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Eine europäische Dame unter den Kabylen

Textdaten
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Autor: Theodor Küster
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Titel: Eine europäische Dame unter den Kabylen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 760-763
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Kriegs-Erinnerungen.
Aus dem Tagebuche eines deutschen Officiers der Fremden-Legion in Algier.
III. Eine europäische Dame unter den Kabylen.

Der General-Gouverneur von Algerien, Graf Randon, hatte im Herbst 1856 eine Expedition gegen die Kabylie der Provinz Algier dirigirt und in eigner Person commandirt. Dieser Zug, schnell beschlossen und ebenso schnell ausgeführt, hatte zum Zweck gehabt, die Steuerverweigerungen und Räubereien dieses schwer zu bändigenden Gebirgsvolkes zu bestrafen und mit einem entscheidenden letzten Schlage ihren langjährigen Widerstand zu brechen. Obgleich diese Expedition nur etwa sechs Wochen dauerte, war sie doch reicher an außergewöhnlichen Begebenheiten und wichtiger in ihren nächsten Folgen, als manche ihrer Vorläuferinnen, die oft den größeren Theil eines Jahres in Anspruch nahmen und sehr häufig eben zu nichts führten.

Unsere Soldaten, den französischen es in nichrs nachgebend, im Gegentheil diesen oft durch ihre Officiere als Muster in Muth und Ausdauer vorgestellt, kannten nur eine Furcht, und diese war entschieden begründet: die, von den Kabylen gefangen genommen zu werden. – Ein schreckliches Loos erwartete die Unglücklichen, welche lebendig in die Hände dieses unmenschlichen Gebirgsvolkes fielen. Auf unsern Märschen durch die Kabylie hatten wir wiederholentlich die Leichname dieser bedauernswerthen Opfer gefunden: an Baumstämme mit bis zum Eindringen in das Fleisch angezogenen Stricken gefesselt, die Augenlider durch Sperrhölzer geöffnet gehalten und so der versengenden Mittagssonne ausgesetzu; Ohren, Nasen, Lippen etc. abgeschnitten, die Nägel von Fingern und Fußzehen abgerissen, überließ man sie unter den unsäglichsten Foltern dem Hungertode oder den nächtlich auf Raub ausziehenden Löwen, Hyänen, Panthern und Schakals. Derartige Schreckensbilder trafen wir unter anderm dreizehn im Laufe eines Vormittags an. Und wer verübte diese Gräuel? Nicht die Männer, sondern die Frauen der Kabylen! – Erstere, sobald sie ihre Gefangenen sicher gefesselt und vollständig wehrlos gemacht, überließen sie ihren Weibern und zogen wieder davon, sich in den Hinterhalt zu legen, neue Gefangene zu machen oder den französischen Colonnen so viel als möglich in anderer Weise Schaden zuzufügen. Wenn es ihnen an Zeit gebrach, sich mit dem Transport der Gefangenen aufzuhalten, dann wurden dieselben vollständig entkleidet, und die Kabylen nahmen deren sämmtliche Effecten und Waffen, sowie die Köpfe derselben mit sich, die sie mit dem Yatagan vom Rumpfe absäbelten. Nur Tamboure und Musikanten hatten ein besseres Loos zu erwarten, vorausgesetzt, daß sie im Augenblick der Gefangennehmung sich im Besitz ihrer Trommel oder sonstigen Instrumente befanden; ihre Aufgabe in der Gefangenschaft war die, durch betäubende Musik ihre Zwingherren zu belustigen. Ein Tambour hat auf diese Weise fünf lange Jahre bei den Kabylen zugebracht. Während dieser Zeit hatte er fünf Mal den Versuch gewagt, durch die Flucht der Knechtschaft sich zu entziehen. Nur erst der fünfte Versuch gelang; nach dem Mißlingen jedes der vorhergehenden hatte man ihm jedesmal einen Finger abgeschnitten. Als der arme Teufel, mehr todt als lebendig, endlich nach fünfjährigen Schmerzen und Entbehrungen glücklich bis zur französischen Vorpostenlinie gelangte, blieb ihm von den fünf Fingern der linken Hand nur noch der Mittelfinger übrig. Die rechte Hand hatte man verschont, damit er trommeln konnte.

