, die nach ihrer Lebensweise im Allgemeinen, nach ihrer erstaunlichen Fähigkeit zu tauchen, nach ihrer Art zu schwimmen und zu fliegen, wenn sie gegen ihren Willen zu fliegen genöthigt wird, von Jedem für einen Alk oder Lappentaucher (Colymbus) gehalten werden würde; sie ist aber ihrem Wesen nach ein Sturmvogel nur mit einigen tief eindringenden Änderungen der Organisation. Auf der andern Seite würde man bei der genauesten Untersuchung des Körpers der Wasseramsel (Cinclus) nicht die mindeste Spur von ihrer an’s Wasser gebundenen Lebensweise zu entdecken im Stande seyn. Und doch verschafft sich dieses so abweichende Glied der Drossel-Familie seinen ganzen Unterhalt nur durch Tauchen, durch Aufscharren des Gerölles mit seinen Füssen und durch Anwendung seiner Flügel unter Wasser.

     Wer glaubt, dass jedes Wesen so geschaffen worden seye, wie wir es jetzt erblicken, muss schon manchmal überrascht gewesen [195] seyn, ein Thier zu finden, dessen Organisation und Lebensweise durchaus nicht miteinander in Einklang stunden. Was kann klarer seyn, als dass die Füsse der Enten und Gänse mit der grossen Haut zwischen den Zehen zum Schwimmen gemacht sind? und doch gibt es Gänse mit solchen Schwimmfüssen, welche selten oder nie ins Wasser gehen; — und ausser Andubon hat noch Niemand den Fregattvogel, dessen vier Zehen durch eine Schwimmhaut verbunden sind, sich auf den Spiegel des Meeres niederlassen sehen. Andrerseits sind Lappentaucher und Wasserhühner ausgezeichnete Wasser-Vögel, und doch sind ihre Zehen nur mit einer Schwimmhaut gesäumt. Was scheint klarer zu seyn, als dass die langen Zehen der Sumpf-Vögel ihnen dazu gegeben sind, damit sie über Sumpf-Boden und schwimmende Wasser-Pflanzen hinwegschreiten können, und doch ist das Rohrhuhn (Ortygometra) fast eben so sehr Wasser-Vogel als das Wasserhuhn, und die Ralle fast eben so sehr Land-Vogel als die Wachtel oder das Feldhuhn. Man kann sagen, der Schwimmfuss seye verkümmert in seiner Verrichtung, aber nicht in seiner Form. Beim Fregattvogel dagegen zeigt der tiefe Ausschnitt der Schwimmhaut zwischen den Zehen, dass eine Veränderung der Fuss-Bildung begonnen hat.

     Wer an zahllose getrennte Schöpfungs-Akte glaubt, wird sagen, dass es in diesen Fällen dem Schöpfer gefallen hat, ein Wesen von dem einen Typus für den Platz eines Wesens von dem andren Typus zu bestimmen. Diess scheint mir aber wieder dieselbe Sache, nur in einer Würde-volleren Fassung. Wer an den Kampf um’s Daseyn und an das Prinzip der Natürlichen Züchtung glaubt, der wird anerkennen, dass jedes organische Wesen beständig nach Vermehrung seiner Anzahl strebt und dass, wenn es in Organisation oder Gewohnheiten auch noch so wenig variirt, aber hiedurch einen Vortheil über irgend einen andern Bewohner der Gegend erlangt, es dessen Stelle einnehmen kann, wie verschieden dieselbe auch von seiner eignen bisherigen Stelle seyn mag. Er wird desshalb nicht darüber erstaunt seyn, Gänse und Fregattvögel mit Schwimmfüssen zu sehen, wovon die einen auf dem trocknen Lande leben und die [196] andern sich nur sehr selten auf’s Wasser niederlassen, oder langzehige Rohrhühner (Crex) zu finden, welche auf Wiesen statt in Sümpfen wohnen; oder dass es Spechte gibt, wo keine Baume sind, dass Drosseln unters Wasser tauchen und Sturmvögel wie Alke leben.

     Organe von äusserster Vollkommenheit und Zusammengesetztheit.) Die Annahme, dass sogar das Auge mit allen seinen der Nachahmung unerreichbaren Vorrichtungen, um den Focus den manchfaltigsten Entfernungen anzupassen, verschiedene Licht-Mengen zuzulassen und die sphärische und chromatische Abweichung zu verbessern, nur durch Natürliche Züchtung zu dem geworden seye, was es ist, scheint, ich will es offen gestehen, im höchsten möglichen Grade absurd zu seyn. Und doch sagt mir die Vernunft, dass, wenn zahlreiche Abstufungen von einem vollkommenen und zusammengesetzten bis zu einem ganz einfachen und unvollkommenen Auge, alle nützlich für ihren Besitzer, vorhanden sind, — wenn das Auge etwas zu variiren geneigt ist und seine Abänderungen erblich sind, was sicher der Fall ist, — wenn eine mehr und weniger beträchtliche Abänderung eines Organes immer nützlich ist für ein Thier, dessen äusseren Lebens-Bedingungen sich ändern: dann scheint der Annahme, dass ein vollkommenes und zusammengesetztes Auge durch Natürliche Züchtung gebildet werden könne, doch keine wesentliche Schwierigkeit mehr entgegenzustehen, wie schwierig auch die Vorstellung davon für unsre Einbildungskraft seyn mag. Die Frage, wie ein Nerv für Licht empfindlich werde, beunruhigt uns schwerlich mehr, als die, wie das Leben selbst ursprünglich entstehe. Jedoch will ich bemerken, dass verschiedene Thatsachen mich zur Vermuthung bringen, dass jeder sensitive Nerv für Licht und ebenso für jene gröberen Schwingungen der Luft empfindlich gemacht werden könne, welche den Ton hervorbringen.

     Was die Abstufungen betrifft, mittelst welcher ein Organ in irgend einer Spezies vervollkommnet worden ist, so sollten wir dieselbe allerdings nur in gerader Linie bei ihren Vorgängern aufsuchen. Diess ist aber schwerlich jemals möglich, und wir sind jedenfalls genöthigt uns unter den Arten derselben [197] Gruppe, d. h. bei den Seitenverwandten von gleicher Abstammung mit der ersten, umzusehen um zu erkennen, was für Abstufungen möglich sind, und ob es wahrscheinlich, dass irgend welche Abstufungen von den ersten Stamm-Ältern an ohne alle oder mit nur geringer Abänderung auf die jetzigen Nachkommen übertragen worden seyen. Unter den jetzt lebenden Wirbelthieren finden wir nur eine geringe Abstufung in der Bildung des Auges (obwohl der Fisch Amphioxus ein sehr einfaches Auge ohne Linse besitzt), und an fossilen Wesen lässt sich keine Untersuchung mehr darüber anstellen. Wir hätten wahrscheinlich weit vor die untersten Fossilien-führenden Schichten zurückzugehen, um die ersten Stufen der Vervollkommnung des Auges in diesem Kreise des Thier-Reichs zu entdecken.

