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Autor: Arno Hempel
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Titel: Einer von der alten Garde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 585, 586
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[585] Einer von der alten Garde. Wer im Laufe der letzten Jahrzehnte so glücklich war, die Perlen der schlesischen Bäder, Warmbrunn, Landeck oder Salzbrunn, besuchen zu können, der wird möglicher Weise – wenn sein Aufenthalt dort längere Zeit währte, als es sonst dem flüchtigen Touristen vergönnt ist – auch von dem Manne gehört haben, den ich meine. Haben sie doch in einem dieser Badeorte, dem liebenswürdigen alten Herrn zu Ehren, einem seiner Lieblingsplätzchen im rauschenden Waldesgrün seinen Namen gegeben! Der Taufvater dieses schönen Fleckchens Erde war der pensionirte königlich preußische Oberst vom 1. Garderegiment zu Fuß, Wilhelm von Studnitz!

Ich hatte das Glück, den ehrwürdigen Greis näher kennen zu lernen. Die Plauderstunden an seiner Seite werden mir unvergeßlich bleiben, ebenso die Vorzüge seines Geistes und Gemüthes. Es war sein hoher Stolz, mit Ausnahme des Kaiser-Königs, der älteste Officier in der preußischen Armee zu sein, welcher die Uniform des berühmten 1. Garderegiments zu Fuß trug. Als blutjunger Fähndrich und Lieutenant hatte er den Feldzug von 1813 mitgekämpft. Welche Fülle von interessanten Mittheilungen verdanke ich seiner Güte! Dieser Brunnen quoll fast unerschöpflich und ich wurde nicht müde, dem alten Herrn zu lauschen.

Seine letzten Lebensjahre verschönte er sich durch eine treue Hingabe an die Kunst. So war auch ich ihm näher getreten und fast ein täglicher Gast seines Hauses. Seine Unterhaltung war geistvoll und lebhaft, wenn auch hier und da das Greisenalter seinem Gedächtnisse, namentlich was Ortsnamen und Localbezeichnungen betraf, einigen Abbruch that. Manches köstliche Wort aus seinem Munde ziert mein Tagebuch und ich will – mit der stillen Absicht, dem freundlichen alten Herrn im Herzen der Leser ein kleines Denkmal zu setzen – Einiges von allgemeinerem Interesse mittheilen.

Friedrich Wilhelm den Dritten verehrte der alte Herr sehr hoch. Von dessen sprüchwörtlicher Gerechtigkeitsliebe kannte er mehrere Beispiele.

„Der König,“ erzählte mein greiser Oberst, „befand sich eines Abends während der Vorstellung in seiner kleinen Loge im königlichen Schauspielhause. Das scharfe Auge desselben bemerkt während des ersten Actes im Parquet drei nebeneinander sitzende Fähndriche. Nun hatte der König vor nicht langer Zeit eine Cabinetsordre erlassen, welche ein besonderes Abzeichen an den Uniformen der Fähndriche decretirte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welcher Art dieses Abzeichen war. Genug, der König bemerkt die drei jungen Herren, bemerkt aber auch gleichzeitig, daß an ihren Uniformen das erwähnte Abzeichen fehlt. In militärischen Dingen war Friedrich Wilhelm der Dritte äußerst streng. Er wartet, bis der Act zu Ende ist, dann öffnet er seine Logenthür und ruft den dienstthuenden Adjutanten. In seiner kurzen, fast unverständlichen Weise spricht er zu diesem mit allen Zeichen des Unmuths im Antlitze, indem er ihm die Fähndriche zeigt:

‚Sehen – drei Fähndriche da unten?‘

‚Zu Befehl, Majestät!‘

‚Sofort hinuntergehen – fragen – woher kommen!‘

Der Adjutant verschwindet und der König nimmt seinen Platz wieder ein.

Die drei Fähndriche waren aus einer fernen Garnison – wenn ich nicht irre, Neisse – auf einige Tage zum Besuche nach Berlin gekommen. Sie trugen das bewußte Abzeichen allerdings nicht. Entweder war die Cabinetsordre in ihrer Garnison noch nicht perfect geworden oder sie hatten in jugendlichem Leichtsinne vergessen, der neuen Einrichtung nachzukommen.

