Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: H. A. Berlepsch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Schweizer Dorfkomödie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[423]
Eine Schweizer Dorfkomödie.
Von H. A. Berlepsch.[1]

Bei den alten Griechen und Römern bestand für das Drama das von Aristoteles aufgestellte unantastbare, eisern, streng befolgte Gesetz der Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung. Es widerstrebte der einfachen, natürlichen Auffassung jener Völker classischen Alterthums, blos durch gefälliges, rasches „Sich-Anbequemen an den Ideengang des Dichters“ auf der gleichen Bühne, am gleichen Platz in diesem Augenblicke mit dem Helden des Stückes durch die gemalten, hohen Hallen eines mit Trophäen und Ahnenbildern geschmückten gothischen Rittersaales zu phantasiren und in der nächsten Minute, auf Befehl des Theater-Maschinisten, sich in die Wildniß eines finsteren Waldes, oder in die rußige Hütte eines armen Köhlers oder gar in den Wolkenhimmel Raimund’s zu versetzen, wie diesen Scenen-Wechsel der Localitäten heutzutage die Decorations-Maler auf unseren modernen Bühnen uns vorgaukeln und oft zum Haupt- und Glanzpunkt der ganzen Aufführung machen. Diese hausbackene, man möchte fast sagen jungfräulich-naive Bedingung der alten Dramatiker ist auf der Kunstbühne längst verschwunden. Man würde denjenigen Dichter oder Dramaturgen für einen General-Zopf erklären, der heutzutage die theatralische Drei-Einheit wieder zur Geltung zu bringen suchen wollte. Und doch besteht factisch noch ein Stück jener alten, classischen Auffassung von der Nothwendigkeit der Einheit des Ortes, und zwar, was Niemand ahnen dürfte, – beim schweizerischen Bauer, wenn er Komödie spielt.

Ich habe schon viele solcher ergötzlicher Dorf-Suiten mitgemacht und will eine, die an drastischen Effecten am reichsten ist, hier erzählen.

In der deutschen Schweiz, besonders aber in den katholischen Cantonen oder Cantons-Theilen, herrscht von alter Zeit her der Gebrauch, namentlich beim Landvolke: im Frühjahr, meist nach Ostern, oft aber auch schon um Fastnacht, große dramatische Schaustücke im Freien zum Besten zu geben.

Bei einem großen Theile derselben geben Acte aus dem Leben eines Volkshelden oder glorreiche Thaten der Vorfahren die Unterlage des Schauspieles ab, das einst von einem Dorfpoeten oder enthusiastischen Schulmeister verfaßt, nie gedruckt wurde, sondern in Abschriften von einem Ort zum andern, von früheren Generationen auf spätere überging. In diesen echten Volksdramen herrscht gewöhnlich eine derbe, feste, dem Volke verständliche Sprache, wie sie der Bauer, der Aelpler, der Senn in Momenten großer Erregung [424] gebrauchen würde, wenn das Heil seiner Familie, seines Ortes, seines Vaterlandes in der Wagschale läge. Selten begegnet man schwülstigen Phrasen oder hochtrabender Diction, aber ebenso selten auch gemeinen Schimpfereien oder den im Alltagsleben sonst sehr beliebten Kraft-Ausdrücken. Die Figuren des Stückes sind meist eben so einfach gezeichnet und stechen von jener Art und Weise, wie uns der alte, halb-mythische Volksheld Tell im Schiller’schen Schauspiele von coulissen-wüthend gewordenen Erwerbs-Komödianten oft (selbst auf renommirten Bühnen) vorgeführt wird, freilich gewaltig ab. Auch die katastrophe-treibenden Mittel sind lange nicht so raffinirt, wie sie die Dichter unserer Tage häufig anwenden; das Volk braucht solche mit Cayenne-Pfeffer gewürzte Anregungen nicht, um sich lebhaft in die Situation zu versetzen; – es geht auch ohne dieselben in’s Geschirr.

