Einsegnungsunterricht 1917/2. Stunde

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2. Stunde
am Freitag, den 5. Oktober nachmittag.
Lied 320, 1-6, Psalm 80. Kollekte 225, 54.
Von der Notwendigkeit einer Reformation der Kirche.
Was wir heute Vormittag von der Kirche des Herrn gesagt haben, findet im Bekenntnis unserer Kirche schönsten Widerhall. Denken wir nur an den Kleinen Katechismus. Da wird so einfach und schön die Kirche erklärt als „die ganze Christenheit auf Erden“ und wir werden darauf hingewiesen, daß der heilige Geist nicht nur uns, die Einzelnen beruft, erleuchtet, heiliget, erhält, sondern daß er eine Christenheit auf Erden zusammenbringen will, die eins ist, zusammengeschlossen im rechten einigen Glauben. In den Schmalkaldischen Artikeln sagt Luther so schön, daß heutzutage – wie er sich ausdrückt – auch die Kindlein schon wissen, was die Kirche sei; es sind die Schafe, die auf die Stimme des guten Hirten hören. Im großen Katechismus nennt er die Kirche „die Mutter, welche die Gläubigen gebiert.“ Besonders schön ist die Lehre von der Kirche in der Augsburgischen Konfession und in ihrer Apologie behandelt. Da wird im 7. Artikel die Kirche definiert als „die Versammlung, d. i. die Gesamtheit der Gläubigen, bei welchen das Wort Gottes lauter und rein gelehret wird und die Sakramente recht verwaltet werden.“ Da wird so schön beides zusammengefaßt, die sichtbare und unsichtbare Seite der Kirche, die ihr beide wesentlich sind. Wichtig ist aber auch, daß dem 7. Artikel der Augsburger Konfession noch ein weiterer, der 8. Artikel, beigefügt ist, in welchem, wie die Apologie das näher darlegt, der Unterschied gemacht ist zwischen dem, was die Kirche ihrem Wesen nach ist und dem, wie sie nun tatsächlich in die Erscheinung tritt. Dies beides deckt sich nicht immer. Denken wir daran, daß auch das Christenleben der Einzelnen nach dem doppelten Gesichtspunkt sich darstellt, was wir durch Gottes Gnade sind und was wir durch Gottes Gnade noch sein und werden| müssen. Wir sind durch Gottes Gnade Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte, wir sind Kinder Gottes, daneben aber müssen wir bekennen: „Ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes.“ Wiewohl wir durch Gottes Gnade in einem neuen Leben stehen, leben wir doch immer noch in der alten sündigen Natur, die mit ihren Reizungen uns immer wieder zur Sünde führt. Erst einst in der Vollendung wird alles zur herrlichen Harmonie gediehen sein, bei uns den Einzelnen und bei der Kirche im ganzen. Wir müssen auch bei der Kirche unterscheiden das, was sie ihrem innersten Wesen nach ist durch den in ihr wirkenden Geist Gottes und dem, was sie erst werden soll. Denken wir an den 1. Korintherbrief. In keinem Brief an eine apostolische Gemeinde, hat Paulus so viel zu tadeln, ja zu schelten; „Euer Ruhm ist nicht fein.“ Aber gerade in diesem Brief zugleich führt er es der Gemeinde zu Gemüte, was sie an sich und in sich durch Gottes Gnade ist (3, 9 und 17: „Wir sind Gottes Ackerwerk und Gottes Gebäu, der Tempel Gottes ist heilig, welcher seid ihr.“ So ist auch die Kirche in ihrer tatsächlichen Erscheinung mit viel Unvollkommenheit, ja Sünde behaftet. Das sagen wir zur Einleitung dessen, was uns nunmehr beschäftigen soll, wenn wir reden:
von der Notwendigkeit einer Reformation der Kirche.


Wir haben da ins Auge zu fassen:

1. die Möglichkeit des Irrens,
2. den tatsächlichen Gang der kirchlichen Entwicklung,
3. den schädigenden Einfluß desselben auf die Stellung der Kirche zur Quelle der Wahrheit,
4. die hindernde Einwirkung auf den Heilsweg für die Einzelnen und
5. das damit gegebene Verderben des christlichen Standes.


