Einer vom Wartburg-Sängerkrieg

Textdaten
<<< >>>
Autor: H. v. C.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Einer vom Wartburg-Sängerkrieg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 76–79
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[76]
Einer vom Wartburg-Sängerkrieg.

Unser Volk hat sich daran gewöhnt, die letzten Spuren des deutschen Ritterthums nur in den Burgruinen unserer Berge zu suchen; wir blicken auf dieselben als auf Denkmäler einer glücklich überwundenen Zeit, die zum Besten des Adels die meisten übrigen Staatsangehörigen in Niedrigkeit erhalten habe, und schätzen sie nur noch als landschaftlichen Schmuck. Daß ein weit höherer und ein unvergänglicher Schmuck aus jenen Tagen uns in den geistigen Schätzen unserer Nation aufbewahrt ist, daß die deutsche Dichtkunst damals Blüthen trieb, an deren Herrlichkeit wir uns heute noch erquicken können, – das ist der großen Masse unsrer Nation so gut wie unbekannt geblieben. Da die Volksschule bei uns noch lange nicht in deutsch-nationalem Geiste geleitet wird, wer sollte da den vielen Millionen, welche von dem Glück höherer Bildung ausgeschlossen sind, den Vorhang vor dem Bilde jener fernen deutschen Zeit aufheben; wo der deutsche Volksgeist mit seinen ersten goldnen Früchten der Dichtkunst den Baum der Menschheit schmückte?

An diese traurige Wahrheit darf wohl der Wunsch sich anschließen, daß die größte und umfassendste Fortbildungsschule der Nation, die Tagespresse, auch hier das von den Schulen des Staats Versäumte nachhole, und die Gartenlaube macht einen Versuch damit, indem sie denjenigen der Minnesänger, welcher als Liederdichter in jeder Beziehung den obersten Rang einnimmt, ihrem Leserkreise vorführt.

Mit der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts trat das deutsche Volk in sein Jünglingsalter und entwickelte rasch und glücklich alle Kräfte einer hochbegabten Jugend. Schon als die ersten Züge der Kreuzfahrer von Frankreich her mit allem Waffenglanz eines heiligen Heers voll Eroberungsdrang und Siegeshoffnung an den staunenden Deutschen vorüber nach dem Morgenlande zogen, „da erwachte in dem ganzen Volke jenes poetische unbeschreibliche, aus süßer Heimathsliebe und unwiderstehlichem Drang in die Ferne gemischte Gefühl, das noch heute das Erbtheil des deutschen Jünglings ist, wenn er den ersten Schritt aus [77] dem Elternhause in die unbekannte Fremde thut.“ Und dieser erste Schritt „hinaus in die Ferne“, der nicht blos Fürsten und ihre Ritter, sondern das Volk in allen seinen Kreisen zur Theilnahme

Die Gartenlaube (1869) b 077.jpg

Die Bestattung Walther’s von der Vogelweide im Neumünster zu Würzburg.
Nach Echter’s Wandgemälde im bairischen Nationalmuseum zu München.

an den Kreuzzügen führte, bezeichnet zugleich den Augenblick, wo die Nation aus der bisherigen Abgeschlossenheit in das deutsche Jünglingsleben hineinstürmte und der Stolz, deutsch zu denken und deutsch zu singen, uns zur ersten klassischen Periode einer nationalen Literatur führte. Der Blick ging plötzlich weiter, neue Bahnen des Verkehrs wurden frei, und nicht blos die Güter des Handels, sondern auch die geistigen Schätze strömten auf und ab über die Grenzen, mehrten das Wissen und hoben den Wetteifer höchsten geistigen Schaffens. Wie damals vor Allem der edle Geist des Ritterthums die Dichtkunst neu belebte, so bildeten die Dichter von Neuem die Sprachen ihrer Völker, und wie die Troubadours in Frankreich und in England die Minstrels, so streuten in Deutschland die Minnesänger ein Fülle lebenvollster Poesie aus, die, ohne die Hülfe der bleiernen Sendboten späterer Zeiten, frisch von Mund zu Mund ihren Weg von den Fürsten- bis zu den Bauernhöfen fand und unter den Dorflinden noch heute, nach Jahrhunderten, in den schönsten Volksliedern nachklingt.

