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Autor: David Hermann Engel
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Titel: Eine vergessene Schulfrage
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 263, 266, 267
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[263]
Eine vergessene Schulfrage.


Von D. H. Engel.


Seit Ende des vorigen Jahrhunderts haben Aerzte und Erzieher die schädlichen Einflüsse der Schule auf die Gesundheit der Schüler vielfach warnend hervorgehoben. – Heute ist die Angelegenheit bereits so weit, daß die höchsten Schulbehörden bemüht sind, aus dem bisher aufgesammelten Material die Grundzüge für die Gesundheitspflege der Schuljugend festzustellen.

In den veröffentlichten Berichten darüber ist auf alle Schuldisciplinen und die dazu erforderlichen Räumlichkeiten und Einrichtungen Bezug genommen, mit alleiniger Ausnahme des Gesangunterrichts, der ganz unerwähnt blieb. Ob z. B. auf höheren Schulen ein Musiksaal nöthig, wo derselbe gelegen und wie er einzurichten sei, darüber fand ich nichts.

Professor Virchow in Berlin hat in einer bei Reimer daselbst erschienenen Schrift die bisherigen ärztlichen Erfahrungen über die der Gesundheit schädlichen Einflüsse der Schule auf die Jugend vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dargestellt und zusammengefaßt. – Hiernach ist beispielsweise die Zunahme der Kurzsichtigkeit auf höheren Schulen ganz enorm. Sie beträgt nach statistischen Ermittelungen für die Sexta zwölf Procent, zeigt mit den höheren Classenzielen ein regelmäßiges Aufsteigen und erreicht in Prima die Höhe von fünfundfünfzig Procent.

Hätte Herr Dr. Virchow in den Schriften, die ihm das Material zur Beurtheilung des heutigen Standes der Angelegenheit lieferten, nur eine Bemerkung darüber gefunden, daß durch widernatürliche Behandlung des Schulgesanges nicht nur vielfach Heiserkeit und Stumpfheit des Stimmorgans für die ganze fernere menschliche Lebensdauer herbeigeführt, sondern auch der Keim zu hartnäckigen Kehlkopfs- und Brustleiden, die oft zum Tode führten, gelegt wurde, so würde er gewiß nicht unterlassen haben, bei den am Schlusse der Schrift angeführten Schädlichkeiten und Krankheitsursachen auch den untüchtigen Schulgesang anzuführen. Das Wort Gesang kommt aber auch hier nicht einmal vor.

Den Behörden blieben schädliche Einflüsse in dieser Beziehung wohl nicht völlig unbekannt. Sie vermochten aber aus obigem Grunde dem Uebel nicht beizukommen. Man erließ wohl Rescripte wegen Schonung mutirender Stimmen, dieselben verbreiteten aber über das Wesen der Mutation selbst, das namentlich bei Knaben und Jünglingen sehr complicirter Natur ist, nicht die geringste Klarheit. Wie sehr dieselbe gerade hier nöthig gewesen wäre, geht daraus hervor, daß der Schulgesangunterricht im Allgemeinen, und selbst in höheren Schulen, die einen Fachlehrer für diese Disciplin zu berufen pflegen, doch in den meisten Fällen noch von Musikdilettanten ertheilt wird, von denen man nicht voraussetzen kann, daß sie mit der specifisch musikalischen Behandlung der Stimme überhaupt vertraut sind, noch viel weniger aber, daß sie die mit der Entwickelung des Körpers sich vollziehenden mannigfachen Stimmwandelungen bei Knaben und Jünglingen richtig erkennen, und für jede Entwickelungsperiode die zur Abwehr schädlicher Einflüsse nöthige Behandlungsweise rechtzeitig ergreifen sollen.

Ueber den pädagogischen Nutzen eines guten Schulgesanges will ich hier nicht weiter reden. Dagegen gehört es zu meiner Aufgabe, zunächst zu betonen, daß der Schulgesang nur dann einen Nutzen gewährt, wenn er mit der wissenschaftlichen Aufgabe einer Schule auf gleicher Höhe steht, oder deutlicher ausgedrückt, daß es ebenso unzweckmäßig ist, wenn in Bürgerschulen das Gebiet des volksthümlichen Gesanges überschritten und mit Knaben- oder Mädchenstimmen künstliche Figuralmusik betrieben wird, als es beklagenswerth ist, wenn höhere Schulen, deren Aufgabe der gemischte classische Chorgesang ist, sich kaum auf die [266] Höhe der Aufgabe der Volksschulen zu stellen vermögen. Beides kommt vor und ist eine Quelle von schädlichen Einflüssen, die bisher mehr dumpf empfunden als klar erkannt wurden.

