Einsegnungsunterricht 1917/8. Stunde

« 7. Stunde Wilhelm Eichhorn
Einsegnungsunterricht 1917
9. Stunde »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
8. Stunde
am Mittwoch, den 10. Oktober, vormittags.
Lied 369, 1-5. Psalm 65, 1-10. Kollekte 229, 66.
Die Kirche der Reformation nach ihren Lebensäußerungen.
Der Tempelgottesdienst im alten Bund fand täglich statt und der Mittelpunkt desselben war das Opfer. Zweimal am Tage wurde ein Brandopfer dargebracht, abgesehen von den vielen andern Opfern, die teils freiwillig dargebracht wurden, teils zu irgend einer Sühne oder Reinigung auferlegt waren. Immerfort sollte das Opfer auf dem Altar zu Gott emporsteigen; das Morgenopfer, um 9 Uhr dargebracht, glimmte fort bis zum Abendopfer um 3 Uhr und dieses brannte wiederum die Nacht hindurch bis zum Morgenopfer. Und das war nur das Opfer auf dem Brandopferaltar im Vorhof. Im Heiligtum selber, in der vorderen Hütte, dem Heiligen, fand ein beständiges Opfer statt auf dem goldenen Räuchopferaltar, dessen Weihrauchduft, das Gebet des Volkes Gottes abbildend, beständig aufsteigen sollte. Rechts davon stand der Tisch, aus dem die Schaubrote, wieder als beständige Darbietung des Volkes Israel an seinen Gott vermeint, ausgelegt waren. So war es im Alten Testament. Wie ist es im Neuen? Wie stehen dazu wir Christen? Wir wissen, daß durchs Gesetz kein Fleisch vor Gott gerecht werden kann, ja wir wissen, daß das Gesetz im Grund nur Zorn anrichtet. Wenn die Gläubigen in Israel wohl auch sagten: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb, täglich rede ich davon“, so meinten sie mehr die Gesetzgebung im Ganzen als die Gnadentat, durch welche Gott sich zu seinem Volk bekannt hatte, die einzelnen Vorschriften empfanden sie aber doch vielfach als Last und Joch, das sie schwer zu tragen vermochten.| Wir Christen aber kennen das Gesetz Jesu Christi; wir kennen, wie Jakobus sagt, das vollkommene Gesetz der Freiheit. Wir wissen, daß die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Für uns ist alles innerlich, geistlich zu verstehen, auch was von Opfer uns geboten oder besser gesagt, verstattet ist. Und es darf gesagt werden, daß diese innerliche, geistliche Erfüllung des Gesetzes viel schwerer ist als die äußere Erfüllung mit der Tat, wie sie dem Volk Israel auferlegt war. Die Gläubigen in Israel konnten täglich in den Tempel gehen, womöglich des Tages zweimal, soweit sie in Jerusalem wohnten. Sonst fand das Volk sich wenigstens dreimal im Jahr bei seinem Heiligtum zusammen oder die entfernter Wohnenden am Osterfest einmal im Jahr. Wo auch die Gläubigen Israels weilten, so wandten sie sich in ihren Gebetszeiten in der Richtung nach Jerusalem zu und wenn sie sich versammelten in ihren Synagogen hin und her, in fremden Ländern und Städten, so gedachten sie des Heiligtums in Jerusalem. Wir sind nicht mehr an irgend eine äußere Stätte gebunden, wir wissen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist Er mitten unter uns.“ Für uns ist jeder Tag gleich und wir haben die Aufgabe alle Tage unseres Lebens, unsere ganze Lebenszeit dem Herrn darzubringen. Wohl hat auch die Gemeinde Christi in Freiheit sich einen Tag für den Gottesdienst erwählt, nach alttestamentlichem wohlverstandenen Vorbild und nach dem gleichfalls richtig erfaßten Wink ihres Herrn. Aber das ist nicht der 7. Tag, der gleichsam abschließend die kommende Vollendung vorbildlich darstellt, sondern es ist der erste Wochentag, der kraftvoll fortwirken will für unser Tun die Woche und die ganze Lebenszeit hindurch. Und was das Opfer anlangt, so kennen wir äußere Opfer, die verbrannt werden und im Rauch vom Altar emporsteigen, nicht mehr; bei uns werden nicht mehr tote Tiere zum Opfer gebracht, sondern unsere Opfer sollen sein lebendig, heilig und darum Gott wohlgefällig, ein vernünftiger, man könnte auch sagen geistiger Gottesdienst. Dies Opfer ist Darbringung unseres ganzen Lebens. Wir unterscheiden die Opfer unseres Herzens, nämlich die Hingabe des ganzen Herzens an unsern Gott und Herrn, das daraus sich ergebende Opfer unserer Lippen, das ist das Gebet und endlich das Opfer unserer Hände, darin bestehend, das wir irgend etwas tun oder geben zum Dienst des Herrn an seinen armen Brüdern oder für sein Reich auf Erden. Das ist der Gottesdienst, der sich durchs ganze Leben hinziehen soll und das muß, wie es vom einzelnen Christen gilt, auch von der Kirche im ganzen und sonderlich von der Kirche der Reformation gelten. Was in ihr lebt und wirkt muß äuserlich hervortreten und so betrachten wir heute:
die Kirche der Reformation nach ihren Lebensäußerungen.
| Wir sprechen
1. von der reformatorischen Lehre von den guten Werken überhaupt,
2. von den Früchten der Reformation im Einzelleben,
3. von den Früchten der Reformation im öffentlichen Leben,
4. von den Früchten der Reformation in der Tätigkeit für die Ausbreitung der Kirche,
5. von den Früchten der Reformation für den inneren Ausbau der Kirche.