I.
Weshalb war eine Reformation der Kirche notwendig? Nun, weil tiefes Verderben in die Kirche eingedrungen war, viele Irrtümer und Mißbräuche. Und woher das Verderben der Kirche? Ist sie doch das Haus, die Gemeinde des lebendigen Gottes, wie Paulus 1. Tim. 3 sagt und damit Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit. Ja, wie wir es vorhin schon einführend sagten, wir haben eben diesen Schatz in irdischen Gefäßen. Wodurch ist nun die Möglichkeit des Irrens auch in der Kirche des Herrn gegeben? Es ist etwas Großes, daß Gott beim Heilswerk sich je und je menschlicher Werkzeuge bedient hat. Er wollte nicht nur unter den Menschen sein Reich ausrichten, sondern auch durch Menschen, nämlich durch ihren Dienst. Das hat er besonders betätigt, seitdem| die Offenbarungsweise Gottes fortschritt, zur Prophetie, wo er zu seiner Offenbarung menschlicher Werkzeuge sich bediente. Und der Herr Jesus Christus hat bei seinem Scheiden die Sorge für sein Reich, für seine Kirche in die Hände von Menschen gelegt. Sie sollten, wie er ihnen ernstlich aufgibt, seine Zeugen sein. Sie sollten, sie mußten es. Unter Menschen hat Gott sein Reich gebaut, unter Menschen will Jesus seine Kirche bauen, so sind denn auch Menschen seine Werkzeuge und die sind fehlbar. Jesus hat wohl die Verheißung gegeben, der heilige Geist werde seine Kirche in alle Wahrheit leiten und diese Verheißung hat sich erfüllt und wird sich noch erfüllen, deß sind wir gewiß. Aber weil es eben durch menschliches Denken und Auffassen hindurchgeht, so ist die Möchlichkeit des Irrtums gegeben. Zuletzt wird doch triumphieren die Wahrheit und Gottes hoher Rat.
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Das menschliche Fehlen und Irren hat sich auf den verschiedensten Gebieten der kirchlichen Betätigung gezeigt. Denken wir etwa an das Werk der Ausbreitung des Evangeliums, das Missionswerk. Anfangs vollzog das sich so richtig. so schön dadurch, daß jeder Christ ein Missionar war, daß alle Christen überall wohin sie kamen Zeugnis gaben von dem Glauben und der Hoffnung, die in ihnen war, so daß damals wie von selbst das Reich Gottes sich ausbreitete. Aber, wie viel Irriges ist dann später auch auf diesem Gebiet eingedrungen. Denken wir an die Bekehrung Deutschlands. Die segensreiche Einrichtung eines Katechumenats, d. h. einer Unterweisung der Katechumenen vor der Taufe und auf die Taufe hin, welche die alte Kirche wie selbstverständlich hatte welche auch die evangelische Kirche selbstverständlich wieder eingerichtet hat bei ihrem Missionswerk, ließ die Kirche zur Zeit der Bekehrung unserer heidnischen Vorfahren fallen. Sie taufte sofort, sie taufte in Massen, sie taufte Volksgemeinschaften, wenn ihr Führer, ihr König sich zu Christo bekennen wollte; gar nicht davon zu reden, daß auch zwangsweise Taufen vorgekommen sind, wie bei der Bekehrung der Sachsen durch Karl den Großen. Aehnlich ist gefehlt und versäumt worden in Sachen der Kirchenzucht, die der Herr Jesus seiner Kirche mit dem Bindeschlüssel gegeben hat. Das eine Mal hat man die Zucht übertrieben, wie die römische Kirche durch den Bann oder gar durch das Interdikt, bei dem auf ganze Länder der Bann gelegt wurde, wobei man mit den Schuldigen auch die Unschuldigen strafte. An anderen Orten und zu anderen Zeiten dagegen wie in der Gegenwart, geschieht der Zucht viel zu wenig. Am meisten Irrtum war möglich und ist auch eingetreten aus dem Gebiet der Lehre. Die Kirche hat zwar im Wort Gottes die Wahrheit ganz und voll, aber Gott hat seine Offenbarung nicht etwa in Lehrform gegeben, nicht in Lehrsätzen ausgesprochen, wie in einem Katechismus. Seine Offenbarung ist viel| lebensvoller. Die Schrift ist Denkmal und Urkunde der göttlichen Offenbarung und die Offenbarung ist die in Wort und Tat geschehende Selbstbezeugung Gottes, welche abzielt auf das Heil der Welt, auf die Rettung der Menschen, die Herstellung des Reiches Gottes auf Erden. Diese Offenbarung geht durch die Geschichte hin und ist dann in der Schrift urkundlich niedergelegt und bezeugt. Diese Offenbarung, in der Schrift gegeben, muß nun, weil an vernünftige Menschen gerichtet, von den Menschen erfaßt, von der Kirche erkenntnismäßig angeeignet werden. Das geschieht gewißlich unter Leitung des heiligen Geistes, den der Herr seiner Kirche verheißen hat und der im Worte wirkt, aber diese erkenntnismäßige Aneignung des geoffenbarten Inhalts geschieht, weil sie eben durch Menschen sich vollzieht, allmählich, stufenweise, wir können wohl sagen: stückweise. „Stückweise“ sagt der Apostel an jener tiefsinnigen Stelle 1. Kor. 13, ist unsere dermalige Erkenntnis. Was wir jetzt erkennen, wir erkennen es doch immer nur teilweise und nur von einer Seite aus, einst erst werden wir recht erkennen, so wie wir von Gott erkannt sind. Diese allmähliche Aneignung des in der Schrift niedergelegten Offenbarungs-Inhaltes geht durch die ganze Geschichte der christlichen Kirche hin und hier liegt eben auch besonders die Möglichkeit des Fehlens und Irrens vor. Gerade im Kampf mit falscher Lehre und irriger Auffassung ist die Christenheit vielfach in der Erkenntnis gewachsen und dazu gelangt, die erkannte Wahrheit klar zum Ausdruck zu bringen. In dieser Möglichkeit des Fehlens und Irrens liegt die Notwendigkeit einer Reformation, aber auch die Möglichkeit einer solchen. Wenn die Kirche auch zeitweise auf Irrwege gehen kann, sie hat doch ihr Regulativ, ihre Zurechtstellung in sich selber, eben in dem Wort, das sie besitzt und das ihr nicht nur mündlich übertragen, sondern vielmehr in Schrift verfaßt mitgegeben worden ist. Es ist ein Irren möglich in der Kirche, aber auch eine „Zurückbildung,“ was Reformation eigentlich wörtlich bedeutet, eine Rückkehr zu den ursprünglichen Grundlagen und zugleich ein damit verbundener Fortschritt in der Erkenntnis ist möglich.