Richten wir zunächst das Augenmerk auf die Gesangdisciplin der höheren Schulen. Sie war ehedem von culturgeschichtlicher Bedeutung und stellte dem Lehrer die schwierigste Aufgabe.

Wie steht es heute mit dieser Disciplin? – Wer an diesen Anstalten irgend ein anderes Fach lehren will, muß zuvor den Nachweis führen, daß er in diesem sich auch Kenntnisse erworben hat. Nur beim Gesange ist man nicht so prätentiös. Ob ein Lehrer die Stimme kennt, die er behandeln und erziehen soll, wer fragt danach? wer prüft sein Wissen nach dieser Seite hin? wer beurtheilt, ob er der den höhern Schulen unfehlbar zustehenden Aufgabe, durch correcten Chorgesang auch auf die ästhetische Bildung der Schüler günstig einzuwirken, im ganzen Umfange gewachsen ist? und wenn Untüchtigkeit schädliche Einflüsse herbeiführt, wer erkennt und beurtheilt diese, wer schützt die Jugend? –

Auf all diese Fragen giebt es zur Zeit keine irgend befriedigende Antwort. – Thatsache ist, daß unter den obwaltenden Umständen oft Leute des alleroberflächlichsten Musikdilettantismus und ohne eine Ahnung von dem, was die Aufgabe fordert, zu Gymnasialgesanglehrerstellen gelangen, und daß unsere Jugend diesen Uebelstand oft mit Verlust des Wohllautes der Stimme und mit schlimmern Folgen für die Gesundheit zu bezahlen hat. – Fragt man ferner, auf die Sache specieller eingehend, wie hier oder dort unterrichtet wird, so ergiebt sich sehr planlos Verworrenes. Hier singt man in den untern Classen Liedchen nach der Lehrmethode der Elementarschulen, während das obere Classenziel vom Singen befreit; dort singt man zwar in obern und untern Classen, allein die Männerstimmen von den Knabenstimmen gesondert. Zu gemischt-chörigen Gesängen, mit denen die höhere Aufgabe dieser Schulen überhaupt erst möglich wird, kommt es in beiden Fällen gar nicht; wohl aber wird durch die mit dem Männergesange unvermeidliche Anwendung hoher Stimmlagen der Schädlichkeit des Gesanges für Jünglingsstimmen das Privilegium ertheilt. – Bisweilen ist wohl auch die Theilnahme am Gesange dem Belieben der Schüler anheim gestellt, und ich kenne sogar einen Fall, wo der Anstaltsdirector seinen Schülern das jungen Stimmen aller Kategorien stets verderblich werdende Mitsingen in öffentlichen Gesangvereinen nur dann noch ferner gestatten wollte, wenn sie auch die Schulsingestunde besuchten.

Als Pendant zu dieser die Singestunde als Strafstunde zeichnenden Anordnung paßt folgende Aeußerung eines Gymnasiallehrers, den ich im Bade Salzbrunn kennen lernte. Als wir eines Tages in der schattigen Brunnenallee uns befanden, erhielt ich auf die Frage: „wie steht es mit dem Gesange in Ihrer Anstalt?“ – wörtlich folgende Antwort: „Den ertheilt ein Elementarlehrer. Mit dem Gesange ist ja auf Gymnasien überhaupt nicht viel zu machen. In Sexta und Quinta, da singen die Jungen wohl noch, in Quarta und Tertia bricht schon die Stimme, in Secunda und Prima wird sie vom Bier und Tabak erst vollends verdorben.“ Mein Begleiter war sichtlich überrascht, von mir ganz entgegengesetzte Dinge zu vernehmen: wie ein Gymnasium eine wahre Goldgrube des Kunstgesanges sei, deren Ausbeute man früher sehr wohl verstanden habe; wie unendlich viel Gutes und Edles hier gefördert werden könne, ohne das übliche Stundenmaß zu überschreiten; wie empfänglich, dankbar und hingebend die Jugend alsdann für diese Disciplin sei, aber auch welche Gefahren ungeschickte Gesangbehandlung mit sich führe etc.