Bei diesen specifisch schweizerisch-historischen Dramen wirken oft hundert und mehr Personen mit, zu Fuß und zu Pferde, zu Wasser und zu Lande, und mit dem Costüm wird’s natürlich, in Ermangelung einer großen Garderobe-Auswahl, nicht so streng genommen. Eine eigentliche Bühne existirt in der Regel dann nicht. Die Eintheilung und Anlage des ganzen, mehrere Stunden spielenden Stückes ist so getroffen, daß Alles sich im Freien begiebt. So sah ich vor einigen Jahren in Rorschach den berühmten Kampf der Unterwaldner gegen die Franzosen (1799) dramatisch darstellen. Hier öffnete eine auf freiem Markplatz abgehaltene Volksversammlung (die Imitation einer Landesgemeinde) mit kleinem und großem Rath, Säckelmeister, Bannerherrn, Landeswaibel und übrigen Beamteten, das Drama. Der Landschreiber mit großer Brille und Perrücke verlas auf rohgezimmerter Tribüne ein Manifest, welches die Obrigkeit an ihre „lieben und getreuen Landsleute und Bundesgenossen“ erließ, worauf dann der regierende Landammann den „Stuhl“ (so nennt der Schweizer die Tribüne, von welcher aus bei politischen Versammlungen zu ihm gesprochen wird) bestieg und das Volk in feurigen Worten haranguirte, treu zum Vaterlande zu halten, die von den Ureltern ererbte kostbare Freiheit mit Gut und Blut zu vertheidigen und lieber zu sterben, als Heimath und Recht sich rauben zu lassen.

Die Rede war von mächtiger Wirkung, nicht nur bei demjenigen Theile des Publicums, welches activ als bewaffneter Landsturm und als „Volk“ (wie unsere Theaterzettel sagen) die Tribüne umstand, sondern auch bei demjenigen Publicum, welches sich eingefunden hatte, das Schauspiel mit anzusehen. Jetzt folgte Rede und Gegenrede; Männer aus dem Volke verlangten das Wort und gaben ihre Meinung ab, was zu thun sei, genug, es war das leibhaftige Conterfei einer Agitation, wie sie in Wirklichkeit sich abwickeln würde. Als nun der Schluß einmüthig gefaßt worden war, dem Feinde fest und entschlossen die Stirn zu bieten, da langte die Nachricht an, daß General Schaumburg mit seinen fränkischen Würgerbanden zu landen versuche. Rasch hob die Obrigkeit die Versammlung auf, und Alles eilte zu den Waffen, an die bedrohten Punkte. Dies war der expositionelle Theil des Schauspiels. Nun entspannen sich Scenen da und dort. Eine Flotille mit Dorfschauspielern, als Franzosen verkleidet, Böller auf den Kähnen, kam über den Bodensee daher und kanonirte weidlich gegen die alarmirten Ufer. Die als Unterwaldner verkleideten Landleute ließen es nicht an Gegenwehr fehlen und verbrauchten nicht minder viel Pulver, um den Angriff abzuschlagen. Es gelang; aber da lief die Nachricht ein, von anderer Seite her dringe der Feind über’s Gebirge herein. Sofort Diversion und Kampfplatz an anderen Stellen. Die guten Patrioten nahmen sich das Ding recht ernstlich zu Herzen, und die resp. Jugend vergegenwärtigte sich den Krieg so lebhaft, daß sie zu Rasenfetzen und Steinen griff, um nach Kräften das Ihrige gegen die fremden Eindringlinge beizutragen. Es gelang. Auch hier wurden die Franzosen mit Glanz zum Rückzuge gezwungen. Dieses Angreifen und Abschlagen wiederholte sich in verschiedenen Formen und an verschiedenen Orten mehrmals, bis es endlich der französischen Uebermacht gelang, in Besitz der wichtigsten Positionen zu kommen. Das treue, zusammengeschmolzene Häuflein wurde immer enger eingeschlossen. Schöne Appenzellerinnen erschienen als bewaffnete Unterwaldnerinnen und wußten die Büchse so flott zu laden und abzufeuern, daß es eine Freude war. Zuletzt wurden die Unterwaldner in eine aus Latten errichtete und mit Papier überzogene Capelle, ihre letzte Zuflucht, gedrängt, und diese, von den Franzosen in Flammen gesteckt, vergrub die keine Heldenschaar ganz theatralisch unter ihren Trümmern. Hiermit schloß das Spectaculum.