     Im Unterreiche der Kerbthiere kann man von einem einfach mit Pigment überzogenen Sehnerven ausgehen, der oft eine Art Pupille bildet, aber ohne Krystall-Linse und sonstige optische Vorrichtung ist. Von diesem Augen-Rudimente, welches etwa Licht von Dunkelheit, aber nichts weiter zu unterscheiden im Stande ist, schreitet die Vervollkommnung in zwei Richtungen fort, welche J. Müller von Grund aus verschieden glaubt; sie führt nämlich entweder 1) zu Stemmata oder sogen. »einfachen Augen« mit Krystall-Linse und Hornhaut versehen, oder 2) zu »zusammengesetzten Augen«, welche allein oder hauptsächlich nur dadurch wirken, dass sie alle Strahlen, welche von irgend einem Punkte des gesehenen Gegenstandes kommen, bis auf denjenigen Strahlen-Büschel ausschliessen, welcher senkrecht auf die konvexe Netzhaut fällt. Diesen zusammengesetzten Augen nun mit Verschiedenheiten ohne Ende in Form, Verhältniss, Zahl und Stellung der durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, welche nur durch Ausschliessung wirken, gesellt sich bald noch eine mehr oder weniger vollkommne Konzentrirungs-Vorrichtung bei, indem in den Augen der Meloe z. B. die Facetten der Cornea aussen und innen etwas konvex, mithin Linsen-förmig werden. Viele Kruster haben eine doppelte Cornea, eine äussre glatte und eine innre in Facetten getheilte, in deren Substanz nach Milne Edwards »renflemens lenticulaires paraissent s’être [198] développés«, und zuweilen lassen sich diese Linsen als eine besondre Schicht von der Cornea ablösen. Die durchsichtigen mit Pigment überzogenen Kegel, von welchen Müller angenommen, dass sie nur durch Ausschliessung divergenter Licht-Strahlenbüschel wirken, hängen gewöhnlich an der Cornea an, sind aber auch nicht selten davon abgesondert und zeigen eine konvexe äussre Fläche; sie müssen nach meiner Meinung in diesem Falle wie konvergirende Linsen wirken. Dabei ist die Struktur der zusammengesetzten Augen so manchfaltig, dass Müller drei Hauptklassen derselben mit nicht weniger als sieben Unterabtheilungen nach ihrer Struktur annimmt. Er bildet eine vierte Hauptklasse aus den »zusammengehäuften Augen« oder Gruppen von Stemmata, welche nach seiner Erklärung den Übergang bilden von den Mosaik-artig »zusammengesetzten Augen« ohne Konzentrations-Vorrichtung zu den Gesichts-Organen mit einer solchen.

     Wenn ich diese hier nur allzukurz und unvollständig angedeuteten Thatsachen, welche zeigen, dass es schon unter den jetzt lebenden Kerbthieren viele stufenweise Verschiedenheiten der Augen-Bildung gibt, erwäge und ferner bedenke, wie klein die Anzahl lebender Arten im Vergleich zu den bereits erloschenen ist, so kann ich (wenn auch mehr als in andern Bildungen) doch keine allzugrosse Schwierigkeit für die Annahme finden, dass der einfache Apparat eines von Pigment umgebenen und von durchsichtiger Haut bedeckten Sehnerven durch Natürliche Züchtung in ein so vollkommenes optisches Werkzeug umgewandelt worden seye, wie es bei den vollkommensten Kerbthieren gefunden wird.

     Wer nun weiter gehen will, wenn er beim Durchlesen dieses Buches findet, dass sich durch die Descendenz-Theorie eine grosse Menge von anderweitig unerklärbaren Thatsachen begreifen lasse, braucht kein Bedenken gegen die weitre Annahme zu haben, dass durch Natürliche Züchtung zuletzt auch ein so vollkommenes Gebilde, als das Adler-Auge ist, hergestellt werden könne, wenn ihm auch die Zwischenstufen in diesem Falle gänzlich unbekannt sind. Sein Verstand muss seine Einbildungs-Kraft überwinden. Doch habe ich selbst die Schwierigkeit viel zu gut gefühlt, als dass [199] ich mich einigermaassen darüber wundern könnte, wenn Jemand es gewagt findet, die Theorie der Natürlichen Züchtung bis zu einer so erstaunlichen Weite auszudehnen.

     Man kann kaum vermeiden, das Auge mit einem Teleskop zu vergleichen. Wir wissen, dass dieses Werkzeug durch langfortgesetzte Anstrengungen der höchsten menschlichen Intelligenz verbessert worden ist, und folgern natürlich daraus, dass das Auge seine Vollkommenheit durch einen etwas ähnlichen Prozess erlangt habe. Sollte aber diese Vorstellung nicht blos in der Einbildung beruhen? Haben wir ein Recht anzunehmen, der Schöpfer wirke vermöge intellektueller Kräfte ähnlich denen des Menschen? Wollten wir das Auge einem optischen Instrumente vergleichen, so müssten wir in Gedanken eine dicke Schicht eines durchsichtigen Gewebes annehmen, getränkt mit Flüssigkeit und mit einem für Licht empfänglichen Nerven darunter, und dann unterstellen, dass jeder Theil dieser Schicht langsam aber unausgesetzt seine Dichte verändere, so dass verschiedene Lagen von verschiedener Dichte übereinander und in ungleichen Entfernungen von einander entstehen, und dass auch die Oberfläche[WS 2] einer jeden Lage langsam ihre Form ändre. Wir müssten ferner unterstellen, dass eine Kraft (die Natürliche Züchtung) vorhanden seye, welche beständig eine jede geringe zufällige Veränderung in den durchsichtigen Lagen genau beobachte und jede Abänderung sorgfältig auswähle, die unter veränderten Umständen in irgend einer Weise oder in irgend einem Grade ein deutlicheres Bild hervorzubringen geschickt wäre. Wir müssten unterstellen, jeder neue Zustand des Instrumentes werde mit einer Million vervielfältigt, und jeder werde so lange erhalten, bis ein bessrer hervorgebracht seye, dann aber zerstört. Bei lebenden Körpern bringt Variation jene geringen Verschiedenheiten hervor, Generation vervielfältigt sie in’s Unendliche und Natürliche Züchtung findet mit nie irrendem Takte jede Verbesserung zum Zwecke weiterer Vervollkommnung heraus. Denkt man sich nun diesen Prozess Millionen und Millionen Jahre lang und jedes Jahr an Millionen Individuen der manchfaltigsten Art fortgesetzt: sollte man da nicht erwarten, dass das lebende optische Instrument endlich [200] in demselben Grade vollkommener als das gläserne werden müsse, wie des Schöpfers Werke überhaupt vollkommner sind, als die des Menschen?