II.
Und nun ist eben tatsächlich ein Verderben in die Christenheit eingedrungen besonders auf dem Gebiet der Lehre, doch auch auf dem Gebiet der kirchlichen Ordnungen und ihres ganzen Lebens. Wir werden sagen im Anschluß an ein Gleichnis des Herrn auf die Frage, woher das komme, „das hat der Feind getan,“ der Feind Gottes und der Menschen, der Feind der Kirche Jesu Christi. Er konnte die Kirche nicht durch äußere Macht und Gewalt unterdrücken, so suchte er sie zunichte zu machen, indem er den Unkrautsamen falscher Lehre in ihr ausstreute. Doch wir müssen, um das zu verstehen, uns den Gang der tatsächlichen kirchlichen| Entwicklung einigermaßen klar machen. Ich erwähne dabei, daß man populär (d. i. volkstümlich) den Gang der kirchengeschichtlichen Entwicklung der Jugend klar machen kann an der Hand des von uns vorhin gesungenen Liedes des Johann Eusebius Schmidt, das eine Umdichtung der 7 Sendschreiben der Offenbarung darstellt, an dessen Versen man aber gut den Gang der kirchlichen Entwicklung zeigen kann. Die Zeit der ersten Liebe, die Verfolgungszeit, die Zeit der Lehrstreitigkeiten, die Zeit, da die Welt in die Kirche eintrat: „Nimm nicht an das Bild des Drachen...“ und da nur noch wenige in der Kirche die Wahrheit festhielten, bis es heißen kann: „Zion brich herfür.“ Das nur nebenbei als Andeutung, wie man der Jugend sehr einfach den Gang der kirchengeschichtlichen Entwicklung darlegen kann. Wir müssen diesen Gang tiefer zu erfassen suchen. Wir sagen darüber Folgendes.

Die älteste Gestaltung der Kirche, wie sie uns in den Briefen der Apostel entgegentritt, kann man die apostolische Gemeindekirche nennen. Was will das sagen? Daß damals wirkliche Gemeinden Christi vorhanden waren, ihrer Gabe und ihrer Aufgabe bewußt. Wo sind jetzt solche ihrer selbst bewußten christlichen Gemeinden in Stadt und Land? Wenn man auf dem Lande von Gemeinde redet, wird jedermann nur an die politische Gemeinde oder die Gemeindeversammlung denken. In Städten weiß man überhaupt nichts von Gemeinden; dort sucht man einen Prediger auf, der einem paßt. Nur in Anstaltsgemeinden, in guten Diaspora-Gemeinden und in separierten Gemeinden findet sich in der Gegenwart ein wirkliches Bewußtsein der vollen Zusammengehörigkeit und der Verantwortlichkeit des einen für den andern und die rechte Fürbitte für die, die Diener des Amtes sind. Wie anders war es in der apostolischen Gemeinde. Da gehörten die Gemeindeglieder nicht durch Abstammung und Geburt der Gemeinde an, sondern durch freien Entschluß. Sie hatten sich bekehrt von der Finsternis zum Licht. So war die Gemeinde damals alles; die Gemeinde in Jerusalem war anfangs täglich beisammen; später mußten sich die gemeindlichen Zusammenkünfte auf den Sonntag beschränken; aber dann war jedesmal die ganze Gemeinde versammelt. Der Gottesdienst vollzog sich unter Beteiligung der ganzen Gemeinde und[WS 1] erreichte seinen Höhepunkt in der Feier des heiligen Sakramentes. Auch Wortverkündigung war Sache der Gemeinde, insofern jeder ob auch unter Leitung der Aeltesten das Wort ergreifen durfte. Jeder Christ war, wie wir schon gehört haben, zugleich Missionar. Die Gemeinde unternahm selbst von Antiochien aus das Missionswerk; doch die Gemeinde nicht ohne das Amt der Apostel und das Amt nicht ohne Gemeinde. An Mängeln hat es auch damals nicht gefehlt, ja wir wissen es, daß man die Notwendigkeit festerer Zucht empfand.