Wir hatten uns einem Punkte der großen Kabylie genähert, den bis dahin noch nie der Fuß eines französischen Soldaten – ausgenommen vielleicht der eines gefangenen – betreten halte. Die himmelanstrebenden Felsen des Djurdjura zogen sich enger und enger zusammen mit jedem Schritt, den die Colonne vorwärts machte. Wilde, reißende Bergwässer, durch die Steinmassen sich mit Getöse hindurchdrängend, bildeten bald Cascaden, bald verschwanden sie auf lange Strecken unter einem für das Auge undurchdringlichen Dome von Schlingpflanzen, welche, sich mit dem von der Höhe herabfallenden Staube und den von unten heraufsteigenden Wasserdünsten mischend, bald sich zu einer soliden Brücke geformt hatten, bald den unvorsichtigen Waghals, der den Uebergang riskirte, in die Tiefe hinabstürzen machten. Man kann sich leicht vorstellen, wie überaus gefährlich auf solchem Terrain ein Kampf sein mußte, und wie leicht der für unsere Truppen unglückliche Ausgang eines solchen das Gelingen der ganzen Expedition in Frage stellen konnte.

Allein der Feind, statt uns, bei der großen Ueberlegenheit, welche ihm das Terrain sicherte, jeden Fuß breit Erde streitig zu machen und unser Vordringen zu verhindern, beschränkte sich darauf, seinen Heerd entweder nur schwach zu vertheidigen, oder, seine Heerden – den größten und gewissermaßen einzigen Reichthum dieses Bergvolkes – vor sich hertreibend, seine Dörfer bei Annäherung unserer Truppen zu verlassen und immer höher hinauf und tiefer hinein in die mit jedem Schritt unzugänglicher werdenden Schluchten des Gebirges sich zurückzuziehen. Einmal jedoch gelang es einem dieser zahllosen Stämme nicht, sich zeitig genug in Sicherheit zu bringen; sei es, daß seine Spione unsere Annäherung nicht früh genug bemerkt hatten, oder sei es, daß die Colonne zu plötzlich und aus einer von den Kabylen für uns nicht passirbar geglaubten Richtung heranzog; genug, wir standen hundert Schritte [761] vor ihren improvisirten Pallisaden-Fortificationen, als noch kein Mann, kein Weib, kein Kind dieselben verlassen hatte und ihr gesammter Heerdenreichthum friedlich in den Umgebungen weidete. Der die operirende Division befehligende General Montauban (derselbe, welcher augenblicklich die französischen Truppen in China commandirt) schickte einen Parlamentair und Dolmetscher vor und ließ die Kabylen auffordern, sich zu ergeben. Obgleich ihre Lage ihnen keinerlei Hoffnungen und Illusionen einflößen konnte, antworteten sie nichtsdestoweniger durch ganz gegen ihre Gewohnheit wohlgezielte Flintenschüsse, und natürlich, der Kampf begann.

Bevor ich über dessen Verlauf, Resultat und den dabei stattgehabten, für meine Mittheilung wichtigsten Vorfall weiter berichte, möge der Leser mich auf einen Rückweg begleiten, der uns zu einer ähnlichen Expedition, welche 18 Monate früher stattfand, führt. – Dieselbe hatte denselben Zweck und bewegte sich so ziemlich auf demselben Terrain, nur mit dem Unterschiede, daß in derselben die französischen Truppen mit weniger Glück operirt hatten und nicht so weit vorgedrungen waren, als dies in der letzteren der Fall war.

