Eine Reise im Apenninengebirge – – des Mondes

Textdaten
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Autor: H. Wendel
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Titel: Eine Reise im Apenninengebirge – – des Mondes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, 19, 29, S. 244–247, 263–265, 419–422
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[244]
Eine Reise im Apenninengebirge – – des Mondes.
Ein Beitrag zur Verbreitung naturgemäßer Ansichten von H. Wendel.
Erster Artikel.

Wie mag es denn wohl auf dem Monde eigentlich aussehen? Mag es dort auch Menschen, Thiere, wie bei uns, geben? – Diese und ähnliche Fragen hat sich wohl Jeder schon einmal gestellt. Es dürfte darum gewiß von allgemeinem Interesse sein, eine genauere Schilderung der dortigen Natur zu hören. Von Zeit zu Zeit sind zwar einzelne solche Unternehmungen in’s weitere

[245]
Die Gartenlaube (1858) b 245.jpg

Die Mondoberfläche.[1]

Publicum gedrungen, allein meist waren es nur Phantasien, und wollten auch nichts Anderes sein, als blose „Träume.“ Diese kann sich aber Jeder selbst bilden, sobald es eben erlaubt ist, willkürlich zu fingiren und auszuschmücken. Ganz anders ist es dagegen, wenn man „nur Wahrheit, nur Thatsachen“ zu wissen verlangt. Wie schwierig dann die Fragen zu lösen sind, brauche ich nicht erst nachzuweisen. Die Meisten werden sogar bezweifeln, daß unter dieser Bedingung jemals auf diese Fragen genügend geantwortet werden könne. Der Wissenschaft ist es indeß wirklich gelungen, ein treues und ziemlich vollständiges Bild der Mondnatur zu entwerfen, und wenn auch mancher der verehrlichen Leser Vereinzeltes über den Mond gehört hat, so dürfte es für ihn vom höchsten Interesse sein zu erfahren, welches der neueste wissenschaftliche Standpunkt sei, auf dem unsere Kenntniß vom Monde angekommen ist. Folgende Schilderung hat den Zweck, diesem fühlbaren Mangel in unserer populären Literatur abzuhelfen.

Um dem verehrlichen Leser ein recht anschauliches Bild von jener fremden Welt vorzuführen, wählte ich, wie die Ueberschrift sagt, die Form einer Reisebeschreibung. Allein jenem umfassenderen Zwecke gemäß strebte ich die Natur des ganzen Mondes zu schildern, indem ich das Allgemeine an das Specielle anzuknüpfen suchte. Ich habe die ganze Schilderung in vier Abtheilungen gruppirt, von denen die erste „das Verhältniß des Mondes zur Erde“ behandelt, weil hierüber die meisten Ansichten [246] des weitern Publicums theils ganz falsch, theils nur halb wahr sind. Es ist dieser Theil, streng genommen, nicht eigentlich Reiseschilderung, jedoch nothwendig. Denn wie Jemand, der auf Reisen gehen will, sicher zunächst gewisse Vorkehrungen treffen und nicht ungerüstet drauflos marschiren wird, so ist auch diese Mondreise erst vorbereitender Begriffe bedürftig. Sie dürften übrigens ebenso belehrend und berichtigend sein, als die Reiseschilderungen selbst, und ebenso, wie letztere, für die meisten Leser Neues enthalten. Zum Beweis will ich nur das Eine daraus verrathen: „die Erde ist eigentlich kein Planet, sondern selbst blos ein Mond.“ – Man betrachte diesen ersten Theil als Einleitung, die über das Reiseziel im Allgemeinen handelt.

Die zweite Abtheilung wird „Streifzüge im Apenninengebirge des Mondes selbst“ enthalten, die dritte „Blicke vom Gebirge aus in das Mond-Flachland“, die vierte „eine Nacht auf dem Monde“ und die letzte, die fünfte „Schlußbemerkungen über den Mond.“


I.
Verhältniß des Mondes zur Erde.

Fast das ganze Publicum glaubt, daß der Mond sich um das Centrum der Erde drehe und diese wieder um das Centrum der Sonne. Schon diese so tief und weit um sich gewurzelte Ansicht ist nicht eine der Natur gemäße, wenigstens eine ungenaue. Denn nicht die Erde, sondern „das Erdsystem“ macht seinen jährlichen Lauf um die Sonne. Zu diesem Erdsysteme gehören Erde, Mond und der diesen beiden gemeinschaftliche Schwerpunkt. Eigentlich ist es letzterer, welcher jene Bahn beschreibt, und erstere, also Erde und Mond, sind nur die beiden Pole des Erdsystems. Ständen wir in hinreichender Entfernung von der Erde, so würde Erde und Mond uns nur als ein Stern erscheinen, kämen wir dann näher, so würde das Erdsystem sich als ein Doppelstern zeigen. Man kann also das „Erdsystem“ als einen Himmelskörper auffassen, dessen Centrum eigentlich jener Schwerpunkt ist. Allein bei der Entstehung des „Erdsystems“ concentrirte sich alle Materie an jenen Polen zu dichter Masse, so daß diese beiden, natürlich einander entgegengesetzten Pole zu materiellen Theilen des Erdsystems wurden, während die übrigen nur als ideelle anzusehen sind, oder wenigstens als aus ganz verschwindend dünner Materie bestehende. Aber auch jene zwei materiellen Theile sind durchaus nicht von gleicher Dichtheit, denn die Masse desjenigen Poles vom Erdsysteme, den wir bewohnen, ist beinahe noch einmal so dicht, als die des Mondes.[2] Ja die Dichtheit ist sogar an einem und demselben Pole bedeutend verschieden. Denn offenbar ist Luft viel dünner als Fels, und zur Materie der Erde gehört bekanntlich nicht blos Stein, sondern auch Wasser und Luft. Bedenkt man nun, daß die Kraft des einen Poles im Verhältnis; zum andern nicht blos dichter wurde, sondern auch mehr Materie concentrirte, als das Erdsystem entstand, so folgt daraus, daß diese beiden Kräfte an den Polen des Erdsystems von verschiedener Intensität seien und daß namentlich der Erdpol, der eine so gewaltige Kugelmasse, als die Erde ist, zusammen ballen konnte, der stärkere sei. Die Gründe aber, warum der eine Pol in jener Zeit voll tiefster Geheimnisse, als Gott die Welten aus Nichts schuf, ein solches Uebergewicht erhielt, hat die Wissenschaft noch nicht völlig evident aus den bis jetzt erkannten Naturgesetzen nachzuweisen vermocht. Und zweifelnd wird man fragen können: wird dies jemals dem Menschen vergönnt sein, so lange er an die Grenzen seiner Erdnatur gebunden ist? Sein Ohr, sein Auge etc. bezeugen, daß sie nur für die Erdnatur geschaffen sind, so daß sie nicht einmal für die Natur unseres nächsten Himmelskörpers, des Mondes, passen, wie die folgenden Mondschilderungen beweisen werden. Wie sollte da der Mensch, dessen Denken allein aus den Sinnen hervorwächst, wie die Blume aus dem Fruchtlande, mit seinen erdgebornen Begriffen den Urgrund alles Seins durchdringen können!

Einst staunte man nur stumm und dumm die Wunderwerke Gottes an, Erklärungsversuche des Verstandes galten für Verbrechen; später wollte man Alles erklären können, wie altkluge Kinder von beschränkter Einsicht. Jetzt erkennt man das Factum an, Erklärung wird nur zugelassen. Es läßt sich aber als Thatsache nicht leugnen, daß fast ein halb Hundert[3] Kugeln, deren jede so groß wie der Mond wäre, nöthig sein würden, um eine Kugel von der Größe unserer Erde daraus zu machen.

Jene zwei Pole des Erdsystems bewegen sich um dessen Schwerpunkt ganz so, wie sich zwei Monde um einen Planeten bewegen. Mithin wohnen wir Erdenmenschen eigentlich auf einem Monde, und zwar auf dem größeren Monde des Erdsystems. Wenn wir sagen: „die Erde sei der Hauptplanet und der Mond nur sein gehorsamer Trabant“, so ist dies Selbstüberhebung von uns, doch noch genug Bescheidenheit im Verhältnis; zu unsern Vorfahren, die bekanntlich gar meinten, daß nicht blos der Mond, sondern auch die Sonne und alle übrigen Sterne um unsere Erde sich drehten.