| Gegen Schluß des ersten Jahrhunderts der christlichen Kirche tritt uns eine neue Erscheinung entgegen, die noch unter den Augen Johannes, des letzten der Apostel, sich vollzog. Das war die Einrichtung des Bischofsamtes. Bis dahin waren in der Gemeinde mehrere Aelteste oder Bischöfe völlig gleichgeordnet, nun trat einer an die Spitze, der von Johannes „der Engel der Gemeinde“ genannt wird. Die Kirche wurde zur Bischofskirche; in die Hand der Bischöfe war die ganze Sorge für den Zusammenhalt der Kirche, der Gemeinden gelegt; sie vertraten die Kirche. Als Kaiser Konstantin die erste Kirchenversammlung nach Nicäa berief, waren es die Bischöfe, durch welche die einzelnen Gemeinden vertreten waren. Wir dürfen sagen, daß unter den Bischöfen jener Zeit Männer waren, die würdige Vertreter der Kirche Christi auf Erden genannt werden können. Denken wir an Polykarp den Märtyrer, Bischof von Smyrna, den Schüler des Apostels Johannes, der ihn selbst noch in sein Bischoffsamt eingesetzt hatte † 155. Vor ihm schon Ignatius, Bischof von Antiochien, der im Kolosseum zu Rom vor den Augen des Kaisers Trajan den Löwen vorgeworfen worden ist im Jahr 115. Dann weiter Cyprian, Bischof in Karthago, als Märtyrer † 258. In Rom war es so, daß unter den wütenden Verfolgungen der Kaiser Decius und Valerian ein Bischof nach dem andern den Märtyrertod erlitt; aber immer wieder fand sich ein mutiger Mann, der die gefährdete und doch so wichtige Stelle einnahm. Wir denken sodann an die drei Kappadozier Gregor von Nazianz, Basilius der Große und Gregor von Nyssa. Das sind würdige Vertreter des bischöflichen Amtes gewesen. Man nennt diese Periode der Kirche auch die altkatholische Kirche in dem Sinn, daß die Kirche damals eine wahrhaft katholische, d. i. allgemeine und zugleich eine einheitlich freie, durch sich selbst gestaltete gewesen ist. Doch zeigt auch diese schöne Entwicklung schon einen Keim des Irrtums. Der vorhin genannte Bischof Cyprian, der die schöne Schrift über die Einheit der Kirche geschrieben hat, behauptet doch schon, die Bischöfe sein Nachfolger der Apostel und nimmt für dieselben eine höhere Würde über die Gemeinde in Anspruch. Da hat ein wenig Sauerteig schädigend gewirkt, denn dadurch war ein falscher gesetzlicher Zug in die Gemeinde hereingekommen. Es war darum die Möglichkeit gegeben, daß diese falsche Richtung einen Schritt weiter führte auf falscher Bahn.
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Wir sprachen schon heute Vormittag von dem Jahre 312, das einen Umschlag in der Weltgeschichte bedeutet, wie ein solcher nie wieder da gewesen ist, insofern in diesem Jahre Konstantin als Bewerber um den römischen Kaiserthron sich auf Seite der Christen stellte, die bis dahin unter dem bisherigen Kaiser Diokletian schwer verfolgt worden waren, nicht in innerer Bekehrung, sondern weil er erkannte, daß dem Christentum die Zukunft gehöre. Das Jahr| darnach erließ er das sogen. Mailänder Edikt, das der christlichen Kirche ausdrücklich volle Duldung gewährte. Später erklärte er das Christentum für die Staatsreligion. Nun wandten sich die Heiden in Scharen dem Christentum zu, damit ist aber auch die Welt in die Kirche eingedrungen und die Kirche geriet in Abhängigkeit von ihr. Denn Konstantin wollte der Kirche nicht nur bedeutende Rechte und Freiheiten zugestehen, sondern nahm starken Einfluß auf die Kirche für sich und die kaiserliche Würde in Anspruch. Er berief im Jahr 325 die Kirchenversammlung von Nicaea und eröffnete sie mit einer Rede, obwohl er sich noch im Stande eines Katechumenen befand. Und so wurde von dem an die Kirche eine Staatskirche. Wir werden sagen dürfen, daß damit nach Gottes Zulassung, ja nach Gottes Willen, gewiß eine weite Tür aufgetan ward zum Reiche Christi und zum Heil, aber freilich gleichzeitig drang das Verderben mehrfach ein und die Kirche gestaltete sich nach Art eines weltlichen Staates. Man begnügte sich nicht mehr mit Bischöfen, sondern über den Bischöfen standen Erzbischöfe; über diesen die Patriarchen, deren man 5 zählte: in Antiochien, in Konstantinopel, in Rom, in Jerusalem und in Alexandria. Dadurch ist die Kirche wie ein weltliches Reich eingerichtet worden und das ist der Anfang eines stark gesetzlichen, äußerlichen Wesens in der Christenheit geworden. Von den Presbytern, den Aeltesten, die eigentlich das Amt des neuen Testamentes führten, gingen Stufen abwärts, das waren die niederen geistlichen Grade, die in den Weihen der römischen Kirche noch immer dargestellt sind, dann die Stufen aufwärts: die Bischöfe, die Erzbischöfe und Patriarchen. Eins fehlte nur noch, ein Oberhaupt an der Spitze, wie der Staat ein solches im König oder Kaiser hat.