I.
Als Philipp Melanchthon die Augsburgische Konfession ausarbeitete, benutzte er, wie wir gestern sagten, die in Marburg von Luther aufgestellten und nachher noch einmal umgearbeiteten Artikel, die als die sogenannten Schwabacher Artikel der Vereinigung der Evangelischen zur Grundlage hatten dienen sollen. Schon in den Marburger Artikeln handelt einer, der 10. von den guten Werken und es wurde dort gesagt, daß der Glaube durch Wirkung des heiligen Geistes gute Werke übe, nämlich die Liebe gegen den Nächsten, Beten zu Gott und Leiden von allerlei Verfolgung. In den Schwabacher Artikeln wird dann im 6. der Glaube beschrieben als göttliches Werk, ein kräftiges und lebendiges Wesen, bringt dadurch viel Früchte, gegen Gott mit Loben und Danken und gegen den Nächsten mit Lieben, Dienen und Leiden allerlei Uebels bis in den Tod. Damit ist schon in Kürze gesagt, was zu sagen war über das Verhältnis von Glauben und guten Werken, über die Betätigung des Glaubens im Leben und Wandel. In der Augsburgischen Konfession wird sehr viel über diesen Punkt gesagt. Der 6. Artikel handelt vom neuen Gehorsam, man könnte auch sagen von den Früchten des Glaubens, der 20. Artikel ist eine längere Darlegung über den Glauben und die guten Werke, ruhend auf einer Niederschrift, die Melanchthon etliche Monate zuvor zu seiner eigenen Instruierung gemacht hatte und die er nun in die Augsburgische Konfession aufnahm, um recht klar darzulegen, wie das Verhältnis von Glauben und guten Werken sei. Aber auch da, wo man es nicht zunächst sucht, im 16. Artikel „von Polizei und weltlichem Regiment“ finden sich sehr wichtige und tiefgehende Darlegungen über die guten Werke. Nach beiden Seiten hin wird gelehrt, sie weder zu unterschätzen noch zu überschätzen. Das näher darzulegen war späterhin Aufgabe der Konkordienformel in ihrem 4. Artikel, aus Anlaß eines Streites zwischen Major und Amsdorf, ob und wie weit gute Werke nötig seien zur Seligkeit. Gute Werke sind die Früchte. So hat es Luther von Anfang an gerne ausgedrückt und immer wieder gezeigt, wie sie nicht etwas Gezwungenes sind, eine ausgelegte Last, sondern ganz von selber aus dem Glauben erwachsen. Bekannt ist sein Vergleich, daß die Sonne nicht muß| scheinen, sondern sie verbreitet von selbst Leben und Wärme. So ist es auch mit dem Glauben, er ist ein schäftig, kräftig, lebendig Ding, er muß nicht gute Werke tun, er bringt sie von selbst. Die guten Werke erwachsen von selbst aus dem Glauben. Das ist nicht schwierig darzulegen. Der Weg zur Seligkeit ist und bleibt der Glaube. Das war auch die Antwort, die der Apostel Paulus dem Kerkermeister von Philippi auf seine Frage gab: Was muß ich tun, daß ich selig werde? Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig. An andern Orten setzt der Apostel vor den Glauben auch noch die Buße, wie er etwa Ap.-Gesch. 20 den Aeltesten von Ephesus bei seinem Abschied in Milet gesagt hat, daß er ihnen gepredigt habe mit allem Fleiß Buße zu Gott und Glauben an den Herrn Jesum Christum. Selig machen, vor Gott gerecht machen, kann allein der Glaube und es wird gewiß keines der hier Anwesenden zögern mit der Antwort auf die Frage, warum der Glaube selig macht. Darum weil wir im Glauben die Gerechtigkeit Jesu Christi, sein teures Verdienst ergreifen, das uns allein kann selig machen. Wenn man aber vor den Glauben die Buße setzt, so erklärt sich das daraus, daß nur aus Buße der rechte Glaube erwachsen kann. Man kann kurz und volkstümlich sagen: „Ohne Glauben kann man nicht in den Himmel kommen, ohne Buße kann man nicht zum Glauben kommen.“ Wenigstens nicht zum lebendigen Glauben. Es will erst erkannt und erlebt sein, daß man einen Heiland braucht, nur dann wird man in fester Zuversicht des Herzens sich auf ihn gründen und verlassen. Buße und Glaube gehören zusammen. Wir sprachen schon davon, daß das neue Testament unter Buße im weiteren Sinn die Sinnesänderung versteht, also beides: Reue und Glaube. Reue oder Buße und Glaube zusammen können also auch Sinnesänderung oder Bekehrung genannt werden; denn die Buße ist die Abkehr von der Sünde, der Glaube ist die Hinkehr zu Gott. So erwächst ganz von selbst der neue Gehorsam oder der Wandel im neuen Leben. Es wird in uns, die wir in der Christenheit geboren sind, das neue Leben schon gepflanzt in der Taufe. Darauf bleiben wir fest, daß wir in der Taufe dem sündigen Wesen entnommen und in Christum eingepflanzt werden. Weil uns in der Taufe die Vergebung der Sünde geschenkt ist, so wird damit die Macht der Sünde über uns gebrochen, daß wir ihr nicht mehr dienen müssen. Und weil wir in der Taufe aufgenommen und eingepflanzt werden in die Gemeinschaft Gottes, in das Kindesverhältnis zu Gott kommen und in die Gemeinschaft mit Christo, weil der heilige Geist damit der Geist auch unseres neuen Lebens werden will, so haben wir Kraft und Möglichkeit, daß wir in einem neuen Leben wandeln können. Wir müssen als getaufte Christen nicht mehr der Sünde dienen, wir können in einem neuen Leben Gott dienen. Nun kommt es nur| darauf an, daß wir es auch wollen, daß auch von unserer Seite der Entschluß dazu in uns gewirkt wird. Die Kraft dazu haben wir von der Taufe her schon und das Wort Gottes legt es uns immer wieder aufs neue ernstlich und dringend ans Herz, uns von der Sünde weg zum Herrn Christo zu kehren. Wir legen also in der Buße aus eigenem gottgewirkten Entschluß den alten Menschen ab und ziehen im Glauben den neuen Menschen an. So ist die Buße Abkehr von der Sünde und der Glaube Hinkehr zu Gott. Wenn es wirklich zu ernstlicher Buße, zu wahrer Reue über die Sünde in uns gekommen ist, so ergibt