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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Ein zweiter Graf Gleichen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 799–800
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[799] Ein zweiter Graf Gleichen. Neulich erzählte man mir in Schleswig eine allerliebste Geschichte, und glaubwürdige Leute verbürgten deren Wahrheit. Ich will sie wiedererzählen, so gut ich kann; sie ist folgende: „Auf einem der großen Güter des von der Natur so reich gesegneten Landes lebte seit mehreren Jahren ein Storchpaar in glücklicher Ehe. Beide Gatten erschienen in jedem Frühjahre kurz nach einander; das Männchen kam, wie fast bei allen Vögeln, zuerst, das Weibchen einige Tage später an; dann wurde das Nest ausgebessert und die zärtliche Liebe beider Gatten bald durch Nachkommenschaft belohnt. Im vorigen (oder vorvorigen) Frühlinge erschien Herr Storch ebenfalls zur gewöhnlichen Zeit. Sprechende Bewegungen des edlen Hauptes sandten tausend Grüße zu den Schutzherren des Sommergastes hinab, und noch sprechenderes Schnabelgeklapper gab der Freude, nach der langen Reise wieder daheim zu sein, beredten Ausdruck; kurz Freund Storch war glücklich, sehr glücklich. Aber nur einen, – zwei, – drei Tage lang, denn – seine theure Hälfte, die Mutter seiner früheren Kinderschaaren, die sie in früheren Jahrgängen, alle, alle

„an der treuen Brust
wachsen sah mit Mutterlust,“ –

sie, die Zierde des Nestes, erschien nicht! Lag hier ein Fall von Untreue vor? Hatte ein anderer jugendlicher Storch die schöne Alte verlockt? Oder war gar ein Mißgeschick ihr, der Geliebten, zugestoßen? Ach, alle diese Fälle waren möglich. Sogar unter den gefiederten Schönen kommt leider, leider – und deshalb noch immer nicht zur Entschuldigung anderer Weibchen –, auch unter den Vögeln sogar kommt Untreue vor; es gibt treulose Vogelgattinnen, welche die heiligsten und mit den glühendsten Worten vorgekrächzten oder geklapperten, geschwatzten, gepfiffenen, geflöteten, gesungenen Liebesschwüre vergessen können; es gibt Gatten, deren Gedächtnisse zuweilen die unzweifelhaftesten Beweise inniger Liebe und Zärtlichkeit, welche sie von ihren Gemahlinnen erhielten, entschwinden können! Und was das Unglück anlangt: – ach, ich weiß selbst nur zu gut, wie weit die Reise bis in die Winterherberge der Störche ist! Wahrscheinlich hatten sie zwischen den einzelnen Dohhenbüschen der Felder Ost-Sudahns, wo ich im Frühlinge stets Tausende von Stöchen sitzen sah, von einander Abschied genommen und sich seitdem nicht wieder gesehen; möglicherweise war ein müßiger nilbefahrender Engländer auf den unseligen Gedanken gekommen, seine Büchse auf einen Storchhaufen abzuschießen, und hatte merkwürdigerweise auch getroffen; möglicherweise – doch das kann ich ja kürzer sagen:

„Denn mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten –
Und das Unglück schreitet schnell!

Der arme Storchmann! Traurig saß er am vierten oder fünften Tage auf seinem Neste; kein Gruß wurde in den Hof hinabgenickt, keine Bach’sche Fuge abgeklappert; nur zuweilen schien er aus tiefen Träumen zu erwachen, oder von zudringlichen Wesen, vielleicht von dem abscheulichen Philopterus incompletus, erweckt zu werden – und nestelte dann zerstreut an seinem Federwamse herum. Er war tief betrübt, das sah ihm Jedermann schon von weitem an; es geht sogar die Rede, daß er drei Tage lang nicht gefressen habe, woran ich jedoch zweifeln muß, weil der Storch ein verständiges Thier ist. Endlich aber schien es, als ob ein Lichtstrahl in das trübe Dunkel seiner bekümmerten Seele gefallen, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen wäre. Er erhob das Haupt, sah etwas freier in die schöne Welt hinaus oder hinab und schien einen Entschluß gefaßt zu haben. Urplötzlich erhob er sich und stieg mit gewohnter Meisterschaft in herrlichen Schraubenlinien zum Himmel auf, wandte sich dann einer entschiedeneren und bestimmteren Richtung zu und verschwand. Leider fehlen alle sicheren Berichte über den Weg, welchen er nahm, und man weiß eben nur soviel, daß der Bekümmerte getröstet heimkehrte, und zwar in Gesellschaft – in Gesellschaft der liebenswürdigsten Störchin der Erde, allem Anschein nach sogar einer Storchjungfrau. Daß diese sich entschlossen hatte, das dem weiblichen Geschlechte so tief verhaßte Joch der Ehe auf sich zu nehmen, konnte nicht bezweifelt werden; denn sie erwiderte nicht nur jedes Liebesgeklapper ihres Anbeters mit einem beifälligen aber noch zarteren anderen, sondern begann auch sofort das Nest wieder herzurichten, und es war wohl blos Zufall, falls es überhaupt begründet ist, daß dabei ein Kräutlein mit kleinen blauen Blumen, welches früher von der Tochter des Gutsherrn zart gepflegt, später aus Ueberdruß aber weggeworfen war, und dennoch auf dem Storchneste wieder Wurzel geschlagen hatte, herausgerissen und dadurch in den Stand gesetzt wurde, seine Unvertilgbarkeit nochmals zu beweisen.