Das waren meinem Begleiter neue, aber wohl einleuchtende Dinge und er antwortete vollkommen zutreffend: „Ja freilich, das kommt alles auf die Persönlichkeit des Lehrers an.“

Während dieses Gespräches schlich ein bleicher Zeuge für meine Anklage, ein Opfer mißhandelten Gesanges, stumm grüßend an uns vorüber. Es war ein katholischer Landschullehrer aus Oberschlesien. Er hatte mir sein Unglück in herzzerreißender Weise geklagt. Aus übergroßem Eifer, seiner Kirche zu dienen, hatte er zur Messe längere Zeit wegen Mangels eines Tenoristen auch die Tenorsoli gesungen, und seine Baritonstimme zu unnatürlich hohen Tonlagen hinauf zwingen müssen. Seit drei Jahren war er bereits in Folge dessen kehlkopfskrank, sein Lehramt zu versehen war ihm schon in letzter Zeit nicht mehr möglich gewesen, schon schwebte er in der Sorge, daß, wenn auch diese Brunnencur nicht anschlage, er sein Amt verlieren und mit seiner Familie in Noth gerathen würde. Dazu schien leider alle Aussicht vorhanden zu sein.

Ich unterlasse es, aus meiner vieljährigen persönlichen Beobachtung und Erfahrung ähnliche Beispiele anzuführen; weiß ich doch, daß die Opfer des Gesangsmißbrauchs, in- wie außerhalb der Schulen, überall zu finden sind. Das Auffällige dieser Erscheinung wird ein Blick in die Vergangenheit erklären. Auf Gymnasien ist von jeher gesungen worden, da die ältesten Institute dieser Art mit Kirchen in Verbindung standen und diesen zu allen kirchlichen Functionen die Chöre stellten. An der Spitze solcher Chöre standen ehedem Männer von großer allgemeiner Bildung, innig vertraut mit den Geheimnissen der Stimmbehandlung und der Gesammtkunst des correcten, vocalen Tonsatzes. Das war z. B. der Fall an der Thomasschule zu Leipzig, die übrigens noch heute eins der würdigsten kirchlichen Chorinstitute Deutschlands ist. Mit dem Umschwunge des kirchlichen Lebens, der sich inzwischen vollzog, verloren viele solcher Stellen ihre frühere Bedeutung, – sie verarmten. Wo ehedem Künstler wirkten, mußten später Dilettanten aushelfen.

Diese Erbschaft traten auch die neueren Schulen an, die nie mit Kirchen in Verbindung standen. So nur konnte es geschehen, daß in den heutigen Berathungen über Gesundheitspflege der Schuljugend die heimtückische Seite des Gesanges übersehen wurde; daß kein Arzt auf den Gedanken gerieth, auch einmal statistisch zu ermitteln, wie viele liebe frische Kinderstimmen durch untüchtigen Schulgesang verletzt, wie vielen jungen Kehlen der Keim späteren Verderbens dadurch eingeimpft wurde.

