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Ein treuer Freund der Freiheit und der „Gartenlaube“

Textdaten
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Titel: Ein treuer Freund der Freiheit und der „Gartenlaube“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 823
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[821]
Die Gartenlaube (1881) b 821.jpg

Im Herrenstübchen. Nach dem Oelgemälde von E. Schulze-Briesen.

[823] „Ein treuer Freund der Freiheit und der ‚Gartenlaube‘.“ So überschrieben wir den Artikel, mit welchem wir (in Nr. 27 des Jahrgangs 1865) den als politischen Märtyrer und anregenden Erzähler gleich hochgeachteten Jodocus (Donatus Hubertus) Temme unsern Lesern in Wort und Bild darstellten. Seit dem 14. November gehört er nun zu denjenigen Todten, die wir ewig verehren werden.

J. D. H. Temme ist bis zu seinem letzten Hauche geblieben, was er durch dreiunddreißig Jahre im Dienst der preußischen Justiz, auch fast dreißig Jahre im Dienst seiner Wissenschaft in der Schweiz und mehr als sechszig Jahre im freien Dienst für Recht und Freiheit, Geistes- und Herzensbildung des deutschen Volkes war: ein unerschütterlich fester Mann, ein unantastbarer Charakter.

Da schon sechszehn Jahre verflossen sind, seit die „Gartenlaube“ Temme’s Lebensbild gebracht, so müssen wir wohl mit einigen Andeutungen heute an die Schicksale dieses angezeichneten Mannes erinnern.

In dem politischen Strafverfahren gegen Temme geschah es, daß der stolze altpreußische Spruch: „Es giebt noch Richter in Berlin“, schmählich zu Grunde ging. Temme war selbst ein so ausgezeichneter Jurist, daß man ihn, seit er nach seiner dritten juridischen Prüfung 1832 sein Beamten-Wanderleben begann, beinahe regelmäßig von zwei zu zwei Jahren in immer schwierigere Aemter beförderte, die jedes Mal, wie der Justizminister Mühler selbst bemerkte, besondere Rechtskenntniß, Energie, Fleiß und Eifer erforderten, bis man ihn 1848 als Staatsanwalt an das Criminalgericht nach Berlin berief. In dieser Stellung mußte er es erleben, daß preußische Richter ihn wegen seiner politischen Gesinnung verurtheilten, weil er es gewagt hatte, neben seiner Amtspflicht auch seine Bürgerpflicht zu wahren.

Die einst so hoch in der Volksachtung stehenden Richter mußten sich in den Dienst des herrschenden Systems fügen; preußische Justizcollegien denuncirten ihre eigenen freisinnigen Präsidenten, und so wurde auch Temme, den man zum Director des Oberlandsgerichts in Münster ernannt hatte, von diesem, seinem eigenen Gericht des Hochverraths angeklagt und in eine Zuchthauszelle gefangen gesetzt, die vor ihm fünf gemeine Verbrecher beherbergt hatte. Noch dreimal traf ihn, in Folge seiner parlamentarischen Thätigkeit. dasselbe Loos, bis das Obertribunal zu Berlin das Ungeheuerliche vermochte, durch Rückanwendung eines späteren Strafgesetzes auf Temme den verhaßten Mann für immer und ohne Pensionsansprüche aus dem Staatsdienst zu entfernen. Das gehört zu den schwärzesten Reactionsblättern der preußischen Justizgeschichte. Und als nun Temme durch die Redaction der neuen „Oderzeitung“ seine Familie in Breslau zu erhalten suchte, verbitterte ihm die Polizei das Leben derart, daß er den Ruf als Professor des Criminal- und Civilprocesses nach Zürich mit Freuden begrüßte. Dort gründete er 1852 seine zweite Heimath.

Temme war an Geist und Körper eine hohe, edle, vornehme Erscheinung und vereinigte in sich die Tapferkeit des Helden mit dem feinfühlenden Herzen für Alles, was sich seiner Liebe würdig zeigte. Er war das würdigste, treueste Haupt seiner Familie, dessen Himmel vor drei Jahren nur durch den Tod der Gattin Temme’s getrübt wurde, und gleiche Liebe hegte er für sein deutsches Volk: er verfocht nicht nur als Demokrat im Geiste Uhland’s des Volkes Recht und Freiheit, er sammelte zugleich auf seinen vielen Wanderungen die schönsten Schätze des Volksherzens in den Sagen und Geschichten Westfalens, Preußens und Litthauens, Pommerns, der Altmark und der Insel Rügen und wurde dadurch hingeleitet, neben seinen zahlreichen ernsten juristischen Werken jene Reihe von Erzählungen zu schaffen, deren viele auch unsere „Gartenlaube“ schmückten. Das Volk wird stets sich dieser Gaben mit Dankbarkeit erinnern; denn – so schließen wir mit Temme’s Lebensbild von 1865 – es fühlt dabei, daß aus diesen Einer spricht, der mit ihm gelitten und gestritten hat.