Dies ist die eine Richtung der schweizerischen Dorfkomödien, von denen ich hier nicht eigentlich erzählen wollte, die ich aber deshalb mit wenigen Linien als Beispiel skizzirte, um zu zeigen, von welch außerordentlichem Einfluß solche Volksspiele und Volksfeste sind, und wie sie auf die Hebung und Stählung des Patriotismus mächtig einwirken. Der Schweizer ergreift überhaupt mit Freuden jede Gelegenheit, um seinem Nachbar, seinem Mitbürger, seiner Jugend mit beredtester Sprache, mit den einschlägigsten Mitteln immer und immer wieder es in’s Gedächtniß zu rufen: „Du bist frei geboren! Du bist Herr deines Landes, deines Eigenthumes, deines Rechtes. Kein Mann deiner Heimath steht so weit über dir, um dich, wider deinen Willen, Staatswege zu führen, die nicht Wege der allgemeinen und öffentlichen Wohlfahrt nach deinem guten, gesunden, natürlichen Verstande sind. Kein Beamteter der Regierung ist so mächtig, daß er deine von dir gewählten Cantons- und Nationalräthe ungestraft höhnen und ihre von Volkes Gnaden übertragenen Rechte und Freiheiten beeinträchtigen dürfte. Du bist ein Schweizer! Wehre dich und hilf, daß du es bleibst!“

Ja, ja, bei solcher Entschlossenheit, bei solchem Geiste im Volke, da muß es mächtig vorwärts gehen, soweit es die allgemeine, öffentliche Wohlfahrt beschlägt.

Doch ich wollte ja eine fidele Dorfkomödiensuite erzählen. Also zur Stange zurück.

Eine andere Gattung solcher Productionen bewegt sich auf dem Boden der Legende, der Sage oder gar der historia sacra. Das renommirteste Schaustück dieser Art ist das schon unendlich oft beschriebene und abgebildete „Passionsspiel in Ober-Ammergau“, das freilich nicht der Schweiz angehört. Diese Sorte von Klosterkomödien, welche die vornehmsten und dem Volke heiligsten Personen des Dogmas in plumper Weise profaniren, bestanden früher auch in der Schweiz, so lange eben noch specifisches Pfaffenregiment in manchen Cantonen herrschte. Jetzt sind sie gefallen. Dagegen schätzt das Volk die dramatisch bearbeitete romantische Sage hoch und läßt sie gern verkörpert an seinen Augen vorüber führen. In diesen Kreis gehört die Genovesa.

Vor mehreren Jahren wurde dieser Stoff, nach einer ebenfalls nie gedruckten Bearbeitung, im Dorfe Abtwyl bei St. Gallen auf offenem Platze vor dem Wirthshause aufgeführt. Ein halbrunder, mit leinenen Laken umspannter Raum bildete das Auditorium, vor dem ein etwa 5 Fuß hohes Podium, schlicht, wie es der Zimmermann mit der Axt herrichten kann, die Bühne darstellte. Der Hintergrund war ebenfalls mit leinenen Tüchern und ähnlichen Verhüllungsmitteln abgeschlossen, deren freier Anblick jedoch den gespannten Zuschauern durch allerlei Drapirungen und davor aufgepflanzte junge Tannenbäumchen entzogen wurde. In Mitte der Bühne stand eine wackere Tafel, gedeckt und reichlich mit Blumensträußen und blank geputztem Zinngeschirr aufgerüstet. Dies war Ritter Siegfried’s Schloßhalle, der eine und allgemeine Verhandlungsort alles dessen, was innerhalb der Burg sich zutrug. Hier tafelte der Graf prächtig und in Fülle, hier verkehrte er zärtlich mit seinem trauten Ehegemahl, hier schmiedete der böse Golo seine Pläne, und hier verstieß Siegfried seine Genovefa. Das Alles konnte auch recht wohl, ohne der „Einheit des Ortes“ zu nahe zu treten, hier sich begeben. An bemeldeter Tafel wurde mit einem wahrhaft appetiterregenden Appetit gezecht und getrunken und dadurch den Zuschauern ein schlagender Beweis von der Consumfähigkeit der Leute im Mittelalter gegeben.