Ein junger Militairarzt, der Doctor Octave Martel, befand sich mit seinem Regiment, einem der berittenen afrikanischen Jäger, in dieser Colonne. Erst seit drei Monaten aus Grenoble zur afrikanischen Armee versetzt, hatte er sich am Tage vor seiner Abreise von dort mit einer jungen Dame verheirathet, welche ihm später nachfolgte und in Algier an’s Land stieg, als der Doctor Martel sich vorbereitete, sein Regiment in die Expedition gegen die Kabylie zu begleiten. Reich, jung, schön, talentvoll und liebenswürdig, war es kein Wunder, daß ihre Ankunft einige Sensation erregte, um so mehr als bald sich das Gerücht verbreitete und Bestätigung fand, daß die junge Frau nicht von dem Entschluß lassen wolle, ihren Gemahl zu begleiten. Entgegen allen Vorstellungen und ungeachtet selbst der wohlwollenden und väterlichen Abmahnungen des alten, braven General-Gouverneurs beharrte Madame Martel fest in ihrem Entschlusse und erklärte, daß sie es für ihre Pflicht halte, ihrem Manne gerade da nahe zu sein, wo Gefahr für ihn vorhanden wäre. Es half Alles nichts, man mußte sich fügen, und – die junge Dame, in Amazonencostüm auf einem ausgesuchten Maulthier reitend, befand sich beim Abmarsch der Colonne an der Seite ihres Gemahls, inmitten seines Regiments. – Ich erwähne diese Expedition nicht, um eine Schilderung derselben zu entwerfen, sondern begnüge mich, aus derselben hervorzuheben, was speciell auf die Heldin Bezug hat.

Man hatte Algier seit 14 Tagen verlassen, das Wetter war herrlich; der Frühling des Jahres 1855 entfaltete sich in selten erlebter Schöne. Das Regiment des Doctor Martel lagerte in einem Thalausgange des Djurdjura, bestimmt am folgenden Tage eine Recognoscirung gegen die Meeresküste hin vorzunehmen, um die Vereinigung zweier mächtiger Stämme zu verhüten und die Verbindung zwischen der Colonne und der Stadt Djidjelli offen zu erhalten. Die angenehme Frische des Abends, einem heißen Tage folgend, hatte die junge Frau des Arztes veranlaßt, in Begleitung der Tochter der Marketenderin, eines Mädchens von 16 Jahren, welche bei ihr gewissermaßen als Kammermädchen fungirte, einen Spaziergang in den Umgebungen des Lagers zu machen. Der Doctor, durch seine Dienstpflicht im Lager zurückgehalten, hatte weder von der Absicht seiner Frau, noch von deren Ausführung Kenntniß gehabt; er würde solche entweder gänzlich verhindert oder nur unter sicherer Bedeckung zugelassen haben. So lange die beiden Spaziergängerinnen sich im Innern der Vorpostenkette hielten, war allerdings nichts für sie zu besorgen; allein einmal diese passirt, war ihre Sicherheit mit jedem Schritt mehr gefährdet. – Die beiden Frauen kehrten nicht mehr zurück! – Ein die äußersten Posten commandirender Unterofficier rapportirte, daß dieselben trotz seiner Warnung, ja selbst seines Verbots, unter Lachen und Scherzen die Postenkette überschreitend, Blumen suchend, von Busch zu Busch gesprungen seien, daß er sie bald gesehen, bald aus den Augen verloren und endlich geglaubt habe, sie seien, von ihm ungesehen, auf einem andern Wege in’s Lager zurückgekehrt, was allerdings bei dem mit Hügeln und hohem Buschwerk durchschnittenen Terrain leicht hätte der Fall sein können.

