Eine Volksschauspielerin

Textdaten
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Autor: Gerhard Ramberg
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Titel: Eine Volksschauspielerin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 154–155
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Volksschauspielerin.


Ein gutes Herz ist viel werth; mehr noch aber ein großes,“ sagte juttgst P. K. Rofegger ill einer kritischen Würdigung der verstorbenen Küllstlertn. und er hat Recht. Iosephille Gallmeyer^ besaß ein großes Herz, ein Herz, das die Menschheit zu erfassen vermochte. Sie war mehr als eine Soubrette, mehr als ein weiblicher Komiker; sie war eine große Schanspielertn. Ihr Gellie war sich dessen lange nicht bewllßt. Und als sie die Kraft fühlte, auch ill tragischen Rollen zu wirken, konnte sie nicht mehr die Schwierigkeit bewältigen sich des Dialekts zu entwöhnen. Im Volksstück aber und vor Allem bei mlfereln herrlichen Anzengrllber hätte Iofephine Galt- nleyer iederzeit ihren Platz in glänzender Weise allsgesüllt. Sie hat das bänrtsche Gefühlsleben ill geradezn nnübertrestlicher Weise repräselltirt, weil sie die Volksseele gallz verstanden und mit unmittelbarer Naivetät wiedergegeben hat. ---^ Mit Iosephine Gallmeyer ist eine originale, vielleicht nie wiederkehrende Wesenheit, ist ein Stück der österreichischen Volkseigenthünllich- keit, ein Stück unserer Zeit zu Grabe getragen worden. Die Schallspieler sind der Spiegel ihrer Zeit. Wie das heutige Parts, das nervöse, überreizte und übermäßig verfeinerte Parts, dnrch eine Persönlichkeit, durch Sarah Bernhardt, anl treffendstell charakterisirt wird, so war es der österreichische Vollshnmor dllrch Iosephine Gall- nleyer. Ulld wie Sarah Bernhardt all allen Orten und allch von Denjenigen verstanden wird, die der sranzöstschen Sprache nicht mächtig sind, so .wurde auch Iosephine Gallmeyer selbst dort verstanden, wo man den österreichischen Dialekt nicht kemlt. - Der Unverstand eines Wiener Theaterlurectors, der das Anerbieten der Gallmeyer, umsonst all seiner Bühne zn wirken, mit den Worten erwidert hat: „Es wird sich später vielleicht ein Plätzchen für Sie stnden,“ kann nicht als Allsdrllck einer allgemeinen An- sicht geltell. Denn Ieder, der Iofephine Gall- nleyer künstlerisch kannte, weiß, wie viel sie dem moderllell Theater bedelltete und was demselben dnrch ihren Tod verloren gegangen ist. Das hat sich bei der Beerdigmlg der Künstlerin dentlich geung gezeigt. Ill so impollirender Weise ehrt eine Stadt nur das Geuie. Gallz Wiell hat durch die Art llud Weise, wie es Frau Iosephille Gallmeyer die letzte Ehre erwies, dargethall, daß mall sie höher achtete, als eineu weiblichen Komiker, daß man in ihr eine große .Küllstlerill verehrte.

Wir sind überzengt, daß die Galtmeyer allch für das erllste Schall- spiel hätte gebildet werden können, daß sie, obgleich eine .Vierzigerin, bei ihrer eisernen Energie mld ihrem großen Fleiße ill Kurzem auch das - Hochdentsche hätte erlernen kömlell. Daß ihr eimllal der Versuch miß- glückte, eine erllste Rolle im Salollftück zu spielen (die „Desvaremles“ im „Sergius Pallill“), ist auf ällßere Znfälligkeitell znrückzllsührell. Sie selbst hat uns einmal die ganze Geschichte teller verunglückten Rolle er- zahlt. Man hat sie so lange auf den Proben coraigirt, bis sie ihre Sicherheit und ihre Natürlichkeit verlor.

