Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Eine abenteuerliche Seereise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 415–416
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[415] Eine abenteuerliche Seereise. Unter meinen vielen Seereisen ist keine so reich an Abenteuern gewesen, als die kurze Fahrt von Jamaica nach Halifax, die ich vor einigen Jahren auf einem großen amerikanischen Handelsschiffe unternahm.

Wir waren mit einem günstigen Winde abgesegelt, und mochten am ersten Tage wohl zwanzig Meilen zurückgelegt haben, als am Abend des zweiten Tages der Kapitän sein Fernrohr mit einer gewissen Unruhe nach einem schwarzen Punkte richtete, den man in der Ferne bemerkte.

„Etwas Neues, Kapitän?“ fragte ich.

„Sehen Sir selbst,“ antwortete er mir. Ich nahm das Glas aus seiner Hand, richtete es nach dem dunklen Punkte und sagte: „Es ist eine Schaluppe.“

„Ja, eine Schaluppe,“ wiederholte er, „die mit aller der Schnelligkeit auf uns zukommt, welche ihr die kräftigen Arme von zwanzig starken Seeräubern geben können. Sie begreifen nun, weshalb ich mir vorhin schlechtes Wetter wünschte. Ja, ja,“ fuhr er nach einiger Zeit fort, nachdem er die Schaluppe noch einmal aufmerksam betrachtet hatte, „ohne Zweifel sind es entflohene Negersklaven, welche sich gern unseres Schiffes bemächtigen möchten, um auf ihm das Weite zu suchen. Nun, nun, so weit sind wir, Gott sei Dank, noch nicht!“

Man machte sogleich alle Anstalten, die Seeräuber würdig zu empfangen. Da wir die Zahl der Feinde, mit denen wir zu thun hatten, nicht kannten, so trug man Pulver, Flinten- und Kanonenkugeln, so wie blanke Waffen aller Art auf das Verdeck, enthüllte zugleich die beiden messingenen Kanonen des Schiffes, lud sie und stellte sie in die Stückpforten der Seite, von welcher wir den Feind erwarteten. Auch die Flinten wurden geladen, und Jeder steckte einen Dolch und zwei Pistolen in seinen Gürtel. Der Kapitän trieb seine Vorsichtsmaßregeln sogar so weit, daß er die Regelingen oder die Decken von Strickwerk, durch die man auf Kriegsschiffen die Mannschaft vor Flintenkugeln zu schützen sucht, ausspannen und die Balken am Steuerbord waschen und scheuern ließ, um das Entern schwieriger zu machen, wenn der Feind es versuchen sollte.

Als diese Vorbereitungen beendigt waren, begab sich Jeder auf seinen Posten. Aller Augen richteten sich nach dem westlichen Horizont; aber die Nacht trat ein und es wurde bald unmöglich, die Schaluppe noch länger zu erkennen.

Einige Stunden vergingen, und es ließ sich nichts sehen, weder im Osten noch im Westen. Die Passagiere, eine Beute der Angst und der Unruhe, hatten, nachdem sie vergebens versucht, die feindliche Schaluppe zu erkennen, sich endlich in ihre Hängematten gelegt, und ich selbst wollte mich, da ich im höchsten Grade ermüdet war, zur Ruhe begeben, als der Kapitän zu mir kam.

„Nun, Kapitän, was ist aus Ihren Meerwölfen geworden?“ fragte ich ihn.

„Sie haben ohne Zweifel unsere Spur verloren,“ antwortete er; „und ich wünsche das von ganzem Herzen. Aber es ist schwer, die Pläne dieser Burschen zu durchschauen, und wir müssen deshalb fortwährend auf unserer Hut sei.“

„Ich für mein Theil,“ sagte ich, „bin es müde, immer auf das Meer zu sehen, ohne etwas zu bemerken. Ich betrachte lieber den Sturm, der sich dort im Osten zusammenzieht.“ Mit diesen Worten wendete ich mich um, und erblickte in dem Wasser einen hellen Punkt, der sich abwechselnd zeigte und wieder verschwand.

„Da sind sie,“ rief der Kapitän, als er der Richtung meiner Augen folgte. „Die Elenden kommen von der andern Seite heran, und werden bald dicht bei unserm Schiffe sein. Zu den Waffen, Kinder!“ fuhr er mit Donnerstimme fort; „Jeder gehe auf seinen Posten.“

Jedermann gehorchte, und auch die Passagiere eilten auf das Verdeck, um an dem Kampfe theilzunehmen.