Der Adjutant läßt, am Parqueteingange angelangt, durch den Logenschließer den ältesten der drei Herren auffordern, sich zu ihm zu bemühen. Derselbe erscheint und der Officier theilt ihm mit, daß der König mit allen Zeichen der Ungnade ihm aufgetragen habe, sich zu erkundigen, aus welcher Garnison die Herren nach Berlin gekommen seien. Ganz betreten giebt der Fähndrich sofortige Auskunft und der Adjutant entfernt sich wieder. Der junge Mann kehrt zu seinen Cameraden zurück und theilt ihnen die eben stattgehabte Unterredung mit. Alle Drei hatten natürlich schon früher den König in seiner Loge bemerkt und sind nun im höchsten Grade niedergedonnert. Ein kurzer Kriegsrath und die drei Herren Fähndriche halten es für gerathen, noch vor Beginn des folgenden Actes den Rückzug anzutreten.

Friedrich Wilhelm der Dritte hat währenddem die jungen Leute nicht aus den Augen gelassen. Er bemerkt, daß der Logenschließer einen der Beobachteten citirt, daß dieser kurz darauf zurückkehrt, daß einige scheue Blicke auf seine Loge fallen und daß schließlich die drei jungen Herren ihre Plätze verlassen und nicht zurückkehren.

Der Adjutant erscheint wieder vor dem Monarchen.

‚Wo sind Fähndriche?‘ empfängt ihn der König, indem er auf die leergewordenen Plätze zeigt.

Ganz bestürzt antwortet der Officier: ‚In der That – Majestät – ich weiß nicht –‘

‚Was haben da unten gesagt?‘

‚Nachdem ich mir einen der Herren hatte herausrufen lassen, theilte ich ihm mit, daß Majestät mit allen Zeichen der Ungnade mich beauftragt hätten, die Garnison der Herren zu erforschen –‘

‚Habe nichts von Ungnade gesagt – arme Jungen – haben Angst bekommen – sind davongelaufen – gehen Sie – zurückholen – sollen ruhig sitzen bleiben!‘

Der arme Adjutant kam zu spät. Die Herren Fähndriche hatten sich mit ‚affenartiger Geschwindigkeit‘ rückwärts concentrirt und waren dem Hause bereits enteilt. Der bestürzte Officier kommt zurück und erstattet dem Könige Rapport.

‚Sehen Sie – kommt davon, wenn meine Befehle nicht genau vollzogen werden! – Ist Ihre Sache – erkundigen sich morgen nach jungen Leuten – sollen Nachurlaub haben, damit Vorstellung sehen können – ihr Vergnügen gestört worden – hatte nicht befohlen – wenn gefunden, sollen zu mir kommen – künftig nur sagen, was befehle!‘

Die Fähndrichssuche des folgenden Tages trug das Ihrige dazu bei, daß die Worte des Königs dem Gedächtnisse seines Adjutanten nicht so bald verloren gingen.“ –

Die Gerechtigkeitsliebe Friedrich Wilhelm’s des Dritten kam auch manchmal zu sehr drastischem Ausdrucke, wie das folgende Beispiel beweist.

Wenn der König Spazierfahrten für einen Tag unternahm, nach Charlottenburg, Potsdam etc., von welchen er meist spät Abends wieder nach Berlin zurückkehrte, so hatte der Küchenmeister ein- für allemal Befehl, dafür zu sorgen, daß es an Speise und Trank – auch für die Dienerschaft – am Ziele der Spazierfahrt nicht fehle. Der Küchenmeister half sich nun, wenn das Mitgeführte aus irgend welchem Grunde dem Bedürfnisse nicht genügte, damit, daß er die niedere Dienerschaft für die ausgefallene Beköstigung in baarem Gelde entschädigte. Dem Könige war dies hinterbracht worden. Eines Abends fragt er beim Einsteigen den Kutscher:

„Hat Ihm X. heute zu essen gegeben?“

„Zu Befehl, Majestät – nein!“

„Warum nicht?“

„Er hatte nichts mehr, Majestät. Aber hier den Thaler hat er mir gegeben.“

„Geb’ Er!“

Der König nimmt dem Kutscher den Thaler ab. Nach erfolgter Ankunft in Berlin läßt er den Küchenmeister sofort in sein Zimmer rufen. Der erschrockene Mann, der durchaus nicht begreifen kann, was die Majestät zu so später Stunde von ihm zu verlangen beabsichtigt, erscheint. [586] Der König geht auf ihn zu, nimmt den Thaler des Kutschers in die Hand und hält diesen in die nächste Nähe des küchenmeisterlichen Mundes.

„Da – ess’ Er!“

„Majestät – ich –“

„Ess’ Er!“

„Majestät – wie kann ich –“

„Er kann nicht? – Hm! – Kutscher soll aber können! – Kann er satt werden von Thaler, wenn Hunger hat? Leute sollen Essen haben, nicht Thaler – ich will’s!“

Die derbe Logik des Königs soll vom besten Erfolge gewesen sein.

