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Titel: Eine neue Aufgabe der Schule
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 608
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[608] Eine neue Aufgabe der Schule. Am 1. December 1880 wird im gesammten deutschen Reiche wiederum eine umfassende Volkszählung stattfinden, und es werden ihr voraussichtlich im Publicum auch dieses Mal wieder dieselben Hindernisse begegnen, welche bei den bisherigen Zählungen das Geschäft erschwert und das Ergebniß in mancher Hinsicht zweifelhaft gemacht haben. Nach den Gründen dieser Mißlichkeit braucht man nicht lange zu suchen. Die Mehrzahl unseres Publicums hat noch kein Verständniß für die Wichtigkeit der Volkszählung, und in weiten Schichten selbst der gebildeten Classen, lebt noch kaum eine Ahnung, daß es sich dabei nicht um eine polizeiliche Controlirung und auch nicht allein um eine Feststellung der Einwohnerzahl, sondern um nothwendige Einblicke in Verhältnisse, geistige und wirthschaftliche Zustände und Interessen des Volks- und Staatslebens handelt, von denen sich nur bei dieser Gelegenheit eine übersichtliche Erkenntniß gewinnen läßt. Zeigte sich aber der störende Mangel, wie gesagt, schon bei den bisherigen Zählungen, so wird er sich bei der nächsten noch unangenehmer fühlbar machen, wenn ihre Fragen die complicirte Ausdehnung erhalten sollten, welche der berühmte Statistiker Dr. Engel in seiner vor Kurzem veröffentlichten ausgezeichneten Druckschrift („Die Aufgaben des Zählungswerkes im deutschen Reiche.“ Berlin, Verlag des kaiserlichen statistischen Bureaus) als durchaus erforderlich bezeichnet hat. Das Publicum begreift eben den Zweck aller dieser nach den Privatverhältnissen des einzelnen spähenden Fragen nicht, weil es ohne jede unterweisende Vorbereitung von denselben überrascht wird. Das mißtrauische Verweigern oder die bald absichtslose, bald vorsätzliche Verkehrtheit der Antworten und Angaben ist daher ebenso erklärlich, wie es die Vergeblichkeit der mannigfach unternommen Bemühungen ist, den Uebelstand sowohl im Interesse der hochwichtigen Angelegenheit, wie der fortschreitenden Volksbildung auf dem Wege der Belehrung durch die Presse und in den Vereinen allmählich zu beseitigen.

Beide Mittel reichen nicht aus, weil sie nur zu einem geringeren Theile des Volkes dringen, während in diesem Falle die gesammte Bevölkerung bis auf jedes Mitglied, jede einzelne Behausung, Werk- und Arbeitsstätte derselben in Betracht kommt. Sehr erfreulich ist es daher, daß Dr. Engel im Hinblicke auf seinen erweiterten Zählungsplan noch eine fernere Art der Einwirkung anzuregen sucht, die einen durchgreifenderen Erfolg verspricht. Es ist die Schule, die er heranziehen, es sind die Lehrer und Schüler, die er für seine Zwecke benutzen will; die Letzteren sollen von dem Erlernten ihren Eltern Mittheilung machen, deren Interesse für die Sache erwecken und so wesentlich dazu beitragen helfen, daß das Bevorstehen der Zählung zur Kenntniß und ihr Nutzen wie ihre Nothwendigkeit zu allgemeiner Anerkennung gelangen. Nach dem Vorschlage des ebenso volksfreundlichen wie volkskundigen Statistikers würden also vom Anfang October 1880 ab auf Anordnung der Staatsbehörde nicht nur die Schüler der Gymnasien sondern auch aller öffentlichen Elementar-, höheren Töchter-, Bürger-, Real- und mittleren wie niederen Fachschulen des Reichs in eigens dazu angesetzten Unterrichtsstunden (wofür nöthigenfalls die der Heimathskunde und der Geographie zeitweise ausfallen können) von hierzu besonders geeigneten Lehrern auf die Zählung aufmerksam gemacht und über ihre Bedeutung belehrt werden. Gleichzeitig sollen die Schüler durch praktische Uebungen mit der Art und Weise der Beantwortung der gestellten Fragen vertraut gemacht und es sollen Beispiele solcher Uebungen in einem unentgeltlich vertheilten „Leitfaden für einen Unterricht in den Zählungen von 1880“ den Lehrern dargeboten werden, die ihrerseits dann wieder durch ihr Vertrautsein mit der Aufgabe das gute Gelingen derselbe zu sichern und sich als Mitglieder der Zählcommissionen in den Dienst derselben zu stellen hätten.

Da die Statistik in erster Linie auch Heimathskunde und diese ein nothwendiger, wenn auch noch nicht überall gebührend beachteter Unterrichtsgegenstand ist, so läßt sich, unserer Auffassung nach, von der Ausführung des Engel’schen Vorschlages auch ein eingreifender pädagogischer Nutzen erwarten. An einem thatsächlich unter ihren Augen sich vorbereitenden und abspielenden Staatsact großen Stiles würden Lehrer wie Schüler klare Vorstellungen und Begriffe von dem Wesen und der praktischen Anwendung einer hochbedeutsam gewordenen Wissenschaft erhalten, und ihre directe Betheiligung an der Vollführung dieses Acts würde auch in sittlicher und patriotischer Hinsicht namentlich für die Hebung des staatsbürgerlichen Bewußtseins ein Sporn sein. Wir glauben deshalb, daß das wahre Interesse der Schule und aller nicht aus Bequemlichkeit vor einer neuen Bemühung zurückschreckenden Lehrer die Einführung dieses neuen Bildungs- und Uebungsmittels sehr wünschenswerth macht.