Mit dem Gesangunterrichte in bürgerlichen Schulen steht es anders. Die musikalische Aufgabe dieser Institute ist, wie bereits angedeutet wurde, viel einfacher; sie besteht hauptsächlich im ein- und zweistimmigen Choral- und Liedergesange, der hier classenweise und in der Regel vom Classenlehrer selbst nach oft sehr verständigen Lehrplänen ertheilt wird. Die mit wenigen Ausnahmen vor dem Eintritte der Mannbarkeit hier zu Ende gehende Schulzeit ermöglicht diese Einrichtung, und die Seminarien sorgen dafür, daß die künftigen Lehrer eine für ihren Beruf ausreichende Musikbildung erlangen; wenn es mit Vorsicht geschieht, kann hier wohl auch durch Anwendung einer dreistimmigen Harmonie etc. für den Kunstgesang Vorbereitendes geschehen. Diese Vorsicht wird jedoch vielfach nicht beobachtet, vielmehr finden wir hier oft eine Neigung, die von der Natur so klar vorgezeichneten Grenzen dieser Schulen zu überschreiten und dadurch schädliche Einflüsse herbeizuführen. Die letzteren entstehen hauptsächlich durch Ueberanstrengung des Organs, und zwar durch Ausartung des Gesangs in Geschrei, wozu die Kinder nicht blos durch indiscrete Behandlung des Gesanges allein verleitet, sondern auch durch die ihnen zugemutheten Ueberschreitungen des natürlichen, das heißt leicht ansprechenden Umfanges ihrer Stimmen oft gezwungen werden, sowohl nach der Höhe als nach der Tiefe hin. Beides wirkt verderblich. Einen schädlichen Einfluß übt ferner die nicht rechtzeitige Inachtnahme der mit dem Wachsthum des Körpers sich schon vor dem Eintritte der Mannbarkeit vollziehenden Umwandlung des Stimmorgans, die bei den meisten Knaben sich über vier verschiedene Klangregionen erstreckt. Diese Stimmen sinken nämlich vom hohen Sopran zum Mezzosopran, von da in den Alt und zuletzt in den Contraalt, der vom Tenor, der hohen Männerstimme, nur um einzelne Töne noch entfernt ist.

Jede einzelne dieser Stimmwandlungen bietet für den Schiffbruch der Stimme, für die Beschädigung der Gesundheit Klippen und Gefahren, die durch verständigen Unterricht sehr wohl vermieden werden können.

Solche Vorgänge in der Stimme des einzelnen Schülers können selbst in einer zahlreich besuchten Classe vom Lehrer leicht wahrgenommen werden. Sobald nämlich manierlich gesungen und nicht geschrieen wird, hebt sich die einzelne Stimme, die tiefer wurde und der nunmehr durch zu hohes Singen Gewalt angethan wird, aus dem Chore ab und wirkt störend.

Auf solche Schmerzenslaute der Gewaltthat muß der Lehrer streng achten, den betreffenden Schüler sofort ermitteln und ihn einer tieferen Stimmkategorie einreihen. Die Gefahr ist dann beseitigt. Unmöglich aber wird diese Wahrnehmung, sobald der Schulgesang in Geschrei ausartet.

[267] Die Zahl der nicht gemischt-chörigen Liederbücher für Schulen aller Art ist unübersehbar und wächst täglich. Das ist jedenfalls ein Zeichen großer Regsamkeit auf diesem Felde. Schade nur, daß man von diesen Liederbuchverfassern nicht auch immer sagen kann: „wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verstand!“ Prüft man nämlich den Inhalt solcher Bücher lediglich nach ihrer musikalisch praktischen Seite hin, so wird man zunächst finden, daß die den jungen Stimmen stets Gefahr bringenden zu hohen Tonlagen in strotzender Fülle hier vorhanden sind.

Betrachtet man ferner die specifisch musikalische Behandlung solcher Bücher, also den Tonsatz derselben mit kritischem Auge, so gesellen sich zu den obigen Belastungszeugen der Unkenntniß des Schädlichen noch andere kräftige Mithelfer am Zerstörungswerke unserer Kinderstimmen. Da fehlt es an ausreichender Kenntniß des absoluten Vocalsatzes: das Clavier hat bei der Arbeit aushelfen müssen; die begleitenden Stimmen singen nicht, sondern hüpfen in unmelodischen Sprüngen umher, um harmonische Lücken zu stopfen. Drei- und vierstimmige Sätze drängen die armen Kinderstimmen in die äußerste Höhe und den tiefsten Abgrund.

Daß solche Uebelstände hier vorhanden sind, kann nicht befremden. Die allgemeine Einführung des Gesangunterrichts in Volksschulen trat erst mit der Regelung dieses Schulwesens ein, das bekanntlich neueren Ursprunges ist. Den Volksschullehrern lag es nahe, zunächst für ihre musikalischen Bedürfnisse zu sorgen, und sie haben dies nach besten Kräften gethan! Wenn sie in ihrer Aufgabe zu weit gingen, musikalisch nicht das Rechte trafen, ja Fehlgriffe thaten, wer könnte mit ihnen darüber rechten? – Seminarien haben nicht die Aufgabe, Gesangkünstler und Tonsetzer zu bilden. Man führe diese Disciplin in ihre natürlichen Grenzen zurück und beachte das oben Angedeutete, dann wird hier wenig zu wünschen übrig bleiben.