     Liesse sich irgend ein zusammengesetztes Organ nachweisen, dessen Vollendung nicht durch zahllose kleine aufeinander-folgende Modifikationen erfolgen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen. Ich vermag jedoch keinen solchen Fall aufzufinden. Zweifelsohne bestehen viele Organe, deren Vervollkommnungs-Stufen wir nicht kennen, insbesondre bei sehr vereinzelt stehenden Arten, deren verwandten Formen nach meiner Theorie in weitem Umkreise erloschen sind. So muss auch, wo es sich um ein allen Gliedern eines Unterreichs gemeinsames Organ handelt, dieses Organ schon in einer sehr frühen Vorzeit gebildet worden seyn, weil sich nachher erst alle Glieder dieses Unterreichs entwickelt haben; und wenn wir die frühesten Übergangs-Stufen entdecken wollten, welche das Organ zu durchlaufen hatte, so müssten wir uns bei den frühesten Anfangs-Formen umsehen, welche jetzt schon längst wieder erloschen sind.

     Wir müssen uns wohl bedenken zu behaupten, ein Organ habe nicht durch stufenweise Veränderungen irgend einer Art gebildet werden können. Man könnte zahlreiche Fälle anführen, wie bei den niederen Thieren ein und dasselbe Organ ganz verschiedene Verrichtungen besorgt: athmet doch und verdaut und exzernirt der Nahrungskanal in der Larve der Drachenfliege wie in dem Fische Cobitis. Wendet man die Hydra wie einen Handschuh um, das Innere nach aussen, so verdaut die äussre Oberfläche und die innre athmet. In solchen Fällen hätte durch die Natürliche Züchtung ganz leicht ein Theil oder Organ, welches bisher zweierlei Verrichtungen gehabt hat, ausschliesslich nur für einen der beiden Zwecke ausgebildet und die ganze Natur des Thieres allmählich umgeändert werden können, wenn Diess für dasselbe von Anfang an nützlich gewesen wäre. Gewisse Pflanzen, wie namentlich einige Hülsen-Gewächse, Violaceen u. a. bringen zwei Arten von Blüthen, die einen mit der ihrer Ordnung zustehenden Bildung, die andern verkümmert, aber zuweilen [201] fruchtbarer als die ersten. Unterliesse nun eine solche Pflanze mehre Jahre lang Blüthen der ersten Art zu bringen, wie es ein in Frankreich eingeführtes Exemplar von Aspicarpa wirklich gethan, so würde in der That eine grosse und plötzliche Umwandlung in der Natur der Pflanze eintreten. Zwei verschiedene Organe verrichten zuweilen miteinander einerlei Dienste in demselben Individuum, wie es z. B. Fische gibt mit Kiemen, womit sie die im Wasser vertheilte Luft einathmen, während sie zu gleicher Zeit atmosphärische Luft mit ihrer Schwimmblase zu athmen im Stande sind, welche zu dem Ende durch einen Luftgang mit dem Schlunde verbunden und innerlich von sehr Gefäss-reichen Zwischenwänden durchzogen ist (Lepidosiren). In diesem Falle kann leicht eines von beiden Organen verändert und so vervollkommnet werden, dass es immer mehr die ganze Arbeit allein übernimmt, während das andre entweder zu einer neuen Bestimmung übergeht oder gänzlich verkümmert.

     Diess Beispiel von der Schwimmblase der Fische ist sehr belehrend, weil es uns die hoch-wichtige Thatsache zeigt, wie ein ursprünglich zu einem besondren Zwecke, zum Schwimmen nämlich, gebildetes Organ für eine ganz andre Verrichtung umgeändert werden kann, und zwar für die Athmung. Auch ist die Schwimmblase als ein Nebenbestandtheil für das Gehör-Organ mancher Fische mit verarbeitet worden, oder es ist (ich weiss nicht, welche Deutungs-Weise jetzt am allgemeinsten angenommen wird) ein Theil des Gehör-Organes zur Ergänzung der Schwimmblase verwendet worden. Alle Physiologen geben zu, dass die Schwimmblase in Lage und Struktur »homolog« oder »ideal gleich« seye den Lungen höherer Wirbelthiere; daher die Annahme, Natürliche Züchtung habe eine Schwimmblase in eine Lunge oder ein ausschliessliches Athem-Organ verwandelt, keinem grossen Bedenken zu unterliegen scheint.

     Ich kann in der That kaum bezweifeln, dass alle Wirbelthiere mit ächten Lungen auf dem gewöhnlichen Fortpflanzungs-Wege von einem alten unbekannten Urbilde mit einem Schwimm-Apparat oder einer Schwimmblase herstammen. So mag man sich, wie ich aus Professor Owen’s interessanter Beschreibung [202] dieser Theile entnehme, die sonderbare Thatsache erklären, wie es komme, dass jedes Theilchen von Speise und Trank, die wir zu uns nehmen, über die Mündung der Luftröhre weggleiten muss mit einiger Gefahr in die Lungen zu fallen, der sinnreichen Einrichtung ungeachtet, wodurch der Kehldeckel geschlossen wird. Bei den höheren Wirbelthieren sind die Kiemen gänzlich verschwunden, aber die Spalten an den Seiten des Halses und der Schlingen-förmige Verlauf der Arterien scheinen in dem Embryo des Menschen noch ihre frühere Stelle anzudeuten. Doch wäre es begreiflich gewesen, wenn die jetzt gänzlich verschwundenen Kiemen durch Natürliche Züchtung zu einem ganz anderen Zwecke umgearbeitet worden wären; wie nach der Ansicht einiger Naturforscher, dass die Kiemen und Rückenschuppen gewisser Ringelwürmer mit den Flügeln und Flügeldecken der sechsfüssigen Insekten homolog sind, es wahrscheinlich wäre, dass Organe, die in sehr alter Zeit zur Athmung gedient, jetzt zu Flug-Organen umgewandelt seyen.

     Was den Übergang der Organe zu andern Funktionen betrifft, ist es so wichtig sich mit der Möglichkeit desselben vertraut zu machen, dass ich noch ein weitres Beispiel anführen will. Die gestielten Rankenfüsser (Cirripedes) haben zwei kleine Hautfalten, von mir Eier-Zügel genannt, welche bestimmt sind, mittelst einer klebrigen Absonderung die Eier zurückzuhalten, so lange sie im Eiersack ausgebrütet werden. Diese Rankenfüsser haben keine Kiemen, indem die ganze Oberfläche des Körpers und Sackes mit Einschluss der kleinen Zügel zur Athmung dient. Die Balaniden oder sitzenden Cirripeden dagegen haben keine solche Zügel, indem die Eier lose auf dem Grunde des Sackes in der wohl geschlossenen Schaale liegen; aber sie haben grosse faltige Kiemen. Nun denke ich, wird Niemand bestreiten, dass die Eier-Zügel der einen Familie homolog mit den Kiemen der andern sind, wie sie denn auch in der That stufenweise in einander übergehen. Daher bezweifle ich nicht, dass kleine Hautfalten, welche hier anfangs als Eier-Zügel gedient und in geringem Grade schon bei der Athmung mitgewirkt, durch Natürliche Züchtung stufenweise in Kiemen verwandelt worden sind bloss [203] durch Vermehrung ihrer Grösse bei gleichzeitiger Verkümmerung der ihnen anhängenden Drüsen. Wären alle gestielten Cirripeden erloschen (und sie haben bereits mehr Vertilgung erfahren als die sitzenden): wie hätten wir uns je denken können, dass die Athmungs-Organe der Balaniden ursprünglich den Zweck gehabt hätten, die zu frühzeitige Ausführung der Eier aus dem Eiersack zu verhindern?