„Und nleine Natürlichkeit ist ja doch Altes,“ sagte sie. „Wie ich ge- merkt habe, daß ich nicht mehr natürlich bin, habe ich auch gesuhlt, daß ich dllrchsallell muß.“

Sie drückte die Ueberzengullg ans, daß - wenn ihr uochmals Ge- legenheit gegeben würde, die Desvaremles zlt spieletl - die Rolle gewiß besser ansfallett werde. Sie wolle dem Publicum scholl zeigen, daß ste anch ernst spielen könne! Es hat nicht sotten sein! -

Wer das Lebell mld Wirkell der Gallmeyer näher bellachtet, der wird sindell, daß sich trotz aller änßeren Lttstigkeit, trotz allen Uebermnths doch stets ein großer künstlerischer Erllst ill ihr ansgedrückt hat. „Ihr Höchstes wäre,“ sagte sie mir selbst, ,,dem Bllrgtheater anzugehören“

Alle die Parodien tragischer Künstler, die sie in verschiedenen Possen zum Bestell gab - was waren sie Anderes, als der Allsdrllck eines ml- bestimmten Dranges llach Besserem, Höherem? Allch hierüber hat sie sich eimllal mir gegenüber ausgesprochen Es war llach dem Sellsatiouserfolge ihrer Sarah Bertthardt-Parodie, als sie mir ihre imlere Beschämllug ge- stalld, diese gelliale Künstlerin parodirt, also verhöhnt zu habell. Ill ganz

^ ....ehorelt altt .l^. ^edrllar lsll^ tll ...ei^ltl, ^eslort^ll allt .l. ^edrllar o. llt .tvlelt.

Jolephine Gallmeyer

ungewöhnlichem Maße habe ihr Sarah Bernhardt ktillstlerisches Interesse eingestößt; sie habe sich gewissermaßen zu ihr hingezogen gefühlt, und weil sie ihre Künstlerschaft nicht hätte erreichen können, so habe sie dieselbe parodirt.

Iosephille Gallmeyer war unendlich dankbar, wenn nlall, ihre ganze Bühllenthätigkeit allßer Acht lasselld, erllste politische oder künstlerische Fragen mit ihr besprach. . Sie las gerll gute, ja schwierige Bücher nnd freute sich, über deren Inhalt mld ihre Anschannllg über dieselbell sprechen zn kömlell. Sie war auch kritischem Tadel über ihre Leiftungell durchaus nicht unzngänglich. Einmal gastirte sie an einer Pruvinzbühne llnd wnrde von dem dortigen Kritiker, dem nnn- mehrigell Bühnenschrtststelter A. Rosell, stark mitgeuommen Kanm hatte sie dies erfahren, so war auch scholl ein Racheplan gefaßt. Einer der Mitspielelldell sollte ihr am nächsten Abende ein Bongnet Roselt reichen, sie aber wollte dieselbetl zu Boden werfen, mit Füßen treten nnd sagen: „Ans Rosen mache ich mir nichts.“

^ Dllrch Znsall aber kam ihr die bewllßte Kritik zu Händen, sie las dieselbe, stlnd, daß Vieles darin berechtigt sei, und nutertieß nicht mlr die Rache, sondern snchte den Kritiker ans nnd ward lnit ihm besrenlldet. -

Ihr Witz war meist gutmüthig, komlte aber auch diabolisch sein. Einem mehrfach ab- gestrustell Menscheln der ihr seine geschriebenen nnd gedruckten Beleidigllngell überallhin nach- sandte, wo sie sich jnst anshielt, schickte sie einnlal ans einer dentschen Stadt als Antwort eine Photographie mit der Aufschrift: „Das ist die Allficht des hiesigen Zllchthaufes. Wie das in Wien anssieht, wissen Sie ja!“ Der Schulte hat sie seitdem in Frieden gelassen

