Einsegnungsunterricht 1917/3. Stunde

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Einsegnungsunterricht 1917
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3. Stunde
am Samstag, den 6. Oktober, vormittags 9 Uhr.
Lied 315, 1-3. 6. Ps. 81. Kollekte 229, 65.
Die Versuche einer Reformation der Kirche.
Wie verschieden doch kann eine und dieselbe geschichtliche Erscheinung beurteilt werden! Wir reden von der Reformation, wir freuen uns, das 400 jährige Jubelfest des Beginnens derselben jetzt bald erleben zu dürfen. Wir lassen uns nicht irre machen in der Ueberzeugung, daß die gesegnete Reformation, die an Luthers Namen| sich knüpft, zu den herrlichsten Erscheinungen der ganzen Geschichte der Kirche zählt, daß die Tage der Reformation ein Zeitraum sind, der schon in der Erinnerung an denselben unser Herz höher schlagen läßt, daß die Männer der Reformation – Luther voran – sicherlich zu denen gehören, auf welche das Wort Daniels angewandt werden darf: „Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die so viele zur Gerechtigkeit weisen wie die Sterne immer und ewiglich,“ ja auf welche das Wort des Hebräerbriefes geht: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, welcher Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach.“ Wie anders urteilen aber nun die Angehörigen der päpstlichen Kirche, die Anhänger Roms! Alle Schäden, alle Mißstände, insbesondere alle Spaltung der Kirche werden dort auf Rechnung der Reformation geschrieben. Wir leugnen ja nicht, daß dies Werk auch Auswüchse gezeitigt hat. Wo gäbe es eine tiefergehende geistige Bewegung, bei der das nicht der Fall wäre? Wir werden seiner Zeit hören vom Auftreten der Schwarmgeister und vom Bauernaufstand, aber auch hören, daß die Reformation diese Auswüchse abgestreift und abgestoßen hat. Wir leugnen auch nicht, daß die Reformation eine weitere Spaltung in der Christenheit nach sich zog, aber die Schuld trägt das Papsttum, das die Wahrheit nicht annahm. – Daß aber eine Reformation der Kirche nötig war, davon haben wir uns doch wohl bei dem gestern gegebenen Ueberblick über die Entwicklung der Kirche durch das Mittelalter und bis zur Reformation hin überzeugt. Es läßt sich aber die Notwendigkeit einer Reformation auch noch auf andere Weise nachweisen, nämlich durch einen Blick auf die Zeit nach der Reformation, dadurch daß die römische, die päpstliche Kirche selber von der Reformation gelernt und durch die Reformation innerlich gewonnen hat.
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Lange Zeit allerdings haben die ganz weltlich gesinnten Päpste, die zur Zeit der Reformation regierten, ein Verständnis dafür gehabt, daß in der Reformation der Notschrei des von der Sünde geängsteten Gewissens emporstieg, sie haben keine Ahnung gehabt von der Bedeutsamkeit dieser geistlichen Bewegung. Erst Papst Paul IV. der von 1555-1559 regiert hat, ist es gewesen, dem zuerst durch eine böse Erfahrung am eigenen Fleisch, nämlich an seinem Neffen, der in seiner Umgebung war, die Augen aufgingen; er gab selber die Losung aus „Reform“ und die katholische Kirche hat darnach in vieler Hinsicht, wie wir später sehen werden, sich innerlich gefestigt und mehrfach erneuert. Ist das nicht ein deutlicher Beweis für die Notwendigkeit einer Reformation? Aber nicht nur die Zeit nach der Reformation beweist uns das, sondern auch die vorhergehende Zeit gab selbst lautes Zeugnis davon. Wie einmütig ging durch die Kirche des Abendlandes schon lange – mehr| als ein Jahrhundert vorher – der Ruf nach einer Reformation an Haupt und Gliedern. Kaiser und Könige, Bischöfe und Lehrer der Hohen Schulen waren in diesem Rufe nach Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse eins. Kann es einen deutlicheren Beweis für die Notwendigkeit der Reformation geben?

Wir reden heute:

Von den Versuchen einer Reformation der Kirche
1. die von Anfang an hervortretenden Gegenwirkungen,
2. das Verlangen der berufenen Organe nach einer Reformation an Haupt und Gliedern,
3. die Reformatoren vor der Reformation,
4. einzelne erfreuliche Erscheinungen, aus der vorreformatorischen Zeit, zum Teil wichtig für den Diakonissenberuf.


I.