     Obwohl ich gemahnt habe vorsichtig bei der Annahme zu seyn, dass ein Organ nicht möglicher Weise durch ganz allmähliche Übergänge gebildet worden seyn könne, so gebe ich doch gerne zu, dass sehr schwierige Fälle vorkommen mögen, deren einige ich in meinem grösseren Werke zu erörtern gedenke.

     Einen der schwierigsten bilden die Geschlecht-losen Kerbthiere, die oft sehr abweichend sowohl von den Männchen als den fruchtbaren Weibchen ihrer Spezies gebildet sind, auf welchen Fall ich jedoch im nächsten Kapitel zurückkommen will. Die elektrischen Organe der Fische bieten einen andren Fall von eigenthümlicher Schwierigkeit dar; es ist unbegreiflich, durch welche Abstufungen die Bildung dieser wundersamen Organe bewirkt worden seyn mag. Doch gleicht nach R. Owen’s u. A. Bemerkung ihre innerste Struktur ganz derjenigen gewöhnlicher Muskeln, und da unlängst gezeigt worden, dass Rochen ein dem elektrischen Apparate ganz analoges Organ besitzen, aber nach Matteucci’s Versicherung keine Elektricität entladen, so müssen wir gestehen, dass wir viel zu unwissend sind um behaupten zu dürfen, dass kein Übergang irgend einer Art möglich seye.

     Die elektrischen Organe bieten aber noch andre sehr ernstliche Schwierigkeiten dar. Wenn ein und dasselbe Organ in verschiedenen Gliedern einer Klasse und zumal mit sehr auseinander-gehenden Gewohnheiten auftritt, so mag man seine Anwesenheit in diesen Gliedern durch Erbschaft von einem gemeinsamen Stamm-Vater und seine Abwesenheit in andern durch Verlust in Folge von Nichtgebrauch oder Natürlicher Züchtung erklären. Hätte sich aber das elektrische Organ von einem alten damit versehen gewesenen Vorgänger auf jene Fische vererbt, so dürften wir erwarten, dass alle noch elektrischen Fische auch [204] sonst in näherer Weise mit einander verwandt seyen. Nun gibt aber die Paläontologie durchaus keine Veranlassung zu glauben, dass vordem die meisten Fische mit elektrischen Organen versehen gewesen seyen, welche fast alle ihre Nachkommen eingebüsst hätten. Die Anwesenheit leuchtender Organe in einigen wenigen Insekten aus den manchfaltigsten Familien und Ordnungen bietet einen damit gleichlaufenden schwierigen Fall dar. Man könnte deren noch mehr anführen, wie denn z. B. im Pflanzen-Reiche die ganz eigenthümliche Entwickelung einer Masse von Pollen-Körnern auf einem Fussgestelle mit einer klebrigen Drüse an dessen Ende bei Orchis und bei Asclepias, zweien unter den Blüthen-Pflanzen möglich weit auseinanderstehenden Sippen, ganz die nämliche ist. Doch kann man bemerken, dass in solchen Fällen, wo zwei sehr verschiedene Arten mit anscheinend demselben anomalen Organe versehen sind, doch gewöhnlich einige Grund-Verschiedenheiten sich daran entdecken lassen. Ich möchte glauben, dass fast in gleicher Weise, wie zwei Menschen zuweilen unabhängig von einander auf genau die nämliche Entdeckung verfallen sind, so habe auch die Natürliche Züchtung, zum Besten eines jeden Wesens wirkend und von allen analogen Abänderungen Vortheil ziehend, zuweilen zwei Theile auf fast ganz gleiche Weise in zwei organischen Wesen modifizirt, welche ihrer Abstammung von einem nämlichen Stamm-Vater nur wenig Gemeinsames in ihrer Organisation verdanken.

     Obwohl es in vielen Fällen sehr schwer ist zu errathen, durch welche Übergänge die Organe zu ihrer jetzigen Beschaffenheit gelangt seyen, so bin ich doch, in Betracht der sehr geringen Anzahl noch lebender und bekannter gegenüber den untergegangenen und unbekannten Formen, sehr darüber erstaunt gewesen zu finden, wie selten ein Organ vorkommt, zu welchem nicht einige Übergangs-Stufen führten. Die Wahrheit dieser Bemerkung ist schon in der alten obwohl etwas übertriebenen naturgeschichtlichen Regel »Natura non facit saltum« anerkannt. Wir finden Diess in den Schriften fast aller erfahrenen Naturforscher angenommen; Milne Edwards hat es mit den Worten ausgedrückt: Die Natur ist verschwenderisch in Abänderungen, [205] aber geitzig in Neuerungen. Wie sollte es nach der Schöpfungs-Theorie damit zugehen? woher sollte es kommen, dass alle Theile und Organe so vieler unabhängiger Wesen, wenn jedes derselben für seinen eignen Platz in der Natur erschaffen worden, doch durch ganz allmähliche Übergänge miteinander verkettet sind? Warum hätte die Natur nicht einen Sprung von der einen Organisation zur andern gemacht? Nach der Theorie Natürlicher Züchtung dagegen können wir es klar begreifen, weil diese sich nur ganz kleine allmähliche Abänderungen zu Nutzen macht; sie kann nie einen Sprung machen, sondern muss mit kürzesten und langsamsten Schritten voranschreiten.

     Organe von anscheinend geringer Wichtigkeit.) Da Natürliche Züchtung auf Leben und Tod arbeitet, indem sie nämlich Individuen mit vortheilhaften Abänderungen erhält und solche mit ungünstigen Abweichungen der Organisation unterdrückt, so schien mir manchmal die Entstehung einfacher Theile sehr schwer zu begreifen, deren Wichtigkeit nicht genügend erscheint, um die Erhaltung immer weiter abändernder Individuen zu begründen. Diese Schwierigkeit, obwohl von ganz andrer Art, schien mir manchmal eben so gross zu seyn als die hinsichtlich so vollkommner und zusammengesetzter Organe, wie die Augen.