Wenn sie ein paar mstige oder boshafte Streiche aufgeführt hatte, oder wenn sie sich zmll Iähzorn hatte hillreißen laffell, trat meist eine starte Reaction bei ihr ein. Sie wnrde daml wehmüthig und melancholisch ; ost weinte ste sogar die heißesten Thränen. Es war ihr stetf peinlich, in einer solchen Stilnmmlg pon Bekaml- ten überrascht zlt werden, weil sie fürchtete, daß nlall ihre Traurigkeit für Komödie halten könne. Mall hat gesagt, daß Iosephille Gallmeyer bigott gewesell sei. Ich bestreite dies. Sie hat hällstg nlit mir über religiöse Fragen gesprochen llnd dabei eine seltene Unbefangenheit all den Tag gelegt. Ich lenkte das Gespräch aus Mariazell und allf Wallfahrten dorthin. Sie wußte, wohinaus ich wollte, und sagte mit tiefernstem Allsdrllck:

„Darüber kaml ich nicht reden! Ich geh' nach Mariazell, weil mir meine Mntter auf dem Todtenbett ein Gelübde abgenommen hat. Das Gelübde ist mir heilig.“

So gab es einige Pnllkte im Lebelt der Gallmeyer, derell Alldellken voll ihrem Leichtstml stets unberührt blieb. Unter ihren Zeitgenoffell hat sie zwei Männer ill geradezn frommer mld ängstlicher Weife verehrt. Diefe find Hans Makart und Richard Wagller. Deln Letzteren sollte ste einst im Namen einer Eorporation einell Kranz überreichen ; aber, als fie dem großen Manne gegenüberstand, falld fie, die immer schlagfertige llnd bereite Gallmeyer, keine Worte mld lief, den Kranz zu Boden werfend, wie ein verschämter Backstsch davon. Mit Makart hat sie ill ihrem ganzen Lebell nicht verkehrt. Oft und oft bat sie mich, ihr einnlal Makart's Atelier zn zeigen, es aber unter allen Umständen so einzllrichtell, daß sie dem Künstler nicht begegnen könne. „Ich wüßte mit ihm nichts zu reden.“ Wiederholt wurde eine Stltltde festgesetzt, aber immer wieder wurde die Befichtigmlg verschoben Sie hatte bei aller Sehnfncht doch wieder eine nlldestnirchare Schell vor diesem ,,Allercheiligftell“. So erhielt ich ml Iamlar 1'.:...:.;.. eine Karte:

„Leider geht es mir schlecht; ich bitte daher den Besttch bei meinem Ideal ,Makart' vorlättstg zu untertaffen ; ich bin jetzt zu nervös.“

All dell Namen Makart knüpft sich noch ein charakteristischer Vorfall, der mir mit Iofephine Gallmeyer begegllet. Es war während der letzten Internationalen Kllnstallsstemmg in München Sie bat mich, dell Führer zn machen lttld ihr die illterestanteften Bilder zu zeigett. Als ich sie ztt dem Architektttrchilde Makart's, jellem viel befprochenen Renaiffance-Palast führte, sagte sie mit fast wehmüchigem Allsdrllck: „das ist Makart.s [155] Desvarennes“. Kann es eine zutreffendere Kritik über jenes Gemälde geben? – In der Mitte des Monats Januar habe ich die Künstlerin zum letzten Mal gesprochen. Sie klagte in bitteren Worten darüber, daß sie jetzt kein ruhiges Engagement in Wien finden könne und sich an Provinzbühnen ihr Brod verdienen müsse. Am nächsten Tage sollte sie in einem hiesigen Verein eine Vorlesung halten. Ich sagte ihr, daß ich zu meinem Bedauern derselben nicht beiwohnen könne. Sie bat mich, unter allen Umständen zu kommen und zwang mir schließlich das Versprechen ab. Ich begriff diese Dringlichkeit nicht. Aber sie bestand darauf und sagte:

„Wer weiß, ob ich noch einmal in Wien auftreten kann, ob Sie mich überhaupt noch einmal hören können!“

Es war in der That das letzte Mal, daß ich sie gehört.

Wien.
G. Ramberg.