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Autor: Ein Schweizer Docent
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Titel: Eine freie Burg deutscher Wissenschaft
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33–34, S. 516–519
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Universitäten zu Zürich
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Eine freie Burg deutscher Wissenschaft.

„Wir wollen eine freie Burg deutscher Wissenschaft bauen,“ hat der verewigte Hans Caspar v. Orelli vor einem Menschenalter bei Gründung der Züricher Hochschule gesagt. Und das Züricher Volk hat seinen Spruch wahr gemacht. Jetzt steht sie auch dem leiblichen Auge sichtbar da, diese freie Burg deutscher Wissenschaft. Ein bedeutsamer Anblick ist es, der sich dem Ankömmling auf dem Züricher Bahnhofe darbietet! Er tritt hinaus in ein buntes Gewühl geschäftiger Menschen. Es begleiten ihn Lastwagen mit Baumwollenballen, die den Spinnereien zueilen; es begegnen ihm Kisten mit seidenen Geweben, dem Producte der fleißigen Hände des Landes. Vor seinen Füßen rauscht die mächtige Limmat, deren Gewalt er drüben benutzt sieht zum Treiben lärmender Maschinen. Der Ankömmling überschreitet die großartige Brücke, die erst kürzlich in kühnen Bogen über den Fluß gespannt ist. Die Bürgerschaft hat dafür tief in den Geldsack gegriffen, aber nur, um ihn desto mehr wieder zu füllen. Alles deutet auf [517] leidenschaftliches Jagen nach Gewinn. Jetzt zieht der liebliche waldbekränzte Hügel am Limmatufer den Blick des Ankömmlings nach oben. Da sieht er in gebietender Stellung über den rauchenden Schloten, über den klappernden Hämmern, über den knarrenden Lastfuhrwerken einen herrlichen Palast sich erheben. Der Bau, im edelsten Renaissancestyl aufgeführt, ist ein Werk unseres Gottfried Semper. Es ist kein Königspalast, in welchem stolze Fürsten ihre prachtvollen Feste feiern. Nein, es ist die freie Burg deutscher Wissenschaft, von der wir sprechen. Das zürcherische Volk hat sie freiwillig hingestellt und hat damit gezeigt, daß es kein niedriges Krämervolk ist, daß die bürgerliche Arbeit den Sinn für die höchsten Güter der Menschheit nicht erstickt, daß vielmehr jene in einem freien Volke den gesundesten Boden bildet, aus welchem die schönsten Blüthen idealen Strebens emporblühen.

Die Gartenlaube (1864) b 517.jpg

Das eidgenössische Polytechnicum in Zürich.

Das Gebäude wird zwar erst in der nächsten Zeit feierlich eingeweiht werden, aber es beherbergt doch schon seit diesem Frühjahr die beiden hohen Schulen der Schweiz, die zürcherische Hochschule und das eidgenössische Polytechnicum. Die ältere der beiden Schwesteranstalten, die zürcherische Hochschule, verdankt ihr Dasein jener Bewegung der Geister, die im Anfang der dreißiger Jahre durch Europa fluthete. Die Männer, welche in Zürich an der Spitze dieser Umwälzung standen, wollten eine bleibende Stätte für freie Bewegung der Geister gründen, darum stifteten sie die Hochschule. Und es ist diesen edlen Männern wirklich gelungen, ein Institut zu schaffen, welches einzig in seiner Art dasteht. Ein seltenes Zusammentreffen von glücklichen Umständen machte diese Anstalt, deren Budget nicht größer ist als das eines Bataillons Soldaten, zu einem hervorragenden Centrum des deutschen wissenschaftlichen Lebens. Oder sollte man diesen Namen einer Hochschule versagen, die im Laufe von kaum dreißig Jahren eine Reihe von Männern hat aussenden können, wie Schönlein, Pfeuffer, Hasse, Kölliker, Henle, A. Schmidt, Hildebrand, Bluntschli, Engel, Ludwig, Moleschott, Keller, Dirnbierg, Lebert, Mommsen, Nägeli, Köchly, Hitzig etc.? Diese Männer, die jetzt, so viele ihrer noch leben, die ersten Lehrstühle Deutschlands in ihren Fächern einnehmen, haben sie nicht alle ihre produktivsten Jahre in Zürich gewirkt?