     Erstens aber wissen wir viel zu wenig von dem ganzen Haushalte eines organischen Wesens, um sagen zu können, welche geringe Modifikationen für dasselbe wichtig seyn können, und ich habe in einem früheren Kapitel Beispiele von sehr geringen Charaktern, wie den Flaum der Früchte und die Farbe ihres Fleisches angeführt, welche in so ferne, als sie auf die Angriffe der Insekten von Einfluss sind oder mit der Empfindlichkeit der Wesen für äussre Einflüsse in Zusammenhang stehen, bei der Natürlichen Züchtung gewiss mit in Betracht kommen. Der Schwanz der Giraffe sieht wie ein künstlich gemachter Fliegenwedel aus, und es scheint anfangs unglaublich, dass derselbe durch kleine aufeinanderfolgende Verbesserungen allmählich zur unbedeutenden Bestimmung eines solchen Instrumentes hergerichtet worden seyn solle. Doch hüten wir uns gerade in [206] diesem Falle uns allzu bestimmt auszusprechen, indem wir ja wissen, dass Daseyn und Verbreitungs-Weise des Rindes u. a. Thiere in Süd-Amerika unbedingt von deren Vermögen abhängt den Angriffen der Insekten zu widerstehen; daher Individuen, welche einigermaassen mit Mitteln zur Vertheidigung gegen diese kleinen Feinde versehen sind, geschickt wären sich mit grossem Vortheil über neue Weide-Plätze zu verbreiten. Nicht als ob grosse Säugthiere (einige seltene Fälle ausgenommen) jetzt durch Fliegen vertilgt würden; aber sie werden von ihnen so unausgesetzt ermüdet und geschwächt, dass sie Krankheiten, gelegentlichem Futter-Mangel und den Nachstellungen der Raubthiere in weit grössrer Anzahl erliegen.

     Organe von jetzt unwesentlicher Bedeutung können den ersten Stamm-Ältern zuweilen von hohem Werthe gewesen und nach früherer langsamer Vervollkommnung in ungefähr demselben Zustande auf deren Nachkommen vererbt worden seyn, obwohl deren nunmehriger Nutzen nur noch unbedeutend ist, während schädliche Abweichungen von dem früheren Baue durch Natürliche Züchtung fortdauernd gehindert werden. Wenn man beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz für die meisten Wasser-Thiere ist, so lässt sich seine allgemeine Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen Land-Thieren, welche durch modifizirte Schwimmblasen oder Lungen ihre Abstammung aus dem Wasser verrathen, ganz wohl begreifen. Nachdem ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug, oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach seyn mag, indem ja der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande ist.

     Zweitens: dürften wir mitunter Charakteren eine grosse Wichtigkeit zutrauen, die ihnen in Wahrheit nicht zukommt, und welche von ganz sekundären Ursachen unabhängig von Natürlicher Züchtung herrühren. Erinnern wir uns, dass Klima, Nahrung [207] u. s. w. wahrscheinlich einigen kleinen Einfluss auf die Organisation haben; dass ältere Charaktere nach dem Gesetze der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen; dass Wechselbeziehungen in der Entwickelung einen oft bedeutenden Einfluss auf die Abänderung verschiedener Gebilde äussern, und endlich dass sexuelle Zuchtwahl oft wesentlich auf solche äussere Charaktere einer Thier-Art eingewirkt hat, welche dem mit andren kämpfenden Männchen eine bessre Waffe oder einen besondren Reitz in den Augen des Weibchens verliehen. Überdiess mag eine aus den genannten Ursachen hervorgegangene Abänderung der Struktur anfangs oft ohne Werth für die Art gewesen seyn, späterhin aber bei deren unter neue Lebens-Bedingungen versetzten und mit neuen Gewohnheiten versehenen Nachkommen an Bedeutung gewonnen haben.

     Ich will einige Beispiele zu Erläuterung dieser letzten Bemerkung anführen. Wenn es nur grüne Spechte gäbe und wir wüssten von schwarzen und bunten nichts, so würde ich mir zu sagen erlauben, dass die grüne Farbe eine schöne Anpassung und dazu bestimmt seye, diese an den Bäumen herumkletternden Vögel vor den Augen ihrer Feinde zu verbergen, dass es mithin ein für die Spezies wichtiger und durch Natürliche Züchtung erlangter Charakter seye; so aber, wie sich die Sache verhält, rührt die Färbung zweifelsohne von einer ganz andern Ursache und wahrscheinlich von geschlechtlicher Zuchtwahl her. Eine kletternde Bambus-Art im Malayischen Archipel steigt bis zu den höchsten Baum-Gipfeln empor mit Hilfe ausgezeichneter Ranken, welche Büchel-weise an den Enden der Zweige befestigt sind, und diese Einrichtung ist zweifelsohne für die Pflanze von grösstem Nutzen. Da wir jedoch fast ähnliche Ranken an vielen Pflanzen sehen, welche nicht klettern, so mögen dieselben auch beim Bambus von unbekannten Wachsthums-Gesetzen herrühren und von der Pflanze erst später, als sie noch sonstige Abänderung erfuhr und ein Kletterer wurde, zu ihrem Vortheile benützt und weiter entwickelt worden seyn. Die nackte Haut am Kopfe des Geyers wird gewöhnlich als eine unmittelbare Anbequemung des oft in faulen Kadavern damit wühlenden Thieres betrachtet: inzwischen [208] müssen wir vorsichtig seyn mit dieser Deutung, da ja auch die Kopfhaut des ganz säuberlich fressenden Wälschhahns nackt ist. Die Nähte an den Schädeln junger Säugthiere sind als eine schöne Anpassung zur Erleichterung der Geburt dargestellt worden, und ohne Zweifel begünstigen sie dieselbe oder sind sogar unentbehrlich; da aber auch solche Nähte an den Schädeln junger Vögel und Reptilien vorkommen, welche nur aus einem zerbrochenen Eie zu schlüpfen nöthig haben, so dürfen wir schliessen, dass diese Bildungs-Weise von den Wachsthums-Gesetzen herrühre und den höheren Wirbelthieren dann nur gelegentlich auf jene Weise nütze.

