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Titel: Eine Nacht in der Gletscherspalte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 249–251
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[249]
Eine Nacht in der Gletscherspalte.

Es giebt Dinge, Stätten, Menschen, deren bloße Namen schon uns mit dem Reize einer geheimnißvollen Poesie anwehen und unsere Phantasie zu den überschwänglichsten Gebilden verlocken. Einen solchen Zauber übt unter andern jener vielgenannte Hochpaß, der in den Penninischen Alpen aus dem Rhonethale des Wallis über den Großen St. Bernhard in’s Piemont hinüberführt. Sein tausend Jahre altes Hospiz, fast beständig in Schnee und Eis vergraben; die menschenfreundlichen Mönche, die es bewohnen, mit ihren klugen rettenden Hunden, von deren Intelligenz uns so manche rührende Geschichte überliefert ist; das grausige Todtenhaus, die Morgue, mit den unverwesten Leichen der auf dem Hochpfad verunglückten Wanderer – das Alles verwebt sich in unserer Vorstellung zu einem unbeschreiblich romantischen Ganzen.

Die Wirklichkeit stimmt freilich nicht in allen Stücken mit diesem Bilde zusammen; dennoch aber wird Jedem der Moment, da er zum ersten Male als Gast einzog in das Hospiz des heiligen Bernhard, ein unvergeßlicher sein. Stundenlang ist er im Zickzack mühsam aufgestiegen, bald diesseit, bald jenseit der wilden Drause; stundenlang, bereits von der elenden Schenke von Proz an, die einsam daliegt in der unheimlichen Steinwüste des welthistorischen „Engpasses von Marengo“, ist jede Spur von Vegetation hinter ihm zurückgeblieben; stundenlang bilden nackter Fels und schmutziger Moränenschutt seine einzige Umgebung, – da mit einem Male hört er ein Glöcklein hell durch die Lüfte schallen; er blickt auf, vor ihm zwischen den düstern Granitwänden schwebt, wie von Wolken getragen, der massive hohe Steinwürfel des Klosters, das lang erhoffte Rastziel. Wenn ihm dann ein paar der mächtigen gelbbraunen Hospizdoggen schnobernd und schweifwedelnd entgegenspringen; wenn die Schelle durch den Kreuzgang hallt, den neuen Ankömmling zu verkünden; wenn ihn schließlich am Portale einer der schwarzröckigen Chorherren vom Orden des heiligen Augustin mit französischer Artigkeit bewillkommnet, – er fühlt sich überwältigt von dem Eindruck von Ort und Scene, für die er in seinen Reiseerinnerungen vergeblich nach Vergleichen sucht.

Im Sommer, wenn der Fremdenstrom, der sich alljährlich über die Schweiz ergießt, seine Wellen auch über den Bernhard spült, entfallet sich ein gar buntes Leben auf dem eisumstarrten Berge. Tag um Tag kommen dann aus Martigny im Norden und aus Aosta im Süden stattliche Cavalcaden heraufgezogen mit Saumrossen und Maulthieren, mit Dienern und Courieren, die das Obdach des Klosters ansprechen; im Refectorium schwirrt’s polyglottisch durcheinander von Schweizern, Deutschen, Engländern, Russen, Franzosen; die gastlichen Mönche machen mit weltmännischer Liebenswürdigkeit die Honneurs ihres Hauses und in den untern Gelassen thun sich die Führer und Treiber und die ärmeren Wanderer gütlich mit den Knechten des Stiftes, zugleich aber auch die unglücklichsten aller menschlichen Geschöpfe, welche zu den stereotypen Gästen des heiligen Bernhard gehören, jene unheimlichen Cretins, die dem untern Rhone- und dem grandiosen Thale von Aosta eine so traurige Staffage verleihen.

Welch anderes Bild aber im Winter! Was für eine furchtbare Einsamkeit alsdann für das Häuflein Mönche oben, achttausend Fuß hoch über der See bei sibirischen Kältegraden, – eine Abgeschiedenheit, gräßlicher als das Schweigen von La Trappe! Unter haushoher Schneelast liegt weithin die Landschaft, eine einzige augenblendende weiße Grabdecke, aus welcher kaum die obersten Spitzen der riesenhohen Stangen emporragen, welche den Saumpfad einfassen, – und doch ist auch im Winter der Paß betreten, allerdings nicht von Touristen, nur ab und zu von einem Landmann aus Piemont oder aus dem Wallis, einem Handwerksburschen, einem Drehorgelkünstler oder Murmelthierbesitzer, einem Weinsäumer, wohl gar von einem verlassenen, bettelnden Weibe.