Zu den glücklichen Bedingungen für das Gedeihen der Züricher Hochschule gehört vor Allem der Boden, auf dem sie erwachsen ist. Die Schweiz ist für jeden Deutschen ein Land der Sehnsucht. Schon die herrliche Natur übt eine mächtige Anziehung. Noch mehr aber wirken die Zustände. Der Deutsche sieht in ihnen, und mit Recht, das Ideal, welches der germanische Geist erreichen kann, wo er sich frei entwickelt. Darum folgt jeder deutsche Gelehrte so gern einem Rufe nach der Schweiz. Uebrigens haben die Eingebornen selbst ein ansehnliches Contingent zu den in der Wissenschaft hervorragenden Männern gestellt. Gehören doch schon unter den angeführten Namen nicht die kleinsten geborenen Schweizern. Und auch gegenwärtig wirken an der Züricher Hochschule viele europäische Notabilitäten, die Landeskinder sind. Es genüge zu erinnern an Oswald Heer, den Schöpfer der fossilen Entomologie, an Arnold Escher, den berühmten Kenner der Alpen. Ueberhaupt ist der alemannische Stamm der Schweiz unter den deutschen Stämmen nicht der letzte, was Befähigung und Neigung zur wissenschaftlichen Thätigkeit betrifft. Die Geschichte der deutschen Wissenschaft giebt seit Jahrhunderten davon das glänzendste Zeugniß. Auch kann es dem aufmerksamen Beobachter in der Gegenwart nicht entgehen, daß die ganze Bevölkerung von Zürich einen besondern Sinn für Wissenschaft besitzt. Wissenschaftliche Vorträge finden stets ein zahlreiches Publicum, an den wissenschaftlichen Vereinen betheiligen sich auch Nichtgelehrte mit großem Eifer, vor Allem ist der schweizerische Student durchschnittlich sehr fleißig und von wahrhaft wissenschaftlichem Interesse beseelt.

Auch die Lage Zürichs an den äußersten Grenzmarken germanischer Sprache und Gesittung gereicht seinen höheren Bildungsanstalten nur zum Vortheil. Das polyglotte Gewühl verschiedener Nationalitäten führt dem Geiste neue Bildungselemente zu und spornt ihn, seine nationale Eigenart zu Ehre und Geltung zu bringen. [518] Wir könnten unseren Söhnen gewiß nicht leicht eine bessere praktische Schule des echten deutschen Patriotismus geben, als indem wir sie zur Züricher Hochschule schickten. Nicht selten führt die Mischung der Nationalitäten auch zu den pikantesten Scenen. So fand vor einigen Jahren ein literarisches Banket statt. Es war zahlreich von Studirenden der Hochschule und des Polytechnicums besucht. Einer derselben, ein hochgewachsener blondlockiger Jüngling mit blitzenden blauen Augen, ein echter Sproß des alten Sachsenstammes aus der Lüneburger Haide, brachte ein Pereat auf Napoleon und ließ sich im jugendlichen Ungestüm fortreißen, sein Pereat auf die ganze französische Nation auszudehnen. Sofort erhoben sich die anwesenden Franzosen und Italiener pfeifend und zischend. Nur der Geistesgegenwart des bekannten F. Wille aus Hamburg gelang es, den Sturm noch zu beschwören. Kaum hatte sich dieser gelegt, als G. A. Wislicenus in einer Rede über Schleswig-Holstein von „dänischer Tücke“ sprach; da standen die anwesenden Dänen und Norweger auf und verließen still das Local. Man ließ sie ziehen, sie werden sich wohl mit Recht getroffen gefühlt haben. So rauschten in lebendigem Flusse Dissonanzen und Accorde vorüber, wie in einer Symphonie. Solche Scenen können nur in Zürich vorkommen. So klein sie erscheinen, sollten sie nicht doch auch ernste Belehrung und Anregung, namentlich für das jugendliche Gemüth bieten?