Die Erde ist also nicht viel vornehmer, als der Mond. Die Wissenschaft weiß jetzt sogar, daß beinahe Mond und Erde, jeder für sich, ein selbstständiger Planet geworden wäre. Denn es ist gewiß, daß ein Mond, der vielleicht in eben der Zeit (oder gar eher) sich um seinen Hauptplaneten bewegt hat, während dieser sich um sich selbst drehte, gar nicht sich hätte erst bilden können. Seine Materie würde zur Masse seines Hauptplaneten übergegangen sein, d. h. dazu gezählt werden müssen. Ferner ist es eben so gewiß, daß, wäre die Umlaufszeit eines Mondes gleich oder größer, als die Umlaufszeit seines Planeten, jener nicht Mond geblieben sein, sondern selbstständig als Planet die Sonne umkreist haben würde. Die Wissenschaft beweist ferner, daß die Umlaufszeit eines Mondes diesen beiden Grenzen auch nicht nahe kommen dürfe. – Hält man diese Wahrheiten fest und prüft man daran unsern Mond, so findet man, daß er der obern Grenze weit näher kommt, als irgend ein anderer Mond. Wie weit dies wahr sei, möge der Leser selbst entscheiden. Ich füge deshalb einige specielle Angaben hinzu, durch die unser Mond mit den Monden anderer Planeten verglichen werden kann.

Würden wir auf einem Monde des Jupiter oder des Saturn oder des Uranus stehen, so würde es uns scheinen, als wenn der zu jenem Monde gehörende Hauptplanet einen mindestens 35 Mal größern Durchmesser habe, als die Sonne; ja, von einigen Monden aus sogar einen 400 bis 800 Mal größern. Stellten wir uns dagegen auf unsern Mond, so erschiene die Erde nur 31/2 Mal so groß, als die Sonne. – Die Monde der genannten drei Planeten machen mehrere hundert Umläufe während eines Umlaufs ihres Planeten, ja, der innerste Saturnusmond sogar 11,000, dagegen unser Mond nur 13. – Die Störungen, welche jene Trabanten aufeinander gegenseitig ausüben, sind weit beträchtlicher als die, welche sie durch die Sonnenanziehungen erfahren. Ihre Bahnen sind sehr wenig gegen die Ebene des Aequators ihres Hauptplaneten und beträchtlich gegen seine Bahn geneigt; bei unserm Monde sehen wir das Gegentheil. Das Perisaturnium des Huygenischen Saturnmondes vollendet (nach Bessel’s Untersuchungen) seinen Umlauf um den Himmel in 710 Jahren und seine Knoten in 36,500 Jahren; bei unserem Monde sind die Zahlen = 8,8 und 18,6 Jahre. – Während eines seiner Jahre erblickt der Jupiter gegen 4500 Verfinsterungen seiner Monde und etwa die gleiche Anzahl Sonnenfinsternisse; unser Mond bietet uns deren etwa zwei im Jahre. Gewiß groß und auffallend sind diese Verschiedenheiten!

Die Behauptung, daß der Mond beinahe neben der Erde, trotz seiner verhältnißmäßig geringen Entfernung, ein Planet geworden wäre, mag vielen Lesern kühn erscheinen, weil sie neu ist, allein jene Möglichkeit ist durchaus nicht so unglaublich, da wir Aehnliches bereits anderwärts im Welträume haben. Ich meine das System, das zwischen Mars und Jupiter ebenfalls um unsere Sonne kreist, – die Planetoiden Ceres, Pallas etc. Hier haben sich sogar noch mehr als zwei selbstständige Planeten neben einander gebildet, und zwar so nahe, daß ihre Bahnen sich öfters kreuzen. Dies System hat somit das in der That entwickelt, was in unserm Erdensysteme nur als nahe Möglichkeit schlummert. Deshalb läßt sich auch wieder umgekehrt von den Planetoiden behaupten, daß, wäre einer der kleinen selbstständigen Planeten genug mächtig geworden, als das System sich zu jetziger Form ausprägte, so würden alle die andern benachbarten Planetoiden nur Monde vom ersteren geworden sein, die sich also nicht so direct, wie jetzt, um die Sonne hätten bewegen können, sondern es zunächst um den unter ihnen mächtig gewordenen Planeten hätten [247] thun müssen. – Bis jetzt hatte sich noch die rohe Meinung erhalten (und zwar nicht blos in Schulbüchern), daß jene Planetoiden die einzelnen Stücke eines einst geplatzten Planeten seien! Ich will hierzu kein Wort verlieren.

Es verhält sich mit den Systemen der Himmelskörper ganz so, wie mit den Staatensystemen des politischen Lebens. Während jenes Planetoidensystem sich in kleinere selbstständige Körperschaften auflöste, deren jede ihre eigenen Wege geht, so hat das Erdsystem noch seine Einheit erhalten durch die Furcht vor dem Gesetze; ich meine den Gehorsam vor jenem Schwerpunktsgesetze. Diesem mußte sich die Erde unterordnen, weshalb sie nicht den von uns geträumten bevorzugten Stand erhielt, sondern den eines bloßen Vasallen. Der bis jetzt unbeachtet gebliebene Kronprätendent ist jener „Schwerpunkt des Erdsystems.“

Wo aber ist denn eigentlich dieser neue Herrscher? werden die Leser fragen. Daß jener Punkt zwischen dem Centrum der Erde und dem des Mondes sein muß, versteht sich von selbst, und daß er der Erde viel näher als dem Monde sei, läßt sich errathen; denn wie alle ungehinderte Körper auf der Erde nach deren Mittelpunkte (ihrem specifischen Schwerpunkt) zu fallen streben (was man bekanntlich „Schwere“ eines Körpers nennt), so haben auch Mond und Erde wiederum das Streben, nach dem ihnen gemeinschaftlichen Schwerpunkt[4] zu fallen. Die Erde ist aber 88 Mal schwerer, als der Mond. Man weiß dies bestimmt, denn man hat sie gewogen. Was! wird mancher Leser ausrufen, der recht lebhaft diese zwei furchtbar großen Klumpen mit ihren Bergen und Gebirgen im Geiste vor sich sieht. Allerdings hat man sie gewogen, wenn auch nicht mit einer Krämerwage, und man hat sich überzeugt, daß der Mond 14,770 Trillionen Centner schwer sei, die Erde dagegen 1,300,000 Trillionen Centner. Deshalb läßt sich erwarten, daß die Erde bedeutend näher an jenen „Schwerpunkt“ sank (wenn es erlaubt ist, der Anschaulichkeit halber so zu sagen), und zwar hat man berechnet, daß der letztere Punkt nur noch 584 Meilen vom Erdcentrum nach der Mondseite zu entfernt ist.

Doch bleibt sich diese Entfernung nicht immer gleich, indem die Erde öfters noch näher sinkt, manchmal sogar um 36 Meilen; öfters dagegen ist sie, durch andere Umstände genöthigt, jenem „Punkte“ ferner, was sich ebenfalls bis zu 36 Meilen steigern kann. Wann dies geschieht und wo im Weltenraume und wie weit an jedem einzelnen Tage, jeder Stunde und Minute das Erdcentrum von jenem „Punkte“ entfernt sei, – alles dies vermag die Wissenschaft genau voraus zu berechnen.

Da wir aber von unserer Erdoberfläche bis in den Mittelpunkt der Erde 8–900 Meilen haben, so folgt daraus, daß jener „Schwerpunkt des Erdsystems“ immer noch unter der Erdkruste in der Richtung zum Erdmittelpunkte liegt. Jener gewiß Vielen geheimnißvolle „Punkt“ ist also 275 Meilen tief, senkrecht unter unsern Füßen (natürlich, wenn der Mond gerade über uns steht). Könnte man mit einem Dampfwagen zu diesem „Schwerpunkt des Erdsystems“ fahren, so würden wir schon in 4–5 Tagen dort sein können, während, wenn wir zu dem Monde auf einer Eisenbahn reisen wollten, wir über 2 Jahre lang fahren müßten, ehe wir dort anlangten.

