Eine Tigerjagd in den Certoes

Textdaten
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Autor: Joseph Friedrich von Weech
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Titel: Eine Tigerjagd in den Certoes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 101–102
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[101] Eine Tigerjagd in den Certoes. In seiner Reise durch Brasilien erzählt der bekannte Reisende Weechs: An der Grenze von Minas-Geraes beginnt ein ungeheurer Landstrich, welcher eben nur mit Gras bedeckt, manchmal wieder mit Gebüsch überzogen, beinahe noch ganz unangebaut und so wenig bevölkert ist, daß man Tage lang reisen kann, ohne auch nur die Spur einer menschlichen Wohnung zu entdecken. In der Landessprache werden diese Gegenden Certoes genannt, und dort allein findet man dieselben großen Heerden, welche in den Pampas von Buenos Ayres den Reichthum der Einwohner ausmachen. Aus diesen Certoes stammte mein Vater, und als ich mein achtzehntes Jahr erreicht hatte, beschloß er, mich zu seinen Verwandten zu schicken; ich bekam einen treuen Neger und ein gutes Pferd mit, und langte wohlbebalten und freudig empfangen bei dem Bruder meines Vaters an. Nachdem ich gehörig ausgerastet hatte, gesellten sich die zwei ältesten Söhne des Hauses zu mir und erboten sich, mir ihres Vaters Heerde zu zeigen; ich wurde in ein Zimmer geführt, bekam Hose, Weste, Jacke und Hut, von Sohlleder verfertigt, ein frisches kräftiges Pferd und eine lange, mit einer Spitze versehene Varra oder Lanze in die Hand, und nun ging’s über die Ebene weg, was die Pferde laufen konnten. Bei dieser Gelegenheit gaben mir meine Vettern eine Menge Beweise ihrer Reitkunst, welche an Tollkühnheit gränzten, ich war oft nicht im Stande, ihnen zu folgen, und als wir dichtes Gebüsch erreichten, verlor ich sie gänzlich aus den Augen; kaum bemerkte dies mein Pferd, als es den Kopf zwischen die Beine nahm, in wüthendem Galopp mit mir in das Dickicht stürzte und, alle Hindernisse besiegend, mit mir fortrannte. Ich blieb mechanisch auf dem Pferde sitzen; anfangs bemüht es aufzuhalten, oder es auf eine bessere Bahn zu leiten; aber jede Anstrengung war vergebens. In dem Gebüsche angekommen, fühlte ich nur den Widerstand, welchen Zweige und die Stacheln der Dornhecken der reißenden Gewalt, mit welcher mein Pferd zwischen ihnen durchsetzte, leisteten; ich war allein bedacht, mein Gesicht zu schützen, übrigens vollkommen überzeugt, meine Kleider und einen Theil meiner Haut bei diesem verwünschten Ritte zu verlieren. Ich besinne mich nicht mehr, wie lange das Rasen meines Pferdes dauerte, ich fühlte nur, daß es plötzlich stille hielt, und als ich die Hände vom Gesicht brachte und ganz verwirrt um mich sah, erblickte ich meine beiden Vettern, welche sich vor Lachen die Seiten hielten. So roh sie übrigens waren, so bemerkten sie doch, daß meine Erschöpfung zu groß war, um mit Anstrengung weiter zu reiten; wir setzten daher den Weg langsam fort, bis wir einen Theil der Heerde erreichten. Es befanden sich auf dieser Stelle 12,000 Stück Hornvieh auf einem Umkreise von einer halben Stunde weidend, großes, prächtiges Vieh, und der kleinste Theil von dem Eigenthume meines Oheims, der 40,000 Stück des schönsten Hornviehes und 10 Quadratlegoas unbestrittenes Land besaß. Mehrere berittene Schwarze, ebenso wie wir gekleidet, mit einer Varra bewaffnet und mit einem Lasso (Fangschlinge) versehen, hüteten die Heerde. Während dieser Zeit konnte ich nicht unterlassen, mich zu besehen und zu betasten, und zu meinem Erstaunen war ich nicht im Geringsten beschädigt und sah nun die Zweckmäßigkeit der schweren ledernen Kleidung vollkommen ein; dadurch kühn gemacht, forderte ich meine Vettern selbst zu einem rascheren Ritte auf, und wir legten eine beträchtliche Strecke Weges zurück, als wir plötzlich auf einen halberwachsenen Ochsen stießen, welcher zerrissen und zum Theile aufgezehrt an dem Rande eines Dickichts lag. Meine Vettern baten mich zu warten, sprengten in das Gebüsch und kamen bald darauf wieder zurück. Sie beklagten sich sehr über den Schaden, den sie durch die Raubgier eines