Gewiß mag es reich die Mühe lohnen, sich einmal auch dies Winterbild aus den Penninischen Hochalpen zu beschauen; man muß aber Dr. Noë sein, der, wie er den Lesern dieses Blattes so meisterhaft beschrieben, in der Sylvesternacht mutterseelenallein zwischen den Tiroler Schneehörnern umherirrte, oder jenes Original von Briten, ein Mitglied des waghalsigen Alpenclubs jedenfalls, das sich jählings in den Kopf setzt, einmal, nicht wie landüblich im August, sondern im März durch die Schweizer Berge zu streifen – wenn einen der Gedanke schon an derlei Winterplaisir nicht unter Hautschauern und Haarsträuben in die Ecke am warmen Ofen scheuchen soll.

Nach manchem mißglückten Versuche, nach vielerlei unfreiwilligem Aufenthalt durch Wind und Wetter, sitzt dieser kühne Albionsohn zu Anfang April des vorigen Jahres endlich richtig und leibhaftig im Hospiz des St. Bernhard, von den frommen Augustinern gastlichst aufgenommen und sorglichst verpflegt; doch – „die Partie war im Grunde langweilig zum Sterben“. Also berichtet unser Engländer in einem vielgelesenen Londoner Journal, dem wir, einmal abweichend von dem alten Grundsatze der Gartenlaube, ihren Lesern nur Originales zu bieten, die nachstehenden Einzelnheiten nacherzählen, um, wie es einer Zeitschrift geziemt, vor allen Dingen – zeitgemäß zu sein. Was aber kann zeitgemäßer erscheinen in diesen schönen Märztagen von 1865, wo der Winter mit störriger Zähigkeit seine Herrschaft zu behaupten strebt, der Schnee zu Mauern sich anhäuft auf Weg und Steg und alle Bahnzüge in seinen undurchdringlichen Schichten stecken bleiben, als ein Artikel, in welchem Eis und Schnee und Frost und Kälte die Hauptrollen spielen?

Alle Stoffe der Unterhaltung waren erschöpft – schreibt der Wintergast auf dem Bernhard weiter –, sämmtliche berühmte Alpenzüge vom Karthagerfeldherrn bis zu Macdonald mit seinen Dragonern besprochen, kritisirt, erörtert; das unglückliche Piano schier zu Tode gemartert mit allen erdenklichen Walzer- und Polkaklängen und selbst die Orgel zu profanen Märschen gezwungen worden, ich sah mich am Ende meiner Ressourcen, – da, in der Frühe des vierten Morgens meiner Hospizwinterfrische, begaben sich zwei denkwürdige Ereignisse. Erstens hatte der Himmel sich plötzlich ausgeschält aus den dicken Nebeln, die uns seither, wie auf einem Isolirschemel, von der Welt abgeschnitten hatten, und zweitens kam uns die Kunde, daß eine Gesellschaft italienischer Holzschnitzler auf ihrer Wanderung nach dem jenseitigen Rhonethale glücklich bis nach St. Remy, der piemontesischen Grenz- und Zollstation, etwa eine Stunde unter der Jochhöhe, vorgedrungen war. Hier hatten gestern Abend zwei von dem Trupp den Einfall gehabt, sich von der Karawane zu trennen und in einer dem Kloster gehörigen Sennhütte, die jetzt leer und verlassen stand, die Nacht zuzubringen. Heut’ Morgen war der übrige Theil des Zugs nach dieser Hütte nachgekommen, – allein, merkwürdig, entsetzlich! da war Niemand zu finden, auch kein Anzeichen vorhanden, welches darauf hinwies, daß jemand während der Nacht hier gewesen. Der frischgefallene Schnee hatte überdies alle Spuren der beiden Wanderer verweht; es galt darum kein Säumen. Sofort war ein Bote nach dem Kloster vorausgesandt worden, um Meldung von dem Vorfalle zu bringen und die Aufsuchung und, wenn noch möglich, Rettung der beiden Verirrten zu veranlassen.