Wie wichtig diese rechte Auffassung unseres Erdsystems sei, wenn man die Natur des Mondes nicht so ungerecht beurtheilen, wie es gewöhnlich bis jetzt geschehen ist, wenn man vielmehr sie richtig begreifen will, – wird sich dem Leser bald zeigen. Ich gebe aber gern zu, daß es nicht für Jeden etwas Leichtes sein wird, sich einen Körper, der zum Theil nur ideelle Theile hat, klar zu denken, da man hierbei die gewöhnliche Steifheit des Vorstellungsvermögens überwinden und es zur nöthigen Biegsamkeit heraufbilden muß. Anhaltende philosophische, besonders aber mathematische Beschäftigungen erleichtern es sehr, da sie vielfältige Gelegenheiten bieten, sich in solche, für Laien meist subtile Objecte hineinzudenken. So hat es z. B. die Mathematik mit „Rotationskörpern“ zu thun, die doch durchaus keine materiellen Bestandtheile enthalten; man berechnet die Größen der Rotationskörper, die also Größen sind, und doch nur aus ideellen Theilen bestehen. Leser, die sich den Körper des Erdsystems nicht deutlich vorstellen können, mögen sich das Verhältniß der Erde und des Mondes zu jenem Schwerpunkte vielleicht dadurch veranschaulichen, indem sie an einen zweiarmigen Hebel denken. Der eine Hebelarm ist hier sehr kurz, an ihm hängt aber eine sehr große Last; der andere Arm ist verhältnißmäßig sehr lang, an ihm zieht ein kleineres Gewicht; letzteres ist der Mond, ersteres die Erde. Der Punkt des Hypomochlion, also die Stelle an dem Hebel, die man unterstützen müßte, wenn beide Hebelarme sich das Gleichgewicht halten sollten, ist jener „Schwerpunkt des Erdsystems.“ Freilich sind auch hier wieder die Arme des Hebels ideell, und der Leser wird immer wieder die alte Schwierigkeit vor sich haben.

Soll sich aber der Leser diese zwei anscheinend himmelweit verschiedenen und für sich selbstständigen Körper, Erde und Mond, zu einer Einheit verbunden, als ein Ganzes denken, so wird noch besonders zweierlei ihm darüber Bedenken verursachen, nämlich die furchtbare Größe und die ungewöhnliche Form.

„Der Mond,“ wird Mancher sagen, „ist so viele Tausend Meilen von der Erde entfernt, und sie sollten zusammen zu einem Körper gehören? Wie furchtbar groß müßte da dieser sein!“

Allerdings, es gehört eine gewisse Kühnheit des geistigen Fassens dazu, die Möglichkeit jenes Körpers zu begreifen; allein diese Zaghaftigkeit werden nur solche Leser haben, die sich noch wenig mit Astronomie beschäftigt haben, und folglich noch nicht sich an die Ungeheuern Dimensionen der Unendlichkeit des Universums gewöhnt haben. Doch ich erinnere die Leser, daß sogar in unserm eignen Sonnensystem ein Körper ist, der mehr als noch einmal so groß ist, ein Körper, der dazu aus lauter materiellen, und, soweit unsere Kenntniß geht, ziemlich gleich dichten Theilen besteht. Gegen diesen gehalten, ist der Körper des Erdsystems sogar klein zu nennen. Jener Körper ist – unsere Sonne. Denkt man sich nämlich die, Sonnenkugel als hohl, und denkt man sich unsere Erdkugel, ganz so groß, wie sie wirklich ist, in die Mitte der hohlen Sonnenkugel, so würde trotzdem noch so viel Platz in letzterer sein, daß die Mondkugel in ihrer natürlichen Größe sich rings um die Erde bewegen könnte, und zwar eben so fern noch, wie der Mond jetzt von uns entfernt ist! Obgleich der Mond gewiß einen gewaltig großen Platz zu dieser seiner ungestörten Bewegung gebraucht, so würde er in jenem angenommenen Falle doch noch nicht an die innere Schale der hohlgedachten Sonnenkugel anstoßen.

Und doch ist diese Sonnenkugel und die Gruppe aller Planeten, die in weiten Bahnen sie umkreisen, wiederum unendlich klein gegen die außerhalb derselben gelegene Sternenwelt. Die ungeheuere Größe dieser letzteren möge folgende Bemerkung anschaulich machen:

In dem Meere der Unendlichkeit befinden sich bekanntlich unzählige sogenannte „Sterneninseln“, und fast alle Sterne, die wir an unserm nächtlichen Himmel sehen, bilden mit unserer Sonne eine einzige solche Gruppe, – unsere Sterneninsel. Stände nun Jemand an dem einen Ende dieses Sternenhimmels, und schauete er durch denselben an das andere Ende, ob dort vielleicht alle Sterne noch da wären, so würde er erst nach 6700 Jahren eine dort stattgefundene Veränderung sehen können; denn – so lange Zeit würde das Licht brauchen, um von jenem Ende der Sterneninsel bis zu seinem Auge zu gelangen, obgleich das Licht, wie vielfältige Berechnungen bestätigen, in einer Stunde einen Raum von 150 Mill. Meilen durchläuft! Dagegen, stände er auf dem Monde, und schauete er auf die Erde, so würde er z. B. eine Zerberstung der Erdkugel schon in der zweiten Secunde darauf sehen können. – Vermöchten wir eine unserer Telegraphenstationen auf den Mond zu verlegen, so langte die dahin telegraphirte Nachricht schon nach dem 73sten Theile einer Minute dort an; also noch in derselben Secunde des Telegraphirens würden dann die Mondbewohner erfahren können, was es für Neuigkeiten auf der Erde gäbe.

[263]
Fortsetzung der ersten Abtheilung.
(Gestalt des „Erdsystems.“ – Einfluß theils des Mondes auf die Erde, theils der Erde auf den Mond. – Welches ist also der Standpunkt, von dem aus die eigenthümliche Natur des Mondes uns verständlich wird? – Größe der Mondfläche.)


Was die Gestalt des Erdsystems betrifft, so ist diese zwar auffallend, um so mehr, da man sich gewöhnt hat, alle Himmelskörper sich als Kugeln zu denken; allein schon die Erde selbst weicht bedeutend von dieser Regelmäßigkeit ab, obgleich nicht so stark, wie die Gestalt des Erdsystems; denn diese ist offenbar eine einseitige. Der eine Pol ist ungemein gewaltig abgeplattet, der andere sehr erhaben, in die Ferne gezogen. Die Masse, die von der Kraft des ersten Poles concentrirt wurde, reicht sogar so weit nach dem andern Pole hin, daß man sagen kann, sie nehme nicht blos die Stelle des einen Poles ein, sondern zugleich auch die Gegenden der Tropenländer, wenn man nämlich den „Schwerpunkt des Erdsystems“ dem specifischen Schwerpunkte der Erde selbst vergleicht. Es ist dies unleugbar eine merkwürdige Gestalt; allein auch hierzu findet man anderwärts im Welträume ähnliche Beispiele. Und auffallend genug ist es, daß sich diese Form an einem Theile des Erdsystems selbst wiederholt. Der Mond selbst hat nämlich eine solche Gestalt, wenn auch nicht bis zu einer solchen extremen Ausbildung. Bedenkt man übrigens, wie klein er gegen das „Erdsystem“ ist, so findet man die Verhältnisse ihrer Gestaltungen zu einander durchaus nicht zu ungleich.

„Wie so?“ wird mancher Leser sagen, „man sieht doch bei Vollmond, daß der Mond regelmäßig rund ist; wie so, hat er also nicht regelmäßige Gestalt?“

Nein, antworte ich, muß aber bitten, sich bis zum dritten Theile meiner Mondschilderungen zu gedulden, da ich dort Genaueres über die Mondgestalt mittheilen werde. – Außerdem gibt es noch viel abweichendere Gestaltungen im Weltraume. Man erinnere sich nur an die Kometen mit ihren langen Schweifen!