     Wir wissen ganz und gar nichts über die Ursachen, welche die kleinen Abänderungen veranlassen, und fühlen Diess am meisten, wenn wir über die Verschiedenheiten unsrer Hausthier-Rassen in andern Gegenden und zumal bei minder zivilisirten Völkern nachdenken, welche sich nicht mit planmässiger Züchtung befassen. Sorgfältige Beobachter sind der Überzeugung, dass ein feuchtes Klima den Haarwuchs befördre und dass Horn mit Haar in gleicher Beziehung stehe. Gebirgs-Rassen sind überall von Niederungs-Rassen verschieden, und Gebirgs-Gegenden werden wahrscheinlich auf die Hinterbeine und allenfalls auf das Becken wirken, sofern diese daselbst mehr in Anspruch genommen werden; nach dem Gesetze homologer Variation werden dann auch die vordren Gliedmaassen und wahrscheinlich der Kopf mit betroffen werden. Auch dürfte die Form des Beckens der Mutter durch Druck auf die Kopf-Form des Jungen in ihrem Leibe wirken. Wahrscheinlich vermehrt auch die schwierigere Athmung in hohen Gebirgen die Weite des Brustkastens, und Diess nicht ohne Einfluss auf noch andre Theile. In verschiedenen Gegenden haben auch die von Wilden gehaltenen Hausthiere um ihr eignes Daseyn zu kämpfen und mögen daher bis zu gewissem Grade noch Natürlicher Züchtung unterliegen. Daher denn Individuen mit abweichender Konstitution in andern Klimaten besser fortkommen werden; nun dürften aber Konstitution und Färbung in Wechselbeziehung mit einander stehen. Ein guter Beobachter versichert, dass der Grad, in welchem das Rind [209] von Fliegen leidet, sowie der Gefahr seiner Vergiftung durch gewisse Pflanzen von dessen Färbung abhänge; daher denn Färbung den Einfluss Natürlicher Züchtung unterstützt. Wir haben aber viel zu wenig Erfahrung, um über die vergleichungsweise Wichtigkeit der verschiedenen bekannten und unbekannten Abänderungs-Gesetze Betrachtungen anzustellen, und ich habe hier deren nur erwähnt um zu zeigen, dass, wenn wir nicht im Stande sind, die charakteristischen Verschiedenheiten unsrer kultivirtern Rassen zu erklären, welche doch allgemeiner Annahme zufolge durch gewöhnliche Fortpflanzung entstanden sind, wir auch unsre Unwissenheit über die genaue Ursache geringer analoger Verschiedenheiten zwischen Arten nicht zu hoch anschlagen dürfen. Ich möchte in dieser Beziehung die so scharf ausgeprägten Unterschiede zwischen den Menschen-Rassen anführen, über deren Entstehung sich vielleicht einiges Licht verbreiten liesse durch die Annahme einer sexuellen Züchtung eigener Art; doch würde es unnütz seyn dabei zu verweilen, indem ich mich hier nicht auf die zur Erläuterung nöthigen Einzelheiten einlassen kann.

     Die voranstehenden Bemerkungen veranlassen mich auch einige Worte über die neuerlich von mehren Naturforschern eingelegte Verwahrung gegen die Nützlichkeits-Lehre zu sagen, nach welcher nämlich alle Einzelnheiten der Bildung zum Vortheil ihres Besitzers da seyn sollen. Dieselben sind der Meinung, dass sehr viele organische Gebilde nur der Manchfaltigkeit wegen vorhanden seyen oder um die Augen des Menschen zu ergötzen. Wäre diese Lehre richtig, so müsste sie meiner Theorie unbedingt verderblich werden. Doch gebe ich vollkommen zu, dass manche Bildungen von keinem unmittelbaren Nutzen für deren Besitzer sind. Die natürlichen Lebens-Bedingungen haben wahrscheinlich einigen geringen Einfluss auf die Organisation, möge diese zu irgend etwas nützen oder nicht. Wechselbeziehungen in der Entwickelung haben zweifelsohne ebenfalls einen sehr grossen Antheil, und die nützliche Abänderung eines Organes hat oft nutzlose Veränderungen auch in andern Theilen veranlasst. So können auch Charaktere, welche vordem nützlich gewesen, [210] oder welche durch Wechselbeziehung in der früheren Entwickelung oder durch ganz unbekannte Ursache entstanden, nach den Gesetzen der Rückkehr wieder zum Vorschein kommen, wenngleich sie keinen unmittelbaren Nutzen haben. Die Wirkungen der geschlechtlichen Züchtung, soferne sie in das Weibchen fesselnden Reitzen beruhen, können nur in einem mehr gezwungenen Sinne nützlich genannt werden. Aber bei weitem die wichtigste Erwägung ist die, dass der Haupttheil der Organisation eines jeden Wesens einfach durch Erbschaft erworben ist, daher denn auch, obschon zweifelsohne jedes Wesen für seinen Platz im Haushalte der Natur ganz wohl gemacht seyn mag, viele Bildungen keine unmittelbaren Beziehungen mehr zur Lebensweise der gegenwärtigen Spezies haben. So können wir kaum glauben, dass der Schwimmfuss des Fregattvogels oder der Landgans (Chloephaga Maghellanica) diesen Vögeln von speziellem Nutzen seye; und wir können nicht annehmen, dass die nämlichen Knochen im Arme des Affen, im Vorderfuss des Pferdes, im Flügel der Fledermaus und im Ruder des Seehundes allen diesen Thieren einen speziellen Nutzen bringe. Wir mögen diese Bildungen getrost als Erbschaft ansehen; denn zweifelsohne sind Schwimmfüsse dem Stammvater jener Gans und des Fregattvogels eben so nützlich gewesen, als sie den meisten jetzt lebenden Wasservögeln sind. So dürfen wir vermuthen, dass der Stammvater des Seehunds nicht einen Ruderfuss, sondern einen fünfzehigen Geh- oder Greif-Fuss besessen; wir dürfen ferner vermuthen, dass die einzelnen von einem Stammvater ererbten Knochen in den Beinen des Affen, des Pferdes, der Fledermaus ihrem gemeinsamen Stammvater oder ihren Stammvätern vordem nützlicher gewesen sind, als sie jetzt diesen in ihrer Lebensweise so weit auseinandergehenden Thieren sind. Wir können daher annehmen, diese verschiedenen Knochen seyen durch Natürliche Züchtung entstanden, welche früher so wie jetzt den Gesetzen der Erblichkeit, der Rückkehr, der Wechselbeziehung in der Entwickleung u. s. w. unterlagen. Daher man von jeder Einzelnheit der Struktur in jedem lebenden Geschöpfe (ausser einigen geringen Zugeständnissen an den Einfluss der natürlichen äussren Bedingungen) annehmen [211] darf, sie seye einmal einem Vorfahren der Spezies von besondrem Nutzen gewesen, oder sie seye jetzt, entweder direkt oder durch verwickelte Wachsthumsgesetze indirekt, ein besondrer Vortheil für die Abkömmlinge dieser Vorfahren.

     Natürliche Züchtung kann nicht wohl irgend eine Abänderung in einer Spezies bewirken, welche nur einer anderen Art zum ausschliesslichen Vortheil gereichte, obwohl in der ganzen Natur eine Spezies ohne Unterlass von der Organisation einer andern Nutzen zieht. Aber Natürliche Züchtung kann auch oft hervorbringen und bringt oft in Wirklichkeit solche Gebilde hervor, die einer andern Art zum unmittelbaren Nachtheil gereichen, wie wir im Giftzahne der Otter und in der Legeröhre des Ichneumon sehen, welcher mit deren Hülfe seine Eier in den Körper andrer lebenden Insekten einführt. Liesse sich beweisen, dass irgend ein Theil der Organisation einer Spezies zum ausschliesslichen Besten einer andern Spezies gebildet worden seye, so wäre meine Theorie vernichtet, weil eine solche Bildung nicht durch Natürliche Züchtung bewirkt werden kann. Obwohl in naturhistorischen Schriften vielerlei Behauptungen in dieser Hinsicht aufgestellt werden, so kann ich doch keine darunter von einigem Gewichte finden. So gesteht man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eignen Vertheidigung und zur Tödtung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eignen Nachtheile erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurtheilte Maus zu warnen. Doch, ich habe hier nicht Raum auf diese und andre Fälle noch weiter einzugehen.