sich ganz von selbst der Entschluß, der Sünde nicht mehr dienen zu wollen. Wenn wir uns wirklich im Glauben ganz Gott, Christo und seiner Gnade hingegeben haben, dann erwächst aus dem Glauben die Liebe zu Gott, die völlige Hingabe an ihn und der Entschluß, ihm in Liebe zu dienen. „Das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten und seine Gebote sind nicht schwer“. Die katholische Kirche hält an der Verdienstlichkeit der guten Werke fest. Das erscheint auf jener Seite als ein starker Beweggrund, gute Werke zu vollbringen und gewiß, in mehr äußerlichen guten Werken, Kirchengehen, Gaben für speziell kirchliche Zwecke sind darum die katholischen Christen den Evangelischen mehrfach überlegen. Der Herr Jesus Christus schließt aber alle Verdienstlichkeit guter Werke aus in jenem Wort Luk. 17, 10: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ Wir evangelische Christen kennen einen höheren Beweggrund gute Werke zu tun und Gott in heiligem Leben zu dienen, neuen Gehorsam Gott gegenüber zu üben. Unser Beweggrund ist der Dank und im Dank für empfangene Gnade, in Erwiderung der an uns gewandten Liebe sind wir willig, uns selbst ganz und völlig Gott zum Opfer hinzugeben. Bei jenem Streit zwischen Major und Amsdorf stellte Major die Behauptung auf, gute Werke seien notwendig zur Seligkeit. Nach Art der Streit-Theologie jener Zeit stellte Amsdorf, der einst Luther sehr nahgestanden war, die sonderbare Behauptung auf, gute Werke seien schädlich zur Seligkeit. Es kommt darauf an, wie es gemeint ist. Gute Werke sind notwendig zur Seligkeit, nicht in dem Sinn, als ob wir durch sie Gerechtigkeit vor Gott könnten erwerben, sondern sie sind notwendig als Früchte des Glaubens, als Erweis unserer Liebe zu Gott, als Zeichen unseres Dankes. Schädlich sind gute Werke, wenn man Gott gegenüber fälschlich sein Vertrauen auf sie setzt.
.
Noch ist ein kurzes Wort darüber zu reden, was nun gute Werke sind. Die katholische Kirche versteht unter guten Werken im allgemeinen auch die Erfüllung der von Gott gegebenen Gebote, aber sie unterscheidet von den Geboten, die allen Menschen schlechthin gelten, die sogen. evangelischen Ratschläge, das sind Forderungen,| die Gott nicht an alle stellt, deren Erfüllung vielmehr ein sonderliches Verdienst vor Gott erwirbt. Als solche evangelische Ratschläge sehen sie etwa an das Wort an den reichen Jüngling: „Verkaufe alles, was du hast und gib’s den Armen und komm und folge mir nach.“ Sie verstehen Jesu seelsorgerliches Vorgehen mit jenem Jüngling nicht. Der Herr wollte jenem Jüngling, der meinte, alle die Gebote Gottes gehalten zu haben von Jugend auf, zeigen, daß er noch lange nicht mit dem ersten Gebot fertig sei, sonst müßte er ja, wenn er wirklich Gott über alles gestellt und geliebt hätte, leicht und fröhlich den Entschluß gefaßt haben, im Gehorsam gegen Christi Wort alles zu verlassen und als sein Jünger ihm nachzufolgen, um sein Zeuge vor der Welt zu werden. So hat die katholische Kirche die Anschauung, daß durch besondere Leistungen, die nicht unbedingt von jedem verlangt werden, ein besonderes Verdienst erworben werden könne. Dieser römische Begriff von guten Werken als besonderer Einzelleistungen, die man vollbringt, ohne dazu unmittelbar verpflichtet zu sein, lebt freilich vielfach auch in den Herzen evangelischer Christen, weil es eben dem selbstgerechten Sinn des natürlichen Menschen entspricht. Man bekommt in niederen wie höheren Schulen auf die Frage: was sind gute Werke? selten eine andere Antwort als die: Wenn man einem Armen etwas gibt oder etwas Besonderes für die Kirche tut. Das ist ein falscher Begriff der guten Werke. Der evangelische Christ soll wissen, daß wir schuldig sind uns mit allem, was wir sind und haben, Gott zu einem Opfer des Dankes darzubringen und unsere Freude ist es, wenn wir es dürfen, wenn Gott uns die Möglichkeit gewährt und uns so führt, daß wir ihm und seiner Sache in etwas dienen können. Darüber spricht sich besonders der vorhin angeführte 16. Artikel der Augsburgischen Konfession aus, der zunächst von Polizei und weltlichem Regiment, nämlich von den obrigkeitlichen Ordnungen in der Welt handelt. Da ist dargelegt, daß nicht das rechte christliche Vollkommenheit sei, wenn man äußerlich gewisser Dinge sich entschlage, ins Kloster gehe und anderes mehr, sondern daß man die Liebe gegen Gott zu beweisen habe ein jeder in seinem Stand, in den Gott ihn stellt, durch Erfüllung der göttlichen Gebote.
.
Wenn wir aber von dem Verhältnis von Glauben und guten Werken sprechen, dürfen wir dabei die reformierte Kirche nicht völlig übergehen. Sie ist an sich mit uns in der Rechtfertigungslehre eins, aber ein bezeichnender Unterschied tritt hervor in der Frage nach der Gewißheit des Heils. Dem katholischen Christen garantiert die Kirche die Heilsgewißheit auf Grund der Werke, die er im Gehorsam gegen die Kirche verrichtet, dem reformierten Christen gibt die Lebenserneuerung die Versicherung des Heils. Wir sagen: die Erneuerung des Lebens, daß der Geist Gottes uns zum Guten treibt, mag uns eine Gewißheit mehr sein, daß Christi Geist in| uns wohnt. Die Heilsgewißheit aber an sich ruht nicht auf unserm Tun, auch nicht auf der Heiligung oder Lebenserneuerung, sondern auf dem Zeugnis des heiligen Geistes in Wort und Sakrament. Eben durch die irrige Auffassung der Reformierten über die Heilsgewißheit tritt doch ein gesetzlicher, willkürlicher Zug, der nicht zu verkennen ist, ins reformierte Christentum herein. Von diesem Gesichtspunkt aus kann man wohl von einem Unterschied lutherischer, reformierter und katholischer Sittlichkeit reden.