„Daß sich Niemand untersteht, Feuer zu geben, ehe ich es befehle,“ setzte der Kapitän hinzu.

„Ja, ja!“ erwiederte die ganze Mannschaft wie aus einem Munde.

„Und nun,“ fuhr der Kapitän fort, der alle seine Befehle mit der größten Kaltblütigkeit gab, „bringe man diese Kanone hierher, um unsere Feinde würdig zu empfangen.“

In einem Augenblicke hatte die Kanone den Standpunkt gewechselt und hielt ihren Rachen der kleinen Schaluppe entgegen, die wie eine Schlange um uns herumkreiste und nur noch eine Viertelmeile von uns entfernt sein mochte.

Wir erwarteten, uns auf einmal von mehreren Schaluppen angegriffen zu sehen; es befand sich aber wirklich nur eine vor uns, und wir fragten uns, wie ein so gebrechliches Fahrzeug es wagen könne, sich mit einem Schiffe messen zu wollen, welches Kanonen führte und von einer tapfern und wohlbewaffneten Mannschaft vertheidigt wurde.

„Schaluppe, schnell in’s Weite!“ rief jetzt der Kapitän mit aller Kraft seiner Lungen. Man antwortete nicht, die Ruder des Fahrzeuges aber bewegten sich schneller. „Sucht das Weite, Ihr Elenden!“ wiederholte der Kapitän mit donnernder Stimme, „oder ich bohre Euch mit Eurer Schaluppe in den Grund.“

Diese Drohung und eine brennende Lunte, welche ich in der Hand hielt, und die den Platz, wo wir standen, erhellte, schienen die Räuber einzuschüchtern. Allem Anscheine nach zögerten sie, denn der Lauf ihres Fahrzeuges ward plötzlich langsamer. Der Kapitän hielt den Sieg bereits für gewonnen: er erhob die Stimme von Neuem und rief: „Werft Eure Waffen in’s Meer und ergebt Euch!“

Der Knall mehrerer Flintenschüsse antwortete auf diese Anrede; ein Dutzend Kugeln pfiffen uns um die Ohren, und eine derselben warf den Hut den Kapitäns auf das verdeck. „Feuer!“ kommandirte dieser, und augenblicklich sprühten die Flammen, von Rauchwolken umflossen, unter entsetzlichem Donner aus unserm Schiffe hervor. Ein lautes Krachen und das Geräusch mehrerer in das Meer fallender Körper, begleitet von dem Wehgeschrer und dem Aechzen der Verwundeten, ertönte darauf von dem Orte her, wo sich unsere Feinde befanden.

Der Rauch hatte sich zwar noch nicht so weit verzogen, daß wir erkennen konnten, welche Wirkung unsere Schüsse gethan hatten; indessen war aus den Wogen weder die Schaluppe, noch irgend eine Spur von den Elenden zu sehen, so daß wir wähnten, die ganze Mannschaft sei in die Tiefe gesunken.

„Beim heiligen Georg!“ rief der Kapitän mit einem Tone des Bedauerns, während er mit einem Tuche das Blut von seinem Kopfe wischte, „es wäre mir lieber gewesen, wenn ich alle diese Taugenichtse in meine Gewalt bekommen hätte, um sie mit allen Ehren, die ihnen gebühren, aufzuhängen. Es ist unmöglich, besser zu zielen, selbst …“

Ein fürchterliches Geschrei unten am Schiffe unterbrach den Kapitän mitten in seiner Rede, und jetzt erblickten wir in dem Rauche die Schaluppe, die sich an das Vordertheil unseres Schiffes anzuhängen suchte, und ein Dutzend riesenhafter Neger, die an den Wänden desselben emporzuklettern versuchten. Unser braver Kapitän hatte aber seine Maßregeln auf’s Trefflichste genommen. Die Seiten des Schiffes waren so glatt und so gut bewacht, daß die meisten dieser Spitzbuben zurückgestoßen wurden und unter schrecklichen Flüchen in’s Meer stürzten, aber uns noch immer mit ihren Pistolen drohten, selbst als das Meerwasser in die Läufe gedrungen war. Zu derselben Zeit ging ihre Schaluppe, welche durch unsere Schüsse sehr gelitten hatte, auseinander und sank. Einigen der Räuber war es indeß gelungen, auf unser Verdeck zu kommen: sie griffen uns wüthend an, mußten aber der Ueberzahl weichen und sich ergeben. Fünf andere dieser Elenden zogen wir aus dem Wasser und machten sie zu Gefangenen.