Gehören aber Mond und Erde zu einem Weltkörper, so müssen auch vielfache Beziehungen zwischen beiden stattfinden. Denn [264] Leib und Geist des Menschen sind auch zwei himmelweit verschiedene Dinge, und doch gehören sie zusammen und bilden einen Menschen; allein es existiren dafür Einflüsse des Geistes auf den Leib und wiederum Wirkungen des Leibes auf den Geist. Die Zeiten, in denen man dies noch bezweifelte, sind längst vorüber.– Die verlangten Wechselwirkungen zwischen Mond und Erde existiren ebenfalls. Ich komme hier auf ein weites Feld, auf dem noch viel Glauben und Unglauben, viel Unbewiesenes und viel Bewiesenes besteht; und manches Jahr werden sich deshalb die Gelehrten noch herumzanken. Diese Wirkungen sind durchaus nicht einerlei Art, sie sind vielfältig und uns fast durchaus unerklärlich. Ich erinnere nur an die Mondsüchtigen, oder an die Veränderungen, die, wie vielfach geglaubt wird, der Stahl erleidet; oder theils an die Verschlimmerung, theils Milderung der Krankheiten in Bezug auf den zu- und abnehmenden Mond. Da der Einfluß des Mondes ein Gegenstand ist, der zu sehr in’s Leben des Publicums eingreift, und weil er deshalb auch oft von Unkundigen besprochen wird, so ist es eine Folge davon, daß die meisten Leser in peinlicher Ungewißheit sein werden, welche Einwirkungen des Mondes blos vorgebliche und welche wirklich stattfindende seien. Es dürfte darum den meisten Lesern willkommen sein, einige der Einflüsse, deren Existenz nachgewiesen und die von der Wissenschaft jetzt acceptirt werden, hier zu erfahren.

In Bezug auf unsere Witterung manifestirt sich dieser Einfluß wirklich in Veränderungen des atmosphärischen Druckes (des Barometers), so daß zu gewissen Phasenzeiten das Barometer constant höher steht, als in andern, so wie zur Zeit der Erdferne des Mondes (der Mond ist bekanntlich öfters 54,800 Meilen weit von der Erde, öfters aber auch nur 48,800 Meilen; jenes heißt seine Erdferne, dieses seine Erdnähe) höher, als während seiner Erdnähe. Dieser Einfluß des Mondes zeigt sich ferner in den Veränderungen der Luftwärme dergestalt, daß während der Erdferne das Thermometer im Mittel höher steht, als zur Zeit der Erdnähe, wie denn auch die Phasen des Mondes einen Einfluß auf die Luftwärme äußern. Endlich erkennt man den Einfluß gewisser Punkte der Mondbahn auch in der ungleichen Vertheilung des Regens, sowie der Heiterkeit der Atmosphäre. Ein Einfluß der Declination des Mondes läßt sich in der Art nachweisen, daß Jahrgänge, in denen der Mond die Maxima seiner nördlichen und südlichen Declination erreicht, im Durchschnitt eine günstigere und namentlich dem Weinbau vortheilhaftere Witterung haben, als solche, wo er sich weniger vom Aequator entfernt. – Der Einfluß des Mondes auf das Wasser ist allbekannt; am deutlichsten tritt er hervor in Ebbe und Fluth des Meeres. – Der Einfluß des Mondes auf den Erdboden selbst, oder vielmehr auf das Erdinnere, ist ebenfalls constatirt und zeigt sich besonders in den Wirkungen der Erdbeben. Alexis Perrey hat der französischen Akademie der Wissenschaften zu Paris Beobachtungen hierüber vorgelegt, die fünfzig Jahre umfassen. Er sagt, daß die Erde außer dem sichtbaren Meere, dem aus kalten Wasser und auf dessen Oberfläche die Schiffe der Menschen schwimmen, – auch ein Meer in ihrem Innern habe, ein glühendes, aus flüssigen Steinen und Metallen, das in den Vulcanen seine Blasen wirft und das von jenem durch die feste Kruste der Erde getrennt ist, wie durch eine dünne, dazwischen geschobene Eierschale. Das Innenmeer fluthe und ebbe nun auch, beeinflußt vom Monde; da, wo die stärkste Fluth sei, dränge es am stärksten gegen die verhältnißmäßig dünne Schale, und die Erde finge an zu beben etc. – Der Einfluß des Mondes auf die Magnetnadel ist durch die neueren, zehnjährigen Beobachtungen von Karl Kreil (in Prag) völlig entschieden.

Was den Einfluß der Erde auf den Mond betrifft, so ist der Wissenschaft bis jetzt noch wenig gelungen, jenen darzulegen. (Ich rechne hier die Beleuchtung, die auch die Erde dem Monde bietet, nicht zu diesen Wechselwirkungen, obgleich sie offenbar eine ist.) Daß aber der Einfluß der Erde auf den Mond bedeutend sein mag, können wir errathen, vornehmlich darum, weil wir einen ziemlich starken Einfluß der Erde auf die Bewegung des Mondes beobachten können. Denn der Mond geht nicht ruhig seinen Weg, sondern wankt und schwankt gar sehr. Diese Ungleichheiten in dem Laufe des Mondes nennt man in der Wissenschaft „Störungen.“ Der Mensch hat sich aber nicht begnügt, diese Schwankungen zu beobachten, nein, er hat es auch dahin gebracht, sie genau zu berechnen, die Ursache zu jeder völlig zu entschleiern, und somit bestimmt nachweisen zu können, wovon und weshalb jede einzelne der Schwankungen erfolgen müsse. Ueberraschend ist es, zu sehen, wie sie genau so zutreffen, als der Astronom sie vorher angab. Diese „Störungen“ sind fast das schwierigste Problem der Wissenschaft, verlangen ungemein viel Geisteskraft und Zeit, verlangen Gelehrsamkeit und mühsames Arbeiten. Lange Zeit blieb deswegen dies Problem nicht vollständig gelöst. Endlich gelang es einem Mathematiker, der, obgleich sein Vater nur ein französischer Bauer war, von Napoleon I. zum Minister Frankreichs erhoben ward. – Der Laie würde die hierher gehörenden tiefsinnigen Rechnungen für wahre, unlösbare Hieroglyphen halten und anstaunen.

Hält der Leser das fest, was ich bis jetzt über das Erdsystem sagte, so wird er nicht blos der Natur gemäße Ansichten erhalten über das Verhältniß des Mondes zur Erde, sondern wird auch die Natur des Mondes selbst vom richtigen Standpunkte aus beurtheilen. Er erinnere sich, daß der Mond mit Polarland, die Erde, obgleich ursprünglich selbst Pol, mit Tropenland zu vergleichen sei, weil der „Schwerpunkt des Erdsystems“ zugleich in der Erde selbst mit liegt. Es ist nun zwar wahr, daß man deshalb nicht auf ganz entsprechende Beschaffenheit der Länder schließen darf, weil das Verhältniß des Tropenlandes der Erde zum Polarlande derselben andern Umständen untergeordnet ist, als das Verhältniß der Erde zum Monde, aber es ist auffallend, wie wirklich die Natur des Mondes, verglichen mit der der Erde, jenem Verhältnisse beistimmt. Dies aber ist unbedingt daraus zu schließen, daß Theile des Ganzen, hier also die Naturen des Mondes und der Erde, ähnlich und doch auch wieder so verschieden sein können, daß man eine ganz fremde Welt vor sich zu haben behaupten darf.

Man denke nur an die Naturen der Polargegenden auf der Erde und der ihrer Tropenländer. In den Urwäldern Südamerika’s sind Berge, und oft gar jähe; in Grönland (und nördlich davon) auch, nur daß sie dort von gelbem Sande und verschiedenfarbigen Felsen, hier von weichem Schnee und glattem Eise sind. Dort, wo in naßheißer, fast erstickend dichter Atmosphäre Alles üppig wuchert und grünt; dort, wo sehnenartige Lianen und tausend verschiedene andere Schlingpflanzen zäh, wie Flechsen im thierischen Organismus, uralte markige Baumstämme umranken, zwischen denen hervor eine zahllose Mannichfaltigkeit von Blättern und Blüthen, von Gräsern und Kräutern dicht sich drängen, alles in buntester Pracht, von strahlenden Farben, alles im würzigsten Dufte der schärfsten Gerüche, die wie gewitterschwere Wolken auf den gluthstrotzenden Blüthen lagern; dort, wo goldflimmernde Colibri’s und possirliche Affen, grellfarbige Papageien, wo flüchtige Rehe, zierliche Gazellen, stolze, edle Rosse elastisch leicht sich bewegen, – muß nicht Jeder zugestehen, daß Farbenpracht, daß phantastischer Schmuck, daß Leben in Fülle herrsche?