Als wir gestern einen Ueberblick über die Entwicklung der Kirche gaben, mußten wir sagen, daß sehr frühe schon trübende Elemente sich eingemengt haben in die Kirche des Herrn. Bald schon tritt ein gesetzlicher Zug uns vor Augen, eine Ueberschätzung des Bischofsamtes, die zu einer Veräußerlichung der Kirche mit Notwendigkeit führen mußte. Wir können aber noch weiter zurückgehen. Im letzten Buch der heiligen Schrift, in den Sendschreiben der Offenbarung an die 7 Gemeinden Asiens werden arge Mißstände in den Gemeinden gestraft. Vier von den 7 Sendschreiben – das an Ephesus, Pergamum, Tyatira und Sardes – tragen vorherrschend tadelnden, strafenden Charakter. Ist die Offenbarung wohl eine der letzten, wenn nicht die letzte Schrift des neuen Testamentes, so wird von der gegenwärtigen gläubigen Schriftwissenschaft für die älteste Schrift der Jakobusbrief gehalten, dessen Entstehung man auf das Jahr 50 nach Christi glaubt setzen zu müssen. Da sieht man auch schon, wie in der größer gewordenen, länger schon bestehenden Christengemeinde innerhalb des Volkes Israel, an welche diese Schrift wohl gerichtet ist, schon böse Mißstände hervorgetreten sind: Mißachtung der Armen, Ueberschätzung des Reichtums, arge Zungensünden und viel anderes mehr. Ja, wir könnten noch weiter zurückgehen. Schon bald in der apostolischen Gemeinde in Jerusalem kam die Heuchelei des Ananias und der Saphira zum Vorschein und unter den Zwölfen war ein Judas. Von Anfang aber wurde auch diesem eindringenden Verderben entgegengetreten, eine Gegenwirkung machte sich geltend, ermöglicht zunächst durch die heilsame Zucht, die nach dem Befehl des Herrn durch die Einsetzung des Bindeschlüssels „welchen ihr die Sünden behaltet,| denen sind sie behalten,“ durch Recht und Pflicht des Ausschlusses aus der Gemeinde „Hört er die Gemeinde nicht, so halte ihn als einen Heiden und Zöllner,“ geübt werden solle. Freilich sehen wir auch bald, je größer die Gemeinden wurden, desto lässiger hat man es mit dieser Kirchenzucht genommen; das beweist der erste Korintherbrief. Der Herr hat auch vorausgesagt, daß auf dem Acker seines Reiches neben dem Weizen stets Unkraut sein wird und er hat deutlich ausgesprochen, daß es nicht möglich ist in der Werdezeit der Kirche das Unkraut völlig hinauszutun; da Menschenaugen es nicht vom guten Samen zu unterscheiden vermögen. Wenn nun sehr bald schon in der Kirche das Bestreben hervortrat Gemeinden wo möglich von lauter Heiligen und Gläubigen zusammenzubringen, so ist das gewiß eine Irrung nach diesem Gleichnis, aber zugleich doch auch eine Warnung für die Kirche und ein Beweis noch vorhandenen Lebens, das sich geltend macht gegenüber dem vorhandenen Verderben. So wollen die Sekten zu allen Zeiten angesehen sein. So ist auch in unserer Zeit etwa das Auftreten methodistischer Richtungen ein ernstes Zeugnis an die Kirche den Ernst des Christentums und auch die Notwendigkeit der Zucht nicht zu übersehen.
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Der erste Versuch entgegen der weltlich werdenden Kirche eine Gemeinde von lauter Gläubigen zusammenzubringen ist der Montanismus gewesen, der sich zurückführt auf einen gewissen Montanus aus Phrygien in Kleinasien, der um das Jahr 150 als Reformator des Christentums auftrat, nachdem er erst unmittelbar zuvor Christ geworden war. Anfangs war sein Auftreten und das Auftreten seiner Anhänger sehr schwärmerisch, insofern besonders auch die Frauen sich mit Weissagungen und Predigten hervordrängten, eine Erscheinung, die merkwürdiger Weise von da an den mehr nach der sektiererischen Seite hingehenden Bestrebungen eigen geblieben ist. Als der Montanismus vom Morgenlande in die abendländische Kirche herübergriff, gewann er eine etwas nüchternere Form. Ein besonderer Gewinn für diese Richtung war es, daß Tertullian, Presbyter in Karthago, ein hervorragender Kirchenlehrer, 202 gestorben, für die Sache gewonnen wurde, der fortan durch Wort und Schrift eifrig für den Montanismus warb. Was er hauptsächlich vortrug, ist der Gedanke einer neuen Geistesausgießung; das Zeitalter des Parakleten, des Trösters, soll kommen und ein baldiges Hereinbrechen des Weltendes wurde angekündigt unter starker Betonung des 1000jährigen Reichs. Sodann verlangte er mehrfach Enthaltung auch von erlaubten Genüssen und hielt auf strenge Kirchenzucht. Sehen wir von dem letzten Punkte ab, so finden wir, daß diese Bestrebungen bei ähnlichen Erscheinungen immer wiedergekehrt sind und heute noch in der Gemeinschaft mehrfach hervortreten; denken wir nur etwa an die sogenannte Pfingstbewegung. Die Kirche trat gegen den Montanismus auf und sie hatte immer noch so viel Kraft| ihm etwas Besseres, Nüchternes entgegenzusetzen, so verschwand er allmählich. Reste desselben hielten sich länger; die Gedanken sind, wie gesagt, immer wiedergekehrt. Schon hier sehen wir den Versuch unternommen, der größer werdenden Kirche eine kleinere und reinere Gemeinschaft entgegenzustellen. Nun kam aber