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Textdaten
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Autor: Berthold Sigismund
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Titel: Ein stiller Wohlthäter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 173–175
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[173]
Ein stiller Wohlthäter.
Zur Unterhaltung am warmen Ofen.
Von Berthold Sigismund.

„Wärme ist das halbe Leben.“ Das ist nicht etwa ein Vorurtheil von Greisen und Stubenhockern, denn auch frische Jäger und Schlittschuhläufer, die im Freien jeder Kälte trotzen, loben sich unter Dach und Fach ein warmes Stübchen. Die Kunst, sich ein solches zu schaffen, ist eine der vorzüglichsten Errungenschaften des Menschen. Das Thier weiß sich zwar einen Winter-Schlupfwinkel auszusuchen oder zu bauen, in dem es durch Beihülfe der Erdwärme und eines Lagers aus schlechten Wärmeleitern vor dem Erfrieren geschützt ist; das ist aber nur ein trauriges Quartier, in welchem der Insaß zu fauler Bärenhäuterei gezwungen ist oder in todähnlichen Schlaf versinkt. Der Mensch allein vermag sich eine Winterburg zu gründen, in der es möglich ist, thätig zu sein und die Freuden der Geselligkeit zu genießen. Und unter allen Menschen haben es in dieser Kunst die Germanen, oder rund heraus zu reden, die Deutschen am weitesten gebracht. Welcher Landsmann, der längere Zeit im Auslande leben mußte, hätte sich nicht besonders im Winter nach dem Comfort der Heimath gesehnt? Zu dieser Winterbehaglichkeit trägt aber wesentlich ein stiller Wohlthäter bei, der, wie so viele bescheidene Wesen ähnlicher Art, selten in seinem vollen Werthe erkannt wird.

Um ihn recht zu würdigen, thun wir am besten, uns zuerst da umzusehen, wo er fehlt. Der freundliche Leser ist zu diesem Zweck eingeladen, eine Winterreise mitzumachen, auf der wir, eine Feuerschau anstellend, beobachten wollen, wie sich die Menschen wärmen.

Die schlichteste Heizung treffen wir bei einigen nordischen Völkern, welche einem sehr strengen Winter ausgesetzt sind. Die isländische Bauernwohnung besteht aus mehreren aneinander gereihten Hütten, die von sechs Fuß dicken Wänden aus rohen Steinen und Rasenschollen und von einem Holz- und Rasendach umschlossen werden. Treten wir in eine solche Casematte, so gelangen wir zuerst in ein Vorhäuschen, dann in die Küche, auf deren Heerde der Kessel über einem Torffeuer brodelt, und endlich in das enge und niedrige Wohnzimmer. Ein trübes Dämmerlicht gestattet kaum, die einfachen Geräthe: Bänke, Tische und Betten, zu erkennen; das winzige Fensterchen, meist nicht mit Glas, sondern mit Fischhaut bezogen, läßt vom Tageslichte nur schwache Spuren ein. Woher rührt aber die Wärme des düstern Gemaches, eine Wärme, die an die überhitzte, schwüle Luft deutscher Gebirgsstuben erinnert, in denen die Bewohner eine Gluth ausstehen, über die sie im Juli im Freien seufzen? Man sieht ja nirgends eine Vorrichtung zum Heizen. Die Isländer verwenden den wohlfeilsten und doch künstlichsten Ofen von der Welt, über dessen zarten Bau nur das Mikroskop Aufschluß giebt, nämlich die menschliche Lunge. Der Athem der Menschen, welche in diesem engen, möglichst dicht verwahrten Raume den ganzen Winter durch hantiren und schlafen, ist das einzige Heizmittel. Der Hausherr, welcher nach schöner Landessitte seinen spinnenden und strickenden Kindern eben aus einem alten Sagenbuche von Normannenhelden vorlas, gießt jetzt aus einem pulverhornähnlichen Gefäß eine derbe Prise auf die Hand; nachdem wir einige Minuten in seinem Zimmer verweilt haben, wundern wir uns nicht mehr über diese hier allgemeine Sitte. Die Luft wird uns mit jedem Augenblicke unangenehmer, wir fühlen uns von Kopfweh und Athembeklemmung befallen und, eilen in’s Freie.