Tiefer denn je lag im letzten Frühjahr der Paß im Schnee vergraben, selbst von den oben erwähnten zehn bis zwölf Fuß hohen Pfählen, die an den erhabensten Stellen des Pfades errichtet sind, um im Winter die Grenzen desselben zu bezeichnen, ließ sich nichts mehr erblicken, und nur mit der äußersten Anstrengung war es dem Boten gelungen, sich zum Hospiz aufzuarbeiten.

[250] Wir saßen eben beim Kaffee, als er eintrat. Ohne eine Minute zu verlieren, denn die Zeit drängte, standen vier der ehrwürdigen „Väter“ von ihrem Mahle auf, um zunächst ihre Kleidung zu einem Kampf mit den Elementen geschickter zu machen. Zwei der Chorherren schnallten sich Ranzen mit den nöthigen Provisionen auf den Rücken, der dritte versah sich mit einem starken Seil und der vierte schulterte eine handfeste Axt, mit der erforderlichen Falles Stufen in das Eis gehauen werden sollten.

Mit höchster Spannung sah ich den Vorbereitungen zu, mit denen man sich auf das Liebeswerk rüstete; ich brannte vor Verlangen, der Expedition mich anzuschließen, mochte mich aber nicht ohne Weiteres zum Begleiter anbieten, weil ich aus eigner Erfahrung weiß, welch’ gerechtes Bedenken der geschulte Alpengänger trägt, Jemanden an gefährlichen Unternehmungen Theil nehmen zu lassen, von dessen Bergtüchtigkeit ihn noch keine Proben überzeugt haben.

Pater Christoph, dessen freundliche Zuvorkommenheit mancher Tourist in dankbarer Erinnerung hegen wird, schien zu ahnen, was in mir vorging.

„Der Herr ist jedenfalls kein Neuling in Gletscherfahrten,“ frug er, „und hilft uns wohl die Unglücklichen aufsuchen?“

Man kann sich denken, daß ich Ja sagte und versprach, in fünf Minuten zum Abmarsch bereit zu sein.

Die Klosteruhr hatte eben acht Uhr geschlagen, da uns die Nachricht von dem Begebniß wurde, und noch war es nicht halb neun, als wir über die Eisdecke des Sees den Südabhang des Berges hinabschritten. Zwei der berühmten Bernhardshunde trotteten neben uns her; ihr ganzes Thun und Gebahren wollte indeß nicht recht der Vorstellung entsprechen, die in meiner Einbildung von diesen Thieren lebte. Mir schwebte nämlich jenes bekannte Bild vor, auf welchem eine Bernhardsdogge zu sehen ist, wie sie, eine Weinflasche und einen Speisekorb um den Hals, mit ihren Pfoten den Schnee aufscharrt, unter dem sie einen verschütteten Menschen ausgewittert hat. Ich äußerte mein Befremden über das Benehmen der Hunde.

„Zum Auffinden Verunglückter sind unsere Hunde in der That nichts weniger als geeignet,“ erwiderte der mir zur Seite gehende Pater; „ihre Function, und das ist eine sehr wichtige, besteht vielmehr darin, den rechten Paßpfad aufzuspüren, wenn dieser vom Schnee verweht ist; hierin aber leisten sie Außerordentliches und haben nirgends Ihresgleichen.“

Glücklicher Weise war die Kälte in der letzten Zeit sehr stark gewesen, so daß sich’s auf dem festen knirschenden Schnee ziemlich leicht marschirte, denn nichts ermüdet mehr, als wenn man bei jedem Schritte knietief in die weiße Winterdecke einsinkt. Die Scenerie, die uns umgab, war groß in ihrer Wildheit. Schwere Wolken strichen tief zu unsern Füßen, jetzt wie toll durcheinander treibend, jetzt langsam kriechend dahinziehend, und ungestüme Windstöße peitschten uns ab und zu den kalten Schnee in das Gesicht, daß wir zu erblinden fürchteten und Ohren und Nasen uns schmerzten, als würden sie von spitzen Nadeln bearbeitet.