Das sind einige von den Eigenthümlichkeiten des Bodens, in welchem die Züricher Hochschule wurzelt. Fragen wir nun, wie und von wem sie gepflegt worden ist, so werden wir wiederum einen der Factoren finden, welche diese Anstalt zu hoher Bedeutung bringen konnten. In der That, es sind hervorragende Männer gewesen, die mit dem Bestehen der Hochschule das zürcherische Erziehungswesen geleitet haben. Die Stelle des Erziehungsdirectors ist seit den dreißiger Jahren überhaupt die erste Stelle im Staate. Mehrere derselben haben in den weitesten Kreisen berühmte Namen. So war es anfangs C. F. Keller, der berühmte Pandektist, der als Erziehungsdirector an der Spitze der Züricher Hochschule stand. Zwar ist sein Name durch seine spätere poetische Thätigkeit in Berlin befleckt worden, aber die eminenteste Befähigung wird ihm Niemand absprechen, und in seiner Stellung als Züricher Erziehungsdirector hat er sie nur im guten Sinne verwendet. Später haben nacheinander Alfred Escher und Dubs, der dermalige Bundespräsident, an der Spitze des Erziehungswesens gestanden. Für Beide war diese Stellung der Ausgangspunkt ihrer großen staatsmännischen Laufbahn. Sie gehören jetzt zu den einflußreichsten Staatsmännern der Eidgenossenschaft und sind als solche jedem Zeitungsleser zu geläufige Namen, als daß es nöthig wäre, über sie noch mehr zu sagen. Dubs’s Nachfolger, Dr. Suter, ist gegenwärtig Erziehungsdirector. Sein Name ist zwar in weiteren Kreisen noch wenig gekannt, da er bis jetzt noch nicht in der eidgenössischen Politik aufgetreten ist, die meist ausschließlich im Auslande Beachtung findet; allein in schwungvoller, umsichtiger und gewissenhafter Behandlung seines Ressorts giebt er seinen Vorgängern nichts nach.

Eine Eigenthümlichkeit in der Leitung der zürcherischen Hochschule besteht schon darin, daß jene Erziehungsdirectoren ausnahmslos junge Männer waren. Da giebt es denn nichts von jenem in Vorurtheilen eingerosteten bureaukratischen Schlendrian. Der leitende Staatsmann greift selbst mit frischer Hand an und steht in beständigem unmittelbaren Verkehr mit dem Lehrkörper. Von einem langweiligen Instanzenzuge von Behörden und Referenten ist nicht die Rede. Selbstverständlich sind diese Vorzüge zum Theil an die Kleinheit des zürcherischen Staatswesens geknüpft. Man sieht hier, beiläufig sei es gesagt, einmal einen Vorzug der Kleinstaaterei – freilich ist die Kleinstaaterei der Schweiz republikanisch.

Die Jugend der leitenden Staatsmänner hat nun auch, gleichsam durch Anziehung des Gleichartigen, den Lehrkörper zu einem jugendlichen gemacht. Derselbe ist von jeher bis auf den heutigen Tag fast ausschließlich aus jungen Männern zusammengesetzt gewesen. Es sind z. B. augenblicklich höchstens sechs derselben über fünfzig Jahre alt. Daß dieser Umstand einer Hochschule ein ganz eigenthümliches Gepräge aufdrücken muß, begreift sich leicht. Den ganzen Werth davon kann man aber ermessen, wenn man einmal die gelehrten Perrücken so mancher deutschen Universität auf einem Haufen zusammensitzen gesehen hat.

Den genannten Vorzug verdankt übrigens die Züricher Hochschule zum Theil einem Mangel, nämlich dem Mangel an – Gelde. Zwar thut ökonomisch der Staat Zürich für seine Hochschule verhältnißmäßig zehnmal soviel als Preußen und fünfundzwanzigmal soviel als Oesterreich für die seinigen, aber eine Bevölkerung von 250,000 Seelen kann bei der aufopferndsten Bereitwilligkeit doch keine großen Summen aufbringen. So waren denn allerdings die leitenden Behörden schon darauf angewiesen, bei Berufungen immer vorzugsweise ihr Augenmerk auf Gelehrte zu richten, die noch keine einträglichen Stellen inne hatten und darum mäßige Ansprüche machten. Das große Verdienst der Behörden besteht aber darin, daß sie mit bewundernswerthem Scharfblicke – der in ihnen fast traditionell zu sein scheint – junge aufstrebende Talente herauszufinden wußten, welche sich dann in ihrer Wirksamkeit an der Züricher Hochschule Anerkennung und Ruf – mancher einen großen Namen – gemacht haben. In der That wüßte ich in dieser Beziehung kaum einen Fehlgriff zu bezeichnen.