Ein Expreßzug der Phantasie führt uns zur eisigen Küste am warmen Ofen Grönlands. Da fallen uns, an Hünengräber erinnernd, einige Winterhäuser der Eskimos in die Augen. Sie sind halb in die Erde eingegraben, ihre dicken Wände bestehen aus Steinen und Rasen, das kleine Lichtloch ist mit Robbendarm überspannt. Der Eingang ist unbequem; es gilt durch einen etwa zwölf Fuß langen Tunnel auf Händen und Füßen zu kriechen. Endlich sind wir an der aus Fellen bestehenden Thür angelangt. Sie führt in eine mannshohe Wohnstätte, deren Grundfläche in Länge und Breite höchstens doppelt so viel mißt, als eine Manneslänge. Darin leben zwei bis drei Familien. Den Mangel des Tageslichtes ersetzt eine in der Mitte des Zimmers befindliche Lampe, deren Moosdocht von Thran gespeist wird; auch besorgt sie die Erwärmung des darüberhängenden Kessels. Als Heizmittel dient auch hier hauptsächlich die Menschenlunge, und zwar wirkt dieselbe so ergiebig, daß die Temperatur eines solchen Wohnraumes die der äußeren Luft wohl um 30 bis 40 Grad übertrifft, daher die Eskimos, so lange sie zu Hause sind, sich fast so luftig anziehen, wie die tropischen Neger. Doch ehe wir zu näherer Umschau schreiten können, zwingt uns ein Ohnmachtgefühl zu schleunigem Rückzüge.

Wohl ist Wärme das halbe Leben, rufen wir, die reine freie Luft mit tiefsten Zügen einathmend; aber solches Leben in einer dunklen Erdhöhle, in dumpfer, schwüler Stickluft ist weniger als halbes Leben, kaum besser als die Winterstarre des Siebenschläfers. Da kann nie eine höhere geistige Regsamkeit, nie ein schöner Genuß des Daseins erblühen. Laßt uns hinwegeilen aus diesen traurigen Gegenden in die milden Fluren, welche an der Südgrenze des Frostgebietes liegen, laßt uns Menschen besuchen, die wahren Comfort genießen!

Auf den südlichen Halbinseln Europa’s ist der Winter kurz und mild, aber Schnee und Eis giebt es noch bis Rom und schaurig kühle Tage, wie die unsers November und März, nicht wenige. Die hohen italienischen Zimmer mit Steinwänden, Estrichfußböden und klaffenden Thüren und Fenstern machen bei solchem Wetter eine Heizung nothwendig. Die sorglosen Südländer verstehen aber gar wenig, sich im Winter „ein hübsches Leben zu zimmern“. Viele behelfen sich mit einem rohen Heizapparate, den bei uns nur die Budeninhaber auf den Weihnachtsmärkten noch in Gebrauch ziehen. Die Kaminos der Griechen und die Braseros der Italiener sind trotz ihrer wohlklingenden Namen nichts als Näpfe und Becken voll glühender Kohlen, über welche die Wärmebedürftigen ihre Hände oder Füße halten. Alle Nordländer, die einen Winter in einem venetianischen oder römischen Palaste bei solcher Heizung verleben mußten, sind einstimmig in der Verurtheilung der giftigen Dunst aushauchenden Wärmpfanne, welche eher die darüber gehaltenen Glieder röstet, als sie den Rumpf erwärmt, so daß sich der an den Kohlen Sitzende mit dem Mantel umhüllen muß, um nicht zu klappern. Etwas besser haben sich die Türken und Armenier versorgt; sie stellen ihre Kohlenpfanne (Mangal) unter einen mit Teppichen umhängten Tisch, sodaß ein leidlich erwärmtes Räumchen wenigstens für die Unterthanen beschafft wird, die gegen den Frost empfindlicher sind, als gegen schlechte Luft. Gewiß erklärt sich aus solcher Heizungsart die Häufigkeit der Feuersbrünste in Constantinopel. Daß die Chinesen und Japanesen, welche sich ebenfalls mit der Kohlenpfanne begnügen, sich innerhalb ihrer leichten aus Bambusrohr und Papier bestehenden Wände nicht hinlänglich warm [174] halten können, beweisen ihre mit Pelz verbrämte Tracht und ihr stetes Theetrinken. Die Chinesen, die in allen Stücken eigene Leute sind, haben auch beim Gebrauch der Kohlenpfanne ihr Ländlich-Sittlich. Sie suchen die Stickgase der Kohlen in ausgestellten Wasserbecken aufzufangen und stellen ihre Wärmpfanne unter eine Steinplatte, auf welche sie sich setzen oder legen. Sie haben also die Mängel dieser Heizung wenigstens erkannt, wenn auch nicht geheilt. Wahren Wintercomfort finden wir also auch im Süden nicht.