Aber es kommen in der Historia von der edel- und tugendreichen Genovefa auch noch andere Localitäten vor, wo einzelne Scenen sich abwickeln, – und hier kommen wir endlich zu des Pudels Kern. So wie es den alten Griechen undenkbar war, daß die gleiche Schaustätte zugleich zehn oder zwanzig verschiedene Localitäten darstellen könne, ebenso ging es den braven Dorfmimen von Abtwyl. Da, wo noch eine Viertelstunde vorher Genovefa in den Armen ihres ritterlichen Gatten geschmaust hatte, wo noch die mit Speise und Trank reichlich beladene lange Tafel stand, die man nicht so rasch abräumen konnte wie die obligatorischen Tischchen mit den grünen oder rothen Teppichen unserer Conversationsstücke, – da konnte unmöglich zugleich auch der unheimliche, schwarze Wald sein, wo die unschuldige Genovefa „umgebrungen“ werden sollte, da konnte ebensowenig der Platz sein, wo Ritter Siegfried seine Fehden auskämpfte, und am allerwenigsten konnte die gleiche Bühne [425] mit ihrem enormen Victualienreichthum jene Höhle darstellen, in welcher die halbentblößte, bedauernswerte Genovefa sich von Wurzeln und wilden Beeren nährte, und ihr in der Verbannung geborenes Knäblein an die Brüste einer Hirschkuh legte. Das widerstritt der unverdorbenen Logik der Abtwyler Bauern. Aber ein schlauer Theaterdirector weiß sich zu helfen; so auch der Impressario von Abtwyl.

Dicht neben der Bühne stand ein prächtiger, zu hoher Laubkuppel sich wölbender Nußbaum, dessen Hauptäste so günstig gewachsen waren, daß sie, unmittelbar über dem Stammende ausbauchend, natürlichen Raum zu einer Tribüne boten, ähnlich so, wie man es in Mitteldeutschland oft bei den Dorflinden trifft, in deren Blätterlaub die Musikanten Sonntags ihr Orchester aufschlagen, während das junge harmlose Volk um die Linde tanzt.

Auf besagtem Nußbaum war ebenfalls vom Zimmermann ein Diminutiv-Bühnchen errichtet, und von der Hauptbühne führte eine Treppe dahinauf.

Das war der schwarze, finstere Wald. Hierher wurde Genovefa nach ihrer Verstoßung geschleppt, hier flehte sie, Angesichts der im Auditorium sitzenden Zuschauer, um ihr Leben, hier erweichte sie die Herzen der zum Morde gedungenen Knechte, und hier wurde das wilde Thier des Waldes getödtet und in sein Blut Genovefens Gewand getaucht, um es dem Grafen zu überbringen.

Bis hierher war der Verlauf der Komödie schon sehr originell; aber es sollte noch besser kommen. Ich hatte mir, durch Spendung einiger Maß Wein, die Erlaubniß bei den Herren Bühnen-Comitirten erwirkt, auch hinter den Coulissen herumsteigen zu dürfen, und da war ich denn Zeuge höchst naiver Momente.

Man hörte ein Trompetensignal. „Siehe zu, warum der Burgwart das Horn bläst!“ herrschte Siegfried einem seiner Diener zu. Dieser verließ die Bühne und stieg hinter der Leinwand, welche die Schloßhallen bildete, auf den Rasen hinter der Bühne hinab. Hier war ein berittener Knappe angelangt, mit einem mächtig großen Briefe in der Hand. Daß er wirklich seinem Gaul wacker zugesetzt haben mußte, ging daraus hervor, daß derselbe dampfte.