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Das ist dann die letzte Entwicklung zur mittelalterlichen Papstkirche hin. Daß gerade in Rom das Papsttum aufkam, daß der Bischof von Rom den Anspruch erheben konnte, das Oberhaupt der ganzen Kirche auf Erden zu sein, das erklärt sich aus mancherlei geschichtlichen Verhältnissen. Die christliche Gemeinde in Rom genoß ein sonderliches Ansehen, weil sie in die Apostelzeit zurückreichte und weil nicht nur ein Apostel, sondern zwei, Paulus und Petrus, die beiden Säulen-Apostel, einst dort gewirkt und ihre Spuren zurückgelassen hatten. Dann kam hinzu das Ansehen der Hauptstadt des Reiches, ferner die Festigkeit, die die römischen Bischöfe in den schwierigsten Verfolgungszeiten öfter an den Tag gelegt hatten, dann die klare und sichere Haltung in Lehrstreitigkeiten, die sie mehrfach betätigten. Dieses an sich nicht unberechtigte Ansehen ist den Inhabern des römischen Bischofstuhles zur Gefahr geworden und sie haben es mißbraucht. Politische Verhältnisse kamen hinzu. Im Jahre 395 hat das bis dahin einheitliche römische Reich sich geteilt in das weströmische mit der Hauptstadt Rom und in das| oströmische mit der Hauptstadt Konstantinopel. Das oströmische Reich bestand lange fort bis 1453, da erst wurde Konstantinopel von den Türken erobert und seitdem blinkt der Halbmond auf der Sophienkirche, welche Christo, als der göttlichen Weisheit gewidmet worden war. Anders ging es im weströmischen Reich. Im Jahre 476 schon wurde demselben durch den deutschen Heerkönig Odoaker ein Ende gemacht und es zerfiel in eine Menge selbständiger daraus hervorgehender Reiche. So hatte Roms äußere Weltherrschaft aufgehört. Umsomehr konnte der römische Bischof sein Ansehen geltend machen. Man kann sagen, die bisher auf weltlichem Boden geübte Herrschaft suchte Rom auf geistlichem Gebiet zu erringen. So kam es, daß der römische Bischof mehr und mehr als Haupt der abendländischen Kirche sich gerieren konnte, wenn er auch von der morgenländischen Christenheit nie anerkannt wurde. So stiegen die Ansprüche des Papstes immer höher. Erst beanspruchte er der Nachfolger des Petrus zu sein, obwohl es nicht völlig sicher ist, ob derselbe überhaupt in Rom gewesen ist; dann Oberhaupt der ganzen Kirche, Stellvertreter Christi und schließlich der Unfehlbare, höher als die Kaiser und Könige. Das Emporkommen des Papsttums kann man am besten kennzeichnen in einigen Vertretern. Als erster ist zu nennen Leo der Große, der von 440-461 die Würde des Bischofs von Rom inne hatte, ein gewiß gewaltiger Mann, dem es gelang, den Weltstürmer Attila von der Hauptstadt[WS 2] Rom ferne zu halten durch seine Ueberredungsgabe und die Macht seiner Persönlichkeit. Ihn kann man den ersten Papst nennen, weil er zuerst die Schriftstelle: Matth. 16 „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde“ auf den römischen Stuhl, auf den Bischof von Rom bezogen hat. Ich brauche nicht beizufügen, völlig fälschlich, da der Herr nicht mit einer Silbe von einen Nachfolger des Petrus spricht und ihm selbst gar kein Vorrecht vor den andern Aposteln gab, sondern ihm nur sagte, was allen galt, weil er im Namen aller sein gutes Bekenntnis abgelegt hatte. Um das Jahr 600 regierte Papst Gregor der Große, gleichfalls ein um die Kirche vielfach hochverdienter Mann. Mit ihm beginnt der Einfluß des Papsttums auf die deutschen Völker. Er begann die Mission in England; von wo aus bekanntlich Deutschland zum römischen Christentum geführt worden ist. Im Jahr 800 unter Leo III. ist der Bund des Papsttums mit dem Kaisertum geschlossen worden; nach einer zwischen den beiden Männern vorher getroffenen Abmachung krönte am Weihnachtsfest des genannten Jahres Leo III. Karl den Großen, den deutschen König, in Rom zum römischen Kaiser. Durch diese Tat gewann das Papsttum mehr als das Kaisertum, nämlich den Glanz und das Ansehen, auch über die Kaiserwürde verfügen zu können. Gregor VII. 1073–1085 bezeichnet den Beginn scharfer Kämpfe zwischen dem Papst| und deutschen Kaiser, denn mit Heinrich IV. kam er in schwersten Konflikt. Innozenz III., in dessen Regierung das Jahr 1215 einen Markstein bezeichnet, zeigt das Papsttum auf der Höhe seiner Macht. Dann Bonifacius VIII. ums Jahr 1300 zeigt uns zwar die päpstliche Anmaßung aus der höchsten Höhe; denn er erließ eine Bulle, in der er es für Ketzerei erklärte, wenn jemand dem Kaiser eine selbständige Stellung neben dem Papst zuerkannte. Aber mit ihm begann auch der Niedergang, da mächtige Fürsten, zumal König Philipp von Frankreich nicht gewillt waren, diese Anmaßung anzuerkennen. So ist das Papsttum in der Kirche emporgekommen. Man kann sagen, daß es in gewissem Sinn zur äußerlichen Erziehung der Völker beigetragen haben mag. Aber die Einrichtung selbst war nicht nach Christi Sinn. In Prag bei den Kämpfen zwischen Huß und seinen Gegnern haben späterhin zwei Engländer ein anzügliches Bild aufgestellt, auf der einen Seite Christus auf dem Esel einziehend, auf der andern Seite der Papst wie ein Kaiser geschmückt auf stolzem Rosse. Dieses Spottbild zeigt am besten, was in Wahrheit vom Papsttum zu denken ist.