Sobald der unglückliche Martel Kenntniß von dem Verschwinden seiner jungen Frau und durch ihn der das Lager befehligende Oberst Nachricht davon hatte, wurden sofort starke Patrouillen nach allen Richtungen hin ausgesandt, um die Spuren der beiden Vermißten zu entdecken. Diese Nachforschungen, welche bis zum folgenden Morgen und noch während des Marsches unausgesetzt betrieben wurden, hatten als alleiniges Ergebniß das Auffinden eines buntseidenen Tuches zur Folge, welches als der Tochter der Marketenderin angehörend erkannt wurde und an einem Zwergpalmenstrauch hängend, in einer Entfernung von etwa 5000 Schritten nordwestlich vom Lager entdeckt wurde. Diese Richtung führte zu dem Theile der Kabylie, welcher vor dem Gelingen der Spätherbst-Expedition 1856 nie von den französischen Truppen betreten war, und namentlich zu den Wohnungen der Beni-Laleg, berüchtigt durch ihre Grausamkeit und Raubsucht.

Die angestrengtesten Nachforschungen führten zu keinem Resultate; es blieben nur zwei Annahmen möglich: entweder die beiden Frauen waren in die Hände der Kabylen gefallen, oder sie waren die Beute von Raubthieren geworden. Dieser letztere Fall hatte jedoch weniger Wahrscheinlichkeit für sich, und fast Jedermann stimmte für die erste, allerdings eben so traurige, fast noch schrecklichere Voraussetzung.

In den 18 Monaten, welche dieser traurigen Begebenheit folgten, hatte der unsägliche Schmerz über den Verlust seines fast angebeteten jungen Weibes den unglücklichen Martel fast unkenntlich gemacht. Doch hielt er immer noch an der Hoffnung fest, und deshalb hatte er sich zu einem Regiment versetzen lassen, welches die neue Expedition mitzumachen bestimmt war. Man sah ihn fast stets bei der Avantgarde und, sobald es zum Gefecht kam, den Degen in der Hand, mehr als Officier denn als Arzt fungirend. Einen Kabylen Gnade vor der Spitze seines Degens finden zu sehen, wäre unerhört gewesen; einen tödtlichen Haß, eine wilde Rachbegier drückten seine Züge aus, sobald er der weißen Burnusse ansichtig ward.

Doch kehren wir zu dem verlassenen Standpunkt vor dem Dorfe zurück, dessen Bewohuer unsern Parlamentair mit Flintenkugeln begrüßt hatten. Dieses Dorf gehörte den Beni-Laleg, deren Hauptort es war. Der Doctor Martel, durch die Generalstabs-Officiere in Kenntniß gesetzt, hatte sich der hierher vorgehenden Division angeschlossen und zitterte vor ängstlicher Erwartung, als ihm die Gewißheit wurde, daß das Dorf, der einzige noch übrige Punkt, in dem sich seine letzten Hoffnungen concentrirten, von seinen Bewohnern nicht verlassen sei.

Nach dem freundlichen Empfange, der unsern Abgesandten zu Theil geworden, befahl der General Montauban, unverzüglich das Dorf mit dem Bajonnet zu nehmen. Nach einer tapfern aber kurzen Gegenwehr, auf allen Punkten zugleich angegriffen, war es um die Kabylen gethan; doch an Ergeben war nicht zu denken: sie wehrten sich, so lange sie konnten, und ließen sich dann Einer nach dem Andern niederstechen, -hauen oder -schießen.