die Zeit, wo die Kirche mit Recht eine Großkirche genannt werden konnte, das war die Zeit nach dem Uebertritt des Kaisers Konstantin zum Christentum. Da ist freilich viel weltliches Wesen in die Kirche eingedrungen. Man muß es. der Kirche lassen, daß sie möglichst dagegen wirkte, wie denn die Kirchenversammlung in Nizäa bestimmte, daß die Zeit des Katechumenats, der Vorbereitung auf die Taufe, 3 Jahre dauern müsse, um den zu starken Zustrom der Heiden und ihre oft nur äußerliche Zuwendung zum Christentum möglichst einzudämmen. Gegenüber der wirklich groß und mehrfach weltförmig gewordenen Christenheit tritt nun eine neue Erscheinung auf, die bezeichnend für alle Zeiten geblieben ist: der Donatismus. Er trat in Nordafrika auf und knüpfte an die Reste des Montanismus an. Der Bischof Mensurius von Karthago und sein Archidiakon Cäcilianus wurden der Verleugnung in der Verfolgung unter Diokletian angeklagt. Sie hätten zu denen gehört, die die heiligen Bücher auslieferten, die man traditores oder Uebergeber nannte. Nun stellte sich freilich heraus, daß sie nicht die heiligen Bücher der Christen ausgeliefert hatten, sondern häretische, ketzerische Schriften, die sie für die heiligen Schriften ausgaben; aber es mußte auch darin eine Form der Verleugnung, ein Umgehen des Martyriums erkannt werden. So traten viele gegen sie auf und wollten die beiden nicht mehr im Amte haben; sie behaupteten die von ihnen erteilten Amtshandlungen seien ungültig, weil sie verleugnet hätten und stellten nun Gegenbischöfe auf; der bedeutendste war Donatus, der sich den Titel des Großen beilegte. Der Streitpunkt war der, ob Wort und Sakrament gültig und wirksam seien, auch wenn es dargereicht wird durch solche, die nicht entschieden gläubig wären. Das ist der Punkt, über den sich die Augsburger Konfession im 8. Artikel ausführlich ausspricht, wo sie auch ausdrücklich den Donatismus verwirft. Wir erinnern uns wieder an neue Erscheinungen, auch in den Kreisen der Gemeinschaft. Da sieht man es dafür an, daß unbekehrte Geistliche, wie sie sagen, nichts wirken können; während unser Bekenntnis sagt, daß Wort und Sakrament an sich wirksam sind, wenn das Wort Gottes rein und lauter gepredigt wird und die Sakramente recht verwaltet werden. Das ist die Erscheinung des Donatismus, auch bedeutsam und nachdenkenswert für die Gegenwart. Das Schicksal des Donatismus war dies. Anfangs trat die Kirche mit ihren Mitteln gegen ihn auf; später nahm sie leider den Staat zu Hilfe. Kaiser Konstantin erklärte sich gegen denselben. Sein späterer Nachfolger Julian der Abtrünnige, der wieder ins Heidentum zurückfiel, begünstigte ihn,| weil er nach seinem Urteil die Kirche schädigte. Seit dem Jahre 400 etwa nahm Augustin, der bekanntlich in Nordafrika gelebt und gewirkt hat, den Kampf gegen ihn besonders auf, anfangs mit geistlichen Waffen; später leider verschmähte auch er nicht die Anwendung staatlicher Gewalt und er hat leider zum ersten Mal das Wort des Herrn: „Nötiget sie hereinzukommen!“ so ausgelegt, als ob damit ein Zwang und Anwendung von Gewalt gestattet sei – ein Irrtum des sonst großen und mehrfach evangelisch gerichteten Mannes.
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Nun schreiten wir über Jahrhunderte hin, in welchen die größte äußere Veränderung in der Welt und Kirche geschah. Die Stürme der Völkerwanderung brausten über die abendländische Christenheit hin; die deutschen Völker wandten sich dem Christentum zu und stellten ihm neue große Aufgaben kirchlicher Erziehung. Aber die Kirche ist mehr und mehr eine äußerliche Gesetzeskirche geworden; doch fehlte es auch jetzt an Entgegenwirkungen nicht un so tritt uns im früheren Mittelalter die Erscheinung der Katharer entgegen, die zuerst im Süden Frankreichs auftraten. Katharer heißt die Reinen; so bezeichneten sie sich, weil sie eine reine Kirche zu sein für sich in Anspruch nahmen. Aus dem Wort Katharer ist das Wort Ketzer entstanden. Die Franzosen sagten für Ketzer bougres d. i. bulgari; das kommt auch aus jener Zeit, weil Bulgarien und überhaupt der Orient, also die griechische Kirche, der Mutterboden dieser und ähnlicher Sekten gewesen ist. Die Katharer wirkten vor allem auf Vollkommenheit und Reinheit des Lebens hin. Sie verwarfen die äußeren Gnadenmittel der Kirche und hielten sich nur an das Gebet als das einzige Gnadenmittel. Dazu trieb sie der Gegensatz gegen das Kirchentum. So lehrten sie das was die Augsburger Konfession im 5. Art. verwirft, daß man durch eigene Bereitung, Gedanke und Werk ohne das Wort den hl. Geist erlangen könne, wobei auch Art. 8 zu vergleichen ist. Die Katharer schieden sich und ihre Gemeindeglieder in Hörer, in Glaubende und in Vollkommene. Da tritt uns zum erstenmal ein Gedanke entgegen, der fernerhin die Sekten je und je gekennzeichnet hat, die Lehre von einer möglichen Sündlosigkeit und Vollkommenheit schon in diesem Leben. In den Stand der Vollkommenheit wurde man aufgenommen durch das Konsolamentum, eigentlich