II.

Damit kommen wir auf die Früchte, welche die Kirche der Reformation durch ihre Predigt und Lehre zeitigen sollte und wollte im Leben der einzelnen Christen.

Wenn wir von einem Unterschied katholischer, lutherischer und auch reformierter Sittlichkeit reden, wollen wir gewiß von jeglicher Ueberhebung uns fernhalten und immer daran denken: „Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert.“ Wir können von beiden, Katholischen und Reformierten vieles lernen. Von den Katholiken größeren Fleiß in der Betätigung der Zugehörigkeit zur Kirche und in den Opfern gerade für kirchliche Zwecke, von den Reformierten mehr Eifer für die Werke des Reiches Gottes. Doch werden wir festzustellen haben, daß die evangelisch-lutherische Sittlichkeit etwas Nüchterneres und Klareres hat als die katholische und die reformierte. Die römische Kirche hat in allem, in ihren Lebensäußerungen und in ihrem Einfluß auf das Leben ihrer Glieder, den Zug des Sinnenfälligen. Da tritt alles äußerlich und merkbar vor Augen. Kommt man in katholische Gegenden, so zeigen uns die Kruzifixe an den Straßen wo wir sind. Nicht als ob das etwas Verwerfliches wäre; es ist etwas Schönes, es imponiert, wenn z. B. auf der Zugspitze oder dem Rigi oder dem Watzmann ein großes Kreuz prangt. Mir sagte ein alter Führer, der unzählige Male den großen Watzmann bestiegen hat, als 9jähriger Knabe sei er zum erstenmal barfuß hinauf gelaufen. „Das war ein Gottesdienst“ sagte er, „man hat damals gedacht, man tue ein besonders gutes Werk, wenn man hoch oben vor dem Kreuz ein Vaterunser betete.“ Es ist viel Katholisches hierbei eingemengt, aber doch auch manches Schöne darin enthalten. Wir wissen, daß auch Löhe auf Errichtung von Kruzifixen innerhalb seiner Pfarrei aus war, deren wir uns heute noch erfreuen. Es ist immerhin ein Vorzug, wenn man in katholischer Gegend durch die Kreuze am Wege an das Leiden und Sterben des Herrn und durch mancherlei Unterschriften unter den Kreuzen an das eigene Ende gemahnt wird. Ebenso mag es auch besonderen Eindruck machen, wenn in mancher katholischen Gegend noch der Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“ entgegenschallt, wenn man die Kirchen offen findet und Betende darin erblicken kann und wenn auf offenen Straßen| oder Märkten die Leute beim Glockenzeichen der Wandlung aus die Kniee niederfallen. Aber freilich, es ist etwas Aeußerliches, wenn es auch wohlgefallen und imponieren kann. Ich habe in katholischen Gegenden gesehen, wie an Feiertagen früh die Kirchen, aber nachmittags die Wirtshäuser stark gefüllt gewesen sind, ein grelles Gegenbild dieses äußern Gehorsams. Ueber den Stand der Sittlichkeit auf beiden Seiten gibt auch die sogen. Kriminal-Statistik d. i. die Zusammenstellung der vorgekommenen Verbrechen, die von den Gerichten bestraft wurden, ein bezeichnendes Bild. Da steht die katholische Kirche stark zurück, da zeigt sich, daß die Mehrzahl der Verbrechen gegen Leben und Eigentum auf katholischer Seite begangen werden. Das ist ein Punkt, den niemand hinwegstreiten kann, den man denen recht vor Augen stellen muß, die von katholischer äußerlicher Kirchlichkeit sich imponieren lassen. Es ist keine Frage, daß evangelische Landesteile durch größere bürgerliche Tüchtigkeit, durch Fleiß und Ordnungsliebe sich vor katholischen Landesteilen auszeichnen. – Nun zur reformierten Richtung. Anzuerkennen ist bei den eifrigen reformierten Christen der große Ernst des Heiligungslebens, der sie vielfach auszeichnet; aber es findet sich dabei ein stark gesetzlicher Zug. Merkwürdig ist zu sehen, wie Extreme sich berühren. Es gibt