     Natürliche Züchtung kann in keiner Spezies irgend etwas für dieselbe Schädliches erzeugen, indem sie ausschliesslich nur durch und zu deren Vortheil wirkt. Kein Organ kann, wie Paley bemerkt, gebildet werden um seinem Besitzer Qual und Schaden zu bringen. Eine genaue Abwägung zwischen dem Nutzen und [212] Schaden, welchen ein jeder Theil verursacht, wird immer zeigen, dass er im Ganzen genommen vortheilhaft ist. Wird etwa in spätrer Zeit bei wechselnden Lebens-Bedingungen ein Theil schädlich, so wird er entweder verändert, oder die Art geht zu Grunde, wie ihrer Myriaden zu Grunde gegangen sind.

     Natürliche Züchtung strebt jedes organische Wesen eben so vollkommen oder ein wenig vollkommener als die übrigen Bewohner derselben Gegend zu machen, mit welchen dieselbe um sein Daseyn zu ringen hat. Und wir sehen dass Diess der Grad von Vollkommenheit ist, welchen die Natur erstrebt. Die Neuseeland eigenthümlichen Natur-Erzeugnisse sind vollkommen, eines mit den andern verglichen; aber sie weichen jetzt rasch zurück vor den vordringenden Legionen aus Europa eingeführter Pflanzen und Thiere. Natürliche Züchtung wird keine absolute Vollkommenheit herstellen; auch begegnen wir, so viel sich beurtheilen lässt, einer so hohen Stufe nirgends in der Natur. Die Verbesserung für die Abweichung des Lichtes ist, wie ein ausgezeichneter Gewährsmann erklärt, selbst in dem vollkommensten aller Organe, dem Auge, noch nicht vollständig. Wenn uns unsre Vernunft zu begeisterter Bewunderung einer Menge unnachahmlicher Einrichtungen in der Natur auffordert, so lehrt uns auch diese nämliche Vernunft, dass wir leicht nach beiden Seiten irren können, indem andre Einrichtungen weniger vollkommen sind. Wir können nie den Stachel der Wespe oder Biene als vollkommen betrachten, der, wenn er einmal gegen die Angriffe von mancherlei Thieren angewandt worden, den unvermeidlichen Tod seines Besitzers bewirken muss, weil er seiner Widerhaken wegen nicht mehr aus der Wunde, die er gemacht hat, zurückgezogen werden kann, ohne die Eingeweide des Insekts nach sich zu ziehen.

     Nehmen wir an, der Stachel der Biene seye bei einer sehr frühen Stammform bereits als Bohr- und Säge-Werkzeug bestanden, wie es häufig bei andern Gliedern der Hymenopteren-Ordnung vorkommt, und seye für seine gegenwärtige Bestimmung mit dem ursprünglich zur Hervorbringung von Gallen-Auswüchsen bestimmten Gifte umgeändert aber nicht zugleich verbessert [213] worden, so können wir vielleicht begreifen, warum der Gebrauch dieses Stachels so oft des Insektes eignen Tod veranlasst; denn wenn das Vermögen zu stechen der ganzen Bienen-Gemeinde nützlich ist, so mag er allen Anforderungen der Natürlichen Züchtung entsprechen, obwohl seine Beschaffenheit den Tod der einzelnen Individuen veranlasst, die ihn anwenden. Wenn wir über das[WS 3] wirklich wunderbar scharfe Witterungs-Vermögen erstaunen, mit dessen Hilfe manche Männchen ihre Weibchen ausfindig zu machen im Stande sind, können wir dann auch die für diesen einen Zweck bestimmte Hervorbringung von Tausenden von Dronen bewundern, welche, der Gemeinde für jeden andern Zweck gänzlich nutzlos, bestimmt sind zuletzt von ihren arbeitenden aber unfruchtbaren Schwestern umgebracht zu werden? Es mag schwer seyn, aber wir müssen den wilden Instinkt-mässigen Hass der Bienenkönigin bewundern, welcher sie beständig drängt, die jungen Königinnen, ihre Töchter, augenblichlich nach ihrer Geburt zu tödten oder selbst in dem Kampfe zu Grunde zu gehen; denn unzweifelhaft ist Diess zum Besten der Gemeinde, und mütterliche Liebe oder mütterlicher Hass, obwohl dieser letzte glücklicher Weise viel seltener ist, gilt dem unerbittlichen Prinzipe Natürlicher Züchtung völlig gleich. Wenn wir die verschiedenen sinnreichen Einrichtungen vergleichen, vermöge welcher die Blüthen der Orchideen und mancher andren Pflanzen vermittelst Insekten-Thätigkeit befruchtet werden, wie können wir dann die Anordnung bei unsren Nadelhölzern als gleich vollkommne ansehen, vermöge welcher grosse und dichte Staubwolken von Pollen hervorgebracht werden müssen, damit einige Körnchen davon durch einen günstigen Lufthauch dem Ei’chen zugeführt werden mögen?

     Zusammenfassung des Kapitels. Wir haben in diesem Kapitel gewisse Schwierigkeilen und Einwendungen erörtert, welche sich meiner Theorie entgegenstellen. Einige derselben sind sehr ernster Art; doch glaube ich, dass durch ihre Erörterung einiges Licht über mehre Thatsachen verbreitet worden, welche dagegen nach der Theorie der unabhängigen Schöpfungs-Akte ganz dunkel bleiben würden. Wir haben gesehen, dass Arten [214] zu irgend welcher Zeit nicht ins Endlose abändern können und nicht durch zahllose Übergangs-Formen unter einander zusammenhängen, theils weil der Prozess Natürlicher Züchtung immer sehr langsam ist und jederzeit nur auf sehr wenige Formen wirkt, und theils weil gerade der Prozess Natürlicher Züchtung auch meistens die fortwährende Ersetzung und Erlöschung vorhergehender und mittler Abstufungen schon in sich schliesst. Nahe verwandte Arten, welche jetzt auf einer zusammenhängenden Fläche wohnen, mögen oft gebildet worden seyn, als die Fläche noch nicht zusammenhängend war und die Lebens-Bedingungen nicht unmerkbar von einer Stelle zur andern abänderten. Wenn zwei Varietäten an zwei Stellen eines zusammenhängenden Gebietes sich bildeten, so wird oft auch eine mittle Varietät für eine mittle Zone entstanden seyn; aber aus angegebenen Gründen wird die mittle Varietät gewöhnlich in geringerer Anzahl als die zwei durch sie verbundenen Abänderungen vorhanden gewesen seyn, welche mithin im Verlaufe weitrer Umbildung sich durch ihre grössre Anzahl in entschiedenem Vortheil vor den andren befanden und mithin gewöhnlich auch im Stande waren sie zu ersetzen und zu vertilgen.