„Eigentlich ist’s nicht der Brauch,“ begann Pater Christoph, „daß wir Väter selbst die verirrten Reisenden aufsuchen gehen; diese pflegen in der Regel in dem kleinen Zufluchtshause nahe bei der Cantine von Proz oder unweit St. Remy zu warten, bis einer unserer Knechte, ein sogenannter Marronnier, mit einem Hunde zu ihnen hinabkommt und sie den letzten gefährlichsten Stieg zum Hospize heraufgeleitet; in Fällen wie der heutige aber machen wir eine Ausnahme, da ist es nothwendig, daß unser soviel als möglich sich auf den Weg begeben, um nach allen Seiten Nachforschungen anstellen zu können. Gott sei Dank, daß der Himmel leidlich klar ist; so denke ich, werden wir bald auf die Armen stoßen, – wenn sie unserer Hülfe überhaupt noch bedürfen. Hier oben auf unserm Berg tritt der Tod den Menschen noch schneller an, als anderswo.“

Er schwieg, auch wir Anderen zogen in ernsten Gedanken schweigend fürbaß, bis wir – es mochte gegen 10 Uhr sein – das Zufluchtshaus erreichten. Hier hatte sich ein Trupp von etwa fünfundzwanzig Leuten, Männern und Weibern, zusammengedrängt, die sehnsüchtig der Escorte nach dem Kloster harrten. Einer der Mönche blieb als Führer der Karawane zurück, wir Uebrigen marschirten weiter der Sennhütte zu, in der Richtung des nach mehr nach Osten hinüber gelegenen Col de Fenêtre. Die Vermißten, Mann und Frau, waren aus dem Val de Lys gebürtig, einem der prachtvoll umrahmten Thäler, welche sich an den Südfuß des Monte Rosa schmiegen. Seit undenklichen Zeiten haben die Bewohner dieses Thals sich von allem engern Verkehr mit ihren Nachbarn möglichst fern gehalten und gewissermaßen ein Völkchen für sich gebildet. So mochten denn allerhand Neckereien unter dem Reisezuge gefallen sein, Sticheleien hüben und drüben, und unser Pärchen, das sich der Ueberzahl natürlich nicht gewachsen fühlte, beschloß sich von den Anderen abzusondern und jene einsame Viehhütte zum Nachtquartier zu erwählen.

Nach einer halben Stunde großer Strapazen langten wir an der Sennte an, indeß der Augenschein lehrte, daß seit Wochen kein anderes Wesen in ihr gehaust hatte, als Murmelthiere, von denen einige mit der halb schleichenden halb hüpfenden Bewegung, die ihnen eigenthümlich ist, das Weite suchten, als wir uns näherten. Wir vertheilten uns und begannen, um waidmännisch zu sprechen, ringsum das Terrain abzusuchen, uns hauptsächlich auf der Seite der Felsen haltend, welche gegen den Anprall des Windes Schutz gegeben hatten, weil wir hier am Ersten noch die Spuren der Vermißten unverweht vom Schnee zu entdecken hoffen durften. Pater Christoph ließ noch ein wahrhaft höllisches Gebrüll los, welches einen Oberländer Jodler vorstellen sollte – aber keine Menschenstimme antwortete, nur das Echo trug den Schall von Zinke zu Zinke, bis er tief unten in den Schluchten des Gebirges langsam erstarb. Dann ward ein Punkt, eine Viertelstunde abwärts, zum gemeinschaftlichen Rendez-vous ausersehen, denn was in den tieferen Regionen Schnee, das war höher hinauf jedenfalls festes Eis und von Spalten und Schrunden durchsetzt, so daß es Gefahr hatte, sich allein und ohne das helfende Seil weiter vorwärts zu wagen.

Wir gingen aus einander, wir streiften und suchten – nichts, nichts, keine Fußstapfen, keine Menschen. Schon trafen wir Einer nach dem Anderen schweren Herzens an dem bestimmten Sammelplatz wieder ein, nur der Vierte fehlte noch, da gellte ein Schrei, der die Luft erschütterte. Wir schauten auf, links auf einer Felskuppe stand unser vierter Mann und producirte allerhand Bewegungen und Körperschwenkungen, welche wir nur als eine Appellation an unsere Hülfe auslegen konnten. Eilends schritten wir ihm zu, – und, Gott im Himmel, da sahen wir sie, die wir suchten, gerade zu Füßen des Mönches, – aber tief in einem Eisschrunde. Wie nun bis zu ihnen hinunter gelangen? Das war eine Aufgabe, die all’ unsere Geschicklichkeit und Kraft in Anspruch nahm.