kein stärkeres Extrem als katholische und reformierten Art, wir brauchen nur an die heiligen Orte und den Schmuck der Kirchen zu denken und doch berühren sie sich vielfach. Den katholischen Fastengeboten entspricht auf reformierten Boden die gelöbnisweise übernommene Abstinenz, wie sie in Amerika geübt, ja als Zeichen der Bekehrung geradezu gefordert wird. Ferner, was den Eifer für die Sache des Reiches Gottes anlangt, der reformierterseits unverkennbar ist, muß hervorgehoben werden die Willkür, die vielfach entgegentritt. Was ist es Erschreckendes, wenn in Amerika hunderte von weiblichen Pfarrern vorhanden sind, dem Wort des Apostels, daß das Weib in der Gemeinde nicht reden soll, geradezu ins Gesicht schlagend. Das ist ein Geist der Willkür und Abkehr vom Wort. Vergleichen wir damit die Willkür römischer Kirchengebote. Denken wir ferner an das auf reformiertem Boden erwachsene Gesundbeten, das in verschiedener Gestalt auch in Deutschland hervorgetreten ist und vergleichen wir damit die Wunder, die katholischerseits in Lourdes und anderen Wallfahrtsorten geschehen sein sollen. Dann ist zu denken an die schwarmgeistliche Richtung reformierterseits, die sich vom Wort Gottes loslöst und auf unmittelbare Geisteseingabe stützt. Dem entsprechen römischerseits die angeblichen Erscheinungen von Engeln und der hl. Maria; wie bekanntlich der Gründer des Jesuitenordens Ignatius von Loyala durch ein solches Gesicht sich zum Stifter dieses Ordens berufen glaubte. Ein weiterer Punkt ist das Betonen der Heiligung im Unterschied oder Gegensatz zur Rechtfertigung.| In der römischen Kirche liegt das offen zu Tag in der Lehre von den Heiligen. Aber auch auf reformiertem Boden finden wir den Perfektionismus d. h. die Anschauung vieler aus dem Methodismus Hervorgegangenen, daß der Mensch schon in diesem Leben zur Sündlosigkeit gelangen könne, von welcher Anschauung auch die extreme Gemeinschaftsrichtung nicht freizusprechen ist.

Im Unterschied davon trägt das lutherische Christentum in seiner Uebung der Sittlichkeit einen nüchternen, klaren Charakter. Wie war es an Jesu so groß, daß er in den Schranken blieb, in welche die menschliche Ordnung, ja selbst das jüdische Herkommen ihn wies. Innerhalb dieser gottgesetzten Schranken führte er seinen Wandel auf Erden und hat wohlgetan und gesund gemacht die vom Teufel überwältigt waren. Alles in höchster Einfachheit und Nüchternheit. Wie unterscheidet er sich doch von Johannes, der noch nicht das Evangelium repräsentierte. Jener aß und trank nicht; des Menschen Sohn isset und trinket. Er lebte so ganz innerhalb der menschlichen Natur, so aber, daß er vollkommenen Gehorsam gegen den Vater darin betätigte. Ein nüchternes, einfaches, klares Christentum ist auch bei Luther zu bemerken. Wie war er der rechte deutsche Mann und Familienvater, der sich freuen konnte an allen Werken Gottes, an den Blumen seines Gartens, der nicht in kühler Zurückhaltung menschliche Gefühle unterdrüekte, wie Calvin, der beim Tode des einzigen Kindes die Worte schrieb: „Gott gab, Gott nahm.“ Wie anders Luther, der beim Tode seines Vaters und seiner Mutter oder seines Töchterleins Magdalene sich nicht geschämt hat, seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Er besaß auch Verständnis für die Kunst, wie er sagt: „Denn der ich nicht der Meinung bin wie etliche Abergeistliche fürgeben, daß ich die Künste mißachte; ich wollte sie vielmehr alle sehen, zumal die Musika, im Dienste desen, der sie geschaffen hat.“ Das ist lutherisches Christentum: Verklärung und Heiligung des natürlichen Lebens, in dessen Grenzen man bleibt.


