Eine reichhaltige Sammlung von Festungsschlüsseln

Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Eine reichhaltige Sammlung von Festungsschlüsseln
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1914, Elfter Band, Seite 227–229
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Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[227] Eine reichhaltige Sammlung von Festungsschlüsseln besitzt das Königliche Zeughaus in Berlin. In dieser Sammlung sind sämtliche Schlüssel der im Laufe des 19. Jahrhunderts von den deutschen Truppen eroberten befestigten Städte vertreten, ferner aber auch die Schlüssel jener deutschen Festungen, deren Wälle aus irgendwelchen Gründen geschleift wurden. An viele dieser Schlüssel knüpfen sich interessante Erinnerungen.

Das größte Exemplar dieser Sammlung ist der Schlüssel des Nationaltores (jetzt Weißturmtores) von Straßburg, welche Festung bekanntlich am 28. September 1870 kapitulierte. Am Tage nach der Übergabe wurde dem Oberbefehlshaber der deutschen Belagerungsarmee General v. Werder als äußeres Zeichen der Unterwerfung von den städtischen Behörden der Schlüssel des Haupttores, eben des Nationaltores, überreicht. Der damalige Bürgermeister von Straßburg namens Lauth entledigte sich dieser unangenehmen Aufgabe mit einer Ansprache, bei der er es nicht unterlassen konnte, [228] zum Schluß der Hoffnung Ausdruck zu geben, der Allmächtige möge es nicht zulassen, daß dieser Schlüssel lange in der Hand des Feindes bleibe. Worauf General v. Werder, durch diese Unverfrorenheit mehr erheitert als erzürnt, den mächtigen Schlüssel seinem Adjutanten mit den stark betonten Worten übergab: „Der Himmel und unser Schwert werden ihn schon für uns erhalten, Herr Bürgermeister!“

Auch die Aushändigung der Schlüssel der jungfräulichen, bis zum 27. Oktober 1870 tatsächlich noch unbezwungenen Festung Metz ging nicht ohne Zwischenfall vorüber. Hier war nämlich der Magistrat auf den schlauen Gedanken gekommen, von dem Schlüssel des Haupttores, der auf das ehrwürdige Alter von dreihundertundsechzig Jahren zurückblicken konnte, und den man höchst ungern den Deutschen ausliefern wollte, eine getreue Nachbildung anfertigen und dieser mit Hilfe von Chemikalien das notwendige alte Aussehen geben zu lassen. Aus diesem Grunde verzögerte sich auch die Überreichung der Schlüssel um mehrere Tage.

Der Schlosser, den die Stadtbehörde mit dieser Arbeit betraut hatte, bekam es jedoch noch im letzten Augenblick mit der Angst zu tun und verriet die Sache dem Generalkommando der deutschen Belagerungsarmee. Trotzdem versuchten die Stadtväter von Metz zunächst alles abzuleugnen. Erst die Drohung, man würde den gesamten Magistrat so lange einsperren, bis der echte Schlüssel herbeigeschafft sei, machte die Herren gefügig. Auf diese Weise gelangte das Berliner Zeughaus in den Besitz von zwei Schlüsseln des Metzer Osttores.

Neben diesen Schlüsseln befinden sich in der Sammlung noch diejenigen folgender französischer Festungen: Chalons und Thionville, noch aus den Befreiungskriegen herstammend, Sedan, Belfort, Luneville, Diedenhofen, Neubreisach, Bitsch, Toul, Verdun und mehrerer anderer aus dem Kriege 1870/71. Daß man Paris in dieser historischen Sammlung nicht vertreten sieht, hat folgenden Grund. Bei der Kapitulation von Paris wurde in die Übergabebedingungen auf Betreiben des Pariser Magistrats ein besonderer Paragraph eingefügt, nach dem die Schlüssel der Tore von Paris nicht ausgehändigt [229] zu werden brauchten. Moltke sträubte sich lange gegen die Bewilligung dieses Zugeständnisses, und erst ein Machtwort des greisen Kaisers entschied zugunsten der Pariser. „Wir haben ja genug altes Eisen im Zeughaus. Streiten wir uns nicht um diese kleinen Eitelkeiten des besiegten Feindes,“ meinte er zu seinem Generalstabschef.

Von den Schlüsseln früherer deutscher Festungen sind bemerkenswert die von Minden – kunstvolle Schmiedearbeit und schwer vergoldet – ferner die von Berlin, die 1806 nach Paris gebracht, aber 1815 den Franzosen wieder abgenommen wurden, schließlich als besonders traurige Erinnerung für die preußische Geschichte die von Magdeburg, das sich am 8. November 1806 dem Marschall Ney ergab, trotzdem es aufs reichlichste verproviantiert und mit Mannschaften und Geschützen vorzüglich versehen war. Diese Schlüssel von Magdeburg bilden insofern eine Merkwürdigkeit, als sie nach ihrer Wiedererlangung im Jahre 1815 auf Befehl Gneisenaus „zum ewigen Andenken an Preußens größte Schmach“ mitten durchgebrochen wurden und auch in dieser Form noch heute aufbewahrt werden.

W. K.