III.

Diese falsche Stellung des Papsttums, das sich anmaßt, der Herr in der Kirche, ja auch der Herr des Glaubens zu sein, brachte vor allem eine falsche Stellung der Kirche zur Quelle der Wahrheit mit sich. Auch das Papsttum will sich auf das Wort Jesu Christi Matth. 16 stützen, aber es ist das eine Mißdeutung, die sich aus der Schrift selber leicht widerlegen läßt. Denn was der Herr zu Petrus sprach: „Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben,“ das hat der Herr bald darnach, wie Matth. 18, 18 zu lesen steht, zu allen gesagt, und wenn der Herr zu Petrus sagt: „Auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde,“ so legt uns Paulus im Epheserbrief (2, 19 ff.) des näheren dar, daß die Kirche gegründet ist auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. Tatsächlich konnte sich der Papst bei diesen und anderen irrigen Lehren doch nur berufen auf kirchliche Ueberlieferung, die unsicher genug war.

Das ist die starke Abweichung von der reinen, lauteren Quelle der Wahrheit. In der Stellung zur kirchlichen Ueberlieferung zeigt sich wieder die verschiedene Anschauung der Hauptkonfessionen. Die katholische Kirche stellt die kirchliche Ueberlieferung der Schrift völlig gleich, öfter sogar tatsächlich über sie. Die reformierte Kirche verwirft jede Ueberlieferung in der Kirche ganz. Die lutherische Kirche erkennt das kirchlich Gewordene an, soweit es mit der Schrift übereinstimmt oder in äußerlichen Dingen, soweit es ihr nicht widerspricht.| Das Papsttum will das unfehlbare Lehramt sein, das Christus in der Kirche aufgerichtet habe. Damit macht es den Schriftgrund wankend, damit wird die gottgewirkte Urkunde der Offenbarung zurückgedrängt. Die Kirche in ihrer äußeren Verfassung ist alles; der Glaube wird heruntergedrückt und ist in der katholischen Kirche nichts anderes als Annahme dessen, was die Kirche lehrt, wie es in ihrem Katechismus heißt: „Glauben ist Annehmen dessen, was die Kirche zu glauben dargibt“. Daß das Wort, die Quelle der Wahrheit, dadurch zurückgedrängt worden ist, ist unschwer zu beweisen. Die Laien, die Gemeindeglieder wurden am Lesen der Schrift gehindert. Innozenz III., der gewaltige Papst, hat ein förmliches Verbot des Schriftlesens für die Gemeindeglieder erlassen. Er sagt, wie einst der Sinai umzäunt worden sei, daß das Volk sich nicht nahen konnte der göttlichen Offenbarung, so müsse auch die Schrift dem Volk vorenthalten werden, da es nur durch die Hand der Kirche das Heil dargeboten erhalten soll. Auch in der tridentinischen Kirchenversammlung, die nach der Reformation von 1543 bis 1563 getagt und auf welcher sich die katholische Kirche gegenüber der Reformation abgegrenzt hat, hat man zwar nicht gewagt, das förmliche Bibelverbot aufrecht zu erhalten, aber doch wörtlich ausgesprochen: „Das Lesen der Bibel durch Laien sei zu widerraten, denn es sei mehr schädlich als nützlich.“ Wir wissen auch aus Luthers Leben, daß derselbe schon ein gelehrter Mann, schon Doktor der Philosophie geworden war und noch nie eine Bibel zu Gesicht bekommen hatte, bis er aus der Universitätsbibliothek in Erfurt zufällig eine solche entdeckte. Bei dieser Abweichung von der Quelle der Wahrheit war eine Reformation der Kirche notwendig.


