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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Eine Bitte an den Weihnachtsmann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 763
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Bitte an den Weihnachtsmann.

Unter den mancherlei Gaben, welche der Weihnachtsmann bringt, nehmen die Bilderbücher und Spielsachen eine der ersten Stellen ein. Die ersteren sind in solcher Menge vorhanden, daß den Freunden der Jugend die Auswahl oft schwer fällt. Um dieselbe zu erleichtern, wollen wir einige Rathschläge hier mittheilen, welche Erfahrung und Psychologie an die Hand geben. Der erste heißt: Wählt keine Bilderbücher mit Fratzen für eure Lieblinge aus! Zwar sind sie vielleicht billig, aber ihr bezahlt sie viel zu theuer durch den Schaden, welchen das Kind durch sie an seiner Seele leidet. Zwar vertreiben sie dem Kinde die Langeweile, erregen wohl auch seine Lachmuskeln, aber seinen ästhetischen Sinn tödten sie in der Blüthe. „Ach,“ sagen Manche, „man muß nicht so ängstlich sein; das Kind hat ja noch kein Ideal der Schönheit; wenn das in ihm erwacht, wird es sich von solchen Fratzen von selbst abwenden.“ Wohl hat das Kind noch kein Ideal der Schönheit, aber damit es eins bekomme, soll man ihm eben nur schöne, treffliche Bilder vor’s Auge stellen. Von allen Reizen, die durch das Auge in die Seele des Kindes dringen, bleibt eine Spur zurück, und viele Spuren begründen zuletzt eine Anlage. Hat man dem kindlichen Auge nur gute Bilder von Jugend auf vorgeführt, so wird sich in der jungen Seele bald eine gewisse Hinneignng zu denselben zeigen; das Kind wird mehr und mehr Züge an denselben erfassen lernen; es wird sich der Schönheit derselben mehr und mehr bewußt werden und sie gar trefflich von der Häßlichkeit anderer Bilder, die ihm vielleicht zufällig vor’s Auge treten, unterscheiden lernen. Umgekehrt ist es, wenn man dem Kinde schlechte Bilder zu schauen gibt. Eben weil in der jungen Seele noch kein Maßstab der Schönheit ist, so nimmt sie die häßlichen Gestalten ruhig hin, gewöhnt sich nach und nach an sie, und findet sie zuletzt gar schön. Daher kommt es auch, daß manche Menschen für ein wirklich schönes Bild gar keinen Sinn haben, daß sie nicht im Stande sind, die Feinheiten desselben zu beurtheilen, und daß der schlechteste Holzschnitt ihre Augen keineswegs beleidigt. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß das Gefühl fürs Schöne sehr fruchtbar in der Seele ist, und daß es durchaus nicht gleichgültig bleibt, ob es sich früher oder später bilde. Deshalb, lieber Weihnachtsmann, keine häßlichen und anstößigen Bilder; bescheere das Schönste, was du findest; die Zinsen davon wirst du aus der reinen Seele deines Kindes nehmen.

Mein zweiter Rathschlag ist: Gib den Kindern keine Geschichten, die mit lauter Moral gespickt sind. Wir haben deren ebenfalls in Unzahl. „Der gute Hans“, „der fleißige Gottlieb“, „der gehorsame Wilhelm“ und wie die Geschichten alle heißen mögen, haben für die Kinder dreierlei Nachtheil. Erstens lernen sie nichts aus diesen Büchern. Moral, das weiß jeder Psycholog, wird überhaupt nicht durch Reden und Lesen gelernt, die Thatsachen des Lebens müssen sie dem Kinde einimpfen. Wenn das Kind dem Mitschüler eine Weihnachtsfreude macht und dessen Dank und Liebe sich erwirbt, wenn der Knabe sich durch eine besondere Arbeit einen schönen Lohn erwirbt, mit welchem er sich und Andere erfreuen kann, so wirkt dies ganz anders als eine Geschichte von guten fleißigen Kindern. Allerdings können moralische Geschichten, mitunter wenigstens, den Impuls zur eigenen moralischen Vervollkommnung geben. Aber auch dies fällt bei den Jugendschriften dieser Art weg, weil sie in der Regel saft- und kraftlos sind und sich in den alltäglichsten Worten und Situationen bewegen. Zweitens lernen sie allerdings manchmal etwas daraus, nur leider nichts Gutes. Oft sind nämlich diese Geschichten kleine Rührmaschinen für die Kinder. Sie schildern eine Menge Auftritte, die das Kind erschüttern oder gar bis zu Thränen erweichen sollen. Solche Thränenbäder haben nun stets etwas Mißliches, treten sie aber öfters ein, so bildet sich daraus im Kinde eine Sentimentalität, die wirklich eine gewisse Nervenschwäche mit der Zeit fördern kann, der frischen, lebendigen Thatkraft aber allemal hinderlich ist. Drittens begünstigen solche Bücher das Lesen ohne Denken, das fleißige Nippen, welches so schon bei unserer Jugend zu einem Krebsschaden geworden ist, und hier und da erregen sie auch ein altkluges Schwatzen über Dinge, die man nicht im Munde führen, sondern im Herzen haben und durch die That beweisen soll.

„Ja, was soll ich denn da bringen?“ fragst du, lieber Weihnachtsmann. „Kinder lesen einmal gern Geschichtsbücher, namentlich wenn sie mit Bildern geziert sind.“ Gewiß. Daher bringe Bilder, aber die besten, bringe Geschichten, aber frische, fesselnde, belehrende, entweder aus dem Kinderleben selbst, oder aus dem Leben interessanter Völker, bringe vortreffliche Schilderungen gewaltiger Naturscenen, bringe Beschreibungen von Heldenthaten oder Erzählungen aus dem Leben großer Männer, bringe Geschichten aus dem Thierreich, damit das Kind Pietät vor demselben lerne, bringe auch Bücher religiösen Inhalts, aber nur solche, welche klare und gesunde und nicht Muckerspeise enthalten. Dann sollst du sehen, lieber Weihnachtsmann, was du für verklärte Augen und für brave Herzen damit schaffen wirst!