Nicht so einfach und übersichtlich verhält es sich mit den Erfordernissen einer Reform des höheren Schulgesanges. Diese Disciplin war noch vor nicht vielen Jahren, mit einzelnen Ausnahmen, eine völlig verkommene. An ihr ist viel verschuldet, und ihrer Aufhülfe stehen deshalb noch heute die sonderbarsten Vorurtheile hindernd entgegen. Die oben citirte Aeußerung eines Gymnasiallehrers ist in dieser Beziehung charakteristisch, und noch nicht einmal die schlimmste Sorte von Vorurtheilen, die gegen diese Disciplin in maßgebenden Kreisen oft noch bestehen.

Es liegt jedoch andererseits in unserer Zeit ein mächtiger Zug, die ehedem so hochbedeutend gewesene Chormusik wieder zu Ehren zu bringen. Wer z. B. in Norddeutschland dieses Wiederaufleben des erhabenen, correcten Chorgesanges unserer Altmeister beobachtete, dem kann nicht entgangen sein, daß die Gründung des Berliner Domchores durch Friedrich Wilhelm den Vierten hierzu den Impuls gab. Dieser Zug unserer Zeit konnte auch auf die höheren Schulen, welche die Mittel zur Bildung ähnlicher Chöre in sich vereinigen, nicht ohne günstige Einwirkung bleiben. Nachdem einzelne Schulen in dieser Beziehung ein gutes Beispiel gegeben, ist die Erkenntniß, daß die betreffende Hand an diese Disciplin zu legen sei, in weitere Kreise gedrungen und im Fortschritt begriffen. Freilich langsam und mit großer Scheu (aus Sparsamkeit) gegen das einzige Radicalmittel, das hier helfen kann (und wird): Entfernung des billigen Dilettantismus, Erkenntniß der Nothwendigkeit, daß ein Gesanglehrer höherer Schulen Kenntniß der Gesangskunst und tüchtige Vorbildung für seine specielle Aufgabe sich angeeignet habe.

Es genügt keineswegs, wenn Jemand etwas mehr oder weniger fertig Clavier oder Violine spielt und von Accorden etwas gehört hat. Diese Dinge verhalten sich zur beregten Aufgabe genau ebenso, wie die Handlangerei zur Baukunst.

Die Wahrung der sanitätlichen Seite der Aufgabe fordert neben der Kenntniß des menschlichen Stimmorgans eine große Umsicht und Erfahrung in der Gesangsbehandlung mutirender Stimmen in des Wortes umfassendster Bedeutung.

Die gefährlichste aller Uebergangsperioden des Menschen, die vom Knaben- in das Jünglingsalter hinüberführende, fällt in diese Schulzeit und führt die complicirtesten Organzustände in einem höheren Schulchore zusammen, die auf das Sorgfältigste berücksichtigt werden müssen, um Schädigungen abzuwenden.

Eine langjährige Wirksamkeit in Schulen überzeugte mich, daß die Natur ihre Schönheit an Wohllaut der Stimme an unsere Kinder mit verschwenderischer Fülle hingiebt, und daß eine verständige Pflege des Schulgesanges wohl vermag, diese kostbaren Stimmschätze für’s Leben zu erhalten, zu veredeln und damit auch auf die Gesundheit fördernd hinzuwirken.

Wäre es möglich, die durch Gesangsmißbrauch (der auch in ähnlicher Weise außerhalb der Schule unkrautartig wuchert) verletzten Kehlköpfe wie die von den Pocken zernarbten Gesichter an’s Licht zu stellen, man würde sehen und begreifen, wie es zuging, daß eine im Kindesalter so rührend klangvolle Stimme im späteren Alter nichts mehr von ihrer ursprünglichen Schönheit erkennen läßt. Könnte man tiefer in die Brust hinabsehen, man würde die Keime zu späteren Leiden finden, die Gesangsmißbrauch pflanzte und andere Einflüsse dann großzogen.