großen Tigers leiden mußten, dem sie schon lange vergebens auf der Spur wären, versicherten mich jedoch, daß er ihnen nicht mehr lange entgeben könnte, und daß sie zuversichtlich hofften, mir vor meiner Abreise noch das Vergnügen einer Tigerjagd zu verschaffen. Als wir vor der Wohnung ankamen, wurde ich einstimmig befragt, wo ich meine Varra gelassen hätte, und es blieb mir nichts übrig, als mein Abenteuer zu erzählen, und mich tüchtig auslachen zu lassen. Da ich übrigens seit meiner zartesten Jugend mich geübt hatte, so reichten wenige Tage hin, und ich blieb hinter dem besten Reiter der Certoes nicht mehr zurück, und brachte jedesmal meine Varra mit nach Hause. Die Lebensweise auf dem Gute meiner Verwandten war mir ebenso auffallend; wir hatten beinahe keine andere Nahrung als Fleisch, und nur, wenn mein Oheim oder einer seiner Söhne von Babla zurückkamen, wohin sie im Jahre zweimal einige tausend Stück Hornvieh zum Verkaufe trieben, brachten sie Salz, Manoio-Mehl, Wein und Branntwein mit sich; war der Vorrath aufgezehrt, so lebten sie wieder allein vom Fleische; die Jäger erhielten nie etwas Anderes. Eben so wenig sah mein Oheim jemals Leute bei sich oder besuchte seine Nachbarn, und nur zwei- bis dreimal im Jahre ritt er mit seiner Familie nach einem Kirchspiele, welches dreißig Stunden von seiner Wohnung entfernt war.

Am achten Tage meines Aufenthaltes und im Augenblicke, als wir die gewöhnliche Mahlzeit einnehmen wollten, sprengte ein Sklave vor das Haus und kündigte uns an, daß soeben ein gewaltiger Tiger sich in der Nähe der Heerde gezeigt habe. Wir sprangen alle vom Boden auf, und selbst mein alter Oheim warf sich auf eines der schnell gesattelten Pferde: die Söhne brachten sechs gekoppelte Hunde herbei, und nun ging es im raschesten Laufe der beschriebenen Stelle zu. Die Hunde wurden losgelassen, und wenige Augenblicke darauf hatten sie die Spur des Tigers aufgefunden. Einer der Söhne stürzte in’s Dickicht, und das Geheul der Hunde verrieth, daß sie sich bereits im Kampfe mit dem Raubthiere befanden. Ihre [102] Bemühung, den Tiger aus dem Dickicht zu bringen, schien jedoch vergebens; ungeduldig darüber, eilten ihnen alle Anwesende zu Hülfe, nur mein Oheim, ein erprobter Jäger, und ich blieben im Freien. Ein allgemeiner Schrei der Angreifenden erregte endlich unsere Aufmerksamkeit, und fast in demselben Augenblicke theilte sich das Gebüsch, aus dem der Tiger wüthend und von zwei muthigen Hunden hart bedrängt, hervorstürzte. Ein Schlag seiner gewaltigen Tatze streckte einen derselben zu Boden, und ohne sich weiter zu besinnen, befand er sich mit einem einzigen Sprunge in unserer Mitte. Ich gestehe gern, daß ich für einen Augenblick alle Besinnung verlor, als ich jedoch zu mir kam, erblickte ich meinen alten Oheim unter den mörderischen Klauen des Unthiers; der Neger war bereits vom Pferde gesprungen und griff es mit seinem Messer an, und ich säumte nicht, seinem Beispiele zu folgen. Der Tiger, als wäre ihm meine Unbekanntschaft mit diesem Kampfe bekannt gewesen, ließ nun meinen Oheim los, und brachte mich augenblicklich unter sich. Schon gab ich mich für verloren, als er von der Varra eines meiner herbeieilenden Vettern wohl getroffen niederstürzte und von den übrigen augenblicklich getödtet wurde. Man zog mich betäubt unter ihm hervor, und jetzt erst bemerkte ich, daß ich eine bedeutende Verletzung am Arme erhalten hatte und ganz mit Blut bedeckt war: ich wurde nach Hause gebracht; man wendete einige Kräuter an, und stellte mich in kürzerer Zeit, als ich gedacht hatte, vollkommen her. Ich wollte übrigens diese mir merkwürdige Gegend nicht eher verlassen, bis ich mit der Art, den gefährlichsten Feind der Heerden aufzusuchen und anzugreifen, bekannt war, und die Gelegenheit hierzu stellte sich bald ein. Als ich meines Obeims Gut verließ, drangen mir meine Vettern die Haut des erlegten Tigers auf; ich kam glücklich in Palmeinos an, und habe seitdem manchen nützlichen und glücklichen Kampf mit unsern Unzen bestanden, welche, obwohl kleiner bedeutend als die Tiger der Certoes, nicht weniger schädlich und raubgierig als jene sind.