Meisterlich verstanden es die Behörden auch Vortheil zu ziehen von der zeitweise traurigen politischen Lage des großen deutschen Vaterlandes. Wie manchen seiner edelsten Bürger stießen übelberathene Regierungen aus! Hier fanden die Verbannten Aufnahme und wurden Zierden der Hochschule. Ohne dies hätten Oken, Temme, Mommsen, Köchly und andere schwerlich jemals in Zürich gelehrt.

Mit Gründung des eidgenössischen Polytechnicums im Jahre 1855 trat die Hochschule in eine neue Phase ihrer Entwickelung. Die näheren Umstände der Gründung jener Anstalt und ihre Beziehungen zur zürcherischen Hochschule sind so eigenthümlicher Art und bergen so wichtige Keime zukünftiger Entwickelungen in sich, daß sie wohl verdienen in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Schon längst lag den schwungvollsten Staatsmännern der deutschen Schweiz, neuerdings namentlich Alfred Escher, Kern und andern, der Plan sehr am Herzen, die Züricher Hochschule zu einer eidgenössischen zu erweitern. Die französisch redende Schweiz war jedoch diesem Plane wenig geneigt. Um diese dafür zu stimmen, nahmen jene Politiker in ihren Plan die Gründung eines eidgenössischen Polytechnicums auf, welches in der wälschen Schweiz seinen Sitz haben sollte. Mit diesem Doppelvorschlag traten sie vor die Bundesversammlung. Die eidgenössische Hochschule war der Angelhaken, das Polytechnicum der Köder für die Westschweiz. Aber der Hecht war klug und biß den Köder ab, die Angel ließ er fahren. Kurz, es wurde blos der das Polytechnicum angehende Theil des Vorschlages angenommen. Doch jene Staatsmänner ließen sich dadurch in ihrer Richtung nicht beirren. Das augenblickliche Mißlingen ward für sie Veranlassung nur einem noch höheren Ideal nachzustreben, das jetzt mit sicherem Schritt seiner Verwirklichung entgegengeht. Dieses Ideal ist nichts Geringeres, als die wahre noch gar nirgends dargestellte universitas litterarum, eine hohe Schule, auf welcher wirklich Alles, was den Namen Wissenschaft im höchsten Sinne verdient, gepflegt und gelehrt wird. Und wahrlich, die technischen Wissenschaften haben auf diesen Namen nicht weniger Recht als so manches, was in dem scholastischen Bau der vier Facultäten Platz gefunden hat! Sollten diese erhabenen technischen Wissenschaften, die unter unseren Augen die Welt umgestalten, ewig verdammt sein auf engherzig angelegten Drillanstalten eingeschulmeistert zu werden – blos weil diese Wissenschaften damals, als die Universitäten gestiftet wurden, noch nicht erfunden waren? Nein, der Rahmen der Universitäten muß erweitert werden, so daß er jene Wissenschaften mit umspannen kann, denen wir Eisenbahnen und Telegraphen verdanken und die auch an innerer Würde, an Tiefe der Speculation und an folgerechter Gedankenentwickelung den Wissenschaften der vier alten Facultäten um kein Iota nachstehen. Diese neuen Wissenschaften müssen endlich mit den alten in engen gegenseitig befruchtenden Verkehr treten und wie sie auch in wahrhaft humaner Weise dem freien Schüler gelehrt werden.