Trostmittel, etwa eine Art Geistestaufe mit Handauflegung, wieder ein Gedanke, der bis in unsere Zeit uns verfolgt, von der Geistestaufe, die man erlangen müsse im Unterschied von der Wassertaufe. Die Vollkommenen mußten ehelos leben und völlig abstinent sein, d. h. von jeglichem Genuß geistiger Getränke sich enthalten. Das ist das schwärmerische Moment, das in dieser Gemeinschaft sicher liegt neben großem Ernst des Lebenswandels. Die Katharer wurden von der Kirche furchtbar verfolgt. Viele von ihnen bestiegen den Scheiterhaufen und zwar freudig. Die drei bisher genannten Erscheinungen: Montanisten,| Donatisten und Katharer sind kräftige Gegenwirkungen gegen die in der Kirche überhand nehmende Laxheit; eigentlich reformatorischer Art kann man sie nicht nennen. Dagegen lag ein wesentlich reformatorisches Moment in der weiter zu nennenden Erscheinung der Waldenser. Die Waldenser führen sich zurück auf Waldez (ob er Petrus Waldez geheißen hat, ist zweifelhaft). Dieser Waldez, ein Kaufmann in Lyon, um das Jahr 1200 lebend, ein reicher Mann von großem Bildungsbedürsnis, ließ sich, der lateinischen Sprache unkundig, die Schriften der Alten, der Römer und Griechen, von deren Bildungswert er gehört hatte, um Geld in die südfranzösische Sprache übersetzen um sie lesen zu können und unter diesen Schriften auch die bisher nur im Lateinischen vorhandene Bibel. Er las also auch die Bibel zuerst in dem Interesse sie kennen zu lernen. Eine schwere Krankheit und der Tod eines Freundes – merkwürdigerweise ähnlich wie bei Luther – führten ihn auf ernste Gedanken und ließen ihn aus dem Wort der Wahrheit Leben und Kraft für seine Seele schöpfen. Beim Lesen der Schrift traf ihn besonders ein Wort ins Herz, das Wort des Herrn an den reichen Jüngling: „Verkaufe, was du hast – im Himmel haben.“ Er tat das; er gab seine Güter, seinen Besitz auf; er bildete einen Verein, sie hießen sich die Armen von Lyon, die Pauperes de Lugduno, von den Feinden meist die Gesellschaft des Waldez societas Waldensiana genannt. Sie sollten im Land umherziehen um besonders den Armen, den Unwissenden das Evangelium zu predigen. Die Kirche trat heftig dagegen auf, am meisten der Bischof von Lyon. Merkwürdig, fast zu gleicher Zeit mit ihm lebte in Assissi in Italien Franziskus, das Französlein, wie der Name eigentlich gemeint ist, weil der Vater aus Frankreich stammte, auch ein gottinniger Mensch, dabei freilich mehr schwärmerisch veranlagt. Auch ihm drang dasselbe Wort des Herrn ins Herz: „Verkaufe was du hast – im Himmel haben.“ Auch er entschloß sich auf seine Güter um der Armen willen zu verzichten und hin und her im Lande der Armen sich anzunehmen. Auch in sein Tun mengte sich der Papst ein; doch als der Papst ihn vor sich beschied, faßte er den Plan, des Franziskus Gedanken für die Kirche auszunützen und gestaltete seine bisher freie Genossenschaft zu einem Mönchsorden um. Nach dem Sinn des Franziskus war es eigentlich nicht; aber er fügte sich. Papst Innozenz III. versuchte es mit Waldez gerade so zu machen; er wollte auch seine ernste Genossenschaft zu einem Mönchsorden umgestalten; aber Waldus war ein anderer Mann wie Franziskus, ein Mann voll Klarheit und Kraft. Er lehnte ab; er hatte die Kirche in ihrem Verderben und gewaltsamen Tun zu gut kennen gelernt. Und so kam es dahin, daß die Waldenser von der herrschenden Kirche hart verfolgt wurden und sich schließlich in die unwegsamen Täler der Alpen zurückzogen. Dort haben sie sich erhalten bis auf diesen Tag.| Man hat die ursprüngliche Lehre der Waldenser, besonders die Anschauungen des Waldez selbst meist viel mehr reformatorisch und evangelisch angesehen als sie eigentlich sind. In den früheren Schriften haben die Waldenser an der Heiligen- und Marienverehrung, an der Ohrenbeichte, am Verdienst der guten Werke festgehalten. Durch die Verfolgungen, die über sie ergingen, kamen sie dazu die Ohrenbeichte zu verwerfen, blieben aber dafür nicht ganz frei von schwärmerischen Anschauungen. Auch daß sie sich in Gläubige und die höhere Stufe der Vollkommenen schieden, gehört dazu und erinnert wieder an manche Erscheinungen der Gegenwart, etwa an die Methodisten. Der bekannte Pearsall Smith hat auch gelehrt, es müsse der gläubigen Uebergabe an Gott im Sinn der Rechtfertigung ein neuer Akt der Uebergabe folgen zum Zweck der Heiligung und er lehrte auch eine zu erstrebende Sündlosigkeit. Aber eines muß man den Waldensern lassen und in diesem Punkt sind sie wahrhaft reformatorisch gewesen. Das ist ihre Wertschätzung der Bibel. Dafür haben sie gewirkt; für die Verbreitung der Bibel taten sie alles. Die vorreformatorischen Uebersetzungen der Bibel in die Volkssprachen stammten samt und sonders nachgewiesenermaßen aus Waldenserkreisen. Später haben dann die böhmischen Brüder und dann auch die Reformatoren, besonders Calvin von Genf aus, noch mehr in evangelischem Sinn aus die Waldenser eingewirkt und jetzt sind sie als evangelische Kirchengemeinschaft anzuerkennen.