Schauen wir in die Landschaft des kalten Polarlandes; auch dort gibt’s Blumen – an gefrornen Fenstern; auch dort gibt’s Farbenpracht, wenn das rothe Polarlicht über die weißen Gefilde seine milden Strahlen sendet, und in den weitausgedehnten Glasflächen des Eises sich spiegelt, wenn Eiskrystalle in buntesten Farben schimmern, und der Schnee wie zahllose silberstrahlende Sternlein freundlich blinkt; auch dort gibt’s phantastischen Schmuck, dort wo Eiszapfen in langen blanken Reihen statt Guirlanden franzenartig an den Dächern herabhängen, wo fast alle Flächen wie polirte Spiegel, der glasartige Boden, wie mit glänzenden Diamanten statt Sandkörnern bestreut, feenartig prunkt; auch dort gibt’s Leben, wo der langzottige Eisbär, der fette, plumpe Robbe ungeschickt sich bewegt – und doch, wie ist die Natur eine ganz andere!

Dies Verhältniß auf der Erde, es ist ähnlich dem Verhältniß der Natur des Mondes zu der der Erde; auch dort auf dem Monde gibt’s Berge und Thäler, auch dort gibt’s Mannichfaltigkeit, Großartigkeit, Wunderbares, und doch wie Alles ganz anders als hier auf Erden! Hiervon wird sich der Leser bald selbst überzeugen, in den folgenden Abschnitten meiner Mondschilderungen, – wenn er die nöthige Rüstigkeit des Vorstellungsvermögens besitzt, die nöthig ist, um des Mondes Berge ersteigen, und dessen Thäler durchwandern zu können, – wenn er genug empfängliches Gemüth hat, um die Herrlichkeit und die Wunder einer fremden Welt zu würdigen.

Und somit wären wir denn geschickt, einzutreten in die Natur der Mondlandschaften. Die Mondgegenden, die wir beschauen wollen, liegen auf der diesseitigen Mondscheibe. Der Mond wendet nämlich, wie wohl jeder Leser schon weiß, der Erde immer [265] nur eine und dieselbe Seite zu, Die ganze uns zugekehrte Scheibe ist so groß, wie Nordamerika, oder wie das russische Reich mit allen seinen ausländischen Theilen, als Sibirien etc. Die andere Seite des Mondes hat zwar noch nie ein Mensch erblickt, sie kann uns also wenig bekannt sein, allein die Wissenschaft hat doch auch von ihr Manches zu erkunden gewußt; was und wie, soll der Leser in die spätern Abschnitten erfahren. Da die uns abgewandte Mondseite so groß wie Südamerika ist, so hat also die ganze Oberfläche des Mondes ungefähr die Größe von Amerika. Obgleich also die Erde eine mehr als 13 Mal größere Oberfläche hat, so würde doch ein Wanderer, der um den Aequator des Mondes herumgehen wollte und täglich 10 Stunden Weges zurücklegte, beinahe fünf Monate gebrauchen. Wollten wir also alle Landschaften des Mondes durchstreifen, so würden wir sobald nicht fertig werden, und deshalb wohl ermüden. Doch ist es auch keineswegs nöthig, jede speciell zu betrachten, da sie oft sich sehr gleichen. Ich wählte deshalb eine Mondpartie aus, an die sich zugleich der Charakter aller übrigen, wenn auch mehr oder weniger, anschließt. Ich hoffe aber, daß es hinreicht, nur das eine Land des Mondes zu durchreisen, um meinen Zweck zu erreichen, nämlich dem Leser eine der Natur gemäße Ansicht vom Monde zu geben. Es mögen darum jetzt die „Streifzüge im Apenninengebirge des Mondes“ folgen. Ehe ich aber diese Wanderungen auf dem Monde mit dem Leser beginne, will ich mich noch verwahren, daß ja keine Schuld auf mich geschoben werden mag, wenn man eine Satire darin fände, daß ich als Ueberschrift wählte: „Apenninengebirge“ – das doch in dem allerchristlichsten Lande, Italien, liegt, – „des Mondes“ – dem Symbole des Unglaubens und der Türkenwirthschaft; vielmehr geschah dies nur, weil dies Mondgebirge die meiste Aehnlichkeit mit irdischen Gebirgen hat, wie man auch, wenn man z. B. nach London oder Paris reist, ein dortiges deutsches Gasthaus wählen wird, von dem aus man dann sich umsieht.



[419]
Zweiter Artikel.
Streifzüge im Apenninen-Gebirge selbst.
(Der Bergcomplex des Huygens und der erste Eindruck, den eine Mondlandschaft auf den Erdbewohner macht.)

Schon mit blosen Augen sieht man bei Vollmond große, dunkle Flecken in der Mondscheibe. Dies sind große Ebenen, die früher für Meere gehalten und deshalb auch so genannt wurden. Die hell glänzenden dagegen sind die Erhöhungen. (Man erinnere sich dessen, was ich in der Einleitung dieser Schilderung sagte, als ich damals auf die Abbildung der Mondscheibe verwies.) – Ziemlich in der Mitte der Scheibe, zwischen den beiden größten dunklen Flecken, ist die Gegend, wohin wir uns stellen. Es ist das Apenninen-Gebirge.

Wir wollen nun zunächst Platz nehmen auf einem Punkte, von dem aus wir uns am leichtesten orientiren können und der somit am schicklichsten der Ausgangspunkt unserer Mondreisen sein wird. Hierzu wählen wir einen hohen Bergrücken, der vom Astronomen Schröter den Namen des berühmten Mathematikers Huygens erhalten hat. Vergebens zwar suchen wir uns einen bequemen Sitz, vergebens die grünen Polster, die die Natur den Reisenden auf der Erde so freigebig gemeinhin gestattet und die Tausende von elastischen Stahlfedern haben – ich meine einen Rasensitz mit seinen [420] elastischen Grashalmen – jedoch laßt uns vorlieb nehmen mit dem nackten Gestein; laßt uns vergessen, wie rauh und hart[5] unser Lager, die Felsecken des Huygens, sind; denn wir haben jetzt Gelegenheit, hineinzuschauen in ein so ganz fremdes Land! Wo wäre da wohl Jemand, dessen Sinne und Gedanken nicht ganz gefesselt würden von Wißbegierde nach dem, was sich unserem Blicke zeigen werde?

Schon der Knabe, wenn sein Geist nicht irgendwie gelähmt ist, möchte wissen, wie die Gegenden aussehen, die hinter den Bergen, hinter den Wäldern und Dörfern liegen. Und den Jüngling ergreift Sehnsucht in die Ferne, wenn er an den Schienen einer Eisenbahn steht, die uns jetzt so schnell fremde Länder sehen läßt. Stürmische Gefühle regen sich in seiner Brust, deren er sich selbst nicht recht klar wird, und drängen ihn mit geheimnißvoller Kraft fort, weit fort in die Ferne, ohne oft zu wissen, warum und wohin. Der Mann, der nicht durch Lüfte abgelebt ist oder dessen Nerven nicht durch Sorgen erschlafften, – er ergreift begierig den Wanderstab, erklettert Höhen, scheut nicht Schweiß, nicht Mühen; wie sind all’ seine geistigen Sehnen gespannt, wie peinigt ihn schon die Ungeduld, indem er sich fragt: was für eine Landschaft wird sich dann wohl dem Auge darbieten?

Wenn uns aber schon bei Reisen auf der Erde der Reiz der Neuheit und die Wißbegierde so gewaltig erfaßt, wie viel mehr muß dies geschehen, wenn uns gestattet wird, thatsächlich fremde Länder zu sehen, die fern, gar fern in dem Himmel liegen und in die wir wohl nie, so lange wir an unsern irdischen Leib gebunden sind, eintreten können!?

Die Giganten der alten Griechen thürmten Felsblöcke auf Felsblöcke und Berge auf Berge, um in den Himmel zu gelangen. – Die alten Babylonier bauten einen riesigen Thurm, von dem aus sie die Landschaften des Paradieses sehen wollten, – sie mühten sich vergeblich ab. Uns dagegen ist’s vergönnt, wirklich zum Theil zu schauen, wie es im Himmel aussieht; wir sehen da Reiche aus gebreitet, so deutlich, so klar, daß wir meinen, wir könnten darin schon herumspazieren. Wer konnte da wohl so weit dem gleichgültig dahinlebenden Thiere gleichen, daß er ruhig fort essen und trinken könnte!