Sehen wir uns nun in den mittleren Bezirken des Winterreiches um. Da finden wir in vielen Quartieren noch die urthümliche Heizung durch freies Feuer. In der Filzjurte der Kirgisen glimmt ein Häuflein Schilf und gedörrter Dünger, in den Fellzelten der nordamerikanischen Rothhäute und der Lappen flackern Reisigstöße, in der elenden Erdhütte mancher sibirischen Stämme brennen mit Thran benetzte Knochen, in der armseligen Baracke der irländischen Pächter schmaucht ein Torffeuer. In allen diesen Wohnstätten ist das Feuer mitten im Zimmer auf nackter Erde geschürt; höher Gebildete errichten eine über dem Boden erhabene Feuerstätte, einen Heerd. Einen solchen, der in vielen Sprachen zum Sinnbilde des Hauslebens geworden, finden wir im Blockhause der Finnländer, in den Lehmhütten der Kaukasusvölker, in den rauhen Wohnstätten der auf Hochebenen und Gebirgen hausenden spanischen und griechischen Landleute, in vielen sauberen Backsteinwohnungen der Engländer und Holländer, in allen niedersächsischen und westphälischen Bauernhäusern, deren altväterliche Einrichtung Justus Möser so anschaulich beschreibt. Ein offenes Feuer, dessen röthliche Flammen in stets neuen Formen spielen und durch das Knistern und Knacken des Holzes und das Murmeln des Kessels eine so hübsche Hausmusik machen, daß auch das Heimchen mit seinem schrillen Zirpen lustig einstimmt – das ist doch eine wirksamere und ansprechendere Form der Heizung, als die widrige Luftheizung der Polarkreisbewohner und die traurigen Braseros mit ihrer trägen Gluth und ihrer unheimlichen Stille.

Leider ist aber das schöne Heerdfeuer nicht frei von schweren Mißständen. Viele durch freies Feuer geheizte Wohnstätten entbehren der so nahe liegenden Einrichtung einer Esse; selbst in den deutschen Häusern, wo der Heerd der Mittelpunkt des Zimmers ist, bleibt es dem Rauch überlassen, sich durch die Ritzen des Strohdaches einen Weg in’s Freie zu suchen. Ein solcher Wohnraum bietet natürlich, wenn er auch sonst sauber gehalten ist, nur den Comfort einer rauchigen Küche; die Wände bräunen sich, die schwarzen Dachsparren, welche die Decke des Zimmers bilden, sind von einem steten dichten Höhenrauch umzogen, der Alles mit brenzlichem Geruche durchdringt. Gewöhnt sich auch der Mensch an das Rembrandt’sche Helldunkel und den Creosot-Duft einer solchen Wohnung (reden doch die alten Römer mit einer Art Stolz von ihren angerauchten Hausgöttern): so setzt er sich doch selten ungestraft der beizenden Rauchluft aus, Lungen und Augen müssen oft genug bitter leiden für das Malerische des häuslichen Heerdes. Aber auch Wohnzimmer, in denen für Abzug des Rauches so gut gesorgt ist, wie in England und Holland, bieten im strengen Winter nicht die rechte Behaglichkeit. So reichlich auch der Brennstoff auf den Heerd gehäuft wird, er erzeugt doch keine gleichmäßige, wohlthuende Wärme im ganzen Zimmer. Wer nicht frieren will, muß sich dicht an den Heerd setzen und sein Gesicht der sengenden Gluth der Flammen preisgeben. Die Kirgisen müssen an kalten Tagen ihre Kinder, um sie vor dem Froste zu sichern, in warme Asche stecken, und wenn auch in dichtwandigen Häusern dieser Uebelstand nicht so grell hervortritt, wie im Filzzelte der russischen Steppe, so fehlt doch immer die ruhige, stete Wärme, welche den Winter vergessen läßt und zu feineren Arbeiten fähig erhält. Außerdem bleibt eine durch Heerdfeuer geheizte Wohnung doch immer ein küchenähnlicher Raum, dessen Ausstattung, dessen Geräusche und Gerüche das Gefühl ruhiger Abgeschiedenheit nicht aufkommen lassen, das unsere Stuben im Winter gewähren, ein Raum, der höchstens für das schlichte ländliche Alltagsleben, aber nicht für feine Hand- und Kopfarbeit und nicht für das Weihnachtsfest geeignet ist.