Es ist interessant zu verfolgen, wie diese Idee einer wahren universitas litterarum, welche in der Geschichte der höheren Bildungsanstalten Epoche machen wird, durch eine Verkettung von zufälligen Umständen sich in’s Dasein ringt. Jene Staatsmänner, welche sie mehr oder weniger bewußt erfaßt hatten, brachten nach Verwerfung der eidgenössischen Hochschule durch die Bundesversammlung vor Allem einen Compromiß zu Stande, daß wenigstens Zürich der Sitz des Polytechnicums werde. Sofort wurde nun aus scheinbar äußeren Gründen – nämlich einfach der Ersparniß wegen – eine Verbindung mit der Züricher Hochschule in verschiedenen Beziehungen hergestellt. Der Züricher Staat, welcher das Gebäude für das eidgenössische Polytechnicum zu erstellen hatte, [519] richtete es so ein, daß darin auch für seine Hochschule Raum war. Ferner gestattete er dem Polytechnicum die Benutzung der schon bestehenden wissenschaftlichen Sammlungen, die nunmehr auch bereits in dem gemeinschaftlichen Bau aufgestellt sind. Endlich wirken eine Anzahl von Lehrern in Physik, Chemie, den beschreibenden Naturwissenschaften, Literatur, Aesthetik etc. an beiden Anstalten zugleich durch Vorlesungen, welche von den Studirenden beider Anstalten besucht werden. Von diesem Umstande hatte zunächst die Züricher Hochschule als solche großen Vortheil, denn sie erhielt einen Zuwachs von Lehrkräften ersten Ranges, die sie mit ihren eigenen beschränkten Mitteln kaum hätte erwerben können. Es genüge an Namen wie Clausius und Vischer zu erinnern.

Wenn dereinst die Verschmelzung der Hochschule und des Polytechnicums zu einer einheitlichen Pflanzschule der gesammten Wissenschaft als vollendete Thatsache dastehen wird, dann wird die Schweiz, ja Europa wird danken können den Männern, welche einst in der Bundesversammlung in eingestandenem Eifer gegen die idealen Interessen die eidgenössische Hochschule verwarfen. Dann zeigen auch sie sich als solche, die es menschlich dachten böse zu machen, aber durch die es die Fügung aus der Höhe schließlich gut gemacht hat.

Noch ist diese völlige Verschmelzung eine Perspektive. Sie ist sogar in diesem Augenblick ein wenig weiter in die Ferne gerückt, als es anfangs schien. Seit nämlich Kern die Leitung des Polytechnicums aufgeben mußte, um den Gesandtschaftsposten in Paris anzutreten, stehen Männer an der Spitze der Anstalt, die, wie es scheint, von jener Idee der Vereinigung nicht erfaßt sind, die sich vielmehr mit allen Kräften dagegen sträuben. Aber hoffen wir, daß auch hier wieder die Dinge mächtiger sein werden, als die Menschen.

So ist denn die Züricher Hochschule zwar in mannigfacher Beziehung zum Polytechnicum, doch eine selbstständige Anstalt unter eigenen Behörden und mit getrenntem Lehrkörper. Kehren wir zu ihr zurück. In ihre Geschichte hat vor etwa einem Jahre wiederum ein Ereigniß mächtig fördernd eingegriffen, die Aufhebung des letzten Klosters auf Züricher Boden, der reichen Abtei Rheinau. Wie verfügten durch ihre Vertreter die schlichten Bauern des Staates Zürich über diese ihnen zufallende große Erbschaft? Sie wird nicht verschleudert für destructive Zwecke, für Kanonen und andere Mordwerkzeuge. Sie wird auch nicht verwandt zur Förderung der materiellen Interessen, was man von einem anscheinend ausschließlich industriellen Volke am ersten hätte erwarten sollen. Nein, die Güter von Rheinau sollen der Geistesbildung zu Gute kommen. Sie werden lediglich für Kirchen- und Schulzwecke verwandt. Ein namhafter Bruchtheil davon im Betrage von einigen Millionen Franken ist zu den Fonds der Hochschule geschlagen. Er wird namentlich auch dazu dienen, die wissenschaftlichen Sammlungen und Institute reicher auszustatten, und dann steht die Züricher Hochschule auch hinsichtlich ihrer materiellen Mittel kaum hinter einer ihrer Schwesteranstalten in Deutschland zurück. Uebrigens waren schon bisher einige der Institute für die medicinische Facultät wahrhaft glänzend, insbesondere die Anatomie und die klinischen Anstalten. Auf der ersteren sind jeden Winter durchschnittlich 130 menschliche Körper in einem prachtvollen Secirsale zur Verfügung der Studirenden. Das ist eine Gelegenheit, Anatomie, die Grundlage alles medicinischen Wissens, zu lernen, wie sie in solcher Ausdehnung nicht oft geboten wird. In den Kliniken des neuen Cantonsspitals unterrichten ein Griesinger und Billroth mit Benutzung eines Materials, wie es nur die größten Städte Deutschlands bieten können. Außerdem besitzt Zürich auch eine psychiatrische Klinik, ein Institut, das bei fast allen deutschen Universitäten gänzlich fehlt. Sie wird gleichfalls von Griesinger geleitet, der bekanntlich auch in der Irrenheilkunde zu den ersten Autoritäten zählt.