     Wir haben in diesem Kapitel gesehen, wie vorsichtig man seyn muss zu schliessen, dass die verschiedenartigsten Gewohnheiten des Lebens nicht in einander übergehen können, dass eine Fledermaus z. B. nicht etwa auf dem Wege Natürlicher Züchtung entstanden seyn könne von einem Thiere, welches bloss durch die Luft zu gleiten im Stande war.

     Wir haben gesehen, dass eine Art unter veränderten Lebens-Bedingungen ihre Gewohnheiten ändern oder vermanchfaltigen und manche Sitten annehmen könne, die von denen ihrer nächsten Verwandten abweichen. Daraus können wir begreifen, wenn wir uns zugleich erinnern, dass jedes organische Wesen gedrängt wird zu leben wo es immer leben kann, wie es zugegangen, dass es Land-Gänse mit Schwimmfüssen, an Boden lebende Spechte, tauchende Drosseln und Sturmvögel mit den Sitten der Alke gebe.

     Obwohl die Meinung, dass ein so vollkommenes Organ, als [215] das Auge ist, durch Natürliche Züchtung hervorgebracht werden könne, mehr als genügt um jeden wankend zu machen, so ist doch keine logische Unmöglichkeit vorhanden, dass irgend ein Organ unter veränderlichen Lebens-Bedingungen durch eine lange Reihe von Abstufungen in seiner Zusammensetzung, deren jede dem Besitzer nützlich ist, endlich jeden begreiflichen Grad von Vollkommenheit auf dem Wege Natürlicher Züchtung erlange. In Fällen, wo wir keine Zwischenzustände kennen, müssen wir uns wohl zu schliessen hüten, dass solche niemals bestanden hatten; denn die Homologien vieler Organe und ihre Zwischenstufen zeigen, dass wunderbare Veränderungen in ihren Verrichtungen wenigstens möglich sind. So ist z. B. eine Schwimmblase offenbar in eine Luft-athmende Lunge verwandelt worden. Übergänge müssen namentlich oft in hohem Grade erleichtert worden seyn da, wo ein und dasselbe Organ mehre sehr verschiedene Verrichtungen zugleich zu besorgen hatte und dann nur für eine von beiden Verrichtungen allein noch besser hergestellt zu werden brauchte, und da wo gleichzeitig zwei sehr verschiedene Organe an derselben Funktion theilnahmen und das eine mit Unterstützung des andern sich weiter vervollkommnen konnte.

     Wir sind in Bezug auf die meisten Fälle viel zu unwissend, um behaupten zu dürfen, dass ein Theil oder Organ für das Gedeihen einer Art unwesentlich seye, und dass Abänderungen seiner Bildung nicht durch Natürliche Züchtung mittelst langsamer Häufung haben bewirkt werden können. Doch dürfen wir zuversichtlich annehmen, dass viele Abänderungen gänzlich nur von den Wachsthums-Gesetzen veranlasst und, anfänglich ohne allen Nutzen für die Art, später zum Vortheil weiter umgeänderter Nachkommen dieser Art verwendet worden sind. Wir dürfen ferner glauben, dass ein für frühere Formen hochwichtiger Theil auch von späteren Formen (wie der Schwanz eines Wasser-Thieres von den davon abstammenden Land-Thieren) beibehalten worden ist, obwohl er für dieselben so unwichtig erscheint, dass er in seinem jetzigen Zustande nicht durch Natürliche Züchtung erworben seyn könnte, indem diese Kraft nur auf die Erhaltung [216] solcher Abänderungen gerichtet ist, welche im Kampfe um’s Daseyn nützlich sind.

     Natürliche Züchtung erzeugt bei keiner Spezies etwas, das zum ausschliesslichen Nutzen oder Schaden einer andern wäre; obwohl sie Theile, Organe und Exkretionen herstellen kann, die, wenn auch für andre sehr nützlich und sogar unentbehrlich oder in hohem Grade verderblich, doch in allen Fällen zugleich nützlich für den Besitzer sind. Natürliche Züchtung muss in jeder wohl-bevölkerten Gegend in Folge hauptsächlich der Mitbewerbung der Bewohner unter einander nothwendig auf Verbesserung oder Kräftigung für den Kampf um’s Daseyn hinwirken, doch lediglich nach dem für diese Gegend giltigen Maassstab. Daher die Bewohner einer, und zwar gewöhnlich der kleineren, Gegend oft vor denen einer andern und gemeiniglich grösseren zurückweichen müssen. Denn in der grösseren Gegend werden mehr Individuen und mehr differenzirte Formen existirt haben, wird die Mitbewerbung stärker gewesen und mithin das Ziel der Vervollkommnung höher gesteckt gewesen seyn. Natürliche Züchtung wird nicht nothwendig absolute Vollkommenheit hervorbringen, und diese ist auch, so viel wir mit unsern beschränkten Fähigkeiten zu beurtheilen vermögen, nirgends zu finden.

     Nach der Theorie der Natürlichen Züchtung lässt sich die ganze Bedeutung des alten Glaubenssatzes in der Naturgeschichte »Natura non facit saltum« verstehen. Dieser Satz ist, wenn wir nur die jetzigen Bewohner der Erde berücksichtigen, nicht ganz richtig, muss aber nach meiner Theorie vollkommen wahr seyn, wenn wir alle Wesen vergangener Zeiten mit einschliessen.

     Es ist allgemein anerkannt, dass alle organischen Wesen nach zwei grossen Gesetzen gebildet worden sind: Einheit des Typus und Anpassung an die Existenz-Bedingungen. Unter Einheit des Typus begreift man die Übereinstimmung im Grundplane des Baues, wie wir ihn bei den Wesen eines Unterreiches finden, und welcher ganz unabhängig von ihrer Lebensweise ist. Nach meiner Theorie erklärt sich die Einheit des Typus aus der Einheit der Abstammung. Die Anpassung an die Lebens-Bedingungen, so oft von dem berühmten Cuvier in Anwendung gebracht, ist in meinem Prinzipe [217] der Natürlichen Züchtung vollständig mit inbegriffen. Denn die Natürliche Züchtung wirkt nur in soferne, als sie die veränderlichen Theile eines jeden Wesens seinen organischen und unorganischen Lebens-Bedingungen entweder jetzt anpasst oder in längst vergangenen Zeit-Perioden angepasst hat. Diese Anpassungen können in manchen Fällen durch Gebrauch und Nichtgebrauch unterstützt, durch direkte Einwirkung äussrer Lebens-Bedingungen modifizirt werden und sind in allen Fällen den verschiedenen Entwicklungs-Gesetzen unterworfen. Daher ist denn auch das Gesetz der Anpassung an die Lebens-Bedingungen in der That das höhere, indem es vermöge der Erblichkeit früherer Anpassungen das der Einheit des Typus mit in sich begreift.


  1. Diess Beispiel war in der ersten Auflage angeführt um zu zeigen, wie etwa ein Wal entstehen könne.     D. Übrs.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original Einrichungen
  2. Im Original Oberflache
  3. Im Original dass


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