„Wer bist Du? was bringst Du?“ war die ernsthafte Anrede des von Graf Siegfried abgesandten Dieners, hinter der Bühne.

„Ich komme als Bote meines gestrengen Ritters N. N.,“ entgegnete der Reiter, „und bringe Deinem Herrn diesen Absagebrief.“

„Wohl! ich will ihn übergeben; gehe hinab in’s Gesindezimmer und nimm einen Imbiß zu Dir!“ – Diese ganze Verhandlung wurde, wie gesagt, hinter der Scene völlig ernsthaft gepflogen, so daß die auf den Bänken des Auditoriums sitzenden Zuschauer weder vom dampfenden Gaul, noch vom briefüberbringenden Knappen etwas sahen, noch das Zwiegespräch selbst mit anhörten. Graf Siegfried und das Publicum warteten ruhig in dazwischen entstehender Pause, was der Hornruf zu bedeuten gehabt haben möge. Aehnliche Scenen kamen noch mehre vor, die den Urzustand des Begriffes von dramatischer Darstellung documentirten. Aber das war all noch nicht das Beste; es kam noch origineller.

Graf Siegfried hatte (immer zwischendurch einmal nach alter, deutscher Rittersitte dem Weinhumpen zusprechend) die Fehde seines Nachbars angenommen und rüstete zum Streite.

„Jetzt, Ihr lieben Leute, wenn Ihr etwas sehen wollt, so müßt Ihr mit in’s Feld ziehen,“ hieß es; denn es widerstrebte der „Einheit des Ortes“, daß auf der gleichen Bühne auch das Schlachtfeld sein sollte. Und siehe da! Jung und Alt, Groß und Klein brach auf, verließ den improvisirten Musentempel und folgte keuchend und springend, in hell aufgelöstem Haufen der stattlichen Reiterschaar Siegfried’s, welche in frischem Trabe einem etwa ½ Stündchen vom Dorfe entfernt liegenden Wäldchen zusprengte. Hier angekommen, hielt der Graf Waffenschau über seine Leute, redete ihnen zu, sich wie die Teufel zu wehren, es koste ja im höchsten Falle nur das Leben, also nicht einmal das Vermögen, und – darauf ging die Paukerei los.

Aus dem Dickicht brach nämlich der feindliche Haufen des absagenden Ritters N. N. hervor, und zwar mit solcher Wuth, daß es Verwundungen absetzte und an manchen Kleidern die Fetzen herunterhingen. Auch hier ergriff des mitgelaufene Publicum Partei und half den Ausschlag geben.

Die Ueberwundenen wurden gebunden oder gefesselt, und im Siegeszuge ging es Graf Siegfried’s Burg, d. h. dem Theater wieder zu.

Nachdem Alle, die Schauspieler auf der Bühne, die Zuschauer auf dem Auditorium, sich durch einen herzhaften Schluck abermals gestärkt und Platz genommen hatten, ging die dramatische Vorstellung wieder vor sich.

Jetzt erfuhr Graf Siegfried die schlechten Machinationen seines Rathgebers Golo; er vernahm, daß die edel- und tugendreiche Genovefa noch lebe, draußen im Walde in einer Höhle verborgen; er ging in sich, bereute, faßte Entschlüsse, strafte, und – nun ging das Stück seiner schönsten und originellsten Scene, aber mit ihr auch dem Ende zu. Abermals wurden die Gäule vorgeführt, abermals verließen die ungemein heiter gestimmten städtischen und ländlichen Zuschauer ihre Spersitze, und abermals schaarten sie sich in langem Zuge hinaus, diesmal aber einer anderen Weltgegend zu.

An der Straße nach St. Gallen, seitwärts derselben, ist der graue Molasse-Sandstein bloßgelegt, und in demselben befindet sich ein niedriges, kaum 3 Fuß hohes Loch, wie ein Fuchsbau. Das war Genovefens Asyl, die ärmliche Heimath, in welcher der junge Graf das Licht der Welt erblickt hatte.