Bei einigen Völkern, namentlich den Romanen, unter den Germanen bei den Engländern und Norwegern, finden wir – und zwar bei den ersteren nur in den Häusern der Wohlhabenden, in Norwegen dagegen blos in den Bauerstuben – eine veredelte Form des häuslichen Heerdes, den Kamin, der nicht zugleich zum Kochen, sondern lediglich zum Heizen der Zimmer bestimmt ist. Welchen Werth die Hausbesitzer ihrem Kamine beilegen, erhellt schon aus dem Platze, der ihm eingeräumt ist, noch mehr aus dem Ehrenschmucke von Seemuscheln und Schnecken, schönen Wedgewoods und Bronzen, die auf seinem Simse prangen, am deutlichsten aber aus den Lobpreisungen, die ihm gespendet werden. Er giebt die gesundeste Heizung, sagen die Briten, denn sein Zug führt die verbrauchte Luft rasch durch die Esse und saugt durch die Lücken der Thüren und Fenster stets neue, reine Zufuhr in’s Zimmer. Es ist viel lustiger am Kamin, wo man die Flamme sieht, rühmen Engländer und Franzosen; zum Comfort einer zum traulichen Gespräche gruppirten Familie gehört die Fireside und zu den Erfordernissen des Salons der noble Kamin, behaupten sie.

Es ist wahr, der Kamin hat alle Reize des Heerdes und ist frei von manchen Mängeln desselben. Aber wie ungerecht wär’ es, wenn wir unsern stillen Wohlthäter hintansetzten, der doch, bei rechtem Lichte betrachtet, das vollkommenste Wesen seiner Gattung ist!

Der Kamin ist ein arger Verschwender, der die vom Brennstoff erwärmte Luft größtentheils durch die Esse jagt, ohne daß sie dem Zimmer nützt; der Ofen ist ein guter Haushalter, der seinen heißen Athem eifrig an seine Wandungen haucht, um mittels derselben die Zimmerluft zu erwärmen. Vom Kamin kommt dem Zimmer fast nur die strahlende Wärme zu gute, die keineswegs behaglich ist. Denn sie schlägt mit so jähem Anprall an, daß die Frauen ihr Gesicht hinter Fächer und Schirme verbergen, und erzeugt mehr das Gefühl der Gluth als der Wärme. Während aber die dem Feuer zugewendete Seite unter dem Uebermaße der Wärme leidet, schauert die andere, und man muß an recht kalten Tagen das berühmte militärische Kunststück lernen, nach zwei Seiten Front zu machen, um nicht zu frösteln. Wie gleichmäßig und wohlthuend wärmt dagegen unser schlichter Ofen die Zimmerluft! Ein in der Stube heizbarer Ofen wirkt als Luftreiniger sogut wie der Kamin; der außerhalb des Wohnraums geschürte ist auch kein Luftverderber, sondern der Mensch ist es, der nicht für öfteren Luftwechsel im Zimmer sorgt. Somit erfüllt der Ofen alle billigen Ansprüche auf das Beste; läßt er sich doch sogar, wenn es – wie in Schweden der Fall ist – gewünscht wird, auch dazu herbei, das reizende Schauspiel der Flammen sichtbar zu machen, was als Hauptvorzug des Kamins gilt.

Datum ist auch dem Ofen eine immer größere Verbreitung sicher, während der Kamin sein Gebiet eher verengt als erweitert sehen wird. Die Südeuropäer und die Engländer werden dem Kamine wohl treu bleiben, weil dort der milde Winter, hier der Kohlenreichthum einen altgewohnten Luxus gestattet. Die Norweger Bauern dagegen werden, gleich den Städtern ihres Landes, bald einsehen, daß ein Tag und Nacht erhaltenes Kaminfeuer doch eine arge Verschwendung ist, da ihre Wälder sich hier und da bedenklich lichten; dann wird der schwedische Ofen auch bei ihnen Platz greifen.