Doctor Martel war einer der Ersten, die in das Innere des Pallisadenzaunes eindrangen. Mancher Kabyle hatte schon unter seinen durch furchtbare Rachsucht geführten Streichen geblutet, immer vorwärts drang er, unaufhaltsam, nicht auf drei Wunden achtend (ich glaube sogar, sie gänzlich ignorirend), die ihm das feindliche Blei zugefügt; überall hin schweifte sein durchdringendes Auge, nach allen Richtungen hin brach ihm die rauchende, blutgetränkte Klinge seines Degens Bahn. – Da plötzlich macht ein markdurchdringender Schrei alle Augen nach einem Punkte sich drehen. – Nie vorher, nie nachher hörte ich einen solchen Schrei, nie mehr, glaube ich, werde ich ihn hören; es war fast nichts Menschliches in diesem Tone. Meine Augen, denen der übrigen Zeugen dieses Drama’s folgend, erblickten auf dem flachen Dache eines der höchsten Häuser des Dorfes ein Weib, kaum halb bekleidet, ein noch nicht jähriges in Lumpen gehülltes Kind, krampfhaft an die Brust drückend, aufrecht stehend. Um ihren Hals war ein Strick gewunden, dessen Ende ein hinter ihr stehender, riesiger Kabyle mit der linken Hand hielt, während er, mit der rechten den breiten Yatagan schwingend, sich anschickte, dem Doppelleben von Mutter und Kind ein Ende zu machen. – Martel, obigen Schrei ausstoßend, hatte sein unglückliches Weib erkannt; und dieser Schrei rettete sie. Mehr denn zwanzig Büchsen, alle auf die Brust oder den Kopf des Henkers gerichtet, krachten fast zugleich; wie eine schwere, unförmliche Masse stürzte er zu Boden, im Augenblicke selbst, wo er den verhängnißvollen Streich führte, der glücklicherweise nur leicht die Schulter der jungen Frau verletzte. Doch auch sie, mehr in Folge der erlittenen Angst und Pein als der erhaltenen Wunde, sank zusammen. Schneller als [762] meine Feder es niederzuschreiben vermag, waren wir um sie versammelt. Martel verlor nicht die kalte Besonnenheit des Arztes, die ihn nur so lange verlassen hatte, als er, ungewiß, nur auf Rache sann. Jetzt, sich wieder im Besitz, im sichern Besitz derjenigen sehend, um deren Verlust er so unsäglich gelitten, war er, obgleich zum Erschrecken bleich, doch ruhig und besonnen. Mit kunstgeübter Hand leistete er seinem Weibe die erste Hülfe und rief sie, nach kurzer Ohnmacht, in’s Bewußtsein zurück.

Es wäre mir unmöglich, die Scene treu zu schildern, die nun sich unsern Augen bot: nie habe ich Aehnliches gesehen! Es blieb wohl kaum ein Auge trocken. Generale, Officiere aller Grade, Soldaten, Alles drängte sich um die Wiedergefundene, Alle drückten ihr, Allen drückte sie die Hand. Ihr Kind, das Kind Martels, geboren in der Gefangenschaft, ging von Hand zu Hand, geherzt und geküßt von alten, bärtigen Soldaten, deren Hände mit Blut bedeckt, deren Gesicht durch Pulverdampf, Staub und Schweiß unkenntlich gemacht war. – Nie, nie werde ich diesen Moment vergessen können! –

„Doctor,“ sagte der General Montauban, „gehen Sie morgen mit den Prolongen[1] nach Algier ab und bringen Sie Ihre Frau Gemahlin und Ihr Kind in Pflege und Sicherheit. Ich nehme es auf mich, Sie für den Rest der Campagne zu dispensiren.“ – Und das geschah.

Ich lasse jetzt das Wort der Frau Doctor Martel folgen und wiederhole so ziemlich wörtlich, was sie mir selbst, zwei Monate später, in Algier mitgetheilt.