Einer von denen, die auf das Verdeck geklettert waren, traf hier auf einen Matrosen, Namens Ralph, der sich ihm wüthend entgegenstürzte. Beide umfaßten sich und rangen einen Augenblick mit einander am Rande des Verdecks, bis der Seeräuber rückwärts über Bord fiel und seinen kühnen Gegner mit sich in’s Meer hinabriß. Einen Augenblick verschwanden sie; bald aber sahen wir sie in einiger Entfernung vom Schiffe, wie zwei Schlangen in einander geschlungen, wieder zum Vorschein kommen, und es begann nun der außerordentlichste und schrecklichste Kampf, den ich je in meinem Leben gesehen habe. Uns Allen war es unmöglich, unserem unglücklichen Freunde zu Hülfe zu kommen; Keiner wagte auf den schwarzen Seeräuber zu schießen, denn Beide hielten sich so eng umschlungen und wendeten sich so schnell hin und her, daß es bei dem schwachen Mondlicht unmöglich war, auf einen der beiden Kämpfenden zu schießen, ohne das Leben des Andern zugleich mit in Gefahr zu bringen. Es würde schwer sein, die Angst der Passagiere und der Matrosen zu schildern, welche bei dem schrecklichen Schauspiel kaum zu athmen wagten. Keiner der beiden Kämpfenden dachte daran, von seinen Waffen Gebrauch zu machen; sie rangen mit einander wie wilde Thiere, die sich gegenseitig zu erwürgen suchen.

„Wollen wir den Tod unseres Kameraden geduldig abwarten?“ fragte endlich ein Matrose, und diese Worte brachen den Zauber, der auf uns Allen zu liegen schien.

„Die Schaluppe in’s Meer!“ rief sogleich der Kapitän, und sechs Männer eilten zu gleicher Zeit, den Befehl auszuführen. Gerade in diesem Augenblicke verschwanden die beiden Kämpfenden und blieben so lange unter dem Wasser, daß die Matrosen, welche sich mit dem Losmachen der Schaluppe beschäftigten, ihre Arbeit einstellten und mit unnennbarer Angst, die Augen unverwandt auf das Meer gerichtet, ihr Wiedererscheinen erwarteten. Endlich theilte sich in ziemlicher Entfernung die Fluth und es erschien ein einzelner Mann.

„Bist Du es, Ralph?“ rief ihm der Kapitän mit zitternder Stimme zu.

„Nein! Aber auf der Klinge meines Dolches ist noch etwas von ihm,“ antwortete der Schwarze mit satanischem Lachen, richtete sich, so hoch er konnte, auf, warf mit aller Kraft den Stahl nach uns zu, und versank in das Meer. Der Dolch flog über unsere Köpfe weg und traf den Mast, in welchen er tief eindrang.

Sprachlos und in ängstlicher Erwartung blickten wir noch lange nach dem Orte hin, der der Schauplatz des schrecklichen Kampfes gewesen war; wir sahen aber auf der Oberfläche des Wassers nichts als zahlreiche Kreise, die sich mehr und mehr vergrößerten. Einige Matrosen steuerten in der Schaluppe, die unterdeß hinabgelassen worden war, auf diese Kreise zu, und andere hielten das Gewehr bereit, um sogleich zu schießen, wenn der Räuber den Kopf noch einmal über dem Wasser zeigte. Aber sie warteten vergebens; der Schwarze erschien nicht wieder.

Ein tiefes, trauriges Schweigen herrschte auf dem Schiffe; die Matrosen sahen einander betrübt an und ließen dann, als ob der Tod ihres Kameraden ein größeres Opfer forderte, ihre Augen mit dem Ausdruck des wildesten Hasses auf den Gefangenen ruhen, die, an Händen und Füßen gebunden, auf dem Verdeck lagen. Es war klar, daß nur die Fessel einer strengen Disciplin diese braven Matrosen von einer entsetzlichen That vorschneller Rache abhielt, durch die sie sich ihren barbarischen Feinden gleichgestellt haben würden. Der Kapitän erkannte an der Wuth seiner Mannschaft die Gefahr, welche seine Gefangenen liefen, und ließ sie daher sogleich in sichere Verwahrung bringen.