IV.
Aber das Papsttum hat nicht allein eine falsche Stellung zur Quelle der Wahrheit mit sich gebracht, sondern mußte auch schädigend wirken auf den Heilsweg für den Einzelnen. Es kann nur von nachteiligem Einfluß für das innere Leben der Christen sein, wenn sie abgeschnitten werden von der Schrift. Wie viel Stärkung des Glaubens mangelt damit. Wie ist besonders jede Selbständigkeit und Festigkeit des einzelnen Christen in Frage gestellt, ja unmöglich gemacht, wenn er sich nicht aus der Schrift überzeugen kann, daß es sich also verhielte, wenn ihm die Möglichkeit eigener Prüfung damit abgeschnitten ist. Ueberhaupt, wie schädlich ist es für den Christenstand, wenn die Kirche sich in die Mitte drängt zwischen den Einzelnen und seinen Gott. Wir achten die Kirche für nichts Geringes nach den beiden Seiten hin, sowohl als Gemeinschaft der Gläubigen wie als Anstalt der Gnadenmittel. Löhe[WS 3] hat in den drei Büchern von der Kirche in hohen Worten die Herrlichkeit der| Kirche nach der Seite hin geschildert, daß sie die Gemeinschaft der Gläubigen ist. „Eine Landschaft, welche mit dem zauberischsten Pinsel der Natur entnommen und mit täuschender Wahrheit auf die Leinwand niedergelegt ist, läßt unbefriedigt, sie sei schön wie sie wolle, wenn nicht irgendwo auf ihr die Gestalt des Menschen angebracht ist. Allein kann der Mensch nicht sein. Allein möchte ich nicht einmal selig sein.“ In der Kirche haben wir die Gemeinschaft mit allen Gläubigen, etwas Großes und zugleich die Gabe der Gnadenmittel, welche die Kirche uns bietet. Aber wie, wenn nun die Kirche wagt, sich einzudrängen zwischen Christus und die Gläubigen. Das tut die katholische Kirche auf allerlei Weise. Da werden dazwischengestellt die himmlischen Mittler, die Heiligen, die fast mehr angerufen werden als Christus selbst. Da werden dazwischengestellt die irdischen Mittler, die Priester; denn die Vergebung der Sünden für den Einzelnen ist an die priesterliche Vermittlung gebunden. Der Priester legt die Genugtuung auf, die notwendig ist, um die vollständige Vergebung der Sünden zu erlangen. Dazu gehört nicht nur Zerknirschung des Herzens und Bekenntnis mit dem Munde, sondern auch die Genugtuung mit der Tat. Wir sagen: freilich genügt nicht Zerknirschung und Bekenntnis, aber was dazu kommen muß, das ist der Glaube, der Christi Verdienst ergreift. Es ist nicht zufällig, daß der gewaltigste Papst Innozenz III. auf dem Lateran-Konzil des Jahres 1215 die Ohrenbeichte eingeführt, jedem katholischen Christen zur Pflicht gemacht, zur einzigen Möglichkeit dargestellt hat, die Vergebung der Sünden zu erlangen. Da hat sich die Kirche zwischen den Einzelnen und seinen Gott gedrängt und dadurch sind die Christen auf falsche Fährte geführt worden. Die katholische Kirche will den Einzelnen überhaupt nicht zur völligen Gewißheit seines Heils kommen lassen, er soll immer abhängig bleiben von der Kirche und dem Urteil des Priesters. Das spricht das Tridentinische Bekenntnis ausdrücklich aus. Positiv lehrt es nicht unmittelbar die Gerechtigkeit aus den Werken, obwohl auf mannigfache Weise neben den Glauben die Werke sich hereindrängen, aber negativ lehnt es ausdrücklich ab, daß man aus dem Glauben selig wird. „Wenn jemand sagt, der rechtfertigende Glaube sei nichts anderes als das Vertrauen auf die göttliche Erbarmung, das die Sünden um Christi willen vergibt oder daß dies Vertrauen allein es sei, durch das wir gerechtfertigt werden: Anathema sit d. h. der sei verflucht.“ Kanon 12 der VI. Sitzung des Konzils von Trident. So will sie den Einzelnen nicht zur völligen Gewißheit des Heils kommen lassen. Wir verkennen nicht, daß auch in der päpstlichen, der mittelalterlichen Kirche wahre und warme Frömmigkeit vorhanden gewesen ist, aber zweifellos dürfen wir sagen: Der Weg zur Seligkeit war sehr erschwert und daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Reformation.