Der junge Pater war auf seiner Streife an die Stelle gelangt, wo der Gletscher mit den Felsen zusammenstieß, über die bisher unser Weg gerichtet war; hier konnte er nicht weiter, denn ein tiefer Schlund gähnte zu seinen Füßen, den auf der einen Seite eine fast steilrechte Steinwand, auf der andern der Eiswall begrenzte, welcher sich in einem Winkel von gewiß fünfundsechzig Grad hinabsenkte, – daß unten in der kalten Spalte, sechzig Fuß tief unten in der grausigen Enge, entdeckte er die Verirrten. O Freude, – sie lebten noch! Gott sei Dank! es schien auch keiner der Beiden ernstlich verletzt zu sein, nur die grimme Kälte mochte ihnen arg zugesetzt haben, so daß sie nicht mehr die Kraft und Beweglichkeit behalten hatten, sich aus ihrer qualvollen Lage zu befreien. Wir überzeugten uns, daß von der Felsseite aus nichts zu unternehmen war, von hier aus konnten wir den Unglücklichen nicht beikommen; also rasch am Rande des Schrofens hin, um, den Spalt umgehend, den Gletscher zu erreichen. Ein langer Umweg das, allein ein Ueberspringen des Schlundes lag außer dem Bereiche der Möglichkeit, und den verschiedenen Schneebrücken, die über die Spalte führten, durfte nicht getraut werden.

„Die da hält“, rief Pater Christoph und setzte kühn den Fuß darauf. Kaum aber die Mitte passirt, krach! da bricht der Damm zusammen und ohne das Seil, das um seine Hüften geschlungen war, dürfte der barmherzige Samariter wenig Aussicht gehabt haben, sein Hospiz jemals wieder zu sehen. Endlich – ich litt nicht wenig dabei, denn ich marschirte als Zweiter und jeder Ruck an dem Seile schnürte mir die Taille zusammen – hatten wir ihn wohlbehalten wieder heraufgelootst, weiter ging es und in kurzer Zeit standen wir am Ziele.

O weh, – unser Seil war um mindestens fünf Ellen zu kurz, um bis auf den Boden der Schlucht zu reichen. Rasch denn zur Axt gegriffen! Abwechselnd hieben wir in das Eis, tief genug, [251] um einen Alpenstock, einen derben eschenen Knüttel, fest in das ausgehauene Loch zu bohren. Daran wurde das Seil geknüpft, das nun die erforderliche Länge hatte. Aber neues Hinderniß! Die Finger des Mannes unten waren so starr vor Kälte, daß er sie nicht rühren konnte und sich ganz außer Stande befand, das Tau seiner Frau um den Leib zu schlingen.

„Ich will Dir’s umschlingen,“ hörten wir ihre Stimme unten sagen, „laß Du Dich zuerst hinaufziehen, Joseph, bitte, bitte.“

Mit einer hier sehr wenig angebrachten Galanterie bestand aber der Mann darauf, daß seine bessere Hälfte zuerst gerettet werde, und all’ unser Zureden, unser Drohen und Schelten selbst vermochte nicht den Ritterlichen zu anderem Sinne zu bekehren.

Einem Menschen, der soeben die Nacht in einem Eisschrunde zugebracht hat, kann man nichts ernstlich übel nehmen; so fingen wir denn an, wieder der Reihe nach, Stufen in die Eiswand zu schlagen, auf denen der Jüngste und Leichteste von uns in die Tiefe hinab klimmen sollte. Das gab eine furchtbare Arbeit, die Finger waren uns nachgerade so klamm geworden, daß wir nur mit großen Pausen die Axt handhaben konnten und nahe an zwei Stunden brauchten, ehe wir die fünfundfünfzig Stufen zu Stande hatten.