Für die Deutschen kam zu all jenen äußeren Anregungen, wozu namentlich auch das Aufschließen der Schätze des alten Griechenlands und der Märchenwelt des Morgenlandes gehört, noch die damalige politische Größe des deutschen Reichs und der Glanz von Männer- und Heldenwürde, welcher die damaligen Kaiser, die Hohenstaufen, umgab. Die Zeit selbst war, so erfüllt mit poetischen Elementen, daß beim Hinblick auf sie die große Anzahl trefflicher Dichter derselben uns so wenig Wunder nimmt, wie die Erscheinung, daß diese übervolle Blüthenpracht mit den Hohenstaufen aufsteigt, lebt und dahinsinkt.

Der vorherrschende Charakter dieser Dichter wird durch ihren Namen bezeichnet: es ist die Liebe, die Minne, die Frauenhuldigung, deren Maß und Form uns zu allen Zeiten als ein Gradmesser der Sitten- und Bildungshöhe der Völker dienen kann. In allen Liedern dieser Zeit spricht sich der reine jugendliche Geist derselben aus, und auch wo die Dichter aus diesem Kreis herausschreiten und neben dem Frauendienst bald dem Gottesdienst, bald dem Herrendienst, das heißt der Verherrlichung der Fürsten und des Reichs, und den Kämpfen der Zeit ihre Lieder weihen, immer durchdringt sie die nur die Jugend beglückende, reine Begeisterung und völlige Hingabe an den Gegenstand ihrer Dichtung.

Suchen wir nun die Stätten auf, wo diese erste classische Dichtung unseres Volks vorzüglich gepflegt wurde, so kommen wir aus dem Süden Deutschlands kaum über die jetzt so verhängnißvolle Mainlinie hinauf: Schwaben, der Hohenstaufen Heimath, die Schweiz, das Land am Oberrhein, Franken, Baiern und Oesterreich sind ihr Hauptgebiet, und nur die Landgrafen von Thüringen und Meißen und ein Graf (Otto) von Brandenburg vertreten, aber auch in würdigster Weise, den Norden des Vaterlandes.

Ein Dichterleben jener Zeit ist von dem heutigen so verschieden, wie die äußere Erscheinung beider und ihre Art, ihre [78] Werke der Oeffentlichkeit mitzutheilen. Manche jener mittelhochdeutschen Dichter ritterlichen Namens rühmen sich selbst, daß sie nicht schreiben könnten; ob der Dichter aber selbst schrieb oder nicht, immer geschah die Veröffentlichung seiner Poesien mündlich, wie dies ja noch heute in einem Theil jener Alpenländer bei dem Schnaderhüpfels-Volksgesang üblich ist. Zum Lesen waren diese Gedichte gar nicht bestimmt, immer mußten sie mit Harfen-, Cither- oder Geigenbegleitung singend vorgetragen werden, und wo der Dichter dies nicht selbst konnte, da trug für ihn ein sogenanntes „Singerlein“ das auswendig Gelernte vor. Wiederum genau wie in unseren Schnaderhüpfelsländern gingen gute Lieder rasch von Mund zu Mund und fanden weiteste Verbreitung, lange ehe es Jemandem einfiel, sie aufzuschreiben. Und so haben wir denn auch erst aus der Zeit, wo der Minnegesang zu verstummen begann, die ersten großen Liedersammlungen, von denen die vollständigste diejenige ist, welche Rüdiger von Manessa in Zürich am Ende des dreizehnten Jahrhunderts veranlaßte, und deren Handschrift leider nicht in Deutschland, sondern als ein französisches Raubstück, das 1815 zurückzufordern vergessen worden, noch heute in Paris aufbewahrt wird.