Das verödete Nest war nach kurzer Arbeit in guten Stand gekommen, und schon am folgenden Tage lag das erste Ei, die erste Frucht der neuen Liebe, in ihm. Man kann sich die Freude des neuvermählten Paares denken! Ueberselig erhob Er das Haupt und klapperte eine Idylle nach der andern zum Himmel; Sie aber saß, noch etwas erschöpft von der Anstrengung des Legens, ruhig auf ihrem Wochenbette und wärmte einstweilen [800] das Pfand ihrer Liebe. Doch nur noch ein Tag des Glückes sollte dem Paare beschieden sein: der folgende. Er verging unter wechselseitiger Zärtlichkeit. Am nächsten lag die junge Gattin wieder auf ihrem Bette und war im Begriff, ihrem Hause einen neuen Sprossen zu schenken: da erschien doch über den Friedlichen ein Feind ihres Bundes. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel stürzte sich plötzlich – die erste Gattin des Nestbesitzers herab auf ihr Haus und schien Willens zu sein – natürlich unter aller Berücksichtigung der weiblichen Sanftmuth und Friedfertigkeit – ihr altes, gutes, von Papa Storch beschwornes Recht zu beanspruchen. Eine halbe Stunde großer Verlegenheit für den Hausvater folgte. Das Geklapper der Neuangekommenen war sehr entschieden, anklagend, vernichtend, das des Nestbesitzers entschuldigend, verlegen, unsicher; die junge Gattin schwieg im Bewußtsein ihres Werthes und der Deckung, welche ihr der Gemahl vor etwaigen Angriffen der Nebenbuhlerin durch den einen über sie gebreiteten Flügel gewahrte. Ohne Unterbrechung verhandelte das alte Paar; sie klapperte wüthend den so beliebten Stoßseufzer her:

„Ach, ich armes unglückliches Weib! Treuloser, Abscheulicher!“

Er antwortete männlich bescheiden und versöhnend:

„Aber so nimm doch nur Vernunft an, Weib; es wurde mir gar zu öde in dem alten, lieben Hause; ich dachte, Du wärest mir untreu geworden oder gar gestorben – –“

Neues Geklapper der Störchin; neue Entschuldigungen von seiner Seite; hartnäckiges Schweigen der kreißenden Lieblingsgattin! Aber, o Wunder! Milder, versöhnlicher wird die Beleidigte, Ehrverletzte, freundlicher der Herr Gemahl. Die schützende Schwinge wird eingezogen (weil er sich sonst nicht in seinem ganzen Anstande zeigen kann), und das Klappern spricht unzweifelhaft von alten Erinnerungen. Die Liebe ist allmächtig, die weibliche Herzensgüte erhaben: Sie verzeiht; man vereint sich – und die freilich jetzt etwas unzurechnungsfähige junge Störchin scheint Alles zufrieden zu sein. Vor ihren Augen überhäuft der Herr Gemahl seine alte Gattin mit Zärtlichkeiten und Liebesbeweisen, wie nur die Ehe sie rechtfertigen kann; ehe sie noch ihr zweites Ei gelegt, haben die Geschiedenen sich wieder vereinigt fürs Leben. Und – ewigen Ruhm der Seelengröße des weiblichen Geschlechtes! – am andern Tage beginnt das alte Paar die Grundlagen eines zweiten Nestes herbeizuschaffen und dicht neben dem ersten zu verbauen – und die junge Gattin hilft ihrer Vorgängerin und Mitschwester getreulich! Und fertig wird der stolze Bau, und gelegt werden auch dort die Eier; und beide Störchinnen brüten in Frieden nebeneinander, und Papa Storch-Gleichen steht glückselig dazwischen und klappert bald Frau Ottilia und bald der schönen Melechsala seine Liebesgrüße zu und freut sich des reichen Kindersegens.

So ist es geschehen, gewiß und wahrhaftig geschehen, wie man mir sagte; aber so hübsch, als es mir erzählt wurde, habe ich’s doch nicht wieder erzählen können! Den Erzähler aber grüße ich hiermit von Herzen!

Dr. Brehm.