Den Anblick der Frau vergeß’ ich mein Lebtag nicht mehr! Es war ein blutjunges Ding, kaum siebenzehnjährig, ihr Antlitz aber leichenbleich, fast so weiß wie der Schnee, der ihr beinahe zum Bahrtuch geworden wäre. Blutflecke sprenkelten ihre blauen Lippen, in die sie in der Todesangst der furchtbaren Nacht unwillkürlich gebissen haben mochte. Ihre großen italienischen Augen schienen geblendet und wie gebannt von dem Schneewall, nach dem sie starrten, und selbst jetzt, als endlich die gewisse Rettung da war, konnte sie nur in einen Strom von Thränen ausbrechen und kaum vernehmbar lispeln: „Gerettet, gerettet, gerettet!“

Wir hatten unsere Noth, die Arme das letzte Stück der Eiswand hinauf zu bugsiren. Von Neuem mußte die Axt ihre Schuldigkeit thun und eine Art Vorsprung ausmeißeln, auf dem das Weib ruhen konnte, während zwei der Mönche das Seil bis zu unserem Platze heraufbrachten, um so die Frau vollends in die Höhe zu ziehen.

Viel schwerer noch ward uns die Rettung des Mannes. Seine froststeifen Glieder machten ihn so hülflos wie ein kleines Kind und seine Last nicht leichter. Indeß schließlich hatten wir auch ihn auf sicherem Boden und konnten, nach einer uns selbst reichlich, den Erretteten mit weiser Mäßigkeit administrirten Herzstärkung, unsern Rückmarsch nach dem Kloster antreten, in freudigerer Stimmung, als wir ausgezogen waren. Langsam, sehr langsam kamen wir vorwärts, denn jeder Schritt verursachte den dem Eise Entrissenen Folterpein. Dennoch durften wir ihnen das Gehen nicht erlassen: es war Lebensfrage für sie, daß ihre Glieder in Bewegung kamen und das Blut wieder wärmend durch ihre Leiber pulsirte.

Nur nach und nach, in abgerissenen Brocken brachten wir aus ihnen heraus, wie das Unglück sich zugetragen hatte. Der Abend war noch nicht weit vorgerückt gewesen, als sie von St. Remy nach der Sennhütte aufgebrochen waren, deren Lage sie genau kannten. Kaum aber eine halbe Stunde unterwegs, sahen sie sich in einen Nebel eingehüllt, der ihnen fürder alle Orientirung unmöglich machte. Noch versuchten sie die Richtung zu halten, allein bald wußten sie nicht mehr, wo sie waren. Plötzlich stießen sie wieder auf die Spur eines Weges; sie hielten ihn für den Saumpfad nach dem Kloster und beschlossen, ihm zu folgen. Das Hospiz mußte ja endlich doch kommen, und dort konnten sie behaglich rasten nach allen Beschwerden ihrer Wanderung! Mühsam tappten sie fort auf dem Wege, – der aber führte nicht zur Jochhöhe empor, es war vielmehr der Steig, der sich, im rechten Winkel mit dem anderen, seitwärts gen Osten nach dem Col de Fenêtre hinüberzieht. So hatten sie sich arglos dem tiefen Bergschrunde genähert, den schützender Weise eine hohe Schneeschicht überdeckte. Schon mochten sie eine gute Strecke auf dieser dahin gewandelt sein, ohne Ahnung von der Gefahr, der sie entgegen gingen, als mit jenem furchtbaren Getöse, von dem uns Gletscherfahrer und Gemsjäger als einem der schauerlichsten Eindrücke ihres Lebens erzählen, die Schneelast auseinander barst und sie mit hinabriß in den Abgrund. Die Masse des gebrochenen Schnees ward ihre Rettung, sonst wäre ein grausiger Tod, ein Zerschellen ihrer Glieder an den harten Eis- und Felswänden, ihr unfehlbares Loos gewesen. Zum Glück schienen Beide durch die jähe Katastrophe weder Besinnung noch Geistesgegenwart verloren zu haben; sie sahen ein, daß nur eine unablässige Bewegung ihnen den kalten Tod vom Leibe halten konnte, und so stampften sie Stunde um Stunde unverdrossen, bald mit dem einen, bald mit dem anderen Fuße, die Erde, da sie im Dunkel der Nacht den Fleck, wo sie ihre Rutschpartie gelandet hatte, nicht zu wechseln wagten.

Endlich aber ging ihnen die Kraft aus. Inzwischen dämmerte der Morgen herauf, und sein graues kaltes Licht zeigte ihnen erst die volle Summe des Elends, das über sie verhängt war. Keine Möglichkeit des Entkommens, nirgends eine Aussicht auf Hülfe! Ohne Aufhören rieselte der Schnee vom Himmel, sie wußten nur zu gut, daß er ihre Spur verwischte, – wie sollte man sie finden? „Nun bedeckt mich mein Grabtuch,“ jammerte der Mann und warf sich mit wildem Schmerzruf zu Boden, wo er in dumpfer Verzweiflung liegen blieb. Zwei Stunden später, und seine Hände und Füße waren schon steif vor Kälte.