II.
Das sind die Entgegenwirkungen gegen das Verderben der Kirche, die vielfach in sektiererischer Weise geschahen und gleichwohl für uns noch heute sehr lehrreich sind. Aber auch in der amtlichen Kirche durch deren berufene Vertreter hat sich beim Fortschreiten des Mittelalters der Ruf nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern immer stärker erhoben. Das hängt mit der starken Verderbnis der päpstlichen Macht, ja der Päpste selber zusammen. Als wir den Gang des Papsttums an seinen hervorragenden Vertretern von Leo dem Großen an kurz überblickten, kamen wir zuletzt noch auf Bonifaz VIII. zu reden, der von 1294 bis 1303 Papst gewesen ist. Weltklug und herrschsüchtig war er und erhob die Anmaßung des Papsttums auf den höchsten Gipfel; aber ihm erstand, wie noch erwähnt wurde, ein Gegner in dem König Philipp dem Schönen von Frankreich, unter dem das Königtum dortselbst zu großer Macht gelangt war. Es war nie so gehemmt wie es das Kaisertum in Deutschland gewesen ist durch die emporkommenden Landesfürsten und anderes mehr. Er vermochte| deshalb viel entschiedener gegen das Papsttum aufzutreten. Als Philipp einen Streit mit dem König von England hatte, wollte der Papst den Schiedsrichter machen, wie er denn auch jetzt in diesen Tagen diese Rolle zu spielen versucht. Philipp wies ihn energisch zurück. Gleichzeitig besteuerte er die Geistlichen und die Klöster in Frankreich um die Kriegskosten zu decken. Der Papst verbot es, der König hielt fest daran, setzte seinerseits den Papst ab, schickte eine Heeresabteilung nach Florenz und ließ den Papst gefangen nehmen; der stolz auf seinem Thron sitzend in vollem Ornat seine Feinde erwartete. Er starb bald daraus im Exil. Damit begann eine Zeit, in der die Könige Frankreichs den höchsten Einfluß auf die päpstliche Macht ausübten. Wiederholt wurden Franzosen zu Päpsten gewählt, während es sonst fast ausschließlich Italiener gewesen waren; ja schon der nächste Papst, der eine Kreatur Frankreichs war, siedelte nach Frankreich über und verließ Rom. Das ist das 70 jährige Exil des Papsttums in Avignon in Südfrankreich das von 1309-1377 gewährt hat. Die Römer aber wollten es sich doch auf die Dauer nicht gefallen lassen, daß ihnen das Papsttum entzogen wurde, und so machten sie immer wieder den Versuch ihn zur Rückkehr zu bestimmen. Als Johann XXII. in Lyon zum Papst gewählt wurde, mußte er den Italienern das Versprechen der Rückkehr nach Rom geben, er schwur ihnen auch, er wolle kein Pferd besteigen anders als zur Reise nach Rom; statt dessen setzte er sich auf ein Schiff und kam nach Avignon. So kamen die Römer auf den Gedanken selber, ihrerseits einen Papst zu wählen und so folgte auf das päpstliche Exil das sogenannte päpstliche Schisma d. h. Spaltung, das von 1378-1409 gewährt hat. Nun waren 2 Päpste da, die sich egenseitig verfluchten, einer in Avignon, der andere in Rom. Da wurde das Aergernis denn doch zu groß und so beriefen die Kardinäle selber eine Kirchenversammlung zusammen nach Pisa 1409. Die hatte das Ergebnis, daß das Konzil seinerseits auch einen Papst wählte. Nun waren 3 Päpste da, die sich wechselweise in den Bann taten. Man könnte aus dieser Zeit und sonst auch eine Skandalchronik des Papsttums zusammenstellen, die sich wahrlich sehen lassen könnte gegenüber den Versuchen der römischen Kirche Luther in sittlicher Beziehung etwas anzuhängen. Doch davon sehen wir ab. Als der Skandal damit immer ärger geworden war, sahen sich die höchsten weltlichen Herrscher der Christenheit veranlaßt, einzutreten. Der deutsche Kaiser Sigismus und der König von Frankreich beschlossen ein Konzil zusammenzurufen auf deutschem Boden in Konstanz das damals noch Kostnitz genannt wurde. Von 1414-1418 hat das Konzil getagt; es versammelte sich im Dominikanerkloster und im Dom. 8000 Theologen und Geistliche jeden Ranges, viele Fürsten im ganzen 50 000 Fremde fanden sich zusammen, darunter| auch eine Menge Gaukler und Schauspieler und leider auch keine kleine Zahl von schlechten Weibspersonen. So war eine weltliche glänzende Versammlung dort, wie sie sich nicht wieder zusammengefunden hat. Der Anfang des Konzils war imposant. Der Kanzler der Universität Paris, Gerson, der sehr reformatorisch gesinnt war, eröffnete es und erklärte, daß das Konzil über dem Papst stehe. Man setzte nach langen Verhandlungen die 3 Päpste ab, weil sie nicht freiwillig zurücktreten wollten. Damit war der entscheidende Augenblick gekommen; denn die Deutschen verlangten, daß ehe ein neuer Papst gewählt würde, eine Reformation der Kirche vorgenommen werde. Schließlich wurden sie aber von den andern überstimmt und es wurde doch wieder ein Papst gewählt, Martin V., ein kluger Mann, der es verstand, die Versuche einer Reformation des Kirchenwesens zu hintertreiben. Uebrigens hat sich das Konzil von Konstanz leider mit dem Urteil über Hus befleckt, wovon gleich nachher zu reden ist. Der Papst mußte zwar versprechen zu einer Reformation der Kirche eine neue Kirchenversammlung bald zu berufen, das schob er aber hinaus. Erst auf langes Drängen entschloß er sich nach Basel eine Kirchenversammlung zu berufen, die 12 Jahre dort tagte, von 1431–1543 und ziemlich resultatlos auseinanderging. Gottes Weg war ein anderer. Nicht durch Kaiser und Könige, nicht durch Konzile und Reichsversammlungen sollte die Reformation geschehen. Was Gott gewirkt hat, hat er immer durch einzelne geisterfüllte Persönlichkeiten gewirkt; auch schon vor der Reformation traten Reformatoren auf, Männer, die eine Besserung des Kirchenstandes im Umkreis ihres Berufes erstrebten.