III.

Ganz entsprechend ist nun die Frucht der Kirche der Reformation im öffentlichen Leben.

In der äußeren Organisation, das haben wir schon hervorgehoben, weist die Kirche der lutherischen Reformation manche Mängel auf, gewiß nicht ohne göttliche Fügung. Nur das reine Wort und Sakrament sollte ihr Kleinod sein; nach Seiten der Verfassung insbesondere hat sie nichts Großes geleistet. Rom wollte die Weltbeherrschung auf jedem Gebiet und die ganze römische Art zeigt eine Weltverklärung, die jetzt schon vorweg genommen wird, nachdem, sie doch erst der Vollendung zukommen soll. Die Reformierten versuchten, ins alttestamentliche Wesen zurückfallend, in| Genf und Zürich in gesetzlicher Weise einen Gottesstaat einzurichten und Calvin ist soweit gegangen, daß er einen Leugner der Gottheit Christi namens Michael Servede öffentlich vor seinen Augen in Genf dem Feuertode überantwortete. Die lutherische Kirche hat überall versucht, die natürlichen Verhältnisse mit dem Geiste des Evangeliums zu durchdringen. Wie schöne bürgerliche Ordnungen hat sie geschaffen, wie manch edle christliche Sitte, was für Gaben hat sie dem Volke dargereicht in ihrer erbaulichen Literatur. Man kann da auch sagen, wie vom Kirchenlied, von der Quelle der Reformation aus hat sich ein Strom geisterfüllter Schriften ergossen, der der Christenheit Segen bringt bis zum heutigen Tag. Denken wir an die Gebetbücher, von Habermann an bis auf Schmolck und Johann Friedrich Starck, an die Erbauungsliteratur wie sie allein von Nürnberg ausgegangen ist. Ein Muster eines lutherisch-christlichen Landesfürsten kann der Herzog Ernst von Gotha füglich genannt werden.

Insbesondere möge, was die Wirkung der Kirche der Reformation auf das öffentliche Leben anlangt, auf zwei Einrichtungen hingewiesen werden. Die erste ist die Armenpflege. Von der päpstlichen Kirche wurde im Mittelalter der Bettel geradezu großgezogen. Haben doch die Mönchsorden, Dominikaner, Franziskaner, Augustiner den Bettel gewerbsmäßig geübt. Vor den Kirchen ferner fanden sich die Bettler zusammen und sollten sich dort zusammenfinden, daß die Gläubigen Gelegenheit hätten, gute Werke zu vollbringen. Luther hat das abgestellt und zu geordneter Armenpflege geraten. Opfer sollten im Gottesdienst gesammelt und recht und gleichmäßig für die Armen verwendet werden. Er wurde damit der Begründer der Armenpflege durch die christliche Gemeinde. Heute noch steht Deutschland in der Ordnung der öffentlichen Armenpflege und der Fürsorge für nicht mehr Arbeitsfähige allen andern Ländern voran und soweit andere Länder derartige Einrichtungen haben, haben sie dieselben von Deutschland her übernommen. Luther hat freilich nur die christliche Gemeinde mit der Ordnung der Armenpflege betrauen wollen; sie ist später an die bürgerliche Gemeinde übergegangen. Evangelischer Geist aber hat das hervorgerufen.