Unter den einhundertundsechszig Dichtern dieser sogenannten Manessischen Sammlung wird von keinem Walther von der Vogelweide'# überragt. Er ist der reichste, vielseitigste und vollendetste Poet jener Tage und zugleich einer der Glücklichen, welcher den Kranz des Ruhms noch auf lebendem Haupte trug. Wenn wir seinen Lebensgang betrachten, so haben wir nicht blos das allgemeine Bild eines damaligen Dichterlebens, sondern zugleich den großen Hintergrund der Weltbewegung vor uns, auf deren Wogen die Poesie jener Tage als ewig leuchtende Zierde prangt.

Wie die Mehrzahl der Minnesänger und überhaupt der mittelhochdeutschen Dichter – denn nach der schwäbischen oder mittelhochdeutschen Mundart, d. h. der aus der gothischen und althochdeutschen organisch fortgebildeten oberdeutschen Sprache wurde, weil die Hohenstaufen sie auf drei Jahrhunderte zur Hof- und Schriftsprache erhoben, jene ganze deutsche Literaturperiode genannt – war auch Herr Walther von der Vogelweide ritterlichen Standes, was auch Schwert und Wappen bei seinem Bilde bezeugen. Die jüngeren Sprossen dieser Häuser, welche nicht selbst ein Lehen besaßen und auf ihren Burgen der Dichtkunst eine Pflegstätte bereiten konnten, wie die Frauenhuldigung jener Zeit es forderte, verwandelten, wenn die Begabung es litt, aus fahrenden Rittern sich in fahrende Sänger. Sie zogen von Burg zu Burg, von Hof zu Hof, die Freuden der Hausfeste durch ihre Gesänge verherrlichend, und weilten am längsten da, wo fürstlicher Glanz und edler Sinn ihnen die würdigste Herberge aufgeschlagen. Daß Herr Walther von Haus aus kein Lehen besaß, wissen wir aus seinen Liedern, in welchen er es erst beklagt, „daß er überall nur als Gast begrüßt werde, Keinen selbst als Wirth aufnehmen könne“ – und dann endlich, als sein gefeiertster Kaiser, Friedrich der Zweite, ihn mit einem Lehen bedenkt, jubelnd ausruft: „Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen!“ – Ob aber dieses Lehen mit jenem alten „Hof zur Vogelweide“, einem unscheinbaren Haus zu Würzburg, zusammenhängt, oder ob dasselbe ein älteres Besitzthum seines Geschlechts oder nur sein letztes Wohn- und Sterbehaus gewesen, das Alles ist bis jetzt unermittelt geblieben. Dagegen wird seine fränkische Abstammung ebenso allgemein angenommen, wie man seinen eigenen Worten glauben darf, daß er erst in Oesterreich, in dem fröhlichen Laude der hochsinnigen Babenberger, „singen und sagen“ gelernt habe. Wie glücklich seine Jugend in dieser seiner zweiten Heimath gewesen sein muß, das spricht so rührend, nach Herzog Friedrich’s Tod in Palästina (1198), die Klage aus, mit welcher er von dieser herrlichen Vergangenheit scheidet: „Hievor war die Welt so schön!“ sang er und wanderte nun weiter, um einen neuen Stern seiner Lieder zu suchen. Der menschenfeindliche Kaiser Heinrich der Sechste, von welchem gleichwohl selbst – so mächtig war der Zug der Minne-Sitte! zwei der schönsten Minnelieder uns erhalten sind, vermochte ihn nicht zu fesseln, und um so freudiger begrüßt er den Tag, wo Philipp von Schwaben die deutsche Königskrone auf sein Staufenhaupt setzte. In edelster patriotischer Begeisterung strömt sein den Ghibellinen treu anhangendes Herz über in seinem Lobgesang auf „den König Philipp schön und tadelsohne“ und sein junges Gemahl, die griechische Irene, die „Ros’ ohne Dorn und Taube sonder Galle“, als er dem feierlichen Kirchgang derselben zu Magdeburg beigewohnt. Herr Walther aber trug dann seine Harfe weiter und begann jene große Sänger-Wanderfahrt, welche ihn nicht blos durch den größten Theil von Deutschland, sondern auch nach Frankreich und Italien führte und seine männlich-ernste Seele mit reicheren Anschauungen erfüllte, als irgend einen seiner zeitgenössischen Dichter.