III.
Wir reden von den Reformatoren vor der Reformation. Der erste ist der Engländer John Wiclif, der am wenigsten bekannte, aber wohl bedeutendste, ums Jahr 1384 gestorben. Er stand im Dienst der Universität Oxford und war mit der Bibel näher bekannt geworden, wodurch wissen wir nicht; ob es auch Nachwirkungen der Waldenser waren, steht nicht fest. Die Universität Oxford stand im Kampf und Streit mit den Bettelmönchen. In diesem Streit gab Wiclif ein Gutachten gegen die Bettelmönche ab; das lenkte den Blick des Königs von England auf ihn. Derselbe stand mit dem Papst in Streit über das Recht, die Klöster zu besteuern; er wandte sich an Wiclif, der auch hierüber ein Gutachten abgeben sollte, das vortrefflich ausfiel. Dafür ernannte ihn der König zum Professor in Oxford – eine hohe Ehre. Er sandte ihn dann mit Gesandten nach Rom, wo Wiclif das Verderben der Kirche kennen lernte, wie später Luther.| Er schrieb eine Schrift gegen den Papst. Dieser verdammte daraus 19 Sätze, aber der Hof und das Parlament schützten ihn. Nun ging Wiclif kühner vor. Er übersetzte die Bibel ins Englische und begann sie zu verbreiten. Nun erklärte sich freilich eine Synode gegen ihn und die Universität schloß ihn aus ihrer Mitte aus; doch sein Leben schützte der König; er mußte sich zurückziehen auf seine Pfarrei Lutherworth, wo er gestorben ist. Das Konzil in Konstanz beschloß später, seine Gebeine ausgraben und nachträglich verbrennen zu lassen als die eines Ketzers.
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Auf seinen Schultern steht Johann Hus, der der bekannteste der Vorreformatoren ist. Das Gedächtnisfest seines Märtyrertodes ist leider so sehr in die Kriegszeit gefallen, daß es etwas unbeachtet vorüberging, 1415 †. Er stammte aus Böhmen. Böhmen hatte immer eine unabhängigere Stellung dem Papsttum gegenüber eingenommen, da es von der morgenländischen Kirche her das Christentum erhalten hatte und als es sich dem Papsttum unterwarf, sich eine gewisse Selbständigkeit vorbehielt. Der Sage nach soll Waldez selbst nach Böhmen gekommen und dort gestorben sein; doch lassen sich die Beziehungen der Waldenser zu Böhmen geschichtlich nicht genauer feststellen; daß Anhänger des Waldez in Böhmen Schutz gefunden haben, scheint gewiß und durch sie kann wohl auch Hus die Bibel kennen gelernt haben. Er wurde am 6. Juli 1389 geboren zu Husinetz und er studierte auf der Universität Prag. In tiefer Sündennot fand er seinen Trost im Glauben an Jesum Christum und seinen Tod. In weiten Kreisen wurde er bekannt als Prediger an der Bethlehemskapelle in Prag; er predigte in evangelischem Sinn Buße und Glauben. Mit Wiclif war er bis dahin nicht weiter bekannt gewesen, sondern sogar gegen ihn eingenommen. Als aber Hieronymus von Prag aus Oxford und London zurückkehrte, Wiclif’s Schriften mitbrachte und Hus damit bekannt machte, so sah Hus, daß dieser Mann die evangelische Wahrheit, wenn auch nicht völlig frei von manchem Irrtum gelehrt hatte. Nun trat er im Sinne Wiclif’s weiter auf. Es gab ein öffentliches Aufsehen, als jene Engländer die Spottbilder über den Papst öffentlich ausstellten. Der Erzbischof trat gegen Hus auf, das Volk verhöhnte den Kirchenfürsten und stand zu Hus. Bald griff auch der Papst in die Sache ein, tat Hus 1413 in den Bann auf Veranlassung des vorher erwähnten Erzbischofs und lud dann Hus auf das Konzil nach Konstanz vor. Kaiser Sigismund gewährte ihm freies Geleite. Aber als er in Konstanz ankam, wurde er gleichwohl gefangen gesetzt und 7 Monate hindurch mit fortgehenden Privatverhören gequält, bis er vor dem Konzil erscheinen durfte und dort ein lautes Zeugnis der Wahrheit ablegte, aber kein Gehör fand. Er konnte noch darauf hinweisen, daß ihm freies Geleite zugesichert worden sei und hat dabei fest den Kaiser angeblickt, der errötete. Mit Rücksicht darauf| erklärte 100 Jahre später Kaiser Karl V. in Worms, er wolle nicht auch erröten müssen, wie einst Sigismund, sondern Luther das zugesagt freie Geleit halten. Hus wurde vom Konzil ausgestoßen aus der Kirche und der weltlichen Macht