Wenigstens muß ich es von mir gestehen, wie ein Gefühl, welches sich mit keinen irdischen Worten beschreiben läßt, – das nur nachgefühlt werden kann, mich erfaßte, so oft ich die Landschaft des Mondes mit ihren Bergen und Thälern und Sonnenglanz und Schattengestalten vor mir ausgebreitet sah, ausgebreitet vor mir so schön, so zauberhaft, daß ich meiner sterblichen Hülle, meiner irdischen Verhältnisse vergaß, daß Betrübniß mein Gemüth erfüllte, wenn ich meinen Geist, der schon gekostet die süße Freiheit hinauszuschweifen weit über die Grenzen der Erdnatur, da draußen, zwischen den Bergen und Ebenen eines Theiles des Himmels, – ich sage, wenn ich meinen Geist wieder gewaltsam herabziehen mußte, zurück in die oft verschränkten und beengenden Stellungen zur menschlichen Gesellschaft; ja, ich gestehe, oft hätte ich weinen mögen, weinen so heiß, wie ein junger Wanderer, der längere Zeit im fernen Lande geweilt und dort so tief in ein schönes Augenpaar geschaut, so tief, daß er dort nur seinen Himmel wähnt, – wenn die kalte Nothwendigkeit ihn dann zwingt, weiterzuziehen, und er sich nur dadurch trösten kann, daß er hofft, bald, recht bald wieder dahin zurückzukehren. Und wie mich, so wird es gewiß Alle ergreifen, sobald sie noch ein frisches Herz und einen frischen Geist sich bewahrten. –

So laßt uns denn von unserem hohen Felssitze aus den Blick genießen, den Mondlandschaften gewähren!

Wir fühlen, indem wir hier auf dem Huygens sind und hinausschauen in die wundersame Natur des Mondes, die ganze Großartigkeit einer fremden Welt. Der Eindruck, den das Panorama der Apenninenlandschaften auf uns macht, ist jedoch nicht der liebliche eines irdischen; nicht schweift das Auge über saftiges Grün von Auen und Wäldern; nicht findet es den reizenden Farbenschmuck einer Blume; nicht sieht es des Himmels Blau sich spiegelnd in fernen Seen; nicht glänzt ein in fruchtbaren Geländen dahin sich schlängelnder Fluß; nicht hüpft plätschernd ein munterer Felsbach oder murmelt über glatte Kiesel ein helles Bächlein, an dessen schwellendem Herzen weiches Moos ruht oder an dessen Rande ein bescheidenes Vergißmeinnicht träumt; keine Biene summt über Rosenhecken, über duftigen Levkoy; kein Gesang eines Vögleins tönt und nicht ziehen Kraniche hinaus in blaue Fernen. Vergebens suchst Du den zarten Zauberschleier, womit auf der Erde die Natur die fernen, von Schnee silbern erglänzenden Berge feenhaft umhüllt und der als blauer Duft, oder zu Wolken phantastisch zusammengeballt, so oft den Erdenlandschaften jenen unbeschreiblichen Reiz gibt.

Das Rauschen der Wipfel alter Bäume, das unheimlich und doch so eigen süß die Seele erschauert, – es durchzittert nicht das ahnungsvolle Gemüth. Nicht ruft das idyllische Geläute eines benachbarten Dorfkirchleins, nicht eines ferneren Stadtthurms Glocke, die weithin ihre dumpfe und feierlich ernste Stimme sendet, nicht ruft eines Gott geweihten Priesters Wort uns zu erhebender Andacht frommer Gefühle, zu tröstendem Gebete – – – Eine ewige Grabesstille hält die Natur des Mondes in Fesseln! Gesang und Sprache ist unbekannt. Der Mensch hat hier einen Sinn zu viel, umsonst. Er bedarf hier nie des Ohres!

Stumm sitzen wir auf dem nackten Felsen des Huygens und stumm ist ringsum Alles. Dagegen brennt heiß die Sonne und die Helligkeit ihrer Strahlen vermag unser Auge kaum zu ertragen. Doch – nicht können wir den Durst löschen: Wasser gibt es nicht! – nicht fächelt ein kühlender Wind uns an: Luft gibt es nicht! – Wer also die Genüsse liebt, die eine Symphonie gewährt, oder die das Gemälde eines furchtbar blitzenden Gewitters, eines wilden Seesturmes oder einer Landschaft mit lieblichen Gruppierungen malerischer Laubhölzer bietet, – oder wer seine Sorgen zu vergessen gewöhnt ist, sobald er das ängstliche Drängen des Herzens ausströmen läßt in der Sprache eines Flehens zum Allvater, laut aufrufend zu ihm, – diejenigen, die es verwandeln in die so leicht aneinander sich schmiegenden Töne und den muntern Rhythmus eines lustigen Reigens, – sie alle würde auf dem Monde ein Heimweh nach der Mutter Erde erfassen, wie den Schweizer nach seinen Bergen, das junge Gemüth nach seinen fernen, geliebten Eltern.

Wenn Ihr, die Ihr mit mir jetzt auf dem felsigen Huygens weilet, mich fragt:

„Sind denn überall die Mondlandschaften so kahl, so dürr, so ganz des Schmuckes entblößt, den die Natur den Erdlandschaften verlieh?“ – so muß ich sagen:

„Ja. Nirgends auf der ganzen Weite der Mondländer ist ein Baum, nirgends ein Strauch oder dergl.“

Doch urtheilt deshalb nicht gleich, daß der Anblick des Mondpanorama’s nur abstoßend sei; nein, er hat auch seinen Zauber.

„Aber welchen?“ höre ich Euch fragen.

Man muß sich erst an den Mond gewöhnen, gleichsam sich in ihn hineinleben, ihn erst genauer kennen lernen, dann wird die Seele für seine Eigenheiten empfänglicher. Auf das Eine nur will ich hier aufmerksam machen.

Wer hinausgeschaut hat in die Weite des Meeres, wo kein Baum, keine Insel dem Auge als Ruhepunkt sich bietet; wo das ermüdende Auge vergeblich die fernen Grenzen zu erreichen sucht; – oder wer ergriffen wurde von dem bangen Eindrucke, den eine gewaltige, öde Ebene, eine Wüste, auf unser Menschenherz ausübt; – der wird am meisten die Großartigkeit unserer Mondlandschaft verstehen. Denn auf der furchtbaren Höhe des Huygens stehend, haben wir eine Fernsicht, die wir wohl nicht so leicht auf Erden finden würden.

Wir sind auf dem höchsten Theile der Mond-Apenninen und diese sind das größte aller Mondgebirge. Schon das breite Hochland dieses Gebirges ragt hier weiter hinein in den Himmel, als die von Schnee ewig bedeckten Pyrenäen Europa’s; denn während der Maladetta in Spanien nur 10,700 Fuß hoch ist, beträgt die Höhe des Mondhochlandes 11,700 Fuß. Nun denke man sich: auf diese furchtbare Höhe thürmt sich noch ein Koloß von 5100 Fuß, mithin beinahe 11/2 Mal so hoch, als der Brocken (im Harzgebirge). Von dieser erstaunlichen Höhe des Huygens aus übersieht man nach W und nach S hin die zahllosen Gipfel der Mond-Apenninen. Dieses Gebirge erstreckt sich von NW nach SO in einer Länge, die um 9 Meilen größer ist, als die Entfernung von Straßburg nach Wien, und bedeckt einen Flächenraum, der 1000 Quadratmeilen mehr in sich faßt, als Sachsen, Schlesien, Böhmen und Mähren zusammen (nach den Ausmessungen von Mädler beträgt [421] es 3500 Quadratmeilen). Wie das Erzgebirge nach der einen Seite (nach Sachsen) mehr terrassenartig, dagegen nach der andern (nach Böhmen) steil abfällt, so werden auch die Berge der Mond-Apenninen nach der einen Seite (und zwar nach S, also auf der entgegengesetzten Seite, als beim Erzgebirge) immer niedriger, bis sie sich in einer Entfernung von 15 bis 20 Meilen zu der Ebene mare vaporum verflachen. Dagegen stürzt es nach N ungemein schroff ab, wie kein irdisches Gebirge, mag es noch so furchtbares Felsengezack und schauerliche Tiefen von Schluchten haben, ein ähnliches Schauspiel zu bieten vermag. Unmittelbar an jener schwindelnden Höhe sehen wir die gewaltige Ebene mare imbrium vom Fuße des Huygens nach O und N sich ausbreiten. Unser Blick reicht von unserer Felsenhöhe aus 181/2 Meilen in gerader Entfernung, und wir sehen den Horizont sich in einem gewaltigen Bogen von circa 116 Meilen Länge um uns herumziehen. Ueberhaupt liegt vor unsern Blicken eine Fläche ausgebreitet, die (in runder Zahl) 1000 Quadratmeilen ist, ungefähr ein Land, so groß wie ganz Baiern und Sachsen vereint.