Chronologisch gehört hierher auch eine andere kleine Mittheilung meines liebenswürdigen Gewährsmannes. Hat sie auch mit der Person des Königs direct durchaus nichts zu thun, so fällt sie doch in seine Zeit und mag darum hier Platz finden.

In den ersten Decennien dieses Jahrhunderts lebte in Potsdam der alte General von P. als Pensionär. Er hatte seine militärische Carrière als Cornet unter dem großen Fritz begonnen. Der alte General war stets ein tüchtiger Haudegen gewesen, aber Alles, was über den Begriff der streng militärischen Bildung hinausging, war ihm eine terra incognita. Seine sonstigen sonderbaren Manieren machten ihn sehr häufig zur Zielscheibe von kleinen Scherzen der jüngeren Officiere. Friedrich Wilhelm der Dritte hörte von solchen Scherzen sehr ungern und hatte immer eine höchstpersönliche Genugthuung für den alten Herrn bereit. Aber einmal hat er doch auch herzlich über den General von P. lachen müssen und zwar wegen des Folgenden:

Der frühere napoleonische Marschall Bernadotte hat es bekanntlich bis zum Könige von Schweden gebracht. Sein Sohn und späterer Nachfolger war einige Jahre vor seiner Thronbesteigung, während einer Reise auf dem Continente der Gast des Berliner Hofes. Der hohe Reisende ließ es sich während seines Aufenthaltes sehr angelegen sein, die Sehenswürdigkeiten der Residenzstädte Berlin und Potsdam kennen zu lernen. So durchwanderte die schwedische Hoheit auch eines Tages in Begleitung eines zahlreichen Gefolges, unter welchem sich auch der alte General von P. befand, die Gärten von Sanssouci und dessen Umgebungen. Eine – zur damaligen Zeit wenigstens – sehr primitive Fähre führte über einen kleinen Flußarm. Zu beiden Seiten dieses Flußarmes befanden sich damals – ob noch heute, konnte mein greiser Erzähler nicht behaupten – mehrere nicht sehr kunstvoll ausgefallene Statuen berühmter Männer, unter anderen die des schwedischen Helden im dreißigjährigen Kriege, des Königs Gustav Adolf. Als der hohe Gast mit seinem Gefolge in die Nähe des Steinbildes seines großen Vorgängers gekommen war, machte ihn Jemand auf die Statue aufmerksam. Der Kronprinz von Schweden, der Sohn des französischen Marschalls Bernadotte, blieb einen Augenblick stehen, mit forschendem Blicke das Antlitz des Steinbildes musternd. Da ließ sich plötzlich während der allgemeinen Stille die halblaute Stimme des Generals von P. hören, der seinem nächsten Nachbar bemerkte:

„Es ist doch sonderbar mit der Familienähnlichkeit! – Vergleichen Sie einmal, meine Herren! – Die Züge Sr. Hoheit ähneln doch auf das Täuschendste dem Antlitze seines erlauchten Ahnherrn, dessen Statue er jetzt so forschend betrachtet!“

Nicht alle Herren aus dem Gefolge vermochten hier eine berechtigte Heiterkeit zu unterdrücken. Der Kronprinz von Schweden bemerkte diese Heiterkeit. Im Weiterschreiten frug er einen seiner distinguirtesten Begleiter nach der Ursache. Als ihm Bescheid geworden, theilte er diese Heiterkeit vollständig. Friedrich Wilhelm der Dritte und sein Gast sollen über die tiefsinnige Betrachtung des General von P. herzlich gelacht haben.

Für seinen „Herrn“, den Kaiser Wilhelm, schwärmte er aus vollem, treuem Soldatenherzen. Am 22. März, dem Geburtstage des hohen Herrn, begab ich mich zu dem Oberst. Ich fand ihn in voller Uniform, mit seinen Orden und Ehrenzeichen geschmückt. Es läßt sich nicht leugnen, die Uniform übt einen magischen Einfluß auf einen alten Militär. Der Greis des Civilrocks verschwindet und der alte Soldat reckt und streckt sich noch einmal zu früherer Strammheit, sobald er in „seines Königs Rock“ steckt. Ich machte dem alten Herrn mein Compliment über seine stattliche Erscheinung. Er seufzte trotz der Heiterkeit, die entschieden auf seinem freundlichen Gesichte thronte.

„Zu Ehren meines Herrn trage ich nochmals die Uniform! – Ich ahne, es ist zum letzten Male! –“

Zwei Monate später ist er heimgegangen, der älteste Officier des ersten Garderegiments z. F. Er ruhe in Frieden! –

Arno Hempel.