übergeben. Das war die heuchlerische Form des Todesurteils. Es war gerade sein 46. Geburtstag, der 6. Juli 1415, da er öffentlich vor den Toren von Konstanz verbrannt wurde, ein Märtyrer für die Sache des Evangeliums; ein Zeuge der Wahrheit. Seine Erkenntnis war ja in einzelnen Punkten noch mangelhaft, so fehlte ihm der rechte Begriff von dem, was die Kirche ist, aber auf evangelischem Boden stand er. Sein Freund Hieronymus von Prag, der sich freiwillig in Konstanz einfand, wurde auch gefangen gesetzt; er wurde mürbe gemacht, so daß er einmal widerrief, aber dann ermannte er sich wieder, nahm den Widerruf zurück und bestieg mutig seinerseits ebenfalls den Scheiterhaufen. Die Bewegung aber war damit nicht zu Ende. Seine Anhänger in Böhmen waren nicht willens, ungerächt die Sache hingehen zu lassen; sie erhoben sich; der Aufstand der Hussiten eröffnete einen 17 jährigen Bürgerkrieg. Die Hussiten sind bis Pegnitz vorgedrungen und haben fast alle Kirchen in Oberfranken verbrannt; die Ortschaften behelligten sie nicht. Aus diesen Leuten, die zu den Waffen griffen gegen den Sinn ihres geistlichen Vaters Hus unter ihrem Führer Ziska, aus diesen wilden Scharen sind schließlich die stillen böhmischen Brüder geworden, in welchen der fromme Sinn des Hus wieder auflebte und zu welchen Luther in nahe Beziehung getreten ist.

Wir könnten noch einen 3. Reformator vor der Reformation nennen, Hieronymus Savonarola aus Italien, ein Dominikanermönch, der in Florenz auftrat und von 1439–1498 gelebt hat. Er ist mehr ein Reformator in dem Sinn, daß er gegen das üppige, weltliche Leben in Florenz geeifert hat. Eigentlich evangelische Wahrheitsmomente sind bei ihm weniger hervorgetreten; er mischte sich auch mehr als gut war in politische Verhältnisse ein, wovon übrigens auch Hus nicht völlig frei gesprochen werden kann, ist aber doch ein Zeuge der Wahrheit nach ihrer sittlichen Seite hin und ein Märtyrer seiner auf Gottes Wort gegründeten Ueberzeugung gewesen. Er wurde gehängt und verbrannt zugleich, nachdem es ihm vorher zeitweise gelungen war, eine Art Sittenreformation in dem üppigen Florenz herbeizuführen, durch die Macht seiner Predigt, durch das Aufdecken oft verborgener Sünden und durch die Gabe manches Kommende auf politischem Gebiet vorherzusagen. Schließlich wurde das Volk gegen ihn wieder eingenommen und das war sein Untergang.


IV.
Wir sprechen nun endlich noch von einzelnen erfreulichen Erscheinungen aus der vorreformatorischen| Zeit, zum Teil wichtig für den Diakonissenberuf. Ich möchte hervorheben, daß während von Anfang des Mittelalters an das Klosterwesen hervortrat, welches für den Diakonissenberuf eigentlich schädigend wirkte, am Ende desselben Erscheinungen sich darstellen, die für den Diakonissenberuf als vorbildlich bezeichnet werden können. Ich möchte auch noch sagen, daß während des Mittelalters auch in der Kirche selbst nicht wenig wahrhaft fromme Persönlichkeiten uns entgegentreten. Da braucht unter ihnen nur erinnert zu werden an die heilige Elisabeth, die Landgräfin von Thüringen, die im Jahre 1231, vierundzwanzig Jahre alt, starb. Wir können jetzt ihren Lebensgang nicht näher beschreiben, ich kann nur sagen, daß sie eine ungarische Königstochter war, als Kind schon dem Landgrafen von Thüringen verlobt und in goldener Wiege auf die Wartburg gebracht wurde und dort mit ihrem späteren Gemahl heranwuchs. Kaum waren sie vermählt, so mußte ihr Gemahl zu einem Kreuzzug in die Ferne ziehen, von welchem er nicht wiederkehrte. Nun hat sie als Witwe ganz den Werken der Barmherzigkeit gelebt, zu wenig freilich um das Recht ihrer Kinder sich angenommen, denen durch Verwandte was ihnen gebührt entzogen wurde; aber den Armen hat sie sich ganz hingegeben und durch den Einfluß ihrer liebeerfüllten Persönlichkeit hat sie Großes gewirkt. Groß ja rührend war sie in der Demut, eine wahrhafte Heilige, eine ideale Erscheinung,“ wie ein gläubiger Geschichtsschreiber sie genannt hat, freilich mit stark römischer Färbung, mit der Richtung zum Klosterleben hin statt der Betätigung im Gott geordneten Beruf.