Das andere Gewächs der Kirche der Reformation auf diesem Gebiet ist die christliche Schule. Hier steht Deutschland erst recht allen voran. Selbst Länder, bei denen das Christentum eine starke öffentliche Macht ist wie England, kennen die christliche Volksschule nicht. Deutschland hat immer als Land der Schule gelten können, erst die Klosterschulen, dann Karls des Großen Schulen auf den Königshöfen. Aber doch eigentlich erst die Reformation hat das christliche Volksschulwesen begründet. Luther schrieb 1524 die Schrift an die Bürgermeister und Ratsherren deutscher Städte, daß sie sollten christliche Schulen aufrichten. Er hat im Jahre 1530| einen Sermon geschrieben, daß man die Kinder solle zur Schule anhalten. Die höheren Schulen hat Melanchthon instandgesetzt, er ist der Schöpfer des deutschen Gymnasiums und er gestaltete auch die Universitäten neu. Auf die Einrichtung der Volkschulen aber hat Luther den größten Einfluß ausgeübt. Hier ist auch sein Katechismus zu nennen. An der chursächsischen Kirchenvisitation des Jahres 1527/28 nahm auch Luther teil und bekam einen Eindruck von der unglaublichen Unwissenheit des Volkes. So ermunterte er seine Mitarbeiter, einen Katechismus zu verfassen und machte sich darnach, weil keiner ihm ganz entsprechend war, selbst ans Werk. Er verfaßte den großen Katechismus, der eine schöne Darlegung der gesamten christlichen Lehre in zusammenhängendem Vortrag enthält. Da derselbe aber zu ausführlich ausfiel, verfaßte er 1529 den kleinen Katechismus. Derselbe ist ein wahres Meisterwerk und er ist es wert, daß man ihn in seiner Urgestalt kennen lernt, wie er in den Lutherheften von Zwickau zu finden ist. Da findet man die herrliche Vorrede an die Pfarrherrn, welche die Worte enthält: „Euer Amt ist nun ein ander Ding worden denn es unter dem Papsttum war, es ist ernst und heilsam worden.“ Man könnte lange darüber reden, welche genialen Griffe Luther im kleinen Katechismus tat, wie z. B. im 1. Hauptstück, wo er die Beziehung aller Gebote auf das erste Gebot in einfachster Weise durch den Anfang jeder folgenden Auslegung feststellt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben.“ Wie glücklich war sein Griff, aus dem ersten Gebot, wie es 2. Mose 20 wörtlich steht, den Satz herauszuheben: „Ich der Herr dein Gott .[.].“ und an den Schluß zu stellen als Antwort auf die Frage: was sagt nun Gott von diesen Geboten allen? Die Auslegung des 2. Glaubensartikels gilt nach dem Urteil eines Sprachkenners für die schönste Satzperiode, die in deutscher Sprache jemals gefügt worden ist: umfassend, tiefgehend, aber außerordentlich einfach und klar. Welche Gewalt über die Sprache tritt uns in der Auslegung des 3. Hauptstückes entgegen bald in ausführlicher Darlegung, bald in kurzen Sätzen. Wie meisterhaft sind die kurzen Gebete, die Luther für vor- und nach Tisch, für Morgen und Abend beifügt, wie wichtig die Haustafel auf die Luther selbst großen Wert gelegt hat.

Wir können diesen Abschnitt nicht schließen, ohne darauf hingewiesen zu haben, worüber ich bei anderer Gelegenheit schon sprach, welchen Segen und welche Frucht die Kirche der Reformation in und nach dem 30jährigen Krieg gebracht hat. Der Dienst der Kirche am deutschen Volk in dieser Zeit kann nicht hoch genug angeschlagen werden. Wenn trotz aller Zerstörung das Volk sich wieder emporhob, so kann das nur auf dem Einfluß der Kirche und des geistlichen Amtes beruht haben.


|
IV.
Nun ferner ein Wort von den höheren Betätigungen der Kirche, ja von ihrer höchsten Betätigung. In alten Erntefestgebeten und -Vermahnungen kann man lesen: Gott möge geben, daß wir die zeitlichen Gaben so anwenden, daß sie auch für den Bau von Kirche und Schule dienen. Das kommt uns recht nüchtern vor und doch liegt viel darin. Wir dürfen ja freilich an höhere Werke der Sache Gottes denken, die Werke für die Ausbreitung des Reiches Gottes, die Mission, das gewaltigste Werk, auf dem gewaltigsten Wort Jesu Christi ruhend, das sie zum Stistungsbrief hat: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und macht zu meinen Jüngern alle Völker.“ Die Mission ist so alt wie die Kirche selber und hat den besonderen Auftrag des Herrn: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Wie war es mit dem Missionswerk in der Reformationszeit? Unter unsern Missionsliedern steht voran Luthers Lied „Es woll uns Gott genädig sein,“ indem es heißt: „Es danken Gott und loben dich die Heiden überalle.“ Luther hat das aber nicht als Missionslied gemeint und versteht unter „Heiden“ die Völker, die im Unterschied von Israel in die Kirche eingetreten sind. An das Missionswerk selbst hat er nicht gedacht. Das ist wohl erklärlich, er hatte das richtige Weltbild noch nicht, er hatte keine Vorstellung von der eigentlichen Ausdehnung der Erde; die ihm bekannten Länder hatten meist früher schon das Christentum gehabt. Er glaubte, daß die meisten Heiden das Evangelium schon gehabt hätten und meinte, daß sein Werk die letzte göttliche Gnadenposaune vor dem Einbruch des Weltendes sei. So blieb sein Blick auf die Heimat gerichtet. Die katholische Kirche hat einen weiteren Blick bewiesen. Bald nach der Reformation begann sie eine große Missionstätigkeit, die durch den Namen Franz Xaver, der in China und Japan missionierte, bezeichnet ist. Die Reformierte Kirche ist lange auch nicht zur Heiden-Mission gelangt, obwohl sie Länder wie Holland und England, die durch Seeverkehr unmittelbarer dazu berufen gewesen wären, zu ihrem Gebiet rechnete. Für die lutherische Kirche erklärt sich dass späte Eintreten in das Missionswerk aus den schweren Zeiten des 30jährigen Krieges, auch aus der landesherrlichen Gebundenheit und den engen Gesichtspunkten der Kirchenleitung. Ein Mangel ist und bleibt das; doch hat die lutherische Kirche den Ruhm, daß sie unter allen evangelischen Kirchen zuerst in die Missionsarbeit eintrat. Eine Mahnung gab Freiherr Justinian von Welz im Jahre 1664, aber erst im Jahre 1705 kam es dazu, daß durch den lutherischen König Friedrich IV. von Dänemark zum ersten Mal ein Missionswerk begonnen wurde. Auf seine Bitte wurden Ziegenbalg und Plützschau von Halle aus nach Indien gesandt und wurden die Begründer der Tamulen-Mission. Leider ist diese| Mission durch den Nationalismus sehr geschädigt worden, ja fast untergegangen. Es wurde eine völlige Neubegründung des Missionswerkes nötig und sie ist im Jahre 1792 von England her und von reformierter Seite aus erfolgt. Seither geht das reformierte England an der Spitze dieser Arbeit. – Doch ist die lutherische Kirche beim Wiedererwachen des christlichen Lebens in ihrer Mitte mit Ernst an das Missionswerk herangetreten und Löhe war es besonders, der schon bei der Begründung der Leipziger, ehemals Dresdener Mission beteiligt war und der auch von hier aus im Anschluß an seine Arbeit unter den Glaubensgenossen Amerikas ein Missionswerk unter den Indianern begann. Wir stehen nicht an, das Zurückstehen unserer Kirche auf dem Missionsgebiet hinter der katholischen und reformierten Kirche anzuerkennen und wollen uns dadurch von ihnen recht zum Eifer reizen lassen.