Den gegenwärtigen Bestand des Lehrkörpers der Züricher Hochschule im Einzelnen zu durchmustern wäre überflüssig; sind doch fast alle Lehrstühle mit Männern besetzt, die schon als Forscher und Schriftsteller in den weitesten Kreisen bekannt sind. Es möge nur noch vergönnt sein, einen Blick auf das Leben der Studenten der Züricher Hochschule zu werfen. Der deutsche Jüngling, der gelockt durch den Zauber des Schweizerlandes und den wissenschaftlichen Ruf des Limmat-Athens aus der Ferne dahinkommt, findet dort alle Schattirungen seines heimischen Studentenlebens, vom buntfarbigen Corps bis zur deutschen Burschenschaft mit schwarz-roth-goldnem Bande. Auch die Studenten, welche sich keiner Verbindung anschließen wollen, sondern lieber ungebunden durch äußere Formen in Studium und Vergnügen ihre eigenen Weg gehen, werden sich wohl fühlen; denn die Dimensionen des Züricher Lebens sind doch schon so große, daß die Veranlassungen zu Conflicten, die in den kleineren deutschen Universitätsstädten an der Tagesordnung sind, kaum jemals vorkommen. Der Ton unter den Studenten ist durchweg als ein guter zu bezeichnen, nur selten sind Ausschreitungen zu beklagen, obgleich, oder vielleicht gerade weil keine pedantische Disciplinargewalt in die Freiheit der Entwickelung hemmend einzugreifen sucht.

Hat der Züricher Studiosus an einem heißen Sommertage in den Hörsälen geschwitzt, so kann er sich Abends in den krystallnen Fluthen des lieblichen Sees abkühlen oder zum Ruder greifend auf seinen Wellen sich schaukeln und schwelgen im Anblick der von den Strahlen der sinkenden Sonne erglühenden Alpen. An freien Tagen führt ihn ein Bahnzug in wenigen Stunden tief in die Alpenwelt selbst. Ihre erfrischende Luft kräftigt ihn zu neuer geistiger Anspannung. Aber auch die langen Winterabende kann der Student sich auf’s Mannigfaltigste verkürzen. Zieht er nicht die muntere Gesellschaft der Cameraden bei Wein und Bier vor, so findet er reichlich Gelegenheit zu gemüthlicher Erholung in den bescheidenen Salons seiner Lehrer, was besonders den Norddeutschen willkommen ist. Auch hierin ist die Züricher Hochschule mancher andern überlegen. Das Verhältniß zwischen Docenten und Studenten ist kein kaltes auf den Hörsaal beschränktes. Es findet vielmehr ein vielseitiger persönlicher Verkehr zwischen Lehrern und Lernenden statt, der natürlich nicht verfehlen kann auf beide Theile anregend zu wirken, um so mehr, als er durch keinerlei geschmacklose Hofrathsalluren getrübt wird.

So sieht es aus in dieser freien Burg deutscher Wissenschaft. Möge sie noch lange Jahre fest stehen, und mögen noch recht viele deutsche Jünglinge in ihren stolzen Hallen zu freien deutschen Männern heranreifen!
Ein Schweizer Docent.