Dieses Wanderleben führte unseren Dichter, nach einem längeren Aufenthalt am Kärnthner.Herzogshofe, um das Jahr 1207 nach der Wartburg, wo um den Landgrafen Hermann und die Landgräfin Sophie sich die damals berühmtesten Minnesänger versammelt hatten. Hier wurde er Theilnehmer an dem Sängerkrieg, als dessen übrige Mitkämpfer neben ihm, dem größten Lyriker, der größte Epiker jener Zeit, Wolfram von Eschenbach, ferner Heinrich von Veldeck, Bitterwolf, Reinhart von Zwetzen und Heinrich von Ofterdingen genannt werden. Die Möglichkeit eines solchen Kampfes ist nicht zu bezweifeln, desto mehr aber der Inhalt der Dichtung, welche als Wartburg-Sängerkrieg in mehreren Handschriften erhalten und offenbar von mehreren Verfassern erst später niedergeschrieben und mit eigenen und sagenhaften Zuthaten versehen ist. Ein doppelter Zwiespalt trennte damals die politischen und die dichtenden Geister: wie die Ghibellinen hatten auch die Welfen ihre Sänger, und gleicherzeit standen die Verherrlichen der deutschen Sagenpoesie den Vertretern der Poesie des heiligen Graals schroff gegenüber. Solche Gegensätze konnten eine Parteierbitterung erzeugen, welche zu einem Kampf auf Leben und Tod führte; schwerlich der Wettstreit, ob der Herzog Leopold von Oesterreich oder Landgraf Hermann der ruhmwürdigere Fürst sei. Immer aber wird der große Saal der Wartburg, in welchem Heinrich von Ofterdingen, der Besiegte, sich vor dem Scharfrichter hinter den Mantel der Landgräfin Sophie geflüchtet haben soll, uns als ein altbewahrter und neuerstandener Zeuge aus jener großen Zeit deutscher Dichtkunst ehrwürdig und unschätzbar bleiben.

In einem neuen Lichte erscheint uns der Dichter, als Otto der Vierte, Heinrich’s des Löwen Sohn, nach der Ermordung Philipp’s von Schwaben durch den Wittelsbacher, die Kaiserkrone nun vollberechtigt und anerkannt allein trug. Herr Walther, der treue Ghibelline, sah in dem Welfen fortan nicht mehr den Parteifeind, sondern den deutschen Kaiser, dem man um des Reichs willen Gehorsam und Treue schuldig sei als dem gewählten und gekrönten Herrn der Christenheit. Wie hoch steht hier der Dichter über jenen Reichsfürsten, welchen nur das Interesse ihres Hauses den Weg des Handelns anzeigte und welche, nach allen Seiten falsch und feil, „schamlos ihren Judaslohn in Silberlingen einstrichen“! Wie er in seinen Liedern damals den untreuen Fürsten harte Wahrheiten sagt, so richtete er seine schärfsten Pfeile auch gegen den Papst Innocenz den Dritten und die herrsch- und prunksüchtige Geistlichkeit. Nachdem dieser Papst Opferstöcke in den deutschen Kirchen hatte aufstellen lassen, läßt Walther ihn die Deutschen also verspotten:

„Nun sind sie Mannen meinem Stock, ihr Gut ist Alles mein.
Ihr deutsches Silber rollt in meinen welschen Schrein.
Ihr Pfaffen esset Hühner und trinket Wein,
Und laßt die Deutschen – fasten!“

Ueber die Peterspfennige damaliger Zeit, die Sammlungen der Geistlichkeit für den bevorstehenden Kreuzzug, sagt er:

„Des Silbers, fürcht’ ich, kommt nicht viel zu Hüls’ in Gottes Land,
Großes Gut entläßt nicht gern der Pfaffen Hand.
Der Stock, der ist zum Schaden hergesandt,
Ob er im deutschen Land
Thörinnen und Narren fände.“

Das Zeitalter der Reformation kennt kaum schärfere Angriffe auf das ultramontane Treiben, als sie zur Geige und Harfe dieses Minnesängers erschallten und freudig verbreitet wurden.