Unser Sieg war leider mit Blut erkauft. Wir hatten den unglücklichen Ralph verloren, und im Anfange des Kampfes hatte die Kugel, die den Hut des Kapitänn herabriß, auch seinen Kopf verletzt. Ich selbst war im Gesicht verwundet und hatte eine starke Quetschung am linken Fuße. [416] Vom ersten Schusse an bis zu dem Augenblick, der die Feinde in unsere Gewalt brachte, war nicht mehr als eine Viertelstunde vergangen. Der Kampf war entsetzlich gewesen; jetzt aber herrschte wieder Ruhe und Friede, und das Schiff setzte seinen Weg bei dem Hauche eines sanften Windes fort.

Am folgenden Tage wurden wir von einem amerikanischen Kriegsschiff angerufen, welches ausgeschickt worden war, um auf die Seeräuber Jagd zu machen. Der Kapitän ließ die Gefangenen an Bord desselben bringen, und stattete von dem Geschehenen Bericht ab. Wie ich später erfuhr, sind die Elenden der gerechten Strafe nicht entgangen, sondern haben sämmtlich den Tod der Verbrecher erlitten.

Unsere Reise hatte mit einem gefahrvollen Abenteuer begonnen, und sollte auch in ihrem weiteren Verlaufe nicht ohne aufregende Scenen bleiben. Unter den Passagieren befand sich ein reicher amerikanischer Kaufmann mit seiner Tochter, einem lieblichen Kinde von etwa vier Jahren. An einem Morgen – es war der vierte oder fünfte Tag der Reise – war die Wärterin, die bisher immer die größte Sorgfalt bei der Beaufsichtigung des Kindes an den Tag gelegt hatte, auf dem Verdeck eingeschlafen. Das Kind hatte die Gelegenheit benutzt, um hier und dort umherzulaufen, und war endlich auch auf das Geländer hinaufgestiegen, von wo es mit einem Gemisch von Neugier und Verwunderung die unübersehbare Fläche des Oceans überschaute. Plötzlich wurde es durch irgend ein Geräusch stutzig gemacht, und indem es sich umsah, verlor es das Gleichgewicht und fiel in das Meer. Glücklicherweise sah einer der Matrosen, Namens Beckner, das Kind fallen, und ohne sich zu besinnen, stürzte er sich in die Wogen, um es zu retten. Seine edlen Anstrengungen waren nicht ohne Erfolg; in einigen Secunden hatte er das Mädchen erreicht und hielt es mit einem Arm empor, während er mit dem andern auf das Schiff loszusteuern begann. Seine Geschicklichkeit im Schwimmen würde hingereicht haben, sowohl sein, als des Kindes Leben zu retten; aber plötzlich sah er zu seinem Schrecken einen großen Haifisch auf sich zukommen, der, nach Beute lüstern, mit entsetzlicher Schnelligkeit die Wogen durchschnitt. Beckner erkannte die gräßliche Gefahr, welche ihm drohte, und schrie laut um Hülfe. In einem Augenblick waren alle Reisenden und die ganze Schiffsmannschaft auf dem Verdeck versammelt; aber obgleich Alle das Loos des armen Matrosen bejammerten, so wagte doch keiner ihm beizuspringen. Die Matrosen, unfähig, eine wirksame Hülfe zu leisten, schossen aus Flinten und Pistolen auf den Haifisch, der jedoch, ungeachtet des heftigen Geräusches immer näher herankam und sein Opfer fast schon erreichte. In diesem Augenblick des Schreckens, während die herzhaftesten und bewährtesten Männer von Angst gelähmt dastanden, vollbrachte der Heldensinn und die kindliche Liebe eines Knaben eine That, wie sie gewiß noch nicht oft ausgeführt worden ist. Der junge Beckner, ein Knabe von vierzehn Jahren, welcher als Schiffsjunge auf dem Schiffe diente, hatte nämlich kaum die Größe der Gefahr erkannt, in welcher sein Vater schwebte, als er ein kurzes, scharfes Schwert ergriff und mit dieser Waffe über Bord sprang. Sobald es ihm gelungen war, hinter den Haifisch zu