V.

Neben die äußere Mission tritt dann die innere Mission, die besondere Tätigkeit für Besserung und Ausbau des kirchlichen Standes der Heimat.

Die Reformationszeit fand einst ein wohlgeordnetes bürgerliches Leben vor in feinen Ordnungen, die sie stärkte und aufrechterhielt. Die durch schwere Kriegsläufte und allerlei Nöte je und je hervorgetretenen Mißstände waren mehr vorübergehender Art und wurden immer wieder überwunden. Anders wurde es mit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. Teils durch die lange Kriegszeit mit ihren traurigen Nachwirkungen, teils durch die Umänderungen des gewerblichen Lebens infolge der Erfindung von Maschinen, durch Entstehung der Fabriken kam es zur Ansammlung der Bevölkerung in den Städten, die dann im weiteren zur Ansammlung des Unglaubens und der Entfremdung von der Kirche in den Städten sich auswuchs. Da mußte die christliche Liebestätigkeit in besonderem Maße und neuer Weise einsetzen. Vorbereitet war sie durch Liebesanstalten, unter denen das Halle’sche Waisenhaus von A. H. Francke vor allem zu nennen ist. Dann bildete sich in der Kirche die Form der christlichen Vereinigungen und Gesellschaften als Träger dieser Liebestätigkeit. Und so konnte als reife Frucht das Werk der innern Mission und im Zusammenhang mit ihr das Werk der weiblichen Diakonie (das Diakonissenwesen) sich entfalten. Die innere Mission wurde besonders im Jahre 1848 bei den damals hervorgetretenen starken Schäden im Volksleben in Angriff genommen durch Wichern, der nicht der lutherischen Richtung angehörte. Doch konnte Löhe damals sagen, daß er längst Werke der inneren Mission getrieben habe und daß er nun hervor trat um zu zeigen, daß auch die lutherische Kirche nicht ausgeschlossen sei von der Arbeit der innern Mission und von den Werken der Barmherzigkeit. – Das Diakonissenwerk| ist ebenfalls nicht auf dem Boden der lutherischen Kirche entstanden; denn Fliedner war Unionist mit mehr reformierter Färbung, doch kirchlich gerichtet, was ihm zu Dank angerechnet werden muß. Löhes Verdienst war es, daß er gegenüber solchen, die sich vorsichtig, fast argwöhnisch zurückhielten, die Meinung vertrat, daß die lutherische Kirche sich nicht ausschließen dürfe von den Werken der inneren Mission und auch der weiblichen Diakonie. So hat denn auch unsere Kirche bei diesem Werk ihre Tätigkeit mitüben dürfen und darf sie üben bis auf diesen Tag. Aber auch hier ist es ihre Aufgabe, evangelische Nüchternheit zu bewahren. Beim Verband der Diakonissenhäuser kann man wohl bemerken, daß die preußischen Häuser oft etwas unruhig Antriebe geben zu neuen Tätigkeiten und Organisationen, während auf Seiten der Lutheraner immer nüchterne klare Erwägung der Dinge vorherrscht.

Diakonissen aber dürfen sich sagen, daß es für sie eine besondere Gnade ist, zur Mitarbeit an einem großen Werk für den Dienst der Kirche berufen zu sein. Sie dürfen durch ihr Werk mitzeugen davon, daß es eine Kraft gibt von oben, von dem erhöhten Herrn Christus her, die in der Kirche Jesu Christi sich erweist. Möchten Sie diese Aufgabe in Treue erfüllen und sich desen wert zeigen, daß Sie eingesegnete Diakonissen sind. Möge auch in Ihnen der Geist nüchternen, schriftgemäßen Luthertums recht wirksam sein und Früchte bringen, die da bleiben.

Psalm 85. – Lied 18, Vers 2.


« 7. Stunde Wilhelm Eichhorn
Einsegnungsunterricht 1917
9. Stunde »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).