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Man könnte auch hinweisen auf die gesamte Richtung der Mystiker im Unterschied von der Scholastik. Die Scholastiker sagen: Wahrheitserkenntnis auf dem Weg begrifflicher Entwicklung, die Mystiker dagegen: Wahrheitserkenntnis auf dem Wege der Erfahrung. Das Richtigere ist sicher das Letztere, obwohl es dazu führen kann zu sehr vom Wort abzusehen; dann ist es falsch. Wenn man dagegen das im Wort Gebotene innerlich erfahren will, dann ist das die edle berechtigte Mystik, die vorbereitend auf die Reformation gewirkt hat. Einer ihrer hervorragendsten Vertreter war der Abt Bernhard von Clairvaux, 1091–1153, durch den der Zisterzienserorden zu großem Ansehen kam, der auch in unserer Gegend Großes gewirkt hat. – Dann die edlen deutschen Mystiker: Suso, Tauler und der nachher noch zu nennende Thomas von Kempen. Die niederländischen Reformatoren, die man mit Unrecht so nennt, haben in der Stille gewirkt, aber doch evangelische Erkenntnis besessen. Das ist besonders Johann Pupper von Goch, Johann von Wesel und Johann Wessel. Dann eine besonders schöne Erscheinung, die eben an den Diakonissenberuf erinnern mag, das sind die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben. Schon früher im Mittelalter treten uns die merkwürdigen Erscheinungen der Beghinen und| Begharden entgegen: die Beghinen sind die Frauen und die Begharden Männer, die in Lüttich zuerst auftretend, auf religiöse Bewegung zurückgehend, mehr auf bürgerlichem Gebiet gewirkt haben. Die besonders durch die Kreuzzüge einsam gewordenen Witwen und ohne Familie lebende Jungfrauen taten sich zu gemeinsamem Leben zusammen ohne besondere Mönchsgelübde. Sie bewohnten in einem Hof jede ein Häuschen, arbeiteten, pflegten in der Stadt und übten auch sonst noch Werke der Barmherzigkeit. Was sie mehr erwarben, wurde wieder zu Zwecken der Barmherzigkeit verwendet. Aehnlich machten es die Männer, die sich meist mit Spitzenweberei beschäftigten und ein kirchliches Leben führten ohne Mönchsgelübde. Allerdings sind die Beghinen und Begharden nicht der Verweltlichung und Veräußerlichung entgangen, ja sie vermengten sich mit den Brüdern und Schwestern des freien Geistes, die eine entschieden ungläubige Richtung vertraten. Aber nun treten unter dem Einfluß der niederländischen evangelisch gerichteten Männer die Brüder und Schwestern vom gemeinsamen Leben hervor. Gerhard Groot von Deventer hat 1384 die Vereinigung der Schwestern vom gemeinsamen Leben gestiftet, wieder ohne Nonnengelübde, ein freier Zusammenschluß solcher, die gemeinsam in der Gottseligkeit sich üben und Werke der Barmherzigkeit vollbringen wollten. Man kann sagen, daß diese Schwestern vom gemeinsamen Leben, denen sich die Brüder vom gemeinsamen Leben in getrenntem Dasein an die Seite stellten, zu den schönsten Blüten mittelalterlicher Frömmigkeit gerechnet werden können.

In einfacher, echt evangelischer Nüchternheit lebte auf dem Agnesenberg bei Zwolle in Holland Thomas von Kempen, der das einzige Erbauungsbuch schrieb, das die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam haben, nämlich das Büchlein von der Nachfolge Christi, nicht frei von manchem was zu sehr nach Seiten der Mystik hin liegt und doch in Wahrheit echt evangelisch, auch die Bedeutung des Sakramentes nicht verkennend. Luther trat sehr für die Schwestern vom gemeinsamen Leben ein und billigte auch die Tracht, die sie trugen; freilich an eine Umgestaltung derselben im Sinn des Diakonissenberufs, an eine Einführung in seinem Kreise hat er nicht gedacht; es hat ihm wohl der Anlaß dazu völlig gefehlt.

Wir haben gestern von der göttlichen Weltregierung gesprochen, die ebenso in der Zulassung wie in der Lenkung und Zielsetzung sich betätigt. Heute sagen wir: der Herr Christus sitzt allewege zur Rechten des Vaters und lenkt seine Kirche. Er hat dafür gesorgt, daß doch allezeit eine heilige Kirche sein und bleiben mußte. Es bleibt, wenn wir auf die Zeit des Mittelalters zurücksehen der Trost, den Gott einst den Propheten Elias zur Zeit des Abfalls gegeben hat, daß noch 7000 Gläubige vorhanden waren, die ihre Kniee dem Baal nicht gebeugt hatten.

| Möchten nur alle, die den Herrn Jesum kennen, auch der Mahnung allezeit folgen, durch einen heiligen, lauteren Wandel die Lehre des Evangeliums zu zieren in allen Stücken und möchte manches heut Gehörte uns hierin zum Eifer reizen.
Psalm 61. Lied 321, V. 6.


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