Schon hat der Ofen eine ungemein große Verbreitung. Fast alle Völker des ungeheuren Landstriches, der sich von den Alpen nordwärts bis zur Nordsee und ostwärts über den Ural weg bis an den großen Ocean und jenseit des letzteren quer über die Nordhälfte Amerikas streckt, also die Schweizer, Deutschen, Schweden, Polen, Russen, die seßhaften Bewohner der Mongolei und Sibiriens und die meisten Nordamerikaner werden von unserem stillen Wohlthäter mit Wintercomfort beschenkt. Wer könnte sie alle aufzählen, die hunderterlei Formen und Formate, in denen er in den Stuben und Stübchen so vieler Völker auftritt, vom riesigen Kasten der russischen und mongolischen Stube an, der Nachts der ganzen Familie zur Schlafstätte dient, bis zu dem nähtischgroßen Zwerge, der die blanken Zimmer der Yankees und unserer überseeischen Landsleute erwärmt? Hat doch nicht blos jedes Land, sondern fast jede Provinz ihren „angestammten“ Ofen, dem sie treu bleibt, mag er auch ein noch so arger Holzfresser sein, bis die neuerungslustigen Städter durch gar zu dringliches Anpreisen ihrer verbesserten modischen Heizung zum Neubau anlocken.

Im Bereiche der Heizung ist nun einmal der Mensch sehr conservativ gestimmt. Sträuben sich doch selbst die Eskimos gegen eine Wohlthat, die ihnen von ihrer humanen Colonial-Regierung geboten wird. Sie können Bauholz zu besseren Hütten, sowie Kachelöfen zur Verwendung der einheimischen, leicht zu gewinnenden Steinkohlen mit der Vergünstigung erwerben, den billigst gestellten Kaufpreis im Laufe mehrerer Jahre zurückzuzahlen; sie sehen den Comfort dieser Einrichtungen in den Wohnungen der dänischen Beamten und der Herrnhuter Missionare und lesen darüber – sie [175] sind alle leidenschaftliche Leser – in dem unentgeltlich vertheilten Schriftchen, welches den naiven Titel führt: „Okauzerpengoät igluk sänning“, d. i. „ein kleines Wort über die verbesserten Häuser, welches die lieben Grönländer nicht übel nehmen mögen“ – und doch hat, wie Rink in seiner trefflichen Schrift über Grönland erzählt, bis vor einigen Jahren sich mir ein Viertheil der Eskimos dies Hülfsmittel erworben, das in kalten Ländern allein zu einer reinlichen, gesunden und freundlichen Wohnung und damit zur Möglichkeit des Fortschrittes in der Gesittung führt. So schwer hält es, die Menschen zur gebührenden Anerkennung des stillen Wohlthäters zu bewegen, der in der schlimmsten Zeit „das halbe Leben“ spendet.

Beurtheilen wir die kindischen Eskimos nicht zu streng, denn auch wir unterschätzen unsern Tröstwinter gar oft. Wohl streicheln ihm jetzt tausend Hände und Händchen die Backen, wohl schmiegen sich im Dämmerstündchen Alte und Junge an seine Seite, wo es sich so lauschig träumen und gemüthlich plaudern läßt; aber ein Zeichen, ein Wort des Dankes für seine freundlichen Dienste erhält er gar wunderfelten. Fenster und Thüren, selbst der eitle Spiegel werden öfter bekränzt, der neue Heerd wird mit köstlichem Naß „begossen“; aber der gute Ofen wird nicht einmal von den Lyrikern eines Wortes gewürdigt, die doch alles Mögliche angesungen haben ; ja viele Dichter begehen an dem treuen Hausfreunde das doppelte Unrecht, daß sie, wenn sie seine Wohlthaten rühmen müssen, diese mit „dichterischer Freiheit“ Andern zuschreiben, dem „häuslichen Heerd“ oder dem „warmen Kamin“.

Die alten Römer verehrten, wie Ovid meldet, die Fornax, die Göttin des Backofens; unser ebenso verdienter Hausfreund wird todtgeschwiegen oder höchstens im Pfänderspiele spöttischerweise begrüßt. Er grämt sich wohl nicht über die Zurücksetzung, denn das ist ja eben der schöne Charakter der stillen Wohlthäter, daß sie keinen Dank begehren.