„Wie Sie wissen,“ sagte sie, „hatte ich mit Léonie, der Tochter unserer Marketenderin, das Lager verlassen, um in einem Spaziergange von der erquickenden Abendkühle zu profitiren. Wir dachten nicht an Gefahr; wir fanden so wunderschöne Blumen, und je weiter wir gingen, desto schöner, desto reicher an Farben, schien es uns, wurden sie. Wir lachten der Aengstlichkeit des Unteroffiziers, der uns warnte, ja uns sogar verbot, die Postenkette zu überschreiten. War doch der Himmel so schön blau, die Luft so ruhig und mild, die Sonne noch am Himmel und das Lager kaum hundert Schritte hinter uns. Wer hätte es, dachten wir, wagen mögen, uns da Böses zuzufügen? – Allein unsere Meinung sollte sich ändern, unsere Mißachtung der Gefahr grausam gestraft werden. Schon im Begriff den Rückweg anzutreten, fühlte ich plötzlich ein eigenthümliches Zucken um beide Fußgelenke und im selben Augenblick stürzte ich nieder; meine Füße waren gleichsam wie vom Boden hinweggehoben. Ich sah nur noch mehrere fürchterliche Figuren sich über mich beugen und fühlte, daß man mir mit einer Art Knebel den Mund schloß. Dann verließ mich die Besinnung. Als ich meiner Sinne wieder Herrin war, fühlte ich an einer gleichmäßigen, beinahe schaukelnden Bewegung und an einem heftigen Schmerz, den ich an den Hand- und Fußgelenken empfand, daß ich mit gebundenen Händen und Füßen auf dem Rücken eines Lastthiers lag, welches, wie ich später erfuhr, ein Maulthier war. Die bereits eingetretene Dunkelheit verhinderte mich, die Gegenstände um mich her deutlich zu erkennen. Nach einiger Zeit indeß und nachdem meine Augen einigermaßen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß meine Begleiterin Léonie sich in derselben Lage befand, daß wir von mindestens zehn dunkeln Gestalten umringt waren und bergauf zwischen wilden Felsenmassen uns vorwärts bewegten.

„Es mochte gegen 11 Uhr Abends sein, als wir vor einer hohen Umzäunung Halt machten; man nahm uns von dem Rücken der Maulthiere herunter, löste die Bande, welche unsere Füße fesselten, band uns die Hände auf dem Rücken zusammen und führte uns in einen Erdkeller, welcher zur Hälfte mit Maisstroh gefüllt war. In diesem feuchten, ungesunden Loche blieben wir die Nacht, den ganzen darauf folgenden Tag und wiederum die Nacht, ohne einen Menschen zu sehen, noch Nahrung zu erhalten. Wir hatten schon dem Glauben Raum gegeben, daß man die Absicht habe uns durch Hunger zu tödten; allein dem war nicht so. Am frühen Morgen des zweiten Tages erhielten wir den Besuch zweier junger Mädchen, in lange weiße Gewänder gehüllt, die von dem ganzen Körper nichts als die Augen sehen ließen. Als sie sich neben uns auf dem Stroh niedergelassen, schlugen sie die weiten Falten ihrer Gewänder zurück, und ich war erstaunt nicht allein über ihre wirklich hohe Schönheit, sondern mehr noch über ihre ausnehmend weiße Hautfarbe. Nachdem die dem Anschein nach ältere der Beiden mindestens eine Stunde lang unaufhörlich und unter den lebhaftesten Gesticulationen zu uns gesprochen, war ich darum um nichts im Verständniß der Situation vorgeschritten, denn sie sprach Arabisch, wovon ich kaum drei Worte kannte. Indessen merkte ich doch so viel, daß sie sich für uns interessirten und uns ihre Dienste anboten. Mich quälte ein furchtbarer Durst; ich gab ihr dies durch Zeichen zu verstehen, worauf ihre Begleiterin verschwand und nach einigen Minuten mit einem großen Kruge frischer Kameelmilch zurückkehrte, der wir, Léonie und ich, Ehre machten.

„Sie entfernten sich unter unverkennbaren Zeichen des größten Bedauerns darüber, daß sie sich uns nicht verständlich machen konnten. Gegen Mittag führte uns ein alter Kabyle mit greisem Barte aus dem Keller heraus in’s Freie. Man eröffnete uns, immer durch Zeichen, daß wir uns anschicken sollten, die Kameele zu melken. Wir bequemten uns, wohl oder übel, der Aufforderung Folge zu leisten, wurden jedoch nicht allein unendlich unserer dabei bewiesenen Ungeschicklichkeit halber ausgelacht, sondern auch übel von den Thieren selbst zugerichtet, welche, dieser Arbeit unerfahrene Hände merkend, uns Stöße und Püffe nicht sparten.