Trotz der persönlichen Unliebenswürdigkeit des Welfenkaisers würde Herr Walther treu zu ihm gehalten haben, wenn derselbe des Reiches Wohl zu fördern vermocht hätte; am wenigsten würde des Kaisers Unglück den Dichter von ihm verscheucht haben. Otto’s Geiz und Wortbrüchigkeit entfremdeten ihm ein solches Herz aber um so rascher, als der Gegner, welcher jetzt gegen ihn auftrat, alles deutsche Volk in Sturm an sich riß: Barbarossa’s Enkel, der ritterliche Hohenstaufe Friedrich der Zweite. Ihm schloß er sich mit allem jugendlichen Feuer seines alten Dichter- und Patriotengefühls an, und der Hohenstanfe belohnte die Treue und ehrte den Ruhm Walther’s’ mit dem ersehnten Lehen.

[79] Der langgepflegte Wandertrieb übte aber seine Herrschaft auch noch über den Alten aus. Es zog ihn wieder in sein geliebtes Oesterreich, er wanderte vom Hofe des Herzogs Leopold zu dem seines Oheims Heinrich und von diesem zum Patriarchen von Aquileja aus dem Grafenhause Andechs, und rühmt es laut, so lange er diese drei Fürsten wisse, brauche er nicht um Herberge fern zu streichen, sein Wein sei gelesen und seine Pfanne sause. Auch die fränkische Heimath besuchte er wieder, aber ihr Anblick erfüllte ihn nur mit Trauer über die Hinfälligkeit alles Irdischen. Schon hochbetagt folgte er endlich seinem Kaiser 1228 in das heilige Land, wohl zu spät, um für seine ermattende Leier viel Ausbeute zu finden, denn bald nach seiner Heimkehr sagte er „Frau Welt“ Ade. Er starb wahrscheinlich als Kanoniker am Stifte Neumünster zu Würzburg.

Daß seine Bestattung eine des Ruhms seines Namens würdige gewesen, dafür sprechen schon die Huldigungen, die er von den Zeitgenossen aller Stände im Leben genossen, ferner aber auch der stattliche Grabstein, welcher einen Pfeiler vom Kreuzgange des Stiftes schmückte, die Inschrift desselben:

Pascua qui volucrum vivus, Walthere, fuisti,
Qui flos eloquii, qui Palladis os obiisti.
Ergo quod aureolam probitas tua possit habere,
Qui legit, hic dicat: Deus istius misere.

zu Deutsch etwa:

Der Du der Vogel Weide, o Walther, gewesen im Leben,
Mußtest, Blume der Rede und Pallas’ Mund, uns entschweben.
Daß nun Deine Tugend erringe die himmlische Krone,
Wünsche, wer Dieses liest, daß Gottes Gnade ihm lohne.