Die Gartenlaube (1858) b 421.jpg

Specialkarte vom Apenninengebirge des Mondes.[6]

A. mare imbrium (Meer der Platzregen): B. sinus aestuum (Busen der brausenden Fluthen): C. mare vaporum (Meer der Dämpfe): D. mare serenitatis

(Meer der Heiterkeit): E. palus putredinis (Sumpf der Fäulniß); – I. Huygens (höchster Berg); II. Bradley (ein Berg); III. Hadley (westlicher Berg); IV. Aratus (ein Krater); V. conon (ein Krater); VI. Manilius (ein Ringgebirge); VII. Eratosthenes (ein Ringgebirge); VIII. Wolf (östlicher Berg); IX. Archimedes (ein Ringgebirge); X. Autolycus (ein Ringgebirge).

Nachdem wir uns nun orientirt haben, wollen wir die Gebirgspartien durchstreifen. Man erwarte aber ja nicht schöne, glatte Wege, die es uns auf der Erde möglich machen, bequem, sogar in Wagen Gebirge zu besuchen; – ja, man erwarte nicht einmal schmälere Bergpfade; denn Felssteige (wie z. B. in der Schweiz), welche nur die kühnsten der Gemsjäger zu betreten wagen, – sie sind hier auf dem Mondgebirge diejenigen, die noch den meisten Comfort im Verhältniß zu den übrigen gewähren. Davon überzeugen wir uns sogleich beim ersten Blick, den wir zu dem Behuf über die Felsecken suchend senden. Denn wir sehen, daß der Rücken des Mondgebirges durchaus nicht dem Rücken eines Kameels ähnelt, also nicht wellenförmig ist, vielmehr bieten uns alle die Gesteinsformationen, die wir so reich und mächtig um uns her gestellt sehen, einen Anblick, der eher verglichen werden kann mit den Häusermassen einer schon in der Zeit des Mittelalters erbauten großen Stadt, wo die viele Stock hohen Häuserfronten oft nur durch schmale, finstere Gäßchen getrennt werden. Hie und da sehen wir größere Erweiterungen, breitere Straßen und freie Plätze, aber gerade an solchen Stellen befinden sich, wie wir von unserm Huygens aus trefflich bemerken können, gewöhnlich die großartigsten Gesteinsaufthürmungen mit vielen Tausenden jäher Felszacken. Sie erscheinen uns bald wie ein altes Residenzschloß, bald wie ein mächtiger Dom in gothischer Bauart, der auch mit seinem reichen Schmuck an Spitzthürmchen, Spitzbögen, schlanken Säulen, einzelnen himmelstrebenden Hauptthürmen emporstarrt. Mit dieser Großartigkeit verglichen, wie armselig sind da die romantischen Gegenden der Erde! Der Mond hat zwar nicht die Reize einer irdischen Vegetation, – sein Schmuck ist ganz anderer Art, der mehr, ich möchte sagen, architektonischen Charakter trägt. Wie würde ein Mondbewohner, wenn er zum ersten Mal in einer Erdlandschaft sich befände, über das Reizlose derselben klagen, da ihre Felsgestalten doch so monoton seien! – Der Grönländer sehnt sich aus Italien zurück zu seinen Eisbergen; der Italiener aus des Nordens Schneefeldern hin an „Neapels goldnen Strand.“

[422] Versuchen wir irgendwo aus unserer Höhe herabzuklettern. Nach Ost und West scheint es am allerwenigsten möglich; nach allen diesen Seiten hat der Huygens das wildeste Ansehen. Er zeigt rabenschwarzen Abgrund, aber fast keinen Felsvorsprung, keine sanftere Biegung, auf die unser Fuß sich stützen könnte. Wenigstens sind jene zu sehr von einander entfernt. Wir versuchen deshalb ein Herabsteigen nach dem Norden. Doch die Frucht dieser unserer mühsamen Wanderung ist, daß wir das weitere Vordringen auch nach dieser Seite hin gleichfalls aufgeben müssen. Denn bald bemerken wir, daß, je weiter wir herabzusteigen versuchen, desto mehr die Felsmasse des Huygens sich verengt, bis wir zuletzt auf einem bedeutend in die nördliche Ebene hinausragenden Felsvorsprung angelangt sind. Es ist dies das sogenannte „Cap Huygens“, das zwar viel niedriger, als der Rücken des Felscomplexes ist, aber dafür so schnell und schroff endigt, daß uns der Muth vergeht, noch ferner Versuche zum Herabsteigen zu unternehmen. Gezwungen treten wir also den Rückweg an. Wieder angelangt bei den Partien, die die höchsten Theile des Huygens sind, entdecken wir da oben nebenbei eine ringförmige Einsenkung. Jene kraterförmige auf Vulcanismus hindeutende Bildung ist überhaupt der Typus aller Mondflächen, besonders des Südens, der ganz davon übersäet ist. Selbst die Ebenen, namentlich ihre Grenzen, selbst die wenigen Längengebirge haben diesen Charakter, so daß der ganze Mond von unzählig vielen Kratern, meist dicht aneinander gereiht, nach allen Richtungen hin völlig bedeckt erscheint, ähnlich einer Menschenhaut voll Blattergruben. Dies letztere Ansehen hat die Mondfläche dann besonders, wenn die Sonne gerade über ihr steht, so daß die Lichtstrahlen ziemlich senkrecht auf die Flächengebilde des Mondes fallen, mithin in letztere fast gar keinen Schatten werfen, und so nicht die Größe ihrer Erhebungen zeigen können. – Häuften sich diese Gebilde an einer Stelle sehr, so ward ein Gebirg daraus, also so, wie eine Stadt entsteht, wenn viele einzelne Häuser neben einander erbaut werden. Auch unser Apenninen-Gebirge ist in der That nichts anderes, als eine starke Menge von einzelnen, isolirt neben einander stehenden Bergcomplexen.

Wir wenden uns nach dem Süden des Huygens, mit dem festen Vorsatz, um jeden Preis unser Herabsteigen auszuführen. Wir klimmen von Felszack zu Felszack, von einen, Vorsprung zum andern. Wir sehen, wie sich die Bergmassen des Huygens bald rechts, bald links biegen und dadurch weite, großartige Thaleinschnitte bilden. Oft droht uns die Gefahr, in die schauerlichsten Tiefen hinabzustürzen, und zu beiden Seiten gähnen uns Schlünde entgegen, als lägen zu unsern Füßen furchtbare Ungeheuer, die hungrig ihren Höllenrachen heraufstreckten. Aber regungslos liegen sie da; ganz so, als wollten sie ruhig unsere verzweifelte Anstrengung abwarten, als wären sie gewiß, daß wir ihnen nicht entrinnen könnten, als wären wir ihre sichere Beute. Wir sehen, eine zu starke Bewegung unseres Körpers, vielleicht schon ein Zucken der Glieder, wie es oft vom Erschrecken hervorgerufen wird, reicht hin zum Uebergewicht, reicht hin, uns rettungslos in den finstern Abgrund zu werfen! Würde unser Fuß nicht wie rankender Epheu mit den geringsten Anhaltepunkten vorlieb nehmen, er glitte – um wohl nie mehr uns zu tragen. Denn, wenn wir auch krampfhaft den Boden erfaßten, um uns noch etwa im Halmengewirre festzuklammern, vergebens wär’ es. Unser ängstlich spähender Blick sagt uns ja: keinen Baumstamm, keinen zähen Strauch, selbst keinen morschen Ast, keine schwache Wurzel, nicht einmal das dünnste Gestrüpp würden wir im Fallen finden, um daran als letztes Wrack zur Rettung uns etwa festzuhalten; – wir würden nur scharfen Kanten und Felsecken begegnen. Ja nicht einmal merken würden wir, daß einer unserer Reisegefährten eben an unserer Seite auf immer verschwand, denn nicht würde ein Getöse seines Sturzes sein Unglück uns verrathen, nicht ein Hülferuf könnte uns darauf aufmerksam machen, was neben uns vorgeht, – es ist ja ewig stumm Alles in der Natur des Mondes, und lautlos geschieht ja jede Bewegung darin!– Also plötzlich, ohne auch nur das geringste Geräusch verschwindet der gleitende Gefährte; vergebens lauschen wir, ob der Unglückliche irgendwo hängen bleibt, – wir hören ihn weder, noch sehen wir ihn; denn die Schwärze des Abgrundes verwehrt unserm Blicke, dem Fallenden hinab zu folgen! Kein Wunder also, wenn die Freude, die beim Eintritt in die interessante, fremde Gegend unsere Gesichtszüge belebte, bei dem Anblick dieser Umgebung zu todesbleichem Schrecken erstarrt, wie winterlicher Nordwind das muntere Wellengekräusel eines Baches zu steifem Eis erstarren läßt. „Wie!“ rufen wir aus, „ist’s unter solchen Verhältnissen möglich, vom Huygens herabzusteigen? Sollen wir unser Vorhaben wirklich durchführen?“ Doch auf, laßt Bangen, laßt Zagen! Wir wollen keck und rastlos abwärts klettern. Gilt’s, über die Treppe einer Reihe schroffer und scharfkantiger Felsecken zu steigen, – muthig schreiten wir darüber hinab; gilt’s, eine große, schiefe Felsebene zu passiren, blitzschnell rutschen wir auf ihr herunter.