„Endlich erschien ein Mann von ungefähr 40 Jahren, von stolzen, jedoch nicht harten, interessanten Gesichtszügen. Er schien ein Häuptling zu sein, denn die Uebrigen bewiesen ihm viel Ehrerbietung. Nachdem er mit den Andern eine kurze Unterredung gehabt, während welcher er uns oft mit der Hand bezeichnete, befahl er uns, ihm zu folgen, und führte uns in sein Haus. Hier fanden wir die zwei jungen Mädchen, welche uns den ersten Besuch gemacht; er gab diesen in wenigen Worten einen Befehl und verschwand. Wir wurden hierauf von einander getrennt, und ich sah Léonie nie mehr wieder. Eine der beiden Mädchen führte mich in ein inneres Zimmer und brachte mir eine vollständige, der ihrigen ganz gleiche arabische Frauenkleidung vom feinsten tunesischen Stoffe, Alles weiß. Von meinen eigenen Kleidungsstücken behielt ich nicht das Mindeste, nicht einmal ein Band oder eine Nadel. Von dem Augenblick an, wo ich die arabische Kleidung angelegt, bis zu dem, wo man mich auf das Dach des Hauses führte, in der Absicht mich zu tödten, habe ich jenes Zimmer auch nicht auf einen Augenblick verlassen. Hier ward mein Kind geboren und von mir und den beiden jungen Mädchen abwechselnd gepflegt und erzogen. Hier lernte ich im beständigen Umgang mit ihnen die arabische Sprache, die ich jetzt fast geläufig spreche.

„Ueber die mir zu Theil gewordene Behandlung kann ich nicht klagen; ich wurde sogar mit einer gewissen Achtung behandelt. Ich glaube, daß ich ursprünglich dazu bestimmt war, gegen eine in die Hände der französischen Truppen gefallene hohe Persönlichkeit der Kabylen ausgewechselt zu werden. Doch man mag wohl später diese Absicht aufgegeben haben. Die gänzliche Unkenntniß, in welcher ich mich in Betreff meines Gemahls, meiner Familie und der armen Léonie befand, trug nicht wenig dazu bei, mein Gemüth zu bedrücken, um so mehr als der gänzliche Mangel an frischer Luft und die ungewohnte Nahrungsweise meine Gesundheit merklich angriffen. Einige Zeit nach der Geburt meines Kindes fragte mich der Häuptling, in dessen Hause ich lebte, ob ich nicht seine Frau sein wolle. Ich erwiderte ihm (ich fing damals an so ziemlich Arabisch zu verstehen und zu sprechen), daß ich schon die Frau eines Mannes sei und ihm Treue bis zum Tode geschworen habe. Obgleich dies ihm unangenehm zu sein schien, gefiel ihm doch meine Weigerung, und er fragte mich, ob ich den Tod nicht fürchte. Ich blickte ihm fest in’s Auge und erwiderte kurz: „nein!“ – Darauf zuckte er die Achsel, ging hinaus und ließ sich seitdem nicht mehr vor mir sehen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, daß jene beiden jungen Mädchen seine Schwestern seien.

„Was ich in dieser qualvoll langen Zeit von 18 Monaten innerlich gelitten, kann ich nicht beschreiben. Namentlich jedoch hatte ich, vor der Geburt meines Kindes, eine unendliche Angst, daß man mir dasselbe nicht lassen würde. Doch, Gott sei Dank, diese Befürchtung erwies sich nicht nur als unbegründet, sondern die Achtung vor mir schien sogar zuzunehmen, nachdem ich Mutter geworden. Nach diesem Zeitpunkt fühlte ich mich in meinem Kinde [763] glücklicher. Mein Beschützer, wenn ich ihn so nennen darf, fiel etwa 10 Minuten vor der Einnahme des Dorfes durch unsere Truppen; eine Kugel hatte ihm den Kopf zerschmettert. Man brachte ihn in unser Gemach, um ihn zu verbinden, doch es war keine Hülfe mehr. Sein Bruder, derselbe, welcher im Begriffe war mich zu tödten, hatte mich von Anfang an stets gehaßt und sich geärgert über die humane Behandlung, die mir von Seiten seines älteren Bruders zu Theil wurde. Er benutzte dessen Tod, um seinen Haß an mir zu kühlen, und – sich selbst ohne Ausweg zur Rettung sehend, wollte er mich Angesichts unserer Soldaten morden, um dann wahrscheinlich sich selbst zu tödten.