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V.
Dieselbe läßt sich aber auch noch erweisen durch die Verderbnis des christlichen Standes überhaupt. Da wäre viel zu sagen über die Veräußerlichung des ganzen Gottesdienstes. Wir wollen nur auf eines hinweisen, auf das Klosterwesen, das uns auch einigermaßen auf den Anfang der Diakonie hinführen kann. Es ist merkwürdig, daß das Aufkommen des Klosterlebens im Abendland besonders geschah in Verbindung mit dem Versuch, ein entschiedenes Christentum zu retten. Als durch die Zuwendung des Kaisers zum Christentum die Welt in Scharen in die Kirche eindrang, haben viele ernste Christen dieser Entwicklung der Dinge auszuweichen versucht. Man bildete Gemeinschaften neben der Kirche wie die Montanisten und Donatisten, und innerhalb der Kirche suchte man ein entschiedenes gläubiges Christentum zu retten dadurch, daß man als Einsiedler in die Einsamkeit oder in Gemeinschaft mit andern ins Kloster sich begab. Wir verkennen nicht, daß die Klöster, zumal in Deutschland, seinerzeit große Verdienste gehabt haben; sie waren die Missionsanstalten, sie waren die ersten Schulen, die Stätten für Kunst und Wissenschaft, sie haben für Kultivierung, für Getreide- und Obstbau in Deutschland Großes getan. Aber sehr bald fielen sie der Entartung anheim, sie wurden reich und damit üppig. In verschiedener Weise suchte man dem entgegenzuarbeiten. Zuerst indem man die einzelnen Klöster in größere Verbände zusammenfaßte, wodurch man die Zucht zu heben und der Verweltlichung zu wehren suchte. Als das nicht half, wurden die Bettelorden gegründet, die nicht nur auf persönlichen Eigenbesitz, sondern auf Besitz der Klöster selbst verzichteten. Das sind die Franziskaner, Dominikaner und Augustiner. Aber auch diese Bettelorden sind in schlimmster Weise entartet, sodaß die Bettel-Mönche für das Land eine wahre Plage wurden. Aber es hat das Klosterwesen für den ganzen christlichen Stand eine schädigende Wirkung gehabt. Der gottgeordnete Berufsstand wurde gering geachtet, das Klosterleben galt als höherer Stand. Besonders an der Geschichte des Diakonissenberufs läßt es sich zeigen, wie schädigend das Klosterleben wirkte. In den ersten Jahrhunderten war das Diakonissenwesen in Blüte, besonders in der Morgenländischen Kirche wie etwa unter Chrysostomus, gestorben 407, der der gewaltigste Prediger der Morgenländischen Kirche war, ein vortrefflicher, ernster Mann, ein Zeuge Christi gegenüber dem entarteten Hof der griechischen Kaiser. Er hatte sich eine Anzahl Diakonissen zur Hilfe herangezogen, unter welchen Olympias, eine reiche Witwe, die hervorragendste war; die nachdem sie ihren Mann verloren hatte, im schönsten Schmuck heiliger Liebeswerke wandelte. Wodurch ist nun der Diakonissenberuf in der Christenheit zurückgedrängt worden? Besonders| durch das Klosterwesen, das an seine Stelle trat. Es ist dadurch der Kirche eine schöne Blüte abhanden gekommen.

Wir sagen nochmals, wenn wir nun auf das ganze Verderben des kirchlichen Standes hingeblickt haben: eine Reformation der Kirche war nötig. Wie haben wir das anzusehen? Gott hat den Gang und das Werden seiner Kirche in Menschenhände gelegt und läßt sich ein gewisses Mißlingen gefallen. Beim 25 jährigen Jubiläum der Nordamerikanischen Mission hat Löhe einst hier über das Mißlingen Gottes gesprochen, weil auch bei diesem Werk manches mißlang, vieles ganz anders wurde als man es gewollt hatte. So gibt es ein Mißlingen Gottes. Gott läßt zu, daß das von ihm Gewollte von Menschenhand verderbt wird. Unsere Väter haben in Bezug auf die göttliche Weltregierung gesagt, sie geschehen in vierfacher Weise: in Zulassung und Verhinderung, in Lenkung und Zielsetzung. In Zulassung und Verhinderung: Gott hat zugelassen, daß die Kirche irrige Wege ging, er hat aber verhindert, daß die Wahrheit völlig verloren ging. Luther hat gesagt, Gott habe es verhindert, daß die Lehre von der Taufe geschädigt worden sei, weil Gott sich eine Christenheit auf Erden erhalten wollte. So beschließen wir diesen Ueberblick über den Gang der Kirche, der uns die Notwendigkeit einer Reformation der Kirche vor Augen führen sollte, mit dem Wort:

„Des Herrn Weg ist wunderbar,
aber er führet es herrlich hinaus.“
Psalm 43. Lied 322, V. 4. 5.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: uud
  2. Vorlage: Haupstadt
  3. Wilhelm Löhe


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