Es hatte uns Mühe gekostet, ehe wir ihnen diese Geschichte entlockten, immer und immer versagte ihnen die Sprache wieder in der Erinnerung an die durchlebte Schreckensnacht. Rührend aber war es, wie Jedes der Beiden den Muth, die Geistesgegenwart, die Standhaftigkeit des Anderen rühmte und selbst der schwache, kopflose, verzagende Theil gewesen sein wollte.

„Ohne ihn wäre ich nicht mehr,“ flüsterte das junge Weib, und schaute mit einem Blicke innigster Liebe den Gatten an.

„Nein, sie ist’s, meine Marietta, der wir das Leben verdanken,“ betheuerte der Mann mit matter Stimme. Erst zwei Tage zuvor war das Paar in der Kirche von Gressonay St. Jean verbunden worden und eben auf seiner Hochzeitsreise nach Freiburg in der Schweiz begriffen, wo es in einer großen Parquetmanufactur Arbeit zu finden hoffte.

Der saure Transport nahte seinem Ende; wenig Schritte vor uns erhob sich das Hospiz in den jetzt fast ganz klar gewordenen Himmel. Mit einem Male stieß die Frau, die sich auf dem Wege daher überaus tapfer erwiesen hatte, einen schrillen Schrei aus, und ehe wir sie auffangen konnten, sank sie bewußtlos nieder. Im ersten Moment fand ich keine Erklärung für diese unerwartete Episode, da fiel mein Blick auf das kleine Steinhaus mit dem Gitter uns gegenüber; jetzt wußte ich, was die Arme zusammenbrechen ließ. Wir waren eben bei jener furchtbaren Morgue vorübergezogen, in denen die Leichen verunglückter Bernhardsgänger aufbewahrt werden, deren Idenlität nicht hat ausgemittelt werden können, oder die Niemand reclamirt hat. Die Dünne der Luft schützt sie bekanntlich vor der Verwesung, und die grausige Gesellschaft in dem Häuschen, worin sie zum Theil schon seit vielen Jahren weilt, sieht aus, als habe sie eben erst der Tod ereilt. Wie an die Wand gelehnt stehen sie, die gespenstischen Gestalten, darunter eine – die eines Weibes mit einem Kinde im Arme – welche vor allen frappirt. Nicht blos die Züge, auch der Ausdruck ihres Gesichts, in dem sich die ganze unendliche Todesangst malt, sind noch unberührt geblieben von der zerstörenden Zeit, – ein Bild, bei dessen Anschauen der Nervenstärkste sich des Schauders nicht erwehren kann. Für unsere kaum dem Tode Entronnene war der Anblick zu viel gewesen; es mochte ihr vor die Seele getreten sein, wie leicht auch ihr ein Platz in dieser entsetzlichen Todtenkammer hätte beschieden sein können.

Wir trugen die Ohnmächtige in’s Kloster, und bald schlug sie die Augen wieder auf. Schon am andern Morgen aber fühlten sich Beide wieder kräftig genug, ihre so furchtbar unterbrochene Flitterreise fortsetzen zu können. Es war eine ergreifende Scene, als das Paar von seinen Rettern Abschied nahm, die guten Mönche schüttelten indeß traurig den Kopf, wie die Hand des Mannes in den ihren lag.

„Der arme Bursche wird Zeit seines Lebens ein Andenken davon tragen an seine Nacht im Gletscherspalte,“ sprach Pater Christoph, während er den nordwärts hinab Wandernden nachschaute; „seine rechte Hand wird kaum zu retten sein. Gebe Gott, daß meine Diagnose falsch ist; wenn man jedoch so lange auf dem Berge hier haust wie ich und so manchen Erstarrten unter den Händcn gehabt und manches erfrorene Glied zu Gesicht bekommen hat, da wird der Blick sicher in derlei Dingen, kommen Sie aber, meine Hermen, es läutet zum Frühmahle.“ –

Am nächsten Tag schied auch ich vom Hospiz. Es ging dem Süden zu; – ich hatte genug der Alpen im Winterkleide.