„Von Léonie konnte ich trotz aller Bitten nie etwas erfahren; die beiden Mädchen wußten nichts über ihr Schicksal. Ich habe jedoch allen Grund zu glauben, daß man sie nach Tunis geschafft und dort als Sclavin verkauft hat.“

Als Madame Martel mir diese Mittheilungen mündlich machte, war sie vollkommen von den erlittenen Drangsalen hergestellt und prangte in jugendlicher Frische und Schönheit. Ihr Kind, ein munterer Junge, nach ihrer Rückkehr in Algier getauft, hat den Namen Dieudonné (von Gott gegeben) erhalten, zum Gedächtniß an die schreckliche Episode aus dem Leben seiner Mutter, während welcher das seinige begann.

Ich schließe diese Skizze durch die Mittheilung der Uebersetzung eines Briefes, welchen ich vom Doctor Martel vor Kurzem erhielt, in Folge einer Anfrage meinerseits, ob er nichts gegen die Veröffentlichung dieses Ereignissen in der Gartenlaube einzuwenden habe.

„Mein alter Freund und Camerad!
Nicht nur nichts einzuwenden habe ich gegen die Publicirung der Abenteuer meiner Frau unter den Kabylen, sondern es soll mich sogar freuen, dieselben durch den Druck auch in weiteren Kreisen bekannt werden zu sehen. Auch theile ich Ihnen zur Vervollständigung mit, daß es mir – auf den Wunsch meiner Frau – nach langen Bemühungen endlich gelungen ist, den Aufenthalt der beiden Töchter des ehemaligen Häuptlings der Beni-Laleg, Cherif El-Eben ben-Djozra, zu entdecken. Gänzlich ihrer Angehörigen beraubt bei der Erstürmung ihres Dorfes, lebten die armen Kinder in den traurigsten Verhältnissen in Milianah. Sie hatten sich freundlich und voller Liebe gegen meine Frau gezeigt, und diese sie sehr lieb gewonnen. Sie sind beide jetzt in meinem Hause, und ich hege viele Hoffnungen in Betreff ihrer für die Zukunft …………
Meine Frau grüßt Sie herzlich. Von der unglücklichen Tochter der Marketenderin keine Spur zu finden; trotz aller Bemühungen, welche die Behörden, selbst auf diplomatischem Wege mit Tunis, sich gegeben haben. Mein Dieudonnv gedeiht herrlich ……………
Leben Sie wohl und vergessen Sie nicht Ihren alten Kriegsgefährten
Octave Martel.“

Es ist dieser Fall, glaube ich, der einzige, welchen die Annalen der französischen Occupation Algeriens aufzuweisen haben, in welchem die Kabylen auf menschliche Weise gegen einen ihrer Feinde (denn als solche betrachten sie das schöne Geschlecht so gut wie das andere) verfuhren. Obgleich jetzt vollständig unterworfen, ist ihnen doch nie zu trauen; und wer weiß, ob nicht früher oder später in der Kabylie Algeriens die Schreckensscenen von Cawnpore oder Lucknow sich wiederholen.

Theodor Küster.



  1. Unter Prolongen versteht man in der afrikanischen Armee die in regelmäßigen Zwischenräumen und unter starker Bedeckung zwischen den verschiedenen Garnisonen oder Lagerplätzen und den Hauptstädten oder General-Quartieren cursirenden Transporte, sowohl für militärische als Civilzwecke, zum Transport von Kriegsbedürfnissen, Lebensmitteln, Kaufmannsgütern etc. Da, wo fahrbare Straßen sind, finden dieselben per Achse, wo nicht, auf dem Rücken von Maulthieren oder Kameelen statt. Die Benennung bleibt jedoch stets dieselbe.