Vor diesem eine Höhle darstellen sollenden Fuchsloch hielt der Zug an.

Graf Siegfried im sammtenen Mantel, mit hohen Reiterstiefeln über den durch den Kampf im vorerwähnten Hölzli ziemlich unschimmer gewordenen Tricot-Beinkleidern, stieg vom Gaul, ging zum Fuchsloch und zog die nur mit den äußerst nothwendigsten Kleidungsstücken bedeckte Genovefa, so wie den einfach im Hemdli sich präsentirenden Sprößling seines erlauchten Stammes aus der dunkeln „Unterirdischkeit“ hervor; eine schöne weiße Ziege, Repräsentant der legendischen Hirschkuh, kam ebenfalls meckernd hervorgekrochen.

Stürmischer Jubel! nicht zu Ende kommender Applaus! Große Umarmung des Grafen und der wieder in bürgerliche, resp. gräfliche Ehren und Rechte eingesetzten Gattin, – Tusch der Bataillons-Feldmusik und ähnliche Ausbrüche des Entzückens.

„Seid umschlungen, Millionen,
Diesen Kuß der ganzen Welt!“ etc.

Nachdem der erste Taumel der Freude vorüber war und Signora Genovefa mehr als einem Dutzend fröhlicher Zuschauer, die aus mitgebrachter Flasche das Glas füllten und der Heldin des Stücks kredenzten, Bescheid gethan hatte, hob sie Graf Siegfried auf seinen Gaul und das halb nackte Bübli dazu, hielt nun noch eine kräftige Pauke an’s Volk mit der Schlußmoral, daß das Gute stets triumphiren und das Böse unterliegen werde, und schloß mit dem patriotischen Rufe: „D’ Schwyz soll leben, hoch!“ „Hoch! hoch! und dreimal hoch!“ stürmte es begeistert aus der Menge empor.

Die Tamboure (denn Militair in Landsturm-Uniform war mitgezogen, – der Anachronism der Garderobe genirte nicht), die Trommler rührten das Kalbfell, die Feldmusik schmetterte freudig einen Defilirmarsch über die schwellenden Felder hin, daß es droben an den Felsenwänden des alten Säntis wiederhallte, und im freudigsten Jubel zogen Volk und Künstler in’s Wirthshaus, wo eine große allgemeine Schlußscene bis tief in die Nacht hinein abgespielt wurde. – Das ist urwüchsiges Volksleben! Wer macht’s nach?


  1. Ich muß diesem Artikel eine Entschuldigungsbitte vorausschicken. In der letzten Nummer vorigen Jahrganges zeigte mein verehrter Freund, Herr Keil, den wohlwollenden Lesern der Gartenlaube an, daß der neue Jahrgang dieses Blattes eine Reihe landschaftlicher Schilderungen aus Graubündens Hochalpen von mir enthalten werde, zu denen damals schon die Illustrationen in den Händen der Verlagshandlung sich befanden. Obgleich Freund Keil mich weidlich mit Briefen maßregelte, um seinem Versprechen dem Publicum gegenüber nachkommen zu können, so nahm dennoch die Revision meines soeben in neuer Auflage (für 1863) erschienenen „Reisehandbuches für die Schweiz“, sowie die Besorgung der binnen wenig Tagen erscheinnenden französischen Bearbeitung desselben meine Zeit so vollständig in Anspruch, daß für meine liebe Gartenlaube mir nicht eine Stunde ungestörter Muße übrig blieb; jetzt, wo meine Rothröcke hinauswandern, um jedem Alpenfreunde ihre treugemeinten Dienste anzubieten, bin ich endlich frei, und ein paar herrliche Bummeltage in’s prächtige Wäggithal haben mir die Wintermucken vollends hinausgejagt. Jetzt hole ich mein Versprechen nach, lasse aber zuvor, ehe wir nach Graubünden wandern, noch einen anderen, nicht jener Collection angehörigen Artikel vom Stapel laufen. Dies blos zur Entschuldigung für die Redaction.
    D. Verf.