und die Ausführung jenes Vermächtnisses, welches seinen Namen zur Wahrheit machte. Neben der Stiftskirche befand sich in der Mitte des von vier Seiten von Arcaden mit byzantinischen Säulen umgebenen Lusam-(Lust-)Gartens unter einer Linde eine Art steinernen Altars mit vielen Höhlungen auf der Deckfläche, und diese Höhlungen sollten täglich mit Körnern als Futter für seine gefiederten Lieblinge angefüllt werden. Diese Vogelweide war Walther’s Vermächtniß, und es ward befolgt, bis es den Collegiatherren bequemer erschien, diese Körner zu einer Spende von weißem Brode für sich selber zu verwenden. Bei der Säkularisation des Stifts ging zwar der alte Grabstein Walther’s, aber für die Stiftsherren auch diese Schnabelweide verloren, und sie ward, ihrem Zweck wenigstens wieder näher rückend, zu eitler jährlichen Erfreuung der Schuljugend mit sogenannten Michelswecken umgewandelt. Der Platz dieses Lusamgartens und der Vogelweide ist noch jetzt vorhanden, selbst von den Arcaden steht noch eine Seite; ob aber der vor sieben Jahren von einem patriotischen Künstler in der Illustrirten Zeitung (1862, Nr. 988) angeregte Gedanke, diese denkwürdige Stätte von ihrer unwürdigen Umgebung zu befreien und ihrer ursprünglichen rührenden Bestimmung zurückzugeben, später noch zur Ausführung gekommen, ist uns unbekannt. Jede Stadt, die im Besitz eines solchen Andenkens an einen der größten Dichter und erhabensten Männer der Nation ist, sollte in demselben einen Theil ihrer eigenen Ehre erkennen und es danach behandeln.

König Maximilian der Zweite von Baiern ging darin seinem Volke mit edlem Beispiel voraus. Als er seinen Baiern die Schicksale und Thaten ihrer Vorfahren in einer Galerie von einhundertdreiundvierzig in Lebensgröße der Gefeierten ausgeführten Bildern, die den Prachtbau eines besondern „baierischen Nationalmuseums[1] schmücken, darstellen ließ, gedachte er bei den fränkischen Ehren vor Allen Walther’s von der Vogelweide und ließ von dem tüchtigen Künstler Echter Walther’s Leichenbegängniß in stereochromischer Manier ausführen. Sinniger konnte „die letzte Ehre“ für den großen Dichter jeder edlen Liebe nicht erfunden werden. Offen ruht der greise Sänger, den Lorbeer im Haar und die Harfe noch an das todte Herz drückend, im Sarge, welchen Eichengewinde und Rosenkränze schmücken; Minnesänger, den Eichenzweig um das Haupt und die Harfe zur Hand, tragen, Kreuzritter geleiten ihn und ihnen folgt alles Volk, trauernde Frauen und Jungfrauen voran. Und diesen Zug sehen wir in demselben Kreuzgang dahinschreiten, dessen Arcaden den Lusamgarten umgrenzen, und da kommen seine kleinen Lieblinge, die er im Leben so oft geätzet, sie erkennen ihren Wohlthäter, sie folgen dem Zuge und so geben auch sie, seine nächsten Erben, ihm die letzte Ehre. Da dieses Meisterwerk unter dem Münchener Klima bereits stark nachzudunkeln beginnt und seinem Untergang in seiner jetzigen Gestalt entgegengeht, so wird um so mehr eine Mittheilung desselben in der Gartenlaube willkommen genannt werden dürfen.

H. v. C.
  1. Nicht weniger, als dieses schönste Vermächtniß Maximilian’s an sein Volk, diese '#Wandbilder des bairischen Nationalmuseums selbst, verdient allgemeinste Achtung die „historische Erläuterung“, welche denselben ein dem König und der Wissenschaft gleich nahe stehender Mann gewidmet hat. Herr Dr. Karl von Spruner, Generaladjutant des Königs und ordentliches Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften, hat mit diesem Werke nicht etwa eine trockene Bildererklärung, sondern eine wahrhafte Culturgeschichte Baierns geliefert, die furcht- und rücksichtslos mit der Leuchte des für Wahrheit und Recht begeisterten Mannes keinen Schlupfwinkel unerhellt läßt, aus welchem je Pfaffentrug und Aberglaube gegen Humanität, Aufklärung und Sittlichkeit hervorgebrochen sind. Auch wer weder in München die Originale noch die trefflichen Nachbildungen des Photographen Albert je zu Gesicht bekommt, gewinnt an diesem Spruner’schen Buche einen historischen Hausschatz und damit den freudigen Trost, daß auch in der Umgebung der Könige noch so tüchtige, wahrheitsmuthige Männer möglich sind. – Ueber Walther von der Vogelweide insbesondere hat bekanntlich auch Uhland ein Schriftchen veröffentlicht.