kommen, tauchte er unter und, stieß mit eben so vielem Geschick als Kraft und Entschlossenheit seine Waffe dem Ungeheuer bis an das Heft in den Leib. Der Haifisch, durch diesen unerwarteten Angriff aufgeschreckt, krümmte sich aus Schmerz über die ihm beigebrachte Wunde, verließ seine erste Beute und wandte sich in voller Wuth gegen den Knaben. Ein schreckliches Schauspiel bot sich jetzt den Blicken der Zuschauer dar, und es folgten einige Minuten der fürchterlichsten Angst und Erwartung. Der heldenmüthige Knabe wurde durch die grauenvolle Größe und Wildheit seines Feindes keineswegs entmuthigt, sondern setzte, um seinen Vater zu retten, den ungleichen Kampf ununterbrochen fort. Während das Ungeheuer sich wendete und drehte, um seiner Beute habhaft zu werden, stieß der junge Held das Schwert zu wiederholten Malen in seinen Leib. Aber die Kraft des Knaben reichte nicht aus, ihm einen tödtlichen Stoß zu versetzen, und er mußte endlich an seine eigene Sicherheit denken. Unterdessen hatte die Schiffsmannschaft mehrere Taue ausgeworfen, um den Vater und seinen muthvollen Sohn zu retten; doch hinderte anfangs die Bewegung der Wellen und die drohende Nähe des erbitterten Haifisches die Unglücklichen, sich die ihnen gebotene Hülfe zu Nutze zu machen. Endlich gelang es jedem von ihnen, eine der zahlreichen ausgeworfenen Taue zu ergreifen, und nun beeilte sich die ganze Mannschaft, die beiden Schwimmer heraufzuziehen. Ihre Bemühungen waren zur großen Freude der Zuschauer nicht erfolglos, und ein Strahl von Hoffnung belebte jede Brust. Beide, Vater und Sohn, waren bereits über den Wogen und klammerten sich fest an die Seile; da merkte das wüthende und an seinen Wunden heftig blutende Thier, daß seine Beute auf dem Punkte war, ihm zu entkommen. In einem Augenblick befand es sich unter den beiden Unglücklichen, machte einen gewaltigen Sprung, bei dessen Anblick das Blut in unsern Adern erstarrte, und öffnete, indem es sich aus den Rücken warf, den entsetzlichen Rachen, aus dem uns die fürchterlichen Reihen spitzer Zähne entgegenstarrten. Ein lauter Schrei des Entsetzenn hatte jedoch die Mannschaft zur äußersten Anstrengung aller ihrer Kräfte entflammt, und als das Ungeheuer seinen Sprung machte, waren Vater und Sohn schon so weit über die Oberfläche des Wassers gehoben, daß das Ungeheuer sie nicht mehr erreichte. Einen Augenblick später waren sie auf dem Verdeck, wo sie von den gewaltigen Anstrengungen und der entsetzlichen Angst zum Tode ermattet, fast bewußtlos zu Boden sanken.

Ich will die Freude des Kaufmanns über die Rettung seiner Tochter, das Entzücken des alten Beckner über den Heldenmuth und die aufopfernde Liebe seines Sohnes, den lauten Jubel der Passagiere und Matrosen nicht zu schildern versuchen; nur das will ich anführen, daß seit jener verhängnißvollen Stunde, eine freudige, durch nichts getrübte Stimmung auf dem ganzen Schiffe herrschte, und daß selbst in den Mienen und Worten der rohesten Matrosen sich das Gefühl des Dankes gegen den Allgütigen, dessen liebevolle Hand hier so sichtbar gewaltet hatte, deutlich aussprach. Am Tage nach dem Ereigniß veranstaltete der Kapitän zu Ehren des wackern Beckner und seines heldenmüthigen Sohnes ein fröhliches Fest, bei dem es lustig genug herging und, ganz gegen die aus dem Schiffe herrschende Ordnung, gewaltige Massen von Grog getrunken wurden; der dankbare Vater aber setzte den Rettern seines Kindes einen Jahrgehalt aus, der ihnen bis an ihr Ende ein sorgenfreies Leben sicherte.