Freilich, mancher kühne Sprung muß gewagt werden! Ein Glück ist’s, daß wir diese Wanderungen nicht mit unserem irdischen Leibe auszuführen haben; nicht blos, daß unsere Hände und Füße zerrissen und mit Blut bedeckt sein würden, – denn die Felsränder des Mondes sind gar nicht sehr sanft, oft wohl scharf wie Glas, – nein, es dürften auch die nothwendigen Sprünge, die wir nur zu oft von thurmhohen Felswänden herab riskiren müßten, – ich sage, diese Sprünge dürften wohl selbst dem hartnäckigst kranken Unterleibe eines stubensitzenden Gelehrten doch zu arge Erschütterungen bringen.

Auch abgesehen von allen diesen doch wohl ein wenig zu beschwerlichen Reiseabenteuern würden wir nicht sobald vom Huygens herabgelangen, denn dieser Felscomplex hat eine so große Ausdehnung, wie der Thüringerwald. Nach Schröter’s Ausmessung ist der Huygens 10 Meilen lang. Gut ist’s, daß auf der südlichen Seite der Fuß dieses Gesteinriesens nicht ganz so tief liegt, wie nach den andern Himmelsgegenden hin.

Endlich sind wir am ersehnten Ziele angelangt. Reiche Erholung finden wir nach diesen überwundenen Schwierigkeiten. Eine schöne, hellgraue, ebene Landschaft nimmt uns auf.[7] Indem wir nun zunächst Rast hier machen, wird unsere Ruhe, die unsere ermatteten Glieder jetzt genießen, von dem prächtigen Anblicke dieser romantischen Gegend gewürzt. Zwar ist auch diese von himmelhohen Felsbergen umgürtet, aber sie trägt doch im Ganzen weit mehr den Charakter des Milden, Sanfteren. Um so wohlthuender, einladender muß sie uns erscheinen. Froh blicken wir deshalb zurück auf die tückischen Felsblöcke des Huygens, die bis zu unabsehbarer Höhe mürrisch aufeinander gelagert breit daliegen; es ist uns, als wenn wir den markigen Fäusten wilder, breitschultriger Giganten und Cyklopen entronnen seien. Hinter ihnen anscheinend hervorkriechend sitzen keck auf deren riesigen Schultern und dickköpfigen Schädeln Tausende von heimtückischen, schadenfrohen Berggnomen – die scharfschneidigen Felszacken, die uns so viele Possen spielten und manches traurige Andenken hinterlistig uns mitgaben.

Rechts und links von unserer flachen Landschaft treten die Felsriesen bescheidener zurück, wie die gewaltigen Recken der alten Deutschen, ungeachtet ihres trotzigen Ansehens, doch ehrfurchtsvoll abstehen von ihrem starken Herzog, um den sie sich schaarten und dem sie Gehorsam weihten. Kein einziger der dem Huygens nahestehenden Berge, obgleich oft gar wilde Gestalten, wagt, ganz an den hohen Huygens heranzutreten, noch viel weniger etwa vertraulich sich an ihn anzulehnen; kerzengerade und schweigend stehen sie da, wie die eisernen Krieger eines scharf disciplinirten alten Garderegiments, anscheinend nach Süden hin in 2 lange Fronten aufgestellt.




  1. Da der erste Theil im Allgemeinen über den Mond handelt, so füge ich hier eine Abbildung der Mondfläche bei, wie sie, durch die Instrumente einer Sternwarte betrachtet, beim ersten Anblick sich darbietet. Der sinnige Leser möge dies Bild, das offenbar den Charakter einer fremden Welt tragt, aufmerksam betrachten und zur Erhöhung des Interesses es zu deuten selbst versuchen. Im Laufe meiner folgenden Schilderung wird er erfahren, was bis jetzt die Wissenschaft daraus entzifferte. Deshalb sei vorläufig erwähnt, daß die helleren, also von der Sonne mehr beschienenen Partien sicher Erhebungen der Mondoberfläche und das die dunkleren Theile tiefer gelegene Mondflächen sind. Von jenen hat die Wissenschaft einzelne Gebirge (die in der Abbildung mit Zahlen bezeichnet wurden) unterschieden und mit folgenden Namen benannt:
    1. mit dem Namen Apenninengebirge, – 2. Kaukasus, – 3. Alpen, – 4. Taurus, – 5. Hämus, – 6. Altai, – 7. Cordilleren. – S. Riphäen-Gebirge, – 9. Karpathen, – 10. Hercynisches Gebirge.
    Die Namen der in der Abbildung mit Buchstaben bezeichneten dunkleren Stellen sind:
    A. mare crisium (d. h. Meer der Krankheitswechsel), – B. mare foecunditatis (d. h. Meer der Fruchtbarkeit), – C. mare nectaris (d. h. Meer des Göttertrankes), – D. mare tranquillitatis (d. h. Meer der Stille), – E. mare serenitatis (d. h. Meer der Heiterkeit), – F. lacus somniorum (d. h. See der Träume), – G. lacus mortis (d. b. See des Todes), – H. palus somnii (d. h. Sumpf des Traumes), – J. mare frigoris (d. h. Meer der Kälte), – K. mare vaporum (d. h. Meer der Dämpfe), – L. sinus medii (d. h. Busen der Mitte), – M. mare nubium (d. h. Meer der Wolken), – N. mare humorum (d. h. Meer der Feuchtigkeiten), – O. sinus epidemiarum (d. h. Busen der epidemischen Krankheiten), – P. oceanus procellarum (d. h. Ocean der Stürme), – Q. mare imbrium (d. h. Meer der Platzregen), – R. sinus iridum (d. h. Busen der Regenbogen), – S. sinus roris (d. h, Busen des Thau’s) und neuerdings wurde benannt – T. mare Humboldtianum.
  2. Die Dichtigkeit der Erde verhält sich zu der des Mondes, wie 0,5614.
  3. Genauer: 491/2 Kugeln.
  4. Man verwechsle ja nicht: „Erde“ mit „Erdsystem“; es sind also „Schwerpunkt der Erde“ und „Schwerpunkt des Erdsystems“ zwei völlig verschiedene Punkte, deren Entfernung von einander im Weltenraum mehrere hundert Meilen beträgt.
  5. Obgleich die Steinmassen des Mondes härter als unsere Kalk- und Kreidefelsen sind, so erreichen sie doch nicht die Dichte unserer Metalle. Die Bergmassen des Mondes haben nämlich 2,8 als specifisches Gewicht; nach andern Angaben sind sie noch etwas dichter; – mithin sind die Mondfelsen unsern Marmorfelsen ganz gleich, da bekanntlich die Dichte unsers Marmors ebenfalls 2,8 beträgt.
  6. Noch muß bemerkt werden, daß vorstehender Holzschnitt die Karte so gibt, wie man auf einer Sternwarte das Mondgebirge durch einen Refractor sieht, also verkehrt; demnach ist der untere Theil der Karte der nördliche, der obere ist der südliche; links ist Westen, rechts Osten.
  7. Siehe Nr. 65 der Abbildung.